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Full text of "Deutsche geographische blätter .."

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B 1.073,729 



Deutsehe 



ij 




@papMieli@ illttsi. 



Herausgegeben von der 



lieograpliisGlien liesellsclian m Bremen 



durch Dr. M. Lindeman. 



Band XVin. 



Diese Zeitschrift erscheint vierteljährlich. 
Abonnements-Preis 8 Mark Jährlich. 



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BREMEN. 
Kommissions-Yerlag von G. A. v. Halem. 

1895. 



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* 




Grössere Aufsätze: 

Seite 

1. Programm des XI. Deutschen Geographentages 1 

2. 25 Lebensjahre der geographischen Gesellschaft in Bremen. Von Dr. 

-M. Lindeman '. 5 

3. Zeittafel zur Geschichte der Pflege und Förderung der Geographie in 
Bremen. Von W. W 12 

4. Der Bau des neuen städtischen Museums für Naturgechichte und Völker- 
kunde in Bremen. Von F 14 

5. Die Wälder Deutsch-Lothringens. Von H. Gerdolle, Kaiserlich. Ober- 
förster a. D. und Generalsekretär des landwirtschaftlichen Bezirksvereins 
von Lothringen. Mit Karte Tafel 1 19 

6. Ober die Stellung und Behandlung der Wirtschaftsgeographie im Schul- 

unterricht. Von A. Oppel 35 

7. Das was uns im Laufe der Zeit über Gröfse, Gestalt und MaTse der 
Erde bekannt geworden ist. Von Dr. Ambronn 46 

8. Ober die Ausführung einer Gradmessnng im hohen Norden. Von Professor 

Dr. C. Borgen 64 

9. Die Reiskultur in Italien. I. Von Emil Husmann 76 

10. Ein Besuch auf der Insel Titicaca. Von Dr. R. Copeland 100 

11. Die Witterungs-, Eis- und Strömungsverhältnisse des Beringsmeeres, der 
Beringstrafse und des nördlich von letzterer belegenen Eismeeres. Von 

Kapitän F. Hegemann 109 

12. Das unbekannte Südland. Von Professor Dr. S. Rüge 147 

1. Die älteste Vorstellung vom Südlande. 2. Die Spanier. 3. Engländer 
und Holländer: Francis Drake, Dirk Gerritsz, Le Maire. 

13. Der XI. Deutsche Geographentag in Bremen in der Osterwoche 1895. 

1. Vorträge, Verhandlungen und Beschlüsse, Festlichkeiten, Ausflüge. 
Von Dr. M. Lindeman 171 

2. Die Ausstellung. Von Dr. A. Oppel in Bremen 208 

3. Nachträgliche Ergänzung des Berichts 422 

14. Die siebente allgemeine Versammlung der deutschen meteorologischen 
Gesellschaft in Bremen am 17.— 19. April 1895 2te ^ 

15. Die Reiskultur in Italien. II. Von Emil Husmann. Mit Karte Tafel 2 225 

Anbaufläche, Erträge und Kulturkosten, Verarbeitung, Verbrauch und Handel. 

16. Deutsche Kolonisation in Südamerika, Vortrag des Direktors Dr. Wiegand 

am 19. April auf dem Deutschen Geographentage 248 

17. Aus Niederländisch Neu-Guinea. Von H. Zondervan 263 

VI. Die Nordküste östlich von Kap d'ürville. VIT. Die Südküste. 

18. Wasserverkehrswege in Sibirien. (Vorschläge des Herrn Sibiriakoff) . . . 274 

19. Die Ausstellung des sechsten internationalen Geographischen Kongresses 

in London. Von Dr. A. Oppel 278 

20. Die sieben Steinhäuser in Fallingbostel. Von Dr. H. Schurtz 282 

21. A. H. Post t 290 

22. Abschiedswort der bisherigen Redaktion 307 



Seite 

23. Die Waldungen des Königreichs Sachsen. I. Von Heinrich Gebauei* 
Mit Karte Tafel 3 309 

24. Das unbekannte Südland. II. Von Professor Dr. S. Rüge 322 

4. Tasman. 5. Phantasien und Theorien über das Südland. 6. James Cook. 

25. Die oldenburgische Kartographie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. I. 
Von Archivrat Dr. G. Sello 350 

26. Carl Ribbes Reisen in der Südsee. Von Professor Dr. Oskar Schneider. 372 

27. Aus Niederländisch Neu-Guinea. Von H. Zondervan 386 

28. Das meteorologische Observatorium in Bremei*. Von Dr. Bergholz .... 405 

Kleinere Mitteilungen: 

Aus der geographischen Gesellschaft in Bremen (Die botanischen Sammlungen 
der Gebrüder Krause nach der Tschuktschen Halbinsel und Alaska. Die wissen- 
schaftlichen Ergebnisse der Reise des Professors Kükenthal und des Dr. Walther 
nach Spitzbergen. Abhandlungen des Professors Kurtz in Cordoba. Der 
Jubiläumsfond). S. 126, 292. 2. Beziehungen Gerhard Merkators zu Bremen, 
S. 128. 3. Die Gold- und Diamantfelder Südafrikas, S. 129. 4. L. Haienbeck f^ 
S. 131. 5. Polarregionen, S. 131, 294. 6. Der amerikanische Walfischfang, 
S. 295. 7. Die Perlrauschelfischerei an der Küste von Nieder-Kalifornien, S. 295. 
8. Wissenschaftliche Arbeiten Bremischer Gelehrter, S. 295. 9. Reisen eines 
Bremer Naturforschers, S. 296. 

Geographische Litteratur: 

Physische Geographie: Sokolow, die Dünen, S. 300, 413. Ihne, 
die Aufblühezeit der Holzpflanzen, S. 300. Haas, Quellenkunde, S. 300, 414. 
Kraus, Höhlenkunde, S. 300, 413. 

Europa. Philippson u. Neumann, allgemeine Landeskunde von Europa 
S. 139. Grichenland: Brandt, von Athen zum Tempethal, S. 298. Deutsches 
Reich : 'Kettler, niedersächsische Städte, S. 305. Hahn, topographischer Führer 
durch das nordwestliche Deutschland, S. 301. Die Zeitschiift «Niedersachsen ''> 
S. 297. 

Asien: E. Schmidt, Südindien, S. 140. 

Afrika: Pfitzner, Tunis, S. 298. Zintgraff, Nord-Kamerun, S. 299, 410. 
Futterer, Afrikas Goldproduktion, S. 409. Frobenius, afrikanische Bautypen, 
S. 300. 

Nordamerika: E. Schmidt, Urgeschichte Nordamerikas, S. 299. 

Südamerika: Conzen, Potosi, S. 299. 

Polarregionen: Lategahn, Nordlandsfahrt S. 141. Jackson, the 
Tundras and the Samoyeds, S. 299. Ryder, Ost-Grönland, S. 412. 

Australien: Sievers, Australien, S. 410. 

Historische Geographie: Günther, Adam von Bremen, der erste 
deutsche Geograph, S. 141. 

Ethnologie: Post, ethnologische Jurisprudenz, S. 304. Boas, ethno- 
logische Schriften, S. 304. Internat. Archiv, S. 304. v. Brandt, Sittenbilder 
aus China. Mädchen und Frauen, S. 414. 

Kolonien: Zimmermann, kolonialgeschichtliche Studien, S. 800, 417. 
Oehlmann, die deutschen Schutzgebiete nebst den Samoa-lnseln. S. 300. Deutscher 
Kolonial-Atlas von P. Langhans, Lieferung 6 bis 8, S. 300. Prowse, history of 
New Foundland, S. 300. 



Wirtschaftsgeographie und Statistik: Hampke, die Kanali- 
sierung der Fulda, S. 301. Freitag, Karte des Weltverkehrs, S. 301. Eisenbahn- 
karte von Oesterreich-Üngam, S. 301. Hartleben's statistische Tabelle der Erde 
S. 301. Hartlebens statistisches Taschenbuch, S. 302. Geistbeck, Weltverkehr, 
S. 415. Löewe, Kaiser-Wilhelm-Kanal, S. 301, 415. Ludolph, Leuchtfeuer der 
Erde, S. 416. Mc Gregor, Britisch-Neu-Guinea, S. 417. 

Reisehandbücher: Meyer, Deutsche Alpen, S. 302. 417, Meyer, 
die Schweiz, S. 302, 418. Meyer, Ägypten, S. 302, 419. Meyer, der Harz, S. 302. 
Tschudi, Turist in der Schweiz, S. 303, 419. Gsell Fels, Rom, S. 419. Orell 
Füfsli's europäische Wanderbilder, S. 303. Camill Hoffmann, Moritz-Bad, S. 303. 
Hardmeyer, die schweizerische Seethalbahn, S. 303. Balten, die Nord- und 
Ostseebäder, S. 303. 

Karten- und Kartographie: J. H. Lambert, Anmerkungen und 
Zusätze zur Entwerfung der Land- und Himmelskarten, S. 142. Prof. Dr. 
Konrad Miller, Mappae raundi, S. 142. Kiepert, Das deutsche Reich, S. 143. 
Weltkarte zur Obersicht der Meerestiefen, S. 299, 421. Langhans, kleiner Hand- 
atlas, S. 304, 420. Kieperts grofser Handatlas, S. 304. Wolkenhauer, Leitfaden 
zur Geschichte der Kartographie, S. 304. 

Schulgeographie: SchulaÜas von Dr. Lüddecke, S. 144. Supan, 
Schulgeographie, S. 145. 

Verschiedenes: Brockhaus Konversationslexikon, S. 146, 419. Hickmann, 
Karte der Verbreitungsgebiete der ReUgionen in Europa, S. 146. 



V 



Karten 

Tafel 1 : Waldkarte von Deutsch-Lothringen, Mafsstab 1 : 300 000. 

Tafel 2: Verbreitung der italienischen Reiskultur 1879/1883. Von E. Husmann. 

Maafsstab : 1 : 1 350 000. 
Tafel 3: Karte der Waldungen des Königreichs Sachsen. Auf Grund amtlicher 

Unterlagen gezeichnet. Mafsstab : 1 : 500000. 



I 



Heft 1 und 2. rk j. i» Band XVm. 

Deutsche 

Geographische Blätter. 

Herausgegeben von der 

Geographischen Gesellschaft in Bremen. 



Der Abdruck der Original-Aufsätze, sowie die Nachbildung von Karten 
und Illustrationen dieser Zeitschrift ist nur nach Verständigung mit 

der Redaktion gestattet. 



Deutscher Geographentag 

XI. Tagung. BREMEN. Osterwoche 1895. 



* 'TsLgesordnxing'. 

Dienstag am 16. April. 

Abends von 8 Uhr an: Gesellige Zusammenkunft im Künstler-Verein 
(Domshaide). 

Mittwoch am 17. April. 

Vormittags 9 Uhr: Erste Sitzung im Kaisersaal des Künstler- Vereins, wo auch 
die folgenden Sitzungen stattfinden. 

Eröffnung des XI. Deutschen Geographentages. 

Beratungsgegenstand: „Die Polar-Forschung, insbesondere der 

Stand der Südpolar-Frage.« 

Yorträge : 

Wirkl. Geh.-Adm.-Rat Professor Dr. G. Neumayer, Direktor der 
Deutschen Seewarte in Hamburg : „Die wissenschafthche Erforschung 
des Südpolar-Gebietes." 

Dr. ErichvonDrygalski aus Berlin : „Die Südpolar-Forschung und 
die Probleme des Eises." 

Dr. Ernst Vanhöffen aus Kiel: „Welches Interesse haben Zoologie 
und Botanik an der Erforschung des Südpolar-Gebietes?" 

Nachmittags 3 Uhr: Zweite Sitzung. 

Beratungsgegenstand : »Schulgeographie." 

Yorträgre : 

Dr. RichardLehmann, Professor an der Akademie in Münster i./W. : 
„Ober den Bildungswert der Erdkunde." 
GeogT. Blätter. Bremen, 1895. 1 



Dr. A. p p el, ord. Lehrer an der Hauptschule in Bremen : Ober den 
den Wert und die Anwendung der geographischen Anschauungs- 
bilder im Unterricht." 

Anträge : 

von Dr. C. R o h r b a c h , Gymnasial-Oberlehrer in Gotha : „Der 
Deutsche Geographentag erklärt es für dringend wünschenswert, 
dafs allen für den Unterricht bestimmten Karten in Mercator^s 
Projektion nach Süden die gleiche Ausdehnung gegeben werde, wie 
nach Norden, so dass der Äquator die Höhe der Karte halbiert." 

von Professor Dr. R. Lehmann aus Münster i./W. : „Der Zentral- 
Ausschufs des Deutschen Geographentages wolle bei der KönigHch 
PreuTsischen Landesaufnahme den Antrag stellen, dals auf den 
Mefstischblättem der Preufsischen Landesaufnahme die Isohypsen 
ebenso wie es in Sachsen, Baden u. s. w. geschieht künftig nicht 
in schwarzer, sondern in einer andern Farbe gegeben werden." 
(Andrer Wortlaut des Antrages noch vorbehalten.) 

Abends 7 Uhr ; Gemeinsames Festessen im grofsen Saal des Künstler- 
Vereins, verbunden mit der Feier des 25jährigen Bestehens 
der Bremer Geographischen Gesellschaft. 

Donnerstag am 18. April. 

Vormittags 9 Uhr: Dritte Sitzung. 

Vortrag : 

Leutnant A. Graf von Götzen aus Berlin: „Vorläufige Ergebnisse 
seiner Reise quer durch Zentral-Afrika." 
Beratungsgegenstand: Die Hauptaufgaben der Ozeanographie 
und maritimen Met eoro logie, sowie die Entwickelung 
der Kompafs- bezw. Seekarten." 

Vorträge: 

Geh. Reg.-Rat Dr. H. Wagner, Professor an der Universität in 
Göttingen: „Das Rätsel der Kompafskarten im Licht der Gesamt- 
entwickelung der Seekarten." 

Dr. 0. Krümmel, Professor an der Universität in Kiel: „Über die 
Nutzbarmachung der nautischen Institute für die Geographie." 

Professor Dr. C. Borgen aus Wilhelmshaven: „Über Gezeiten." 
Geschäftliche Mitteilungen, Vorberatung über die Wahl des nächsten 

Tagungsortes. 

Nachmittags 3 Uhr : Besichtigung von Handels- und Verkehrseinrichtungen 
und sonstigen Sehenswürdigkeiten Bremens. 

Abends 8 Uhr: Gesellige Zusammenkunft im Ratskeller. 

Freitag am 19. April. 
Vormittags 9 Uhr: Vierte Sitznng. 

Beratungsgegenstand: „Landeskunde der deutschen Nordsee- 
Gestade." 

Vorträge : 

Bau-Inspektor H. Bücking aus Bremen; ,Die Unterweser und ihre 
Korrektion." 



Dr. B. Tacke, Direktor der Moor- Versuchsstation in Bremen: „Ober 
die nordwestdeutschen Moore, ihre Nutzbarmachung und volks- 
wirtschaftliche Bedeutung." 

Professor Dr. F. Buchen au, Direktor der Realschule b. Doventhor 
in Bremen: „Über die ostfriesischen Inseln und ihre Flora." 

Bericht der Zentralkonmiission für wissenschaftliche Landeskunde von 
Deutschland. 
Nachmittags 3 Uhr: Fünfte Sitzung. 

Beratungsgegenstand : „ Wi rtschaftsgeographie." 

Yorträgre : 

Dr. H. Wiegand, Direktor des Norddeutschen Lloyd in Bremen: 

„Deutsche Kolonisation in Süd-Amerika.« 
Dr. Eduard Hahn aus Berlin: „Geschichte der Handelswege in 
Afrika." 
Geschäftliche Mitteilungen. Wahlen. BeschluTsfassung über den Ort der 

nächsten Tagung. BeschluTsfassung über Anträge. 
Schlufs der Sitzungen. 
Abends: Theaterbesuch und von 8 Uhr an gesellige Vereinigung 
im Künstler- Verein mit dem NaturwissenschaftHchen Verein und dem 
Alpenklub. 

Mit dem Geogrrapbentag ist eine Ausstellung verbunden, 

die sich in den Räumen des Künstlervereins (im ersten und zweiten Stocke) 
befindet und zu welcher die Besucher des Geographentages während der ganzen 
Dauer auf Grund ihrer Karten freien Zutritt haben. 

Diese Ausstellmig wird ans drei Hanptgruppen bestehen: 

I. Hanptgrnppe : Seewesen und Wasserbau: 

1. Neuere und ältere nautische Instrumente, Modelle von Schiffen und Wasser- 
zeichen, Signal-, Beleuchtungs-, Rettungswesen u. a. 2. Entwickelung der See- 
karten vom 13. — 18. Jahrhundert. Kompafskarten. Weltkarten. Seebücher. See- 
atlanten. Seekarten. Neuere Segelanweisungen. 3. Modelle und Pläne zur 
Weserkorrektion und zum Hafenbau. 

II. Hauptgruppe: Litterarische und artisti sehe Werke für Wissenschaft 

. Schule und Haus teils in systematischer Zusammenstellung, teils in 
Beschränkung auf die Veröffentlichungen der Jahre 1893 — 95. 

1. Bilder, als : Aquarelle, Kupferstiche, Bunt- und Schwarzdrucke, Photo- 
graphien. 2. Karten und Atlanten. 3. Bücher. 4. Instrumente, Geräte u. a. 
III. Hauptgruppe : Landeskunde Bremens und der Unterwesergebiete in 
Gegenwart und Vergangenheit. 

1. Pläne, Karten und Bilder von Bremen und seinem Gebiete. 2. Pläne, Karten 
und Bilder des üntorwesergebietes und des Glrofsherzogtums Oldenburg. 3. Dar- 
stellung der trigonometr.-geodätischen Aufnahme des Bremer Gebietes. 4. Aus- 
stellung der Moor-Versuchsstation. 

Im Anschlass an den Geog^raphentag sind zwei Aasflttge greplant: 

Sonnabend am 20. April 

Fahrt nach Bremerhaven und Dampferfahrt in See auf einem 
Dampfer des Norddeutschen Lloyd. 

Sonntag am 21. April. 

Ausflug in das Mo orgbiet bei Worp edorf unter Führung des Herrn 
Direktor Dr. Tacke. 

^ 

1* 



Man kann dem Geographentag als Mitglied oder als Teilnehmer 
beiwohnen. Die Mitgliedschaft des Deutschen Geographentages wird durch einen 
Beitrag von 6 Mark für das Versammlungsjahr erworben; der Beitrag für 
Teilnehmer des Geographentages ist auf 4 Mark festgesetzt. Mitglieder und 
Teilnehmer haben während der Tagung gleiche Rechte; indessen erhalten 
nur die Mitglieder später den offiziellen Bericht über die Verhandlungen des 
Geographentages ohne weitere Nachzahlung. Auch Damen können der Tagung 
als Mitglieder oder Teilnehmer anwohnen. 

Baldige Anmeldung als Mitglied oder Teilnehmer wird unter Beifügung 
des Beitrages an den Generalsekretär des Ortsausschusses, Herrn Dr. W. Wolken- 
hauer, Bremen, Gertrudenstrafse 30, erbeten. 

Während der Tagung wird vom Dienstag, den 16. April, nachmittags 
3 ühr an im Künstlerverein die Geschäftsstelle des Geographentages 
eingerichtet sein; daselbst können auch die unter der Adresse „XI. Deutscher 
Geographentag" für die Besucher desselben eintreffenden Postsendungen 
entgegengenommen werden. 

Zum Zweck der möglichst raschen H e r s t e 1 1 u n g der Besucherliste 
werden alle Besucher des Geographentages dringend ersucht, auch wenn sie schon 
im Besitz der Mitglieder- oder Teilnehmerkarte sind, sich möglichst gleich nach 
Ankunft auf der Geschäftsstelle anzumelden. 

Für das Festessen am 17. April werden die Anmeldungen von Mit- 
gliedern und Teilnehmern auf der Geschäftsstelle möglichst bis zum 16. April 
abends erbeten. Der Preis des Gedeckes ohne Wein beträgt 4 Mark. Gegen 
Zahlung dieses Betrags werden Kaiten ausgegeben, welche als Quittung dienen. 

Nähere Bestimmungen über die Ausflüge werden während der Tagung 
mitgeteilt werden. 

Bremen, im März 1895. 

Im Namen des Zentral- und Ortsausschusses: 

Der Vorsitzende des Zentralaussohusees : Der Vorsitzende des Ortsaussoliusses : 
Prof. Dr. G. Neumayer, George Albrecht, 

Wirkl. Geh. Adm.-Rat, Vorsitzender 

Direktor der Deutschen Seewarte der Geographischen Gesellschaft 

in Hamburg. in Bremen. 

Der Gesohäftsfiilirer des 2entralaussoliusses: 

Georg KoUm, 

Ingenieur-Hauptmann a. D., 
Generalsekretär der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 



25 Lebensjalire der geograpMsclieii Gesellscliaft in Bremen. 

Unsere geographische Gesellschaft wird am 17. April, an der 
Festtafel des Geographentages, ihr 25 jähriges Bestehen feiern. So 
wurde schon im Herbst v. Js., als es sich um die ersten Vor- 
bereitungen für die in der Osterwoche 1895 hier tagende Ver- 
sammlung deutscher Geographen handelte, beschlossen. Streng ge- 
nommen würde diese Feier erst am 19. September d. Js. zu begehen 
sein. Auch könnte eingeworfen werden, dafs der „Verein für die 
deutsche Nordpolarfahrt", welcher am 19. September 1870 begründet 
wurde, erst 6 Jahre später, unter Veränderung einiger Bestimmungen 
seines Statuts, den Namen „Geographische Gesellschaft" angenommen 
hat. Der Vorstand hat sich indessen über diese Bedenken hinweg- 
gesetzt in der Überzeugung, dafs eine Erinnerungsfeier an das 
Gründungsjahr des „Vereins für die deutsche Nordpolarfahrt" und 
der geographischen Gesellschaft am besten in Gemeinschaft mit 
Fachmännern und Freunden unserer Wissenschaft, welche sich hier 
in der Osterwoche hoffentlich recht zahlreich aus allen Teilen 
Deutschlands vereinigen, begangen werde. Der Zentralausschufs 
des deutschen Geographentages, welchem der Vorschlag unterbreitet 
wurde, stimmte ihm denn auch einhellig und mit Freuden zu. 

In der That konnte zu einer solchen Feier keine bessere Ge- 
legenheit ausgermcht werden. Denn der Anlafs, welcher den Vor- 
gänger des genannten Vereins, das Bremische Komitee für die zweite 
deutsche Nordpolarfahrt, im Frühjahr 1869 und l^/a Jahr später den 
Verein ins Leben rief, war die Unterstützung eines Forschungs- 
unternehmens, welches von gleich grofser Bedeutung für die deutsche 
Seefahrt wie für die deutsche Wissenschaft war und dem sich darum 
thatkräftige Sympathie aus allen Teilen und Kreisen des Vaterlandes 
zuwandte. Der Charakter eines allgemein deutschen, über örtliche 
Ziele und Förderungen hinausstrebenden Vereins lag auch in den 
Aufgaben, welche sich die »Geographische Gesellschaft in Bremen« 
von Anfang an stellte; er wurde von ihr stets treu bewahrt und 
bei allen sich darbietenden Anlässen bethätigt, wie denn auch eine 
namhafte Anzahl ihrer Mitglieder nicht in Bremen, sondern in anderen 
Teilen Deutschlands und in fremden, zum Teil aufsereuropäischen 
Ländern ihren Wohnsitz hat. Die im Jahre 1877 von der Gesell- 
schaft gegründete Zeitschrift erhielt den Namen ,, Deutsche 
geographische Blätter^^ 

Die §§ 2 und 3 der bei Veränderung des Namens der Gesellschaft 
revidierten, bis auf eine kleine Änderung in der Zahl der Vorstands- 



'■ 



mitglieder noch heute geltenden Statuten besagen über die Zwecke 
der Gesellschaft folgendes: 

㤠2. Die Gesellschaft hat ihren Sitz in Bremen ; sie verfolgt den Zweck, 
geographische Forschungen und Kenntnisse zu fördern und daranf gerichtete 
Bestrebungen zu unterstützen. 

Durch Beschlufs des Senats der Freien Hansestadt Bremen sind der 
Gesellschaft die Rechte einer juristischen Person verliehen. 

§ 3. Die Gesellschaft sucht ihren Zweck zu erreichen: 

a. durch die Anregung, die Unterstützung und die Leitung von Ent- 
deckungs- und Forschungsreisen, sowie durch die Verwertung der 
Ergebnisse derselben; 

b. durch die Herausgabe einer Zeitschrift und sonstiger geographischer 
Schriften; 

c. durch Anknüpfung und Unterhaltung von Verbindungen mit 
Personen und Korporationen im In- und Auslande; 

d. durch die Veranstaltung geographisch-wissenschaftlicher Vorträge 
seitens bedeutender Reisender und sonstiger dazu geeigneter Personen. ^ 

In diesem Rahmen hat sich die Thätigkeit der Gesellschaft 
während der 25 Jahre ihres Bestehens bewegt und wenn auch die 
gehegten Hofihungen nicht in dem Malse wie man sich anfanglich 
vorstellte, in Erfüllung gegangen sind, so darf die Gesellschaft doch, 
befriedigt durch das Bewufstsein unausgesetzten redlichen Strebens, 
auf eine Reihe von Erfolgen zurückbUcken. Zu diesen gehören in erster 
Linie die von ihr veranstalteten JEntdecJcungs- und Forschungsreisen. 
Obwohl die Gesellschaft früher so wenig wie leider noch heute 
über ein nennenswerthes Kapital verfügt, von dessen Zinsen, — wie 
dies etwa bei den Karl Ritter-Stiftungen des Leipziger und des 
Berliner Vereins für Erdkunde, bei dem Senckenbergischen Institut 
in Frankfurt a. M. und anderen ähnlichen Anstalten der Fall — 
derartige Forschungsreisen zum Besten der Wissenschaft wie ins- 
besondere der heimischen Sammlungen hätten veranstaltet werden 
können, gelang es doch wiederholt, dieser Hauptaufgabe gerecht zu 
werden. Die Gesellschaft verdankt dies der opferwilligen Freigebigkeit 
edelmütiger Freunde hier wie auswärts. 

Nachdem die reichen geographischen und naturwissenschaft- 
lichen Ergebnisse der zweiten Deutschen Nordpolarfahrt in dem 
1873 und 1874 bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschienenen zwei- 
bändigen Werke in würdiger Ausstattung niedergelegt und später 
auch durch eine Volksausgabe weiteren Kreisen der Nation zugäng- 
lich gemacht worden waren, wurde im Jahre 1876 die Expedition 
der Herren Dr. Finsch, Dr. Brehm und Graf Waldburg-Zeil nach 
West-Sibirien ins Werk gesetzt. Die Kosten derselben konnten 
völlig aus einer reichen Gabe unseres Ehrenmitgliedes, des Herrn 



Alexander Sibiriakoff in Moskau, bestritten werden. Die wissen- 
schaftlichen Ergebnisse wurden in zahlreichen Abhandlungen, der 
ßeiseverlauf in einem von Herrn Dr. Finsch bearbeiteten Werke 
veröffentlicht. Sechs Jahre später, 1881 und 1882 folgte die Reise 
der Gebrüder Dr. Arthur und Aurel Krause nach der Tschuktschen- 
Halbinsel und dem südöstlichen Alaska. Die Veranstaltung dieser 
Forschungen, welche wertvolle ethnographische, wie naturwissen- 
schaftliche Sammlungen ergaben, verdankt die Gesellschaft einzig 
und allein der Freigebigkeit unseres Herrn Präsidenten George 
Albrecht, welcher die namhaften Kosten bestritt. Als litterarisches 
Ergebnis sind das in Jena bei Costenoble erschienene Werk des 
Herrn Professor Dr. Aurel Krause über die Tlinkit-Indianer und eine 
Reihe von fachwissenschaftlichen Abhandlungen zu bezeichnen. Noch 
einmal gelang es, durch Beiträge kaufmännischer Mitglieder unserer 
Gesellschaft eine geographisch, wie naturwissenschaftlich erfolgreiche 
Expedition, und zwar in die eigentliche Polarregion, ins Werk zu 
setzen: es war die 1889 ausgeführte Reise der Herren Professor 
Dr. W. Kükenthal und Dr. A. Walter nach dem östlichen Spitz- 
bergen. Über diese Reise erschien ein ausführlicher Bericht in 
unserer Zeitschrift und in Petermanns Mitteilungen mit einer Karte 
von Ost-Spitzbergen, welche wesentliche Berichtigungen und Vervoll- 
ständigungen des bisher Bekannten enthielt. 

Im Jahre 1877 wurde nämlich, wie bereits erwähnt, die 
Vkrteljahrsiseüschrift ,,Deutsche Geographische Blätter^^ als Fortsetzung 
der von dem „Verein für die Deutsche Nordpolarfahrt" bisher von 
Zeit zu Zeit herausgegebenen „Berichte und Mitteilungen" von der 
Gesellschaft begründet und der Unterzeichnete mit der Redaktion 
beauftragt. Im Vorwort der Redaktion hiefs es u. a. : 

„In erster Linie wird die Zeitschrift von den Bestrebungen 
unserer Gesellschaft ihren Freunden und dem ganzen Publikum 
gegenüber Kunde geben und im Kreise der Gesellschaft selbst 
anregend zu wirken suchen, indem sie sich überhaupt die 
Förderung geographischer Kenntnisse und die Pflege der Länder- 
und Völkerkunde angelegen sein läfst. Wenn die deutschen 
Seehandelsstädte vorzugsweise berufen erscheinen, die wissen- 
schaftlichen Forschungen auf diesen Gebieten thätig zu unter- 
stützen, so ist auf der anderen Seite auch der Charakter dieser 
Zeitschrift dadurch bedingt, welcher darin besteht, den Zu- 
sammenhang, die innere Wechselwirkung geistiger und materieller 
Interessen in diesen Richtungen klar zu stellen. Unsere Zeit- 
schrift wird die wirtschaftliche Seite der Länder- und Völker- 



— 8 — 

künde besonders betonen und nachzuweisen versuchen, dafs, 
wie der Kaufmann in fernen Ländern zugleich der Pionier der 
Wissenschaft sein kann, so auch die letztere dem Handel und 
Verkehr, der Industrie neue Bahnen, neue Absatzfelder zu 
erschliefsen vermag." 

Seit jener Zeit hat die Länder- und Völkerkunde gewaltige 
Fortschritte gemacht und für Deutschland insbesondere hat die Er- 
werbung eigner Kolonien in Afrika und der australischen Inselwelt 
dem geographischem Studium neue Bahnen erschlossen. Wenn unsere 
Zeitschrift innerhalb der Grenzen, welche einesteils die Finanzen der 
Gesellschaft, andrerseits die Beschränkung des Erscheinens auf nur 
vier Hefte im Jahre bedingte, an dieser geistigen Bewegung sich 
vielseitig beteiligen konnte, so verdankt sie dies in der Hauptsache 
den zahlreichen Mitarbeitern, welche sie im Kreise der Gesellschaft und 
aufserhalb derselben gewann. Von dieser Mitwirkung legen die vorliegen- 
den 17 mit 53 Karten ausgestatteten Bände erfreuliches Zeugnis ab. 
In jedem Winter veranstaltete die Gesellschaft in Bremen 
Vorträge über geeignete Themata der Länder- und Völkerkunde und 
gewann dafür teils hiesige, teils auswärtige Kräfte, namentlich 
bedeutende Forschungsreisende, die stets gern dem Rufe, unsrer 
rührigen Seehandelsstadt einen Besuch abzustatten, folgten; manche 
Anregung wurde durch diese Vorträge in der Gesellschaft selbst 
gegeben, manche Belehrung und Aufklärung nach aufsen hin 
geboten, besonders seitdem auf Grund einer Vereinbarung mit dem 
kaufmännischem Verein »Union" die zahlreichen Mitglieder des letzteren 
zur Teilnahme an den Vorträgen regelmäfsig eingeladen wurden. In 
gleicher Richtung wirkten die von Zeit zu Zeit von der Gesellschaft 
veranstalteten kleineren und grölseren geographischen und ethno- 
graphischen Ausstellungen^ welche teils in dem ihr kostenlos und 
dauernd von dem jetzt leider verstorbenen Mitglied Herrn Lüder 
Rutenberg überlassenen Lokal auf dem Rutenhof, teils in zu dem 
Zweck gemieteten Sälen stattfanden. Es sei hier namentlich auf die 
gröfseren Ausstellungen aufmerksam gemacht, über welche besondere 
Kataloge ausgegeben wurden und die dem gesamten Publikum längere 
Zeit gegen ein geringes Eintrittsgeld zugänglich waren. 
Es wurden auf diese Weise ausgestellt: 

1. Die Sammlungen der westsibirischen Expedition, erläutert 
durch einen ausführlichen von Herrn Dr. Finsch bearbeiteten Katalog 
von 42 Seiten im Jahre 1877. 2. Ferner fand statt: die Ausstellung 
ethnologischer Gegenstände aus dem Tschuktschenlande und dem 
südöstlichen Alaska, gesammelt von den Gebrüdern Drs. Arthur und 



Aurel Krause, im Jahre 1882, ebenfalls durch einen Katalog erläutert. 
3. Im Jahre 1884 die von der Gesellschaft veranstaltete argen- 
tinische Ausstellung mit einem von Professor Seelstrang aus Cordoba 
(Argentinien) bearbeiteten, umfangreichen und von einer Karte be- 
gleiteten Katalog, welcher einen werthvoUen Beitrag zur Landes- 
und Volkskunde der argentinischen Republik bietet. 4. Die im 
Jahre 1887 von der Gesellschaft veranstaltete durch einen aus- 
fuhrlichen Katalog erläuterte Ausstellung für vergleichende Völker- 
kunde der westlichen Südsee, besonders der deutschen Schutzgebiete, 
welche wir dem Sammelfleifse unseres um die Förderung der Zwecke 
der Gesellschaft von Anfang an hochverdienten Pioniers der deutschen 
Kolonien in der Südsee, unseres Vorstandsmitgliedes Herrn Dr. Finsch 
verdanken. 5. Die im Jahre 1890 als Abteilung der grofsen nordwest- 
deutschen Gewerbe- und Industrie-Ausstellung in Bremen veranstaltete 
reiche Schau von zum Teil selten gesehenen Karten, welche vor- 
zugsweise wirtschaftsgeographische Verhältnisse der wichtigsten 
Kulturländer darstellten. Das Material dieser Ausstellung, bestehend in 
zahlreichen Kartenwerken und zum Teil wenig bekannten Einzelkarten 
war der Gesellschaft zu dem Zweck von den verschiedensten Seiten, 
auch aus überseeischen Ländern auf Ersuchen des Vorstandes zur 
Verfügung gestellt ; unter Leitung unseres Vorstandsmitgliedes Herrn 
Dr. Oppel war diese reiche Sammlung in einer besonderen Abteilung 
des Handelsaustellungsgebäudes für die Schau geordnet. 

Bald nach dem die Gesellschaft durch Herausgabe ihrer Zeit- 
schrift eine Wirksamkeit auch nach aufsen hin entfaltet hatte, trat 
sie in Verbindung mit den 23 deutschen, wie mit einer grofsen Anzahl 
aufeerdeutschen geographischen Vereinen sowie mit wissenschaftlichen 
Instituten und wie die von Zeit zu Zeit ausgegebenen Jahresberichte 
des Vorstandes — bis jetzt sind deren 11 erschienen — näher 
nachweisen, steht unsere Gesellschaft mit einer wachsenden 
Anzahl von Vereinen und Instituten in Schriftenaustausch; mit 
mehreren derselben, namentlich den leitenden Persönlichkeiten 
trat die Redaktion der Zeitschrift dauernd in Briefverkehr, der 
manche Anregung, Auskunft und Aufklärung bot. Das Band, welches 
die geographischen Vereine Deutschlands verknüpft, kommt in dem 
vor 14 Jahren gegründeten deutschen Geographentag zum Aasdruck. 
Dieser Vereinigung schlofs sich unsere Gesellschaft von Anbeginn 
an, sie war, mit einer Ausnahme, auf den Wander- Versammlungen 
stets durch Delegirte vertreten. Auch an dem vor 4 Jahren in 
Bern stattgehabten internationalen Geographen -Kongrefs nahmen 
drei Mitglieder unseres Vorstandes teil. Bei der Herausgabe der 



— 10 — 

Festschrift zur Versammlung deutscher Naturforscher in Bremen vor 
5 Jahren wirkte die Gesellschaft als solche und durch litterarische 
Beiträge von Mitgliedern mit. 

Die Anfänge einer Büdier- und Kartensammlung, welche die 
Gesellschaft Geschenken verdankt, konnten leider aus Mangel an 
Mitteln zu regelmäfsigen Anschaffungen aus der Fülle der erscheinen- 
den geographischen und ethnographischen Werke nicht führen. 
Immerhin boten die im Austausch empfangenen Publikationen, 
besonders die der Zeitschrift zugehenden ' Rezensionsexemplare, einen 
gewissen Ersatz für diese Lücke, welche, wenn erst unsere kleine 
Bibliothek in dem der Gesellschaft jsu überweisenden Lokal im 
Neubau des städtischen Museums für Naturgeschichte und Völker- 
kunde aufgestellt sein wird und den Mitgliedern zugänglicher als 
bisher gemacht werden kann, sich besonders fühlbar machen dürfte. 

Diese kurze geschichtliche Übersicht zeigt, dafs die Gesellschaft in 
den 25 Jahren ihres Bestehens unablässig bemüht gewesen ist, allen 
Aufgaben, welche sie sich gestellt hatte, gerecht zu werden und 
wenn die im Frühjahr 1893 in Stuttgart tagende Versammlung 
Deutscher Geographen einstimmig beschlofs, als Ort ihrer nächsten 
Zusammenkunft unsere Stadt zu wählen, so dürfte unsere Gesell- 
schaft in diesem einstimmig gefafsten Beschlufs ohne Überhebung 
eine Anerkennung ihres bisherigen Wirkens erblicken, das sich 
nun von neuem in der vielseitigen Vorbereitung für diese Tagung 
und die mit ihr verbundene Ausstellung bethätigt hat. 

Zum ersten Mal wird nun in Bremen durch den Deutschen 
Geographentag die Wissenschaft der Länder- und Völkerkunde 
weiteren Kreisen unserer Bevölkerung nahe treten und zwar sowohl 
durch Vorträge und Verhandlungen bewährter Vertreter derselben 
aus allen Teilen Deutschlands, wie durch eine in den schönen 
Räumen des Künstlervereins in drei Hauptgruppen : 1. Seewesen und 
Wasserbau; 2. Litterarische und artistische Werke für Schule und 
Haus ; 3. Landeskunde Bremens und des Unterwesergebiets in Gegenwart 
und Vergangenheit, geordnete reiche Ausstellung. Sowohl jene Vor- 
träge und Verhandlungen über, wie uns scheint, sehr glücklich und 
passend gewählte Themata, wie diese Schau, welche uns namentlich 
einesteils die Entwicklungsgeschichte unsrer Wissenschaft auf dem 
für Bremen so wichtigem Gebiete des Seewesens, andernteils die 
trefflichen Leistungen unserer Fachgelehrten und geographischen 
Anstalten in der Darbietung gediegener Anschauungs- und Unter- 
richtsmittel zeigt, werden, so hoffen wir, weiten Kreisen unserer 
Bevölkerung den hohen Wert der Länder- und Völkerkunde über- 



— 11 — 

haupt als Knlturmittel, wie insbesondere für die Pflege und Förderung 
von Kenntnissen nahelegen, mit denen eine im Weltverkehr auf- 
strebende, jetzt zum Seehafen gewordene Stadt wie Bremen ihre 
heranwachsende Generation so reich und nachhaltig wie nur immer 
möglich ausstatten sollte. 

So hoffen wir auf eine dauernde fruchtbringende Wirkung des 
Geographentages auf die Wertschätzung der Geographie in Bremen 
und damit für unsere Gesellschaft! 

Mit Befriedigung werden unsere Gäste die schönen, weiten, 
lichten Räume unseres neuen städtischen Museums erblicken, die 
sich nun bald mit wissenschaftlichen Schätzen füllen und dann 
allen Kreisen der Bevölkerung zugänglich sein werden. In diesem 
Neubau, dem in diesem Heft eine ausführliche Beschreibung ge- 
widmet ist, sind dem naturwissenschaftlichen Verein und unserer 
Gesellschaft von der Behörde eigene Räume überwiesen. Wenn 
damit die Hoffnung bethätigt wird, dafs beide befreundete Vereine 
als nützliche Helfer des Museums sich erweisen werden, so übernimmt 
anderseits auch unsere Gesellschaft damit die Verpflichtung, die Länder- 
und Völkerkunde wie bisher, so auch in Zukunft dauernd und wirksam 
zu vertreten und insbesondere die nach dieser Richtung liegenden 
Aufgaben des Museums zu fördern. Ungleich dem naturwissen- 
schaftlichen Verein entbehrt nun aber unsere Gesellschaft, wie 
schon angedeutet wurde, bis jetzt eines eigenen Vermögens, das 
ihr — wenn auch anfänglich nur von mäfsiger Höhe — die Gewähr 
des Bestehens bei der erfahrungsmäfsig wechselnden Zahl der Mit- 
glieder giebt und sie erst in den Stand setzen kann, in dem mannig- 
faltigeren Wirkungskreis, der sich ihr in Zukunft bieten wird, Be- 
strebungen zu verfolgen, deren Früchte sich erst nach Jahren zeigen 
können und die darum eine gesicherte finanzielle Grundlage nicht 
entbehren dürfen. Es wäre verfrüht, schon jetzt in dieser Richtung 
näheres anzuregen. Nur der Hoffnung soll hier Ausdruck gegeben 
werden, dafs in Bremen, wo gemeinnützige Bestrebungen stets ein 
offenes Ohr und eine freigebige Hand gefunden haben, unserer 
Gesellschaft, nachdem sie die Probe ihrer Gemeinnützigkeit in 
25jähriger Arbeit abgelegt, zu ihrem Jubel- und Ehrentage ein 
Stiftungskapital überwiesen werde, das sie in Stand setzt, ohne 
Existenzsorgen und freudig an ihrem Teil für das Beste unserer 
Stadt auch in Zukunft zu streben und zu arbeiten. 

In dieser Hoffnung und mit diesem innigen Wunsche rufen wir 
der Gesellschaft für den neuen Abschnitt ihres Lebensweges ein 
fröhliches „Glück auf" zu! M. L. 



— 12 — 

Zeittafel zur Geschichte der Pflege und Förderung 

der Geographie in Bremen. 



1067. Adam von Bremen, der erste deutsche Geograph, kommt 
nach Bremen, (f 1076.) 

1758 (11. Okt.). Wilhelm Olbers in Arbergen bei Bremen ge- 
boren, (t 2. März 1840 in Bremen.) 

1776. Gründung der „Physikalischen Gesellschaft", seit 1783Musftums- 
Gesellschaft genannt. 

1796 (7. Mai). Heinrich Mertens in Bremen geboren. (Er nahm 
1826 — 1829 an der von Lütke'sche Weltumsegelung als Arzt 
und Naturforscher teil.) 

1798. Christian Abraham Heinekens Karte des Gebietes der 
Reichs- und Hansestadt Bremen auf einer der ersten über- 
haupt in Deutschland unternommenen und wissenschaftlich 
durchgeführten Landesaufnahme (von Chr. Abr. Heineken und 
Johann Gildemeister) beruhend, erscheint. 

1799 — 1806. Friedrich Wilhelm B es sei als Kaufmannslehrling in 
Bremen. (Von 1806 — 1810 in Lilienthal bei Bremen.) 

1802. Olbers entdeckt die Pallas. 

1804. Ludwig Harding entdeckt auf der Schröter'schen Stern- 
warte in Lilienthal bei Bremen die Juno. 

1807. Olbers entdeckt die Vesta. 

1808 (8. April). Johann Georg Kohl in Bremen geboren. 
(t 28. Oktober 1878 in Bremen.) 

1819 (24. Mai)7 Theodor Menke iu Bremen geboren, (f 14. Mai 
1892 in Gotha). 

1826 (26. Juni). Adolf Bastian in Bremen geboren. 

1828 (19. Februar). Eduard Mohr in Bremen geboren, (f 26. De- 
zember 1876 zu Malange in Angola.) 

1832 (14. April). Gerhard Rohlfs zu Vegesack bei Bremen ge- 
boren. 

1850. Arthur Breusing kommt nach Bremen, (f 28. September 
1892 in Bremen.) 



— 13 — 

1851 (11. Juni). Christian Rutenberg in Bremen geboren (er- 
mordet auf Madagaskar 25. August 1878). 

1864. Gründung des Naturwissenschaftlichen Vereins in Bremen. 

1869 — 70. Zweite deutsche Nordpolfahrt unter Kapitän Karl 
Koldewey. 

1870. Gründung des „Vereins für die deutsche Nordpolarfahrt", 
später Geographische Gesellschaft genannt. 

1876. Reise von Dr. 0. Finsch, Dr. Brehm und Graf Wald- 
burg-Zeil nach Westsibirien im Auftrage der Bremer 
Geographischen Gesellschaft. 

1876. Die „Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie" 
gehen von der Gesellschaft Museum in städtischen Besitz über. 

1877. Die von der Bremer Geographischen Gesellschaft durch 
Dr. M.Lindeman herausgegebene Vierteljahrsschrift : „Deutsche 
Geographische Blätter" beginnt zu erscheinen. 

1879—82. Dr. Otto Finschs Reise nacb der Südsee. 

1881. Reise des Grafen Waldburg-Zeil auf dem Dampfer 
„Louise" von der Weser nach dem Jenissej. 

1881 — 82. Reise der Gebrüder Dr. Krause nach der Küste des 
Beringsmeeres und nach Alaska im Auftrage der Bremer 
Geographischen Gesellschaft. 

1883. Adolf Lüderitz (geb. 16. Juli 1834 in Bremen, f 1886 
auf einer Bootfahrt in der Mündung des Oranjeflusses) erwirbt 
Angra-Pequena. 

1884. Die Bremer Geographische Gesellschaft veranstaltet eine 
argentinische Ausstellung. 

1884. Dr. Otto Finschs Reise nach Neuguinea und Erwerbung 
von Kaiser Wilhelms-Land. 

1889. Reise des Dr. W. Kükenthal und Dr. A. Walter in 
das europäische Eismeer im Auftrage der Bremer Geographischen 
Gesellschaft. 

1895. XI. Deutscher Geographentag in Bremen. 

W. W. 



Der Bau des neuen städtischen Mnseums für Natur- 
geschichte und Völkerkunde in Bremen. 



Der giofse Erfolg, den die Abteilung „Handelsausstellung" 
bei Gelegenheit der Nordwestdeutschen Gewerbe- und Indastrie- 
aasstelliing im Jahre 1890 erzielte, liefs in den beteiligten Kreisen 
den Wnnsch aufkommen, diese eigenartige Sammlang liir die Dauer 




zu erhalten. Da ein Verbleiben in dem auf dem Ausstellungs- 
platze errichteten, in Holzkonstruktion ausgeführten Gebäude aus- 
geschlossen war, rnnfste der Errichtung eines besonderen feuer- 
sicheren Heims näher getreten werden, wobei gleichzeitig auf eine 
zweckentsprechende Unterbringung der im H. Obergeschofs des 
Domanbaues unbequem belegenen Städtischen Samminngen für 
Naturgeschichte und Ethnographie in demselben Gebäude Bedacht 
genommen werden konnte. 

Durch die Freigebigkeit der Sparkasse, verschiedener Gönner 
und interessierter Kreise wurde ein Baufonds von Jk 400000 zu- 



— 15 — 

sammengebracht und dem Staate mit dem Wunsche um Zugabe des 
fehlenden Restes von rund Jb. 400 000 überwiesen. Dieser Vorschlag 
erhielt am 18. /20. November 1891 die Billigung des Senats und 
der Bürgerschaft. 

Als Bauplatz wurde der westliche freie Teil des Bahnhofs- 
platzes erwählt. Das Gebäude ist nach Entwürfen der Hochbau- 
inspektion auf diesem Platze derart angelegt worden, dafs im Be- 
dürfnisfalle durch einen Anbau eine Vergröfserung der Ausstellungs- 
räume um etwa ^U des jetzigen Inhalts erzielt werden kann. 

Wie aus der Grundrifsskizze ersichtlich, besteht das Gebäude 
aus einem grofsen rechteckigen Kern von etwa 59 zu 43 m Gröfse 
und einem mehrfach gegliederten Vordergebäude von etwa 15 zu 
30 m Gröfse, in welchem die Eingänge, Flurhallen, Treppen, der 
Hörsaal und einige sonstige Räumlichkeiten untergebracht sind, 
während der erstgenannte Gebäudeteil im wesentlichen die Aus- 
stellungsräume enthält. 

Das Gebäude besitzt aufser dem Erdgeschofs noch zwei Ober- 
geschosse ; der östliche Teil desselben ist unterkellert. Im Keller- 
geschofs befinden sich aufser der Hausmeisterwohnung, den Räum- 
lichkeiten für die Sammelheizung, verschiedenen Lagerräumen, den 
Räumen für Macerier- und Gerbzwecke noch ein Aquarium von etwa 
15 m Länge, welches für öffentliche Schauzwecke bestimmt ist und 
deshalb für das Publikum einen direkten Zugang von dem Aus- 
stellungsraum des Erdgeschosses aus besitzt. 

Ein elektrisch betriebener Aufzug vermittelt den Verkehr 
schwerer Gegenstände vom Keller bis zum II. Obergeschofs. 

In letzterem Geschofs befinden sich aufser dem Hörsaal, der 
bequem 90 bis 100 Zuhörer fassen kann, die Vereinszimmer für die 
Geographische Gesellschaft und den Naturwissenschaftlichen Verein, 
ferner die Räume für die Verwaltung und die Arbeitszimmer für die 
Präparatoren, sowie der botanischen und entomologischen Ab- 
teilungen. 

Ein Lichthof von 16,5 m zu 26,5 m Gröfse ist im Innern des 
Ausstellungsbaues angeordnet; derselbe reicht durch die drei Ge- 
schosse und ist mit Glasdach und Decke versehen. Im Erdgeschofs 
und I. Obergeschofs öffnet derselbe sich in Arkadenstellungen. 

Des schlechten Baugrundes wegen mufste eine Fundierung auf 
Senkbrunnen angewendet werden. Das ganze Gebäude ist mit 
Ausnahme der Dachsparren und -Schaalungen von unverbrennlichem 
Material hergestellt. Die Aufsenwände zeigen eine Verbindung von 



16 — 




17 




Geogr. Blätter. Bremen^ 1895. 



— 18 — 

Sandsteinarchitektur mit Backsteinfläcben. Die Decken sind mit 
Ausnahme der aus Gipsdielen hergestellten Decke des ü. Ober- 
geschosses von Beton zwischen eisernen Trägern ausgeführt. Die 
Fufsböden der Ausstellungsräume sind in Terrazzomanier hergestellt 
worden; die Flurhalle des Erdgeschosses erhielt einen Marmor- 
fufsboden, die übrigen Räumlichkeiten Cementestrich, welcher in den 
bewohnten bezw. zum längeren Aufenthalt dienenden Lokalitäten 
Linoleumbelag erhalten hat. Die Dächer sind Holzcement- bezw. 
Zinkdächer. Die Haupttreppe ist in Sandstein ausgeführt, während 
die vom Keller bis auf das Dach reichende Nebentreppe gröfsten- 
teils in Eisenkonstruktion mit Holzstufen hergestellt worden ist. 

Der knappen Baumittel wegen konnte plastischer Schmuck am 
Aufsern und Innern nur in beschränktem Mafse angewendet 
werden; die künstlerische Ausmalung beschränkt sich aus dem- 
selben Grunde auf die Flurhallen, das Haupttreppenhaus, den Hörsaal 
und den Lichthof. 

Das Aquarium besitzt vier gröfsere und fünf kleinere Schau- 
becken ; der dem Publikum zugängliche Teil desselben ist in Grotten- 
manier in interessanter Weise durchgebildet worden. 

Die Beheizung geschieht mittels einer Niederdruckdampfheizung; 
die Beleuchtung des Gebäudes und die Kraftübertragung zum Be- 
triebe des Fahrstuhls und der dem Aquarium dienenden Pumpen 
wird auf elektrischem Wege bewirkt. 

Die Baukosten betrugen Jh. 800000; zur Beschaffiing der 
innern Ausstattung an Schränken, Kasten u. a. ist ein Betrag von 
A 250 000 ausgeworfen. 

Mit den Bauarbeiten ist im Februar 1892 begonnen worden. 
Die Eröfihung der Sammlungen wird voraussichtlich im Herbst 
1895 stattfinden können. F. 



— 19 — 

Die Wälder Deutsch-Lothringens. 

Von H. Gerdolle^ Kaiserlicher Oberförster a. D. und Generalsekretär 
des landwirtschaftlichen Bezirksvereins von Lothringen. 



Hierzu : Tafel 1 : Erläuterungskarte zu dem Aufsatz : Die "Wälder Deutsch-Loth- 
ringens, von dem Verfasser nach amtlichem Material hergestellt. 
Mafsstab : 1 : 300 000. 

Allgemeines, Lage, geologische und orographische Verhältnisse, Klima, Be- 
völkerung, Bewaldung, Besitzverhältnisse, Holz- und Betriebsarten, Erträge, 
Nebennutzungen, Jagd und Fischerei, Schlussbetrachtungen. 

Allgemeines^ I<age^ geologische und orographiscbe Yerhältnisse^ 

Klima, Bevölkernng. 

Der mit dem Namen »Lothringen", mitunter auch, wenn gleich 
in nicht ganz richtiger Weise, mit Deutsch-Lothringen, bezeichnete 
Regierungsbezirk Metz des Reichslandes Elsafs-Lothringen,') liegt 
zwischen 68 ' 31 " und 69 ' 3 " nördlicher Breite, und erstreckt 
sich von 23' 18'' 10'" bis 25' 18" 10'" östlicher Länge. Er 
grenzt im Westen und Südwesten an Frankreich, im Nordwesten 
an Luxemburg, im Norden und Nordosten an Preussen und die 
bayerische Pfalz, und im Osten an das Elsafs. Von letzterem wird 
er, wenn man von dem Einsprung bei Saarunion, dem sogenannten 
krummen Elsafs, absieht, durch das Vogesengebirge getrennt, überall 
anderswo ist dagegen die Grenze eine ganz willkürliche, weder durch 
Terrainformation, noch durch gröfsere Flüsse, noch durch Stammes- 



*) Von dem Regierungsbezu'k Lothringen besteht blofs etwa ein Drittel 
aus ehemals Herzoglichen Gebietsteilen, der Rest dagegen aus den Gebieten der 
Reichsstadt und des Bistums Metz, sowie aus einer Reihe kleiner selbständiger 
Herrschaften. Der weitaus gröfste Teil des ehemaligen Herzogtums ist französisch 
geblieben. Was nun die vielfach in Altdeutschland gebräuchliche und daher 
auch in der Aufschrift angewandte Bezeichnung »Deutsch-Lothringen« betrifft, 
so bedeutet sie im örtlichen Sprachgebrauche, alten Überlieferungen ent- 
sprechend, nicht den deutsch gewordenen, sondern den deutsch sprechenden Teil 
Lothringens, mit andern Worten das deutsche Sprachgebiet, dessen Grenze 
weit östlicher liegt, als die 1871 gezogene Landesgrenze, und sich auch, selbst 
wenn man von ihrer Verschiebung während der letzten hundert Jahre absieht 
und den ursprünglichen Stand berücksichtigen wollte, zu keiner Zeit damit 
gedeckt hat. Der ganze Landkreis Metz, der überwiegend gröfste Teil des 
Kreises Chateau Salins, sowie einzelne Teile der Kreise Bolchen, Diedenhofen 
und Saarburg haben stets dem französischen Sprachgebiete angehört. Auch 
im französischen Sprachgebrauch hat die Bezeichnung Lorraine AUemande, 
welche schon unter den Herzögen für die Aemter des deutschen Sprachgebietes 
üblich war, ihren ursprünglichen Sinn, selbst nach 1871, beibehalten. Die 
deutsch gewordenen Landesteile werden mit Lorraine annexee bezeichnet. D. V. 

2* 



— 20 — 

unterschiede gegebene. Besonders unnatürlich und in die Verhält- 
nisse der Grenzbewohner tief einschneidend ist die durch den 
Frieden von 1871 gezogene Grenzlinie. Geologisch gehört Lothringen 
zum Pariser Becken; von den Vogesen ab, welche, soweit unser 
Bezirk in Frage kommt, aus Vogesensandstein , einer Abart des 
Todtliegenden, bestehen, — weiter südlich sind sie granitisch — 
folgen nach Westen zu, in konzentrischen Kreisbögen : Buntsandstein, 
Muschelkalk, Keuper, Rhät, Lias und Oolith (Dogger). Nur an einer 
kleinen Stelle im Norden bei Sierck, dicht an der preufsischen 
Grenze, tritt infolge mehrfacher Verwerfungen Urgestein, eine Fort- 
setzung des Hochwaldes, hervor. Das Belief des Landes wird zum 
gröfsten Teil durch diese geologischen Verhältnisse gegeben. Auf 
dem linken Moselufer erhebt sich bis zu einer Höhe von etwa 360 m, 
im Norden bei Diedenhofen 400 m erreichend, die steile Wand des 
Dogger, auf dessen Hochebene in einer Entfernung von 15 — 20 km 
in südlich-nördlicher Richtung die französische Grenze läuft; östlich 
von Metz erstreckt sich in sanften Wellenlinien, in einer Höhe von 
200 — 250, allmählich bis 300 m ansteigend, gröfstenteils mit einer 
leichten Diluvialschicht bedeckt^) und nur durch die zwei Dogger- 
inseln des Delmer Rückens und des Hochbergs unterbrochen, der 
Lias, beim zutagetreten des rhätischen Sandsteins steil abfallend, 
um dem Keuper Platz zu machen. Auch dieser hat, je nachdem 
die einzelnen Zwischenschichten hervortreten, seine sanften wellen- 
förmigen Hügel, und seine steil abfallenden Ränder, und ebenso der 
Muschelkalk, der an der Grenze mit dem Buntsandstein die nicht 
unbeträchtliche Höhe von 400 m erreicht. Es ist dies fast die 
Höhe der sogenannten niederen Vogesen (450 m), und da die Wasser- 
scheide zwischen Mosel und Rhein etwas westlich von der Kamm- 
linie liegt, so entsteht dadurch die Eigentümlichkeit, dafs man von 
der lothringischen Hochebene in die Vogesen hinuntersteigt, während 
das Gebirge auf der Elsässischen Seite gegen das tiefe Rheinthal zu 
steil abfällt. Nur im Süden erhebt sich das Gebirge hoch über das 



^) Auf der geologischen Karte von Frankreich von Elie de Beanmont wird 
das ganze Gebiet zwischen Keuper und Dogger, mit Ausnahme natürlich der als 
Alluvium bezeichneten Moselniederung, als Lias angegeben, während auf der von 
der geologischen Landeskommission von Elsafs-Lothringen vor einigen Jahren 
herausgegebenen Obersichtskarte des westlichen Lothringens der Lias nur an 
einigen Stellen hervortritt. Da die Diluvialschicht jedenfalls eine nur geringe 
Mächtigkeit besitzt, so ist m. £. der v. Beaumontschen Darstellungsweise, zumal 
bei einer Karte im kleinen Mafsstabe wie die beiliegende, der Übersichtlichkeit 
halber entschieden der Vorzug zu geben. D. V. 



- 21 — 

Hügelland, bis 1042 m (Donon), von einem grofsen Teile desselben 
von weitem aus sichtbar.^) 

Im grofsen und ganzen ist also, wenn man von diesem südlichen 
Vogesenteil absieht, Lothringen als ein Hügelland anzusehen, mit 
einer Durchschnittshöhe von etwa 250 m, von einigen Höhenzügen 
in der Höhe von 350 — 400 m und vier Hauptthälern — Saar, Nied, 
Seille und Mosel — durchschnitten. Eine eigentliche ausgedehnte 
Niederung hat nur das Moselthal (170 m in La Lobe bei Arry, 
140 m in Sierck). Den geologischen Verhältnissen entsprechend 
überwiegt auch in Lothringen der schwere, mehr oder weniger mit 
Kalk durchsetzte Thonboden, welcher dem ganzen Lande in land- 
wirtschaftlicher Beziehung sein eigentümliches Gepräge giebt. Natür- 
licher Sandboden, d. h. solcher, der aus der Verwitterung des 
unmittelbar darunter liegenden Gesteins entstanden ist, befmdet sich 
nur im Gebiet des Buntsandsteins, des Vogesensandsteins und des 
Rhät; die Moselniederung hat einen sehr fruchtbaren, nicht zu 
leichten Löss, die kleinen Niederungen der drei anderen Hauptthäler 
dagegen ausschliefslich Wiesenboden. 

Innerhalb der mittleren Formationen befinden sich allerdings 
mehr oder weniger ausgedehntere Diluvialschichten mit kalkarmem 
Boden, vom Sand und Lehm bis zum schweren Letten, im Lande 
allgemein mit dem Namen terres Manches (Weifsböden) bezeichnet. 
Es sind dies die Teile, welche ursprünglich der Wald eingenommen, 
und wo er sich auch zum grofsen Teil bis jetzt erhalten hat. 

Bezüglich des Klimas kann Lothringen in vier Zonen ein- 
geteilt werden: 

Die Vogesen mit ausgesprochenem Gebirgsklima. 

Das Gebiet des Buntsandsteins mit wärmeren Temperaturen, 
jedoch bis in den Sonmier hinein vorkommenden Spätfrösten. 

Das sonstige Hügelland mit annäherndem Weinklima. 

Die grofsen Thaleinschnitte der Mosel und der Seille mit aus- 
gesprochenem Weinklima. 



^) Eigentlich von allen Anhöhen and freien Punkten südlich der Linie 
Chambrey-Mörchingen, Bensdorf, Finstingen. An entfernteren Punkten, von denen 
man bei günstigem Wetter einen vollen Anblick auf den Donon und Umgebung 
geniefst, wären zu erwähnen : Bahnhof Farschweiler, Strecke Beningen-Saargemünd 
(60 km in der Luftlinie). Haltestelle Teting, Strecke Falkenberg St. Avold (70 km). 
Höhe zwischen Arry und Lorry-Mardigny (100 km). Besonders imposant ist der 
Anblick der Vogesen vom Damm der grofsen Weiher, mit Wasserflächen von 
mehreren hundert Hektar, umrahmt von alten Eichenbeständen im Vordergrunde. 

D. V. 



— 20 — 

unterschiede gegebene. Besonders unnatürlich und in die Verhält- 
nisse der Grenzbewohner tief einschneidend ist die durch den 
Frieden von 1871 gezogene Grenzlinie. Geologisch gehört Lothringen 
zum Pariser Becken; von den Vogesen ab, welche, soweit unser 
Bezirk in Frage kommt, aus Vogesen Sandstein, einer Abart des 
Todtliegenden, bestehen, — weiter südlich sind sie granitisch — 
folgen nach Westen zu, in konzentrischen Kreisbögen : Buntsandstein, 
JMuschelkalk, Keuper, Rhät, Lias und Oolith (Dogger). Nur an einer 
kleinen Stelle im Norden bei Sierck, dicht an der preufsischen 
Grenze, tritt infolge mehrfacher Verwerfungen Urgestein, eine Fort- 
setzung des Hochwaldes, hervor. Das Relief des Landes wird zum 
gröfsten Teil durch diese geologischen Verhältnisse gegeben. Auf 
dem linken Moselufer erhebt sich bis zu einer Höhe von etwa 360 m, 
im Norden bei Diedenhofen 400 m erreichend, die steile Wand des 
Dogger, auf dessen Hochebene in einer Entfernung von 15 — 20 km 
in südlich-nördlicher Richtung die französische Grenze läuft; östlich 
von Metz erstreckt sich in sanften Wellenlinien, in einer Höhe von 
200 — 250, allmählich bis 300 m ansteigend, gröfstenteils mit einer 
leichten Diluvialschicht bedeckt^) und nur durch die zwei Dogger- 
inseln des Delmer Rückens und des Hochbergs unterbrochen, der 
Lias, beim zutagetreten des rhätischen Sandsteins steil abfallend, 
um dem Keuper Platz zu machen. Auch dieser hat, je nachdem 
die einzelnen Zwischenschichten hervortreten, seine sanften wellen- 
förmigen Hügel, und seine steil abfallenden Ränder, und ebenso der 
Muschelkalk, der an der Grenze mit dem Buntsandstein die nicht 
unbeträchtliche Höhe von 400 m erreicht. Es ist dies fast die 
Höhe der sogenannten niederen Vogesen (450 m), und da die Wasser- 
scheide zwischen Mosel und Rhein etwas westlich von der Kamm- 
linie liegt, so entsteht dadurch die Eigentümlichkeit, dafs man von 
der lothringischen Hochebene in die Vogesen hinuntersteigt, während 
das Gebirge auf der Elsässischen Seite gegen das tiefe Rheinthal zu 
steil abfällt. Nur im Süden erhebt sich das Gebirge hoch über das 



^) Auf der geologischen Karte von Frankreich von Elle de Beaumont wird 
das ganze Gebiet zwischen Keuper und Dogger, mit Ausnahme natürlich der als 
Alluvium bezeichneten Moselniederung, als Lias angegeben, während auf der von 
der geologischen Landeskommission von Elsafs-Lothringen vor einigen Jahren 
herausgegebenen Übersichtskarte des westlichen Lothringens der Lias nur an 
einigen Stellen hervortritt. Da die Diluvialschicht jedenfalls eine nur geringe 
Mächtigkeit besitzt, so ist m. £. der v. Beaumontschen Darstellungsweise, zumal 
bei einer Karte im kleinen MaCsstabe wie die beiliegende, der Übersichtlichkeit 
halber entschieden der Vorzug zu geben. D. V. 



- 21 — 

Hügelland, bis 1042 m (Donon), von einem grofsen Teile desselben 
von weitem aus sichtbar.^) 

Im grofsen und ganzen ist also, wenn man von diesem südlichen 
Vogesenteil absieht, Lothringen als ein Hügelland anzusehen, mit 
einer Durchschnittshöhe von etwa 250 m, von einigen Höhenzügen 
in der Höhe von 350 — 400 m und vier Hauptthälern — Saar, Nied, 
Seille und Mosel — durchschnitten. Eine eigentliche ausgedehnte 
Niederung hat nur das Moselthal (170 m in La Lobe bei Arry, 
140 m in Sierck). Den geologischen Verhältnissen entsprechend 
überwiegt auch in Lothringen der schwere, mehr oder weniger mit 
Kalk durchsetzte Thonboden, welcher dem ganzen Lande in land- 
wirtschaftlicher Beziehung sein eigentümliches Gepräge giebt. Natür- 
licher Sandboden, d. h. solcher, der aus der Verwitterung des 
unmittelbar darunter liegenden Gesteins entstanden ist, befindet sich 
nur im Gebiet des Buntsandsteins, des Vogesensandsteins und des 
Rhät; die Moselniederung hat einen sehr fruchtbaren, nicht zu 
leichten Löss, die kleinen Niederungen der drei anderen Hauptthäler 
dagegen ausschliefslich Wiesenboden. 

Innerhalb der mittleren Formationen befinden sich allerdings 
mehr oder weniger ausgedehntere Diluvialschichten mit kalkarmem 
Boden, vom Sand und Lehm bis zum schweren Letten, im Lande 
allgemein mit dem Namen terres blanches (Weifsböden) bezeichnet. 
Es sind dies die Teile, welche ursprünglich der Wald eingenonmien, 
und wo er sich auch zum grofsen Teil bis jetzt erhalten hat. 

Bezüglich des Klimas kann Lothringen in vier Zonen ein- 
geteilt werden: 

Die Vogesen mit ausgesprochenem Gebirgsklima. 

Das Gebiet des Buntsandsteins mit wärmeren Temperaturen, 
jedoch bis in den Sonmier hinein vorkommenden Spätfrösten. 

Das sonstige Hügelland mit annäherndem Weinklima. 

Die grofsen Thaleinschnitte der Mosel und der Seille mit aus- 
gesprochenem Weinklima. 



*) Eigentlich von allen Anhöhen und freien Punkten südlich der Linie 
Chambrey-Mörchingen, Bensdorf, Finstingen. An entfernteren Punkten, von denen 
man bei günstigem Wetter einen vollen Anblick auf den Donon und Umgebung 
geniefst, wären zu erwähnen : Bahnhof Farschweiler, Strecke Beningen-Saargemünd 
(60 km in der Luftlinie). Haltestelle Teting, Strecke Falkenberg St. Avold (70 km). 
Höhe zwischen Arry und Lorry-Mardigny (100 km). Besonders imposant ist der 
Anblick der Vogesen vom Damm der grofsen Weiher, mit Wasserflächen von 
mehreren hundert Hektar, umrahmt von alten Eichenbeständen im Vordergrunde. 

D. V. 



— 22 — 

Der Bezirk mit einer Fläche von 6222 Quadratkilometern ist in 
acht Kreise, worunter ein Stadtkreis, eingeteilt, und zählt 751 Ge- 
meinden mit 510392 Einwohnern. Es befindet sich darin nur eine 
grofse Stadt (Metz) und wenn auch an einzelnen Punkten blühende 
Industrien sich entwickelt haben, — Hochöfen, Salz- und Kohlen- 
bergwerke, Porzellanfabriken, Glashütten u. s. w. — so bleibt doch 
der Charakter des Landes überwiegend ein landwirtschaftlicher. 

Sowohl das Eisenbahn- wie das öffentliche Wegenetz sind gut 
entwickelt. 

Bewaldung. 

Von der Gesamtfläche mit 6222 Quadratkilometern nimmt 
der Wald nach den letzten amtlichen Mitteilungen in runden 
Zahlen 1600 Quadratkilometer oder 25,9 ^/o ein*). Die Verteilung ist 
natürlich keine gleichmäfsige, wie es sich schon aus den unten- 
stehenden, wenn auch auf Genauigkeit keinen besonderen Anspruch 
machenden Zahlen ergiebt. Am dichtesten bewaldet sind die Vogesen, 
auf deren Gebiet der gröfste Teil der Wälder des Kreises Saargemünd 
(Bitschgau) und etwa zwei Drittel der Wälder des Kreises Saarburg 
entfallen. An gröfseren Waldkomplexen des Hügellandes sind zu 
erwähnen : 



^) Nach V. Loeper, die landwirtschaftlichen Verhältnisse Lothringens (1893), 
Seite 3 — 6, beträgt die Bewaldung blols 154,317 Hektar and zwar nach den 
einzelnen Kreisen verteilt wie folgt: 

Kreis Bolchen 15047 Hektar. 

ff Chateau Salins ... 18 424 » 

» Diedenhofen 24000 » 

9 Forbach 14 945 n 

V Metz (Land) 18600 » 

I» Saarburg 42899 » 

» Saargemünd 20 402 » 

154317 Hektar . 

Diese Zahlen, welche wahrscheinlich dem meist unzuverlässigen Kataster 
entnommen sind, stimmen mit dem richtigen Bestand offenbar nicht überein, wie 
schon daraus hervorgeht, dafs allein die Waldfläche des Bitschgaues, der doch 
nur einen Teil des Kreises Saargemünd einnimmt, über 22000 Hektar beträgt. 
An einer andern Stelle (Seite 50) giebt v. Loeper, diesmal nach amtlichen 
Quellen, die Waldfläche mit 161200 Hektar und zwar ganz richtig an. Li 
seinen forstlichen Verhältnissen Lothringens (1871) giebt Bernhardt, dem natur- 
gemäfs nur spärliche und schwer zu kontrollirende Quellen zu Gebote standen, 
die Waldfläche mit 155056 Hektar an, findet aber auch nach einer andern 
Berechnung über 160000 Hektar, ohne sich diese Differenz erklären zu können. 

D. V. 



— 23 — 

a. Die zwischen Bixingen, Dieuze und Finstingen gelegenen 
Forsten im Gebiete des grofsen Weiher am Übergang 
vom Keuper zum Muschelkalk in den Ejreisen Saarburg 
und Chateau Salins, mit einer Gesamtausdehnung von 
nahezu 20000 Hektar, freilich mehrfach durch Feld und 
Wasser unterbrochen. 

b. der Eöckinger Forst am Südabhang des Keupers bei 
Dieuze im Kreise Chateau Salins mit einer Ausdehnung 
von etwa 3000 Hektar. 

c. die blols durch einen schmalen Feldstreifen getrennten 
Forsten von Amelecourt und Grömece am südlichen Abhang 
des Lias und Rhät, bei Chateau Salins, mit einer Gesamt- 
ausdehnung von etwa 3000 Hektar. 

d) der an dem auf preulsischem Gebiet liegenden Warndter 
Forst (Oberförsterei Carlsbronn) angrenzende St. Avolder 
Forst, im Buntsandsteingebiet des Kreises Forbach, mit 
einer Ausdehnung von etwa 5000 Hektar; 

e) die davon nicht weit entfernte, ebenfalls an Carlsbronn 
anstolsende sogenannte Huf im Kreise Bolchen, mit einer 
Ausdehnung von etwa 1500 Hektar; 

f) der Remillyer Forst, am Übergang zwischen Keuper und 
Muschelkalk in den Kreisen Metz und Bolchen, mit einer 
Ausdehnung von etwa 2000 Hektar; 

g) die Kahlenhovener Forsten (grofser und kleiner) am Über- 
gang zwischen Keuper und Muschelkalk, zwischen Nied 
und Mosel im Kreise Diedenhofen, mit einer Ausdehnung 
von etwa 3000 Hektar; 

h) die Waldungen zwischen Nied und Canner, am Übergang 
zwischen Lias und Keuper in den Kreisen Metz und 
Diedenhofen, mit einer Ausdehnung von über 2000 Hektar ; 

i) die von der französischen Grenze im Westen durchschnittene 
Forsten bei Moyeuvre am Ostabhang des Dogger im Kreise 
Diedenhofen, mit einer Ausdehnung von ebenfalls über 
2000 Hektar u. s. w. u. s. w. 

Zwischen diesen gröfseren Komplexen befinden sich kleinere 
Waldungen mit einer Ausdehnung bis zu mehreren hundert Hektar, 
mitunter aber nur von geringem Umfang, auf das ganze Land 
ziemlich regelmäfsig verteilt, ßo dals es nur sehr wenige Striche giebt, 
wo sich nicht in einem Umkreis von einigen Kilometern bewaldete 
Flächen befinden. Nur die Moselniederung ist, wenn man von einer 



— 24 — 

kleinen Waldremise von etwa 25 Hektar auf Schlofsgut Brieux bei 
Maiziere im Kreise Metz absieht, vollständig ohne Wald. 

Wie es überall mehr oder weniger der Fall ist, war in früheren 
Zeiten die Bewaldung eine viel dichtere. Sehr wahrscheinlich hat 
der Wald nicht blofs sämtliche Weifsböden eingenommen, sondern 
sich auch auf besseren Bodenarten ausgedehnt, von denen er auch 
später verdrängt worden ist. Dieser »Krieg gegen den Wald" weist 
zwei besondere Perioden auf, das Mittelalter, und die Zeit nach der 
grofsen französischen Revolution bis in die 40er Jahre. 

Bekanntlich nahm in Lothringen während des XIV. und XV. 
Jahrhunderts die Glasindustrie einen ganz enormen Aufschwung, 
hervorgerufen durch die von den Herzögen getroffene Bestimmung, 
dafs der Glashüttenbetrieb nicht blofs mit dem adeligen Stand als 
vereinbar betrachtet wurde, sondern eo ipso die Erhebung in diesen 
Stand zur Folge hatte (gentilshommes verriers). Während aber die 
Lothringer Herzöge bei der Erteilung von Waldkonzessionen an die 
Glashütten für die Erhaltung der Waldsubstanz eifrig sorgten, waren 
manche kleinere Dynasten nicht immer so vorsichtig, vielleicht mahnte 
auch die bessere Qualität des Bodens nicht so zur Erhaltung des 
Waldes, wie in der Nähe der Vogesen, und so entstanden vielfach 
an Stelle früherer Waldungen mit Glashütten landwirtschaftliche 
Betriebe, die sich bis jetzt als solche erhalten haben, und bei denen, 
wenn auch vielleicht weniger wegen der Bodenverhältnisse als wegen 
des Schutzes gegen Winde und der Erhaltung der Wasserquellen, 
das Fehlen des Waldes sich heute mehr oder weniger unangenehm 
bemerkbar macht. Solche Stellen findet man z. B. auf dem Höhen- 
zuge zwischen Nied und Saar, sowie zwischen den beiden Nied, sodann 
auch östlich von der Saar nach den Vogesen zu. 

Ein Hauptkrieg wurde aber während und nach der Revolution 
gegen den Wald, und namentlich da, wo es sich um kleinere Parzellen 
handelte, geführt, und bis zum Regierungsantritt Napoleons HI. fort- 
gesetzt. Kleinere Staatswaldparzelen wurden mit dem ausdrücklichen 
Gebote des Rodens veräuTsert, während der Revolution fiel auch 
mancher Gemeindewald dieser Zerstörungswut zum Opfer, besonders 
zahlreich wurden aber die Rodungen von Privatwaldungen zum Zweck 
der Gewinnung von Ackerland während der dreifsiger und vier- 
ziger Jahre. 

Im grofsen und ganzen haben sich die meisten dieser Rodungen 
als schlechte Spekulationen erwiesen. Nur da, wo der Boden sehr 
leicht ist, läfst sich durch Zugabe von Kalk, und neuerdings durch 
Düngung mit Thomasmehl eine gewisse, mitunter sogar durchaus 



— 25 — 

nicht zu verachtende Rentabilität erzielen. Wo aber der Boden 
schwerer, namentlich auf dem Letten in den Gebieten des Keupers 
und Muschelkalks, sowie am Übergang zwischen letzterer Formation 
und dem Buntsandstein, da ist die Bewirtschaftung als Ackerland 
ziemlich schwierig und bei den heutigen ungünstigen landwirtschaft- 
lichen Konjunkturen wird über kurz oder lang die Wiederaufforstung 
solcher Flächen erfolgen müssen. 

In dieser Beziehung verdient die Ausrodung des sogenannten 
Bischwaldes (Mulde zwischen Grofstännchen und Falkenberg) mit 
einer Ausdehnung von etwa 2000 Hektar, eine besondere Erwähnung. 
Dieser bedeutende, den Bischweiher umrahmende und in Privatbesitz 
befindliche Waldkomplex verschwand in wenigen Jahren vollständig, 
um einer Anzahl Höfen in der Gröfse von 100 — 120 Hektar, sämtlich 
mit guten, massiven Gebäuden versehen, Platz zu machen. Anfangs 
lieferte der lehmige sandige Boden bei dem im Laufe der Jahre auf- 
gespeicherten reichen Humusgehalt, schöne Erträge ; schon am Ende 
der ersten Pachtperiode gingen dieselben indessen sehr erheblich 
herunter, um bald auf Null zu fallen. Erst als man in dem Mangel 
an Kalkgehalt die Ursache des Rückganges erkannte und zu kalken 
anfing, hoben sich die Wirtschaften wieder. Gegenwärtig bleibt der 
Bischwald eine der besseren Gegenden Lothringens, wo ein ziemlich 
rationeller Betrieb geführt wird, und die Pachtpreise am wenigsten 
heruntergegangen sind. Der wie gesagt nicht unwesentlichen Ver- 
ringerung der Waldfläche im Laufe dieses Jahrhunderts steht nur 
eine geringe Zunahme durch Aufforstung gegenüber. Aufforstungen, 
welche in den fünfziger Jahren sehr in Mode kamen, fanden in der 
Hauptsache blofs in den Gebieten mit Sandboden sowie an den Rändern 
des Dogger statt. 

Besitzverhältnisse. 

Von den 161,200 Hektar Wald gehören:«^) 

dem Staate 73 500 

den Gemeinden 44 100 

den öffentlichen Anstalten 1 100 

an Private . 42 500 

161 200 

') Die betreffenden Flächen werden von Bernhardt angegeben mit: 
71 260 ha für die Staatswaldungen, 

156 7) für die mit Gemeinden angeteilten Staatswaldungen, 
42 370 7) für die Gemeindewaldungen, 

964 » für die Anstaltswaldungen, 
40308 1} für die Privatwaldungen. 
155 056 ha 



— 26 — ! 

Der Staatswald stammt zum gröfsten Teil von Domänen her, 
sei es der lothringer Herzöge, sei es der Bischöfe von Metz oder 
kleinerer Dynasten, deren es im Gebiete der Nied und der Saar 
viele gab, — zum kleineren, jedoch nicht unwesentlichen Teil von 
Konfiskationen von Kloster- und Privatbesitz während der Revolution. 
Schon daraus ergiebt sich der Grund der sehr unregelmäfsigen Ver- 
teilung. In der Umgegend von Metz, früher dem Reichsstadtgebiet, 
giebt es nur wenige, zerstreut liegende Staatswaldparzellen ; gröfsere 
Komplexe befinden sich hauptsächlich an einzelnen Punkten ehemals 
fürstlicher Gebiete (Remilly'er Forst-Bischöfe von Metz, Finstinger 
Forst — Grafen von Salm u. a.), sowie in den Vogesen, wo der 
geringen Wegbarkeit und wirtschaftlichen Entwickelung halber das 
meiste Land, und daher auch die Forsten, in den Händen der 
Landesherren sich erhielten. 

Durch Veräufserung, wie schon erwähnt, hauptsächlich aber 
durch Ablösung von Holzrechten, welche nach französischem Recht 
nur durch Abtretung von Wald erfolgen darf, hat sich die Fläche 
in diesem Jahrhundert verringert, während der letzten 20 Jahre 
unter deutscher Verwaltung durch Zukauf dagegen nicht unwesentlich 
vermehrt. Solche Zukaufe, für welche naturgemäls möglichst gün- 
stige Konjunkturen benutzt zu werden pflegen, sollen in Zukunft 
weiter fortgesetzt werden. 

Der Gemeindewald ist dagegen über das ganze Land ziemlich 
gleichmäfsig verteilt. Er stammt entweder vom alten Markver- 
hältnis her, oder von Servitutablösungen, in welch' letzterem Falle 
die einzelnen Waldstücke sich um den als Kern verbliebenen Staats- 
wald gruppieren. An diesem Besitz nehmen von den 751 Gemeinden 
nicht weniger als 487 oder etwa 65 ®/o teil, und zwar : 

90 mit einem Areale von weniger als 25 Hektar 

250 » » » » » « 25—100 n 

102 » » » « « . « 100—200 j» 

45 n 7t » jt über 200 » 

Das Minimum beträgt 0,72 Hektar, (im Bjreise Diedenhofen), das 
Maximum 620 Hektar (Stadt Saaralben). Von den Anstalts Waldungen 



Das Verhältnis zwischen dem Staate and der Gemeinde Ars a. Mosel ist dorch 
Teilang des Waldes in natura gelöst worden, wodurch heute die zweite Gattung 
wegfällt. Ein Teil des Zuwachses beim Staatswalde liefse sich schlielslich noch 
durch Zukauf, wenn auch nicht in diesem Mafse erklären, für die übrigen 
Differenzen lassen sich dagegen keine Erklärungen finden, es sei denn, dafs man 
berücksichtigt, mit welchen Schwierigkeiten B. bei der Ausarbeitung des ihm 
vorliegenden französischen Materials zu kämpfen hatte. 



— 27 — 

fällt auf die Metzer Zivilhospizen, deren Besitz sich allerdings auf 
verschiedene Punkte verteilt, der Löwenanteil mit über 900 Hektar. 

Die Verhältnisse des Privatwaldbesitzes sind ebenso wie seine 
Verteilung sehr verschieden. Während ein Teil sich offenbar auf 
das alte Markverhältnis zurückführen läfst und uralten Datums ist, 
wie die Namen Bois le Comte, Bois l'Evecque, Herrenwald u. a. 
beweisen, stammt wiederum ein nicht unbeträchtlicher Teil, namentlich 
in der Nähe der Staatswaldungen aus Servitutablösungen. Nur sehr 
wenig Privatwald scheint gegen Gemeinden oder gegen den Staat 
usurpiert worden zu sein. 

In einzelnen Gemarkungen des westlichen Lothringens hat sich — 
nicht wie man glauben könnte, infolge einer Verteilung des Gemeinde- 
waldes zwischen den einzelnen Einwohnern ut singulis während der 
Revolution, wie es allerdings in Frankreich vielfach der Fall gewesen 
sein soll, sondern als Überbleibsel einer früheren Markteilung — eine 
weitgehende Parzellierung des Privatwaldbesitzes, ähnlich wie in 
einzelnen Gegenden des südlichen Westfalens, entwickelt und erhalten. 
Fast jeder Einwohner nimmt teil am Waldbesitz als Eigentümer, 
und Parzellen von nur wenigen Ar sind durchaus keine Seltenheit. 
Bei der Wohlhabenheit und dem konservativen Sinne der Bevölkerung, 
welche auTserdem der Entnahme von Waldstreu durchaus abhold ist, 
sowie bei der üblichen Betriebsart (Mittelwald) hat diese Parzellierung 
lange nicht dieselben nachteiligen Folgen wie im rheinisch-west- 
fälischen Gebiete gehabt, und zu einer Vergenossenschaftlichung 
solcher Waldkomplexe, wie sie dort mehrfach zur Rettung des Waldes 
durchgesetzt werden mufste, liegt absolut keine Veranlassung vor. 
In Bezug auf Bewirtschaftung unterscheiden sich solche kleine Par- 
zellen von den übrigen Privatwaldungen in keiner Weise. 

Sonst weist der Privatwaldbesitz alle möglichen Gröfsen auf, 
an einzelnen Stellen hängt er mit einem mehr oder weniger aus- 
gedehnten Ackergute zusammen, an andern Stellen bildet er dagegen 
einen Besitz für sich u. a. Zwischen einzelnen Kategorien von Privat- 
waldbesitz macht das bestehende Recl^t keine Unterschiede. 

Als gröfsere Privatwaldbesitzer sind zu erwähnen: die Reichs- 
grafen von Hunolstein (Homburg und Ottingen im Kreise Dieden- 
hofen, zusammen an die 2000 Hektar), die Familie von Wendel 
(Hayingen im Kreise Diedenhofen und Stieringen im Kreise Forbach), 
die V. Seillereschen und die Thomasschen Erben (Rixinger Forst 
im Kreise Saarburg, je etwa 1000 Hektar), der Graf Bertier von 
Sauvigny (Scheuern im Kreise Diedenhofen, etwa 600 Hektar und 
Föschen im Kreise Saarburg, etwa 800 Hektar), Baron von Hausen- 



— 28 — 

Weidesheim im Kreise Saargemünd, Marquis de Fange, Graf von 
Lambertye, Vicomte de Curel, die Herzogin von Clermont-Tonnere u. a. 
im Landkreise Metz u. a. Infolge von Servitutenablösung besitzen 
verschiedene industrielle Etablissements, namentlich die Glashütte 
Münzthal im Bitschgau ausgedehnte Waldungen. Dagegen sind die 
im oberen Saarthal gelegenen Waldungen der Familie de Waldrome, 
soweit sie aus Ablösungen stammten, sowie diejenigen des Baron 
V. Kreuzer im Bitschgau, neuerdings vom Forstfiskus käuflich wieder 
erworben worden. 

Holz- und Betriebsarten. ®) 

Die überwiegende Holzart des Hügellandes ist die Eiche; nur 
auf den ausgesprochenen Kalkböden des Dogger, und auf Sandboden 
wird sie durch die Rotbuche verdrängt. Diesen beiden Holzarten 
gesellen sich die Hainbuche und die verschiedensten Weichhölzer. 
Auf einigen Stellen im Sandboden befinden sich aufserdem ältere und 
jüngere Nadelholzkulturen, überwiegend Kiefern; endlich ist noch 
das Vorkommen der Weifstanne und zwar in einigen älteren, pracht- 
vollen Beständen, in dem höheren Teile der Huf zu erwähnen. 
Diesen Verhältnissen entsprechend ist denn auch der Mittelwald im 
Hügellande die altherkömmliche allgemein vorkommende Betriebsart. 
Blofs in den Staatswaldungen ist man seit den 40er Jahren allmählich 
zu einer Überführung in Hochwald übergegangen, welche indessen 
naturgemäfs bis jetzt erst nur an wenigen Stellen sich dem Auge 
des Laien bemerkbar macht. Durch den Mittelwaldbetrieb erhält 
die Lothringische Waldlandschaft ein eigentümliches, von derjenigen 
der altdeutschen Grenzdistrikte nicht unwesentlich verschiedenes 
Gepräge. Da das Oberholz überall ziemlich gleichmäfsig verteilt ist, 
erscheint der ganze Wald gleichalterig, im Gegensatze zu den Gegen- 
den mit Hochwaldbetrieb, wo die verschiedenen Altersklassen von 
weitem sichtbar sind und grell von einander abstechen. 

In den sogenannten niederen Vogesen ist die Rotbuche, freilich 
überall mit Eichen durchsprengt, die herrschende Holzart. Seit 
längerer Zeit ist allerdings dfcrt auch die Kiefer künstlich eingeführt 
worden, von welcher bereits haubare oder wenigstens angehend hau- 
bare Bestände vorhanden sind. Hier war natürlich die Hochwald- 
form, freilich nach dem alten französischen wenig rationellen Ver- 
fahren des tire et aire (grofse Kahlschläge in lOOjährigem Umtriebe, 

•) Genaue Zahlen über die Verteilung der Holzarten und Betriebsver- 
hältnisse wären nur für die Staatswaldungen zu beschaffen gewesen und hätten 
daher kein richtiges Bild von dem Gesamtverhältnisse gegeben, weshalb von 
einer Wiedergabe hier abgesehen worden ist. D. V. 



— 29 — 

mit Überhalten von höchstens 20 Samenbäumen auf dem Hektar) von 
Anfang an üblich. Erst später ging man zum Mittelwaldbetrieb 
über, um jedoch bald, schon in den 30er und 40er Jahren, zum 
Hochwaldbetrieb, und zwar unter Einführung der aus Deutschland 
übernommenen rationelleren Samenschlagwirtschaft, wieder zurückzu- 
kommen. 

Südlich von der Eisenbahn Saarburg — Zabern überwiegt die 
Weifstanne, anfangs noch mit der Buche untermischt, weiter in den 
Hochthälern der Zorn und der beiden Saar alleinherrschend. Auch 
hier war der Hochwaldbetrieb stets üblich, früher als Plenterwirt- 
schaft, heute unter Anwendung der neueren Verjüngungsmethoden. 

Erträge. 

Bei der guten Entwickelung des Eisenbahnnetzes und dem 
Vorhandensein zweier Kanäle, welche gerade den waldreichsten Teil 
des Hügellandes durchfliefsen, hat der Absatz des Holzes, sowohl des 
starken Nutzholzes wie des besseren Brennholzes keine Schwierig- 
keiten, und sind die Preise, welche dafür erzielt werden, im Rahmen 
der allgemeinen Konjunkturen, durchaus befriedigend. Nur die 
Waldungen an der oberen Saar blieben noch bis vor kurzem unauf- 
geschlossen und es mufste das wertvolle Material an Ort und Stelle, 
meistens zu Brettern, und zwar auf noch ganz primitiv eingerichteten 
Sägemühlen aufgearbeitet werden. Durch den starken Windbruch 
von 1892, wo an die 180 000 Festmeter geworfen wurden, sah sich 
die Forstverwaltung neuerdings veranlafst eine Waldbahn zu bauen, 
welche nunmehr gestattet, Langhölzer in den Weltverkehr zu bringen. 
Diese Waldbahn hat sich vorzüglich bewährt und wird auch für 
später grofse Dienste leisten. 

Auch für die weniger wertvollen Sortimente, Reiserholz und 
kleines Stammholz, ist fast überall im Hügellande (im Gebirge freilich 
weniger) Absatzgelegenheit vorhanden. An manchen Orten hat sich 
der Verbrauch der Steinkohle als Feuerungsmaterial nicht recht ein- 
bürgern wollen, oder es ist, nachdem derselbe anfangs versucht 
worden war, eine Reaktion dagegen eingetreten, so dafs besseres 
Reisig eine lebhaft gesuchte Ware bleibt. Nicht wenig hat für die 
Beibehaltung des Holzes als Feuerungsmaterial der Umstand bei- 
getragen, dafs das Brennholz in den Gemeindewaldschlägen gegen 
eine mäfsige Taxe zwischen den Einwohnern verteilt zu werden 
pflegt. Ebenso findet bei der grofsen Verbreitung des Weinbaues 
das geringere Eichenstammholz als Rebpfählholz eine ausgedehnte 
Verwendung. 



— 30 — 

Nach von Loeper (die landwirtschaftlichen Verhältnisse von 
Lothringen) haben im Jahre 1891/92 brutto eingebracht:*^) 

die Staatswaldungen A 2 993 620,—, d. h. 60 M pro Hektar 

die Gemeindewaldungen . . » 1 626 116, — , d. h. 36 M » n 

Nebennntznngen • 

Umfangreiche Nebennutzungen giebt es in den Wäldern Loth- 
ringens nicht. Die Waldweide ist ziemlich überall aufgegeben, die 
Grasnutzung findet nur in sehr unerheblichem Mafsstabe statt. Auch 
ist im allgemeinen der Verbrauch von Waldstreu nicht üblich, viel- 
mehr werden deren Nachteile, sowohl für die Landwirtschaft wie 
für den Wald, allseitig anerkannt. Eine Ausnahme in dieser Be- 
ziehung machen nur einzelne Gegenden im Buntsandsteingebiet, in 
der Nähe der preufsischen und bayerisehen Grenze, wo der ewige 
Streit zwischen Forst- und Landwirtschaft zu einem befriedigenden 
Abschlufs noch nicht gelangt ist. Zum Ruhme der Kaiserlichen Forst- 
verwaltung sei jedoch hervorgehoben, dafs sie es bis jetzt verstanden 
hat, beiden Interessen nach MögUchkeit gerecht zu werden. Namentlich 
die Zuvorkommenheit, mit welcher bei Gelegenheit der Streu- und 
Futternot im Jahre 1893 der Landbevölkerung gegenüber der Wald 
geöffnet wurde, verdient hier hervorgehoben zu werden. Freilich 
muls hierzu gesagt werden, dafs die bisherige Zurückhaltung der 
Landwirte gestattete, dies vorübergehend zu thun, ohne wesentlich 
den Wald zu schädigen. 

Jagd und Fischerei. 

In den Staatswaldungen ist die Jagd zum Teil administriert,®) 
zum Teil verpachtet, in den Gemeindewaldungen bildet die Ver- 

^ Nach einer andern amtlichen Mitteilung hat der Einschlag in den 
Staatswaldnngen während des Wirtschaftsjahres 1892/93 betragen: 

an Nutzholz (einschl. Lohe) 110 478 Festmeter 

j. Brennholz, Derbholz 120 502 » 

9 n stockholz, Reisig . . 56 471 n 

zusammen 3,9 Festmeter pro Hektar. 

Die Erträge der Gemeinde- und der Privatwaldungen dürften nicht viel 
darunter stehen. D. V. 

^) Von den vorhandenen 73500 Hektar Staatsforsten sind 35009 ver- 
pachtet, der Rest also 38500 administriert. In dem letzteren Teil betrug der 
Abschufs von nützlichem Wild im vorigen Jahre: 

Rotwild 39 Stück 

Schwarzwild 67 » 

Rehwild 276 n 

Auerwild 1'^ » 

Haselwild ^3 

Hasen 1 165 

Ober das in den verpachteten Teilen sowie in den übrigen Waldungen 
abgeschossene Wild lassen sich natürlich Zahlen nicht angeben. D. V, 






— 31 — 

Pachtung die allgemeine Regel, während die Privatwaldungen den 
Bestimmungen des Jagdgesetzes vom Jahre 1880 unterliegen, wonach 
die Jagd nur auf zusammenhängenden Flächen von mindestens 25 ha 
selbstständig ausgeübt werden darf, auf kleineren dagegen im 
Zusammenhange mit den übrigen Grundstücken verpachtet werden 
mufs. Diese letztere, das bisherige sogenannte Patentsystem beseitigende 
Bestimmung hat zur Hebung der Jagdverhältnisse im ganzen Reichs- 
lande, und so auch in Lothringen, ungemein beigetragen. Noch 
hier und da beeinträchtigt zwar die leidige Angewohnheit der ein- 
heimischen Jagdliebhaber, mit Bracken zu jagen, das Aufkommen 
eines starken Rehstandes, im grofsen und ganzen können aber heut- 
zutage für einen nicht gar zu verwöhnten Jünger Dianas, die Jagd- 
verhältnisse in Lothringen, soweit die mittlere und niedrigere Jagd 
in Betracht kommt, als befriedigend bezeichnet werden. 

An Hochwild kommt Rotwild im südlichen Teil der Vogesen 
vor ; unter der Administration der deutschen Forstleute hat sich das- 
selbe sogar ziemlich stark vermehrt, so dafs es jetzt allmählich in die 
grölseren Waldkomplexe des Hügellandes übertritt. Auch in die 
Kahlenhofener Forsten wechselt mitunter das Rotwild aus dem 
preulsischen Kreise Saarburg herüber, und es ist somit zu erwarten, 
dafs mit der allmählichen Durchführung der Hochwaldwirtschaft sich 
allenthalben wenigstens in den grofsen Forsten ein Rotwildstand 
bilden wird. 

Schwarzwild kommt in fast allen Waldungen des Hügellandes 
vor, und zwar in einer Menge, die für die angrenzenden Landwirte 
nicht immer angenehm ist, so dafs darüber manche Klagen geführt 
werden. Bei der Einteilung der Jagdreviere ist jedoch eine wesent- 
liche Verminderung dieser zu grofsen Wanderungen bekanntlich 
geneigten Wildart ziemlich ausgeschlossen, so lange man sich nicht 
dazu entschliefst, deren Abschufs besonderen, mit weitgehenden 
Befugnissen ausgerüsteten Jagdbeamten ohne Rücksicht auf die Jagd- 
besitzer bezw. Pächter zu übertragen, wozu vorderhand keine Aus- 
sicht vorhanden ist. In den Forsten von RemiUy und St. Avold und 
den angrenzenden Gebüschen kommt auch noch der Wolf vor. 
Gegen dessen vollständige Vertilgung liegen dieselben Schwierigkeiten 
vor, wie gegen die Verminderung des Schwarzwildstandes, immerhin 
ist doch seit den letzten Jahren eine nicht unbedeutende Abnahme 
zu verzeichnen. 

Auerwild begegnet man nur in den höher gelegenen Teilen 
der südUchen Vogesen; ßirkwild war bis vor kurzem nicht vor- 
handen, ist aber seit vier Jahren, und zwar mit grofsem Erfolg, in 



— 32 — 

den Nadelholzrevieren der Vogesen eingeführt worden. Ein Abschufs 
desselben hat indessen noch nicht stattgefunden. Fasanerien giebt 
es nur wenige, auf einigen Privatgütern. 

Eine mit dem Waldbesitz zusammenhängende Fischerei kommt 
eigentlich blofs in den Vogesen vor. Neuerdings ist viel zu deren 
Hebung, namentlich durch Aussetzen von Forellenbrut, geschehen. 

Waldrecht und Gesetzgebung, Servituten, Frevel u. a. 

Mafsgebend für die Rechtsverhältnisse des Waldes im Reichs- 
lande ist der aus französischer Zeit stammende Code forestier von 1824. 
Derselbe stellt die Waldungen des Staats, der Gemeinden und der 
öffentlichen Anstalten unter die Staatsforstverwaltung, läfst dagegen 
die Privatforsten, bis auf das Roden, vollständig frei. Das Roden 
kann jedoch nur untersagt werden, wenn Gründe des allgemeinen 
Interesses, welche im Gesetz namentlich aufgeführt sind, vorliegen. 
Servituten und Berechtigungen können auf Antrag der belasteten 
Waldbesitzer abgelöst werden, und zwar bei Holzrechten durch Ab- 
tretung einer entsprechenden Waldfläche, bei andern Rechten durch 
Geldentschädigung. 

Von dieser Befugnis haben seit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes 
die meisten Waldbesitzer einschliefslich des Staates den umfang- 
reichsten Gebrauch gemacht und es bestehen heutzutage, wenn man 
von den Waldungen der ehemaligen Grafschaft Dagsburg absieht, 
wo gegen eine Ablösung grofse juristische und technische Schwierig- 
keiten vorliegen, nur noch wenige Berechtigungen, deren Ablösung 
im übrigen entweder bereits im Gange oder wenigstens in Aussicht 
genommen ist. Auch strafrechtliche, und zwar ziemlich strenge Be- 
stinunungen enthält das genannte Gesetz, für deren Anwendung in 
Lothringen allerdings selten Gelegenheit vorliegt, denn es dürfte kaum 
ein Land geben, wo so wenig Waldfrevel vorkommen wie hier. So 
recht kennzeichnend für den gesetzlichen Sinn und die Ordnungsliebe 
der lothringer Bevölkerung ist folgende Erzählung des Forstmeisters 
Bernhard, die ich mir nicht versagen kann hier wiederzugeben. 
B. wurde Ende 1870 nach Lothringen berufen, um die deutsche 
Verwaltung zu organisieren, und bereiste zu diesem Zwecke die ver- 
schiedenen Wälder des Landes. Im Dezember 1870 kam er nach 
dem Forst von Lubeln (Teil des St. Avolder Forstes). „Der Wald, so 
erzählt er nun, war ganz ohne Schutz, alle französischen Waldwärter 
hatten den Dienst versagt, deutsche Förster waren nicht disponibel. 
Ich durchstreifte den Komplex in Begleitung eines preuTsischen 
Oberförsterkandidaten. Wir fanden keine Spur von Diebstahl, wohl 



— 33 — 

aber grofse Haufen frisch gerodeten Stockholzes, welches ordnungs- 
mäfsig aufgesetzt war, auch bald zahlreiche Landbewohner, welche 
mit dem Roden der alten Stöcke beschäftigt waren. Auf meine 
Anfrage, wer ihnen Erlaubnis zur Entnahme des Stockholzes gegeben 
hätte, antworteten sie, in eherbietigster Weise, dafs sie kein Holz 
gehabt und in schlimmer Lage gewesen seien ; früher habe man ihnen 
gegen Arbeitsleistung oder Bezahlung das Stockroden gestattet, von 
der Existenz einer deutschen Forstbehörde sei ihnen keine Kunde 
geworden. Der Maire (Ortsvorsteher) habe sie deshalb zum Roden 
ermächtigt, sie seien zu jeder Gegenleistung bereit. Diese braven 
Leute, fügt B. hinzu, zogen also dem so leichten und gänzlich ge- 
fahrlosen Holzdiebstahl das mühevolle Stockroden bei gefrorenem 
Boden vor. Giebt es in Deutschland viele Gegenden, wo in gleichem 
Falle die gesetzliche Ordnung ebenso geachtet worden wäre?" 

Verwaltung. 

Oberste Forstbehörde für ganz Elsafs-Lothringen ist das Kaiser- 
liche Ministerium in Strafsburg, in dessen lU. Abteilung (für Finanzen, 
Domänen und Forsten) ein Landforstmeister mit dem Range eines 
Ministerialrats als Dezernent fungiert. Dem Ministerium ist auch 
eine Forstplankammer und ein Forsteinrichtungsbüreau unterstellt. 
Als lokale Oberbehörde fungiert für Lothringen die Forstdirektion, 
früher vollkommen selbständig, seit einem Jahrzehent als selbständige 
Abteilung mit dem Bezirkspräsidium in Metz verbunden, bestehend 
aus einem Oberforstmeister und vier Inspektionsbeamten (Forsträten). 
Die eigentliche Verwaltung, sowohl der Staats- wie der Gemeinde- 
und Anstaltswaldungen ist 23 Oberförstern, von denen die älteren 
neuerdings den Titel Forstmeister führen, übertragen. Den Forst- 
schutz besorgen 138 Staatsförster, 30 Forstaufseher und 73 Gemeinde- 
förster, zusammen also etwa 240 Forstschutzbeamten. Die Organi- 
sation der Forstverwaltung, die allgemeinen Dienstinstruktionen, 
sowie die Regulative für die Anstellung und Ausbildung des Forst- 
personals sind den einschläglichen preufsischen Bestimmungen zum 
gröfsten Teil entnommen. Im Privatdienst, selbst bei der Verwaltung 
der gröfseren Privatforsten, sind akademisch gebildete Forstleute 
nicht angestellt. 

Schlafsbetrachtungen. 

Dafs unter den geschilderten Verhältnissen in jeder Beziehung 
der Wald in Lothringen einen Hauptfaktor bildet, und dessen 
Schicksal, sowie dessen Verwaltung und Bewirtschaftung die mannig- 
fachsten Interessen berührt, ist einleuchtend, und nicht mit Unrecht 

Geogr. Blätter. Bremen, 1895. 3 



— 34 — 

wird vielfach hervorgehoben, dafs der Forstbeamte im Reichslande 
einer der Hauptpioniere des Deutschtums, ein Hauptfaktor der 
Germanisierung ist. Ohne aber anf diese mehr moralischen Gesichts- 
punkte näher einzugehen, genügt schon ein blofser Blick auf die 
wirtschaftlichen Verhältnisse, um die Bedeutung des Waldes zu 
zeigen. An seinen Staatswaldungen hat wie im Elsafs so auch in 
Lothringen das Reichsland eine reiche Einnahmequelle und auch bei 
den Gemeinden hilft vielfach der Wald den immer mehr in Anspruch 
genommenen Etat im Gleichgewicht zu erhalten. Durch die Brenn- 
holzabgaben aus den Gemeindewaldungen werden die Vermögens- 
unterschiede in der Landbevölkerung einigermafsen ausgeglichen, und 
es wird dadurch einem Notstand unter den weniger wohlhabenden 
entgegengesteuert. Bei dem besser situierten Grundbesitzer bildet der 
Wald die Reservekasse, aus der er bei schlechten Zeiten schöpfen 
kann ; manchem hilft er heutzutage den Ausfall der Pachtgelder aus- 
zuhalten und bessere Zeiten abzuwarten. Dem Landarbeiter — in 
Lothringen ist derselbe meist am Grundbesitz beteiligt und daher an 
die Scholle gebunden — bietet der Wald im Winter Gelegenheit zum 
lohnenden Arbeitsverdienst, was für ihn um so willkommener ist, als 
bei dem allgemeinen mehr extensiven landwirtschaftlichen Betriebe, 
meist nur in der Erntezeit Arbeiter beschäftigt zu werden pflegen. 

Die vorhandene] Bewaldung von nicht ganz 26 ^/o kann im grofsen 
und ganzen als eine ausreichende und normale betrachtet werden, 
wenn auch manche kahle Fläche besser ihrer früheren Bestimmung, 
dem Porstbetriebe, wiederzugeben wäre. Bei Andauer der jetzigen 
landwirtschaftlichen Konjunkturen werden übrigens wieder Auf- 
forstungen in grösferem Mafsstabe sicherlich mit der Zeit erfolgen. 
Dafs aber selbst bei einer Rückkehr besserer Zeiten für unsre 
Landwirtschaft erhebliche Verringerungen der Waldfläche, wie sie in 
der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vorgekommen, wieder ein- 
treten werden, dürfte kaum zu erwarten sein. Drei Viertel der 
Wälder Lothringens gehören dem Staate und den Gemeinden, und 
deren Schicksal liegt in guten Händen. Und was das andre Viertel 
betriflft, die Privatwaldungen, so bürgen sowohl die bisherigen Er- 
fahrungen, wie der konservative Sinn der Lothringer Grundbesitzer 
dafür, dafs Fehler, wie sie vor 50 Jahren begangen wurden, in 
Zukunft nicht mehr gemacht werden und die vom Gesetze gewährte 
Freiheit nicht mifsbraucht wird. 

Wenn auch im lothringischen Hügellande der Wald fast nirgends 
auf eigentlichem (sog. absoluten) Waldboden steht, so giebt es am 
vorhandenen Ackerboden doch genug zu verbessern, ehe man wieder 



— 35 — 

in die Versuchung kommt, neues Land zu gewinnen. Und wer sieht, 
was die Wälder sowohl der reichen Grundbesitzer wie der kleineren 
uud kleinsten Bauern, wiewohl ohne besondere Pflege, für ein schönes 
und reiches Material enthalten, dem wird über die Zukunft unsrer 
Privatwälder nicht bange. 

So werden denn voraussichtlich noch im weitern Laufe der 
Jahrhunderte die altehrwürdigen Tannen- und Buchenbestände der 
Schmuck des schönen Wasgaus bleiben, und wenn der Spruch des 
französischen Forstmannes wahr ist, dafs die göttliche Vorsehuilg 
die Eiche neben der Rebe wachsen läfst, damit der Winzer Stütz- 
material und Fafsholz gleich bei der Hand habe, — der sich allent- 
halben in letzter Zeit entwickelnde Weinbau Lothringens mit der Be- 
friedigung seiner Bedürfnisse nicht so bald in Verlegenheit sein! 



Über die Stellung und Behandlung der Wirtschafts- 
geographie im Schulunterricht. 

Von A« Oppel in Bremen. 

Wesen und Bedeutung der Wirtschaftskunde für den Schulunterricht. Vernach- 
lässigung derselben. Notwendigkeit, die Wirtschaftskunde sowohl in den geschicht- 
lichen als in den geographischen Unterricht einzufügen. — Behandlung der Wirt- 
schaftskunde im geographischen Unterrichte : a. auf der Unterstufe, b. auf der 
Mittelstufe, c. auf der Oberstufe. — Hilfsmittel für den wirtschaftlichen 

Unterricht. 

Die Forderung, man möge im Schulunterricht die Wirtschafts- 
geographie mehr als bisher berücksichtigen, ist in neuerer Zeit viel- 
fach und von verschiedenen Seiten gestellt und sowohl auf die niederen 
Schulen als auf die höheren, wie man in Deutschland, oder die 
Mittelschulen, wie man in Österreich sagt, bezogen worden, und 
das ist mit vollem Rechte geschehen. Denn die Wirtschaftsgeographie 
— man spricht auch von Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftskunde 
u. a., aber diese Ausdrücke bezeichnen im Grunde dasselbe — bildet 
in erster Linie einen hervorragenden Bestandteil derjenigen Unter- 
richtsfächer, welche sich mit dem Völkerleben in Gegenwart und 
Vergangenheit befassen, also der Geschichte sowie der Länder- und 
Völkerkunde. Denn wenn man die betreffenden Gesichtspunkte aus 
der Wirtschaftskunde vernachlässigen wollte, so würde die Dar- 
stellung vieler Teile der Völkervorgänge in Vergangenheit und 
Gegenwart falsch oder unvollständig ausfallen. Die Wirtschafts- 
kunde gehört also so zu sagen inhaltlich zur Völkerlehre und bildet 
einen der wichtigsten und wesentlichsten Bestandteile derselben. 

3* 



— 36 — 

Der Umstand, dafs man die Wirtschaftskunde bis in die neueste 
Zeit hinein vernachlässigte, erklärt sich teils aus dem Mangel an 
Zeit — bekanntlich ist besonders die Geographie nur kärglich 
in den Stundenplänen bedacht — teils auch aus Unterschätzung 
dieses Unterrichtsgegenstandes sowie aus Überschätzung und daher 
Bevorzugung der andern Teile des Völkerlebens. Der Geschichte, 
wie sie herkömmlicherweise in den Schulen gelehrt wird, kann man 
den Vorwurf nicht ersparen, dafs sie sich zu sehr abmüht um die 
Elinprägung von Jahreszahlen, Personennamen und kriegerischen Er- 
eignissen. Wenn nun auch diese Dinge in dem Unterrichte nicht 
fehlen dürfen und auf sichere Erfassung und Einprägung derselben 
seitens des Lehrers der nötige Nachdruck gelegt werden mufs, da sie 
eben das architektonische Gerippe der geschichtlichen Kenntnis 
bilden, äo darf man sich anderseits^ nicht verhehlen, dafs dieses 
keinen Halt haben kann, wenn es nicht mit einem entsprechenden 
Inhalte umkleidet und ausgefüllt wird. Dazu aber ist die Wirtschafts- 
kunde nicht nur geeignet, sondern sogar unumgänglich notwendig. Denn 
wenn eine der Hauptaufgaben der Geschichte darin besteht, die 
Umgestaltungen des Völkerlebens nicht nur vorzuführen, sondern 
auch zu begründen und begreiflich zu machen, so kann dies gar 
nicht geschehen ohne Hinweis und Darlegung der betreffenden wirt- 
schaftlichen Zustände, denn diese bilden entweder vielfach die alleinige 
oder doch eine wesentliche Ursache der staatlichen Veränderungen 
und politischen Ereignisse. 

Ebensowenig aber wie der Geschichtsunterricht kann auch die 
Schulgeographie von dem Vorwurf befreit werden, dafs sie der Wirt- 
schaftskunde nicht die genügende Beachtung geschenkt hat. Zwar — 
wird man einwenden — giebt es kein Lehrbuch der Geographie, das 
nicht bei den einzelnen Ländern die wichtigeren Erwerbszweige aufzählte 
und deren Leistungen wohl auch durch Zahlen oder sonstwie er- 
läuterte, aber es läfst sich doch nicht leugnen, dafs die Beschäftigung 
mit Wirtschaftskunde sehr gegen die andern Teile des Geographie- 
unterrichts zurücktritt. Erklärlich und notwendig ist dies selbst- 
redend auf der untersten Unterrichtsstufe, wo eben der Lehrer genug 
damit zu thun hat, die wichtigsten Grundlagen: Anschauungslehre 
und Kartenverständnis sowie einen allgemeinen Überblick über das 
Erdganze zu schaffen. Der oben erhobene Vorwurf richtel sich also 
nicht gegen die Unterstufe, sondern ausschliesslich gegen die Mittel- 
und Oberstufe, auf denen zugestandenermafsen die Wirtschaftskunde 
nicht so eingehend behandelt zu werden pflegt, als es die Bedeutung 
des Gegenstandes und das Interesse der Jugendbildung erheischt. 



— 37 — 

Vielfach begreift man noch nicht, dafs die Kenntnis der Meere und 
Meeresteile, der Länder und ihrer Gestalten, des Klimas, der Pflanzen, 
Tiere u. s. w. in letzter Linie nicht Selbstzweck des Schulunterrichts 
bilden darf, sondern dafs diese Dinge, deren Einzelwert man natürlich 
nicht zu verkennen braucht, die Voraussetzung für etwas Höheres 
bilden, nämlich für das Erfassen der treibenden Kräfte im 
Völkerleben und vor allem für die Gedankenbildung. So nötig 
es ist, gewisse elementare und reingeographische Thatsachen kräftig 
in den Vordergrund zu stellen und dem Gedächtnis des Schülers 
einzuprägen, so sicher ist es, dafs diese Thätigkeit nur einen Teil 
des Unterrichts bilden darf und zwar denjenigen, welcher sich mit 
dem architektonischen Gerippe des Geographieunterrichtes befafst. 
Auch hier mufs das Gerippe umkleidet und ausgefüllt werden, und 
dazu ist die Wirtschaftskunde durch ihr Wesen ebenfalls berufen. 

Wenn aber die eingangs erwähnte Forderung gerade in der 
ilfeuesten Zeit mehrfach erhoben worden ist, so geschah dies wohl 
hauptsächlich unter dem Drucke der neuzeitlichen Verhältnisse. 
Denn niemals in der ganzen Geschichte ist wohl die Bedeutung des 
wirtschaftlichen Lebens klarer zum Ausdrucke gekommen, als 
im Laufe dieses Jahrhunderts; liegt doch das wesentliche Merkmal 
dieses Zeitabschnittes geradezu ausgedrückt in dem beispiellosen 
Aufschwung der wirtschaftlichen Thätigkeit der modernen Kultur- 
Völker und in den Folgen, welche damit verknüpft sind: Über- 
produktion an Gütern und Menschen und klaffende Gegensätze 
zwischen Arm und Reich. 

Als ein natürlicher Reflex dieser grofsartigen, zugleich aber 
gefahrdrohenden Bewegung giebt sich nun der Wunsch kund, einer- 
seits die heranwachsende Jugend mit den darauf bezüglichen Vor- 
gängen und ihren Folgen bekannt zu machen, anderseits dieselbe für 
den wirtschaftlichen Kampf,- in den ja jeder eintreten wird, nach 
bestem Können und Vermögen auszm'üsten. 

Dieser Wunsch ist vollberechtigt, und die Schule in ihren ver- 
schiedenen Stufen darf ihn nicht unerfüllt lassen. Um dies zu thun, 
sind die beiden vorher erwähnten Unterrichtsfächer, die Geschichte 
und die Geographie, sowohl befähigt als auch verpflichtet, jedes auf 
seine eigne Weise und ohne das andere zu stören oder überflüssig 
zu machen. Die Geschichte wird sich dabei auf die Völker des 
mittelländischen Kulturkreises beschränken und zu zeigen haben, in 
welcher Weise sich die wirtschaftlichen Bedingungen und Leistungen 
im Laufe der Zeit umgestaltet haben, insbesondere auch, aus welchen 
Gründen diese Umgestaltungen vor sich gingen. Der Geographie 



— 38 — 

hingegen fällt die Aufgabe zu, die gegenwärtige Lage des wirtschaft- 
lichen Lebens der Völker darzustellen ohne Beschränkung auf die 
mittelländische Kultur, vielmehr in Ausdehnung auf die gesamte 
Menschheit 

Wenn also darüber kein Zweifel besteht, dafs auch die Geo- 
graphie befähigt und verpflichtet ist, sich mit der Wirtschaftskunde 
zu befassen, so wird es nun darauf ankommen, festzustellen, in 
welcher Weise der Unterricht zu betreiben sei. Dieser Betrieb wird 
aber, so verschiedenartig die Schulen auch sein mögen, das eine 
gemeinsame Merkmal haben müssen, dafs man nicht mit allgemeinen 
Erörterungen und mit systematischer Darstellung beginnt, sondern 
vielmehr die betreffenden Belehrungen an die einzelnen Länder und 
Landesteile knüpft, wie es vernünftigerweise vielfach auch schon 
längst geschieht. Aber dabei darf die Wirtschaftskunde weder auf 
der Volksschule noch auf den höheren Anstalten, als Realschulen, 
Oberrealschulen, Realgynmasien, Gymnasien u. s. w. stehen bleiben, 
denn sonst würde die Sache eben das dürftige Stückwerk bleiben, 
das es gegenwärtig vielfach noch ist. Vielmehr mufs auch diesem 
Unterrichtsgegenstand das Ziel gesteckt werden, das Ganze zu er- 
fassen und zu überschauen, weil nur daraus das richtige Verständnis 
dieses so wichtigen Zweiges des Volkslebens sowie die zutreffende 
Beurteilung der Stellung der einzelnen Völker und der einzelnen 
Erwerbszweige hervorgehen kann. 

Ist also das Ziel des Unterrichtes unter allen Umständen 
dasselbe, so wird sich dagegen, je nach der Art der Schule, die 
Einzelbehandlung, vornehmlich aber die Stoffverteilung verschieden 
gestalten. Da sich die Volksschule meiner praktischen Erfahrung 
entzieht, so gehe ich darauf nicht ein, sondern verweise auf eine 
Reihe von Schriften*), welche den Betrieb der Wirtschaftskunde in 
der Volksschule behandeln, ohne jedoch ein vollständiges Verzeichnis 
derselben geben zu wollen. 

Die nachstehenden Bemerkungen beziehen sich auf Erfahrungen 
und Bemühungen, welche von mir in vieljähriger Thätigkeit an 

*) Fache, Gesetzeskunde und Volkswirtschaftskunde, Wittenberg, Herros6. 

— Fatuschkaj Volkswirtschaft und Schule. Gotha, Behrend, 1888. — Patuschka, 
Volkswirtschaftliches Lesebuch, ebenda, 2. Auflage, 1891. — Fatuschka, Volks- 
wirtschaftliche Ergänzungen zum Lehrstoff der Volksschule. Berlin, Dümmler, 1888. 

— Patuschka, Einfügung volkswirtschaftlicher Belehrung in den Lehrstoff der 
Volksschule. Jena 1889. — L. Mittenzwey, Gesetzeskunde und Volkswirtschafts- 
lehre. Gotha, Behrend. — L. Mittenzwey, Vierzig Lektionen über die vereinigte 
Gesetzeskunde und Volkswirtschaftslehre. Ebenda. — H, Mahraun, Volks- 
wirtschaftliches Lesebuch zum ünterrichtsgebrauch. Berlin, Heymann, 1893. 



— 39 — 

einem neunklassigen Realgymnasium, bei dem der geographische 
Unterricht bis nach Prima durchgeführt ist, angestellt worden sind. 
Diese werden sich ohne Schwierigkeit auf die Oberrealschule und 
mit geringen Veränderungen auch auf die Realschule übertragen 
lassen. Das Gymnasium hat sich bedauerlicherweise noch nicht 
herbeigelassen, dem geographischen Unterricht eine Ausdehnung nach 
oben hin zu geben und so wird hier wohl die Einfügung der Wirt- 
schaftskunde in der nachstehenden Auffassung ein frommer Wunsch 
bleiben. 

Wie bereits bemerkt, wird man in den untern Klassen — Sexta 
bis Quarta — mit Rücksicht auf die sonstigen Lehraufgaben sowie 
wegen der noch nicht genügend entwickelten Fassungskraft der Schüler 
davon absehen, die Wirtschaftskunde in den regelmäfsigen ünter- 
richtsgang einzufügen. Das schliefst nicht aus, dafs bei passender 
Gelegenheit entsprechende Mitteilungen eingeflochten werden. Wenn 
man z. B. bei Behandlung der auswärtigen Erdteile auf die Natur- 
völker zu reden kommt, so wird man gewifs nicht unterlassen, zu 
erzählen, womit siöh dieser oder jener Stamm vorzugsweise beschäftigt 
und wovon er lebt. Solche Erzählungen dienen ja zugleich zur 
Belebung des Unterrichts und zur Aufrechterhaltung des sachlichen 
Interesses, das bei den auf dieser Stufe vorwaltenden formalen 
Übungen nicht selten zu erlahmen droht und daher in geeigneter 
Weise durch Erzählungen aus dem Leben einfacher Völker wach- 
gehalten werden mufs und kann. Auch das Vorkommen von allgemein 
bekannten Pflanzen, namentlich von Eulturgewächsen, und Tieren giebt 
Anlafs zu solchen gelegentlichen Mitteilungen aus der Wirtschaftskunde. 

Eine regelmä/sige und systematische Berücksichtigung derselben 
darf aber nach Zurücklegung der Unterstufe, also von Untertertia 
an, nicht unterbleiben und mufs von da an kräftiger hervortreten. 
Wenn, wie es bis zu der neuen Unterrichtsordnung von 1892 wohl 
fast allgemein der Fall war, in Untertertia die europäischen Länder 
mit Ausschlufs des Deutschen Reiches behandelt werden, so lassen 
sich wirtschaftliche Belehrungen in trefiFlicher und anregender Weise 
schon an die sogenannte physikalische Geographie anknüpfen. Denn die 
geographische Lage, die Bodengestaltung, das Mineralvorkommen, das 
Klima und der natürliche Pflanzen wuchs, gelegentlich auch der Tierreich- 
tum bilden unter allen Umständen die Grundlage des Erwerbslebens. Man 
wird dem Schüler mit Leichtigkeit verständlich machen können, warum 
z. B. in Norwegen der Ackerbau im Gegensatz zu den meisten 
Ländern Europas nicht den Haupterwerbszweig bildet, sondern der 
Fischfang und die Schiffahrt, sodann die Viehzucht und die Holz- 



— 40 — 

Verarbeitung. Ferner, bei England kann unter Hinweis auf die 
notorische Holzarmut des Landes die Notwendigkeit hervorgehoben 
werden, nach einem Ersatz zu suchen, der in der Kohle gefunden 
wurde; die frühzeitige Ausbeute und Anwendung der Steinkohle 
bildet ja aber bekanntlich einen der wichtigsten Erklärungsgründe 
für die Vormachtstellung Englands auf dem Gebiete der Grofsindusrie 
und der Schiffahrt. Aber nicht nur die Natur ist es, welche das 
wirtschaftliche Leben der Völker bedingt, sondern auch deren 
Charakter und Schicksal. Bei der Zeichnung der Volkscharaktere 
wird man daher auch diejenigen Eigenschaften hervorheben, welche 
auf das Erwerbsleben Bezug haben, und man wird zeigen, wie durch 
das Vorhandensein oder das Fehlen gewisser Begabungen bestinmite 
Erwerbszweige, namentlich auf dem Gebiete der Industrie, zur Blüte 
gelangten oder unentwickelt blieben. So erklären sich z. B. aus der 
Formbegabung und der Veränderlichkeit des französischen Volkes, 
Eigenschaften, welche bereits Caesar an den alten Galliern beobachtet 
hatte, sowohl dessen hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der 
Kunst und Kunstindustrie, als auch namentlich in dem Zweige der 
feineren Modeartikel, indem einerseits die Formbegabung, anderseits 
das veränderliche Wesen — „rebus novis studere" — auch in diesem 
Sinne zum Ausdrucke gelangt. Ferner kann man es z. B. als ein 
Zeichen des Fleifses und der Ausdauer der Schweizer hinstellen, 
dafs sie auf dem Felde des Schiffsbaues und der Eisenindustrie An- 
sehnliches leisten, obwohl ihnen ihr Land weder Eisen noch Kohlen 
in genügender Menge liefert. 

Doch genug der Beispiele aus dem Lehrstoff der Untertertia! 
Dieselben wurden angeführt, um zu zeigen, dafs und wie sich die 
Belehrungen aus der Wirtschaftskunde organisch in die Darstellung 
der Länder- und Völkerkunde einfügen und dafs dieselben in diesem 
Zusammenhange keineswegs als etwas Fremdartiges auftreten. Es 
versteht sich aber von selbst, dafs bei der Entwickelung des Er- 
werbswesens nicht nur dessen Hauptzweige hervorgehoben und aus 
der Beschaffenheit von Land und Volk erklärt werden, sondern es 
müssen auch an geeigneten Stellen etwas längere und ausführlichere 
Beschreibungen gegeben werden. Dazu eignen sich z. B. der Fischerei- 
betrieb auf den Lofoten, die Alpwirtschaft in den höheren Gebirgen, 
die Viehzucht auf den Pufsten Ungarns und den Steppen Südrufs- 
lands, der Bodenbau in der Potiefebene und in Süditalien (Terrassen- 
kultur), die Gewinnung von Korinthen im Peloponnes u. s. w. 

Auch in dem Lehrstoff der Obertertia, welcher die aufser- 
europäischen Erdteile umfafst, geben sich ungesucht viele Anlässe 



— 41 — 

ZU Belehrungen über Wirtschaftskunde. Am meisten ist dies in 
Amerika, namentlich in den Vereinigten Staaten der Fall, und es 
ist eine ebenso anziehende und lohnende wie fast rein wirtschafts- 
geographische Aufgabe, den beispiellosen Aufschwung, den dieses 
Land im Laufe dieses Jahrhunderts genommen hat, zu beschreiben, 
um nur einiges wenige hervorzuheben, wird man z. B. darauf hin- 
weisen, dafs die Verteilung der Mineralschätze für die Entwickelung 
des Landes insofern von höchster Bedeutung ist, als die sogenannten 
schwarzen Metalle, Kohle und Eisen, gerade im Osten vorkommend, 
das Material zum Bau und Betriebe von Eisenbahnen und Dampf- 
schiffen an die Hand gaben, mit denen man schnell in das Innere 
gelangen konnte. Hier nun breiten sich die für Ackerbau höchst 
geeigneten Flachlandstrecken aus; wo aber diese aufhören, die öde 
Steppe und nach dieser das Gebirge der Rocky Mountains beginnt, 
da befinden sich grossartige Fundstätten von Edelmetallen, den 
einzigsten, aber auch zugkräftigsten Magnet bildend, welcher die 
Bevölkerung in diese unwirtlichen Gegenden zu locken im stände war. 
Hochinteressant ist ferner die Ausführung über die Bedeutung des 
Eisenbahnwesens in Nordamerika. Wenden wir uns zu Südamerika, 
so sind zwar die wirtschaftlichen Leistungen bei weitem nicht so 
verblüffend wie im Norden, aber es findet sich hier eine hübsche 
Gelegenheit zu lokaler Abgrenzung gewisser Haupterwerbszweige; 
so sind die Anden charakterisiert durch das Vorwalten des Berg- 
baus, dessen teilweise primitiver Betrieb in einem anschaulichen Bilde 
geschildert werden mag; das Stromgebiet des Parana-Paraguay ist 
das Eldorado der Viehzucht, das äquatoriale Südamerika dagegen 
der Lieferant vieler wichtiger tropischer Pflanzenerzeugnisse sowohl 
für eignen Bedarf als auch für die Ausfuhr. Auch bei den andern 
Erdteilen giebt sich ungesucht Anlafs zu wirtschaftsgeographischen 
Belehrungen, welche dann später bei den zusammenfassenden Wieder- 
holungen als leitende Gesichtspunkte dienen können und den Blick 
und die Vorstellungskraft erweitern helfen. Solche Aufgaben sind 
z. B. das Vorkommen der Viehzucht oder der Edelmetalle in den 
verschiedenen Erdteilen, die verschiedenen Arten des Verkehrs, die 
wichtigsten Ausfuhrgegenstände u. a. m. Auf die Bedeutung von 
Kolonien kann schon hier aufmerksam gemacht werden. 

In der folgenden Klasse, in Untersekunda, in der eine ein- 
gehende Behandlung des Detdschen Reiches vorgenommen wird, darf 
natürlich die Wirtschaftskunde nicht fehlen, aber sie darf nicht nur 
lokal brtrieben werden, d. h. in der Weise, dafs man bei Besprechung 
der einzelnen Landesteile und Ortschaften die vorwaltenden Erwerbs- 



— 42 — 

zweige erwähnt, sondern es mufs bereits der Anfang zu einer syste- 
matischen Darlegung des Erwerbswesens gemacht werden. Und das 
ist um so nötiger, als bekanntlich nach Erwerb der Berechtigung 
zum einjährigen Dienst viele Schüler in das öffentliche Leben über- 
treten. Diese aber sollten doch aus der Schule einen wenn auch 
nur orientierenden Überblick über das Ganze des Erwerbslebens mit- 
nehmen. In Untersekunda wird also eine systematische Darlegung 
des letzteren Platz greifen, etwa in der Weise, dafs von den Haupt- 
arten der Produktion: l) ßohproduktion, 2) Gewerbe und Industrie, 
3) Handel und Verkehr ausgegangen wird. Bei der Anwendung 
dieser Hauptgesichtspunkte und ihrer Unterabteilungen auf das 
Deutsche Reich wird man stets zwischen wirtschaftlichen Voraus- 
setzungen und wirtschaftlichen Leistungen zu unterscheiden, und wo 
die letzteren den ersteren nicht entsprechen, zu erklären haben, 
warum dies der Fall ist. Auch empfiehlt es sich an geeigneten 
Stellen Vergleiche zwischen dem Deutschen Reiche und den fremden 
Staaten zu ziehen, doch mufs man sich hüten, zu tief in statistische 
Einzelheiten einzudringen, vielmehr wird es genügen, wenn man 
vom Deutschen Reiche ausgehend diejenigen Staaten nennt, welche 
mehr oder weniger auf dem gleichen Wirtschaftszweige leisten und 
diese dabei in einfaches Verhältnis bringt. Eine besondere Aufmerk- 
samkeit ist dem Verkehrswesen im Binnenlande sowie mit dem Auslande, 
weil ja unsre Zeit unter dem Zeichen des Verkehrs steht, zu widmen. 
Endlich erscheint es auch wünschenswert, dafs der Schüler ein 
richtiges Bild von der gegenwärtigen Stellung der wichtigsten Staaten 
zu einander erhält und dafs sein Verständnis dafür geweckt wird, 
warum grofse Länder in der neueren Zeit in den Vordergrund, andre 
dagegen in den Hintergrund getreten sind. Vor allem aber gilt es, 
dem Schüler klar zu machen, worin die schwierige wirtschaftliche 
Stellung Deutschlands beruht und welcher Anstrengungen es bedarf, 
um die weiter fortschreitende Entwickelung unsers Vaterlandes im 
Innern und seiner Beziehungen zum Auslande zu fördern Hier findet 
auch das Kolonialwesen passenden Anschlafs. Solche Darlegungen 
werden nicht ohne geschichtliche Rückblicke gegeben werden können, 
aber da in Untersekunda bereits eine orientierende Kenntnis der 
vaterländischen Geschichte vorhanden ist und da man voraussetzen 
mufs, dafs auch bei diesem Unterrichte auf wissenschaftliche An- 
gelegenheiten eingegangen worden ist, so bedarf es eben nur eines 
Hinweises, um die Anknüpfung zwischen Gegenwart und Vergangen- 
heit zu vollziehen. 



— 43 — 

Mit Untersekunda schliefst die Mittelstufe des geographischen 
Unterrichtes ab, und leider verschwindet er von nun an auf vielen 
Schulen gänzlich vom Lehrplane, wenigstens als selbständiges Fach. 
Sehr zu bedauern ist es auch, dafs schon in Untersekunda der 
Geographie meist nur eine wöchentliche Unterrichtsstunde zugewiesen 
ist. Diese bietet ihre besondern Schwierigkeiten, einmal weil es 
gilt, den Stoff zu bewältigen, ohne ihn roh abzuschlachten, sodann 
weil das Interesse des Schülers gegenüber den vielen andern, mit 
einer gröfseren Stundenzahl und mit gröfseren Ansprüchen auftretenden 
Fächern nur unter besonderer Anstrengung seitens des Lehrers auf- 
recht erhalten werden kann. Dieselben Verhältnisse bleiben auch 
da bestehen, wo der geographische Unterricht bis nach Prima fort- 
geführt ist und also der Mittelstufe eine Oberstufe aufgesetzt ist. 
Denn nirgends verfügt er auf dieser über mehr als eine Stunde und 
was gilt es in dieser kurzen Zeit alles durchzunehmen! Zwar hat 
man es nun mit fortgeschrittenen Kräften zu thun; die jungen 
Geister sind vielseitig und teilweise auch gründlich gebildet und 
haben sich auf den Gebieten der Geschichte, der Naturbeschreibung, 
der Mathematik und Physik mancherlei nützliche Kenntnisse erworben. 
Aber trotzdem ist eine Stunde recht wenig, und scheinbar bietet sich 
kein Platz für die Wirtschaftskunde. Aber trotzdem mufs auch auf 
der Oberstufe aus den eingangs angegebenen Gründen die Wirtschafts- 
geographie ihre Stelle finden Und diese hat sie in natürlichem 
Zusammenhange mit der Völkerkunde. 

Diesen Zusammenhang gehörig klar zu stellen, ist die erste 
Aufgabe der wirtschaftskundlichen Belehrungen auf der Oberstufe. 
Überhaupt kommt es hier nicht so sehr auf die Einzelheiten an, als 
vielmehr darauf, den Blick auf das Ganze zu richten und das ver- 
einigende Band in der Masse der Ereignisse und Thatsachen zu 
finden. Das gesamte Menschheitsleben aber läfst sich in drei einander 
vielfach berührende grofse Thätigkeitskreise zerlegen. Diese sind 
der wirtschaftliche, der gesellschaftliche und der geistig-künstlerische. 
Jeder derselben hat seinen eignen Zweck zu erfüllen und zeigt der 
gesamten Menschheit gegenüber eine verschiedene Ausdehnung. Der 
wirtschaftliche Thätigkeitskreis hat die Aufgabe, die nötigen Subsistenz- 
mittel zu schaffen und dadurch den Menschen als Einjsfelwesen zu 
erhalten ; denn wer sich seine Subsistenzmittel, auf welche Weise es 
auch sei, nicht verschaffen kann, der mufs zu Grunde gehen; daher 
hat dieser Lebenskreis die weiteste Ausdehnung, indem sich niemand 
davon ausschliefsen kann. Demgegenüber verfolgt das gesellschaft- 
liche Leben den Zweck, den Menschen als Ärt^ das geistig- 



— 44 — 

künstlerische dagegen, ihn als hoher organisiertes Wesen, im be- 
sonderen Sinne als Menschen zu erhalten. 

Nachdem nun gezeigt ist, inwiefern die Wirtschaftsgeographie 
als Zweig der Menschheitskunde aufzufassen ist, kann man bei dem 
Unterrichte auf der Oberstufe einen verschiedenen Weg einschlagen, 
nämlich entweder in unmittelbarem Anschlufs an die Völkerkunde 
oder an die Naturkunde. Der erstere besteht darin, dafs man die 
Völker nach ihrer wirtschaftlichen Entwickelung gruppiert, und das 
ist insofern sehr interessant, als zur Zeit noch alle Stufen, welche 
auch die höchstentwickelten Völker mit gröfserer oder geringerer 
Schnelligkeit von unten nach oben durchlaufen haben, vorhanden 
sind. Da giebt es reine Jäger und Fischer, Nomaden, nomadische 
Ackerbauer, fortgeschrittene Viehzüchter, mehr oder minder fort- 
geschrittene Ackerbauer, Industrievölker u. s. w. in verschiedenen 
Stufen und Kombinationen. Selbstredend bezieht sich eine solche 
Behandlung auf die gesamte Erde, und es können demnach die ver- 
schiedenen wirtschaftlichen Beziehungen, in denen die Völker zu 
einander stehen, sowie die Einflüsse, welche sie auf einander ausgeübt 
haben, beleuchtet werden. Gerade aus solchen Betrachtungen geht 
hervor, dafs unser Jahrhundert ein eminent wirtschaftliches ist und 
dafs die wirtschaftliche Macht eine gröfsere Ausdehnung hat und 
fester begründet ist, als vielfach die politische. 

Der zweite Weg, von dem oben die Rede war, der naturkund- 
liche, knüpft an die drei Naturreiche an und zeigt, welche Stoße 
der Mensch der Natur entnimmt, wie und wo dies geschieht, ferner 
welche Naturstoffe als Rohprodukte verbraucht werden und welche 
einer weiteren, mehr oder minder komplizierten Verarbeitung unter- 
zogen werden müssen, um verbraucht zu werden; weiterhin, welche 
Ortsveränderungen die verschiedenen Naturstoffe und die daraus ab- 
geleiteten Fabrikate durchzumachen haben. Jedenfalls können auch 
auf diese Weise die wichtigsten Vorgänge im Wirtschaftsleben zur 
Darstellung gelangen. 

Wenn nun oben zwei verschiedene Wege der wirtschaftsgeo- 
graphischen Behandlung angegeben wurden, so ist das nicht so zu 
verstehen, als ob etwa der eine den andern ausschlösse. Das ist 
durchaus nicht der Fall, sondern es sind blofs verschiedene Mög- 
lichkeiten, um den Gesamtinhalt des Unterrichtszweiges tibersichtlich 
zu gruppieren. Es wird sich sogar empfehlen, beide Methoden vor- 
zuführen, wenn auch natürlich nicht in gleicher Ausführlichkeit, 
was ja übrigens auch die so knapp bemessene Zeit nicht gestatten 
würde. Überhaupt wird schon mit Rücksicht auf diesen bedauer- 



— 45 — 

liehen Umstand sich der Lehrer damit begnügen lassen müssen, die 
leitenden Gesichtspunkte und die wichtigsten Gedanken vorzutragen, 
um dadurch den Schüler zu interessieren und tiefer anzuregen. Aus 
diesem Grunde, ist es auch weder möglich noch nötig, alle wirt- 
schaftlichen Stufen und Zweige mit derselben Ausführlichkeit zu 
behandeln. Schliefslich mufs auch der Schüler zu einer gewissen 
selbstthätigen Arbeit angeleitet werden, was dadurch geschehen 
kann, dafs man ihn in Aufsätzen und Vorträgen gewisse Abteilungen 
— natürlich unter Hinweis auj die Quellenlitteratur, — bearbeiten läfst. 

Wenn etwa in der vorbezeichneten Weise der geographische 
Unterricht vorgeht, so dürften die Schüler eine geeignete Vorbildung 
in dem, was man Wirtschaftsgeographie oder Volkswirtschaftslehre 
nennt, erhalten, und diese Vorbildung wird durch den Geschichts- 
unterricht, der sich eben auch an dieser Aufgabe beteiligen müfste, 
vertieft und gefestigt werden, namentlich nach der Seite der ge- 
schichtlichen Entwickelung. 

Selbstredend aber genügen, um die vorbezeichneten Ziele zu 
erreichen, das Lehrbuch und das Wort des Lehrers nicht; es bedarf 
auch unterstützender Unterrichtsmittel, Solche sind namentlich 
Hand- und Wandkarten, Bilder und Produktensammlungen. Was 
das nächstliegende wäre, die Karten für Hand- und Wandgebrauch, 
so sieht es zur Zeit in unsrer Schullitteratur leider recht traurig 
aus. Die Schulkartographie hat sich im letzten Jahrzehnt zwar 
sichtlich gehoben, aber sich doch nur auf sogenannte physikalische 
und politische Darstellungen beschränkt, worin eine Reihe von 
Konkurrenzunternehmungen entstanden sind. Wirtschaftsgeographi- 
sche Wandkarten giebt es dagegen, in Deutschland wenigstens, nicht. 
In gleich beklagenswerter Weise haben sich auch die meisten und 
besseren unsrer Schulatlanten von diesem Gegenstande fern gehalten ; 
von den bekannteren ist es nur der Schulatlas von Dierke & Gaebler, 
welcher demselben einigermafsen gerecht wird. Besser steht es mit 
den Bildern. Dafür bieten die bekannten Werke : F. Hirts Geographische 
Bildertafeln und Bilderschatz ein reiches Material, die ersteren bei 
den einzelnen Ländern, der letztere in fachmäfsiger Anordnung, so 
dafs alle Haupt- und Unterstufen der wirtschaftlichen Entwickelung 
mit mehreren Bildern bedacht sind. Natürlich sind auch Wandbilder 
wünschenswert, allerdings nicht in so dringendem Mafse wie Karten. 
Auch an käuflichen ProduJctensammlungen fehlt es nicht; ich nenne 
beispielsweise die erdkundlichen Produktensammlungen von L. W. 
Schaufufs, welche in vier verschiedenen Zusammenstellungen zu 
haben sind, und zwar nicht ausschlieflich, aber doch vorwiegend 



— 46 — 

wirtschaftsgeographische Gegenstände enthalten. So erfreulich es 
nun ist, dafs hinsichtlich der Bilder und Produkte das nächste Be- 
dürfnis erfüllt ist, um so dringender mufs der Mangel an entsprechen- 
den Karten hervorgehoben werden, weil diese doch das erste und 
grundlegende geographische Hilfsmittel sind. Ich schliefse daher 
mit dem Wunsche, dafs sich bald ein unternehmender Verleger und 
ein sachkundiger Kartenzeichner zusammenthun mögen, um diesem 
Bedürfnis abzuhelfen ! 



Das was uns im Laufe der Zeit über (rröfse, Grestalt 
und Mafse der Erde bekannt geworden ist. 

Es ist vielleicht nicht uninteressant, in diesen Blättern einmal 
einige Worte darüber zu sagen, was wir im Laufe der Zeit über 
die Gestalt, Gröfse und die physikalische Beschaffenheit unsrer 
Erde haben in Erfahrung bringen können. Sie ist ja der Schau- 
platz aller „Geographie", und es mag gerade dieses Heft, welches 
einen Rückblick gewähren soll auf die höchst erfreulichen Resultate, 
mit denen die Bemühungen der Bremer Geographischen Gesellschaft 
nach vielen Richtungen hin gekrönt wurden, besonders geeignet für 
die Aufnahme einer solchen Betrachtung sein. Hat ja doch eine der mit ihrer 
Unterstützung ausgesandten Polarfahrten auch Gelegenheit genommen, 
Vorarbeiten für eine im hohen Norden, an der Ostküste Grönlands, 
auszuführende Gradmessung zu unternehmen. 

Was man im Altertum von unserm Planeten wufste, war nicht 
besonders viel ; es konnte sich natürlich nicht über das Mafs dessen 
hinaus erheben, was der einfache Anblick dem aufmerksamen Beob- 
achter lehrte. Der berühmte Weltweise Thaies von Milet glaubte, 
dafs die Erde eine Scheibe von verhältnismäfsig geringer Dicke sei; 
diese dachte er sich im Weltenraume frei schwimmend, über welche 
eine die Gestirne tragende Sphäre so wie eine Glocke gestülpt sei. 
Bei späteren Gelehrten wurde dann die Dicke der Erde bis 
zum dritten Teile ihres I^urchmessers vergröfsert und Anaximander 
setzte an die Stelle der Glocke eine Krystallsphäre, die um die 
Scheibe sich drehen liefse, „wie der Hut auf unserem Kopfe". 

Wenn man absieht von einer alten Überlieferung, nach welcher 
schon die Chaldäer der Erde eine Kugelgestalt zuschrieben, war wohl 
Fythagoras der erste, welcher in geschichtlicher Zeit diese Lehre 
annahm. Weiter ausgebaut und einigermafsen begründet wurde 
dieselbe von dem um das Jahr 450 v. Ch. lebenden Farmenides. 



— 47 — 

Er machte namentlich dafür geltend, dafs man bei einer Wanderung 
von Nord nach Süd immer neue Sterne über dem Horizont erscheinen 
sehe und dafs somit der zurückgelegte Weg gekrmnmt sein müsse; 
auch könne der Radius dieser Krümmung nicht grofs sein (also die 
Erde verhältnismäfsig klein), da schon bei einer nur geringen Orts- 
veränderung das angegebene Phänomen bemerkbar werde. 

In den Schriften des Aristoteles, der Grundlage aller Natur- 
erkenntnis bis in das späte Mittelalter hinein, wird auch die Gestalt 
der Erde als die einer Kugel betrachtet, und damit war ein Zweifel 
an dieser Thatsache selbst bei denjenigen so gut wie ausgeschlossen, 
welche etwa auf Grund unrichtiger Ansichten über das Wesen so- 
genannter Antipoden oder wegen etwa entgegenstehender Kirchen- 
lehren Bedenken hätten erheben können. Als nun auch noch der 
grofse venetianische Seefahrer Marco Polo (1256 — 1323) durch seine 
ausgedehnten Reisen die alte Ansicht des Parmenides über das 
Sichtbarwerden ganz andrer Gestirne im vollsten Mafse bestätigt 
fand und die Möglichkeit die Tropenzonen zu überschreiten gezeigt 
hatte, war es kaum noch nötig, dafs durch die erste wirkliche 
Weltumsegelung, welche die Schiffe des Fernando de Magalhaes 1699 
von Sevilla ausgehend, vollbrachten, die Kugelgestalt zur Evidenz 
erwiesen wurde. 

Aber nicht nur über die Gestalt der Erde hatten sich nunmehr 
die Ansichten geklärt, sondern man war auch schon im Altertume 
wie oben angedeutet dazu übergegangen, sich ein Urteil betreffs der 
Grofse unsres Planeten zu verschaffen. Wenn es auch natürlich 
nicht möglich ist, in dieser kurzen Skizze auf die Einzelheiten aller 
jener Unternehmungen einzugehen, welche im Laufe der Zeit bis zu 
unsern Tagen in der Absicht ausgeführt wurden, die Erde nach den 
hier in Betracht zu ziehenden Richtungen hin kennen zu lernen, so 
sollen doch die Ergebnisse der wichtigsten derselben eine Stelle finden. 
Eratosthenes und Posidonius sind wohl diejenigen gewesen, welche 
zuerst auf Grund richtiger geometrischer Grundsätze eine Messung 
des Erdumfanges versuchten. Dem Eratosthenes war bekannt, dafs 
sich am längsten Tage in Syene (Assuan) die Sonne in dem Wasser 
eines tiefen Brunnen spiegele und somit sich also im Zenith dieses 
Ortes befand; und dafs fernerhin zu derselben Zeit in Alexandrien 
die Sonne noch um den fünfzigsten Teil des Kreisumfanges, also 
7^/5 ^, vom Zenith abstand. Daraus war sofort zu schliefsen, dafs 
auch die Entfernung von Syene nach Alexandrien, welche beiden 
Orte nahezu auf demselben Meridian liegen, gleich dem fünfzigsten 
Teil des Erdumfanges sein müsse. Diese Entfernung war aber aus den 



— 48 — 

Tabellen der ägyptischen Vermessungsbeamten zu nahezu 5000 Stadien 
ermittelt worden ; danach also der Erdumfang gleich 50 X 5000 = 
250 000 Stadien. Nimmt man ein griechisches Stadion zu nahe 185 m 
an, 80 ergeben sich für den Erdumfang 46 250 km ; ein Resultat, 
welches die Wahrheit um über 6 000 km übertrifft. 

Posidonius, der etwa 200 Jahre später lebte, gelangte durch 
ähnliche Schlüsse zu 39 000 km. (Vergl. Sprenger im »Ausland" 
für 1867: Die Geschichte der Erdmessung im Altertame.) 

Auch die Araber waren eifrig beschäftigt, sich eine Vorstellung 
von der Gröfse der Erde zu verschaffen. Es fanden unter dem 
Kalifen Almamum um das Jahr 827 n. Ch. Messungen durch die 
Astronomen Chalid-ben-Äbdulmelik und Ali-ben-Isar in der Nähe 
von Palmyra statt. Das Resultat derselben war, allerdings auf eine 
heute nur schwer zu identifizierende Einheit, die sogenannte „schwarze" 
Armlänge, gegründet und ergab für den Umfang der Erde, wenn 
eine solche schwarze Armlänge zu 0,3 m angenommen wird, etwa 
43000 km, also nahe 3000 km zu viel. 

Die nächsten Jahrhunderte blieben auf den so geschaffenen 
Grundlagen stehen, bis erst in den Zeiten der grofsen Entdeckungen 
auf geographischem Gebiete der Sinn für solche Unternehmungen wieder 
reger zu werden begann. Im Jahre 1527 soll der französische Arzt Fernel, 
als erster y im Abendland eine Gradmessung ausgeführt haben und 
zwar wird erzählt (die Thatsache der Messung ist nämlich später 
zweifelhaft geworden), dafs er die Länge eines Grades von Paris 
nach Norden mit Hilfe der Anzahl der Umdrehungen eines Rades 
seines Wagens zu 86096 Schritten gefunden habe. Das würden 
56 745 Toisen oder 110,6 km für einen Meridiangrad, also sehr 
nahe 39800 km für den Erdumfang sein. Dafs durch ein solches 
Mittel ein zuverlässiges Resultat nicht zu erzielen war, ist klar, und 
ich hätte dessen auch weiter keine Erwägung gethan, wenn nicht 
einmal diese Messung ein bestimmtes historisches Interesse be- 
anspruchen könnte und weil man anderseits vor einigen Jahrzehnten 
das Ferneische Wagenrad in Gestalt des wesentlich vervollkommnneten 
jjMefsrades« wieder in die geodätische Praxis einzuführen bestrebt 
war. Von weit gröfserer Bedeutung sind die Messungen des Holländers 
WiUibrod SnelUus^ (1580 — 1626) des Vaters unsrer heutigen Triangu- 
lationsmethoden. Er war der erste, welcher eine indirekte Entfernungs- 
messung zwischen zwei Punkten vornahm, welche die Endpunkte einer 
Gradmesigung im Meridian (einer sogenannten J5mfengradmessung) be- 
zeichneten und von denen die Differenz ihrer geographischen Breiten 
durch astronomische Beobachtungen bestimmt worden war. Die von 



— 49 — 

Snellius gewählten Orte waren Älkmar im Norden und Bergen-op- 
Zoom im Süden Hollands. Er verband dieselben durch eine Anzahl 
von Dreiecken, in denen er sämtliche Winkel mafs. Nachdem er 
auch noch eine Seite eines dieser Dreiecke zwischen Leiden und dem 
Haag durch direkte Messungen sowohl ihrer Länge als ihrer Richtung 
nach bestimmt hatte, konnte er durch einfache trigonometrische 
Rechnungen die Seiten aller Dreiecke finden und daraus zuletzt auch 
durch geeignete Kombination und Zurückführung auf den Meridian 
von Alhmar die Länge des Lotes von diesem Ort auf dem Parallel- 
kreis von Bergen-op-Zoom, Durch Vergleichung der so gefundenen 
linearen Entfernung mit der aus astronomischen Beobachtungen ab- 
geleiteten Breitendifferenz konnte auf die Länge des Meridiangrades 
unmittelbar geschlossen werden. 

Snellius selbst leitete aus seiner Messung diese Länge für den 
52 « nördlicher Breite zu 28 500 Ruten = 55 100 Toisen = 107,4 km 
ab. Eine bald darauf von Snellius begonnene und von v. Muschen- 
broek zu Ende geführte Revision dieser Messungen ergab für die 
Länge des Grades 29 514,19 Ruten = 57 033,11 Toisen = 111,15 km 
Ein für damalige Zeit vorzügliches Resultat! (Man vergleiche dar- 
über auch »J. D. van der Plaats" : »0 verzieht van de Graadmetingen 
in Nederland.« Utrecht 1889.) 

Eine kleine Anzahl von Messungen geringerer Bedeutung können 
wir füglich übergehen, nur die grundlegenden Arbeiten von Picard in 
Frankreich müssen hier erwähnt werden, da dieselben die Ausgangs- 
punkte einer langen Reihe von Untersuchungen berühmter Astronomen 
nnd Geodäten waren, welche schliefslich den Übergang zu unsrer 
Kenntnis von der Gestalt der Erde bilden. Picard stellte seine 
Vermessungen nach der Snellius'schen Methode 1669 — 1670 zwischen 
Sourdon im Norden und Malvoisne im Süden unter sehr günstigen 
Umständen an und fand auf Grund einer Basis von 5663 Toisen = 
11,037 km für die Länge eines Meridiangrades auf der geographischen 
Breite von nahe 49® Nord 57 065 Toisen = 111,22 km und aus 
einer bis Amiens verlängerten Triangulation 57 057 Toisen 111,21, so 
dafs er als Schlufswert 57 060 Toisen = 111,213 km glaubte annehmen 
zu dürfen. Picard ist auch der Erste gewesen, welcher die bei 
seinen Messungen benützte Längeneinheit, die Toise, derartig fest- 
zulegen unternahm, dafs man im stände sein würde dieselbe jeder- 
zeit zu rekonstruieren. Er bestimmte nämlich, wie lang man ein Pendel 
machen müsse, damit dasselbe zu einer seiner Schwingungen genau 
eine Sekunde mittlere Zeit gebrauche. Er fand, dafs das der Fall 
sei, wenn der Schwingungspunkt desselben von seinem Aufhänge- 

Geogr. Blätter. Bremen, 1896. 4 



— BO -- 

punkt um 36" 8V2'" abstehe. (Die Toise 72 zwölfteilige Zolle ge- 
rechnet und 1 ZolI=12 Linien). So anerkennenswert dieses Vorgehen 
auch ist, so wissen wir heute, dafs es nicht stichhaltig sein konnte, 
denn das einfache Sekundenpendel ist, wie wir bald sehen werden, 
nicht an allen Stellen der Erde, ja nicht einmal auf derselben 
geographischen Breite von gleicher Länge. 

Bis dahin war man nur auf messendem Wege dem Problem 
von der Gröfse der Erde zu Leibe gegangen, inzwischen waren aber 
auch die Wirkungen der mechanischen Kräfte näher studiert worden, 
und man hatte sich auch eine Vorstellung von deren Einfiufs bei 
der Entstehung unsres Planeten resp. des ganzen Sonnensystems zu 
machen versucht. Dafs dazu die Newtonsche Begründung der Vor- 
gänge im Copernikanischen Weltsystem den Anlafs gab, ist leicht 
verständlich. So fanden denn auch Huyghens und Newton selbst auf 
Grund theoretischer Spekulationen, dafs die Gestalt der Erde nicht 
eine Kugel sein könne, sondern durch die Rotation derselben um 
ihre eigene Axe an den Polen eine Abplattung, d. h. eine Ver- 
gröfserung des Krümmungshalbmessers aufweisen müsse, falls man 
nicht absolute Starrheit von anfang an annehmen wolle. Huyghens 
hatte schon 1669 eine darauf bezügliche Abhandlung der Pariser 
Akademie eingereicht ; in dieser wurde darauf aufmerksam gemacht, dafs 
vermöge der Zentrifugalkraft, welche die Rotation den Punkten 
der Erde erteile, weder die verlängerte Richtung eines frei aufge- 
hängten Lotes im allgemeinen durch den Erdmittelpunkt gehen, noch 
dafs eben wegen des Gleichgewichtes zwischen der Zentrifugal- 
kraft und direkter Anziehung der Massenpunkte der Erde untereinander 
die Gestalt der letzteren eine Kugel sein könne. Er behauptete vielmehr, 
dafs der Abstand des Äquators vom Zentrum ein gröfserer sein müsse 
als der der Pole, die Erde also sphäroidisch gestaltet sei. Daher müsse 
auch das Sekundenpendel an Orten mit verschiedener geographischer 
Breite ungleiche Länge haben, und zwar werde dasselbe sowohl 
wegen der gröfseren Entfernung vom Attraktionszentrum als auch 
wegen der gröfseren Zentrifugalkraft in niederen Breiten kürzer 
sein als in höheren. Huyghens sowohl als Newton verfolgten ihre 
Ansicht rechnerisch auf Grund der Picardschen Messungen, aller- 
dings mit verschiedener Voraussetzung über die Massenverteilung 
im Innern der Erde. Newton fand dureh seine Rechnungen eine 
Abplattung von ^/eso und Huyghens dafür den Wert ^/678. 
(Huyghens »Discours de la cause de la p^santeur^^ 1690 und 
Newton »Principia math. philos. naturalis« Lond. 1687.) Wie 
wir heute wissen, liegt der wahre Wert zwischen beiden. — Durch 



— 51 — 

diese Untersuchungen angeregt, hatte Picard selbst schon den Plan 
gefafst, die Ausdehnung (Amplitude) seiner Gradmessung zu erweitern 
und so festzustellen, ob auch die Beobachtung mit den theoretischen 
Schlüssen übereinstimme. Eine Thatsache lag allerdings schon vor, 
welche sehr zu gunsten von Newton und Huyghens sprach. Es war 
nämlich 1671 Jean Bicher nach Cayenne zur Beobachtung der im 
folgenden Jahre stattfindenden Marsopposition gesandt worden; der- 
selbe fand, als er dort seine Pendeluhr aufstellte und die vorläufigen 
Beobachtungen begonnen hatte, dafs deren Pendel erheblich lang- 
samer schwinge als es in Paris der Fall gewesen war, er mufste 
dasselbe 1^/* Linien verkürzen, damit es wieder in einer Sekunde eine 
Schwingung machte. — Dieser zunächst unverständliche Umstand 
fand sofort seine Erklärung, wenn man die sphäroidische Gestalt der 
Erde annahm. Unter solchen Verhältnissen war es nun eine eigen- 
tümliche Sache, als die beiden Cassini nach Ausführung der Picardschen 
Pläne fanden, dafs ein Meridiangrad unter 49° 38' Breite gleich 
56,960 Toisen = 111,02 km und ein solcher unter der Breite von 
45° 41' gleich 57 097 Toisen = 111,28 km sei. Wenn auch aus 
diesem Resultat die Cassinis zunächst folgerten, dafs die Erde an 
den Polen abgeplattet sein müsse, so sahen sie doch sehr bald ein, 
dafs ihre Messungen gerade das Gegenteil forderten und um so 
energischer verteidigten sie in der Folge die elliptische Gestalt des 
Erdmeridians, dessen grofse Axe die beiden Pole verbinde. Es 
war aber noch ein andres Resultat, welches die Cassinis den Ein- 
wurf des zu kleinen Breitenunterschiedes ihrer Meridianbögen zur 
Feststellung der präponierten Gestalt der Erde gering achten liefs. 
J, D, Cassini hatte nämlich dem Vorschlage Giovani Polenis gemäfs 
auch die lineare Entfernung zweier Meridiane unter einer bestimmten 
Breite zu messen versucht und sein Resultat mit dem aus der An- 
nahme der Kugelgestalt folgenden verglichen. Er fand dabei, dafs 
der von ihm gemessene Längenunterschied kleiner war als es bei einer 
kugelförmigen Erde hätte der Fall sein müssen, und dieses Resultat 
widersprach ebenfalls den theoretischen Forderungen War der 
Widerspruch in den Breitengradmessungen thiitsächlich durch den 
zu kleinen Breitenunterschied im Verhältnis zur Genauigkeit der 
Messungsmethoden hervorgerufen, so war das um so mehr der Fall 
bei diesem ersten Versuch einer Längengradmessung. Bei dieser 
fehlte es weniger den linearen, geodätischen Bestimmungen als der 
astronomischen, der Messung des Zentriwinkels für zwei auf dem- 
selben Parallel liegende Orte, an der nötigen Schärfe. Cassini 
hatte bei einem solchen Unterschied in der geographischen Länge 

4* 



— 52 — 

seiner beiden Endpunkte von 4^/2 ^ einen Fehler von über 8 Bogen- 
minuten gemacht und dadurch den Längengrad unter der Breite 
von 48*^ 39' um über 1100 Toisen = 2,14 km zu klein gefunden. 
Erst seit man in der Lage ist, den elektrischen Telegraphen zu 
astronomischen Bestimmungen des Längenunterschiedes zu benutzen, 
können sich solche Längengradmessungen ebenbürtig denjenigen der 
Breitengrade zur Seite stellen, wie später ervjrähnt werden wird. 

Wie nun zu Ende des 16. Jahrhunderts die Verhältnisse lagen, 
war nicht eher an eine Entscheidung zwischen den beiden Annahmen 
für die Gestalt der Erde zu denken, bis der Wunsch Jean 
Theophile Desaguliers je eine Gradmessung im hohen Norden (etwa 
in Lappland) und eine in möglichst niederen Breiten (etwa bei Quito 
in Peru, also fast genau unter dem Äquator) vorzunehmen, zur Aus- 
führung gelangt war. — Das dauerte nun allerdings noch eine längere 
Reihe von Jahren, aber die französische Akademie erwarb sich doch 
das grofse Verdienst, die zu diesen Messungen nötigen umfangreichen 
Expeditionen ins Werk zu setzen. Im Mai 1735 ging die eine der- 
selben nach Peru ab und langte im folgenden Jahre in Quito an, 
im April des Jahres 1736 verliefs eine zweite Expedition, nach 
Lappland bestimmt, Paris und traf im Juni in Torneä ein. — 

Es ist natürlich hier auch nicht möglich, den Verlauf und die 
einzelnen Arbeiten dieser Expeditionen im Detail zu beschreiben, 
obgleich die Berichte darüber vieles auch noch in andrer Beziehung 
recht Interessante enthalten^). 

Die Peruanischen Messungen leiteten Botcguer und La Condamine, 
während die Arbeiten in Lappland unter der Verantwortung von 
Maupertuis ausgeführt wurden, dem namentlich Clairaut, Lemonnier 
und der bekannte Schwede Celsius zur Seite standen. Aus den 
Messungen in Peru, die mit grofser Sorgfalt ausgeführt wurden, 
fand sich als endgültiger Wert die Länge eines Meridiangrades unter 
der geographischen Breite 1 ° 31 ' südl. zu 56 734,0 Toisen = 
110,58 km. Die Strecke, welche wirklich gemessen wurde, betrug 
sehr nahe 3^7'. Eine weit kleinere Strecke, nämlich noch nicht 
ganz einen Grad, hatte Maupertuis zwischen dem Orte Tornesi und 



^) La Coudamine, Mesnre des trois premiers d6gr6s du meridien dans 
Th^misph^re austral. Paris 1751. — Manpertnis, La fignre de la terre d^ter- 
min^e par les observaüons de Mss. de Manpertnis, Clairant Camus, le Monnier 
et Onthier, accompagn^s de Mr. Celsius; faites par ordre du Boi au circle 
polaire. Paris 1738. — (Auch in deutscher Obersetzung erschienen). 



— 53 — 

dem Berge Kittis trianguliert und daraus für die Länge eines Grades 
unter 66 « 20 ' Nordbreite 57 437,9 Toisen = 111,95 km gefunden. 
Wurden nun diese beiden Werte mit dem von Picard aus den 
Messungen in Frankreich, welche für p = 49® 13' die Gradlänge 
zu 57 060 Toisen gegeben hatten, verbunden, so ergab eine einfache 
Rechnung die beiden durchaus zu gunsten der Theoretiker sprechenden 
Resultate für die Abplattung a = ^/i48 resp. = S = ^/279. Das 
ei:stere involvierte eine so stark von der Kugelgestalt abweichende 
Form der Erde, dafs es Maupertuis selbst schon verdächtig vorkam. 
Er nahm mehrfache Revisionen in seinen Resultaten vor, jedoch 
ohne einen erheblich andern Wert für a zu erhalten. Erst durch 
eine Neumessung der Lappländischen Triangulation, verbunden mit 
einer Verlängerung derselben nach Norden und Süden, welche 
1801 — 1803 Svanberg im Auftrag der schwedischen Regierung 
vornahm, wurden einige Fehlerquellen aufgedeckt, welche das 
Maupertuissche Resultat zum gröfsten Teil ohne Verschulden des- 
selben getrübt hatten. Der schwedische Geometer fand a = ^/823, 
also einen der Wahrheit schon recht nahe kommenden Wert. Kurz 
nach den Expeditionen nach Peru und Lappland wurde auch 1751 
von dem bekannten Astronomen Lacaille auf der südlichen Halb- 
kugel, am Kap der guten Hoffnung, eine Gradmessung vorgenommen, 
dieselbe ergab, dafs in der Breite von 33 ® 18 ' südlich die Länge 
eines Meridiangrades gleich 57 036,6 Toisen = 111,67 km sei. 
Dieses Resultat war sehr überraschend, insofern sich daraus ergab, 
dafs die Südhalbkugel eine andre Abplattung haben müsse als die 
nördliche; denn nach den dort erhaltenen Resultaten hätte der 
Wert nur etwa 56900 Toisen = 110,90 km betragen dürfen. Später 
hat Maclear die Lacailleschen Messungen kontrolliert, dieselben 
aber in allen wesentlichen Teilen nur bestätigen können. Solche 
auffallende Widerspräche in sonst zuverlässigen Messungsresultaten 
hatten doch das Gute, zu immer weiteren Messungen anzuregen 
und sodann das gewonnene Material nach einheitlichen Gesichts- 
punkten zu bearbeiten. Nach dieser Richtnng ging Boscowich, der 
selbst im Auftrage des Papstes Benedikt XIV. im Kirchenstaate 
eine kleine Gradmessung ausgeführt hatte, vor, er vereinigte die 
Messungen von Peru (—1^31 '), Lacaille (~ 33 ^ 18 '), Mason 
(der in Nordamerika eine Messung ausgeführt hatte, +39^ 12'), 
Boscowich (+43^0'), -Beccaria (Messung in Oberitalien, +44^44'), 
Cassini (grofse fnanzösische Gradmessung, +45® 0'), Liesganig 
(in Osterreich und Ungarn ausgeführte Messung in 47 ® 40 ' n. Br.), 
JDixon (+ 490 23') und die Lappländische (+ 66^20') und fand 



— 54 — 

durch ein eigentümliches Ausgleichungsverfahren für die Abplattung 
den Wert S = V27S. ^) 

Mit dieser Arbeit war die Verwertung von Gradmessungen in 
ein weiteres Stadium getreten, und es konnten nun neu hinzu- 
kommende Messungsresultate in Verbindung mit den vorhandenen 
immer wieder dazu benutzt werden, die Gestalt der Erde genauer 
kennen zu lernen, indem es einmal möglich war, die an verschiedenen 
Stellen der Erde gemessenen Gradlängen dahin zu vereinigen, dafs 
man ein der mittleren Erdform möglichst nahe kommendes EUipsoid 
ableitete, während anderseits die Abweichungen der einzelnen 
Messungen von den der mittleren Form entsprechenden Dimensionen 
ein Mittel an die Hand gaben, gerade die lokalen Abweichungen 
kennen zu lernen und näher zu untersuchen. Gerade dieser letztere 
Teil der Aufgabe ist später der wichtigere geworden und namentlich 
in der Gegenwart der der Untersuchung allseitig unterliegende. 
Die Einführung des metrischen Systems durch die französische 
Nationalversammlung und dessen Definition gab zunächst wieder den 
Anstofs zur Neumessung des sich durch ganz Frankreich erstreckenden 
Meridianbogens und dessen spätere Verlängerung durch Spanien hin- 
durch bis nach Algier einerseits und bis zur Nordspitze Schottlands 
anderseits. — Heute ist die Länge dieses Meridians gemessen von 
der Sahara bis nach dem nördlichsten Grofsbritannien in einer Länge 
von nahe 28^/2^. Auf dem mittleren Teil dieses Bogens beruht 
nun thatsächlich die Länge des Meters, für welche als definitiver 
Wert durch Dekret vom 24. April 1799 443,296 Linien der bei 
der Gradmussung in Peru benutzten Toise (der sogenannten Toise 
du Peru) festgesetzt wurde. Diesem „Naturmafs" ist es natürlich 
ergangen wie den meisten andern vorgeschlagenen auch, seine 
Länge ist nicht die, der idealen Annahme entsprechende, da jede 
neue Messung auch neue Werte für den Erdquadranten lieferte, so 
dafs der 10 millionste Teil desselben eine veränderliche Gröfse ist 
und bleibt. Thatsächlich also ist das Meter ebenso willkürlich wie 
irgend ein andres im Gebrauch befindliches Normalmafs. Doch 
wir kehren wieder zur Erde zurück. Den französischen Gradmessungs- 
arbeiten folgten in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts eine grofse 
Reihe weiterer zum Teil sehr ausgedehnter ähnlicher Arbeiten; das 
waren namentlich die folgenden: 



^) Boscowich selbst hat anfänglich nnr 5 Messungen in seine Ausgleichung 
einbezogen, erst in der französischen Ausgabe findet sich dieselbe auf die oben 
aufgezählten 9 Gradmessungen ausgedehnt. 



— 55 — 

1805 eine solche in Ostindien in einer Ausdehnung von 1^35', 

1828 eine in Hannover (die Gaufssche) und eine in Dänemark von 
zusammen 3^32', 

1838 die Gradmessung in Ostpreufsen unter Bessels Leitung 1 ^ 31 ', 

1847 eine zweite weit ausgedehntere in Ostindien von 21 ^ 21 ', 

1851 die grofse russische vom Weifsen Meer bis zum Schwarzen Meer 
in einer Ausdehnung von 25 ^ 20 ', 

1852 eine Revision und Erweiterung der Messungen am Kap der 
guten Hoflfnung von 4^ 37'. 

Die oben erwähnte Verbindung der französischen und'englischen 
Dreiecksketten wurde etwa 1858 vollendet und lieferte bis dahin 
einen Bogen von 22^ 10', der dann später bis auf 28^9® verlängert 
wurde. 

Diese Messungen sind es, auf welche sich im wesentUchen 
auch heute noch die Kenntnifs von der Grofse unsrer Erde stützt. 
Nur die in neuerer Zeit hinzugekommenen Längengradmessungen 
haben in Verbindung mit verschiedener Kombination und ungleicher 
Gewichtsverteilung der oben aufgezählten Breitengradmessungen den 
von den einzelnen Berechnern gegebenen Erddimensionen unter ein- 
ander abweichende Vi^erte zukommen lassen. Bevor wir aber die 
wichtigeren dieser Dimensionen hier zusammenstellen, ist es nötig, 
noch auf die Beobachtung zurückzukommen, welche, wie schon 
mitgeteilt, der Astronom Bicher in Cayenne bezüglich der Länge seines 
Sekundenpendels gemacht hatte, denn diese sollte der Ausgangspunkt 
werden für eine von der bisher geschilderten ganz abweichende 
Methode der Gestaltbestimmung der Erde. Nachdem die Richtigkeit 
der Richerschen Beobachtung erkannt worden, erhielten auch schon 
die Expeditionen nach Peru und Lappland den Auftrag, an Ort und 
Stelle Messungen der Länge des einfachen Sekundenpendels vorzu- 
nehmen. Die Erstere allein gelangte zu einem zuverlässigen Resultate 
und zwar fand Bottgteer die Pendellängen für den Äquator um etwa 
2 Pariser Linien kürzer als für Paris. 

Dergleichen Beobachtungen erhielten aber erst den rechten 
Wert und konnten voll ausgenutzt werden durch einen von Clairaut 
aufgestellten Satz, welcher die Pendellänge oder die dieselbe be- 
stimmende Schwerkraft für einen gegebenen Ort mit der Abplattung 
und der Zentrifugalkraft am Äquator in Beziehung brachte. Dieses 
Gesetz lautet: )?Die Summe der Abplattung und der Zunahme der 
Schwere vom Äquator bis zu den Polen ist 2^2 mal so grofs als 
die Zentrifugalkraft am Äquator.« 



— 56 — 

Mit Hilfe dieses Satzes ist es möglicli, aus einer Reihe an 
verschiedenen Orten der Erde ausgeführter Bestimmungen der Länge 
des Sekundenpendels und damit der Konstanten der Schwere die 
Abplattung zu finden. 

So fand denn auch Laplace in seiner »Mecanique Celeste" auf 
diesem Wege die Abplattung a = 1 : 315 nach Korrektion eines 
Fehlers, der sich im Original befindet. Die von ihm zu Grunde ge- 
legten Zahlen sind alle älteren Datums und können keinen Anspruch 
auf grofse Genauigkeit machen, da namentlich die Vergleichungen 
der Normalmafse, auf welche die Pendellängen bezogen waren, noch 
viel zu wünschen übrig liefsen. Die erste Bestimmung der Gestalt 
der Erde, welche die heutige Kritik einigermafsen aushält, ist die 
von Ed, Schmidt, der mit zu Grundlegung von sechs ausgedehnten 
Reihen die Abplattung zu 1 : 288,45 angiebt^). 

Spätere Zusammenstellungen der älteren und mancher neu hinzu- 
gekommenen Daten geben Werte für die Abplattung, welche zwischen 
1 : 285 und 1 : 290 schwanken. Hervorragend sind dabei die Messungen 
der Pendellängen von Capt. Kater, Sabine und Foster benutzt, welche 
diese Forscher auf ihren ausgedehnten Reisen anstellten, sowie diejenigen 
in England und Frankreich. 

Als Bessel im Jahre 1841 seine klassische Arbeit über die 
Dimensionen der Erde, in welcher er die Resultate von 10 grofsen 
Gradmessungen kritisch bearbeitete und einer strengen Ausgleichung 
nach der Methode der kleinsten Quadrate unterwarf*), abgeschlossen 
hatte, stand auch schon die Ansicht fest, dafs auf diesem Wege 
allein die Gesamtgestalt der Erde nicht werde zu ermitteln sein. 

Bessels Werte für die Dimensionen der Erde sind: 
Äquatorialhalbaxe a = 6377,39715 km 
Polarhalbaxe b = 6356,07896 » 

Abplattung oc = 1 : 299,1528 « 

Radius der Kugel von gleichem Inhalte mit diesem EUipsoid 
R = 6370,2832 km. 

Schon die räumliche Ausdehnung einer Gradmessung würde 
deren Vornahme auf nur einem geringen Teil der Erdoberfläche 
beschränken. Die Beobachtungen der Länge des Sekunden- 
pendels ist aber so ziemlich an jedem überhaupt zugänglichen 
Ort ausführbar. Es kann also mit Hülfe des Pendels auf den Inseln 
der Ozeane, auf hohen Bergspitzen u. s. w. die Intensität der Schwere 



") Ed. Schmidt, Lehrbuch der mathematischen und physischen Geographie. 
Göttingen 1829—1830. Bd. 1. 

*) Astronomische Nachrichten. No. 333, 334 u. 438. 



— 57 — 

gemessen und dadurch ein Material geschaffen werden, welches nicht 
nur die mittlere Gestalt der Erde aus der Gesamtheit der Beobachtungen 
abzuleiten gestattet, sondern auch die lokalen Eigentümlichkeiten 
der Erdoberfläche. Ja es wird vielleicht möglich sein auf diesem 
Wege bis zu einem gewissen Grade Schlüsse zu ziehen auf die 
Massenverteilung innerhalb der Oberfläche naher Erdschichten. Drei 
Arbeiten waren es, welche zu jener Zeit sich mit der Ableitung der 
Gestalt der Erde allein aus Pendelbeobachtungen beschäftigten. 
Zunächst als etwas ältere diejenige von Sir Francis Baily^)^ der 
auf Grund der Pendelbeobachtungen an 51 Stationen und aller ihm 
bekannt gewordenen Beobachtungen an denselben, allerdings ohne Rück- 
sicht auf die Gesamtverteilung, für die Abplattung den Wert 1 : 285,26 
findet. Weiterhin die in der Auswahl der Stationen und Beobachtungen 
etwas kritischere Arbeit von H, G, Borenius^). Dieser giebt als Schlufs- 
werte seiner Diskussion, aber zuletzt nicht ohne Willkür für a die 
Zahl 1 : 289 (als Mittel aus zwei unter verschiedenen Annahmen aus- 
geführten Rechnungen). Endlich aus einer beschränkten Anzahl von 
Stationen, die mit Berücksichtigung der inneren Übereinstimmung 
der Resultate ausgewählt wurden, leitet Paucker'^) für die Abplattung 
a = 1:288,62 ab. 

Das sind alles Werte, welche von dem bis dahin besten aus Grad- 
messungen gefundenen, den Besselschen, noch erheblich abweichen. 

Auch ist wohl versucht worden diese Discordanz einigermafsen 
auszugleichen durch die Annahme, dafs nicht nur die Meridiane, 
sondern auch der Äquator Ellipsen seien. Die darauf gegründeten 
Rechnungen gelangten aber zu keinem übereinstimmenden Resultat. 
Die Lage der beiden Axen der Äquatorialellipse erschien so ver- 
schieden und so unsicher, dafs man bald von solchen Voraussetzungen 
wieder abging und zwar das um so mehr, als auch bestimmte Stabi- 
litätsbedingungen einem dreiaxigen EUipsoid widersprechen würden. 

Solche Betrachtungen waren es, welche im Jahre 1861 den 
General Baeyer, einstigen Mitarbeiter Bessels bei dessen geodätischen 
Arbeiten in OstpreuTsen, veranlafsten, einer Reihe von Staaten 
Mitteleuropas einen Entwurf zu unterbreiten, der die systematische 

*) Report on the pendulum experiments made by the late Captain Henry 
Foster, R. N. in bis scientific voyage in the years 1828—31. With a view to 
determine the figure of the earth. Drawn up hy Francis Baily Esq. V. P. R. S. etc. 
London 1834. Tom. I. 

*) Bulletin de la classe physico - mathem. de V Academie imper. des 
sdences de St. Petersburg. 1843. 

^) Bulletin de la classe phy. -math. de TAcad. imp. des sciences de 
St. Petersburg. Bd. 12 u. 13. 



— B8 — 

Messung von Breiten- und Längengraden innerhalb dieser Staaten zum 
Zwecke hatte. — Aus den Resultaten dieser Gradmessungen ge- 
dachte man dann auf die Form desjenigen Teiles der Erdoberfläche 
zu schliefsen, der durch dieselben überspannt wurde. Der Vorschlag 
fand Genehmigung und es entstand daraus zunächst die sogenannte 
j5 Mitteleuropäische Gradmessung". Es kann hier nicht der Ort sein 
die Einzelheiten dieser Unternehmung zu verfolgen, sondern wir wollen 
nur darauf hinweisen, dafs durch diese Vereinigung unsere Kenntniss 
von der Form der Erde aufserordentlich gefördert wurde und noch 
wird. Namentlich ist dies der Fall, seitdem aus der »Mittel- 
europäischen Gradmessung" in den letzten Dezennien eine >? Inter- 
nationale Erdmessung« geworden ist, welcher fast alle zivilisierte 
Staaten der Erde angehören und dessen Zentralbüreau sich gegen- 
wärtig in Potsdam unter der Direktion von Geheimrat Helmert 
befindet, der sich um die praktische und theoretische Erforschung 
der Gestalt der Erde hoch verdient gemacht hat und dessen >? Theorien der 
höheren Geodäsie«, Leipzig 1884, wir auch hier vielfach gefolgt sind. 
Wie aus dem » Generalbericht« der internationalen Erdmessung vom Jahre 
1889 hervorgeht, erstrecken sich die bisher ausgeführten oder ihrem 
Abschlufs nahen Messungen allein in Europa auf 3 Meridianbögen 
von 20 und mehr Grad Ausdehnung sowie auf den 45. und 52. 
Parallelkreis und bezüglich des letzteren auf eine Ausdehnung der- 
selben von der Westspitze von Grofsbritannien bis Jekaterinenburg und 
OrsJc in Rufsland. Neben diesen Operationen sind auch die Be- 
stimmungen der Pendellängen und in direktem Zusammenhange mit 
den astronomischen und geodätischen Messungen die sogenannten „Lot- 
abweichungen" in das Programm mit aufgenommen. Ebenso werden 
über die beteiligten Länder genaue Nivellements gelegt, um auch 
hierdurch ein Bild der idealen Erdoberfläche zu erhalten. Die eben 
genannten Lotabweichungen, welche dadurch erkannt werden, dafs 
die aus den geodätischen Operationen bestimmten Entfernungen 
zweier Punkte nicht übereinstimmen mit denjenigen, welche aus den 
astronomischen Beobachtungen folgen, deuten auf eine ungleiche 
Massenverteilung in der Nähe der Erdoberfläche. Definiert man die 
ideale Gestalt der Erde als eine solche, deren Oberfläche in jedem 
Punkte senkrecht zur Lotrichtung steht, so gelangt man in Verfolg 
der »Lotabweichungen« zu dem Begriff des Geoids. Mit diesem 
Namen belegte Listing in seiner bekannten Schrift »Unsre jetzige 
Kenntnis von der Gestalt und Gröfse der Erde«, Göttingen 1872, 
die mathematische Form der Erde und führte zur näheren Bestimmung 
derselben auch 1878 eine Diskussion der bis dahin bekannten 



— 59 — 

Pendelmessungen durch. Die Resultate dieser Untersuchung finden 
sich in der gleichsam die Fortsetzung der früheren Arbeit bildenden 
Schrift: „Die geometrischen und dynamischen Konstanten des Erd- 
körpers", Göttingen 1878. — Listing gab als Resultat seiner Unter- 
suchungen eine Tabelle der Konstanten des Erdkörpers, welche aber 
auf eine bestimmte Annahme über den Radius einer gleichgrofsen 
Kugel gegründet sind und dadurch nicht ohne einen gewissen inneren 
Zwang gelten können. 

Es ist deshalb heute fast allgemein Gebrauch, diejenigen Erd- 
dimensionen den weiteren Berechnungen zu Grunde zu legen, welche, 
wie oben schon angeführt, Bessel im Jahre 1841 gefunden hat, 
wenn man sich auch darüber klar ist, dafs dieselben eben so wenig 
wie irgend ein andres System für alle Teile der Erde Gültigkeit 
haben und haben können. 

Um sich ein Bild davon zu machen, wie nahe das 
Besselsche EUipsoid mit dem Geoid übereinstimmt, ist es vielleicht 
von Interesse, das Folgende noch kurz anzuführen. Die Verteilung 
von Wasser und Land und auf diesem wieder die Konfigurationen 
der Gebirge, sind diejenigen Faktoren, welche den Unterschied zwischen 
Sphäroid und Geoid bedingen und zwar in der Weise, dafs sich in 
den kontinentalen Gebieten die Geoidoberfläche über diejenige des 
Sphäroides erheben und in den ozeanischen Teilen der Erde darunter 
senken wird, d. h. man wird, wenn ich es so ausdrücken soll, in 
den ersteren Gebieten die absoluten Höhen gegen das Sphäroid zu 
klein und im zweiten zu grofs messen. — Ebenso wird im Gebirge 
die Schwere resp. die Pendellänge zu klein und in der Tiefebene zu 
grofs sein. Die Beträge, um welche es sich dabei handelt, dürften 
nach Helmort für die Kontinente 4 — 500 m im positiven Sinne und 
für die ausgedehnten ozeanischen Gegenden etwa 800 — 1000 m im 
negativen Sinne sein, d. h. würde man durch die Kontinente Kanäle 
graben ohne wesentliche Massenverringerungen derselben, so ist die 
durch das Niveau des Wassers in diesen Kanälen gelegte Niveau- 
fläche in der Mitte 400 — 500 m weiter vom Erdmittelpunkt entfernt 
als die Sphäroidoberfläche an dieser Stelle und das umgekehrte 
findet statt für die Oberfläche der Ozeane in dem angezeigten Mafse, 
da diese ja thatsächlich das Geoid repräsentiert. 

Allerdings sind nach Bessel noch eine Reihe von zusammen- 
fassenden Berechnungen der vorhandenen Gradmessungen vorgenommen 
worden, bei denen namentlich auch wieder diejenigen einzelner 
Längengrade mit benutzt wurden. Den letzteren konnte in der Neuzeit ein 
um so höheres Gewicht beigelegt werden, als man jetzt in der 



— 60 — 

richtigen Benutzung des elektri-?chen Telegraphen ein Mittel besitzt, 
astronomische Längenunterschiede fast mit derselben Genauigkeit 
zu bestimmen, wie die Amplitude in Breite. Von diesen neueren 
Rechnungen sind die wichtigsten diejenigen des Engländers ClarJce, 
und wir wollen deswegen auch dessen Resultat in der unten folgenden 
Tabelle noch mitangeben. 

AuTser den Dimensionen des Erdkörpers ist noch ein weiteres 
Element desselben von Interesse und das ist die mittlere JDwktigkeit 
oder das spezifische Gewicht der Erde. Dieses Element, in Ver- 
bindung mit dem Inhalt, giebt sofort das Gesamtgewicht unsres 
Planeten; eine Gröfse, deren Kenntnis nicht nur ein geodätisches 
oder geographisches Interesse hat, sondern auch in der Physik des 
Sonnensystems von Bedeutung ist. 

Die Arbeiten, welche unternommen worden sind, um die 
Dichtigkeit der Erde kennen zu lernen, bewegen sich im allgemeinen 
auf drei verschiedenen Wegen, welche aber manche Punkte mit ein- 
ander gemeinsam haben. 

Zunächst hat man mit Benutzung der erkannten Lotablenkungen, 
welche sich z. B. bei solchen Punkten ergaben, die gröfseren Bergmassen 
nahe lagen, auf das Verhältnis der Massen des Berges und der der 
ganzen Erde geschlossen. Solche Messungen hat zuerst der englische 
Astronom Maskelyne an dem Berge Shehallien in Schottland vor- 
genommen. Er fand in Gemeinschaft mit Hutton aus geodätischen 
und astronomischen Bestimmungen für die Summe der Lotabweichungen 
zu beiden Seiten des Berges 11,7 Bogensekunden. Berechnete er 
nun mit Hilfe geologischer Forschungen über die Konstitution des 
Berges dessen Masse, und verglich sie mit derjenigen der Erde, so 
ergab sich ihm das Resultat für deren Dichte zu 4,48. Nach einer 
Revision der geologischen Daten fand John Flayfair aus denselben 
Messungen 4,713. Das waren die ersten Bestimmungen. Diesen 
folgte sodann H, James^ der auf demselben Weg an den Arthur Hills 
5,14 fand. 

Ein andrer Weg wurde von Cavendish mit Hilfe der von 
Colmnb kurz vorher erfundenen Drehwaage (Torsionswage) einge- 
schlagen. Er vermied die grofse Unsicherheit, welche namentlich 
in der Massenberechnung der Gebirgsstöcke lag, dadurch, dafs er 
die Ablenkung bestimmte, welche zwei ihrer Masse nach bekannte, 
grofse schwere Bleikugeln auf ein Pendel ausübten. Dieses Pendel 
war aber kein gewöhnliches in einer vertikalen Ebene durch die 
Schwerkraft selbst in Bewegung gesetztes, sondern dasselbe bestand 
aus einem langen Stab, welcher in seiner Mitte an einem langen, 



— 61 — 

dännen Draht aufgehängt, war und der an seinen Enden ebenfalls 
Bleikugeln trug. Wurden nun die grofsen, freien Kugeln von der 
einen oder andern Seite genähert, so machte das Pendel kleine Aus- 
schläge, deren Gröfse in Verbindung mit der Torsionskonstanten des 
Aufhängedrahtes und der Entfernung der Kugeln von einander gestattete, 
von der bekannten Masse der Kugeln auf diejenige der Erde zu schliefsen. 
Cavendish fand auf diesem Wege die Dichte zu 5,49. Auf demselben Wege 
erhielt FerdmandBeichzn Freiberg in Sachsen 5, 49 bis 5,58 ; weiterhin 
Baily 5,66 und nach Revision von dessen Rechnungen Cornu und 
Baille 5,55. Die letzteren machten auch 1873 eigene Bestimmungen 
und fanden 5,56. — Ein ganz ähnlicher Weg wurde in neuester Zeit 
von Wilsing in Potsdam eingeschlagen, nur hängte dieser sein Pendel 
nicht für Schwingungen in horizontaler Ebene auf, sondern liefs dasselbe 
wie gewöhnliche Pendel auf einer Schneide schwingen, deren Kante 
wagerecht lag. Aufserdem wurden bei diesen Versuchen, über welche 
das nähere, sehr interessante Detail in den Publikationen des 
Astrophysikalischen Observatoriums zu Potsdam Bd. VI. nachgesehen 
werden mufs, die peinlichsten Vorsichtsmafsr egeln bezüglich der Abhaltung 
aller störenden Einflüsse getroffen. Das Resultat war bei einer ersten 
Reihe von Messungen: Dichte = 5,594 und bei einer zweiten 
noch mehr verfeinerten 5,577. Hieraus findet Wilsing mit Berück- 
sichtigung der wahrscheinlichen Fehler beider Werte als Schlufs- 
resultat 5,579 ± 0,012 für die Erddichte. Diese Zahl dürfte 
wohl heute als diejenige gelten, welcher das meiste Vertrauen ent- 
gegenzubringen ist. Der Vollständigkeit wegen will ich aber auch 
noch einige Zahlen anführen, die schon früher und auch in letzter 
Zeit mit Hilfe der Bestimmungen der Länge des Sekundenpendels 
in verschiedenen Höhen, d. h. in verschiedenen Entfernungen vom 
Erdmittelpunkt gefunden wurden. Auf dem letzten Weg fand Carlini 
1824 : 4,837 ; der bekannte engliche Astronom G, B. Airy 6,623 
und in neuster Zeit Mendenhall und von Sterneck 5,77. Einen dritten 
Weg, eigentlich den direktesten von allen, schlug der Münchener 
Physiker Ph, v, Jolly ein. Er wog geradezu bestimmte Massen in 
gröfserer und geringerer Höhe und zwar im wesentlichen mit einer 
gewöhnlichen Wage. Aufserdem brachte er auch unter die zu 
wiegende Masse noch ein grofses Bleigewicht von 120 Ztr., und 
bestimmte dessen Einflufs auf das Gewicht seines gewogenen Körpers. 
Er fand dabei die Dichte zu 5,692. Diese Versuche wurden leider 
durch V. Jollys Tod unterbrochen. Es sind dieselben in neuester 
Zeit von A, König und Bicham wieder aufgenommen worden. Diese 
operierten mit noch gewaltigeren Massen, indem sie Kugeln bis zu 



— 62 — 

2000 Ztr. bei ihren Wägungen benutzten. Es ist klar, dafs solche 
kolossale Massen ganz besondere Vorsichtsmafsregeln bei den Ver- 
suchen erfordern, so dafs bis jetzt meines Wissens endgültige Resultate 
noch nicht abgeleitet sind. — Aus diesen Messungen geht aber zur 
Genüge hervor, dafs die mittlere Dichte der Erde sehr nahe 5,6 
betragen wird. Das ist aber eine Zahl, welche das spezifische Gewicht 
derjenigen Gesteine, aus denen die uns zugängliche Erdkruste zum 
weitaus gröfsten Teil besteht und das zu etwa 2,8 und mit genauer 
Berücksichtigung der Ozeane noch niedriger anzunehmen sein wird, 
sehr stark übertrifft. Aus diesem Umstand sind wir daher gezwungen 
zu schliefsen, dafs die Dichtigkeit der inneren Schichten des Erd- 
körpers viel gröfser sein mufs als diejenige der oberen. Einfache 
Rechnungen führen dazu, dafs die centralen Teile der Erde die Dichtig- 
keit des Goldes oder Platins haben müfsten, um den mittleren Wert der 
Erddichte zu erhalten. Inwieweit diese Annahmen nun zutreffen, 
läfst sich aus der äufserst geringen Tiefe, bis zu welcher wir in die 
Erde bis jetzt einzudringen vermocht haben (es sind in neuester 
Zeit nahe 2000 m erreicht worden), auch nicht im geringsten 
schliefsen, vielmehr müssen so ziemlich alle Gesetze, welche man 
darüber aufgestellt hat, als durch Thatsachen nicht begründet an- 
gesehen werden.®) 

Ich will aber nicht schliefsen ohne noch eine interessante 
Untersuchung, die Bartoli 1885 in der Zeitschrift »Cosmos« bekannt 
machte, erwähnt zu haben, wenngleich sie ebenfalls nur den Charakter 
einer Spekulation trägt. Er fand nämlich, dafs wenn alle Elemente 
nach Mafsregeln ihres spezifischen Gewichtes in der Masse der Erde 
vertreten sein sollten, diese die Dichtigkeit von 5,776 haben müfste. 
Das ist immerhin eine eigentümliche Übereinstimmung! 

Bezüglich der Massenverteilung innerhalb der Erde und deren 
Konstanz sind auch die wohl schon früher vermuteten, aber erst seit 
den letzten Jahren evident gewordenen Änderungen in den Polhöhen 
von grofsem Interesse. 

Ein weiteres Eingehen auf diese Erscheinung würde hier zu 
weit führen ; daher mag nur noch erwähnt werden, dafs es jetzt für 
erwiesen gelten kann, dafs die jeweilige ümdrehungsaxe der Erde um eine 
mittlere Lage derselben in etwa 14 Monaten einen Kreis von etwa 
0.2 — 0.3 Bogensek. beschreibt. In wiefern Massenverschiebungen 
auf oder in der Erde diese Erscheinung bedingen oder in welchen 



^ Man vergleiche darüber eine eingehende Arbeit von Radau im Bull. 
Astronomiqne von 1891. 



— 63 



anderen Einflüssen der Grund dafür zu suchen ist, läfst sich heute 
noch nicht angeben. Vielleicht bietet sich später Gelegenheit auf 
diese wichtige Frage zurückzukommen. 

Die in den obigen Zeilen enthaltenen Angaben über Dimen- 
sionen, Gestalt und Mafse der Erde, soweit sie uns heute bekannt 
sind, sollen in nachstehender kurzer Tabelle nochmal in übersicht- 
licher Weise zusanmiengestellt werden und zwar nur die auf neuen 
oder durch ihre Methode interessanten Messungen beruhenden, da alle 
andern heute nur noch historisches Interesse haben. 

Dimensionen der Erde aus Gradmessungen. 



Autorität 



Äquatoreal- 
halbaxe 



Bessel 1841 
Schubert 1861 
Pratt 1863 

Th. Fischer 1868 
Clarke 1880 



6377,397 km 
6378,547 « 
6378,245 n 
6378,338 » 
6378,249 » 



Polar- Ab- ^^^^^^ ^er 

halbaxe plattung gfjßf^Xlt 



6356,079 km 1:299 6370,283 km 

6356,011 « 1:283 6371,026 » 

6356,643 » 1:295 6371,036 r, 

6356,230 « 1:288 6370,960 » 

6356,515 n 1:293 6370,996 « 

Abplattung aus Pendelbeobachtungen. 

Nach Clarke. . . . 1:294. 
„ Helmert . . 1:299. 
, V. Stemeck 1 : 292. 



Länge des 

Erd- 
quadranten 

10000856m 

10001708» 

10001924» 

10001714» 

10001869» 



Dichte der Erde nach verschiedenen Methoden. 

4,713 ] 

f- ^M } Aus Lotablenkungen. 



Reich 



Nach Mackelyne 4,713 

» James .- 

» Carlini 4,837 

» Airy 6,623 

» Mendenhall & v. Stemeck 5,77 

» Cavendish 5,48 

5,49 

15,58 

» Baily 5,66 

» Comu & Bailles Revision der 

Baüyschen Messungen 5,55 

» Comu & Baille^s eigene Mes- 
sungen 5,56 

» JoUy 5,692 

» Paynting 5,69 

» Wüsing (Mittel) 5,579 



Aus Pendellängen. 



> Mit der Torsionwage. 



} 



Direkte Wägungen. 

Ablenkung eines Yertikalpendels. 

Oberfläche der Erde nach Bessel 509 950 714 Quadratkilometer. 
Inhalt der Erde nach Bessel 1 082 841 320 000 Kubikkilometer. 



— 64 — 
Über die Ansfülining einer Gradmessung im hohen Norden. 

Frühere Vorschläge und Vorarbeiten. — Erfahrungen während der zweiten Deutschen 
Nordpolarexpedition in Ostgrönland : Klima. Signale, Durchsichtigkeit der Luft u. s. w. 
— Prof. Ros6ns Denkschrift an die Akademie der Wissenschaften in Stockholm. — 
Erweiterung des Dreiecksnetzes in Ostgrönland und Arbeitsplan für eine Gradmessung 
daselbst. — Erreichbarkeit der Stationen : Schlittenreisen, Schiff- und Bootfahrt. — 
Erreichbarkeit der Küste. — Vergleich zwischen Spitzbergen und Ostgrönland bezüg- 
lich der Ausführung einer Gradmessung. 

Im Sommer 1893 wurde der schwedischen Königlichen Gesell- 
schaft der Wissenschaften eine von Professor Dr. Rosen verfafste Denk- 
schrift vorgelegt, in welcher ein detaillierter Plan für die Ausführung 
einer Gradmessung längs der Ostküste der Hauptinsel und der West- 
küste der nördlichen Insel der Spitzbergengruppe zwischen den 
Breiten 80^ 49' und 76^ 26' entwickelt wurde. Diese Denkschrift 
rief die Erinnerung an eigene Arbeiten in dieser Richtung, welche 
ich in Gemeinschaft mit meinem Freunde Dr. Copeland (jetzt Professor 
der Astronomie in Edinburgh und Astronomer Royal for Scotland) 
während der zweiten Deutschen Nordpolarfahrt, die unter Kapitän 
Koldeweys Führung in den Jahren 1869/70 an der Küste Ost- 
grönlands thätig war, mit Lebhaftigkeit wach und es war 
ursprünglich meine Absicht, sowohl Professor Ros^n als auch dem 
internationalen Erdmessungskomitee eine Denkschrift zu Gunsten 
einer Gradmessung auf dem von uns vor 25 Jahren untersuchten 
Gebiete vorzulegen. Nähere Erwägung liefs mich vorläufig von dieser 
Absicht zurückkommen, der Gedanke aber, dafs es in hohem Grade 
zu bedauern wäre, wenn gerade das günstigste arktische Gebiet ganz 
aufser Berücksichtigung bleiben würde, weil niemand darauf auf- 
merksam machte, liefs mir keine Ruhe und so möge denn eine 
kurze Darstellung des schwedischen Planes und der von Copeland 
und mir ausgeführten Vorarbeiten und gesammelten Erfahrungen 
sowie endlich eine Würdigung der Vor- und Nachteile beider Projekte 
hier eine Stelle finden. 

Zuvor mögen jedoch einige kurze Angaben über den gegen- 
wärtigen Stand der Gradmessungsarbeiten in den Polen nahe liegenden 
Ländern und die bisherigen Vorschläge und Versuche zu solchen 
in den arktischen Regionen vorangehen. 

Der bislang nördlichste Endpunkt einer Gradmessung liegt in 
der Nähe des norwegischen Städtchens Hammerfest auf etwa 70^ 
40' Nordbreite, er gehört zu der grofsen russisch-schwedisch-norwegischen 
Breitengradmessung, welche von den Ufern des Schwarzen Meeres 
bis fast zum Nordkap einen Bogen von über 25 Breitengraden um- 
fafst. Obwohl hierdurch die genauen Gradmessungsarbeiten bereits 



— 65 — 

in recht hohe nördliche Breiten gefahrt sind, ist doch der Wunsch 
rege geblieben, för diesen Zweck auch noch nördlicher gelegene 
Länder und Inselgruppen nutzbar zu machen. Schon im Jahre 1823 
hatte der damalige Kapitän (spätere General) Sabine, als er auf 
seiner denkwürdigen Reise zur Bestimmung der Figur der Erde durch 
Pendelbeobachtungen auch Spitzbergen besuchte, dieser Frage sein 
Interesse zugewandt; er glaubte aussprechen zu können, dafs eine 
längs der Westküste von Spitzbergen auszuführende Gradmessung 
keine sehr grofsen Schwierigkeiten bieten würde und erbot sich die 
notwendige Rekognoszierung auszuführen. Obgleich die Angelegenheit 
in englischen wissenschaftlichen Kreisen Interesse und die Fürsprache 
einiger einflulsreicher Personen fand, wurde sie doch fallen gelassen, 
ohne dafs auch nur ein Versuch zur Herstellung einer Rekognoszierung 
des Terrains nach Sabines Vorschlag gemacht worden wäre. 

Erst im Jahre 1861 wurde die Sache durch die schwedischen 
Forscher Chydenius und Dun6r wieder aufgenommen, welche auf den 
Vorschlag von Professor Torell von der schwedischen Akademie der 
Wissenschaften beauftragt wurden, eine Rekognoszierung längs der 
Küste Spitzbergens von dem südlichsten Punkte bis zum nördlichsten 
vorzunehmen. Der Zustand des Eises und des Wetters erlaubte 
nicht die ganze Arbeit auszuführen, es konnte nur etwa die Hälfte 
erledigt werden und es wurde daher im Jahre 1864 eine neue 
Expedition ausgesandt, welcher die Herren Nordenskjöld und Dun^r 
angehörten, die denn auch die noch restierende zweite Hälfte der 
Arbeit durchführten. 

Es liegt in der Natur der Sache, — die kurze zur Verfügung 
stehende Zeit, (es wurden nur die Sommermonate benutzt), die grofse 
Ausdehnung des aufzunehmenden Gebietes und die Schwierigkeiten 
des Transportes der Instrumente u. a., — dafs diese Rekognoszierung 
nicht mit den vollkommensten Mitteln ausgeführt werden konnte. Die 
Winkel und Polhöhen wurden mit dem Sextanten gemessen und 
lieferten, da natürUch keine oder doch nur wenige künstliche Signale 
benutzt werden konnten, keine so grofse Genauigkeit, wie man im 
Interesse des Sammeins von Erfahrungen für eine definitive Aus- 
führung einer Gradmessung wohl hätte wünschen können, obwohl 
die Aufnahme vollauf genau genug war, um eine schöne Karte der 
nordischen Inselgruppe zu liefern. 

Ein dritter Vorschlag ging von dem bekannten englischen See- 
offizier und Polarreisenden Kapitän Sherard Osbome aus. Dieser 
schlug vor, eine Gradmessung durch den Smith-Sund und Kennedykanal 
zu führen, jedoch ist man diesem Plane überhaupt nicht näher getreten. 

Geogr. Bl&tter. Bremen, 1896. 5 



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Endlich wurde während der zweiten Deutschen Nordpolarfahrt 
durch Dr. Copeland und den Verfasser dieses an der nördlichen 
ostgrönländischen Küste eine Rekognoszierung bezüglich der Aus- 
führbarkeit einer Gradmessung vorgenommen. 

Wir gingen von dem Grundsatze aus, dafs die wertvollsten 
Erfahrungen würden gesammelt werden können, wenn wir uns so 
einrichteten und so verführen, als wenn wir eine definitive Arbeit 
zu leisten hätten. Dementsprechend war unsere instrumentelle Aus- 
rüstung gewählt, bestehend aus einem kleinen üniversalinstrument 
und einem Basismef sapparat, dessen Mefsstangen übrigens an Ort 
und Stelle durch andre selbstgefertigte ersetzt wurden. Die un- 
günstigen Schneeverhältnisse, welche zu Anfang Juni den Schlitten- 
reisen Halt geboten, verhinderten uns die Arbeit so weit aus- 
zudehnen, wie wir gewünscht hatten und wie wir es leicht hätten 
thun können, wenn wir hätten einen Monat früher aufbrechen können. 
So mufsten wir uns mit einem Meridianbogen von 0® 39' begnügen, 
dessen Endpunkte durch im ganzen 17 Dreieckspunkte mit einander 
und mit der Basis verbunden sind. Auf allen Stationen waren 
künstliche Signale errichtet und auf allen Stationen mit Ausnahme 
einer einzigen wurden die Winkel gemessen. Es war somit alles 
Material vorhanden, um eine strenge Ausgleichung des Dreiecksnetzes 
zu gestatten, welche denn auch später ausgeführt worden ist, worüber 
man das Nähere in dem IL Bande des über die Expedition ver- 
öffentlichten Reisewerkes findet. Die längsten Dreiecksseiten betrugen 
59,6 und 59,8 Kilometer und wurden die Signale ohne Schwierig- 
keit eingestellt. Die Durchsichtigkeit der Luft war unvergleichlich 
und das Wetter bereitete den Arbeiten nur geringe Schwierigkeiten, 
nur wurde, wie erwähnt, durch den raschen Eintritt des Thauwetters 
Anfang Juni das Reisen mit Schlitten zur Unmöglichkeit, so dafs 
wir sogar unsern Schlitten im Stich lassen mufsten. 

Als Signale dienten für die längeren Dreiecksseiten kegelförmige 
Steinhaufen (Cairns), für die kürzeren und kleinsten Entfernungen 
resp. Tonnen und cylindrische Conservendosen. Alle diese Signale 
liefsen sich ohne Schwierigkeit einstellen und auch die Cairns boten, 
selbst auf den grofsen Entfernungen von 60 km, ausgezeichnete 
Markierungspunkte, welche zu der Zuversicht berechtigen, dafs man solche 
Steinkegel von etwas gröfseren Dimensionen als wir sie errichtet 
haben, ohne Schwierigkeit auf Entfernungen von 80 oder 100 km 
wird einschneiden können. Die gröfsten der von uns erbauten Stein- 
kegel waren etwa 2^/2 m hoch und 1 m im Durchmesser in etwa 
dreiviertel Mannshöhe, es würde aber gar keine Schwierigkeit haben, 



— 67 — 

dieselben 3 m hoch und 2 m im Durchmesser zu machen, wodurch 
ihre Sichtweite sehr erheblich vermehrt werden würde; das dazu 
nötige Steinmaterial ist überall in genügender Menge an Ort und 
Stelle vorhanden. 

Das Klima ist nach unsem Erfahrungen ein sehr trockenes 
und da die Luft auch staubfrei ist, so ist ihre Durchsichtigkeit wahr- 
haft überraschend und ermöglicht das scharfe Pointieren auf kleine 
Objekte in sehr grofsen Abständen. Das Wetter ist ferner, sofern 
man nach einjährigen Beobachtungen einen derartigen SchluTs wagen 
darf, nur im Winter stürmisch, Frühjahr und Sommer zeichnen sich 
durch ruhiges schönes Wetter aus. Nur sind hier und da, namentlich 
in den Sommermonaten, dichte Nebel etwas störend; da sich diese 
aber meist nicht höher als 200 oder 300 m zu erstrecken pflegen, 
man aber die geodätischen Stationen fast alle auf gröfseren Höhen 
wählen kann, so wird der Nebel in der Regel die geodätischen 
Operationen nicht nur nicht hindern, sondern sie sogar oft genug 
fördern, indem er die Ausstrahlung des Bodens und damit das Zittern 
der Bilder verhindert, oder indem er für die einzustellenden Signale 
einen vortrefflichen weifsen Hintergrund bildet. 

Der Aufsenküste sind in der Breite von 74^/2 ® bis 77 ® eine 
Anzahl von Inseln vorgelagert, welche durch breite, wohl fast immer 
eisbedeckte, Wasserstrafsen von einander und von dem Festlande 
getrennt sind. Diese Inseln verhindern das schwere Packeis, in 
gröfseren Mengen in dies Gebiet einzudringen und so findet sich 
auf der ganzen Strecke eine ebene schneebedeckte Eisfläche, 
auf welcher Schlittenreisen ohne Schwierigkeiten ausführbar sind, 
man kann daher bequem mit Instrumenten und Vorräten bis 
an den Fufs der Berge gelangen, auf deren Gipfel man die 
Station errichtet hat. Die Besteigung der meisten Berge ist 
ohne weiteres möglich, wir haben nur sehr wenige gesehen, die 
nicht im ersten Anlauf zu nehmen gewesen wären. Nach Süden 
von 74^/2® Breite fehlen die Inseln zwar, dafür sind aber dort tief 
einschneidende Fjorde vorhanden, die im Sommer mit Schiflf oder 
Boot, im Winter mit Schlitten bereist werden können. 

Die niedrige Temperatur ist für geodätische Arbeiten kein 

Hindernis, wohl aber der etwa dabei vorhandene Wind. Wir haben 

nun in Ostgrönland die Wahrnehmung gemacht, dafs es bei niedrigen 

Temperaturen fast immer ganz windstill zu sein pflegt^) und unter 
solchen Umständen hat genaues Arbeiten mit Instrumenten im Freien 

keine grossen Schwierigkeiten, obwohl es allerdings langsamer von 

^) Dies dürfte übrigens für fast alle arktischen Gebiete zutreffen. 

6* 



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statten geht als sonst. Wir haben z. B. ein Stück unsrer Basis 
von 76 m Länge einmal bei einer Temperatur von — 28 ° bis — 30 ® C. 
und einmal bei einer solchen von — 13® bis — 18® C. gemessen 
und die beiden Resultate stimmen bis auf 0,07 mm mit einander 
überein. Auch Winkelmessungen und astronomische Beobachtungen 
haben wir vielfach mit unserm Universalinstrument bei sehr niedrigen 
Temperaturen mit sehr gutem Erfolg ausgeführt. Niedrige Temperaturen 
hat man überall in arktischen Gegenden zu erwarten, es fragt sich 
nur, ob sie von Wind begleitet zu sein pflegen, in welchem Falle das 
Arbeiten mit feinen Instrumenten im Freien auTser Frage ist, oder 
ob dabei Windstille eintritt, in welchem Falle man wenig Schwierig- 
keiten finden wird. Der letztere Fall tritt unsern Erfahrungen 
nach meistens in Ostgrönland ein. Dies sind im wesentlichen die 
Erfahrungen, welche wir durch unsre Arbeiten in Grönland haben 
sammeln können ; wir wollen nun das von der schwedischen Akademie 
der Wissenschaften neuerdings wieder aufgenommene Projekt einer 
Gradmessung in Spitzbergen an der Hand der Denkschrift von 
Prof. Rosön : »Projet de mesure d'un arc du meridien de 4 ® 20 ' 
au Spitzberg<< besprechen und daran eine Yergleichung einer Grad- 
messung auf Spitzbergen und in Grönland anknüpfen. 

Nach einer historischen Einleitung geht der Verfasser zunächst 
auf eine Darlegung des Klimas und der Eisverhältnisse in Spitzbergen 
ein. Prof. Rosen kommt zu dem Resultat, ^dafs zwar die atmosphärischen 
Verhältnisse auf Spitzbergen ohne Zweifel ziemlich ungünstige seien, 
dafs jedoch die Befürchtungen wegen der aus ihnen sich ergebenden 
Unbequemlichkeiten einigermafsen übertrieben seien und dafs man 
gegründete Hoffnungen hegen dürfe, dafs sie einer Gradmessung keine 
ernstlichen Hindernisse bereiten würden.^ Namentlich wird auch für 
Spitzbergen die überaus grofse Durchsichtigkeit der Atmosphäre 
hervorgehoben, sobald dieselbe nur von Nebel frei ist. Gröfsere 
Schwierigkeiten werden von dem Zustande des Eises erwartet. Zwar 
würde man die sieben Inseln wohl jedes Jahr in einem Dampfer er- 
reichen können, immerhin sei aber die Annäherung an das Nordost- 
land und die genannte Inselgruppe unsicher und der Zustand des 
Eises schwer im voraus zu beurteilen. In der Hinlopenstrafse und 
im StorQord werden weniger Schwierigkeiten, namentlich für einen 
Dampfer vorhergesehen, so dafs man erwarten könne, dafs man mit 
einem Schüfe in die Nähe fast aller Stationen werde gelangen können. 

Hierauf wird das ausgewählte Dreiecksnetz näher besprochen. 
Es besteht, abgesehen natürlich von den zum Anschlufs an die zu 
messenden Grundlinien notwendigen kleinen Dreiecke aus 24 Haupt- 



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dreieckspunkten, welche Rofsinsel in Norden mit dem Südkap als 
südlichstem Endpunkt verbinden. Während im Norden die Seiten- 
langen von mäfsiger Gröfse sind (20 — 35 km), werden sie nach 
Süden zu immer gröfser und erreichen im StorQord 90 bis 122 km, 
werden hier also der Winkelmessung einige Schwierigkeiten bereiten. 

Zur Messung von Grundhnien ist im Norden Lägön (Niedrige 
Insel) oder Treurenbergbai in Aussicht genommen, während im 
Süden sich mehrere passende Örtlichkeiten am Ufer des Storfjordes finden. 

In dem nächsten Abschnitte wird die zu erstrebende Genauigkeit 
bei den geodätischen und astronomischen Operationen, die Art der 
Signale, der Instrumente für die Winkel- und Basismessung u. a. be- 
sprochen. Nachdem zunächst hervorgehoben worden, dafs auf eine ganz 
strenge Lösung der Aufgabe verzichtet werden müsse, indem nament- 
lich die Ausführung eines Präzisionsnivellements zwischen den einzelnen 
Punkten des Dreiecksnetzes unterbleiben müsse, wird als Mindestforderung 
aufgestellt, dafs die Mefsung des ganzen Bogens auf etwa ^^ bis ^-^^^ 
oder auf 10 — 12 m genau sein müsse, was eine Genauigkeit der 
Basislinien von etwa iqq\qq luid für die Winkelmessungen eine 
solche von etwa +. 0" 7 voraussetzt. Die Breitenbestimmungen 
lassen sich unschwer auf ±_ 0" b ausführen, was einer Genauigkeit 
des Breitenunterschiedes des Nord- und Südendes von etwa +.0" 7 
oder etwa 20 Meter entsprechen würde. Breitenbestimmungen sind 
an 16 Punkten vorgesehen und Azimutbestimmungen, welche zur 
Orientirung des Netzes dienen, mindestens zwei. Endlich sollen an 
wenigstens zwei Punkten, je einem im Norden und im Süden, Pendel- 
beobachtungen gemacht werden. 

Als Instrumente sind für die Arbeiten in Aussicht genommen: 
für die astronomischen Arbeiten und die Messung der Horizontal- 
winkel, welche übrigens nicht für alle Stationen als unumgänglich 
notwendig erachtet wird, ein üniversalinstrument mit Kreisen von 
20 cm Durchmesser, mikroskopischer Ablesung und geradem Fem- 
rohr, welches so lichtstark sein mufs, dafs es die Beobachtung des 
Polarsterns auch am Tage gestattet ; für die Basismessung ein Apparat 
von Jäderin, welchem nachgerühmt wird, dafs er sehr verläfsliche 
Resultate auch bei starker Neigung des Terrains zu liefern vermöge 
und dafs man mit demselben sehr schnell (bis 4 km am Tage) 
arbeiten könne; endlich für die Pendelbeobachtungen Pendel- 
apparate, wie sie von Oberst v. Sternek in den Alpen mit Erfolg 
angewandt worden sind. 

Als Signale sollen für die näheren Stationen, namentlich für 
die Anschlüsse der Grundlinien an das Hauptnetz, hölzerne Tafeln 



— 70 — 

dienen, für die längeren Seiten cylindrische oder konische Cairns, 
je nach Bedürfnis mit oder ohne eine Holztafel in der Mitte; auch 
soll überall, wo es angängig ist, das Heliotrop zur Anwendung kommen. 

Die sehr wichtige topographische Aufnahme soll mittelst der 
photogrammetrischen Methode geschehen, welche neuerdings immer 
mehr zur Anwendung kommt und in sehr bergigem Gelände, z. B. 
im Apennin, sehr schöne Resultate gehefert hat. Mit der topographischen 
soll eine geologische Aufnahme verbunden werden und es wird be- 
sonderes Gewicht darauf gelegt, dafs reichliche Gesteinsproben von 
denjenigen Stationen mitgebracht werden, auf denen die Breite be- 
stimmt worden ist. 

Zur Ausführung aller dieser Arbeiten ist ein Personal von acht 
wissenschaftlich gebildeten Männern vorgesehen, nämlich: ein Chef, 
3 Astronomen, 1 Geodät, 1 Geologe und 2 Ärzte. Der Arbeitsplan 
läfst sich ohne die Grundlage einer Karte hier nicht gut wiedergeben. 
Es wird darauf gerechnet, dafs der weitaus gröfste Teil des Trans- 
ports von einer Station zur andern mit Hilfe eines Dampfers ge- 
schehen könne, die Hauptarbeiten sollen demnach in den Sommer- 
monaten ausgeführt werden, es ist aber nicht recht ersichtlich, ob 
man nur einen oder zwei Dampfer zu benutzen gedenkt, anscheinend 
ist das erstere der Fall; auf jeden Fall ist eine Überwinterung er- 
forderlich. 

Dies sind im wesentlichen die Gesichtspunkte, welche in der 
Denkschrift des Herrn Professor Ros^n dargelegt sind. Vielfach 
decken sich die Vorschläge mit den von Gopeland und mir in dem 
zitierten Werke S. 853 — 860 geäufserten Ansichten; wo die schwedische 
Denkschrift weiter geht als wir, kann man meistens unter gebührender 
Berücksichtigung der verschiedenen Transportmittel, die für Spitz- 
bergen geplanten Mafsregeln auch für Grönland annehmen. 

Wir wollen nun in kurzem andeuten, in welcher Weise das 
von uns ausgesetzte Dreiecksnetz nach Norden und nach Süden aus- 
gedehnt werden kann und wie man im allgemeinen zu verfahren 
haben wird. Zunächst wird angenommen, dafs wiederum der 
Germaniahafen (oder Griper roads) auf 74^ 32' an der Sabineinsel 
als Hauptquartier und Überwinterungshafen dienen werde. Dieser 
Punkt eignet sich aus mehreren Gründen hierzu am besten : 1. liegt 
er der Mitte des durch die Messung zu umfassenden Gebietes 
(77 ® bis eventuell 73 ^ 7') nahe, 2. ist der Hafen geschützt und für 
nicht zu grofse Schiflfe sehr sicher, 3. wird derselbe wohl am frühesten 
von allen sonst etwa in Frage kommenden Punkten eisfrei und zwar mit 
absoluter Gewifsheit, was man nicht von allen Punkten sagen kann, 



— 71 — 

4. liegt der Hafen an der Grenze desjenigen Gebiets, welches mit 
Schiflf oder Boot erreicht werden kann und desjenigen, welches mit 
Schlitten besucht werden mufs. 

In dem von uns ausgewählten Hauptdreiecksnetz braucht voraus- 
sichtlich nur insofern eine Änderung einzutreten, als man anstatt 
der Station Hühnerberg einen der beiden Sattelberggipfel nehmen 
wird und dafs man möglicherweise anstatt Kap Bremen einen andern 
Punkt auf der Kuhninsel (z. B. die Schwarze Wand) nehmen mufs. 
Die weitere Fortsetzung nach Norden bis 77 ® Breite haben wir 
schon auf Seite 858 des mehrerwähnten Werkes begründet, sie ist 
von unserm nördlichsten Punkte aus mittels fünf bis sechs weiterer 
Stationen zu erreichen. 

Die Fortsetzung nach Süden bietet gleichfalls wenig Schwierig- 
keiten dar, es werden bis Kap Broer Ruys (73® 30') ebenfalls fünf 
Stationen erfordert und bis Bontekoeinsel (73 ® 7 ') würden noch 
zwei solche hinzukommen müssen, es würde aber ohne Karte wenig 
nützen, hier auf die Lage der Stationen näher einzugehen. 

Für die Basismessung würde sich geeignetes Terrain im Süden 
bei Kap Broer Ruys oder auf der Bennethalbinsel, im Norden 
entweder auf Sabineinsel (falls es zu schwierig sein sollte, den 
Basismefsapparat mit den andern Instrumenten auf Schlitten zu 
befördern) oder sonst auf Hochstetters Vorland finden. Ob es noch 
weiter nördlich möglich sein wird eine Grundlinie zu messen, etwa 
zwischen zwei Inseln über das ebene Eis hinweg, mufs dahin gestellt 
bleiben. In jedem Falle wird dahin gestrebt werden müssen, die ge- 
messenen Grundlinien so lang zu nehmen, dafs eine mäfsige Anzahl 
von Ansschlufsdreiecken an das Hauptnetz genügt und dies erscheint 
auch in jedem Falle möglich zu sein. 

Die astronomischen Beobachtungen und die Winkelmessungen, 
sowie die Pendelbeobachtungen könnten ganz nach dem in der 
Denkschrift des Herrn Professor Rosen entwickelten Plane vorgenommen 
werden, es braucht daher hier nicht mehr darüber gesagt zu werden. 
Auch die Art der zu verwendenden Instrumente und ihre Verpackung 
zum bequemen Transport auf die Bergstationen kann hier übergangen 
werden, da dies Punkte sind, welche erst bei wirklicher Ausführung 
der Arbeit ernstlich in Frage kommen. 

Dagegen müssen hier einige Worte über die Erreichbarkeit der 
Stationen und die dazu zu verwendenden Mittel gesagt werden, weil 
davon die Ausführbarkeit der ganzen Arbeit abhängt. Wie schon 
hervorgehoben, kann ein Teil der Stationen, die zwischen 73 ® 7 ' 
und 74® 30', eventuell 75® 0' liegen, zu Schiffe, oder im Boote 



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erreicht werden, oder man kann sich ihnen wenigstens mit diesen 
Transportmittehi soweit nähern, dafs ihre Erreichung verhältnifs- 
mäfsig leicht ist und nur mäfsige Fufsmärsche erfordern wird. 

Diese Stationen werden daher wenig Schwierigkeiten bereiten, 
anders steht es mit den nördlich von 74^/2 ^ gelegenen. Diese sind 
voraussichtlich nur mit Schlitten zu erreichen, denn wenn auch, 
wie die Reise des Kapitäns Knudsen in dem Fangdampfer „Hekla« 
beweist,^ das Eis zwischen der Kuhninsel, Shannon- und den Pen- 
duluminseln in manchen Jahren weggeht, so ist doch mit Sicherheit 
nicht darauf zu rechnen und man mufs darauf gefafst sein, alle 
Stationen zwischen 74^/2 ® und 77 ^ mit Schlitten besuchen zu müssen. 
Dies bedingt aber manche Unbequemlichkeiten und Strapazen, welche 
jedoch die Güte der auszuführenden wissenschaftlichen Arbeiten kaum 
beeinträchtigen dürften. Im Herbst, kurz nach Ankunft an der 
Sabineinsel, etwa Ende August, würden Schlittenexpeditionen nach 
Norden ausgesandt werden müssen, um die nördlichen Stationen zu 
signalisieren und bereits einige astronomische und geodätische Arbeiten 
zu absolvieren, was bei der dann noch leidlich hohen Temperatur 
keine Schwierigkeiten machen wird; hierfür würden etwa 6 — 7 Wochen 
zur Verfügung sein. Von Ankunft an der Küste bis etwa Anfang 
September können mit dem Schiffe die südlichen Stationen besucht, 
ausgewählt und signalisiert werden. Da Ende Mai oder Anfang 
Juni das eintretende Thauwetter jede Schlittenreise, wenigstens zeit- 
weise, unmöglich macht, weil das vom Lande in zahlreichen Bächen 
heruntergeführte Schmelzwasser sich auf dem Eise unter der Schnee- 
decke ausbreitet und so einen unpassierbaren wässerigen Schneebrei 
bildet^), so müssen die Schlittenexpeditionen so eingerichtet werden, 
dafs sie bis zum 1. Juni wieder im Winterhafen eingetroffen sind. 
Sie dürfen daher nicht später als Mitte April ausgehen und da als- 
dann die Temperatur noch recht niedrig ist ( — 20 bis — 25 ® C), so wird 
man zunächst lediglich die nördlichste Station zu erreichen suchen, 
ehe man mit den geodätisch-astronomischen Arbeiten beginnt. 
Immerhin werden diese bei ziemlich niedriger Temperatur ausgeführt 
werden müssen, was allerdings als ein Nachteil angesehen werden 
mufs, jedoch der erstrebten Genauigkeit keinen Abbruch thun, sondern 
nur etwas längere Zeit erfordern wird. Die Schlittenreisen wird man 



«) S. Diese Zeitschrift Bd* XIH S. 100 u. ff. 

^) Schlimmer noch als dieser Brei ist es, wenn sich anter der noch 
einigermafsen harten Schneedecke das Wasser auf dem Eise sammelt nnd man 
bei jedem Schritt durch diese Kruste in das eiskalte Wasser hindurchbricht, 
wie wir es Anfang Juni 1870 kennen lernten. 



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sich sehr erleichtern, wenn man nicht, wie das bisher meistens üblich 
war, einen grofsen von 6 — 8 Mann zu ziehenden Schlitten nimmt, 
sondern mehrere kleine, welche von zwei Mann gezogen werden können 
und die bezüglich der Zelte, Kochapparate und Proviant von einander 
unabhängig sind. Hierdurch wird zugleich die ganze Expedition 
viel beweglicher und es wird möglich sem, an mehreren SteUen zu 
gleicher Zeit zu arbeiten, was wiederum der Dauer der Arbeit zu 
gute kommen wird. 

Sind sonach die Arbeiten nach Norden bis Anfang Juni be- 
endigt, so können bis Anfang Juli, soweit dies noch nicht geschehen 
ist, die Dreieckspunkte in der Umgebung des Winterhafens besucht 
werden, worauf im Juli bis Mitte oder Ende August die südlichen 
Stationen erledigt werden können, auf denen schon im ersten Herbst 
gut vorgearbeitet werden kann. 

In diesem Plan ist in Aussicht genommen, die Winkel auf allen 
Stationen zu messen, was für die Genauigkeit der Arbeit doch als 
sehr wünschenswert und auch als sehr wohl möglich erscheint. 

Es erübrigt noch die Vor- und Nachteile der beiden Projekte, 
welche hier dargelegt sind, kurz zu besprechen. 

Spitzbergen hat vor Grönland einen grofsen Vorzug, nämlich 
die leichte Erreichbarkeit und es ist zu befürchten, dafs die über- 
triebenen Vorstellungen, welche man von der Unerreichbarkeit der 
ostgrönländischen Küste hegt, dazu führen könnten, diese Küste ganz 
aufser Acht zu lassen. Es ist daher notwendig, diesen Punkt be- 
sonders zu besprechen und die ungünstige Meinung auf das richtige 
Mafs zurückzuführen. Wohl hat es seine Schwierigkeiten, den breiten 
Eisgürtel, welcher längs der Ostküste von Grönland nach Süden 
treibt, zu durchqueren, aber er bildet doch keine zusammenhängende 
undurchdringliche Eismasse, es sind dort überall Wasserstrafsen vor- 
handen, deren geschickte Benutzung es nach der vollen und wohl- 
erwogenen Überzeugung aller derjenigen, welche die Eisverhältnisse 
dieser Gegend aus eigener Erfahrung kennen, in jedem Jahre möglich 
machen wird, die Küste zwischen 72® und 75® zu erreichen. Diese 
Überzeugung gründet sich auf die Thatsache, dafs es bisher noch 
jedem, welcher ernstlich die Küste hat erreichen wollen-, auch gelungen 
ist, <m dieselbe zu kommen, und zwar nicht allein in Dampfern, wie 
1869 Kapitän Koldewey in der »Germania«, 1889 Kapitän Knudsen 
in der „Hekla« und 1891 und 1892 Kapitän Byder in demselben Schiffe, 
sondern auch mit Segelschiffen, wie 1822 Scoresby und 1823 Kapitän 
Clavering und Sabine in dem englischen Kriegsschiffe nGriper«. 
Heutzutage, wo man jedenfalls mit einem Dampfer ausgehen würde. 



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unterliegt es keinem Zweifel, dafs man spätestens Anfang August 
unter Sabineinsel wird ankern können, möglicherweise schon einen 
halben Monat früher, wie es Kapitän Ryder in dem Dampfer »Hekla« 
im Jahre 1891 gelang. Ich spreche daher aus voller Überzeugung, 
wenn ich sage, dafs die Erreichung der ostgrönländischen Küste 
unter etwa 74 ® Breite zwar schwierig, aber in jedem Jahre möglich 
ist, und dafs diese Schwierigkeit keinen genügenden Grund abgeben 
kann, aus welchem eine so wichtige Arbeit in dieser Gegend unter- 
lassen werden sollte. 

Weitere Vorzüge Spitzbergens sind die nördlichere Lage und 
der gröfsere Meridianbogen, welcher dort gemessen werden kann. Die 
Mittelbreite beträgt in Spitzbergen 78® 38', in Ostgrönland etwa 
76® 4:' und der Meridianbogen umfafst in Spitzbergen 4® 20', in 
Grönland 3 ® 30' bis 3 ® 43'. Aber diese Vorteile sollten doch wohl 
nicht 80 übermälsig schwer wiegen und werden überdies durch 
folgende Erwägung gewifs zum gröfsten Teil ausgeglichen. Man 
hat es mit Recht für durchaus unerläfslich angesehen, um zu einem 
zuverlässigen Resultat bezüglich der Gröfse und Gestalt der Erde 
zu gelangen, Stücke von möglichst vielen verschiedenen Meridianen 
in mögUchst verschiedenen Breiten zu messen. In Bezug auf äqua- 
toriale und mittlere Breiten ist denn auch ein ziemlich reiches 
Material vorhanden, bezüglich der Polargegenden ist man aber ganz 
allein auf die russisch-skandinavische Gradmessung angewiesen, welche 
in 70 ® 40' n. Br. und 23 ® 42' ö. Lge. endigt. Die in Spitzbergen 
geplante Gradmessung verläuft zwischen den Meridianen von 17 ® und 
21® 0., liegt also nahe in der Fortsetzung der bis jetzt nörd- 
lichsten Messung. Der Meridian einer Gradmessung in Ostgrönland 
würde aber auf etwa 19® W. oder 42® in Länge von dem der 
skandinavischen Messung entfernt liegen und steht nahezu senkrecht 
auf dem Meridian der grofsen indischen Messung, der Hauptgrad- 
messung in niederen Breiten. Es ist so unleugbar, dafs hierin ein 
grofser Vorzug für Grönfand liegt, dafs ich sicher glaube, dafs man 
früher oder später, auch wenn eine Gradmessung in Spitzbergen zur 
Ausführung gelangt, doch ebenfalls wieder auf Ostgrönland zurück- 
konmien wird. 

Alle andern Erwägungen dürften mehr zu Gunsten Ostgrönlands 
als für Spitzbergen sprechen. Während es in letzterem Lande 
zweifelhaft bleibt, ob es möglich sein wird, alle Stationen zu er- 
reichen, ist dies an der grönländischen Ostküste vollkommen sicher. 
Einige Stationen sind nur mit Schlitten und nur in der kälteren 
Jahreszeit erreichbar, es werden daher den Beobachtern einige 



— 75 — 

Strapazen und Beschwerden auferlegt, aber wohl kaum gröfsere als 
die Beobachter auf Spitzbergen infolge von Nässe u. dgl. zu erdulden 
haben werden. Selbst nach unsern nur einjährigen Erfahrungen 
darf man die Behauptung wagen, dafs die Witterungsverhältnisse in 
Ostgrönland in den hauptsächlich in Frage kommenden Frühjahrs- 
und Herbstmonaten (April bis Oktober) unvergleichlich viel besser 
sein werden als in Spitzbergen, während die Durchsichtigkeit der 
Atmosphäre, wenn das Wetter gut ist, in beiden Gegenden dieselbe 
sein wird. Die Gestaltung der Küste, die Vorlagerung von Inseln 
dürfte in Ostgrönland die Ausführung noch mehr erleichtem als in 
Spitzbergen, auch wird man in der erstgenannten Gegend die Dreieck- 
seiten vongleichmäfsigerer Länge wählen können, als auf letztgenannter 
Inselgruppe, doch fällt dies weniger ins Gewicht. 

In vorstehendem ist wohl genug gesagt, um erkennen zu lassen, 
dafs die Ausführung einer Gradmessung an der ostgrönländischen 
Küste zwischen 73^ und 77^ keine wesentlichen Schwierigkeiten 
darbieten würde, ja dafs das Gebiet im Vergleich zu andern arktischen 
Gegenden, die in Frage kommen können, speziell im Vergleich zu 
Spitzbergen, manche Vorzüge besitzt, die nicht zu unterschätzen 
sind. Und wenn hier lebhaft für Ostgrönland plaidiert wird, so möge 
man das der Vorliebe zuschreiben, die sich naturgemäfs an das 
Arbeitsfeld knüpft, auf welchem man selbst einst thätig gewesen ist 
und welches man daher gründlich kennt. Es ist jedoch nicht die 
Absicht des Unterzeichneten, für Ostgrönland im Gegenscde zu Spitz- 
bergen zu plaidieren, ich halte es vielmehr für durchaus wünschens- 
und erstrebenswert, dafs beide Gebiete für eine so wichtige Arbeit 
benutzt werden und ich gebe mich der Hoffnung hin, dafs man der- 
einst, wenn die Arbeit in Spitzbergen gethan ist, sich damit nicht 
begnügen, sondern dann Ostgrönland in Angriff nehmen werde, wenn 
dies sich nicht schon früher ermöglichen lassen sollte. Sollten diese 
Zeilen etwas dazu beitragen, die Aufmerksamkeit auf dieses Gebiet 
zu lenken und die Ausführung einer Gradmessung daselbst zu be* 
schleunigen, so würde mir und wie ich weifs, auch meinem Freunde 
und Mitarbeiter Copeland ein Herzenswunsch erfüllt werden. 

Wilhelmshaven, Januar 1895. 

Dr. C. Borgen. 



— 76 — 

Die Reisknltur in Italien. 

Von Emil Hnsmann. 



L 

Hierzu Tafel 2: Karte zur Yerbreitang der i4alienischen Reisknltnr. 

(OberitaUen, Mafsstab 1 : 1350000.)*) 

Einleitung. Bedeutung der Reiskultur^ insbesondere derjenigen Italiens. 

I. Geschichtlicher Überblick über die Verbreitunng der Reiskultur. — Heimat 
des Reises in Südostasien. Verbreitung desselben durch die Araber nach Spanien. 
Einführung in Oberitalien in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Seine Ver- 
pflanzung in die Südstaaten der Union. 

IT. Die Reispflanze und ihre Vegetationsbedingungen mit besonderer Berück- 
sichtigimg ihrer Kultur in Italien. — Beschreibung der Pflanze. Ansprüche derselben 
an Wasser, Wärme und Boden. Das Kanalsystem Oberitaliens. Temperatur und 
Niederschläge der oberitalienischen Tiefebene. Bodenbeschaffenheit Oberitaliens. 

in. Der Reisbau in Italien. — Die alternierenden und permanenten Reisfelder. 
Bodenbereitung, Aussaat, Berieselung, Reinigung und Ernte. Vergleiche mit dem 
Reisbau in Japan und Spanien. 

IV. Der Reisbau in hygienischer Beziehung und die soziale Lage der Reis- 
arbeiter. — Die Malaria. Starke Zunahme der Bevölkerung in den Reisgebieten. 
Mafsnahmen der Regierungen zur Beschränkung des Reisbaues. Arbeit, Lohn und 
Lebensführung des Reisarbeiters. 

V. Anbaufläche, Erträge und Kulturkosten. — Die Ausdehnung des Reisbaues in 
Italien. Statistisches über Anbaufläche und Produktion, Kulturkosten und Reingewinn. 

VI. Verarbeitung, Verbrauch und Handel. Die Reismühlenindustrie. Nähr- 
wert des Reises. Verwendung desselben. Gründe für die Reiskrisis. Preise des 
Reises. Aus- und Einfuhr von Reis in Italien. Reiszölle. 

Litteraturangaben. 

Einleitung. 

Bedentnng der Reisknltnr^ insbesondere derjenigen Italiens. 

unter den Getreidearten spielt der Reis im Landbau und Handel 
eine eigenartige, sehr beachtenswerte Rolle. Von besonderem Interesse 
sind nicht blofs die geographische Verbreitung und Eigentümlichkeiten 
seiner Kultur, sondern auch der Umstand, dafs er dem gröfsten Teil 
der Menschheit zum beliebten Nahrungsmittel geworden ist und den 
dichtbevölkertsten Teilen der Erde, den Monsunländem Asiens, die 
wichtigste tägliche Speise liefert. Bei den Japanern ist der gekochte 
Reis „Gozen" Hauptbestandteil der drei Mahlzeiten des Tages, die 
nach ihm benannt und als Morgen-, Mittag- und Abendgozen unter- 
schieden werden.^) 

Der Reis bedarf zu seiner Entwickelung ein viel gröfseres Mafs 
von Wärme als unsre Getreidearten, vor allem aber viel Wasser. 



'*') Anm. d. Red. Die Karte wird mit dem zweiten Teil dieses Aufsatzes 
in Heft 3 dieser Zeitschrift veröffentlicht werden. 
') Bein, Japan ü. S. 54. 



- 77 — 

Er ist daher vorwiegend das Getreide der sumpfigen Niederungen in 
den Tropen. Wo er aufserhalb der Tropen auftritt, ist er stets 
Sommergewächs und gedeiht fast nur mit Hilfe künstlicher Be- 
wässerung. 

So hat angestrengter Fleifs des Menschen ihm auch in 
wasserreichen Gebieten des südlichen Europas eine Kulturstätte 
bereitet. Von diesen übertrifft Italien alle übrigen bei weitem an 
Areal und Wert des Produkts. Die oberitalienische Tiefebene, wo 
sich diese Kultur vorwiegend konzentriert, erhält durch sie ein 
charakteristisches Gepräge. — Die hohe Bedeutung der Beiskultur 
für den Nationalwohlstand Italiens, sowie die Eigenart ihres Betriebs 
lassen es angezeigt erscheinen, sie vom geographisch-statistischen 
Standpunkt näher zu betrachten. Im Folgenden soll dies teils nach 
eigener Anschauung, teils auf Grund des vorhandenen Materials 
versucht werden. 

I. GescMchtlicIier Überblick über die Yerbreltnng der 

Relsknltur. 

Nirgends ist das Klima dem Beisbau günstiger, ist der Beis 
mit dem Leben, der Bewohner so innig verwachsen, wie im Monsun^ 
gebiete. Auch weist kein andres Beisland der Erde so viele Ab- 
arten der Beispflanze auf, wie Vorder- und Hinter-Indien. Zweifels- 
ohne sind deshalb diese Länder die Ursitze der Beiskultur, wenn 
auch die Beispflanze in wildwachsendem Zustande dort ebenso wenig 
bekannt ist, wie unsre übrigen Getreidearten irgendwo sonst. — 
Für das hohe Alter des Beisbaus im tropischen Monsungebiet spricht 
nicht nur der Sanskritname vrihi, von welchem die Benennungen der 
Pflanze in andern Ländern abgeleitet werden,^) sondern auch die 
Geschichte. Schon frühzeitig verbreitete sich diese Kultur über die 
nordöstlichen Monsunländer China und Japan. Nacd den frühesten 
Nachrichten aus China, dessen buddhistische Landbevölkerung ihn 
als Geschenk der Götter verehrt, soll der Beis schon 2800 vor Christi 
Geburt dort vom Kaiser gesät worden sein. 

In Europa wurde der Beis zuerst durch die Züge Alexanders 
des Grofsen bekannt, obwohl einzelne allerdings unbestinmite Spuren, 
wie bei Sophokles, schon auf die Mitte des 5. Jahrhunderts hin- 



^) Qrimm, deutsches Wörterbuch : mhd. ris ; Lehnwort aus dem Bomani- 
schen — mittellat. Form risum — lat. griech. oryza — iran, brlzi — Sskr. 
vrlhi (vgl. Hehn, Kulturpflanzen 432) oder durch Vermittelung einer semitischen 
Wortform (vgl. Diez 272, Schade 718) also oryza — arab. aroz, uruz — iran. 
brlzi — Sskr. vrihi. 



— 78 — 

weisen.*) Schon kurz nach dem mazedonischen Eroberungszuge gab 
Theophrast eine Beschreibung der Pflanze und der Art ihrer Kultur. 
Aus dem Periplus maris rubri des sogenannten Arrianus geht hervor, 
dafs seit der Gründung des Reiches der Ptolemäer in Ägypten ein 
lebhafter Handel mit Reis über das Persische und Rote Meer stattfand. 
Dieser Reis mochte von den näheren Produktionsgebieten, Mesopotamien 
oder den Gegenden am Kaspischen Meer, kommen, wo seine Kultur 
schon sehr früh festen Fufs fafste. Bei den Römern war er zur Zeit 
ihrer gröfsten Machtentfaltung ein geschätzter aber teurer Handels- 
artikel, wie Plinius der Ältere^) und andre bezeugen. Nach dem 
Zeugnis des römischen Arztes Galen wurde Reis auch zur Herstellung 
eines Medikamentes benutzt, was auch aus der Stelle in Horaz' 
Satiren 11 3. 155 hervorgeht. War nun auch den Römern der Reis 
durch den Handel bekannt geworden, so blieb doch Südostasien noch 
Jahrhunderte lang seine einzige Kulturstätte. 

Den Arabern, dem rührigsten Handelsvolk an den Gestaden des 
Indischen Ozeans während des Mittelalters, verdankt man erst die 
Verbreitung der Reiskultur im Westen der alten Welt. Dafs sie 
dieselbe nach Ostafrika brachten, ist ebenso erwiesen, wie ihre Ein- 
führung durch Araber in Ägypten und Spanien. 

In Spanien, wo sie zuerst in Niederandalusien, später in den 
sumpfigen Niederungen der Provinz Valenzia, besonders am See 
Albufera und an den ufern des Jucar einen sehr geeigneten Boden 
fand, stand sie unter arabischer Herrschaft lange Zeit in hoher 
Blüte und hat sich bis zur Gegenwart in ansehnlichem Umfange 
erhalten. Im Sommer 1886 umfafsten die spanischen Reisfelder*) 
28 432,43 ha. Aufser der Provinz Valenzia (23 237,66 ha) waren 
noch Tarragona, Murcia und Albacete, Alicante und Castellon de 
la Plana am Reisbau beteiligt. 

Von Spanien aus verbreitete sich der Reisbau im 9. und 10. 
Jahrhundert auch nach Sizilien und Neapel. Nach Berichten jener 
Zeit mufs er sich in Sizilien einer gewissen Blüte erfreut haben. 
Doch kann diese nicht von langer Dauer gewesen sein, da in den Ver- 
zeichnissen von Waren, welche Venedig aus Sizilien im 13. und 14. 
Jahrhundert erhielt, der Reis keine Erwähnung findet, während er 
jedoch unter den Waren Ägyptens aufgeführt wird.^) Abgesehen 
von dieser vorübergehenden Blüte der Reiskultur in Sizilien, kann 



*) Victor Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere. S. 436 u. ff. 

») PHnius, ffistoria NaturaUs. XVm 73. 

*) Bein, Gesammelte Abhandlungen. S. 221. 

^) Bordiga, Dell Biso e della ma coltivazinoul. S. 2. 



— 79 — 

man behaupten, dafs vor der Mitte des 16. Jahrhunderts in Italien, 
zumal in Ober-Italien, kein Reis gebaut wurde. Bis dahin war er 
Luxusware, die man wahrscheinlich aus Ägypten bezog. In der 
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts scheint die Beiskultur von 
Spanien aus, das zu jener Zeit rege Verkehrsbeziehungen mit Ober- 
Italien unterhielt, eingeführt worden zu sein. Für diesen Ursprung 
spricht auch die grofse Ähnlichkeit der ältesten Reissorten Italiens, 
Riso Nostrale und Riso Ostigliese, mit denen Spaniens. Dafs schon 
gegen Ende des 15. Jahrhunders die Reiskultur in Ober-Italien einen 
gewissen Aufschwung genommen haben mufs, beweist die Thatsache, 
dafs in dieser Zeit der Bau wichtiger Kanäle in Novara und Lomel- 
lina, la Mora (1480), la Rizza oder Biraga (1490) und la Grotta 
oder Busca (1497), in Angriff genommen wurde, und aus jener Zeit 
die ersten gesetzlichen Vorschriften über den Reisbau datieren.^) 
Der gröfseren Ausbreitung begannen nun aber sämtliche Regierungen 
entgegenzuwirken, da man die Reisfelder als den Herd der Malaria 
ansah. Diese Ansicht fand Vertreter seit der ersten Hälfte des 
16. Jahrhunderts bis in das laufende 19. hinein. Eine Reihe von 
Verboten und gesetzlichen Einschränkungen waren hier, wie auch in 
Spanien, die Folge. Trotz dieser künstlirhen Hemmungen gewann 
aber nichts destoweniger die Reiskultur immer gröfsere Ausdehnung, 
da man vielfach die Verbote und Beschränkungen mifsachtete, und im 
Laufe der Zeit die Strenge in der Durchführung solcher Mafsnahmen 
nachliefs. Wälder und weniger einträgliche Kulturen wurden durch 
sie verdrängt, und durch neue Kanalanlagen, Einführung fremder 
Sorten, durch technische Verbesserungen im Anbau und in der Ver- 
arbeitung wurde sie bedeutend gehoben. Seit etwa 1^/2 Jahrzehnt 
nimmt man allerdings, ebenso wie in Spanien, einen Rückgang im 
Anbau und in der Produktion wahr, dessen Ursache und Umfang 
uns weiter unten noch besonders beschäftigen wird. 

Aufser in Italien und Spanien wird auf europäischem Boden 
noch in Portugal, ferner an der österreichischen Küste zwischen 
Monfalcone und Marano, im Temesvarer Banat, an der Maritza und 
in einigen Gegenden Mittelgriechenlands Reis gebaut. Doch ist die 
in letzteren Gegenden mehr oder minder vernachlässigte Kultur von 
untergeordneter Bedeutung. Auch in Portugal hat sie keinen 
gröfseren Umfang angenommen. Im Jahre 1889 waren hier in den 
Distrikten Aveiro, Coimbra, Lissabon, Faro und Portalegre 7000 ha') 
dem Reisbau gewidmet. — Eine viel gröfsere Bedeutung gewann er 

•) Bordiga, a. a. 0. S. 2. 

^ Rein, Gesammelte Abhandlungen. S. 221. 



— 80 — 

in Amerika. Engländer verpflanzten ihn im 17. Jahrhmidert nach 
den Südstaaten der Union, insbesondere nach Sädcarolina. Klima, 
Boden und Fleifs der Bewohner brachten die Kultur hier zu einer 
schnellen Entwickelung, so dafs sie bald die europäische Reiskultur 
überflügelt hatte. »Europa war«, wie Hehn sagt, »für diese Frucht 
nur die Haltestation, wohin sie die Araber, die alten Zwischenhändler 
des Ostens und Westens, brachten, und von wo andre sie weiter 
nach Neu-Indien jenseits des Ozeans schafften. << Ende des 18. Jahr- 
hunderts war der Reis einer der Hauptausfuhrartikel der Südstaaten 
der Union. In unserm Jahrhundert ging der amerikanische Reis- 
bau jedoch mehr und mehr zurück. Im Jahre 1850 wurden nach 
Scherzer®) noch 110 Millionen kg, 1881 aber nur noch 29 Millionen 
kg geerntet, so dafs Amerika jetzt genötigt ist, für den eigenen 
Gebrauch noch Reis einzuführen. Nur der Carolina-Reis, die 
geschätzteste aller Reissorten, spielt als Saatreis im Handel noch 
eine Rolle. 

Nach den nordöstlichen Niederungen Brasiliens, zwischen dem 
Amazonas und dem San Franzisco, kam der Reisbau durch die 
Portugiesen. In den spanisch redenden Ländern Amerikas hat er 
nie feste Wurzeln gefafst. 

Damit ist die Wanderung des Reises um den Erdball keineswegs 
als beendet anzusehen. Wie Baumann und Reichard berichten, breitet 
sich der Reisbau überall da aus, wohin die Araber kommen.^) — 
Hawai, Neu-Galedonien und Australien sind auch in den Kreis der 
Reis bauenden Länder getreten. Doch giebt es noch manche Gegen- 
den, wo er noch keinen festen Fufs gefafst hat, wiewohl sich in 
ihnen diese Kultur sehr lohnen würde. Besonders erscheinen die 
südamerikanischen Niederungen am Magdalenenstrom, am Orinoco, 
Amazonas und Paranasystems als die dem Reisbau günstigsten 
Ländereien, sie liegen aber bis heute gröfstenteils noch unbenutzt da.^) 

Wie vor alters ninunt immer noch die Monsunuregion Asiens 
die erste Stelle in der Reisproduktion ein. Barma, Japan, Java, 
Ceylon, Cochinchina, Siam und andre Gegenden Südostasiens decken 
noch immer den gröfsten Teil des europäischen und amerikanischen 
Reisbedarfs. Insbesondere ist Nieder-Barma in neuester Zeit ein sehr 
gefährlicher Konkurrent der europäischen Reiskultur geworden. Die 
Ausfuhr dieses Landes, das in Rangun den bedeutendsten Reisaus- 
fuhrhafen besitzt, wurde für das Jahr 1890 auf 1138000 Tons») 
geschätzt. 

^ Scherzer, das wirtschaftliclie Leben der Völker. 
^ Oppel, Der Reis. S. 14. 



— 81 — 

n. 

Die Beispflanze und ihre Tegetationsbedingnngen mit besonderer 
Berficksichtignng ihrer Knltar in Italien. 

Der Reis, Oryza sativa, L. gehört zu der Familie der Gramineen 
und ähnelt in seiner äuTseren Erscheinung unsern Getreidearten. 
Die Wurzel bildet ein mehr oder minder dichtes Büschel faden- 
förmiger Glieder. Der hoUe, mit Knoten versehene Halm, wird 
1 — 1,26 m hoch, zuweilen auch noch höher. Die Blattspreiten sind 
etwa 26 cm lang und 1^- cm breit. Der Blütenstand bildet eine 
überhängende Rispe mit einblütigen Ahrchen. Die Zahl der Staub- 
gefäfse beträgt 6, die der Griffel 2. Der Reis ist ein Fremdbefruchter ; 
seine Blütezeit ist daher sehr kritisch. Die Rispe trägt 60 — 120 
Körner und mehr, diese sind mit den Spelzen innig verwachsen und 
dadurch kantig. Dicht an die beiden Spelzen, von denen die untere 
bei begrannten Sorten die Granne trägt, legen sich aufsen zwei 
kleine Schüppchen an. Je nach den Sorten können die Grannen 
gleich den Spelzen gelb, weifs, braun oder schwarz gefärbt sein. 
Bei einigen fehlen sie gänzlich. Auch kommt es vor, dafs an der- 
selben Rispe einige Ahrchen Grannen tragen, andre nicht. Auf 
manchen italienischen Reisfeldern sieht man Grannen-Reis und 
grannenlosen nebeneinander. Doch wiegen Reinkulturen der Sorten 
vor. Das von den Spelzen befreite Korn ist durchscheinend, teils 
mehr länglich, teils rundlich, meist von weifser Farbe und enthält 
vorwiegend Stärkemehl. 

Es giebt über 200 Reissorten, die sich nicht nur durch das 
Vorkommen oder Fehlen der Grannen, die Farbe derselben und der 
Spelzen, sondern auch durch die Gestalt und Gröfse der Körner, die 
Vegetationsdauer und Wasserbedürfnisse von einander unterscheiden. 
Die auffalligsten Abarten sind der wenig kultivirte Bergreis (Oryza 
sativa L. Var. montana Lour.), welcher keiner künstlichen Bewässe- 
rung bedarf, und der Klebreis (0. sativa L., Var. glutinosa, Rumph), 
dessen Körner sich leichter von den Spelzen trennen und dessen 
Mehl einen sehr klebrigen, zähen Teig liefert. In Italien werden 
nur wenig erprobte Varietäten des Reises gezogen. Die haupt- 
sächlichsten derselben sind der unbegrannte Bertone und die mehr 
oder minder stark begrannten Sorten: Nostrano, Novarese oder 
Ostiglione, Ostigliese, Francone und der Giapponese. 

Grundbedingung für das Gedeihen des Reises ist ein reichliches 
Mafs von Wärme und Wasser. Er verlangt im Frühjahr eine Wärme 
von 13° C, im Sonmier eine Durchschnittstemperatur von 20° C. 

Qeogr. Blätter. Bremen, 1895. Q 



— 82 — 

und für seine ganze Vegetationsdauer eine Wärmesumme von 3500° 
bis 4600° C.^°). Diese Wärmeansprücbe weisen ihn tfbpischen und 
subtropischen Gegenden zu; stellenweise geht er aber auch darüber 
hinaus. Die Nordgrenze erreicht er in Ober-Italien im Distrikt 
Gallarate, nordwestlich von Mailand bei 45° 45', noch etwas weiter 
nördlich geht der Reisdistrikt von Palmanova in der Provinz Udine. 
In Süd-Carolina reicht der Reisbau bis zum 38°, in Japan an der 
Tsugarustrafse bis 41^/2°, auf der Südllemisphäre überschreitet er in 
Madagaskar und Paraguay kaum den Wendekreis. 

Gröfser noch sind seine Ansprüche an Wasser. Er übertriiBFt 
in dieser Beziehung alle andern Kulturpflanzen, selbst die Dattel- 
pahne nicht ausgenommen. Weit mehr noch wie sie mufs auch die 
Reispflanze „ihi-en Fufs ins Wasser tauchen". Der Reis hat etwa 20 
Bewässerungen von je 5 cm oder im ganzen gegen 12000 cbm pro ha 
nötig. ^^) Unter Berücksichtigung der Verdunstung und Bodenfiltration 
berechnete Werner ^*) den Wasserverbrauch zu 2,61 Liter pro ha und 
Sekunde. Dementsprechend ist der Reisbau nur in Niederungen und 
auf Terrassen möglich, wo künstliche Bewässerung des ebenen Feldes 
stattfinden kann, oder häufige Niederschläge dieselbe, wie es in einem 
Teile des Monsumgebietes der Fall ist, ersetzen. Hier, wo Regen 
zur Zeit der Entwickelung der Pflanze fällt, gedeiht der sogenannte 
Bergreis auch in höheren Lagen ohne künstliche Bewässerung. 

Neben Wasser und Wärme ist auch der Boden bei der Reis- 
kultur zu berücksichtigen. Verlangt auch der Reis keinen besonders 
fruchtbaren Boden, so sind doch Torfmoor, salzhaltiger Sand- und 
Geröllboden ausgeschlossen. Am besten eignet sich mit etwas Kalk 
gemischter Thonboden, der nicht allzu zäh und undurchlässig ist; 
er liefert die reichsten Erträge. An Güte folgen thoniger Kalkboden 
und mit Sand gemischter Boden. Bei grösserer Durchlässigkeit, wie 
bei letzteren, mufs entsprechend mehr Wasser und Dünger zugeführt 
werden. 

Betrachten wir nun im folgenden, wie die oben angeführten 
Bedingungen einer erfolgreichen Reiskultur in Ober-Italien erfüllt 
werden. 

Was zunächst die Bewässerung betrifft, so mufs anerkannt 
werden, dafs nirgendwo auf der Erde das Bewässerungssystem so 
grofsartig, planvoll und zweckmäfsig durchgeführt ist, wie hier. 
Zahllose, durch Weiden, Pappeln und Erlen gekennzeichnete Wasser- 

") Wemer-Koernicke, Handbuch des Getreidebaues, II. Teil, S. 958. 
") Dünkelberg, Landwirtschaftliche Jahrbücher. 1881. S. 893 fif. 
") Werner, Handbuch des Get- ' ~ 953. 



— 83 — 

ädern, von grofsen Kanälen bis herab zu kleinen Rinnsalen, durch- 
ziehen die Tiefebene. Die Kanäle werden entweder von Nebenflüssen 
des Po oder direkt durch die oberitalienischen Seen gespeist. Durch 
Schleusen primitivster, aber auch technisch kunstvollster Art wird das 
Wasser den Reisfeldern zugeführt, wo es, befeuchtend und düngend, 
verbunden mit der Wärme, die üppigste Fruchtbarkeit hervorruft. 

Aufser durch Regen, Kanäle und ihre vielen Abzweigungen, 
findet auch eine Wasserzufuhr durch Flüsse, Quellen (Fontanili), 
künstliche Wasserbecken, Teiche und Seen statt, doch wird mehr 
als die Hälfte des Wassers allein durch die Kanäle zugeführt. ^^) Da 
das Rieselwasser eine möglichst gleichmäfsige, von der Luftwärme 
nicht erheblich abweichende Temperatur haben mufs, so verdient 
dasjenige Wasser den Vorzug, das bei seinem Austritt aus den grofsen 
oberitalienischen Seen schon eine gröfsere Wärme angenommen hat. 
Diesen Vorzug haben Tessin, Adda, Oglio, Ghiese und Mincio. 
Dagegen strömt das kalte Wasser der Sesia nach der Schneeschmelze 
aus den Hochalpen sogleich in die Ebene. Mit der Entfernung von 
der Quelle ninunt die Verwendbarkeit des Wassers allerdings zu, da 
es bei längerem Laufe durch die hohe Lufttemperatur bedeutend 
erwärmt wird. 

Den berührten Übelstand sucht man dadurch zu mildern, dafs 
man das Wasser vor der Benutzung durch Teiche und künstliche 
Seenbecken führt, die sich in grofser Zahl vorfinden. Aussaat und 
Ernte fallen trotzdem unter diesen Umständen später als in den 
übrigen Distrikten. So ist es z. B. in Teilen der Provinz Novara 
und Lomellina. Dieselben Nachteile hat auch das aus den Fontanili 
konunende, verhältnismäfsig kalte Wasser. 

Einige der hauptsächlichsten Kanäle mögen hier Erwähnung 
finden. ^^) Der gröfste unter ihnen, aber bis jetzt noch wenig aus- 
genutzt, ist der in den Jahren 1862 — 66 mit grofsem Kostenaufwand 
gebaute Cavourkanal. In 83 km langem Lauf verbindet er den 
Oberlauf des Po mit dem Tessin und könnte etwa 1 Million ha be- 
wässern. Von diesem abgesehen, bewässern die übrigen Kanäle ein 
Gebiet von 110000 ha, d. h. etwa die Hälfte des kulturfähigen 
Landes. Reicher noch ist die Lombardei an Bewässerungsanlagen. 
Hier ist vor allem der vom Tessin bis Mailand reichende 60 km 



^') Monografia statistica ed agraria siüla coltiyazione del riso in Italia 
(Bünistero di agricoltnra, indastria e commercio). S. 108. 
^*) a. Dünkelberg, a. a. 0. 

b. Qieseler, Landw. Jahrbücher 1887. 

c. Mongrafia etc. S. 106. 

6* 



— 84 — 

lange Naviglio Ghrande, einer der ältesten Kanäle Ober-Italiens, mit 
einer Bewässerangsfläche von 31500 ha zn nennen. Südwestlich 
von Mailand, bei Abbiategrasso, zweigt sich von diesem der Kanal 
von Beregoardo ab. Yon Mailand aus geht nach Süden zum Unter- 
lauf des Tessin der Naviglio di Pavia, nach Osten zur Adda der 
durch fünf von Leonardo da Vinci erbaute Schleusen mit dem Naviglio 
Grande verbundene Naviglio della Martesana. Südlich von diesem 
verbindet der Kanal Muzza die Adda mit dem Lambro. Ein Werk 
der neuesten Zeit ist der Kanal Villoresi, dessen technischer Aus- 
führung die grofste Anerkennung gezollt werden mufs. Er geht vom 
Tessin kurz unterhalb seines Ausflusses aus dem Lago Maggiore bis 
nach Monza am Lambro, liegt also nördlicher als alle übrigen und 
verheifst der bis jetzt nur geringen Beiskultur dieser Gegend eine 
grofse Zukunft. 

Trotz dieses Wasserreichtums mufs doch der Reisbauer im 
Verbrauch desselben sich die grofste Sparsamkeit auferlegen. Denn 
jedes Liter, das er seinen Feldern zuführt, mufs er teuer bezahlen, 
was durch die Unkosten jener grofsartigen Kanalanlagen erklärUch 
wird. Ein Modul Wasser (100 Liter pro Sek.) kostet z. B. beim 
Cavourkanal für die Sommermonate durchschnittlich 2600 Lire. 
Bei dem gewöhnlichen Verbrauch von 3 Liter pro Sek. würde dem 
Beisbauer also eine Auslage von 78 Lire pro ha ^*) erwachsen. Beim 
Kanal Villoresi wird sogar jedes Liter pro Sek. mit 33 Lire be- 
rechnet. 

In bezug auf die klimatischen Verhältnisse der Beisdistrikte 
können wir uns auf diejenigen Mailands beschränken, das wegen 
seiner zentralen Lage als mafsgebend angesehen werden kann. Wir 
werden dabei nur die Momente hervorheben, die für den Beisbau 
von Wichtigkeit sind. 

Das Annuario statistico italiano giebt folgende Temperatur- 
mittel an, die sich auf eine Beobachtungszeit von 22 Jahren 
(1866—88) stützen: 

Sommer Herbst 

23,6 ^ C. 9,46 » C. 

Die Maximaltemperatur beträgt nach der Durchschnitts- 
berechnung der Beobachtungsreihe 37,6 ® C, die Minimaltemperatur 
— 12 ö für den Winter und 9,5 ° C. für den Sommer. Die rela- 
tive Feuchtigkeit der Luft Mailands erreicht 70 °/o. Dieser verhält- 
nismäfsig hohe Grad der relativen Feuchtigkeit ist in der starken 



Winter (Dez.-Febr.) 
2,26 • C. 



Frühling 

12,66 ö C. 



Jahresmittel 
12,7 » C. 



'^) Monografia statistica. S. 107. 



_ 85 — 

Bewässerung der Ebene begründet. — Die jährliche Niederschlags- 
menge in mm beträgt nach den Beobachtungen des langen Zeit- 
raums von 1764 — 1888 im 



Herbst (Oktober Maximum) 
321,8 



Jahr 
1001,1 



Winter Frühling Sommer 

193,8 249,8 236,7 

Es ergiebt sich daraus, dafs im Herbst, und zwar erst im 
Oktober, die gröfste Regenmenge fällt, was ja überhaupt in den 
nördlichen Breiten der Mittelmeerregion Regel ist. Es ist das für 
den Reisbau von gröfster Wichtigkeit, da anhaltender Regen zur 
Zeit der Ernte dieselbe leicht vernichten oder doch wenigstens das 
Trocknen der Körner auf der Tenne erschweren könnte. Der 
italienische Reisbauer mufs sich also beeilen, die Reisernte vor dem 
Eintritt der starken Herbstregen zu beenden. — Nicht selten 
kommen im Frühling und Sommer Hagelschläge vor und können 
besonders im Sommer für den Reis sehr verhängnisvoll werden. 

Mit einigen Worten wollen wir endlich auch die geologischen 
Verhältnisse der oberitalienischen Tiefebene, soweit sie für die Reis- 
kultur in Frage kommen, berühren. Da, wo jetzt der Po mit seinen 
Nebenflüssen fruchtbare Auen durchfliefst, breitete sich einst bis 
Turin hin die Adria aus. Die Poebene verdankt ihren Ursprung 
den Anschwemmungsgebilden der Alpenströme und Gletschermoränen 
auf der einen, den Anschwemmungen der Apenninflüsse auf der 
andern Seite. Die Zersetzungsprodukte der Alpen, die im Westen 
mit der Zentralzone altkristallinischer Gesteine, im Osten mit den 
vorgelagerten Kalksteinenschichten die Ebene umgürten, und der 
Apennin mit seinen Kalksteinschichten der Jura- und Kreide- 
formation einerseits und den Tertiärschichten der Pliocen- und 
Myocenperiode anderseits, lieferten eine dem Reisbau im ganzen 
günstige Ackerkrume, die einen mehr, die anderen weniger. 

m. 

Der Beisban in Italien. 

Je nach den Verhältnissen des Bodens, verfährt man bei der 
Reiskultur in Ober-Italien in zweifacher Weise. In tief gelegenen, 
stets feuchten, sumpfigen Ländereien wird der Reis Jahr aus Jahr 
ein auf demselben Boden gebaut. Höchstens nach 8 bis 10 Jahren 
bleibt das Feld einmal brach liegen. Diesen permanenten Reis- 
feldern (risaie stabili) gegenüber unterscheidet man alternierende oder 
temporäre Reisfelder (risaie da vicenda), auf denen die Reiskultur 
mit andern Kulturen wechselt. Die letztere Art der Kultur hat 
den doppelten Vorteil, dafs sie einerseits reichere Ernten hervor- 



— 84 — 

lange Naviglio Grande, einer der ältesten Kanäle Ober-Italiens, mit 
einer Bewässerongsfläche von 31500 ha zn nennen. Südwestlich 
von Mailand, bei Abbiategrasso, zweigt sich von diesem der Kanal 
von Beregoardo ab. Yon Mailand aus geht nach Süden zum Unter- 
lauf des Tessin der Naviglio di Pavia, nach Osten zur Adda der 
durch fünf von Leonardo da Vinci erbaute Schleusen mit dem Naviglio 
Grande verbundene Naviglio della Martesana. Südlich von diesem 
verbindet der Kanal Muzza die Adda mit dem Lambro. Ein Werk 
der neuesten Zeit ist der Kanal Villoresi, dessen technischer Aus- 
führung die gröfste Anerkennung gezollt werden mufs. Er geht vom 
Tessin kurz unterhalb seines Ausflusses aus dem Lago Maggiore bis 
nach Monza am Lambro, liegt also nördlicher als alle übrigen und 
verhelfst der bis jetzt nur geringen Reiskultur dieser Gegend eine 
grofse Zukunft. 

Trotz dieses Wasserreichtums mufs doch der Reisbauer im 
Verbrauch desselben sich die gröfste Sparsamkeit auferlegen. Denn 
jedes Liter, das er seinen Feldern zuführt, mufs er teuer bezahlen, 
was durch die Unkosten jener grofsartigen Kanalanlagen erklärlich 
wird. Ein Modul Wasser (100 Liter pro Sek.) kostet z. B. beim 
Cavourkanal für die Sommermonate durchschnittlich 2600 Lire. 
Bei dem gewöhnlichen Verbrauch von 3 Liter pro Sek. würde dem 
Reisbauer also eine Auslage von 78 Lire pro ha ^^) erwachsen. Beim 
Kanal Villoresi wird sogar jedes Liter pro Sek. mit 33 Lire be- 
rechnet. 

In bezug auf die klimatischen Verhältnisse der Reisdistrikte 
können wir uns auf diejenigen Mailands beschränken, das wegen 
seiner zentralen Lage als mafsgebend angesehen werden kann. Wir 
werden dabei nur die Momente hervorheben, die für den Reisbau 
von Wichtigkeit sind. 

Das Annuario statistico italiano giebt folgende Temperatur- 
mittel an, die sich auf eine Beobachtungszeit von 22 Jahren 
(1866—88) stützen: 



Winter (Dez.-Febr.) 
2,26 • C. 



Frühling 

12,66 ö C. 



Jahresmittel 
12,7 » C. 



Sommer Herbst 

23,6 ^ C. 9,46 ^ C. 

Die Maximaltemperatur beträgt nach der Durchschnitts- 
berechnung der Beobachtungsreihe 37,6 ° C, die Minimaltemperatur 
— 12 ^ für den Winter und 9,5 ® C. für den Sommer. Die rela- 
tive Feuchtigkeit der Luft Mailands erreicht 70 ^/o. Dieser verhält- 
nismäfsig hohe Grad der relativen Feuchtigkeit ist in der starken 



^^) Monografia statistica. S. 107. 



— -«^ — 

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Ycdkiharä8s> ää- otws^ilihsnisci^« T>rfj?i*«(^ ;s»j>>Äv^t 5$*f» fet xi^f^ K^*^- 

Turm hin £e Adna «os. Di^ PvvW»^ x^4^Ullkt ihv>M\ V^>)\mHJt 
den Anschw^mTmmgrsg^^biiikn d^r Ab(H>i(i$tx>^iKK' um) 0^l(^l*oWrWvM^Ä^^^^ 
auf der wtau den An$eliminiimangteiii d<i>r A)V:^muuA\1;!i$!^ ^uf \W 
andern Sdte. Die Zersi^tzongspKNhikti^ d^T A))VM\^ di^ im \Wfx^^ 
mit der Zentralaone &ttkri$taUiiü^liteqr Q^K^int^ im iMx^H mit d\^H 
Toigelagertoti KalksteinenschichttMi dii^ Rb^i\ti> uiw^rtt^u^ und di^l' 
Apennin mit seinen Kalksti^in$chiehte^i d\^t Jurn^ um) K\^id^- 
foimation einerseits und den Terti&tsdacliton di>r IMiown- und 
Myocenperiode anderseits, lieferten ein« dt^m R^iiibtiu im )it^u«^u 
günstige Ackerkrume, die einen mehr, dio audort^u wx^ui4^n^ 

in. 

Der Reisbau In Italien« 

Je nach den Verhaltnissen do$ Bod(>nA^ vtn^ßlhri nmn M {\^\' 
Reiskultur in Ober-Italien in zweifacher Woi«o, In \M ^A\'^^t^\m\x 
stets feuchten, sumpfigen Länderoien wird dor ]U\t^ Jahr aUM JaIu' 
ein auf demselben Boden gebaut. Ht^ohNiorm imdl H biM 10 »{».lirtiti 
bleibt das Feld einmal brach Hingen. DiomMi iHU'nmnt^nlt^n \Mti* 
feldern (risaie stabili) gegenüber untorHchoidnt man alii>rnlt^rnn(lM oiImi' 
temporäre Reisfelder (risaie da vioenda), auf (Innnn dlo tU^Uktlllni' 
mit andern Kulturen wechselt. Di« lotztcu'« Art dwr Knllur *' ' 
den doppelten Vorteil, dafs sie einor«oiti« roicluu'n Kmiim h 



— 86 — 

bringt, anderseits die sumpfigen Niederungen mit ihren gesund- 
heitschädlichen Ansdünstongen meidet. Die permanenten Beisfelder 
stehen daher auch denen mit Wechselwirtschaft an Umfang bei 
weitem nach. Von den in den Jahren 1879 — 83 dem Beisbau 
dorchschnittlich gewidmeten 201,807 ha entfielen auf permanente 
Beisfelder 48,921 ha, auf alternierende 162,886 ha, auf letztere 
also mehr als ^U des ganzen Reisbaus ^^). In Sizilien giebt es nur 
solche mit Rotation, in Lucca, Neapel und Cosenza dagegen aus- 
schlieÜBÜch permanente Reisfelder. Jene herrschen in Piemout, der 
Lombardei und Yenetien vor, diese in der Provinz Emilia. 

Die grölseren Gefahren, welche die permanenten Reisfelder für 
die Gesundheit der Bewohner und Arbeiter mit sich bringen, und 
die geringe Ertragfähigkeit derselben hatten das italienische Acker- 
bau-Ministerium zu besonderen Erhebungen in den betre£Fenden 
Beisdistrikten veranlafst. Die Ergebnisse derselben sind in der 
schon mehrfach erwähnten Monografia statistica ed agraria sulla 
coltivazione del riso mitgeteilt. Auf die Frage, ob man beabsichtige, 
die Kultur auf permanenten Beisfeldem einzuschränken, antworteten 
von 299 in Betracht kommenden Gemeinden 223, also ^/4 der Ge- 
samtheit, in bejahendem Sinne. An die Stelle der Beiskultur beab- 
sichtigte man den Anbau von Futterkräutern und andern Getreidearten 
treten zu lassen. Bei 64 Gememden stiefs der Ersatz der Beiskultur 
überhaupt auf keine Schwierigkeit. Bei den übrigen verhinderte das 
tiefe Niveau der Felder, die Infiltration des Bodens, Mangel an gutem 
Wasser oder auch an Kapital, den Wechsel in der Kultur vorzu- 
nehmen. — Im ganzen waren in den Jahren 1879 — 83 am Beisbau 
704 Gemeinden beteihgt. Den 299 Gemeinden mit permanenten 
Beisfeldem stehen also 406 mit alternierenden gegenüber. 

Bei der Wechselwirtschaft ist die Fruchtfolge in den verschiedenen 
Gegenden sehr verschieden. Allen gemeinschaftlich ist nur, nach 
zwei- oder drei-, höchstens vierjähriger Beiskultur einen Trockenbau 
eintreten zu lassen. Im allgemeinen herrscht eine sechsjährige Frucht- 
folge vor. In der bei Mailand übUchen Botation folgt z. B. auf 
Mais, Weizen und Klee mit Baygras drei Jahre hintereinander Beis. 
Bei Yercelli folgt der Beis auf Winterweizen, dem Klee und Mais 
vorangehen. Den reichsten Ertrag an Beis bringt das erste Jahr, 
in den folgenden nimmt er trotz starker Düngung allmähUch ab. 
Anderwärts ist der Anbau der Futterpflanzen bei dieser Botation 
auf mehrere Jahre ausgedehnt, oder auch noch Hafer in die Frucht- 



**) Monografia statistica. S. 12. 




— 87 — 

folge aufgenommen; so dafs sich die Rotation über acht bis neun 
Jahre erstreckt. Als der einträglichsten aller dieser Kulturen giebt man 
überall der Reiskultur den hervorragendsten Platz in der Fruchtfolge. 

Durch diese Wechselwirtschaft mit Weizen, Mais und Futter- 
pflanzen unterscheidet sich die italienische Reiskultur wesentlich von 
der andrer Länder. Nach Rein^') ist sie weder in Spanien noch in 
Japan üblich. In jedem Sommer dient in diesen Ländern das Reis- 
feld dem gleichen Zweck. Wohl aber wird in besonders fruchtbaren 
Niederungen beider Länder vor der Aussaat des Reises Winterweizen 
oder Raps geerntet. Im allgemeinen bleibt jedoch das Reisfeld den 
Winter über brach liegen. Im tropischen Monsumgebiet werden 
vielfach zwei Reisernten und obendrein oft noch eine Winterfrucht 
ermöglicht. 

Die Anlage und Bearbeitung der Reisfelder ist sehr eigenartig. 
Jedes Reisfeld ist von mehr oder weniger breiten Gräben umschlossen, 
die je nach ihrer höheren oder tieferen Lage Wasser zu- oder ableiten. 
Bei starker Neigung des Bodens wird das Reisfeld terrassenförmig 
angelegt, ähnlich wie es in Ost-Asien geschieht, wo die einzelnen 
Stufen durch Mauern oder Raine getrennt sind. Bei schwacher 
Neigung eines nicht sehr grofsen Feldes genügt die Herstellung einer 
einzigen ebenen Fläche, deren Neigung 0,10 — 0,15 °/o betragen kann. 
Ist das Reisfeld von gröfserem Umfang, so müssen auch hier in 
entsprechenden Abständen Stufen gebildet werden, deren Neigung 
0,20 — 0,30 ^/o beträgt. Da das über das Reisfeld geleitete Wasser 
in steter, wenn auch langsamer Bewegung sein und auch in bezug 
auf seine Höhe reguliert werden mufs, so ist das Reisfeld durch 
40 — 60 cm hohe Dämme (argini), die zugleich als Fufswege dienen, 
abgeteilt und innerhalb dieser longitudinal und transversal verlaufenden 
Dämme der Boden möglichst horizontal durch Abtragen und Auf- 
schüttung von der Mitte aus geebnet. Die Zahl der durch die 
Dämme abgeteilten ebenen Flächen (quadri oder piane) ist um so 
gröfser, je gröfser die Neigung des Reisfeldes ist. Die Ausdehnung 
derselben ist also bei geringer Neigung gröfser als bei starker. Sie 
schwankt zwischen wenigen Quadratmetern und 5 — 6 Ar. Eine zu 
grofse Ausdehnung der Flächen ist insofern schädlich, als der Wind 
das Wasser dann stärker bewegen kann, und die Reispflänzchen 
dadurch entwurzelt und so der Vernichtung preisgegeben werden. 
Doch darf ihnen auch keine zu kleine Ausdehnung gegeben werden, 
da dies verhältnismäfsig höhere Anforderungen an Arbeit und Kapital 



") Rein, a) Gesammelte Abhandlungen. S. 223. b) Japan. IL S. 43—57. 



— 88 — 

stellt, und durch die Dämme Kulturboden verloren geht. Das Wasser 
darf weder in zu grofser Fülle, noch zu schnell über das Beisfeld 
fliefsen, da abgesehen von der Verschwendung dieses teuren Artikels 
das eine die Güte des Produkts beeinträchtigt, das andre eine Fort- 
schwenmiung des Bodens zur Folge hat. Die Regulierung des Wassers, 
von der der Ertrag des Reises und die Kosten der Bewässerung 
wesentlich abhängen, wird während der ganzen Vegetationszeit einem 
erfahrenen Arbeiter anvertraut. Ist das Reisfeld nicht sehr grofs, so 
genügt ein einziger Zuführungsgraben. Bei gröfserem Umfang werden 
sekundäre Gräben angelegt, die parallel zu dem Hauptgraben ver- 
laufen und mit diesem an den Seiten in Verbindung stehen. 

Während des Winters sind die Reisfelder selten und zwar nur 
dann mit Wasser bedeckt, wenn man durch die Schlammführung 
desselben den Boden erhöhen oder verbessern will. Sonst legt man 
sie schon zur Erntezeit trocken und verhütet durch Reinigung der 
Gräben, deren Schlamm den Reisfeldern als Dünger zu gute kommt, 
dafs das Wasser stagniert. Im März oder April, seltener schon im 
Herbst, wird das Reisland 15 — 20 cm tief gepflügt, jede Erdscholle 
mit Egge oder Hacke zerkleinert und der Boden vollkommen ge- 
ebnet. Der schlammige Boden einzelner permanenter Reisfelder 
macht das Pflügen mit Zugtieren unmöglich. Auf diesen sumpfigen 
Reisfeldern (risaie vallive da zappa) tritt an die Stelle des Pfluges 
Hacke und Schuppe. 

Damit das Wasser bei der Berieselung guten Abflufs hat, zieht 
man mit Pflug oder Schuppe durch das ganze Feld Furchen 
(fossetti oder solchi), die rechteckige Zwischenräume von 2,5o bis 
3 m zwischen sich lassen. Dann werden die Dämme, soweit sie 
nach der Ernte vernichtet worden waren, wieder hergestellt, so dafs 
das Wasser nur durch bestimmte Oefihungen fliefsen kann. Diese 
DurchflufsöfEanungen in den Dämmen befinden sich sämtlich auf 
einer Linie, die in der Diagonale der abgeteilten Felder liegt. 
Dadurch verhütet man, dafs das Wasser zu schnell über das Feld 
strömt und die Pflänzchen entwurzelt. Soll das Feld trocken gelegt 
werden, und das Wasser schnell ablaufen, so öffnet man dem 
Wasser einen Weg den Furchen entlang. Zu diesen Arbeiten tritt 
endlich noch die Düngung mit Komposterde, Guano, Stallmist oder 
Lupinen als Gründüngung. 

Die Zeit der Aussaat des Reises richtet sich nach der Be- 
schaffenheit des Bodens, der Temperatur des Wassers und der Luft 
und der Vegationszeit der Sorte. Sie schwankt zwischen Ende März 
und Ende Mai. 



— 89 — 

Bevor man zur Aussaat schreitet, läfst man durch grofse 
Ö£Fnungen aus den Gräben Wasser auf die Reisfelder fliefsen. Hat 
das Wasser bei einer Höhe von 8 — 10 cm den Boden gehörig durch- 
weicht, so wird von einem Pferde eine schwere Diele über denselben 
gezogen. Das soll dazu dienen, die noch vorhandenen Erdschollen 
zu brechen, besonders aber dazu, den Schlamm gehörig aufzuwühlen. 
Wird nämlich dann der Samen, der nach sorgfältiger Auswahl vorher 
24 Stunden zum Einweichen in den Gräben gelegen hat, breitwürfig 
ausgestreut, so wird er unter den allmählich sinkenden Schlamm 
begraben und das Keimen dadurch begünstigt. Auf 1 ha sät man 
1,5 — 3 hl Reis, je nach dem Alter und der Fruchtbarkeit des 
Bodens. Auf dem fruchtbarsten Boden bei Vercelli begnügt man 
sich mit nur 0,70 hl pro ha. 

Um den Boden stärker zu erwärmen imd das Keimen dadurch 
zu befördern, wird 3—4 Tage nach der Aussaat das Wasser bis auf 
nur wenige Centimeter erniedrigt. Dies hat zugleich den Vorteil, 
dafs dadurch viele dem Reis schädliche Tierchen untergehen. Ge- 
wöhnlich fängt er 16 — 20 Tage nach der Saat an zu keimen. I&t 
das Wasser aber kalt und der Boden schon etwas durch die vor- 
aufgegangene Kultur erschöpft, so kann es sich auch bis auf 20 
oder 25 Tage hinziehen. Im weiteren Verlauf der Vegetation giebt 
man dem Wasser die Höhe, die das Stadium der Kultur gerade 
erfordert. Im Mittel beträgt sie 15 — 20 cm, auf warmem Boden 
mehr, als auf kaltem. Bei Reif und Regen wird die Wasserschicht 
zum Schutz der Pflanzen erhöht, bei andern Schädigungen, z. B. 
bei Hagel, niedriger gestellt. 

Interessant ist es, die in Japan und Spanien übliche Methode 
der Reiskultur zur Vergleichung heranzuziehen. Nach Rein^®) geben 
wir darüber kurz folgendes an. Im April wird in Japan eine Ecke 
des Reisfeldes als Saatbeet, ähnlich wie oben beschrieben, hergerichtet. 
Ist die Fläche dann gehörig mit Wasser durchtränkt und bedeckt 
worden, so wird der Same aus flacher Wanne mit der Hand gestreut. 
Diese Aussaat erfolgt gegen Ende April oder Anfang Mai. Etwa 
30 — 40 Tage später, also im Juni, beginnt das Verpflanzen, nachdem 
man das Reisfeld durch Umarbeitimg, Ebnung, Anlage der Dämme, 
Düngung und Bewässerung zur Aufnahme der Pflänzchen hergerichtet 
hat. Zu diesem Zwecke werden die zu kleinen Bündeln vereinigten 
Reispflänzchen von einem Manne einzeln rechts und links auf das 
Wasser geworfen und von den nachfolgenden Männern und Frauen 



18 



') Bein, Japan, n. Teil. 



— 90 — 

aufgehoben und verpflanzt. Dabei setzt man 4 — 6 Pflänzchen so 
zusammen, dafs sie in Reihen von 20 — 25 cm Abstand stehen und 
etwa 1200—3000 Büschel auf 1 Ar kommen. 

Auch in Spanien wird nach demselben Verfasser der Reis nicht 
mehr durch Breitsaat direkt auf das Feld ausgestreut, wie in Italien 
und Spanien selbst noch vor etwa 40 Jahren, sondern nach ungefähr 
30 Tagen vom Saatbeet verpflanzt. Die Zeit der Aussaat auf das 
Saatbeet beginnt Ende Februar und dauert bis Mitte März. Das 
Verpflanzen erfolgt gewöhnlich in der zweiten Hälfte des April. 
Hier wird also früher gesäet wie in ItaUen, wo, wie oben erwähnt, 
die kalten Alpenflüsse zur Bewässerung dienen. 

Aus ähnlichem Grunde, nämlich wegen der langen Dauer des 
Winters, beginnt der Reisbau so spät in Japan. 

Übrigens scheint man jetzt auch in Italien der Frage des 
Verpflanzens näher zu treten. Mehrere Versuche sind schon damit 
angestellt worden und haben ein sehr günstiges Ergebnis gehabt^®). 
Die Vorzüge dieser Methode gegenüber der älteren sind ohne Zweifel 
ganz bedeutend: der Körnerertrag ist reichlicher und die Qualität 
ist besser, die Wasserzufuhr ist geringer und weniger kostspielig, 
das Wasser hat iimerhalb der freien Zwischenräume freiere Be- 
wegung, was verbunden mit dem ungehinderteren Luftzutritt die 
schädlichen Ausdünstungen verringert, endlich ermöglicht sie noch 
auf dem Reisfeld vor der Verpflanzung Flachs oder Weizen zu ziehen 
und so den Reinertrag des Feldes bedeutend zu erhöhen. 

Zum Schlufs sei noch erwähnt, dafs in Süd-Carolina weder 
die eine noch die andre Art angewandt wird, sondern hier der 
Same gedrillt wird. 

Im Juni, wenn die Reispflanze sich schon bestockt hat, tritt 
noch eine sehr wichtige Arbeit an den italienischen Reisbauer heran : 
die Reinigung (mondatura) des Feldes von den zahlreichen Unkräutern, 
die sonst die Reispflanze ersticken würden. In vielen Fällen ist 
sogar eine zweite Reinigung erforderlich, die dann 15 — 20 Tage 
später eintreten mufs. 

Da in Italien breitwürfig gesät wird, so kann das Unkraut 
nicht durch Hacken entfernt werden, sondern mufs mühsam einzeln 
mit der Hand ausgezogen werden. Diese schwere Arbeit des Jätens 
wird von Männern und Frauen, von Einheimischen sowohl wie 
Fremden ausgeführt. Von morgens 6 bis nachmittags 3 oder 4 Uhr, 



*•) z. B. Versuche eines Sign. Luigi Bono in der Gemeinde Fombio 
(Distrikt Lodi) vom Jahre 1877 — 79, mitgeteilt in: Bordiga, Del Biso e della 
saa coltivazione; S. 151. 



— 91 — 

abgesehen von kurzer Unterbrechung, waten Arbeiter und Arbeiterinnen 
in gebückter Haltung und unter den sengenden Sonnenstrahlen bis 
zu den Kjiieen im Wasser und Schlamm. Um der Malaria, die be- 
sonders die fremden Arbeiter befällt, vorzubeugen, läfst man ihnen 
hin und wieder Chinin verabreichen. 

Einige Tage nach dem Ausjäten des Unkrauts legt man das 
Feld trocken, teils um den Boden stärker zu erwärmen und dadurch 
das Schossen der Pflanzen zu fördern, teils um schädliche Tiere zu 
vertilgen. 

Ist das Reisfeld von den vielfach verheerend auftretenden 
Reiskrankheiten verschont geblieben, so sieht der Landmann im 
Herbst den Erfolg seiner sauren Arbeit in den schweren, reifenden 
Rispen. Hat die Mehrzahl der Rispen eine goldgelbe Färbung an- 
genommen, dann beginnt er mit der Ernte. Bei längerem Warten 
würden die nur noch locker in den Rispen gehaltenen Körner zur 
Erde fallen. Die Zeit der Ernte ist je nach Lage und Art ebenso 
verschieden, wie die der Aussaat. Zum gröfsten Teil fällt sie in den 
Anfang oder die Mitte des Septembers, also in eine Zeit, wo die 
Niederschläge noch gering sind. Frühreifende Sorten, wie den 
Bertone, erntet man schon Ende August, spätreifende Ende September 
oder gar erst Anfang Oktober. Als ich anfangs September des 
Jahres 1892 die Reisfelder in der Umgegend Mailands besuchte, war 
der Bertone schon eingeerntet, auf den übrigen Feldern hatten die 
Rispen begonnen sich zu färben. Vierzehn Tage später fand ich die 
Arbeiter überall mit dem Einernten beschäftigt, oder es bezeichneten 
Stoppelfelder die Stellen, wo wenige Tage vorher die wogende Rispe 
rauschte. Nur hier und da harrte noch ein Reisfeld der Sichel. 

Viel später als in Italien, nämlich erst Ende Oktober, findet die 
Haupternte der wichtigsten Reissorte, des Oku, in Japan*®) statt. 
Da seine Aussaat in der zweiten Hälfte des April oder Anfang Mai 
erfolgt, so hat er also ein volles Halbjahr zu seiner Entwickelung 
nötig, während der italienische Reis im Durchschnitt nur eine Vege- 
tationszeit von 5 — 5^/2 Monaten, der Bertone gar nur von 4^/a 
Monaten bedarf. Wie die Aussaat, so fällt auch die Ernte des Reises 
in Spanien*^) im allgemeinen früher als in Italien, nämlich in den 
Anfang des Septembers. Aussaat und Ernte des italienischen Reises 
stehen also der Zeit nach in der Mitte zwischen Aussaat und Ernte 
des spanischen und japanischen. 



«<») Rein, Japan, n. Teil. 

^^) Bein, Gesammelte Abhandlangen. S. 224. 



— 92 — 

Drei bis 10 Tage vor der Ernte wird das Reisfeld trocken ge- 
legt, damit nicht die Bäder der Erntewagen in den sonst schlammigen 
Boden eindringen und nicht die mit Miasmen erfüllte Luft die Ge- 
sundheit der Erntearbeiter gefährdet. Ist der Boden einigermafsen 
trocken, so beginnt die Arbeit der Schnitter. In schräger Reihe 
folgen 15 — 20 derselben hintereinander und schneiden die Halme 
etwa 3 cm über dem Boden mit der Sichel ab. Mit überraschender 
Schnelligkeit werden 7 bis 8 Handvoll der geschnittenen Halme zu 
Bündeln zusammen gelegt, mit Seilchen aus Reishalmen umwickelt 
und dann 3 oder 4 dieser Garben (covoni) gegen einander auf- 
recht auf die Stoppeln gestellt, so dass sie sich gegenseitig zur Stütze 
dienen. Nach sorgfältiger Verladung wird der Reis durch Ochsen- 
gespanne auf die Tenne (aja) geschafit, um dort gedroschen zu 
werden. Auf kleinen Besitzungen geschieht dies noch hin und wieder 
mit Dreschflegeln, auf gröfseren wurde früher der Reis durch Pferde 
oder Ochsen ausgetreten; seit der Mitte des Jahrhunderts werden 
aber mit Wasser oder Dampf getriebene Dreschmaschinen benutzt. 

Der gedroschene aber noch mit der Spelze (crusa) bekleidete 
Reis wird in Italien risone genannt, der Engländer nennt ihn so 
Paddy, eine Bezeichnung, die auch in ganz Ostasien üblich ist. 

Nach dem Drusch werden die Reiskörner zum Trocknen in 
dünnen Lagen auf der Tenne aufgeschüttet. Die Tenne, im inneren 
Hofraum eines Bauerngutes gelegen, ist entweder gepflastert oder 
cementiert und dacht sich von der höheren Mitte aus nach zwei 
Seiten mit schwacher Neigung ab. An den Seiten fangen Rinnsale 
das Regenwasser auf und bewahren so den aufgeschichteten Reis vor 
Feuchtigkeit. Täglich wird derselbe mit Harken gehörig umgewühlt 
und mit Schaufeln aufgeworfen und bei anbrechender Dunkelheit in 
langen prismatischen Schichten aufgehäuft, wodurch der Reis vor 
Erhitzung und Gährung bewahrt bleibt. Am folgenden Morgen wird 
er wieder über die Tenne ausgebreitet und geworfelt. Das wird so 
mehrere Tage wiederholt, mit dem Unterschied, dafs an den folgenden 
Abenden der Reis kegelförmig in Mengen von 30 — 50 hl aufgeschichtet 
wird. Nach 3 Tagen ist er gewöhnlich trocken, so dass sich das 
Korn leicht von der Spreu sondert und eine harte Bruchfläche zeigt. 
Der trockene Reis wird dann entweder auf den Speicher gebracht» 
wo er in Schichten von 6—8 cm liegen kann, oder sogleich in 
Maschinen einer weiteren Behandlung unterzogen. Die eigentliche 
Kulturarbeit des Landmannes ist mit dem Drusch und Trocknen des 
Reises beendet. 



— 93 — 

IV. 

Der Beisban in hygienischer Beziehung nnd die soziale Lage 

der Beisarbeiter. 

Nicht nur von schädlichen Tieren, Unkräutern, Krankheiten 
und schlechter Witterung wird der Reisbau bedroht, sondern auch 
menschliches Vorurteil tritt heute wie ehedem häufig seiner Ent- 
wickelung hindernd in den Weg. Abgesehen von den ebenso un- 
gerechten, als egoistischen Klagen, dafs der Reisbau andre wichtige 
Kulturen verdränge, — das wird mit dem Hinweis darauf hinfällig, 
dafs er viele Tausende ernährt und für Oberitalien eine der haupt- 
sächlichsten Einnahmequellen bildet, — glauben viele seine Wirkung 
auf die Gesundheit der Arbeiter und Anwohner auf gleiche Stufe 
mit derjenigen der Sümpfe stellen zu können und verlangen deshalb 
seine möglichste Einschränkung oder gar völlige Ausrottung. 

Prüft man die Meinung des Volkes sowohl wie der Hygieniker 
und Agronomen, so zeigt sich nirgends völlige Übereinstimmung. In 
einigen Orten wurde lebhafter Protest laut gegen den Reisbau, infolge 
endemischer Krankheiten, andre Orte sahen bei ähnlichen Umständen 
gleichgiltig der weiteren Ausbreitung des Reisbaues zu. Ein Teil 
der Hygieniker fordert seine völlige Unterdrückung, andre, mit denen 
auch viele Agronomen übereinstimmen, eine Einschränkung des Reis- 
baues, wenigstens auf den permanenten Reisfeldern. Selbst die ge- 
setzlichen Bestimmungen über denselben sind im Lande verschieden 
je nach den einzelnen Provinzen. 

Indem wir uns auf die kritischen Untersuchungen eines Bordiga^^) 
stützen, wollen wir im folgenden darzustellen versuchen, wie weit 
diese Meinungen über die hygienische Seite des Reisbaues Berechtigung 
haben und wie weit sie übertrieben sind. 

Von vornherein ist zuzugeben, dafs auch die Reisfelder infolge 
der Ausdünstung in Verwesung geratener, organischer Stoffe, Miasmen 
entwickeln, die schädigend aut den menschlichen Organismus wirken 
können. Untersuchungen haben ergeben, dafs in dem Wasser, dem 
Thau und der Luft der Reisfelder sich Bacillen befinden, die ganz 
analog denen sind, welche die Malaria verursachen. In Gegenden, wo 
der Reisbau betrieben wird, treten denn auch häufig genug periodische 
Fieber und andre nach Ansicht der Arzte damit zusammenhängende 
Krankheiten, wie z. B. Verdickung der Milz, Leberleiden, Wasser- 
sucht und andre auf. Todesfälle dagegen als Folge der Malaria 
kommen nur ganz vereinzelt vor. Keinesfalls aber können die Reis- 



'*) Oreste Bordiga : Del Biso e della süa Coltivazione. NovaralSSO. S. 204 ff. 



— 94 — 

felder in ihrer Wirkung auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung 
mit den Sümpfen verglichen werden. Diese haben eben stagnierendes 
Wasser, während das Wasser der Reisfelder in steter, wenn auch 
langsamer Bewegung ist, überdies durch Mitfuhrung atmosphärischen 
Sauerstoffes viele organische Substanzen auflöst und unschädlich 
macht. Nur wenn der Boden nicht sorglich genug geebnet ist, 
kann das Wasser auch hier, besonders bei wenig lockerem Boden, 
nach der Trockenlegung des Feldes, stellenweise stagnieren, und dann 
ebenso schädlich wirken, wie das stagnierende Wasser der Sümpfe. 

Letztere sind im allgemeinen ungleich verderblicher als Reis- 
ländereien, was schon zur Genüge daraus erhellt, dafs die Bevölkerung 
in den Sumpfgegenden, wie z. B. bei Rom und Grosseto, sehr dünn 
gesät ist, während der Reisbau in Ober-Italien, besonders in den 
Gegenden seiner intensivsten Entwickelung, eine starke Vermehrung 
der Bevölkerung, wenn nicht zur Folge gehabt, so doch mindestens 
nicht verhindert hat. 

Vergleicht man in Bordiga*^) die Tabellen über Bevölkerungs- 
zunahme und Sterblichkeit in Sumpfdistrikten wie Rom und Grosseto 
einerseits und den Reisgegenden anderseits, so mufs man zu dem 
Schlufs kommen, dafs erstere nicht im entferntesten in bezug auf 
gesundheitschädliche Wirkungen den letzteren gleichgestellt werden 
können. Fügen wir noch hinzu, dafs die Resultate der Rekruten- 
Aushebungen durchaus nicht zu Ungunsten der Reis bauenden 
Distrikte sprechen, so wird man zugeben müssen, dafs kein Grund 
vorliegt, die gesundheitschädlichen Wirkungen derselben so hoch 
anzuschlagen, und wird vielmehr es als ein Glück ansehen, dafs die 
früher weit ausgeereiteten Sümpfe Ober-Italiens der Reiskultur haben 
weichen müssen. 

Werfen wir noch einen Rückblick auf die Mafsregeln, die die 
Regierungen zum Schutz der Bevölkerung gegen die Wirkungen des 
Reisbaus trafen, so finden wir, dafs diese fast so alt sind wie die 
italienische Reiskultur selbst. Schon im Jahre 1498 gab der Duca 
Lodovico il Moro Bestimmungen betreffs der in Stampfinühlen 
beschäftigten Reisarbeiter. Als im Anfang des 16. Jahrhunderts 
der Reisbau an Ausdehnung gewonnen hatte, begannen sämtliche 
Regierungen demselben entgegenzuwirken. Es folgte eine Reihe von 
Verordnungen über die Bewässerungen, über die Entfernung der 
Reisfelder von den Städten, oder auch Verbote, ähnlich wie in 
Spanien.'^) Auffallend ist, dafs diese Bestimmungen immer vrieder 

») Bordiga, a. a. 0.; S. 224 £& 

'^) Rein, Gesammelte Abhandinngen. S. 225. 



— 95 — 

aufs neue eingeschärft wurden, ein Zeichen dafür, dafs sie von den 
Interessenten, meist Klerus und Adel, wenig oder gar nicht beachtet 
wurden. Mit besonders scharfen Bestimmungen gingen die Herzöge 
von Piemont vor. In Saluzzo z. B. wurde im Jahre 1523 der Reis- 
bau nach einer verheerenden Pest gänzlich verboten, im Jahre 1567 
wurde dieses Verbot wieder erneuert. Bei Vercelli begannen die 
Beschränkungen im Jahre 1571. Die Entfernung von der Stadt 
wurde im Jahre 1679 zu 10 Meilen (= 15 km) festgesetzt. Im 
Jahre 1608 wurde verordnet, dafs Reisfelder nur mit allerhöchster 
Erlaubnis angelegt werden sollten, und zwar nur da, wo sich das 
Feld für andre Kulturen als ungeeignet erwies. Die Entfernung 
von bewohnten Orten sollte mindestens 6 km, die von den Wegen 
4,2 km betragen. Unzählige andre Verordnungen folgten, die einen 
noch schärfer als die andern, bis im Jahre 1850 allgemeine 
Bestimmungen für den Reisbau in ganz Piemont mafsgebend wurden. 
— Für die Lombardei datieren die ersten Verordnungen aus dem 
Jahre 1575 und wurden durch ähnliche Umstände veranlafst wie 
in Piemont. Von da ab mufste sich der Reisbau 7^/a Meilen 
(= 11,25 km) von der Kathedrale Mailands entfernt halten. Im 
allgemeinen war jedoch die Lage des Reisbaus in der Lombardei 
günstiger als irgend sonst. Er wurde von der spanischen Regierung 
in Mailand, die sich dort seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts 
festgesetzt hatte, geradezu begünstigt. Ihrem Einflufs verdankt 
man daher auch wohl die grofse Ausbreitung des Reisbaus in jenem 
und dem folgenden Jahrhundert. Die wichtigsten gesetzlichen Be- 
stimmungen gab in der Folge der Governatore Gusman Ponce de 
Leon im Jahre 1662, die allen folgenden bis 1796 zur Grundlage 
dienten. Sie bestimmte die Entfernung von den Mauern Mailands, 
Novaras und Pavias zu 6 km. Dieselbe wurde später für die beiden 
letzteren Städte auf 3 km verringert und erfuhr in der Folge noch 
weitere Modifikationen durch Gesetz vom Jahre 1809 und 1812. 

Die Republik Venedig traf 1556 zum ersten Mal Bestimmungen 
über das zur Berieselung verwandte Wasser. Im Jahre 1594 wurde 
der Reisbau auf sumpfige Ländereien beschränkt, die für andre 
Kulturen ungeeignet waren und, da anch hier das Verbot mifsachtet 
wurde, im folgenden Jahre die Vernichtung aller nach dem Jahre 1556 
entstandenen Reisfelder angeordnet und zwar weniger aus hygienischen 
Gründen, sondern mit Rücksicht auf die Verdrängung andrer Kul- 
turen, wie Weizen, Mais, Wein u. a. durch den Reisbau. Schon 
damals wurde, wie die Verordnung erwähnt, ein grofser Teil des 
geernteten Reises aus Venedig ausgeführt. Im Laufe der Zeit 



— 96 — 

wurden hier die Beschränkungen jedoch aufgehoben oder doch 
modifiziert, so dafs im vorigen Jahrhundert Venetien zu den 
blühendsten Reisdistrikten Italiens gehörte. — Ebensowenig be- 
schränkt, vielmehr begünstigt, wie in der Lombardei und Venetien, 
konnte sich der Beisbau auch in der Emilia entfalten und trug 
hier wesentlich dazu bei, das Areal der Sümpfe zu verkleinern. — 
In Toscana dagegen und der ehemaUgen Bepublik Lucca, wo eben- 
falls Gelegenheit geboten war, die ausgedehnten Maremmen urbar 
zu machen, verbot eine kurzsichtige Begierung den Beisbau, der 
sich seit dem Jahre 1600 hier auszubreiten begann, zu wiederholten 
Malen. Die letzten Verordnungen aus diesem Jahrhundert, die der 
Jahre 1842 und 1849, banden den Beisbau an behördliche Erlaubnis 
und den Nachweis dauernder Bewässerung. 

Im früheren Königreich beider Sizilien war der Beisbau zwar 
auch nicht frei von gesetzlichen Beschränkungen, doch sind die- 
selben wegen der geringen Ausdehnung desselben von keiner 
gröfseren Bedeutung. 

Seit dem Jahre 1866 ist der Beisbau ganz Italiens gesetzlich 
geregelt. Es wurden jedoch keine einheitlichen Bestimmungen für 
das ganze Beich getroffen, sondern die Einführung und Art der- 
selben in das Befinden der Provinzialräte gestellt, die sich mit den 
Gemeinden und Sektionsbehörden ins Einvernehmen zu setzen haben. 
Der Sindaco der Gemeinde hat darüber zu wachen, dafs die gesetz- 
lichen Bestimmungen beobachtet werden. Die Entfernung der Beis- 
felder von den Städten und Dörfern, wie auch die andern zahl- 
reichen Bestimmungen sind daher ganz verschieden je nach Provinz 
und Distrikt. Die Entfernungen schwanken zwischen 5000 und 30 m, 
je nach der Gröfse von Stadt und Dorf und der strengeren oder 
weniger strengen Entscheidung der Provinzialbehörden. Die mafs- 
voUsten Bestimmungen haben gerade solche Provinzen, die wie 
Novara und Mailand intensivsten Beisbau aufweisen, während z. B. 
die Provinz Parma, in der nur wenig Beis gebaut wird, mit gröfster 
Schärfe vorgeht. 

Mit denselben Anfeindungen hat auch der Beisbau in Spanien^^) 
zu kämpfen. Anläfslich der seit dem Jahre 1884 auch in Spanien 
entstandenen Beiskrisis wurde von der mit der Untersuchung derselben 
betrauten Kommission auch die Frage nach den gesundheitschädlichen 
Wirkungen der Reisfelder eingehend erörtert. Die Kommission, die 
die Ergebnisse ihre Untersuchungen i. J. 1887 in dem Werke TjLa 



''O Rein, Gesammelte Abhandlungen. S. 228 ff. 



— 97 — 

Crisis axrozera<< niederlegte, kam zu dem Schlufs, dafs im Reisgebiet 
der Provinz Valencia die Bevölkerung während der letzten Jahrzehnte 
sich bedeutend vermehrt habe und mit der Zunahme des Reisbaues 
eine grofse Abnahme der Sterblichkeit im allgemeinen und an Sumpf- 
fieber Hand in Hand gingen. Rein^®) hebt bei der Besprechung des 
spanischen Reisbaues hervor, dafs in Spanien die Besserung der 
Gesundheitsverhältnisse mit der vor etwa 40 Jahren dort eingeführten, 
veränderten Betriebsweise, nämlich der Einführung der Vorsaat und 
Verpflanzung in Reihen zusammenfällt. »Die Reihensaat <<, fügt er 
hinzu, „ermöglicht dem Reisbauer die Reinhaltung seines Feldes, 
namentlich von dem übelriechenden Armleuchter; dem Wasser und 
und Winde aber erleichtert sie die Zirkulation. Da in Japan keine 
Malaria mit der Reiskultur verknüpft ist, so liegt hierin vielleicht 
die Erklärung.« 

Sollten die auch in Oberitalien angestellten, günstigen Versuche 
mit der Reihensaat, von denen wir oben Mitteilung machten, ihre 
allgemeine Einführung zur Folge haben, so würden sich gewifs die 
Vorteile derselben auch nach der hygienischen Seite bemerkbar machen. 

Mit einigen Bemerkungen seien endlich noch die Arbeiterver- 
hältnisse in den Reisdistrikten Ober-Italiens berührt, die in engster 
Berührung mit den oben besprochenenn hygienischen Fragen stehen. 

Unter den Reisarbeitern unterscheidet man drei Gruppen: die 
auf den Gütern ansässigen Arbeiter, die mit den Pächtern oder 
Besitzern jährliche Kontrakte vereinbaren (salariati), ferner die eben- 
falls in der Nähe ansässigen Tagelöhner (baccianti) und die meist 
aus den gebirgigen Teilen des nördlichen Ober-Italiens zur Zeit der 
Reinigung des Reisfeldes und der Ernte herabkommenden Arbeiter 
beiderlei Geschlechts. Die materielle Lage der Arbeiter der ersten 
Gruppe ist noch ziemlich günstig zu nennen. Je nach ihrer Thätig- 
keit sind sie in verschiedene Klassen geordnet. Einem derselben 
wird die Führerschaft zuerteilt. Dieser Obmann erhält als jährlichen 
Lohn 120 Lire, die übrigen dagegen nur 80 — 90 Lire. Dazu erhält 
jeder an NaturaUen 8 hl Mais, IV2— 2^2 hl Reis, 250—600 Bündel 
Reisig, einen 90 — 100 qm grofsen Garten mit Dünger und zwei 
Zimmer zur Wohnung. Jeder Arbeiter erhält aufserdem ^/s vom 
Produkt eines ihm zur Bearbeitung übergebenen, 60—80 Ar grofsen 
Maisfeldes, und Darlehn zur Beschaffung und Unterhaltung von 
Schweinen, Hühnern, Gänsen u. a. Diese Teilwirtschaft^'), in Italien 



**) Bein, a. a. 0. 

'^ Eheberg, Agrarische Zustände in Italien. S. 124. 

'^ Jacini, La proprietk fondiaria in Lombardia. S. 212. 

a«ogr. Butter. Bremen, 1896. 7 



— 98 — 

mezzadria genannt, ist für die italienische Landwirtschaft charak- 
teristisch und fast überall in Italien, wenn auch unter den ver- 
schiedensten Formen, heimisch. Alles in allem beläuft sich das 
jährliche Einkommen eines solchen Arbeiters auf 500 Lire, abgesehen 
davon, was die übrigen FamiUenglieder in den Sommermonaten im 
Tagelohn verdienen. Maisbrot, Reis und Polenta bilden fast aus- 
schliefslich seine tägliche Speise, nur aasnahmsweise gestattet er 
sich etwas Wein und Fleisch. Die Kleidung dieser Leute besteht 
meist aus groben Baumwollstoöen. Ihre Wohnungen entsprechen 
nicht den geringsten Anforderungen der Hygiene, wenn auch darin 
schon hier und da Wandel geschaffen ist. Die Fenster sind meist 
mit Papier oder Tuch bedeckt und die Zimmer in jämmerlichem Zu- 
stande. Überdies ist es Gewohnheit dieser Leute, in den Ställen zu 
schlafen, unbeachtet der Ausdünstungen von Tieren und Dünger. 
Die Tagelöhner mieten ein paar Zinmier mit Viehstall und leben 
einerseits von dem Erlös der Viehhaltung, anderseits von dem Tage- 
lohn, der im Sommer für Männer 1,50 — 2,50 Lire, auch wohl 3 Lire, 
für Frauen 1,20 — 1,60 Lire, im Winter dagegen nur bezüglich 
0,80—1,20 Lire und 0,60—0,70 Lire beträgt. Aus Mais, Reis und 
ein wenig Gemüse besteht im wesentlichen ihre meist kärgliche 
Mahlzeit. Die Kinder, für deren Unterricht wenig Sorge getragen 
wird, müssen sich schon früh in der Wirtschaft nützlich machen. 
Mit 10 oder 12 Jahren fangen sie schon an, im Tagelohn zu arbeiten. 
Die Arbeiter der letzten Gruppe, meist junge Burschen und 
Mädchen, die zur Zeit der Reinigung der Reisfelder und der Ernte 
sich aus entlegenen Orten zusanunen finden — die einheimische Be- 
völkerung liefert hierzu keine genügende Anzahl von Arbeitskräften 
— stehen ebenfalls unter Führung eines Obmanns, der für sie gegen 
eine tägliche Abgabe den Tagelohn vereinbart und vielfach auch die 
Besorgung der Minestra, der Suppe für die Mittagsmahlzeit, über- 
nimmt, wobei er sich nicht selten Erpressungen zu schulden kommen 
läfst. Dieses System, das nicht wenig Ähnlichkeit mit einer Speku- 
lation auf Kosten der armen Arbeiter zeigt, hat schon oft Erbitterung 
und Ausschreitungen der Arbeiter zur Folge gehabt, weshalb einsichtige 
Gutsherrn beginnen, sich selbst mehr um ihre Arbeiter zu kümmern. 
Die Arbeit beginnt 4 oder 4^/2 Uhr morgens und dauert 12 Stunden 
mit einer halbstündigen Unterbrechung um 8 Uhr und einer einstündi- 
gen um 10 Uhr und mittags. Viele Arbeiter arbeiten auch noch über 
4 Uhr nachmittags hinaus bis zum Sonnenuntergang und erhalten 
dafür die Hälfte oder ein Drittel des üblichen Tagelohns mehr. 
Dieser schwankt bei den Männern zwischen 1,60 und 2 Lire, bei 



— 99 — 

den Frauen zwischen 1,26 und 1,75 Lire, zu Zeiten gröfserer Arbeits- 
nachfrage steigt er auch wohl auf 2,50 Lire beziehungsweise 2 Lire 
und darüber. — Diese Leute nehmen in der ersten Pause Mais- oder 
Reisbrot mit etwas Käse oder Schweinefleisch schlechtester Güte 
zu sich. 

Um 10 ühr und Mittag wird allen gemeinschaftlich Minestra 
di riso und Bohnen mit Speck verabreicht, und am Abend giebt es 
wieder ein wenig Brei und Käse, wie am Morgen. Ihre Arbeit ist 
aufserordentlich ermüdend ; nichtsdestoweniger unterhält sich das 
junge Volk am Abend durch Tanz und Spiel, um am Morgen die 
schwere Arbeit wieder aufzunehmen, nachdem es die Nacht auf dem 
Heuboden einer Käsehütte oder auch unter freiem Himmel zugebracht 
hat. Der Kontrakt, den der Obmann dieser Arbeiterrotten mit dem 
Gutsherrn oder Pächter abschliefst, wird wöchentlich auf einem öffent- 
lichen Platze der nächsten Stadt oder des nächsten gröfseren Dorfes 
erneuert. Zu diesen oft viele Kilometer entfernten Stellen wandere die 
ganze Arbeiterschar und verbringt die Nacht unter den Thorwegen, oder 
auf den Strafsen unter den Bäumen. Es ist natürlich, dafs eine 
solche Lebensweise häufig genug den Keim zu den Krankheiten legt, 
denen die „mondatori delle risaie" ausgesetzt sind. 

Die Erntearbeiten werden mit 2 oder 2.50 Lire pro Tag be- 
zahlt, vielfach aber auch mit Teilen des geernteten Produkts. 
Letzteres ist immer der Fall bei den Arbeitern imd Arbeiterinnen, die 
mit dem Dreschen und Trocknen des Reises auf der Tenne beschäftigt 
sind. Erstere erhalten für die ganze Zeit jener Arbeiten, die etwa 
1^/2 Monate dauern, 3 — 4 hl geschälten Reis, letztere 2 — 2^/2, was 
ungefähr einem Werte von 80 — 108 Lire, beziehungsweise 54 — 67 Lire 
entspricht. 

Ist die Zeit der Reinigung der Reisfelder und der Ernte beendet, 
so kehren die Arbeiter in ihre Heimat zurück, die ;;mondatori" mit 
einer Ersparnis von 30 — 40 Lire, die andern mit Reis zur Ernährung 
im Winter. Viele von diesen Arbeitern erkranken an der Terzana, 
dem dreitägigen Fieber, oder ziehen sich langwierige Krankheiten 
zu infolge der übermäsfigen Anstrengung, besonders dann, wenn sie 
über die gewöhnliche Stundenzahl hinaus arbeiten und an der Nahrung 
zu sparen suchen, um einen höheren Verdienst mit nach Hause zu 
nehmen. 

So wenig beneidenswert die Lage dieser Arbeiter auch ist, 
so ist sie doch durchaus nicht schlechter, als die Lage derjenigan, 
die von den Bergen in die Ebene herabkommen zum Schnitt der 
Wiesen und des Getreides. Am wenigsten hat ihr Loos Ähnlichkeit 

7* 



— lOÖ — 

mit ilt^m der unglücklichen Arbeiter, die in Latium und Toscana in 
den Gegenden der Marenunen Arbeit suchen. Von ungefähr 30000 
Arbeitern, die jährlich die Weizenernte in der Gampagna romana 
beisorgen, soll nicht weniger als ein Drittel in den Krankenhäusern 
Konis Heilung von den Fiebern suchen. 

Aus vorstehender Darstellung wird eins klar ersichtlich sein, 
dafs näinlich viele der Krankheiten, die dem Reisbau an sich zur 
Last gelegt werden, eine Folge der teils selbst-, teils unverschuldeten 
Lebensweise dieser Arbeiter ist, besonders mit Rücksicht auf Wohnung 
und F4rnährung. Das wird noch augenscheinlicher, wenn man bedenkt, 
dalb der Boden der Häuser aus Backsteinen besteht, deren Erde von 
den Reisfeldern herrührt, und die Häuser selbst sich mit diesen auf 
gleicher Höhe befinden, dafs überdies das Trinkwasser ans Brunnen 
geHuhöpft wird, deren unfiltriertes Wasser mit den Reisfeldern in 
Beaiehung steht. In diesen Punkten strebt man neuerdings^ wie 
anauerkennen ist, nach Besserung, so dafs wohl nach Beseitigung 
Holoher Mängel die Klagen über die schädlichen Wirkungen des 
Ueisbaues mehr und mehr verstummen werden. 

(Schlofd folgt.) 



Ein Besnch auf der Insel Titicaca. 

Von Dr. B« Copeland* 



bia Itiael TiÜoaoa. Ruinen von Pilcocayma. Alte Inkastrafse. Kulturpflanzen auf den 
Titiuaüalnseln. Heimat der Kartofiel. Gute Aufnahme in dem Dorfe Challa. Beschreib 
huug (loH Dorfes. Der Sonnentempel der Inka. „Fufstapfen der Sonne", die „Quellen 
der Inka*' bei Yumani, schöne Vegetation daselbst. Aufnahme auf dem Dampfer 
„Yavarl*'. „8oe"krankheit. Namen der Sträucher und Blumen in dw Aymarasprache. 

Von der südlichen Küste des grofsen Titicacasees springt die 
bemerkenswerte Halbinsel Copacabana in der Form eines gleich^ 
S(utigon Dreiecks hervor. Diese Halbinsel wendet eine Spitze nach 
Osten und eine nach Nordwesten, während sie mit der dritten oder 
südlichen Spitze mit dem Festlande zusammenhängt, ungefähr acht 
Meilen südwärts von der Stadt Copacabana, von welcher die ganze 
Halbinsel ihren Namen erhalten hat. Jede Seite dieser Halbbsel mifst 
ungefähr zwanzig bis vierundzwanzig englische Meilen. Von der 
Nordwesfspitze durch eine enge aber tiefe Wasserstrafse getrennt, 
liegt die weltberühmte Insel Titicaca, die als eine geologische Fort- 
setzung der benachbarten Halbinsel gelten kann. Beinahe am nörd-* 
^^/.\ 'liebsten Ende der Insel erhebt sich der Incasonnentempel, der von 



• • 



— 101 — 

Süden her durch den gut angelegten alten Weg zugänglich ist, welcher 
von der oben erwähnten Waaserstrafse her an dem hohen Bücken 
der Insel entlang führt. Auf dieser Wasserstrafse wird gelegentlich 
eine Verbindung mit dem Festlande durch jene eigentümlichen 
binsengeflochtenen Böte oder „Balsas'^ hergestellt, die noch jetzt 
von den Indianern, welche die Küsten und Inseln des Sees bewohnen, 
gemacht und gebraucht werden. 

Eigentümlich in der That war das Gefühl, als ich mich an 
einem regnerischen Morgen gegen Ende März 1883 allein am Süd- 
ende der Insel Titicaca fand mit meinen Decken und einigen not- 
wendigen, in ein paar Waterproofsäcke verpackten Gegenständen. 
Ich mufs bemerken, dafs die Insel nur von Indianern bewohnt ist, 
mit deren Sprache ich vollkommen unbekannt war, und die, wie 
man mir gesagt hatte, wenig oder kein Spanisch oder irgend eine 
andre europäische Sprache sprachen. Mein erstes Bestreben war, 
einen Träger tmd Führer ausfindig zu machen, — und hier war 
mir das Glück günstig, denn der erste Mensch, den ich traf, war 
ein zufällig anwesender Besucher von dem Festlande, der etwas 
Spanisch konnte und leicht verstand, dafs der Zweck meiner An- 
wesenheit die Besichtigung der Buinen der alten Wohnhäuser und 
Tempel war. Er teilte mir sogleich mit, dafs der Ort, wo wir gerade 
waren, Pilcocayma genannt werde, und dafs einige Buinen ganz in 
der Nähe seien, dafs sich aber die Hauptgebäude der Insel sehr weit 
entfernt befanden. Er berichtete mir ferner, dafs weder Maultiere, 
noch irgend welche andre Arten von „Bestia'^ zu haben wären, 
erklärte sich aber bereit, ein paar junge Männer ausfindig zu machen, 
die mich auf meinen ferneren Wanderungen begleiten könnten, denn 
er selbst mufste wieder Über die Wasserstrafse zurück, um nach 
seiner Ernte zu sehen. Unterdessen führte er mich zu den Buinen, 
die er vorher erwähnt hatte, und die, wie die meisten andren Ge- 
bäude auf den Titicacainseln ebenfalls nahe dem Ufer errichtet 
waren, die eine Hauptfront, nach Nordosten, in roher Parallele 
mit der Küste laufend. Die nordwestliche Mauer war ursprünglich 
von drei Thorwegen unterbrochen gewesen, die sich in ägyptischer 
Form nach oben verengerten und von mächtigen Steinsimsen gekrönt 
waren. Von diesen Eingängen gewährt nur der mittelste Eintritt 
zu dem Innern, die andern beiden sind zugemauert worden, wahr- 
scheinlich schon vcr vielen Jahren. Es befindet sich auch noch 
eine andre Öffiiung an dieser Seite des Hauses, ungefähr zwanzig 
Fufs hoch, aber bedeutend enger als die Thorwege. Durch Schutt 
nud dichtes Buschwerk ist das Innere in zahlreiche sehr kleine Bäume 



— 102 — 

geteilt, die jetzt fast unzugänglich sind. Tiefer, an der dem See 
zugewandten Seite, sind mehrere Eingänge, die nach einer Anzahl 
niedriger dunkler Räume führen, welche einen beinahe unterirdischen 
Eindruck machen. In jedem dieser Bäume befinden sich verschiedene 
aufwärts gehende Nischen, jede hoch genug, um einen grofsen Mann 
in sich aufzunehmen. Viele dieser Nischen haben enge Luftlöcher, 
die von dem oberen Teile aufwärts und rückwärts durch die dicke 
Mauer führen. Wozu können diese merkwürdigen Nischen benutzt 
worden sein? Waren sie Dampfbäder, wie mein Begleiter geneigt 
schien zu glauben, oder waren die engen Öffnungen einfach Ventila- 
tionskanäle, wie man sie in gröfserem umfange in den ägyptischen 
Pyramiden antrifft? 

Mein neuer Freund hielt Wort und versorgte mich mit einem 
paar indianischen Führern, denen er umfangreiche Verhaltungsmafs- 
regeln in der Äymarasprache gab, bevor er mich ihrer Fürsorge anver- 
traute. In ihrer Begleitung durchschritt ich fast die ganze Länge der 
Insel in einer Höhe von ungefähr 500 FuTs über dem See. Die höchsten 
Hügel mögen sich ungefähr noch 300 Fufs höher erheben bis zu einer 
Höhe von 13300 Fufs über dem Meere. An jeder Seite ist die 
Küste tief eingeschnitten von anmutigen Buchten, deren Ufer, selbst 
wenn sie ganz steil sind, sorgfaltig angebaut sind; die Lieblingspflanzen 
sind Mais, Kartoffeln und Hirse. Das Titicacabecken ist die Heimat 
der Kartoffel, und hier finden wir sie demzufolge in vielen schönen 
Spielarten angebaut, die in Europa gänzUch unbekannt sind. Hier 
giebt es Kartoffeln von einer glänzenden wachsartigen Weifse, andre 
sind fast schwarz, während wieder andre hell rosenfarbig oder gelb 
gefärbt sind. Auch giebt es verschiedene süfse Arten. 

Ich bemerkte, dafs die Sandsteinfelsen sowohl auf der Insel 
Titicaca wie auf der Halbinsel Gopacabana nach Nordosten in einem 
W^inkel von ungefähr 30 Grad abfallen. In einigen Teilen treten 
Spuren dünner Kohlenschichten zu Tage, aber nur in Yampupata 
auf dem Festlande ist es möglich gewesen, diese mageren Lager in 
einer gewissen Ausdehnung abzubauen. Unsre Wanderung wurde 
interessant durch die Bereitwilligkeit, mit welcher mir die Indianer 
die Namen verschiedener Blumen und Sträucher in ihrer eigenen 
Sprache nannten, oder mit der sie mir irgend etwas zeigten, das 
sie der Aufmerksamkeit für wert hielten; sie waren besonders dar- 
auf bedacht, dafs ich nicht irgend welche Spuren des alten Weges 
übersehen sollte, auf welchem unser Pfad hauptsächlich hinführte. 
Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang arbeiteten wir uns in einer 
engen Rinne in den Felsen abwärts nach dem Dorfe Challa am Ufer 



— 103 — 

einer schmalen sandigen Bucht; Challa bedeutet Sand oder sandiger 
Ort, Als wir den Abstieg begonnen, stiefsen wir auf einen kleinen 
Burschen, der im Moment, wo er mich erblickte, in ein fürchter- 
liches Geschrei ausbrach und Hals über Kopf über die Felsen hin- 
untersprang in der unvorsichtigsten Eile und Hast, um dem lang- 
bärtigen Menschenfresser zu entfliehen, der so plötzlich vor ihm er- 
schienen war. Wir fanden sehr wenige Leute in dem Dorfe, meist 
Frauen, aber unter diesen war glücklicherweise die Frau des Indianer- 
häuptlings, der mich meine Führer vorstellten, indem sie den Zweck 
meines Besuches erklärten und hinzufügten, wie ich aus der häufigen 
Wiederholung des Namens schlofs, dafs ich ein besonderer Freund 
von Don Miguel Garcfe, dem Eigentümer dieses Teiles der Insel, 
sei. Die jungen Männer verliefsen mich dann und ich fand mich 
der Fürsorge von Fremden überantwortet, mit denen ich nicht ein 
Wort wechseln konnte. 

Das Dorf bot gerade keinen sehr erfreulichen Anblick in dem 
trüben regnerischen Wetter, aber die festgebauten Hütten von un- 
gebrannten Ziegeln mit ihren dicht mit Binsen gedeckten Dächern 
boten einen willkommenen Schutz gegen die durchdringende kalte 
Nachtluft. Die Thüren waren niedrig, die Fenster sehr klein und nur 
gering an Zahl, während Schornsteine überhaupt nicht vorhanden 
zu sein schienen. Der Spärlichkeit des Brennmaterials entsprechend 
sind die von den Indianern benutzten Feuer in der That so klein, 
dafs Schornsteine kaum nötig sind. Ich wurde in einen Raum ge- 
führt, dessen Fufsboden mit einer Matte vnn geflochtenem Stroh 
bedeckt war, offenbar für den Empfang des „Patrons", des Eigen- 
tümers des Ortes bestinmit. Die Ausstattung bestand in einem 
Stuhl, einem Tisch und einem Leuchter. Auf dem Tische lag ein 
unvollständiger Abdruck einer schönen spanischen Ausgabe des • 
Ewigen Juden — El Judio errante — der manchem Reisenden Unter- 
haltung gewährt zu haben schien. Diese spärliche Ausrüstung 
wurde durch eine aus Lehm errichtete Bank vervollständigt, die 
rund um die Wände lief. In einem angrenzenden gewölbten Raum 
befand sich eine gröfsere Bank, ebenfalls aus Lehm, die als Lager 
bestimmt war; da ich aber ein bequemes kleines Feldbett mit hatte, 
zog ich es vor, meine eigenen Einrichtungen für die Nacht zu 
treffen. 

Wie gewöhnlich bei Bauernhöfen in der ganzen Welt und 
besonders in spanischen Ländern, waren die verschiedenen Gebäude 
um einen Hof oder „Corral" gruppiert. An die eine Seite dieses 
Corrals angrenzend erhob sich die sehr einfache Kirche des Dorfes. 



_ 104*— 

.ja 

Sie zeichnet sich vor den andern Gebäuden darch die besondere 
Dicke ihrer Lehmmauern und eine gröfsere Schicht Dachstroh aas. 
Eine kleine Ö&ung in einer der Mauern und die Thüre sind die 
einzigen Wege für das Hereinlassen des Lichtes. Auf der Kirch- 
hofsmaner befindet sich ein roher kleiner Glockenturm» ebenfalls mit 
Stroh gedeckt, in welchem ein paar kleine Glocken an einem Stock 
aufgehängt sind. Auf dem Kirchhof sind eine Anzahl Gräber, die neueren 
durch kleine hölzerne Kreuze bezeichnet, die aus zwei mit einem Stroh- 
seil zusammengebundenen Stabstückchen gemacht sind ; wahrlich das 
vergänglichste Denkmal, das anzutreffen mir je beschieden war! 

In der Mitte des Hofes bemerkte ich zu meinem Erstaunen 
einen grofsen rechteckigen Trog, der aus emem einzigen Block harten 
Basalts herausgehauen war. Ich konnte nicht umhin mich zu wun- 
dem, wie dieser Trog hierhergekommen sei, denn er war mit grofser 
Sorgfalt ausgehauen, und es mufste der Härte des Materials wegen 
grofse Mühe gekostet haben, ihn herzustellen. Was immer auch 
der Zweck gewesen sein mochte, für den er ursprünglich bestimmt 
gewesen war, jetzt diente er als Wasserbehälter für Vieh und Geflügel. 

In Puno hatte man mir anempfohlen, mich mit allem was ich 
brauchte zu versehen, Nahrung, Licht und Bett eingeschlossen. Die 
Zubereitung meines Abendessens auf dem Herde meiner Wirtin gab 
mir Gelegenheit, ihre Kocheinrichtungen zu studieren. Ihre Küchen- 
feuerstätte bestand in einem grofsen Lehmgefäfs mit drei runden 
Löchern, zwei obenauf, um die verschiedenen irdenen Pfannen auf- 
zunehmen und ein drittes an der Vorderseite, durch welches die 
Feuerung hineingesteckt wurde. Dank einem üppigen Wachstum 
von Buschwerk in der Nachbarschaft erfreuen sich die Einwohner 
von Challa des Gebrauches von Stecken als Brennmaterial an Stelle 
des Lamadüngers, des gewöhnlichen Brennmaterials in diesen hoch 
gelegenen und baumlosen Gegenden. Von Zeit zu Zeit fachten die 
indianische Frau oder ihr kleines Mädchen das Feuer mittelst 
Blasens in ein weites aber kurzes Rohr an, welches, obgleich es 
in einiger Entfernung vom Munde gehalten wurde, in ihren Händen 
seinen Zweck auf die befriedigendste Weise erfüllte. Alle die Töpfe 
und Pfannen hatten einen runden Boden, und wenn sie auf dem Feuer 
nicht gebraucht wurden, fanden sie gute Unterkunft in verschiedenen 
Löchern auf dem Fufsboden. Gerade vor Dunkelwerden erschien das 
Haupt der Familie in Gestalt eines alten und freundlichen Indianers, 
dem ich, so gut es möglich war, den in der Aymarasprache geschriebenen 
Brief vorlas, mit dem mich Don Miguel Garces so freundlich ver- 
sehen hatte. Mit Hilfe einiger kleiner Vp^^ "'^n von Seiten 



- 1 



— 105 — 

meines Zuhörers brachte ich es fertig, mich verständlich za machen, 
und ward darauf mit einigen sehr schnell in Aymars^ gesprochenen 
Worten begrüTst. Mein Wirt war jedoch sehr verblüfft, als er merkte, 
dafs ich ihn nicht verstand. Es schien ihm ganz unbegreiflich, dafs 
ich seine Muttersprache, wenn auch unvollkommen lesen könnte und 
nicht im stände wäre, ein einziges Wort zu sprechen. Trotzdem 
waren die guten Leute so freundlich wie nur möglich; sie vervoll- 
ständigten mein Abendessen durch gekochten Mais und Käse aus 
ihren eigenen Vorräten, und versahen mich mit einem mächtigen 
kegelförmigen Talglicht, das volle zwei Fufs lang war, für den Fall, 
dafs meine Laterne mir nicht genug Licht gewähren sollte. Als die 
Dämmerung herankam, hatte ich eine beträchtliche Anzahl der 
zierlichen, reizenden Pampastauben bemerkt, die in der Farbe dem 
Boden, auf dem sie gewöhnlich hocken, so vollkommen gleichen. 
Aber hier kamen sie, um Schutz für die Nacht unter den geräumigen 
Dachtraufen der Hacienda zu suchen, und zeigten dadurch, dafs sie 
keineswegs einem bessern Zufluchtsort oder erhöhteren Schlafplätzen, 
als es in den offenen Ebenen giebt, abgeneigt waren. 

Bis zum andern Morgen um ^IS Uhr hatte sich mein Wirt 
fürsorglich der Hilfe eines jungen Mannes versichert, der etwas 
Spanisch sprach, und unter ihrer vereinten Führung machte ich 
mich sogleich nach dem Sonnentempel auf. Das Wetter war ganz 
aprilmäfsig mit abwechselnden tüchtigen Regenschauern und hellem 
Sonnenschein. Unser Pfad führte der steil abfallenden Küste entlang 
und war so angelegt, dafs er die verschiedenen kleinen Vorgebirge 
abschnitt und die mit diesen wechselnden Buchten, die den Umrifs 
der Insel mannigfaltig gestalteten, säumten. Wir kamen an zwei 
kleinen Häusern vorbei, welche die Überlieferung heute noch den 
Inkas zuschreibt. An mehreren Stellen trafen wir abermals auf 
wohlerhaltene Teile der alten Inkastrafse, die, sobald es die Steilheit 
des Bodens verlangte, in Stufen angelegt war. Als uns nur noch 
der letzte Höhenrücken von dem berühmten Tempel trennte, be- 
merkte ich die Oberreste eines zum Teil bedeckten Wasserkanals, 
in dem noch ein dünnes Binnsal flofs und der, wie mir der Führer 
versicherte, früher dazu gedient hatte, die heiligen Gebäude mit 
Wasser zu versehen. Wenige Yards weiter hin zeigte man mir die 
»Fufstapfen der Sonne«. Dies sind drei grofse eisenhaltige Flecken 
von dunkelbrauner Farbe auf dem gelben Sandsteinfelsen. Namentlich 
zwei davon gleichen den Eindrücken von gigantischen menschlichen 
Füfsen, sogar in der besonderen Unterscheidung von rechts und 
links sowohl, wie in ihrer relativen Stellung, gerade als ob das 



— 106 - 

fabelhafte Wesen, dem sie die Überlieferung zuschreibt, langsam in 
der Richtung nach dem ihm geweihten Bauwerk geschritten wäre. 
Die Ruinen selbst, ich gestehe es offen, enttäuschten mich sehr 
durch ihr rohes und gewöhnliches Ansehen — blofse Bruchstein- 
mauern, die mit Erde oder Lehm gebunden waren, — denn nirgends 
bemerkte ich eine Spur von Kalk. Überall waren die Gemächer 
rechteckig, mit den Hauptseiten nach der Küste unten gerichtet. 
Wo irgend etwas wie ein Dach übrig geblieben war, wurde es durch 
Steinstufen gebildet, von denen eine über die andre vorgeschoben 
war und die inwendig aus den Seitenmauem hervorsprangen, gerade 
so wie ich es bei andern Gebäuden bemerkt hatte, die den Inkas 
zugeschrieben wurden. Hier wurden die Thürsimse ebenfalls durch 
emen einzigen grofsen Stein gebüdet, und nirgends war etwas einem 
wirklichen Bogen verwandtes versucht. Die Öffnungen verengten 
sich ebenfalls nach oben zu wie die Thorwege in den Ruinen auf 
der andern Seite der Insel. Das ganze Gebäude zeigt einen Überflufs 
von Gangen und Nischen mit allen Arten komplizierter Winkel 
und Ecken. Gerade so, wie ich es auf der Insel Coati bemerkt 
hatte, waren die Nischen noch mit einer Mischung von Lehm und 
Stroh umsäumt, wo sie vor Witterungseinflüssen geschützt waren. 
Jeder Raum und jede Ecke war mit Buschwerk und andren Pflanzen 
überwachsen, unter denen ich einen schönen Frauenhaarfarm ent- 
deckte. Man glaubt, dafs Schatzgräber sehr stark zu der gegen- 
wärtigen Unordnung beigetragen haben, aber wenn in den Ruinen 
systematisch aufgeräumt würde, könnten zweifellos noch jetzt viele 
Gegenstände von Interesse gefunden und etwas könnte ebenfalls für 
die Erhaltung der Überreste gethan werden. Wie es jetzt steht, 
mufs jedes Jahr zum weiteren Verfall der Ruinen beitragen; wenige 
Tage vor meiner Ankunft war ein beträchtlicher Einsturz geschehen, 
wodurch eine ganze Mauer oder ein Turm zerstört worden war. 
In der Hauptsache sind nur kleine und verhältnismäfsig weiche 
Steine zum Bau verwendet worden, aber in einer der Haupthallen 
befinden sich zwei grofse Steine von einem härteren Material. Einer 
davon liegt auf der Kante und scheint zu seiner gegenwärtigen 
rechteckigen Gestalt ausgehauen worden zu sein. Der andre ist 
ein grofser und ziemlich unregelmäfsiger Block, oben flach, und ist 
an der dem See zugewendeten Seite mit ein paar Einschnitten oder 
Stufen versehen, die gelegentlich den Aufstieg nach dem obern Teil 
ermöglicht haben mögen. Der Behauptung einiger Eingeborener 
nach ist dieser Stein der „Titicaca«, welcher der Insel und dem 
umgebenden See den Namen gegeben hat. »Titi" bedeutet Tiger 



— 107 — 

oder Jaguar und rpe'khe" K(ypf — obgleich man nicht recht be- 
greifen kann, was der Jaguar, welcher sicher niemals dieses hoch- 
gelegene Gebiet besucht hat, mit der Insel könnte zu thun gehabt 
haben. Auf dem Abhang zwischen den Ruinen und der Bucht 
befand sich ein kleines Feld mit »Auima«, der einheimischen Hirse. 

Die Aussicht von dem Höhenrücken hinter dem Tempel war 
sehr schön, die weite Fläche des Sees erstreckte sich bis zum Horizont 
nach Nordwesten und Osten. Die Luft war sehr durchsichtig, aber 
unglücklicherweise hingen die Wolken an diesem wie am vorher- 
gehenden Tage hartnäckig an den Gipfeln der Berge und erhoben 
sich nur so weit, um in verschiedenen Richtungen die tiefere Schnee- 
grenze zu zeigen. Gegenüber von uns waren drei kleine, aufser- 
ordentlich zahlreich von Wasservögebi besuchte Inseln ; aber sie waren 
uns unerreichbar, da das Dorf Ghalla damals kein taugliches Boot, 
„Balsa", besafs. 

Wir kehrten gegen Mittag nach dem Dorfe zurück, wo ich 
abermals, wie am vorhergehenden Abend, selbst mein Essen bereitete ; 
aber meine indianischen Wirte hatten augenscheinlich ihre eigenen 
Ideen über den Gegenstand, denn sie brachten mir reichliche Beiträge 
verschiedener Art — Suppe, gekochte Eier, Käse u. s. w. — alles 
ausgezeichnet. Die guten Leute schienen ganz betrübt darüber zu 
sein, dafs ich es für nötig gehalten hatte, mich selbst mit Nahrungs- 
mitteln zu versehen, und trieben ihre Bitten, dafs ich ihr Essen mit 
ihnen; teilen sollte, so weit, dafs sie rund um mich her auf die Kniee 
niederfielen. Natürlich konnte ich dieser dringenden Aufforderung 
, nicht widerstehen, so veranstaltete ich noch eine Art Extramahlzeit 
und nahm dabei so viel zu mir, wie ich nur irgend konnte; aber 
dennoch schienen meine Leistungen nicht im geringsten dem zu ent- 
sprechen, was von mir erwartet wurde. 

Am Nachmittag wandte ich abermals meine Schritte südwärts, 
um die »Quellen der Inkas« zu besuchen, die, wie man mir gesagt 
hatte, sich nahe dem kleinen Weiler Yumani befänden. Der Jüngling, 
der als Dolmetscher diente, war niemals bei den Quellen gewesen, 
unternahm es jedoch, mich nach Yumani zu führen. So nahm ich 
denn, nach vielen Versicherungen gegenseitigen Wohlwollens, Abschied 
von meinen gastfreundlichen Wirten, von denen uns einige bis auf 
den Gipfel des steilen Hügels begleiteten. Nach einem recht langen 
Marsch erreichten wir Yumani, das nur eine kleine Gruppe von 
Hütten ist, hoch oben auf dem südöstlichen Rücken der Insel ; aber 
dort konnte uns niemand etwas über die Quellen sagen. Es war 
jedoch nun nötig, dafs wir uns nach dem südlichen Ende der Insel 



— 108 — 

wendeten, wo mein Freund, Kapitän Lopez vom Dampfer „Yavari«, 
versprochen hatte, mich um Sonnenuntergang zu erwarten, so gingen 
wir also weiter und trafen schiefslich auf eine alte Frau, die uns 
sagte, dafs die Quellen in einiger Entfernung voraus von uns, dicht 
an der Küste lägen. Mit dieser Auskunft versehen, fanden wir 
endlich den Ort. Die Quellen sind nicht weiter als anderthalb Meilen 
von Kap Pilcocayma entfernt und in einer Art von steilen Terrassen 
umgebenen Thale gelegen, das in einer kleinen Bucht mit steinigtem 
Strande endigt, wo zwei kleine Dämme aus Kieselsteinen errichtet 
worden sind. Die drei ffQuellen<< sind Wasserstrahlen, die aus einer 
senkrechten Wand, dem Hügel gegenüber hervorbrechen, und von 
denen ungefähr jeder drei Zoll Durchmesser hat. Die Strahlen er- 
giefsen sich in einen Steintrog, von wo ihre vereinten Gewässer 
zuerst durch einen bedeckten Kanal und dann in einer offenen Rinne 
gerade in den See hinab eilen. Die drei Wasserstrahlen sollen der 
Oberlieferung nach von drei verschiedenen Arten sein, aber ich 
konnte keinen Unterschied in ihrem Geschmack herausfinden, auch 
zeigte ein genaues Thermometer keine Veränderung, als ich ihn von 
einem Wasser ins andre hielt, ihre gemeinsame Temperatur betrug 
B3,1B Grad Fabrenheit {IV 7b C). Der Ort würde überall schön ge-» 
funden werden, aber in einem fast baumlosen Lande verleiht der 
kleine Hain, der die Quellen umgiebt, dem Platz einen eigenen 
Zauber, der noch durch die zahlreichen dort gepflanzten Garten- 
blumen gesteigert wird. Es ist in der That nur unter den günstigen 
Bedingungen, welche die feuchte Luft am Wasser tmd der Schutz der 
Felsen gewähren, möglich, dafs die Bäume und Blumen so üppig ge- 
deihen können. Man sagt dafs die Quellen ihr Wasser in unver- 
änderter Menge seit den Tagen der yConquista<< ergossen hätten. 

Um den Bendezvousplatz am Kap zu erreichen, mufsten wir 
nochmals den Höhenrücken der Insel erklimmen, von wo aus wir 
weit den See entlang sehen konnten in der Richtung, von wo der 
Dampfer kommen sollte. Es war jedoch nichts davon zu sehen; so 
machten wir denn einen kurzen Halt bei den Inkaruinen, die ich 
zuerst besucht hatte und kletterten dann zu den Felsen hinunter, 
wo ich gelandet war. Unterdessen erhob sich eine frische Brise von 
Osten und die Nacht sank so dunkel herab, dafs ich froh war, 
eine kleine Lampe bei mir zu haben, mit der ich dem Dampfer, 
als er endlich, gerade als sich die volle Dunkelheit der Nacht über 
den Wassern gelagert hatte, in Sicht kam, ein Signal geben konnte. 
Mein Freund an Bord hatte mir freundlicherweise ein warmes Mahl 
aufgehoben, das ich so schnell wie möglich zu mir nahm, damit 



— 109 — 

ich mich niederlegen und so die „See"krankheit vermeiden konnte, 
welche die kurzen schnellen Wogen sonst unausbleiblich hervor^ 
gebracht haben würden. Es kommt gelegentlich vor, dafs sogar 
alte Seefahrer nicht wenig dadurch aus der Fassung gebracht werden, 
dafs sie die lebhafte Bewegung dieser Seedampfer bei schlechtem Wetter 
ganz miserabel elend macht; die Neigung zur Seekrankheit wird 
zweifellos erhöht durch die Dünne der Luft, wie sie einer Höhe von 
12500 Fuss über dem Meere entspricht. 

Es wird vielleicht von Interesse sein, die Namen zu nennen, 
welche von den Indianern für einige der Blumen und Sträucher ge- 
braucht werden, die auf der Insel vorkommen. 
Achöpol: eine grofse Aloe, aus deren Blütenschaft die kurzen weiten^ 

früher erwähnten Blasrohre gemacht werden. 
Tchöoko: ein grofser dorniger Strauch. 
Pandiyeta: eine krautartige Pflanze mit dicker Wurzel und grofser 

purpurroter Blüte. 
Maicha : eine heideartige Pflanze, deren zahlreiche Beeren berauschend 

und giftig sein sollen. 
Chausil: eine lilienartige Pflanze mit schlanken orangefarbigen Blüten. 
Khenua: ein diokstänmiiger Busch mit unvollkommenen Blüten. 
Eantota : ein Busch mit prächtigen, trompetenförmigen roten Blüten. 

Dieser Strauch wächst auch sehr häufig zwischen den Ruinen 

auf der Insel Coati. 
KhoUya: ein Baum mit orangefarbigen Blüten, deren Staub den 

Augen schädlich sein soll. Es ist einer der gröfsten Bäume 

im Titicacagebiet. 

Ein kleiner süfsduftender Strauch, von den Spaniern Romero 
(Rosmarin) genannt, kommt überall häufig auf den Hügeln der Insel 
vor. Das Farrenkraut am Sonnentempel wurde Marantillas genannt. 



Die Witternngs-, Eis* und StrömimgsverMltnisse des 
Beringmeeres, der Beringstrasse und des nördlich von 

letzterer belegenen Eismeeres. 

Von Kapitän Fr* Hegemann. 



Die vorliegende Beschreibung ist im wesentlichen die Wieder-^ 
gäbe eines von mir im Auftrage der Seewarte, für das demnächst 
erscheinende Segelhandbuch für den Stillen Ozean, verfafsten Bfanu- 
Skripts, soweit es sich auf die hier in Betracht kommenden Gegenden 
bezieht, und welches mir gütigst von dem Herrn Geheimrat Professor 



— 110 — 

Kenmayer zur Verfugong gestellt ist. Femer benntzte ich die von 
mir in den Ȁnnalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie << 
über diesen Gegenstand veröffentlichten Arbeiten. 

Erst in neaerer Zeit hat man etwas vollständigere Berichte 
über die Witterungs-, Eis- und Strömungsverhältnisse des Bering- 
meeres, der Beringstralse und des nördUch davon belegenen Eismeeres 
erlangt. Die Erfahrungen einzelner älterer Seefahrer, welche ihre 
persönlichen Ansichten veröffentlicht haben, waren sehr lückenhaft 
und daher, wegen der sehr verschiedenen Gestaltung und Richtung 
der Küstenstriche an denen die Beobachtungsorte lagen, nicht geeignet, 
ein einigermafsen richtiges Bild der Verhältnisse entwerfen zu können, 
welches der Allgemeinheit entsprochen hätte. 

Im Beringmeere ist das Wetter durchschnittUch so nafs und 
unangenehm wie nur irgendmöglich. Der Frühling beginnt hier nicht 
vor dem Monat Mai, anhaltende Nebel sind während des ganzen 
Sommers die gewöhnliche Erscheinung, zuweilen in Regen übergehend. 
Schnee fallt bereits im Oktober. SüdHch der Bering- xmd Copper- 
insel ist das Eluna weniger strenge. 

An der Mündung des Anadyrflusses (Ostsibirien) sind das ganze 
Jahr hindurch die nordwestlichen Winde die vorherrschenden, sowohl 
im Sommer als besonders im Winter. Nach diesen folgen in der 
Häufigkeit die südöstlichen Sommerwinde, welche sehr oft durch 
Windstillen unterbrochen werden. In den Monaten Oktober und 
Januar, die alle andern in der Häufigkeit der Stürme übertreffen, 
sind die Windstillen am seltensten. 

Nach meinen Beobachtungen in den sechziger Jahren dieses 
Jahrhunderts haben an der Küste von Ostsibirien, von 60^ n. Br. 
und 170® ö. L. bis 62° n. Br. und 180° L., im Monat Mai noch 
die nördlichen und nordöstUchen Winde ein entschiedenes Übergewicht. 
Die wint^rUche Luftdruckverteilung ist noch vorhanden. Der über 
Asien lagernde hohe Druck bedingt an diesem Teile der Küste Ost- 
sibiriens nördliche und nordöstliche Winde. 

Im Monat Juni haben sich die Verhältnisse vom Kap Navarin 
bis zur Beringstralse denjenigen des Mai entgegengesetzt gestaltet, 
denn südliche Winde, meistens von einer geringen Stärke, haben 
jetzt die Oberhand gewonnen, und die raschere Erwärmung des Landes 
als die des Wassers scheint sich geltend zu machen. 

Der Monat Juli bildet gewissermafsen einen Obergang von den 
Verhältnissen des Frühsommers zu jenen des Herbstes. Die nördlichen 
Winde werden wieder häufiger, die südUchen treten seltener auf als 
im vorhergehenden Monat. 



— 111 — 

Im August, September und Oktober sind im Polarmeete, sowohl 
an der amerikanischen, wie an der sibirischen Seite, Nordvnnde die 
vorherrschenden, westliche und östliche Ablenkungen fast gleichmäfsig 
vorhanden und Südwestwinde am seltensten. Hieraus läfst sich im 
allgemeinen mit Bezug auf Luftdruckverteiluug schliessen, dafs der 
mittlere Luftdruck südlich der Beringstrafse geringer ist als nördlich 
derselben, und über Amerika geringer als über Asien. 

Windstillen treten im nördlichen Eismeer sehr häufig auf, 
besonders im Juni und Juli, zur Zeit der vorherrschenden Südwinde, 
und im September an der amerikanischen Küste. Stürme sind im 
allgemeinen selten und von geringer Stärke. Am häufigsten haben 
dieselben eine östliche Richtung, woraus hervorgeht, dafs die meisten 
Bahnen der barometrischen Minima südlich der Beringstrafse vorbei- 
führen. 

Aus den Beobachtungen der Vegaexpedition geht hervor, dafs 
beim Kap Serdze-Kamen (Pitlekaj) an dem Nordostende des asia- 
tischen Kontinents, dem Winterquartier dieser Expedition, während 
des ganzen kalten Teiles des Jahres — Oktober bis Mai — die Nordwinde 
(zwischen NW und NO, meistens jedoch aus ersterer Richtung) 
fast monsumartig vorherrschend gewesen sind. Die Winde wehen 
also, ebenso wie aus dem Innern des asiatischen Kontinents, auch 
von dem Eismeere nördlich der Tschuktschenhalbinsel nach dem 
wärmeren Beringmeere und dem Stillen Ocean. Elrst im Juni wurden 
die südlichen Winde vorherrschend. 

Mit diesen Angaben stimmen die gewöhnlichen Windverhältnisse 
an der ganzen Ostküste von Nordasien und der Umgebung der Bering- 
strafse überein. 

Die Stärken des Windes waren in den einzelnen Monaten sehr 
von einander verschieden, ihr mittlerer Wert betrug 2 — 3 der 
Beaufortskala, nur zuweilen erreichte der Wind die Stärke 7. Die 
Monate November und Juli waren die stürmischsten, die gröfste 
Windstärke wurde am 16. Juli 1879 beobachtet. 

Die klimatischen Verhältnisse von Serdze-Kamen bilden den 
Übergang von dem Gebiet des amerikanischen Kältepols zu dem 
asiatischen. 

Die Beobachtungen im Winterquartier der »Vega« umfassen die 
Zeit vom 1. Oktober 1878 bis zum 17. Juli 1879. Das absolute Mini- 
mum der Temperatur betrug im Januar 1879 — 46,1®; das absolute 
Maximum in denselben Monat — 4,1®; im Juli waren die entsprechenden 
Werthe — 1,0® und 11,5® C. In allen Monaten, ausgenommen der 
Juli, war die mittlere Monatstemperatur stets unter dem Gefrierpunkt. 



— 112 — 

Der Monat Augast ist der wärmste des ganzen Jahres. Vom Kap 
Serdze-Eamen nimmt die Winterkälte sowohl nach Osten (nach 
Amerika), als nach Westen (längs der Küste von Nordsibirien) zu. 
Besonders kalt waren die Nordwestwinde, infolge ihres Ursprunges 
in dem Gebiete des hohen Luftdrucks Nordsibiriens und der niedrigen 
Temperatur daselbst. Ein solcher Wind besonders wenn er etwas 
stärker wehte, war bei einer Temperatur von unter — 30® C sehr 
lästig, wenn man den 1^/a km langen Weg vom Schiffe nach dem 
Observatorium zurücklegen mufste, und geradezu gefährlich, wenn 
man ihn von vom hatte und entblöfste Teile des Gesichts oder 
der Hände, ohne die nötige Vorsicht, der kalten Luft aussetzte. 
Gleichwohl fand bei Nordwestwind zuweilen eine mäfsigere Temperatur 
statt, und dieses erfolgte gewöhnlich bei einem von Süden heran- 
kommenden Wirbel. 

Das Vorherrschen des Nordwestwindes ist für die Bewohner Nord- 
sibiriens in gewisser Beziehung von Nutzen, denn dieser Wind hebt 
den frischgefallenen Schnee in grofsen Wirbeln in die Höhe und 
lagert ihn, indem er ihn für einige Zeit herumgedreht hat, in langen, 
unter sich parallelen, der Windrichtung entsprechenden Wellenlinien, 
deren Länge von der Stärke des Windes abhängt. Diese Schneewellen 
werden von den Sibiriern »Sastrugi'' genannt, sie sind dem Reisenden, 
welcher die weitausgedehnten Tundren von Nordsibirien durchstreift, 
ein willkommener Wegweiser, in welcher Richtung man die Schnee- 
anhäufungen durchschneiden mufs, um sicher von einem Orte zum 
andern zu gelangen. 

Die nordwestlichen und nordnordwestlichen Winde sind indes 
in der Regel trocken und meistens von einem heiteren Himmel 
begleitet; dagegen führen die Winde von NO und ONO viel Schnee 
mit sich; nichtsdestoweniger war die Masse des gefallenen Schnees 
nicht sehr bedeutend, während der kalten Jahreszeit (von November 
bis Mai) lagern sich, sowohl auf dem Meere, als auf dem Lande, die 
kondensirten Wasserdämpfe in Gestalt von Eisstückchen und zu- 
weilen, allerdings selten, als kleine Kristalle, ab. 

Die südlichen, namentlich die Südostwinde, waren während der 
Überwinterung der Vega-Expedition die wärmsten und feuchtesten, 
infolge ihres Ursprunges über dem warmen Kuro-Siwo, und traten 
zuweilen als atmosphärischer Wirbel auf. Der bedeutendste dieser 
Wirbel war der am 31. Dezember 1878, der aber nicht als Orkan 
zu bezeichnen ist. Zuerst drehte sich der Wind gegen die Sonne, 
nachher mit ihr und zuletzt wieder gegen sie. Der Wirbel begann 
am 30. Dezember um 5 Uhr morgens mit SSW-Wind und einem 



— 113 — 

Barometerstand von 749 mm; am 31. Dezember 2 Uhr morgens 
wehte der Wind aus SO, bei einem Luftdruck von 729,2 mm, um 
7 ühr morgens war der Wind NO, und drehte um 9 Uhr morgens 
durch und S nach SW, aus welcher Richtung er mit seiner 
gröfsten Stärke wehte (8 der Beaufortskala). Alsdann drehte er 
gegen 6 Uhr morgens den 1. Januar 1879 wieder durch S nach 
OSO zurück. 

Schnee ist im Winter häufig, Regen überhaupt selten und 
Nebel, wie schon gesagt, im Sommer sehr gewöhnlich. 

Unsere Kenntnisse der Witterungsverhältnisse der Küste und 
der Inseln von Aljaska beruhen, soweit sie einigen Anspruch auf 
Verläfslichkeit machen dürfen, wesentlich auf den neueren Ver- 
öffentlichungen des United-States Coast-Survey-Office — einer Be- 
arbeitung des von verschiedenen Orten vorhandenen meteorologischen 
Materials älterer und neuerer Zeiten durch Dali und dem »Report 
of the International Polar-Expedition to Point Barrow, Aljaska«. 
Die Stationen, deren Beobachtungen für die erstgenannte Ver- 
öffentlichung benutzt wurden, liegen räumlich meist sehr weit von 
einander entfernt. Wir geben die einzelnen Beschreibungen soweit 
sie für den vorliegenden Zweck wissenswerth erscheinen, der Reihen- 
folge der Stationen entsprechend hier wieder. 

Point Barrow, die nordwestlichste Spitze Amerikas, ist der 
äufserste Punkt bis zu welchem Segelschiffe, unter Berücksichtigung 
des Packeises, mit einiger Sicherheit gelangen können ; durchschnittlich 
aber nicht vor dem 10. — 12. August. Dampfer gehen noch weiter 
östlich, ihr Endziel ist die Mackenzie-Bai. Sie kehren aber schon am 
10. September nach Point Barrow zurück. 

Der Wind hat an dieser Küste fast während des ganzen Jahres 
eine Richtung aus dem nordöstlichen Viertel, ganz selten nach 
oder OSO abschwenkend. Nur in der Zeit von Januar bis April 
erlangen südwestliche und westnordwestliche Winde oftmals ein 
Übergewicht, und im Hochsommer sind südliche Winde nicht selten. 
Die Stärke des Windes ist im allgemeinen eine geringe, es weht 
meistens eine leichte bis mäfsige Brise, Windstillen sind am 
häufigsten im Winter und Frühling, Stürme überhaupt selten. 

Das Klima des nordwestlichen Aljaskas ist ein aufserordentlich 
kaltes, denn die mittlere Jahrestemperatur ist nach den alten Be- 
obachtungen von Point Barrow zu — 14,2®, nach den neuesten, für 
1882 zu —12,9^ für 1883, bis zum 27. August, zu —11,6« C. 
bestimmt worden. Die gröfste Kälte kommt in der Regel im Monat 
Februar vor, in welchem als die niedrigste Temperatur — 47,0« C. 

Geogr. Bl&tter. Bremen, 1896. ' 8 



- 114 - 

beobachtet worden ist. Im Juli 1882 erreichte das Thermometer 
mit 18,6^ C, und im August 1883 mit 15,8^ C. den höchsten Stand 
des Jahres. 

Im Sommer kommt sehr viel Nebel vor, der manchmal recht 
feucht ist, während eigentlicher Regen eine wenig häufige Erscheinung 
ist. Das meiste klare Wetter findet sich im Winter, und umfafst 
etwa ein Drittel desselben ; in der übrigen Zeit des Winters fällt Schnee.. 

Am Kotzebuesund wird die Temperatur der Luft durch die 
Eismassen, welche wegen der Flachheit des Wassers dort auf Grund 
sitzen bleiben, nachdem das angrenzende Meer frei von Treibeis ge- 
worden ist, unter diejenige der näheren Umgebung herabgedrückt. 
In dem etwas weiter südwärts (an der Beringsstrafse) belegenen 
Port Clarence hat die mittlere Jahrestemperatur der Luft bereits 
den Stand von — 6,8® erreicht, im Frühling beträgt die mittlere 
Temperatur — 8,8 ^ im Sommer + 7,7 ^ im Herbst — 6,0 ® und 
im Winter — 19,7® C. Der kälteste Monat •— Januar — hat eine 
mittlere Temperatur von -^ 24,8 ®, der wärmste — Juli — von 
+ 9,9® C. 

Dieser Hafen ist von Juli — Oktober, zuweilen auch noch im 
November, für die Schiftahrt oflfen. Trotz der hohen geographischen 
Breite sind in Port Clarence ungeheuer viele Mosquitos vorhanden, 
welche die Menschen in hohem Mafse belästigen. 

Südlich der Beringstrafse wird der Witterungszustand ein durch- 
aus anderer, im allgemeinen ein schlechterer. An den Küsten des 
Nortonsundes sind, vorzugsweise nach den Beobachtungen, welche im 
Auftrage des Signal Servic Office, in St. Michaels angestellt wurden, 
(was auch wohl für die Küste weiter südwärts zutreffend sein wird), 
von Oktober bis Februar die nordöstlichen Winde vorherrschend, 
während des Restes des Jahres kommen auch häufig Winde aus den 
übrigen Vierteln vor. Der Nordwind übertrifft den Ostwind, und die 
verhältnismäfsig seltenen Winde aus dem südlichen Halbkreise kommen 
in allen Monaten mit ziemlich der gleichen Häufigkeit vor, aus- 
genommen die Monate Januar und Juli, in denen südliche Winde 
häufiger sind als zu irgend einer anderen Zeit des Jahres. Südwest- 
winde sind indes niemals zahlreich, aber im März und September 
treten sie zuweilen mit grofser Kraft auf und wenn lange anhaltend, 
rufen sie eine merkbare Erniedrigung der Temperatur des Ober- 
flächenwassers im Nortonsund hervor. Es ist dieses Vorkommnis 
von Wichtigkeit für die Seeleute, welche mit Schiffen von einem 
Tiefgang von 10 — 12 Fufs diesen flachen Sund besuchen, indem es 
mit zur Orientirung beitragen kann. 



— 115 — 

Wenngleich die südlichen und südwestlichen Sommerwinde 
im allgemeinen schwach sind, so setzen doch auch in dieser Jahres- 
zeit — namentlich im August — manchmal anhaltende, steife Winde 
aus dieser Richtung ein, welche auf dem untern Yukon eine grobe 
See hervorrufen. Im Winter ist die Stärke des Windes durch- 
schnittlich nicht grofs, Windstillen stellen sich am häufigsten von 
November bis Januar ein. Oktober scheint, was die Heftigkeit des 
Windes anbelangt, der schlechtsete Monat zu sein, allein auch April hat 
eine beträchtliche Anzahl starker Stürme aufzuweisen. Die Monate 
in denen die Schiffahrt ausgeübt werden kann, haben demnach 
günstigere Windverhältnisse, d. h. sie sind weniger stürmisch, als die- 
jenigen in denen dieselbe beziehungsweise schon, oder noch, durch 
Eis behindert ist. 

Die mittlere Jahrestemperatur von St. Michaels entspricht an- 
nähernd derjenigen von Nikolajewsk am Amur, welches etwa 10 
Breitengrade südlicher liegt. Der Sommer ist kühler, der Winter 
wärmer auf der amerikanischen, als aut der asiatischen Station. 
Die Milderung der Gegensätze ist eine direkte Folge der warmen 
Ozeanströmung. In St. Michaels hat der kälteste Monat des Jahres 
— Februar — eine mittlere Temperatur von -^-16,8^, der wärmste 
Monat — August — von + 12,6 °, während die mittlere Temperatur 
des Jahres — 3,0 ^ C. beträgt. Die Extremen bewegen sich zwischen 
+ 26,2° und 40,0° C, die Temperatur erlangte aber äufserst selten 
einen höheren Stand als 21,1 ° C. 

Eine Reihe von Juli bis September 1872 angestellter Messungen 
der Temperatur der Meeresoberfläche ergab als Mittel 12,2°, als 
Maximum 16,7 und als Minimum 5,6° C. 

Das Wetter von Nortonsund ist gröfstenteils neblig und feucht, 
es kommen etwa 100 Tage mit Niederschlägen (Regen oder Schnee) 
auf das Jahr. Als Regel gilt, dafs im ganzen mehr Tage mit Schnee 
als mit Regen vorhanden sind. Es kommen aber doch auch recht 
viele schöne und klare Tage vor, besonders im Winter, wohingegen 
sich der Sommer durch feuchtwarmes Wetter auszeichnet. Juli und 
August sind als frei von Schnee gemeldet, während Juni und Sep- 
tember in manchen Jahren einige Schneetage bringen. 

Auf der Insel Möller, an der Nordküste der Halbinsel Aljaska, 
waren nach den Beobachtungen der Kapitäne E. P. und L. Herendeen von 
Dezember 1877 bis April 1878 (die einzigen bekannten Beobachtungen 
von dort) Nordost und Südwestwinde vorherrschend, erstere besonders 
recht im Winter, letztere im Beginn des Frühlings. Die Stürme 
hatten ausschliefslich eine nordöstliche bis nördliche Richtung, erstere 

8* 



— 116 — 

oftmals bei schönem, klaren Himmel. Von den 149 Tagen, die der 
Aufenthalt auf der Möllerinsel umfafste, brachten 16 Schnee, 2 Regen, 
18 waren besonders schön, und der Rest teils wolkig, teils klar. 

Die Temperatur der Luft schwankte zwischen — 22,2 ® und 
+ 13,3®, die mittlere Temperatur des Winters (Dezember — Februar 
einschliefslich) betrug — 5,2 ® C. Der kälteste Monat, in dem auch 
das absolute Minimum der Temperatur fiel, war Februar, Dezember 
hatte eine um 0,8® niedrigere Mitteltemperatur als Januar. 

In der Umgebung der Pribilowinseln sind zwei Hauptluft- 
ströme vorherrschend, nämlich eine nördliche im Winter und eine 
südliche im Sommer. Es scheint jedoch nach den neueren Be- 
obachtungen des „ü. S. Signal Service«, welche auf der Insel 
St. Paul angestellt wurden, dafs die Winde doch gleichmäfsiger über 
die ganze Kompafsrose verteilt sind, als man früher annahm, besonders 
im Herbst. Die Winter winde weichen am seitesten nach NW ab, 
während im Sommer der Südwestwind von einer geringeren Häufigkeit 
ist, als irgend ein anderer Wind. Stillen sind im Winter häufiger 
als im Sommer, in welch letztrer Zeit meistens eine leichte Brise 
weht. Dennoch ist die mittlere stündliche Geschwindigkeit des 
Windes im Sommer von 10 — 12 Seemeilen = 2 — 3 der Beaufort- 
skala am kleinsten, diejenige im Winter, schwankend zwischen 15 und 
24 Seemeilen (3 und 5 der Beaufortskala) am gröfsten. Die höchste 
im Winter beoachtete Windgeschwindigkeit bezifiert sich auf 92 See- 
meilen die Stunde (voller Orkan), die höchste im Sommer vorgekommene 
war 63 Seemeilen in der Stunde = etwa 10 der Beaufortskala. Die 
Südwinde sind stets warm und bringen Regen, der Südwest-, der 
immer kälter als der Südostwind ist, veranlafst im Winter Schnee. 
Nordostwinde sind auffallend trocken, während Nordwestwinde die 
Feuchtigkeit der Luft erhöhen. Die Niederschläge umfassen in 
St. Paul den gröfsten Teil des Jahres, dabei scheint es als ob 
Oktober die meisten, Mai die wenigsten derselben liefere. Im 
Jahre 1874 kamen 284, im Jahre 1875 227 Tage mit Nieder- 
schlägen vor, unter diesen im ersten Jahre 170, im zweiten Jahre 
153 Schneetage. Juli ist der einzige Monat in dem kein Schnee 
wahrgenommen wurde, dennoch dürften in einzelnen Jahren mefsbare 
Schneefälle von Juni bis September (einschliefslich) in gelegentlichen 
Schauern vorkommen. Das vorwiegend bedeckte und trübe Wetter 
ist auch noch durch die folgenden Angaben klar erwiesen. Im JuU 
1874 erreichte die durchschnittliche Bewölkung des Himmels 97^/o, 
und in keinem Monat war sie geringer als 57°/o. Ferner bezifferte 
sich die durchschnittliche relative Feuchtigkeit auf 83°/o, mit dem 
geringsten Betrage von 47®/o. 



~ 117 — 

Nordlichter sind im Winter häufig, bald mit, bald ohne Ge- 
räusch ; Gewitter sehr selten wie überhaupt in der ganzen Umgebung. 

Die mittlere Jahrestemperatur der Luft für St. Paul be- 
trägt 2,0 ® C. und entspricht derjenigen von Petropalowsk, aber 
die Temperatur ist gleichmäfsiger , der Sommer kühler und der 
Winter weniger strenge an dem ersten als an dem zweiten Orte. 
Die Temperatur des Frühlings beträgt zu St. Paul — l5l^ des 
Sommers +7,4«, des Herbstes +3,9« und des Winters — 2,2«C. 
Das kälteste Wetter hat man in den Monaten Februar und März, 
welche dieselbe Mitteltemperatur von 3,5 « C. haben, in dem wärmsten 
Monate (August) erreicht das Monatsmittel die Höhe von 9,1 « C. 
Der September ist durchschnittlich etwa 2 « wärmer als der Juni. 
Das absolute Maximum der Temperatur der Luft beträgt 17,2 «, das 
Minimum 24,4 « C. Letzteres fand im Jahre 1873 statt, als die 
Insel infolge anhaltender Nordwinde ganz von Treibeis eingeschlossen 
war. Bei keiner andern Gelegenheit ist die Temperatur während 
der ganzen Beobachtungszeit unter — 17,8 « C. gesunken. 

Eine wertvolle Reihe von Beobachtungen der Temperatur der 
Meeresoberfläche, welche ebenfalls im Auftrag des »Chief Signal 
Office United States Army" ausgeführt wurden, ergiebt als Jahres- 
mittel 4,4°, als Sommermaximum 10,0° C. 

Das Meer in der Umgebung der Pribilo winseln ist gewöhnlich 
während des ganzen Jahres der Schiffahrt offen, wird aber zu Zeiten 
durch ungünstige Eis Verhältnisse sehr beeinträchtigt. Nur selten ist 
dieses jedoch in dem Mafse der Fall, wie beispielsweise und schon 
eben bemerkt, im Winter 1872/73. Hat sich das Eis einmal um die 
Inseln festgesetzt, so verharrt es manchmal mehrere Monate in dieser 
Lage und in dem obengenannten Zeitraum wurden Schiffe durch aus- 
gedehnte, wenn auch nicht dicke Eisfelder bis zur ersten Woche des 
Juni von denselben ferngehalten. Soweit die Erinnerung der Ein- 
gebornen reicht, ist dieses der späteste Termin. In jedem Winter 
kommt das Treibeis in Sicht, von St. Paul gewöhnlich gegen Ende 
Dezember oder Anfang J[anuar, nach einem mehrwöchentlichen Ost- 
winde, wird aber meistens nach einigen Tagen durch eine eintretende 
Windänderung wieder vertrieben. 

Weil kein Hafen auf den Pribilo winseln vorhanden ist, und 
starke Winde, ausgenommen im Sommer, hier stets zu erwarten 
sind, so mufs der Seemann, der mit seinem Schiffe in der Nähe des 
Landes vor Anker liegt, zu jederzeit bereit sein, bei den ersten An- 
zeichen eines nahenden Sturmes die Ketten zu schuppen, um Schutz 
in Lee einer Landspitze zu suchen, oder die offene See zu gewinnen. 



— 118 — 

Die mit am meisten gefürchteten Stürme sind die von S und SO, 
welche gewöhnlich von dickem Wetter, Böen und Regen begleitet 
sind, und die beste Seemannschaft auf eine harte Probe stellen. 

Kurze Böen von grofser Stärke sind eine häufige Erscheinung. 

Die gegebenen Aufzeichnungen charakterisiren deutlich die 
Witterung der Pribilowinseln — andauernde Nässe und Kälte — 
welche dieselben für einen beliebten zeitweiligen Zufluchts- und 
Aufenthaltsort der Pelzrobbe, deren eigentliche Heimat das Meer ist, 
geeignet macht. 

Das Klima der Nordküste von ünalaschka (Fox-Inseln, Aleuten) 
wird nach den Beobachtungen in Iliuliuk-Village (Captains-Bay) 
mehr durch dasjenige des Beringmeeres, als durch dasjenige des 
Stillen Ozeans, von dem es durch hohe schneebedeckte Gebirgszüge 
getrennt ist, beeinflufst. 

Die mittlere jährliche Temperatur der Luft ist 1^/2 — 2® 
kälter, als diejenige der Oberfläche des angrenzenden Meeres. Wenn 
man von dem Umstände absieht, dafs die Temperatur der Meeres- 
oberfläche selten unter — 0,6® bis — 1,1° C. sinkt, so folgt derselben 
die Temperatur der Luft mit einer grofsen Regelmäfsigkeit, wodurch 
die Abhängigkeit der letzteren von der erster en nachweisbar ist. 

Die mittlere Temperatur der Luft stellt sich für die einzelnen 
Jahreszeiten wie folgt: Frühling 1,1°, Sommer 9,2°, Herbst 4,4° 
und Winter — 0,8 ° ; während sie sich auf das ganze Jahr berechnet 
zu 3,6° C. beziffert. 

Die mittlere jährliche Temperatur der Meeresoberfläche hat 
einen Betrag von 5,0°; ebenfalls in einer Tiefe von 9 — 11 m, wo 
aber die Änderungen der Temperatur hinter denjenigen an der Ober- 
fläche zurückbleiben. 

Der wärmste Monat des Jahres ist August mit einer mittleren 
Temperatur von 11,0°, der kälteste Januar mit — 1,3° C. Die höch- 
sten und niedrigsten Temperaturen bewegten sich zwischen 25,0° und 
— 18,1 C, es ist indes selten, dafs das Thermometer unter — 17,8° 
sinkt und über 20,0° C. steigt. Ersteres kann erfolgen, wenn bei an- 
haltenden nördlichen Winden das Treibeis im Winter ausnahmsweise 
in die Nähe von ünalaschka herunter treibt. Die Hauptbedingung 
für ein Herabdrücken der Sommertemperatur besteht in einer starken 
Bewölkung des Himmels. 

Wirklicher Regen kommt selten vor, aber die Luft ist häufig 
mit einem nassen Nebel angefüllt, ein noch unangenehmerer Zustand. 
Die Niederschläge sind am gröfsten während des Herbstes, Winters 



— 119 — 

und Frühlings, und zwar in Form von Schnee, der aber gewöhnlich 
bald schmilzt, und nur auf den Höhen liegen bleibt. 

An der Nordküste von Unalaschka sind, auf das ganze Jahr bezogen, 
veränderliche Winde aus dem westlichen Halbkreise vorherrschend; 
doch überwiegt im Frühling der Südost-, im Sommer der Südwest-, im 
Herbst der West- und im Winter der Nordwestind. Aus den Schluchten 
und den schmalen Thälern, durch welche die Berge von einander getrennt 
sind, wehen oft starke Stofswinde. Mai, Juni und Juli sind be- 
merkenswert wegen der vielen Windstillen, bei denen rauchartige 
Nebel die Luft verdunkeln. Die Zeit der Tag- und Nachtgleiche ist be- 
sonders zu heftigen Stürmen aus SO — SW geneigt ; die heftigsten Winde 
wehen in Iliuliuk in der Regel aus dieser Richtung. Die Nordwestwinde, 
welche ein Abklaren der Luft veranlassen, sind gewöhnlich stark und 
beständig. Nordöstliche Winde sind im allgemeinen selten, wenn sie 
durchdringen haben sie sicherlich einen klaren Himmel zur Folge. 
Der Südostwind bringt fast immer Regen und Nebel, meistens schon 
bei seinem ersten Einsetzen, ebenso der Südwind. Nach den Beob- 
achtun gen der Mitglieder der »United States Coast and Geodetic 
Survey" erlangte der Wind seine gröfste Stärke von SO, wohingegen 
nach einer Überlieferung der Eingebornen der stärkste Wind, der 
soweit bekannt jemals hier wehte, aus SW gewesen sein soll. 

Die relative Feuchtigkeit der Luft ist sehr bedeutend, indem 
sie nach den Beobachtungen von Fish zwischen 43 und 93^/o 
schwankte, und im Juni und Juli durchschnittlich 79 ®/o betrug. Im 
Allgemeinen übt die Witterung keinen anziehenden Einflufs aus. Die 
höchste Anzahl Tage mit wolkenlosem Himmel in irgend einem Monat 
war 6, während schönes Wetter mit teilweiser Bewölkung nur an 
10 Tagen in einem gleichen Zeitraum vorgefallen ist. Die Mitglieder 
der »Coast-Survey" fanden in dieser Region während eines ganzen 
Jahres nur 130 — 140 sonnige oder wolkige Tage, der Rest desselben 
brachte entweder regnerisches, schneeiges oder nebliges Wetter. An 
einigen dieser Tage wehte aufserdem noch ein steifer Wind. Nach 
der Witterung von Mai bis Oktober urteilen die erwähnten Herrn, 
dafs, auf das ganze Jahr berechnet, nur 70 Tage die Vermessungs- 
arbeiten für 10 — 12 Stunden täglich gestatten. 

Einmal in vielen Jahren, wie zum Beispiel in 1864, wird ein 
anhaltender Nordwind im Frühling die Baien und Buchten von Una- 
laschka mit Treibeis anfüllen. Dieser Zustand dauert aber meistens 
nur eine kurze Zeit, denn die erste südliche Brise, welche aufkommt, 
klart die Küste wieder. Der kleine Hafen bedeckt sich gelegentlich 



— 110 — 

Neumayer zur Verfügung gestellt ist. Ferner benutzte ich die von 
mir in den »Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie «^ 
über diesen Gegenstand veröffentlichten Arbeiten. 

Erst in neuerer Zeit hat man etwas vollständigere Berichte 
über die Witterungs-, Eis- und Strömungsverhältnisse des Bering- 
meeres, der Beringstrafse und des nördlich davon belegenen Eismeeres 
erlangt. Die Erfahrungen einzelner älterer Seefahrer, welche ihre 
persönlichen Ansichten veröffentlicht haben, waren sehr lückenhaft 
und daher, wegen der sehr verschiedenen Gestaltung und Richtung 
der Küstenstriche an denen die Beobachtungsorte lagen, nicht geeignet, 
ein einigermafsen richtiges Bild der Verhältnisse entwerfen zu können, 
welches der Allgemeinheit entsprochen hätte. 

Im Beringmeere ist das Wetter durchschnittlich so nafs und 
unangenehm wie nur irgendmöglich. Der Frühling beginnt hier nicht 
vor dem Monat Mai, anhaltende Nebel sind während des ganzen 
Sommers die gewöhnliche Erscheinung, zuweilen in Regen übergehend. 
Schnee fällt bereits im Oktober. Südlich der Bering- und Copper- 
insel ist das Klima weniger strenge. 

An der Mündung des Anadyrflusses (Ostsibirien) sind das ganze 
Jahr hindurch die nordwestlichen Winde die vorherrschenden, sowohl 
im Sommer als besonders im Winter. Nach diesen folgen in der 
Häufigkeit die südöstlichen Sommerwinde, welche sehr oft durch 
Windstillen unterbrochen werden. In den Monaten Oktober und 
Januar, die alle andern in der Häufigkeit der Stürme übertreffen, 
sind die Windstillen am seltensten. 

Nach meinen Beobachtungen in den sechziger Jahren dieses 
Jahrhunderts haben an der Küste von Ostsibirien, von 60^ n. Br. 
und 170^ ö. L. bis 62« n. Br. und 180« L., im Monat Mai noch 
die nördlichen und nordöstlichen Winde ein entschiedenes Übergewicht. 
Die winterliche Luftdruckverteilung ist noch vorhanden. Der über 
Asien lagernde hohe Druck bedingt an diesem Teile der Küste Ost- 
sibiriens nördliche und nordöstliche Winde. 

Im Monat Juni haben sich die Verhältnisse vom Kap Navarin 
bis zur Beringstrafse denjenigen des Mai entgegengesetzt gestaltet, 
denn südliche Winde, meistens von einer geringen Stärke, haben 
jetzt die Oberhand gewonnen, und die raschere Erwärmung des Landes 
als die des Wassers scheint sich geltend zu machen. 

Der Monat Juli bildet gewissermafsen einen Übergang von den 
Verhältnissen des Frühsommers zu jenen des Herbstes. Die nördlichen 
Winde werden wieder häufiger, die südlichen treten seltener auf als 
im vorhergehenden Monat. 



— 111 — 

Im August, September und Oktober sind im Polarmeete, sowohl 
an der amerikanischen, wie an der sibirischen Seite, Nordwinde die 
vorherrschenden, westliche und östliche Ablenkungen fast gleichmäfsig 
vorhanden und Südwestwinde am seltensten. Hieraus läfst sich im 
allgemeinen mit Bezug auf Luftdruckverteiluug schliessen, dafs der 
mittlere Luftdruck südlich der Beringstrafse geringer ist als nördlich 
derselben, und über Amerika geringer als über Asien. 

Windstillen treten im nördlichen Eismeer sehr häufig auf, 
besonders im Juni und Juli, zur Zeit der vorherrschenden Südwinde, 
und im September an der amerikanischen Küste. Stürme sind im 
allgemeinen selten und von geringer Stärke. Am häufigsten haben 
dieselben eine östliche Richtung, woraus hervorgeht, dafs die meisten 
Bahnen der barometrischen Minima südlich der Beringstrafse vorbei- 
führen. 

Aus den Beobachtungen der Yegaexpedition geht hervor, dafs 
beim Kap Serdze-Kamen (Pitlekaj) an dem Nordostende des asia- 
tischen Kontinents, dem Winterquartier dieser Expedition, während 
des ganzen kalten Teiles des Jahres — Oktober bis Mai — die Nordwinde 
(zwischen NW und NO, meistens jedoch aus ersterer Richtung) 
fast monsumartig vorherrschend gewesen sind. Die Winde wehen 
also, ebenso wie aus dem Innern des asiatischen Kontinents, auch 
von dem Eismeere nördlich der Tschuktschenhalbinsel nach dem 
wärmeren Beringmeere und dem Stillen Ocean. Erst im Juni wurden 
die südlichen Winde vorherrschend. 

Mit diesen Angaben stimmen die gewöhnlichen Windverhältnisse 
an der ganzen Ostküste von Nordasien und der Umgebung der Bering- 
strafse überein. 

Die Stärken des Windes waren in den einzelnen Monaten sehr 
von einander verschieden, ihr mittlerer Wert betrug 2 — 3 der 
Beaufortskala, nur zuweilen erreichte der Wind die Stärke 7. Die 
Monate November und Juli waren die stürmischsten, die gröfste 
Windstärke wurde am 16. Juli 1879 beobachtet. 

Die klimatischen Verhältnisse von Serdze-Kamen bilden den 
Übergang von dem Gebiet des amerikanischen Kältepols zu dem 
asiatischen. 

Die Beobachtungen im Winterquartier der »Yega« umfassen die 
Zeit vom 1. Oktober 1878 bis zum 17. Juli 1879. Das absolute Mini- 
mum der Temperatur betrug im Januar 1879 — 46,1®; das absolute 
Maximum in denselben Monat — 4,1^; im Juli waren die entsprechenden 
Werthe — 1,0® und 11,5® C. In allen Monaten, ausgenommen der 
Juli, war die mittlere Monatstemperatur stets unter dem Gefrierpunkt. 



— 122 — 

Strafse wird eher als die Ostseite eisfrei und daher zur Durchsegelung 
in das Eismeer vorgezogen. Eine verspätete Zeit ausgenommen, ist 
die Strafse am 1. Juli mit Sicherheit zu passiren und wenn dieses 
geschehen, der Polarkreis mit Leichtigkeit zu überschreiten. 

Im Eismeere setzt der Strom an beiden Seiten längs der Küste, 
an der Ostseite zuerst nordostwärts nach dem Kotzebuesünde, 
dann nordwestlich bis Point Hope, darauf weiter der Küste folgend 
bis Point Barrow und von dort nach NO. An der Westseite läuft 
der Strom längs der Küste von Sibirien, vorbei am Kap Serdze und 
der Insel Koliutschin, und dann nordwärts nach der Insel Herald 
und weiter. 

Das arktische Packeis, welches niemals verschwindet, besteht 
aus hartem blauem Eise und ist zusammengesetzt aus vergleichsweise 
ebenen Eeldern, von mehreren Seemeilen Durchmesser, die von 20 — 30 
Fufs hohen Eishügeln umgeben und getrennt sind. Das Packeis be- 
wegt sich gewöhnlich in seiner ganzen Masse, die Kanäle in dem- 
selben öffiien und schliefsen sich beständig, und es ist für ein im 
Eise besetztes Schiff unmöglich sich nach Willkür zu bewegen. 
Wenn ein solches Schiff nicht vor der Bildung von jungem Eise frei 
kommt, so bleibt nichts andres übrig als es aufzugeben. Durch die 
vorherrschenden südlichen Winde und die nördliche Strömung löst 
sich der Pack im Anfange des Sommers von dem festen Landeise an 
den Küsten des Polarmeeres ab und treibt nordwärts, wobei die 
südliche Grenze desselben einer steten Veränderung unterworfen ist. 
Nach einiger Zeit folgt das Landeis in einer Breite von 2 — 10 Sm. 
dem Pack und es entsteht nördlich vom Polarkreise ein offenes Bassin 
von wechselnder Ausdehnung. Die Schiffe folgen dem Eise, hüten 
sich aber zwischen den Pack und das Landeis zu geraten. Der 
Pack treibt an beiden Seiten ziemlich gleichmäfsig nordwärts; Kap 
Serdze ist gewöhnlich eine Woche früher als Point Hope zu erreichen, 
in der Regel etwa am 4. Juli. Kotzebuesund wird durchschnittlich 
am 10. Juli für die Schiffahrt zugänglich. Auf der Küstenstrecke 
zwischen Point Hope und Kap Lisburne bricht der Pack etwa 3 See- 
meilen vom Lande in der Zeit vom 5. April bis zum 25. Mai los, treibt, 
je nach dem Winde, fort und zurück, bis er sich allmählich nördlich 
und westlich entfernt. Nach dem 15. Mai hört hier das Frieren von 
jungem Eise auf. Infolge des südlichen Windes ist die Bucht nördlich 
von Kap Lisburne schon vom 1. Mai an mehr oder weniger eisfrei. 

Wale sind bei Point Hope schon so zeitig als am 23. April 
gesehen worden, ein Beweis, dafs sich um diese Zeit manchmal 
schon genügend offene Stellen im Eise befinden. 



— 123 — 

Längs der Küste von Sibirien setzt die Strömung das Eis mit 
einer Geschwindigkeit von 1 Knoten nordwärts. Im Norden der 
Heraldinsel entsteht eine tiefe Bucht in der Eiskante, welche sich 
bis zu 30 Seemeilen nach Norden ausdehnt, bekannt unter dem 
Namen 7?das Loch«. In der Mitte des Eismeeres treibt der Pack 
langsamer und weniger weit nach Norden als an den beiden Seiten, 
und es entsteht dort eine Eisspitze, die zwischen 160 ® und 170 ° 
w. L. weit nach Süden reicht. Dieser Spitze ist der Name »Post- 
Office-Point« beigelegt worden, weil sie der natürliche Begegnungs- 
platz der von Osten und Westen kommenden Schiffe ist, die hier 
gegenseitig ihre Neuigkeiten austauschen. 

In aufserordentlich offenen Jahren kommen die Schiffe Ende 
Juli bis zur Heraldinsel und später selbst bis an das Wrangelland, 
in manchen Jahren kommen letztere nicht einmal in Sicht. 

Bei Point Barrow verläfst das Landeis vom 15. bis 25. Juli 
die Küste, nachdem der Pack bereits vorher abgetrieben ist, bleibt 
aber bis Mitte August, vielleicht auch den ganzen Sommer in Sicht. 
In Ausnahmefällen bleibt Point Barrow das ganze Jahr hindurch 
vom Packeise umschlossen. Ostlich von Point Barrow entfernen 
sich der Pack und das Landeis nie weit von der Küste. Die Strömung 
aus den Flüssen klart die Baien von Eis und starke Winde von 
W durch S bis NO treiben den Pack von den verschiedenen Land- 
spitzen, wohingegen solche von W durch N bis NO diesen dahin 
zurückführen. 

Die Strömung an der Küste von Alaska setzt, nachdem sie 
Point Barrow passirt ist nach NO. Die Bewegung des Eises an der 
Küste östlich von dieser Landspitze ist daher allein vom Winde und 
der Strömung aus den Flüssen abhängig; aufserdem noch von so- 
genannten Malströmen (Strudel), welche besonders häufig in der 
Nachbarschaft von Point Barrow auftreten, und den Schiffen gefährlich 
werden können. Die Malströme verdanken ihre Entstehung der 
Gegen- und Nährströmung im Kielwasser grofser Eismassen. Nach 
den Aussagen der Eingebornen erstreckt sich östlich von Mackenzie- 
Bai bis auf eine Entfernung von 50 — 60 Seemeilen in jedem Sommer 
offenes Wasser längs der Küste. 

Im August und September erlangt die südliche Kante des Pack- 
eises ihre nördlichste Grenze. Sie verläuft in einer unregelmäfsigen 
Linie von Point Barrow im Osten nach Kap North im Westen. Die 
Lage des sogenannten Lochs nördlich der Heraldinsel ist fast in 
allen Jahren nahezu dieselbe; an der Ostseite weichen die Orte, an 
denen die Eiskante angetroffen wird, weit von einander ab, bis zu 



— 124 — 

150 Seemeilen. Das Post-Office bewegt sieh in der Regel zwischen 
163 und 168« w. L. und 70^55' und 71« 30' n. Br. 

Im Anfange des Monats September werden nördliche Winde 
wieder vorherrschend, und der Pack beginnt sich südwärts, be- 
ziehungsweise südostwärts zu bewegen. Das junge Eis friert bei 
Point Barrow gewöhnlich am 30. September fest, es wird aber durch 
das Andrängen des Packeises wieder zerbrochen, aufeinander geschoben 
und kommt erst nach dem 1. Dezember auf dem Meeresboden und 
dem Strande zur Ruhe, das feste Landeis bildend. Das Packeis ist 
auch während des Winters, je nach der Windrichtung und der durch 
sie hervorgerufenen Meeresströmung in Bewegung. 

Jcy Cape wird in der Regel am 1. November vom Packeise 

besetzt. Nach diesem Datum ist zwischen Point Barrow und Jcy 

Cape kein offenes Wasser vorhanden, aufser wenn sich die Eisfelder 
noch kurze Zeit auseinander teilen. 

Weiter vom Lande ab, in der Umgebung der Heraldinsel und 
Heralduntiefe ist die südliche Bewegung des Eises nach dem 20. Sep- 
tember vorhanden, aber sehr unregelmäfsig, und allein vom Winde ab- 
hängig. Starke nördliche Winde rufen hier einen südwestlichen Strom 
hervor, welcher den Pack nach Süden und die losen Eismassen an der 
Kante des westlichen Packs nach Südwesten treibt. Junges Eis bildet 
sich hier manchmal sehr rasch, und es erscheint ratsam, die Herald- 
untiefe am 1. Oktober zu verlassen. Nach diesem Datum schliefsen 
sich oft grofse Wasserbuchten unerwartet schnell, und das junge Eis 
kann in einer einzigen Nacht eine Dicke bis zu 6 Zoll erreichen. 
Es sind Beispiele bekannt, dafs auf diese Weise Schiffe gefangen 
wurden und mit ihrer ganzen Besatzung im Packeise ihren Unter- 
gang fanden. 

In der Länge von 170« W kommt das eigentliche Packeis selten 
südlich von 69« n. Br., doch trifft man im Herbste gewöhnlich 
zwischen Kap Serdze und Point Hope schweres Treibeis an. Die 
Küste von Sibirien wird ganz besonders von diesem Eise besetzt, 
weshalb die Schiffe längs der amerikanischen Küste der Beringstrasse 
ansteuern. Hier wird das schwere Treibeis am meisten vermieden. 
Starke nördliche Windß bringen das Treibeis zur Strafse, nordöstliche 
Winde besetzen die Westseite, nordwestliche Winde beide Seiten 
derselben gleichmäfsig. 

Unter den Klippen zwischen Kap Lisburne und Point Hope 
giebt es warme Quellen, welche hier die See den ganzen Winter 
frei von einer Eisdecke halten. 



— 125 — 

In der Umgebung von Kap Serdze beginnt die Bildung von jungem 
Eise vom 10. — 20. Oktober. Es bleibt in steter Bewegung durch die 
Winde und die Strömung, bis es sich im Anfange Januar am Lande fest- 
legt, wo es bis zum Frühling verharrt. Bei Point Hope entsteht das 
erste junge Eis in den Lagunen etwa am 25. September, auf See 
dagegen um den 12. Oktober und wird gegen den 25. Oktober stark. 

Die Strömung setzt auch im Herbste nördlich durch die Bering- 
strafse, am schnellsten an der Ostseite; doch erzeugen die jetzt 
häufigen stürmischen nördlichen Winde oftmals einen südlichen Strom, 
von einer gröfseren Geschwindigkeit als in der vorangegangenen 
Jahreszeit. 

Alle Schiffe, sowohl Segler als Dampfer sollten spätestens bis 
zum 10. Oktober aus dem Polarmeere heraus sein. Es sind indes 
Fälle bekannt, dafs Schiffe freilich erst am 23. Oktober und selbst 
am 1. November durch die Beringstrafse kamen. Das von mir ge- 
führte Schiff „Julian" passierte auf meiner letzten Reise nach dem 
Polarmeere nördlich von Asien und Amerika die Beringstrafse, zurück- 
kehrend in der Nacht vom 21. zum 22. Oktober 1868. 

Im Winter ist die Beringstrafse in der Enge so dicht mit Eis 
verschlossen, dafs die Bewohner der Umgebung vom Kap Prince of 
Wales und diejenigen vom Ostkap zu Fufs über dasselbe hinweg- 
gehen und sich auf den Diomeden begegnen. Solche Wanderungen 
sind aber stets von gröfseren oder kleineren Gefahren begleitet. 

Am 1. Dezember hat die St. Lorenz-Bai eine feste Decke 
jungen Eises erlangt; junges Eis, welches im Stande ist, den Fort- 
gang eines mäfsig kräftigen Dampfers zu hindern, bildet sich land- 
abwärts in der Beringstrafse vom 1. bis 10. November und in der 
Nähe der Insel St. Lorenz am 25. November. Im Norton -Sund 
kömmt nur solches Eis vor, welches dort jeden Winter neu friert 
und während des Sommers vollständig verschwindet. 

Bei den Pribilow-Inseln erscheint das erste Treibeis gegen Ende 
Dezember oder Anfang Januar, nachdem ein etwa drei Wochen an- 
haltender Ostwind es von der Amerikanischen Küste bis soweit 
herübergetrieben hat. 

Die Verbreitung und Bewegung des Eises im Bering- und Polar- 
meere ist in verschiedenen Jahren eine sehr verschiedene und es 
dürften wohl kaum zwei Jahre vorkommen, die sich in dieser Be- 
ziehung gleichen. 



— 126 — 
Kleinere Mitteilungen. 



Ans der geographischen Gesellschaft in Bremen. Die botanischen 
Sammlungen der Expedition unserer Gesellschaft nach der Beringstrasse und 
Alaska 1881 — 1882, Heft 4 des 19. Bandes von Englers botanischen Jahr- 
büchern, Jahrgang 1894, S. 327 — 493, enthält in 2 Aufsätzen unseres Mit- 
gliedes Prof. Dr. F. Kurtz*) in Cordoba die Bearbeitung der von den Gebrüdem 
Dres. Krause an der asiatischen Küste der Beringstrafse und im Chilcat- 
gebiet des südöstlichen Alaska gemachten Pflanzensammlungen. Die ver- 
spätete Veröffentlichung erklärt sich zum teil dadurch, dafs der Verfasser 1884 
als Professor der Botanik an die Universität Cordoba in Argentinien berufen 
wurde, doch ist durch diese Verspätung der Wert der Arbeit um so weniger 
beeinträchtigt, als in der Zwischenzeit unsere Kenntnis von der Flora der 
genannten Gebiete keine nennenswerten Bereicherungen erfahren hat. Prof. 
Kurtz hat sich aber nicht mit einer blofsen Bestimmung der Sammlung 
begnügt, vielmehr ist ihm dieselbe die Grundlage zu einer eingehenden 
Schilderung der Vegetationsverhältnisse des Chilcatgebietes einerseits und 
der Tschuktschenhalbinsel andrerseits geworden und zu diesem Zwecke 
sind auch anderweitige Sammlungen aus demselben oder benachbarten Gebiete 
und die betreffende Litteratur in ausgiebiger Weise benutzt worden. Die 
leitenden Gesichtspunkte ergiebt schon die Inhaltsübersicht. Die ausführliche 
Einleitung enthält eine Beschreibung des Gebietes, der Vegetationszonen, eine 
Aufzählung der Bäume und Sträucher, der Nahrungs- und Genufsmittel dar- 
bietenden Pflanzen, der eingeschleppten Arten, der Ruderalpflanzen und der 
einheimischen Pflanzennamen. Das systematische Verzeichnis der Gefäfspflanzen 
berücksichtigt nicht nur die in der Sammlung vorhandenen Arten, sondern auch 
die von anderen Reisenden aufgefundenen. Der letzteren sind aus dem Chilcat- 
gebiet nur wenige aufgeführt, eine gröfsere Anzahl von der Tschuktschenhalb- 
insel, was sich durch die kurze Zeit, welche die Expedition dort zubrachte und 
durch die verhältuismäfsig geringe Anzahl der besuchten Punkte erklärt. Die 
Beschreibung der Gebiete und die Schilderung ihrer Vegetationsverhältnisse 
schliefst sich eng au die von den Gebrüdern Krause in ihren Reisebriefen und 
sonstigen Veröffentlichungen gemachten Angaben an und giebt dieselben zum teil 
wörtlich wieder. Die Verknüpfung jedoch der unter dem unmittelbaren Eindruck 
gemachten Schilderung des Vegetationsbildes mit der nachträglichen genauen 
Bestimmung seiner Elemente läfst eine solche Wiederholung nicht überflüssig 
erscheinen. 

Im Chilcatgebiet unterscheidet Kurtz nach den Sammlungen und Berichten 
der Reisenden folgende 4 Vegetationszonen: 1. Die Thalzone, vom Meeresufer 
bis ungefähr 30 — 40 m aufwärts, welche sich wieder gliedert in die Formationen 
der Wiesen, des Laubwaldes, der Flufsufer und Flulsinseln, der felsigen Küsten 
und FluTsmündungen und der Wiesen und Moränen am Fufse der Gletscher; 
2. die Nadelwaldzone von 40—800 m; 3. die Zone der Grünerle (Alnaster 
alnobetula) von 800—1050 m; 4. die Tundrazone von 1050—1500 m. — Von 
Bäumen werden 16 Arten aus dem Gebiet angegeben, darunter 7 Nadelholz- 



*) „Die Flora des Chilcatgebietes im südöstlichen Alaska, nach den Sammlangen der 
Gebrüder Krause (Expedition der Bremer geographischen Gesellschaft im Jahre 1892)" und 
,Die Flora der Tschuktschenhalbinsel, nach den Sammlungen der Gebrüder Krause (Expe- 
dition der Bremer geographischen Gesellschaft im Jahre 1892)." 



— 127 — 

bäume, nämlich Thuja gigantea, Pinus contoi-ta, Picea alba, Picea sitchensis, 
Tsuga Mertensiana, Tsuga Pattoniana und Abies subalpina. Von Sträuchern 
werden 31 Arten aufgeführt, darunter 3 Brombeer-, 5 Johannisbeer- und 3 Blau- 
beersträucher. Aufser diesen liefern noch efsbare Früchte Pirus rivularis, Sorbus 
sambucifolia, Amelanchies canadensis, Yiburnum pauciflorum, Shepherdia cana- 
densis, Vaccinium caespitosum, V. uliginosum, V. Vitis idaea, Arctostaphylos 
üva ursi und Empetrum nigrum, fürwahr eine reiche Auswahl, die hier unter 
59® nördlicher Breite geboten wirdi 

Ein ganz anderes Bild gewährt die Flora der Tschuktschenhalbinsel. Hier 
werden 6 Vegetationszonen unterschieden : der Meeresstrand, die Strand- 
ebene, die Moostundra, die Blumenmark, die Steinmark und die 
steinige oder Flechtentundra. Bäume sind in dem ganzen Gebiet 
nicht vorhanden, nur niedrige Weiden und Zwergbirken sind ihre Vertreter. 
Am artenreichsten sind die Strandebene mit 84 Species und die Blumenmark, 
welche grasige mehr oder weniger feuchte Abhänge umfafst, mit 76 Species. Die 
Auswahl der Nahrungs- und Genufsmittel darbietenden Pflanzen ist nicht grofs. 
Beerenfrüchte liefern die MoKebeere (Rubus Chamaemorus), die Bärentraube 
(Arctostaphylos alpina), die Rauschebeere (Vaccinium uliginosum), die Preifsel- 
beere (Vaccinium Vitis idaea) und die Krähenbeere (Empetrum nigrum). 

Das systematische Verzeichnis der im Chilcatgebiet gesammelten Pflanzen 
schliefst sich in der Anordnung an J. Maccouns „Catalogue of Canadian Plauts" 
an, als das Pflanzenverzeichnis des nächst gröfseren Gebietes, mit dem die 
Alaskaflora, speciell die des inneren Alaska, die engsten Beziehungen hat. Im 
ganzen werden aus dem Chilcatgebiet 498 Arten und Varietäten von Phanero- 
gamen und Qefäfskryptogamen aufgezählt, die übrigen nur zum teil bearbeiteten 
Kryptogamen anhangsweise erwähnt. 

Die Aufzählung der aus dem Tschuktschenlande bekannt gewordenen 
Gefäfspflanzen folgt Ledebour's „Flora rossica". Sie enthält 327 Phanerogamen 
und Gefäfskryptogamen, darunter 10 Arten, welche bisher von der asiatischen 
Küste der Beringstralse nicht bekannt waren und eine gröfsere Anzahl anderer, 
die dem Botaniker der Vegaexpedition, Kjellman, daselbst entgangen waren. 
Zum Schlufs folgt eine Liste der von Karl Müller in Halle bearbeiteten Moose, 
welche zahlreiche neue Arten enthält, sowie ein für beide Arbeiten gemeinsames 
alphabetisches Register. 

Als weitere wissenschaftliche Ergebnisse der von unserer Ge- 
sellschaft im Jahre 1889 veranstalteten Reise der Herren Professor Küken- 
thal und Dr. Alfred Walther in das nördliche Eismeer sind folgende 
kürzlich erschienene Abhandlungen zu verzeichnen: 1. Die Synascidien der 
Bremer Expedition nach Spitzbergen im Jahre 1889. Von Robert Gottschaldt. 
Mit 2 Tafeln. Abdruck aus der Jenaischen Zeitschrift für Naturwissenschaft. 
XXVin. Bd. N. F. XXI. 2. Echinodermen von Ostspitzbergen, nach der Aus- 
beute der Herren Professor W Kükenthal und Dr. Alfred Walther im Jahre 1889. 
Von Dr. Georg Pfeffer. 3. Verzeichnis der von den Herren Professor Dr. Küken- 
thal und Dr. Walther auf Spitzbergen gesammelten CoUembolen. Von Dr. Caesar 
Schaeffer in Hamburg. Mit 1 Textfigur. Abdruck aus den zoologischen Jahr- 
büchern, Abteilung für Systematik, Geographie und Biologie der Tiere. Heraus- 
gegeben von Professor Dr. J. W. Spengel in Giefsen. Achter Band. Verlag von 
Gustav Fischer in Jena. 



— 128 — 

Endlich liegen uns drei Abhandinngen unseres Mitgliedes Professor 
Dr. Kurtz in Cordoba (Argentinien) vor: 1. Bericht über zwei Reisen zum 
Gebiet des oberen Rio Salado (Cordillera de Mendoza) ausgeführt in den Jahren 
1891—92 und 1892—93. Von F. Kurtz. Veröffentlicht in Band XXXV der Ab- 
handlungen des Botanischen Vereins der Provinz Brandenburg. 2. Bericht über 
die Pflanzen, welche Karl Graf von Waldburg-Zeil im August 1881 am unteren 
Jenissej gesammelt hat. Von Dr. F. Kurtz. 8. Verzeichnis der auf Island und 
den Färöem im Sommer 1883 von Dr. Konrad Keilhack gesammelten Pflanzen. 
Von Dr. F. Kurtz. Veröffentlicht in Band XXXVI der gedachten Abhandlungen. 

Der Abschlufs der Rechnung der Gesellschaft über 1894 stellt 
sich wie folgt: 

Einnahmen 3570 Jt 43 ^ 

Ausgaben 3983 ^ 25 r> 

Fehlbetrag 1894 ... 412 M 82 ^ 



um welche Summe sich das Vermögen der Gesellschaft von 8777 M>. 1 ^ 
Ende 1893 auf 8358 M Id ^ Ende 1894 verringei-t hat. 



Beziehnngen Gerhard Merkators zn Bremen."') Über Johannes Molanus, 
von Oberlehrer a. D. Bunte, betitelt sich eine kleine Arbeit (35 Seiten), die in 
dem Emdener Jahrbuch für Kunst und Altertümer 1891 erschienen ist und auf 
welche an dieser Stelle hinzuweisen auch heute noch nicht zu spät sein wird, da sie 
für die Stadt Bremen und deren Beziehungen zu Gerhard Merkator, dem Re- 
formator der Kartographie, besonderes Interesse bietet. Johannes Molanus 
(oder Johannes von der Molen) wurde, wahrscheinlich i. J. 1510, zu Neuen- 
kerke, einem kleinem Dorfe in Flandern, geboren, studierte in Löwen und lebte 
hier in Freundschaft mit Gerhard Merkator, stand dann zehn Jahre (1543 — 1553) 
als Rektor der Schule zu Dierst in Brabant vor und kam, wegen Ketzerei aus den 
spanischen Niederlanden verbannt, 1553 nach Bremen; er unterrichtete hiermit 
an der i. J. 1528 in dem ehemaligen Katharinenkloster eingerichteten lateinischen 
Schule. Zugleich unterhielt er hier eine Pensionsanstalt (in demselben Kloster), 
in der viele vornehme Knaben und Jünglinge aus Brabant, Flandern, Holland, 
Ostfriesland und anderen Gegenden erzogen wurden. Infolge von religiösen 
Streitigkeiten über das Abendmahl, die i. J. 1556 in Bremen entstanden und bei 
welchen Molanus auf Seiten seiner melanchthonisch gesinnten Freunde Harden- 
berg und van Langen stand, hatte auch er allerlei Unannehmlichkeiten zu er- 
dulden und so folgte er einige Jahre später (1559) der Aufforderung seines 
Freundes Merkator und des Duisburger Magistrates, an dem Michaelis 1559 er- 
öffneten Gymnasium in Duisburg eine Lehrerstelle zu übernehmen. Hier heiratete 
er nun noch in demselben Jahre die älteste Tochter seines Freundes Merkator, 
Emerentia (geb. 1538 in Löwen). Aber schon im Jahre 1561 ereigneten sich 
in Duisburg unangenehme Vorfälle, infolge deren an der Schule Veränderungen 
eintraten und auch die Stellung des Molanus unbehaglich zu werden anfing. 
Als daher die Bremer Scholarchen Molanus aufforderten, nach Bremen zurück- 
zukehren und ihre in Verfall geratene Schule wieder in Ordnung zu bringen, 



*) Am 9. Dezember v. J. waren es 300 Jahre, dafs Gerhard Merkator, der Er- 
finder der Seekarten-Projektion, in Doisbarg starb; in diesem Jahre werden es 300 Jahre, 
dafs Merkators letzte Kartensammlong unter dem Namen Atlas erschien. Die Erinnerung 
an Merkators Beziehungen zu Bremen scheint mir deshalb gegenwärtig an dieser Stelle am 
Platze zu sein. 



— 129 - 

So liefs er sich doch, obgleich sein Schwiegervater Merkator ihn nicht gern 
ziehen lassen wollte, hierzu bewegen. Er traf in Bremen im Jahre 1563 ein 
nnd erhielt nunmehr das Rektorat der lateinischen Schule, welches er von da 
bis zu seinem Tode im Jahre 1583 verwaltet hat. Auf der Bremer Stadtbibliothek 
ist ein grofser Band Briefe von Johann Molanus erhalten. Derselbe enthält 
weit über hundert gröfsere und kleinere Biiefe, die mit Ausnahme einiger 
französischer, sämtlich in lateinischer Sprache abgefafst sind. Fast alle Briefe 
sind Abschriften von Originalbriefen, ein grofser Teil besteht nur aus Ge- 
schäftsbriefen an die Eltern und Vormünder der Schüler des Molanus, viele 
andre beziehen sich aber auf die Schulverhältnisse und die kirchlichen Vor- 
gänge jener Zeit und sind deshalb von allgemeinem Interesse. — Der dritte und jüngste 
Sohn Gerhard Merkators, Eumold, begleitete seinen Schwager Molanus bei dessen 
Fortzug von Duisburg nach Bremen und wurde von diesem hier erzogen. Dann erlernte 
dieser die Buchhandlung im Geschäfte der Birckmanschen Erben in Köln, war 
während der Jahre 1578 und 1579 in deren Zweiggeschäften in London und Antwerpen 
thätig, widmete sich dann aber der Kartographie. Nach dem Tode seines Vaters 
am 2. Dezember 1594 gab er im Jahre 1595 die von seinem Vater hinter- 
lassene Kartensammlung unter dem Titel „Atlas", der seit dieser Zeit für alle 
Kartensammlungen in Gebrauch kam, heraus. Rumold Merkator starb bereits 
in den ersten Tagen des Jahres IHOl. Molanus Frau Emerentia, die Tochter 
Merkators, starb am 11. Mai 1567 zu Emden, wohin sie zum Besuch gereist 
war. — Gerhard Merkators zweite Tochter Dorothea (geb. 1539 zu Löwen) war 
mit dem Kaufmann Tilmann de Neufville in Wesel verheiratet, und deren Sohn 
Gerhard de Neufville wurde als Professor an das i. J. 1584 gegründete Gymna- 
sium illustre nach Bremen berufen. Zahlreiche Nachkonmien von diesem lebten 
noch während vieler Generationen in Bremen. — Dafs besonders auf Anregung 
unseres verstorbenen Dr. Arthur Breusing i. J. 1878 Gerhard Merkator in 
Duisburg ein Denkmal errichtet wurde, daran mag zum Schlufs auch noch 
erinnert werden. (W. W.) 



Die Gold- und Diamantfelder Südafrikas. Über dieses Thema hielt Herr 
Professor Dr. Klockmann aus Hannover in der Versammlung des Naturwissen- 
schaftlichen Vereins zu Bremen vom 14. Febr. d. J. einen Vortrag, über welchen 
nach einem Referat der Weserzeitung hier näher berichtet wird. Die Diamanten- 
funde von Kimberley seit 1867 und die Goldfunde in Transvaal seit 1887 haben 
nicht blos gewaltige wirtschaftliche Änderungen für Südafrika im Gefolge gehabt, 
von deren Einwirkung die ganze Erde in sehr fühlbarer Weise berührt ist, 
sondern sie haben auch wissenschaftlich ganz neue und auffällige Resultate 
bezüglich des geologischen Vorkommens von Gold und Diamanten ergeben, was 
um so mehr wundem mufs, als es sich um zwei MineraUen handelt, die seit 
Alters her in ihrem Wert geschätzt und mit Eifer aufgesucht worden sind. Das 
südliche Afrika, südlich des 26. Breitengrades, besteht, abgesehen von einem 
schmalen Küstensaum, in der Hauptsache aus einer sich auf etwa 1330 m 
erhebenden Hochfläche, der Karroo, die geologisch aufgebaut wird im wesent- 
lichem aus Schichten von carbonischem bis triassischem Alter. Bei der Schwierig- 
keit der Parallelisierung der südafrikanischen Ablagerungen mit dem euro- 
päischen Schichtenschema hat man sie als die Kapformation und die Karroo- 
formation unterschieden. Erstere ist die ältere, stärker gefaltete, letztere die 
jüngere, vielfach ganz horizontal lagernde. Ünterteuft werden beide Forma- 

Geogr. Blätter. Bremen, 1895. 9 



— 130 — 

tionen von den Swasischichten , das sind meist melamorphisch veränderte 
Thonschiefer etc., die dem Silar anzugehören scheinen, nnd von Granit, anderer- 
seits überlagert von allavialen Gebilden, die ans Latent, Kalktuffen, Fhigsänden 
and recenten Fiofsabsätzen bestehen. Das Gold Transvaals findet sich in 
vierfacher Form, auf Quarzgängen in den Swasischichten (De Kaap-, Kleiu- 
Letaba-, Malmani-, Marabastad-, Houtboschberg- und Selati-Goldfelder), in 
Konglomeratflötzen der Kapformation (Witwatersrand-, Klercksdorp-, Vryheid- 
und teilweise auch in den Lydenburg-Goldfeldem), im Laterit und den alluvialen 
Flufssänden. Nur die beiden ersten Vorkommnisse haben gröfsere praktische 
Bedeutung, und hier ist es besonders das Auftreten des Goldes in den Kon- 
glomeratflötzen, das seit 1887 durch die Art und die Massenhaftigkeit des Vor- 
kommens die Handels- und Wissenschaftswelt in Erstaunen und Erregang 
versetzt hat. Das Hauptgoldgebiet, gegen das alle übrigen weit zurücktreten, 
ist eine an den Witwatersrand, einen auf etwa 1800 m sich erhebenden ost- 
westlich verlaufenden Höhenzug im südlichen Transvaal, sich gegen Süd an- 
schlieisende Mulde, die aus südlich einfallenden Thonschiefern, Quarziten etc. 
und deckenförmig eingelagerten Eruptivgesteinen besteht, zwischen denen eine 
grofse Zahl goldführender Konglomerats ötze eingelagert sind. Man hat diese 
Flötze zu Gruppen zusammengefafst, von denen man acht unterscheidet, und 
unter diesen ist nur die Hauptflötzgruppe (main reef series) bisher nicht unter- 
sucht und bekannt geworden. Diese läfst sich auf 80 km streichende Länge 
vei'folgen, baut sich auf den meisten Gruben aus sechs, mit besonderen Namen 
belegten Flötzen auf, sie liefert die Hauptgoldausbeute. Das Gold findet sich 
zwischen den meist erbsen- bis eigrofsen Quarzkieseln, die die Konglomerate 
zusammensetzen, eingesprengt, vielfach gebunden an Schwefelkies und erst im 
verwitterten Zustand sichtbar werdend. Von den zehn Goldfeldern, die im 
Transvaal unterschieden werden, hat der Witwatersrand in 69 Bergwerken im 
Jahre 1892 eine Goldausbeute allein von 37 663,1 kg (gleich 1 210 869 Unzen) 
gehabt, während alle übrigen zusammen nur 3562,2 kg (gleich 114 525 Unzen) 
lieferten. Vom Bergrat Schmeifser, der im Auftrage der preulsischen Regierung 
im Sommer 1893 die Bergwerksverhältnisse Transvaals näher studierte, ist für 
ein bestimmtes Stück der Witwaterrandsmulde von 18*/« km Länge, das zur 
Zeit fast zwei Drittel der ganzen Ausbeute ergab, ausgerechnet worden, dafs 
für einen Abbau, der sich bis auf eine Vertikaltiefe von 800 m erstreckt und 
unter der Voraussetzung einer bauwürdigen Mächtigkeit von 1,5 m und eines 
Durchschnittsgehalts von 21 gr Gold pro Tonne Erz die Gesamtausbeute sich 
auf 1 945 944 kg belaufen würde. Geht man dagegen von der recht wohl zu- 
lässigen Annahme aus, dafs der Bergbaubetrieb bis zu einer Vertikaltiefe von 
1200 m fortgesetzt werden kann, so würde in dem genannten Stück der Mulde 
ein Goldvorrat von 3 104 880 kg (= 99 821 892 Unzen) im Wert von rund 
7 187 000 000 Jt (= 349 376 000 £) vorhanden sein, zu dessen Gewinnung unter 
Berücksichtigung der jährlichen Förderungszunahme, ¥rie sie zur Zeit herrscht, 
etwa 40 Jahre erforderlich sind. — Im Gegensatz zu dem Gold Transvaals, dessen 
Hauptmasse in der Kapformation steckt, finden sich die Diamanten West- 
Griqualands und des angrenzenden Oranje-Freistaats innerhalb der gewöhnlich 
horizontal gelagerten, aus Sandsteinen, Schiefern und Diabasen bestehenden 
Schichten der Karrooformation. Der erste Fund 1867 stammt allerdings aus 
den Flumanden des Oranje-River, aber erst seitdem 1870 die Diamanten bei 
Kimberley im Muttergestein anstehend gefunden und die Drydiggings eröffnet 



i 



— 131 — 

wurden, beginnt die gewaltige, alle übrigen Funde der Erde .übertreffende Aus- 
beute. Das Vorkommen der Diamanten ist ein überaus merkwürdiges, von 
allem sonst bekannten abweichendes. Sie finden sich eingebettet in einer 
Serpentinbreccie, die roh säulenförmige bezw. schlotartige Räume von 25 — 450 m 
Horizontaldurchmesser innerhalb der Karrooschichten erfüllt und diese in Form 
kleiner Kegel (Kopjes) überragt. Die Breccie ist eruptiven Ursprungs nnd die 
ganze elliptische Masse ist als die eruptive Ausfüllung eines zylindrischen bezw. 
konischen Kraters oder Kanals anzusehen, der einen tiefer liegenden vulkanischen 
Herd mit der Oberfläche verbindet. Soweit die Breccie, die wesentlich aus 
Bruchstücken eines zu Serpentin verwitterten Olivindiabas besteht, und durch 
ein gleichartiges Zement verkittet wird, frisch ist, besitzt sie eine dunkel 
blaugraue Färbung (blue ground), während sie oberflächlich verwittert ist und 
braun und gelb wird (rusty and yellow ground). Derartige Serpentinsäulen 
kommen in gröfserer Zahl vor, aber nur sehr wenige haben sich ertragsreich 
erwiesen; es sind dies: die Gruben Kimberley, De Beers, Bultiontein und Du 
Toit's Pan in West-Griqualand, Koffyfontein und Jagersfontein im Oranje-Frei- 
staat und schliefslich seit 1891 als siebente die auf der Grenze von Griqualand 
und Oranjefreistaat gelegene Premier- oder Wcsseltongrube. Der früher durch 
Kleinbetrieb zersplitterte und höchst unrationell geführte Bergbau liegt jetzt 
für fast alle Vorkommnisse (fast "/lo der gesamten Diamantenproduktion Süd- 
afrikas) in den Händen der „De Beers Consolidated Mines- Aktiengesellschaft, 
limited**, die ihre Produktion dem jährlichen Verbrauch anpafst und dadurch 
die Preise erhält. Die Gesellschaft produzierte 18^3 2 229 805 Karat Diamanten 
im Wert von 3 239 389 £ und zahlte 12°/o Dividende. — Zahlreiche Mineralstufen, 
Karten und graphische Darstellungen erläuterten den Vortrag, der den leb- 
haftesten Beifall der Anwesenden fand. — (Inzwischen ist nun die bedeutende 
Arbeit von Dr. Karl Futterer über Afrika in seiner Bedeutung für die Gold- 
produktion, Verlag von Dietrich Reimer in Berlin, erschienen; wir werden die- 
selbe in einem der nächsten Hefte ausführlich besprechen. D. Red.) 



L. Haienbeck f. Am 19. Februar verschied plötzlich am Herzschlag 
Herr Oberlehrer L. Haienbeck in Bremen. Neben seiner langjährigen verdienst- 
vollen Berufsthätigkeit beschäftigte sich der Verstorbene erfolgreich mit geo- 
graphischen, topographischen und historischen Studien; die bezügliche Litteratur 
hat durch seinen Sammelfleifs und seine auf zahlreichen Wanderungen ange- 
stellten Beobachtungen eine namhafte Bereicherung erfahren. Bekannt sind seine 
in zahlreichen Heften erschienenen „Ausflüge in die Umgegend Bremens", die 
von ihm verfafste Geschichte seiner Vaterstadt Vegesack, seine Monographie 
über Blumenthal und Schönebeck, seine im vorigen Jahre erschienenen „200 
Ausflüge**, sowie seine verschiedenen von ihm selbst entworfenen Karten der 
Umgegend von Vegesack, der deutschen Nordseeküste u. a. Die letzte grölsere 
Arbeit, welche von ihm in dem Sammelwerk „Aus Niedei'sachsen H** gedruckt 
erschien, behandelt in anziehender Weise unsere einheimischen Schlangen. 



Polarreg'ionen« Der bekannte englische Sportsmann Leutenant Pike plant 
eine neue P o 1 a r f a h r t. Er will im Frühling von Tromsö absegeln. Zu dem Zwecke 
ist der norwegische arktische Seemann und Jäger Sören Krömer kürzlich in 
England gewesen, um mit Leutenant Pike alle näheren Vorbereitungen zu be- 
sprechen, schon auf mehreren früheren Reisen war Krömer der Gefährte Pikes 

9* 



/■ 



— 132 — 

in den nordischen Meeren. In den Jahren 1888 — 1889 überwinterte Pike allein 
anf den Norweger Inseln (Nordspitzbergen). Pike hat auch auf Alaska 
am Yakonflufse, in Abessinien, im Kaukasus und in den chilenischen Anden 
der Jagd obgelegen. Es ist Pikes Absicht, in diesem Frühjahr von Norwegen 
in einem norwegischen Walfischdampfer nach seinem Oberwinterungsplatze zu 
fahren, dort sein Haus, das sich auf der Insel befindet, an Bord zu nehmen 
und dann nach dem Franz-Josefs-Land zu segeln. Dort wird er das Haus 
wieder aufschlagen und überwintern. Im Frühling wird er sodann eine Schlitten- 
fahrt nach dem Pole zu unternehmen. 

Die norwegischen Walfischfänger Jason, Castor und Hertha 
sind nach einer wenig lohnenden Reise zu den Falklandinseln zurückgekehrt, 
wo sie ihre Ausbeute in das Vorratsschiff Orion entleerten, um einen neuen Zug 
nach den Südpolar regionen anzutreten. Gesehen haben sie ungeheure Mengen 
von Robben, denen sie aber wegen der Beschaffenheit des Eises nicht nahe 
kommen konnten. In geographischer Beziehung aber fehlte es nicht an Aus- 
beute, da die Eisverhältnisse günstig waren und ein Vordringen nach Süden 
gestatteten. Kapitän Larsen vom Jason landete am 18. November 1893 auf 
der Seymour-Insel am Nordostende von Grahamland (ungefähr 64 Grad süd- 
licher Breite), die er felsig und von tiefen Thälern durchschnitten fand. Am 
29. November setzte er seine Fahrt in südlicher Richtung fort, wobei er, etwa 
dem 60. Meridian (von Greenwich) folgend und bis 88 Grad 10 ' südlicher Breite 
vordringend, im Westen ein hohes, mit schneebedeckten Bergen bestandenes 
Land entdeckte, die Ostküste von Grahamland. Das Wetter war hier angenehm 
und warm und der Nebel weniger stark als im Norden. Auf der Rückreise 
kam Kapitän Larsen dem neu entdeckten Lande unter 67 Grad 7 ' südlicher 
Breite und 58 Grad 22' westUcher Länge ganz nahe, und hier fand er zwei 
Inseln mit thätigen Vulkanen. Auf Schneeschuhen drang er 11 km weit ins 
Innere vor. Die Vulkane rauchten stark und das Eis ringsum war mit vul- 
kanischen Ausbrüchen bedeckt. Was die Meeresströmungen anlangt, so kamen 
sie von Süden. Die meteorologischen Beobachtungen deuteten auf ein dem 
antarktischen Kontinent auflagerndes barometrisches Maximum. 

Nach Aufnahme der vorstehenden, englischen und norwegischen Zeitungen 
entlehnten Mitteilung ging uns durch die Güte des Herrn L. Friederichsen 
in Hamburg das neueste Heft der von diesem Herrn im Auftrage des Vorstandes 
der Geographischen Gesellschaft in Hamburg herausgegebenen »Mitteilungen" 
zu. Zu dem reichen Inhalt dieses Heftes gehört ein Aufsatz von Dr. Job. 
Petersen: Die Reisen des »Jason« und der »Hertha« in das lintarktische 
Meer 1893 — 94 und die wissenschaftlichen Ergebnisse dieser Reisen mit »Original- 
karte des Dirck Gherritz-Archipels zur Veranschaulichung der wissenschaftlichen 
Ergebnisse der im Auftrage der Dampfschiff-Gesellschaft »Oceana« im Hamburg 
1893 — 94 ausgeführten Reisen des Dampfers »Jason«, Kapt. C. A. Larsen, „von 
L. Friedrichsen. Äquatorial-Maafsstab : 1:7500000". — Der Aufsatz gedenkt 
zunächst kurz der früheren Südpolarreisen, besonders auch der Reise des 
von der deutschen Polarschiffahrtsgesellschaft (A. Rosenthal) in Hamburg in den 
Jahren 1873 bis 1874 ausgesandten Kapitäns Eduard Dallmann, bringt dann 
eine Obersetzung des Tagebuchs des »Jason" und einen Bericht über die Reise 
der „Hertha«», eine Mitteilung über die wissenschaftlichen Ergebnisse, femer 
petrographische Beschreibung des Basalt von Christensen- Vulkan, »Zoologisches", 
»meteorologische Beobachtungen«, endlich: Wetterbeobachtungen der „Hertha«. 



— 133 — 

Indem wir auf diese Mitteilungen, die beigegebene Karte und auf die Begleit- 
worte zu letzterer von L. Friederichsen verweisen, entlehnen wir dem Abschnitt 
»wissenschaftliche Ergebnisse« folgende Sätze: 

»Die wichtigsten Entdeckungen Larsen's liegen auf geographischem Gebiet. 
Besonders ist die Auffindung und Festlegung der Ostküste des Graham-Landes 
von Bedeutung. Bis dahin war der südlichste bekannte Teil der Ostküste das 
Land um den Haddingtonberg. Auch die schottische Ezpedition, die 1892/93 in 
den antarktischen Meeren neben dem Robbenfange wissenschaftlichen Beob- 
achtungen oblag, war nicht über Kap Seymour hinausgekommen. Die Ost- 
küste, König Oscar Ü.-Land und Foyn-Land, die in dem neu bekannt gewordenen 
Teil von Norden nach Süden verläuft, ist nach Larsens Beschreibung vollständig 
von Packeis eingefafst. Hohe, schneebedeckte Bergzüge erstrecken sich nicht 
weit von der Küste parallel mit ihr. Mehrere Fjorde durchschneiden das Land 
in ostwestlicher Richtung, Gletscher strömen vom Hochland ins Meer hinab. 
Eine nördliche Strömung durcheilt das Wasser nahe der Küste mit 1 Meile 
Geschwindigkeit. Vor der Küste zwischen König Oscar IL und Foyn-Land wurde 
eine neue Insel entdeckt — die Wetter-Insel — ebenso östlich von König 
Oscar II.-Land Robertson-Insel. Besonders interessant ist die Entdeckung der 
thätigen Vulkane Christensen- Vulkan uud Lindenberg -Zuckerhut. Als einzige 
thätige Vulkane waren im antarktischen Gebiet bisher nur der auf dem 
Viktoria-Land befindliche Mount Erebus und die Bridgman-Insel bekannt; sehr 
wahrscheinlich war auch die in der Gegenwart noch fortdauernde vulkanische 
Thätigkeit für die Buckle-Insel (Bellamy-Inseln). Dals in dem Archipel nördlich 
und nordöstlich von Graham-Land zahlreiche Spuren ehemaliger vulkanischer 
Thätigkeit vorkommen, bemerken schon die älteren Beobachter. Es ist bereits 
früher sehr wahrscheinlich gemacht worden, dafs die Süd-Shetland-Inseln eine 
Vulkanreihe darstellen. Sicher war die Vulkannatur von Bridgman-Insel (im 
dieser Reihe) und Deception-Insel (im W ders.) Larsen durchquerte diesen 
Archipel zwischen Green wich-Insel und Livingston-Insel. Die »wie von Menschen- 
hand geformten Pfeiler« an den Klippen der Küste dürfen wir ohne Zweifel für 
Basaltsäulen erklären, so dafs also dadurch die Vermutung von der vulkanischen 
Natur noch bestätigt wird. Auf einen zweiten, dem ersten nahezu parallelen 
Vulkanbogen lassen die Verhältnisse auf den Danger-Inseln, Joinville-Insel, Louis- 
Philippe-Land u. s. w. schliessen. Graham-Land und die zugehörigen Inseln 
zeigen deutlich Kettengebirgsnatur. Schon vor dem Bekanntwerden der Ost- 
küste des Graham-Landes schliefst Reiter in der citirten Abhandlung auf einen 
solchen Bau des Landes. Durch die Entdeckung des Foyn-Landes und König 
Oscar n.-Land wird diese Vermutung erhärtet. Die 4 Spitzen des Foyn-Landes 
mit dem Jason-Berg und die dahinter liegenden Spitzen liefern die Anzeichen 
einer neuen nordöstlich streichenden Gebirgskette, die nach Norden hin sich 
mit den früher bekannten, westlicher liegenden und NO — SW streichenden 
Ketten zusammenschaart.*^ 

Während gegenwärtig drei Polarexpeditionen in der Ausführung begriffen 
sind, tauchen schon Pläne für neue Unternehmungen auf. Die Zeitungen 
meldeten aus Paris, Januar 1895, folgendes: „Der französische Geograph 
Charles Rabot, bekannt durch seine Reisen in Lappland, nach Westgrön- 
land und Spitzbergen, tritt mit einem neuen Plane zur Erforschung des 
Nordpols auf, den er in der geographischen Gesellschaft in Paris vorgetragen 
hat. Von den vielen Polar expeditionen der letzten Jahre haben nur diejenigen 



- 134 — 

Erfolg gehabt, die sich auf leichter erreichbare Gebiete erstreckten. Die 
Amerikaner Peary und Wellman haben mit ihren vorigjährigen Expeditionen 
nichts erreicht (?). Von Nansen hat man seit dem August 1893 nichts gehört, 
und von Jackson, der von Franz-Josef-Land aus den Nordpol erreichen will, 
glaubt Babot, dafs er eine gefährliche Oberwinterung werde durchmachen 
müssen. Diese Mifserfolge in der Nordpolforschung hält Rabot nicht für ver- 
wunderlich, und er schiebt dies auf die letztjährigen klimatischen Verhältnisse. 
Jedes mal, meint Rabot, wenn in Mitteleuropa ein trockenes, warmes Frühjahr 
mit darauf folgendem kalten Wetter und Feuchtigkeit im Juli und August 
herrscht, was wieder einen warmen und trockenen Sommer an der norwegischen 
Westküste zur Folge hat, ist dies ein Zeichen, dafs im Eismeer nördlich von 
Spitzbergen grofse Eismassen lagern. Ein kalter und feuchter Sommer in 
Norwegen und grofse Hitze in Mitteleuropa sind dagegen ein ziemlich sicheres 
Zeichen, dafs das Eis südlich getrieben ist und sich Norwegen genähert habe, 
wogegen das Eismeer freier von Eis ist. Aus diesen Gründen mufs nach 
Rabots Ansicht die Nordpolforschung planmäfsig geregelt werden. Die see- 
fahrenden Nationen Europas müfsten einen kleinen Dampfer halten, der jeden 
Sommer nach Spitzbergen ginge und dann gegen Norden vordränge oder 
Forschungen bei Ostspitzbergen oder Franz- Josef-Land vornähme. Die Kosten 
sind auf gegen 45 000 JK>. jährlich zu veranschlagen, eine verhältnismäfsig geringe 
Summe, während man grofse Ergebnisse erwarten kann, wenn ein Dampfer 
jederzeit bereit ist, etwaige günstige Verhältnisse im höchsten Norden aus- 
zunutzen. Die bestvorbereitete Nordpolexpedition ist vergeblich, wenn in dem 
betreffenden Jahre ungünstige Eisverhältnisse herrschen, und grofse Summen, 
die genügen werden, eine dauernde Expedition im Sinne Rabots auf mehrere 
Jahre zu unterhalten, sind in solchen Jahren so gut wie weggeworfen. Einen 
ausgearbeiteten Plan will Rabot dem geographischen Kongrefs, der im August 
in London zusammentritt, vorlegen." Der Vorschlag Rabots scheint im hohen 
Grade beachtenswert. Verfasser dieses hat in seiner 1869 in Gotha erschienenen 
Geschichte des Deutschen Walfischfangs schon den gleichen Vorschlag gemacht 
und hervorgehoben, dafs eine solche Vei suchsfahrt zehn Jahre hindurch in 
jedem Sommer unternommen werden sollte. Die internationalen Beobachtungs- 
stationen waren leider nur für ein Jahr berechnet, die Erhaltung derselben für 
längere Zeit würde allerdings erhebliche Mehrkosten verursacht, aber wahr- 
scheinHch weit reichere Früchte getragen haben, als es bei Beschränkung auf 
ein Jahr möglich war. 

Aus Newyork wird folgendes gemeldet: Eine Anzahl hervorragender 
Gelehrter und Kaufleute hat beschlossen, eine ExpeditionzurErforschung 
der Polar regionen auszurüsten. Dieselbe soll in diesem Sommer von 
Newyork ausgesandt werden. Das Expeditionsschiff ist auf einer der gröfseren 
Schiffswerften Amerikas in Arbeit und nähei*t sich bereits der Vollendung. Es 
soll nichts gespart worden sein, um das Schiff so zweckmäfsig wie möglich zu 
gestalten. Die Konstruktion des Schiffsrumpfes soll »neu und überraschend« 
sein, und gebaut wird das Schiff aus weichem Stahl. Der Norweger Nansen, 
der jetzt irgendwo im arktischen Meere schwimmt, gab seinem Schiffe „Fram* 
eine abgerundete Form, um dem gegenpressenden Eise möglichst wenig Wider- 
standsfläche zu bieten und dadurch dem Schicksal des Gedrücktwerdens zu 
entgehen. Die Amerikaner werden vermutlich in ähnlicher Weise zu Werke 
gehen. Bei ihrem Fahrzeuge sollen die neuesten Erfindungen der Technik zur 



— 135 — 

Anwendung kommen, und im Gegensatz zu allen bisherigen Expeditionen soll 
der gröfstmögliche Vorrat an frischem Fleisch mitgenommen werden, um die 
Gefahr des Skorbuts auf ein Minimum zu beschränken. Es sollen alle mög- 
lichen Anstalten zum Wohlbefinden der Teilnehmer der geplanten Expedition 
getroffen werden. Die Ausrüstung erfolgt für sieben Jahre. (Nansen ist auf 
fünf Jahre mit Proviant versehen.) — Eine andere Nachricht aus den Vereinigten 
Staaten besagt, dafs daselbst eine arktische Expedition unter Aufsicht des 
»State Geological Survey« vorbereitet werde, zu deren Kosten amerikanische 
Kapitalisten bereits die Summe von öOO 000 Dollar zusammengebracht hätten. 
Als Aufgabe der Expedition wird sehr allgemein „die Untersuchung des bisher 
unbekannten Archipels, der die Nordküste von Nordamerika begrenzt« bezeich- 
net. Näheres über diesen grofsen Plan wird wohl demnächst verlauten. 

Julius Ritter vonPayer hat den Plan einer 1896 anzutretenden neuen 
Fahrt nach Ostgrönland aufgestellt. Der Franz- Josephs-Fjord soll voll- 
ständig erforscht, and es sollen künstlerische Aufnahmen gemacht werden, auf 
welchey letztere das Hauptgewicht gelegt wird. 

Aus Herrnhut vom 4. Dezember 1894 meldete der Dresdner Anzeiger: 
In diesen Tagen sind hier die letzten Nachrichten für dieses Jahr aus den 
Missionsorten der Brüdergemeinde in Grönland eingegangen. Die von Hermhut 
ausgesandten Missionare, meist tüchtige Handwerker, unterhalten dort bis in den 
höchst bewohnten Norden hinauf Schulen für die Eskimokinder, deren Schreib- 
und Rechenhefte mit zum teil recht guten Leistungen im hiesigen Brüdermuseum 
ausgelegt werden, und walten unter der Bevölkerung als Prediger, Seelsorger 
und Ärzte ihres Amtes. Nach ihren Nachrichten war der Sommer diesmal in 
Grönland anhaltend rauh, nachdem der Winter ungewöhnlich kalt gewesen. Der 
Graswuchs war infolgedessen kümmerlich, die Heuernte gering. Der letzte, und 
zwar nach der Station Lichtenau abgegangene Missionar, brauchte zu seiner 
Reise volle 17 Wochen, da Treibeis und Gegenwind hinderüch waren. 

Aus den Vereinigten Staaten wurde im Dezember 1894 folgendes berichtet : 
„Von den arktischen Expeditionen, die entweder noch unterwegs oder bereits 
wieder umgekehrt sind, ist bis jetzt nur eine einzige erfolgreich gewesen und 
noch dazu eine, von deren Vorhandensein aufser in den beteiligten Kreisen 
kaum jemand etwas erfahren hat. Sie brach ohne jede Reklame in der Presse 
auf, ihre Ausrüstung verursachte weder Schwierigkeiten noch Kopfzerbrechen, 
ihre Geldmittel waren so gering, wie bei keiner früheren Nordfahrt, und die 
ganze Mannschaft^, bestand aus einem einzigen jungen Amerikaner. Zwei und 
ein halbes Jahr — so wird aus Boston geschrieben — war diese Expedition 
unterwegs, sie durchforschte die Wildnis zwischen dem Saskatchewan River und 
dem Eismeer, erfüllte alle Aufgaben und mehr als ihr gestellt waren und kehrte, 
nachdem sie Alaska fast umschifft hatte, nach ihrem Ausgangspunkt, der Staats- 
universität von Jowa, zurück. Frank Russell graduierte 1892 auf dieser 
Hochschule, unter deren Auspizien er sein kühnes Unternehmen ausführte, eine 
Reihe von Säugetieren des hohen Nordens zu sammeln und ihre Lebensweise 
zu erforechen, unter den am entferntesten wohnenden und niedi*igsten Tndianer- 
und Eskimostämmen zu wohnen, über ihr tägliches Leben, ihre Sagen und ihren 
Aberglauben zu berichten und soviel ethnologisches Material wie nur möglich 
zusammenzubringen. Das alles sollte er allein fertig bringen, ausgenommen an 
den Stationen der Hudsonsbai-Kompagnie, die ihm ihren mächtigen Beistand in 
jeder Beziehung versprach und auch Wort gehalten hat. Den Winter 1892 — 93 



— 136 — 

verbrachte Busseil am Nordwestnfer des Winnipegsnndes, um sich far seine gefahr- 
volle Thätigkeit durch Übungen im Schneeschuhlaufen, Lagerleben in strengster 
Kälte und durch die Erlernung der verschiedenen indianischen Jagdarten vor- 
zubereiten. Den nächsten Frühling und Sommer verlebte er in Fort McLeod 
und am Atabaskasee, fuhr über den grofsen Sklavensee und setzte sich dann in 
Fort Rae fest, einem Grenzposten der Hudsonsbai-Kompagnie an einem nörd- 
lichen Arm des Sees. Dieser blieb zehn Monate hindurch seine Operationsbasis, 
und während dieser Zeit legte er 2200 englische Meilen auf Schneeschuhen, 
mehrere hundert in seinem Kanu zurück, er erforschte die Umgegend des Sees 
hunderte von Meilen nach jeder Richtung hin. Sein Leben war eine endlose 
Folge von Strapazen und Entbehrungen, wie nur wenige Menschen sie ertragen 
können. Die meiste Zeit über jagte er mit den Dog Rib Indians, dem niedrigsten 
Stamme aller Rothäute Amerikas. Im Frühling dieses Jahres gelangte er auf 
Hundeschlitten bis an den MackenziefluCs, den er allein stromabwärts befuhr, 
bis er den französischen Forscher Graf de Sainville traf, in dessen Gesellschaft 
er den Rest der Flufsfahrt zurücklegte. Er ruderte auf dem Mackenzie eine 
Strecke von 160 und dann noch weitere 100 Meilen durch die Eisschollen der 
Arktischen See bis Herschel Island. Auf der Insel und dem nahen Festlande 
legte er zoologische, botanische und ethnologische Sammlungen an, die diesem 
Gestade eigentümlich sind, und schiffte sich zwei Monate später auf dem 
amerikanischen Walfischdampfer „ Jeannette ** ein, ging mit ihm nördlich bis 
Wrangel-Land, berührte zweimal die sibirische Küste, wo er seine Kollektionen 
vervollständigte, und war Anfang November wieder in seiner Heimat." 

Interessante Mitteilungen über seinen langjährigen Aufenthalt in Labrador 
machte am 1. März d. J. Herr Missionar Jannasch aus Klein- Welka bei 
Bautzen. Wir geben dieselben in folgendem Bericht des Dresdner Journals vom 
4. März wieder: »Ein Gebiet, über welches nur selten Mittheilungen direct zu 
uns gelangen, schilderte am J . d. M. im Verein für Erdkunde Hr. H. Jannasch, 
indem er über Land und Leute in Labrador sprach. Sein langjähriger Aufent- 
halt als Missionar der Herrnhuter Brüdergemeinde in dem Lande, nach welchem 
er in den nächsten Monaten zurückzukehren gedenkt, und der tägliche Verkehr 
mit den Bewohnern desselben, den sein Beruf mit sich bringt, befähigten Herrn 
Jannasch zu einer lebensvollen Darstellung, welche namentlich auch durch viele 
Einzelzüge fesselte, die nur dem langjährigen Beobachter sich offenbaren. Die 
einzige Gelegenheit, von Europa direkt nach Labrador zu gelangen, bietet das 
der Brüdergemeinde gehörige Missionsschiff „Harmonie«, ein Segler, welcher, 
um den unbequemen englischen Kanal zu vermeiden, den Weg nördlich um 
Schottland herum durch die Orkneyinseln wählt. Als Herr Jannasch auf diesem 
Schiffe nach Labrador ging, erreichte es von den genannten Inseln aus nach 
zehntägiger Fahrt den Ostrand des an der amerikanischen. Küste nach Süden 
ziehenden Folarstromes, der sich durch eine dichte, scharf beleuchtete Nebel- 
wand ankündigte. Beim Eintritt in dieselbe fiel die Temperatur, die bisher 14 
bis 18® R. betragen hatte, auf 3 bis 4* R., aber nur auf dem Verdeck; ober- 
halb der Nebelschicht, die bis zu halber Masthöhe reichte, betrug die Tem- 
peratur 19 ° R. Mit grofser Mühe und nicht ohne Gefahr windet sich ein Segler 
zwischen den Eisbergen und durch die Massen von Treibeis hindurch, welche 
der Polarstrom mit sich führt. Der Anblick der Küste von Labrador gewährt 
keine Entschädigung für die Schwierigkeiten dieser Fahrt, denn die furchtbar 
zerrissenen Felswände und felsigen Inseln sind öde und kahl, da die Nähe des 



— 137 — 

Polarstromes jede irgend ins Auge fallende Vegetation verhindert. Diese beginnt 
erst 10 — 15 Seemeilen landeinwärts. An den Ufern der tief ins Land ein- 
dringenden Fjorde gedeiht nnter dem Schutze der Gebirge der schönste Wald, 
zusammengesetzt aus Fichten, Taimen und Lärchen, an besonders geschützten 
Stellen auch aus Erlen und Birken; doch werden die Bäume immer kleiner, 
je weiter man nach Norden kommt, und an der Nordspitze der Küste 
tritt niedriges Gestrüpp an die Stelle des Waldes. Auf der Hochebene 
im Innern wachsen nur Gräser, Flechten, Moose und Gestrüpp, wenigstens 
im Osten; auf der Westseite der Halbinsel ist es anders. Wenn im Mai 
und Juni der Schnee geschmolzen ist, dann bedecken sich die Thäler und 
Berglehnen an den Fjorden mit dem schönsten Blumenschmuck, der den ver- 
schiedensten Arten alpiner Pflanzen und Pflänzchen angehört . . . Das Klima 
der in gleicher Breite mit Grofsbritannien gelegenen Halbinsel Labrador ist 
sehr rauh. Anfang Oktober bricht der Winter mit voller Gewalt herein, der 
November bringt bereits 20 — 25 Grad R6aumur Kälte, und späterhin sinkt 
das Thermometer öfters bis 36 Grad Reaumur. Die See bedeckt sich meilen- 
weit hinaus mit 2 — 3 m dickem Eise. Die heftigen Stürme des Winters 
erfreuen den Eskimo, denn sie fegen den lockeren Schnee ins Meer oder auf 
die Berge und peitschen den zurückgebliebenen fest, sodafs nunmehr auf den 
von Hunden gezogenen Schlitten Reisen unternommen werden können. Bis 
Ende März dauert die kalte Zeit, Ende Mai kommen einzelne frostfreie Nächte 
vor, und es beginnt der kurze Frühling, die angenehmste Zeit, da er warme 
Tage ohne Moskitos bringt. Gegen das Ende des Junis oder zu Anfang 
Juli wird endlich die Küste vom Eise frei, während das Eis der Flüsse und 
Süfswasserseen schon Anfang Juni auftaut oder wenigstens völlig mürbe wird. 
Der Sommer ist die unangenehmste Jahreszeit. West- und Südwestwinde steigern 
die Temperatur zuweilen bis auf 28' R. ; bringt dann Nachmittags bei Eintritt 
der Flut der Ostwind die kalte Luft vom Polarstrom ins Land, so sinkt das 
Thermometer in wenigen Stunden bis auf 5® und noch tiefer, sogar bis 1®, 
wenn Treibeis an die Küste getrieben wird. — Die heutigen Bewohner der Küste 
von Labrador, die Eskimos, sind nicht die ürbewohner. Vor ihnen wohnte dort 
ein Volk, das sie Tunnit nennen, und von dessen ehemaligem Vorhandensein 
noch Reste von Steinmauern auf den Inseln zeugen (die Eskimos bauen ihre 
Hütten nur aus Rasen) Die Eskimos gehören entschieden zur mongolischen 
Rasse. Bis vor 120 Jahren waren sie noch Heiden und geknechtet durch ihre 
Zauberpriester; es herrschten Mord nnd Totschlag, namentlich die Blutrache 
forderte viele Opfer. Ihre Hauptfeinde waren damals die im Innern wohnenden 
Indianer, und noch jetzt begegnen sich Angehörige der beiden Völker nicht 
gern, obwohl das Verhältnis ein freundlicheres geworden ist. Trotz des Christen- 
tums stecken die Eskimos noch heute voll von Aberglauben und Gespenster- 
furcht. In der Schule lernen sie lesen, schreiben und rechnen und werden mit 
biblischer Geschichte und dem Katechismus, mit Weltgeschichte, Kirchen- 
geschichte und Geographie bekannt gemacht. Besonders für letztere haben sie 
Sinn, daher ist ein Atlas für sie ein Schatz. Gern nehmen sie im Missions- 
hause Belehrung über irgend einen Gegenstand des Wissens entgegen. Grofs 
ist ihre Neigung zur Musik. Als Herr Jannasch eines Tages die Ouvertüre zu 
„Zampa'^ gespielt hatte, hörte er sie am nächsten Tage von einem Eskimo 
ziemlich richtig pfeifen. Das Harmonium, die Guitarre, verschiedene Blas- und 
Streichinstrumente lernen die Eskimos bei ganz geringer Anleitung mit Leich- 



— 138 — 

tigkeit spielen und verschönem dadurch den Gottesdienst. Die kirchlichen 
Handinngen werden von ihnen sehr hoch gehalten. Der Verkehr mit einem 
Eskimo erfordert überaus grofse Geduld, denn er ist sehr umständlich, sodafs 
es lange dauert, ehe man erfährt, was er eigentlich will. Gern disputiert er 
über religiöse Gegenstände, besonders wenn sie in Beziehung zum praktischen 
Leben stehen, und geht dabei nicht selten rabulistisch vor. — Die Nahrung der 
Eskimos besteht fast ausschUefslich aus Fleisch und Fischen, die roh, gekocht 
und getrocknet genossen werden. Als besondere Leckerbissen gelten ihnen 
Dorschköpfe, die so lange in Süfswasser gelegen haben, bis sich das Fleisch an 
ihnen von selbst loslöst. Die beliebteste und gesündeste Nahrung bietet jedoch 
dem Eskimo der Seehund, der Jagd desselben widmet er daher die meiste Zeit. 
Im Winter und Frühjahr geht er zu diesem Zwecke auf die Seekante, d. h. 
nach dem oft eine Tagereise vom Ufer entfernten Aufsenrande des die Küste 
einschliefsenden Eises. Die Jagd bringt zwar nicht so grofse Strapazen mit 
sich wie die Bentier ja^d, auf welcher die Eskimos oft tagelang dem Wilde 
folgen müssen, ist aber weit gefährlicher; denn es geschieht leicht, dafs sich 
das Eis, auf welchem sich die Seehundsfänger befinden, loslöst und mit ihnen 
ins Meer hinäustreibt, sodafs sie sich nur nach Oberwindung grofser Gefahren, 
zuweilen aber gar nicht retten können. Auch Walrosse und Eisbären werden 
gejagt, desgleichen verschiedene Fuchsarten, letztere wegen ihres kostbaren 
Pelzes. Durch die Mitteilung zahlreicher Züge aus dem Alltagsleben der Eskimos 
liefs Herr Jannasch die Zuhörer einen tieferen Blick in das Sinnen und Denken ^--^ — 
dieses Polarvolkes thun, von dessen Körpergestalt und Kleidung wie von dem "^ ;*^ 
Lande eine gröfsere Anzahl von Photographien eine deutliche Vorstellung ge- *V 

währte. Die Schilderung des Nordlichtes, das im nördlichen Teile der Labrador- 
küste sehr häufig und sehr schön auftritt, wurde durch die von Dr. Koch aus 
Stuttgart daselbst aufgenommenen Bilder erläutert. Herr Missionar Jannasch 
beabsichtigt im August d. J. wieder nach seiner Missionsstation zurückzukehren. 
(Wir möchten hierbei daran erinnern, dafs in Band VH (1884) dieser Zeitschrift 
eine ausführliche Darstellung: die Küste Labradors und ihre Bewohner, aus 
der Feder des Herrn Dr. Koch veröffentlicht wurde, welcher letztere während 
eines Jahres die wissenschaftlichen Stationen in Labrador leitete.) 

Belgische Blätter berichteten Mitte März : Eine belgische Südpol- 
expedition wird unter Führung des Schiffsleutnants de Gerlache nächstes 
Jahr in See gehen. Derselbe bereitet sich zur Zeit durch einen längeren Auf- 
enthalt an Bord eines Fischerbootes im nördlichen Eismeer auf das Unternehmen 
vor, dessen Kosten vornehmlich von dem bekannten Grofsindustriellen Salvay, 
dem die belgische Wissenschaft schon vielfach zu Dank verpflichtet ist, be- 
stritten werden. 

Unter Führung des Docenten der Geologie in Upsala, Dr. Otto Nordenskjöld, 
wird im Oktober d. J. eine schwedische Expedition nach dem Fenerlande 
abgehen. Zu den Kosten, die aus schwedischen Mitteln bestritten werden, hat 
ein bekannter Mäcen einen tüchtigen Grundstock gestiftet. Die Reise geht auf 
dem gewöhnlichen Wege nach Buenos Aires und dort sucht sich die Expedition 
Schiffsgelegenheit nach dem Feuerlande, wo man sich bis Juli nächsten Jahres 
aufzuhalten gedenkt. Unter den Teilnehmern wird sich Dr. Ohlin befinden, der 
im vorigen Sommer zur Aufsuchung der Björlingschen Expedition nach Nord- 
grönland gegangen war. 



— 139 — 
Geographische Litteratur. 



Europa. 

Europa. Eine allgemeine Landeskunde. Von Dr. A. Philippson 
und Professor Dr. L. Neu mann. Herausgegeben von Professor Dr. Wilh. 
S i e V e r s. Leipzig und Wien. Bibliographisches Institut. 1894. 635 S. Preis 16 Mk. 

Professor Sievers Unternehmen, eine allgemeine Länderkunde der gesamten 
Erdoberfläche herauszugeben, nähert sich mit dem vorliegenden 4. Bande seinem 
Abschlufs. Im Herbst dieses Jahres soll der letzte Band (Australien und Ozeanien) 
erscheinen, so dafs wir dann eine allgemeine Länderkunde aller Erdteile besitzen ^ 
werden, die, auf der Höhe der Wissenschaft stehend, für das grolse Publikum 
einen zuverlässigen und unentbehrlichen Ratgeber bilden wird. Dei vorliegende 
Band „Europa" schliefst sich in jeder Weise den früheren drei Bänden — Afrika» 
Asien, Amerika — , die seinerzeit an dieser Stelle lobend besprochen wurden, 
würdig an. Die Verfasser haben sich in ihre, bei den vielen vorhandenen 
trefflichen Einzeldarstellungen europäischer Länder, besonders schwierige Auf- 
gabe, ein einheitliches Bild des ganzen Erdteils Europa zu bieten, in der Weise 
geteilt, dafs Dr. A Philippson, Privatdozent in Bonn, die allgemeine Obersicht, 
Oberflächengestalt, Klima und Polarländer, der andere, Professor Dr, L. Neumann 
in Freiburg, die pflanzen- und tiergeographischen Abschnitte, sowie die politische 
Übersicht und das Verkehrswesen behandelt. Diese Verteilung des Stoffes er- 
scheint insofern auffällig, als der eine Verfasser die einzelnen Länder nach der 
physikalischen Beschaffenheit, der andere dieselben Länder nach der geschicht- 
lichen, politischen und wirtschaftlichen Seite bespricht. Es wäre vielleicht 
naturgemäfs gewesen, die einzelnen Länder einheitlich vorzuführen, um nicht 
geographisch Zusammengehöriges zu zerreifsen, denn die » Staatenkunde << ist von 
der Oberflächengestalt eines Landes nicht zu trennen. So ist es ja auch z. B. 
beim 3. Bande „Amerika" gehalten worden. Abgesehen von diesem prinzipiellen 
Einwand ist das Werk durchaus geeignet, eine eingehende Kenntnis unseres 
Erdteiles bei allen Gebildeten zu vermitteln und wird auch neben gröfseren 
Werken, wie z. B. Professor Kirchhoffs „Wissen von der Erde* einen ehrenvollen 
Platz behaupten. Die Schwierigkeiten, bei der grofsen Menge von Einzelheiten, 
die bei Europa infolge der viel gründlicheren Erforschung naturgemäfs in weit 
höherem Grade sich geltend machen muTsten als bei den aufsereuropäischen 
Erdteilen, haben die Verfasser glücklich überwunden, indem sie das Gesamtbild 
Europas nicht aus den Augen verloren. Der Umfang des Werkes verbot ein 
Eingehen auf spezielle geographische Probleme ganz von selbst, doch sind 
selbstverständlich die Ergebnisse der geographischen Forschung überall ver- 
wertet. Dafs in einem derartigen Werke nicht die Wünsche jedes Einzelnen 
erfüllt werden konnten, ist von vornherein klar. Man wird vielleicht bedauern; 
dafs dem politischen Teil des deutschen Reiches nur 44 Seiten zugefallen sind, 
während die Staaten der Balkanhalbinsel gegen 30 Seiten einnehmen. Von den 
bedeutenderen europäischen Staaten entfallen auf Italien 22, Frankreich 22, 
Pyrenäenhalbinsel 21, Rufsland 20, Grofsbritannien 18, Skandinavien (aus- 
schliefslich Dänemark) nur 9 Seiten. 

In dem Abschnitt „ Oberflächengestalt *^ wird vielfach die Bezeichnung 
„Schollenland" gebraucht; so spricht der Verfasser von dem nordwesteuropäischen 
Schollenland, welches das gesamte aufseralpine Europa westlich der Weichsel 



— 140 — 

nmfalst. Ich halte diesen Ausdruck für keinen besonders glücklichen. — Dafs 
der Kaukasus bei Europa, besprochen wird, ist nicht zu rechtfertigen. Um ein 
geographisch richtiges Bild des Kaukasus zu gewinnen, müssen notwendig die 
südkaukasischen Gebiete herangezogen werden, und damit wären wir auf serhalb 
Europas. Der Kaukasus ist vielmehr ganz dem Erdteil Asien zuzuweisen, und 
die Grenze von Europa und Asien in die Manytsch-Niederung zu verlegen. Das 
Kapitel vom Verkehrswesen hätte wohl etwas ausführlicher behandelt werden 
können, es umfafst nur 11 Seiten. Von der bedeutenden europäischen 
Schiffahrt des Norddeutschen Lloyd und anderen deutschen Schiffahrtsgesell- 
schafken (England, Spanien, Skandinavien u. s. w.) wird kaum etwas gesagt. 
Dafs die überseeischen Dampferlinien nicht besonders erwähnt sind, ist ja in der 
Ordnung, wozu aber dann eine Abbildung des der Newyork-Linie angehörigen 
Hamburger Schnelldampfers „Fürst Bismarck" ? (S. 588.) Die einzelnen deutschen 
Staaten sind im allgemeinen sehr summarisch behandelt. Bei Bremen (S. 486) 
hätte doch das grofse Werk der Weserkorrektion, deren bedeutender Einflufs 
auf die Hebung der Schiffahrt und des Wachstums Bremens unverkennbar ist, 
erwähnt werden müssen. 

Vortrefflich sind die vielen dem Buche beigegebenen, zum teil farben- 
prächtigen Illustrationen, welche den Text wirksam erläutern. Neben mannig- 
fachen Tafeln in Holzschnitt finden wir einige recht schöne Farbendrucktafeln, 
unter denen besonders der Ortler, der Sognefjord in Norwegen, die deutschen 
Volkstrachten, die Hagenbrücke in Braunschweig und der Kreml in Moskau 
hervorgehoben zu werden verdienen. Ohne Zweifel wird Sievers Europa seinen 
Zweck, eine eingehende Kenntnis unseres Erdteiles weiten Kreisen zu vermitteln, 
aufs beste eifüllen. Wir sehen dem Schlufsband des Unternehmens mit grofsem 
Interesse entgegen. A. B. 

Asien. 

Emil Schmidt (Leipzig). Reise nach Südindien. Mit 39 Abbil- 
dungen im Text. Leipzig, Verlag von W. Engelmann, 1894. Die verhält- 
nismäfsig geringfügige Litteratur über Südindien würde selbst unbedeu- 
tendere Arbeiten über dieses vernachlässigte Gebiet willkommen erscheinen 
lassen. Um so gröfsere Aufmerksamkeit verdient das vorliegende Werk, das 
im Gewände einer geistvoll geschriebenen Reiseschilderung eine aufserordentliche 
Menge ethnologischen und anthropologischen Materials beibringt und mit einer 
Anzahl sehr brauchbarer Abbildungen (namentlich Photographien Eingeborner) 
geschmückt ist. Der Verfasser will keine Landeskunde Südindiens geben, aber 
was er persönlich auf seiner Reise im Winter 1889/90 beobachtet hat, ist scharf 
und vollständig aufgefafst und mit den Ergebnissen gründlicher Studien ver- 
schmolzen. Die Freude an den landschaftlichen und architektonischen Schön- 
heiten des Gebietes, die der Verfasser empfindet, weifs er auf den Leser zu 
übertragen, der daneben doch nie das Vertrauen verliert, einen mafsvollen und 
zuverlässigen Beobachter zur Seite zu haben. — Der Ethnolog möchte von 
seinem besondern Standpunkte aus vielleicht wünschen, dafs die rein wissen- 
schaftlichen Ergebnisse in konzentrierterer Form, nicht aufgelöst in einer 
fesselnden Reisebeschreibung, gegeben würden; das Werk gehört in diesem Sinne 
einer Gattung wissenschaftlicher Schriften an, der die Forschung nicht mehr 
so sympathisch gegenüber steht wie noch vor verhältnismäfsig kurzer Zeit. 
Allein dieser Mangel des Buches, wenn es in diesem Falle überhaupt einer ist, 
mufs es gerade einem gröfseren Leserkreise verständlich und lieb machen. 



— 141 — 

Jedenfalls giebt es kaum ein anderes, das den Leser so sicher and angenehm 
in das Wesen südindischer Landschaften und südindischen Lebens einführte and 
das mit so gutem Gewissen jedem Wifsbegierigen empfohlen werden könnte. 

H. Schurtz. 



Polarregionen. 

Eine Nordlandfahrt im August 1893. Reiseerinnerangen ans dem 
Folarmeer von W. Lategahn, Amtsgerichtsrat a. D. Mülheim a. d. Ruhr, 
H. Baedekers Buchhandlung (Ewald Pungs) 1894. Den sommerlichen Nord- 
fahrten zu touristischen und Jagdzwecken^ welche seit einigen Jahren Herr 
Kapitän W. Bade veranstaltet hat, ist jedenfalls das Verdienst nicht 
abzusprechen, dafs sie das Interesse an der Polarwelt und deren weiterer Er- 
forschung belebt und in zahlreiche Ki'eise getragen haben. Davon zeugt 
auch die vorliegende ansprechende Schilderung der Reise des Dampfers 
„Admiral*^ im Sommer 1893 nach der Westküste Norwegens, nach der Bären- 
insel und einigen Baien von Spitzbergen. Die Fahrt, welche von Lübeck ausging 
und in Hamburg endete, scheint zur Befriedigung aller. Teilnehmer verlaufen 
zu sein. 



Historische Geographie. 

Adam von Bremen, der erste deutsche Geograph, von Professor Dr. 
Siegmund Günther, Prag 1894. Verlag der Königlich Böhmischen Gesellschaft 
der Wissenschaften. Der Veifasser dieser für die Geschichte der Erdkunde 
wichtigen Abhandlung über das Wirken und die Werke unseres berühmten 
Bremer Chronisten kommt in seinen über 60 Druckseiten umfassenden scharf- 
# sinnigen Darlegungen zu folgendem Schlulsurteil : „Als Adam von Bremen die 
schriftstellerische Arena betrat, lagen zwar kosmographische Abrisse, von Autoren 
deutscher Abstammung gefertigt, schon mehrfach vor, allein durch keinen der- 
selben war das Recht für den Verfasser erworben, sich als Geographen zu be- 
zeichnen. König Aelfred von England war unzweifelhaft ein Geograph in des 
Wortes bester Bedeutung, allein die von ihm ausgegangene Anregung wirkte 
nur innerhalb seines Landes nach, und weitere Kreise erfuhren von seinem ver- 
dienstvollen Wirken näheres erst in sehr viel späterer Zeit. Adam von Bremen 
hingegen gehört durchaus zum deutschen Stamme, und bei ihm erscheint die 
geographische Arbeit weder als ein zufälliges Accidens der Geschichtschreibung, 
noch als Ausfluls kompendiographischer Neigung, wie sie den Klostergelehrten 
der merowingischen und der älteren deutschen Kaiserzeit eigentümlich war. 
Seine rein geschichtliche Darstellung schon ist durchfiochten mit geographischen 
Bemerkungen, die weit über das unumgänglich Notwendige, über die Skizzierung 
der Örtlichkeit, auf welcher sich ein gegebenes historisches Ereignis abspielte 
hinausgehen. Vollends jedoch die „Beschreibung der nördlichen Inseln" ist ein 
rein geographisches Werk, dem diese Eigenschaft auch durch das von Stand 
und Gesinnung des Autors bedingte Beiwerk nicht genommen werden kann. 
Die Charakteristik der sla vischen und nordgermanischen Völker ist eine einheit- 
liche, relativ korrekte und von lebhaftestem Sachinteresse getragene; die von 
der Zeitsitte und von der traditionellen Vorhebe zum Altertum getragenen Ent- 
lehnungen bei der Ethnographie des Wunderbaren halten sich, mit litterarischen 
Versuchen aus weit späterer Zeit verglichen, in bescheidenen Grenzen und lassen 



— 142 — 

kritischen Blick keineswegs ganz vermissen. Adam kennt ziemlich viel von der 
Geographie des hohen Nordens, wie er auch der erste Bewohner des Kontinents 
ist, der uns Nachricht von den normannischen Entdeckungen in Amerika über- 
bringt. Wohl beschlagen erweist er sich auf dem damals noch so wenig ge- 
pflegten Felde der mathematisch-physikalischen Geographie, deren Spezialge- 
schichte ihn wegen seiner Bemerkungen über Ebbe und Flut sowie über die 
Folgen der Erdrundung mit Ehren zu nennen hat. und vor allem andern: 
Liebe zur Sache, Freude an der Aufgabe, die Geheimnisse der Erdoberfläche zu 
entschleiern, hat ihm sichtlich durchweg die Feder geführt." In den Text sind 
als Figur 1 ein Stück der angelsächsischen Weltkarte aus Aelfred's Zeit und als 
Figur 2 ein Kärtchen, welches die Küsten und Inseln des europäischen Nordmeeres 
mit Vinland, Grönland und der Insel Frisland verzeichnet, wie sie sich Adam 
von Bremen vorstellte, eingefügt. Eines möchten wir hierbei in den Aus- 
führungen des gelehrten Verfassers auf Seite 54 berichtigen: die erste genaue 
Kunde von an der Ostküste Grönlands nomadisierenden Eskimos hat uns nicht 
Nansen, sondern vor 70 Jahren Clavering und 10 Jahre später aus dem 
südlichen Teile Ostgrönlands Graah gebracht. 



Karten und Kartographie. 

Anmerkungen undZusätze zur Entwerfung derLand- und 
Himmelskarten von J. H. Lambert. No. 54 der Sammlung von Ostwald's 
Klassikern der exakten Wissenschaften. — Über Kartenprojektionen, 
Abhandlungen von Lag ränge (1779) und Gauss (1822), No. 55 derselben 
Sammlung. Leipzig, Wilhelm Engelmann, 1895. Diese beiden Hefte der empfehlens- 
werten Sammlung von Ostwalds Klassikern der exakten Wissenschaften verdienen 
auch an dieser Stelle Erwähnung, denn sie machen in bequemer und band- ^ 
hoher Form dem Geographen jene drei Abhandlungen zugängig, mit denen 
die neuere Epoche der Kartenprojektion beginnt. Der Abdruck ist ein mit den 
Originalabhandlungen wörtUch übereinstimmender. Der Herausgeber beider 
Hefte, Herr A. Wangerin in Halle a. S., hat dann femer alle drei Abhandlungen 
mit wertvollen einleitenden, biographischen und sachlichen Anmerkungen ver- 
sehen, die dem Verständnis derselben sehr förderhch sind. Die Lambertsche 
Abhandlung umfafst 76 Seiten Text und 20 Seiten Anmerkungen, die Ab- 
handlungen von Lagrange und Gaufs 81 Seiten Text und ebenfalls 20 Seiten 
Anmerkungen. Jedes Heft kostet gut ausgestattet M. 1 . 60. (W. W.) 

Mappae mundi. Die ältesten Weltkarten. Herausgegeben und er- 
läutert von Prof. Dr. Konrad Miller. Fünf Hefte in Grofs-Quart. Stuttgart, 
Jos. Rothsche Verlagshandlung 1895. Dieses Werk, von dem uns vorläufig erst 
das II. Heft vorliegt, soll die auf dem Altertum fufsenden Weltkarten vom 4. 
bis zum beginnenden 14. Jahrhundert umfassen, soweit dieselben von den 
Entdeckungen der Neuzeit, den Arabern, von der Wiederentdeckung des 
Ftolomäns, sowie von den Kompafskarten der Italiener unbeeinflufst sind und 
soll dieselben bildlich und textlich kon-ekt wiedergeben sowie jedem 
Gebildeten und insbesondere auch den höheren Schulen zugänglich machen. 
Die bekannten Sanunlungen historischer Karten von Jomard und Santarem sind 
äulserst schwer zugängMch, die Sammlung von Th. Fischer, Nordenskiölds 
Facsimile-Atlas und Kretschmers Prachtwerk über die Entdeckung Amerikas 
setzen erst im 14. Jahrhundert ein, behandeln nur die italienischen Seekarten 



— 143 — 

tind Portulane, die auf Ptolomäus fufsenden Karten, sowie die der Entdeckung 
von Amerika vorausgegangenen und nachfolgenden Karten, das hier angezeigte 
Werk wird zu diesen also eine jedem Freunde der Geschichte der Kartographie 
erwünschte Ergänzung liefern. Das zuerst erschienene II. Heft bildet einen 
Atlas von 16 Lichtdrucktafeln (ohne Text) und enthält die Psalterkarte von 
London, neun Beatuskarten, zwei Karten des hl. Hieronymus, die Karte des 
Heinrich von Mainz, die Cottoniana und die Karten des Ranulf Hygden. Bei 
dem gegenwärtig lebhaften Interesse für die Geschichte der Erdkunde und der 
Kartographie wird das vorliegende Werk gewils ein vielen erwünschtes sein. 
Wir behalten uns vor, auf dasselbe zurückzukommen. (W. W.) 

Das Deutsche Reich in 8 Karten (Kartengrösse 52 X 64 cm mit Namens- 
verzeichnis und statistischen Tafeln. Geographische Verlagshandlung von Dietr. 
Reimer in Berlin. Dieses Werk entspricht in der That, wie die Verlagshandlung 
bemerkt, einem „wii'klichen Bedürfnis" und füllt eine Lücke in unserer geographisch- 
statistischen Litteratur aus. Es bietet schnelle und zuverlässige Orientierung 
über die Entwicklung unsres Vaterlandes an der Hand von Karten von Kiepert 
und eingehenden, auf den neuesten amtlichen Veröffentlichungen beruhenden 
statistischen Beschreibungen des Deutschen Reichesund der Deutschen Einzelstaaten 
von Dr. Paul Liepert, Bibliothekar des Königl. Preufs. Statistischen Bureaus 
in Berlin und M. Busemann, Kandidat der Staatswissenschaften. Die Karten 
stellen dar: 1. Deutsches Reich (Übersichtskarte der Eisenbahnen). 2. Deutsches 
Reich (zugleich Übersicht des preufsischen Staates). 3. Hannover und Schleswig- 
Holstein. 4. Pommern und Preufsen. 5. Brandenburg, Schlesien, Posen. 
6. Sachsen und Thüringen. 7. Rheinprovinz, Westfalen und Hessen-Nassau. 
8. Bayern, Württemberg, Baden und Elsafs. Der statistische Text (6 S.) im 
Format der Karten ist sehr umfassend. Der erste Abschnitt gewährt einen klar 
zusammenfassenden Überblick über die Verfassung des Deutschen Reiches sowohl 
wie eines jeden der Einzelstaaten, wobei die Volksvertretungen besondere Be- 
achtung gefunden haben. In ihren Grundzügen wird die Organisation der Ver- 
waltung, der Rechtspflege und der kirchlichen Obrigkeit dargelegt, wie auch auf 
die Selbstverwaltung eingegangen ist. Unter „Areal und Bevölkerung" finden 
sich zuerst eingehende tabellarische Übersichten über Flächeninhalt und Ein- 
wohner bis herab zu den Kreisen in Preufsen und den entsprechenden Bezirken 
in den anderen Staaten. Im weiteren werden die wichtigsten Angaben gemacht 
über Dichtigkeit der Bevölkerung, Zahl der Wohnhäuser und Haushaltungen, 
Städtebewohnerschaft, Religion, Staatsangehörigkeit und Muttersprache, über 
Bewegung der Bevölkerung, unter besonderer Berücksichtigung der Ehe- 
schliefsungen, der Unehelichen und Totgeborenen, über Wanderungen, Beruf der 
Bevölkerung u. a. Bei dem Fehlen einer Reichsstatistik für das Unterrichts- 
wesen in Deutschland und der schweren Zugänglichkeit der Quellen, welche 
darüber für die Einzelstaaten Auskunft geben, soweit überhaupt solche vor- 
handen sind, dürfte der Abschnitt Unterrichtswesen manchem erwünscht sein. 
In ihm haben neben den höheren, mittleren und niederen Schulen auch technische, 
fachwissenschaftliche und ähnliche Unterrichtsanstalten u. a. nach Möglichkeit 
Beachtung gefunden. Die Landwirtschaft wird eingehend statistisch beleuchtet 
durch neueste Mitteilungen über die hauptsächlichsten Arten der Bodenbenutzung, 
die Emteflächen und die Emtemengen, über den Viehbestand und über Umfang 
und Produktion der landschafthchen Nebengewerbe. Ebenso werden die Er- 
trägnisse der Bergwerke, Salinen und Hütten mitgeteilt. Bei den Angaben über 



— 144 — 

Industrie ist das Fehlen einer neueren allgemeinen Gewerbestatistik seit 1882 
durch Benutzung anderer Quellen, wie der Berichte der Fabrikinspektoren, der 
Dampfkesselstatistik u. a. minder fühlbar gemacht. Über Handel und Verkehr 
wird in aller Knappheit ein klares Bild des deutschen AuTsenhandels gegeben. 
Ebenso sind die neuesten Angaben über die Yerkehi'smittel zu Lande und zu 
Wasser, über Güterbewegung und über den Schiffsverkehr auf den Binnenwasser- 
strafsen und in den Seehäfen mitgeteilt : Post und Telegraph nicht zu vergessen. 
Die Finanzen des Reiches und der Einzelstaaten sind in den hauptsächlichsten 
Posten nach den neuesten Haushaltsplänen aufgestellt. Besonderem Interesse 
dürften die Angaben über die Steuerkraft der preuTsischen Provinzen nach der 
Neuordnung der Einkommensteuer begegnen. Auch über die Finanzen der 
höheren Kommunalverbände sind Mitteilungen gemacht. Die Zusammensetzung 
des Deutschen Heeres ist nach dem bis 1898 festgelegten Stande angegeben. 
Die Anzahl der jährlichen Rekruten aus den einzelnen Staaten ist zugleich mit 
der Zahl der Analphabeten beim Unterrichtswesen mitgeteilt. 



Schulgeogrraphie. 

Deutscher Schulatlas von Dr. R. Lüddecke. Mittelstufe. 71 Karten 
und 7 Bilder auf 42 Seiten. Preis geb. JL 2.60. Gotha, Justus Perthes, 189ö. 
Wieder eine neue und — fügen wir gleich hinzu — vortreffliche Leistung 
unserer heutigen Schulkartographie, insbesondere unserer weltbekannten 
Perthes^schen Anstalt Der vorliegende neue Atlas will eine Vorstufe zu dem 
bekannten „Sydow—Wagner^schen Methodischen Schulatlas" sein und soll die 
Mittelstufe zwischen diesem und einer Unterstufe, die in Vorbereitung begriffen 
ist, bilden; zugleich schliefst er sich eng an den seit 1888 erscheinenden 
„Sydow-Habenicht'schen Methodischen Wandatlas" an, dessen 16 Wandkarten 
in diesem Jahre ihrer Vollendung entgegen gehen. Der Atlas beginnt mit 
einigen Karten zur Einführung in das Karten Verständnis ; besonders lehrreich 
und gut gewählt erscheinen uns hier die kartenmäfsige Darstellung einer 
Anzahl typischer Landschaftsformen, bei deren Auswahl möglichst (Gebiete 
des deutschen Reiches berücksichtigt sind (das Siebengebirge, der Harz, 
die schwäbische Jura, das Riesengebirge, Helgoland u. s. w.). Auf diese 
einführenden Karten folgt gleich die Darstellung des deutschen Vaterlandes 
in Übersichten und eingehenderen Karten, denen sich die Tafeln der Alpen- 
länder und der deutschen Kolonien anschlielsen. Von der Heimat schreitet die 
Darstellung fort zum nördlichen und südlichen Europa, sowie zu den Obersichten 
von Europa und den acht kleinen, Fragen der allgemeinen Erdkunde behandelnden 
Karten von Europa. Durch ihren Mafsstab von 1:50 Millionen leiten diese 
kleinen Karten über zu den Darstellungen der aufsereuropäischen Erdteile, 
zunächst von Asien, dann von Afrika und Amerika, während wichtigere Gebiete, 
wie das südhche Asien, die Vereinigten Staaten und Mittelamerika, femer der 
Erdteil Australien im Mafsstab 1:25 Millionen gegeben worden sind. Darauf 
folgen Übersichten der ganzen Erde in 1 : 100 und 1 : 200 Millionen ; den Schlufs 
bildet ein Blatt zur mathematischen Geographie. Selbstverständlich ist das 
Hauptgewicht auf die Gewinnung eines klaren plastischen Bildes der Oberflächen- 
gestaltung der Länder und Erdteile gelegt, ohne dabei jedoch die Darstellung 
der politischen Verhältnisse zu vernachlässigen; die Karten von Südwest- und 
Mitteldeutschland erscheinen uns in dieser Richtung als Musterblatter. Die 
Auswahl des Stoffes ist im grofsen und ganzen nur nach den Anforderungen 



— 145 — 

der Schule getroffen. Anf die Beigabe von Nebenkarten ist vollständig 
verzichtet, was wir für die Mittelstufe eines AÜas für richtig halten. 
Dafs der Atlas in Beziehung der Einheitlichkeit der Mafsstäbe, der Höhen- 
angaben, des Anfangsmeridiäns u. dergl. auf der Höhe der Zeit steht, bedarf 
bei einem Lehrmittel, das aus der Perthes^schen Anstalt hervorgeht, gewifs nicht 
des besonderen Hervorhebens. Besondere Anerkennung verdienen aber noch 
die bei vielen Karten angebrachten Bemerkungen über die angewandte Projektion ; 
für den Lehrer werden diese vielleicht der Anlals, sich um diesen Gegenstand 
etwas mehr zu bekümmern, als gewöhnlich geschieht. Die ganze äulsere und 
innere Ausstattung des Atlas ist eine vorzügliche und so sei derselbe der 
Beachtung der Schule empfohlen. 

(W. W.) 

Deutsche Schulgeographie von Prof. Dr. A. Supan. Gotha: 
Justus Perthes, 1895. 238 S. Preis geb. M. 1,60. Ln engsten Anschlufs an 
den Lüddecke^schen Atlas ist der vorliegende Leitfaden bearbeitet, über den 
deshalb einige Bemerkungen angeschlossen werden. 

Mafsgebend für die Bearbeitung desselben ist der neue preassische Lehr- 
plan gewesen. Die Unterstufe ist dabei nicht berücksichtigt worden, da auf 
derselben, wie der Lehrplan richtig voraussetzt, das Kartenbild völlig ausreicht. 
Auch auf eine zusammenhängende Darstellung der mathematischen und physi- 
kalischen Geographie für die höheren Klassen wurde verzichtet, da dieser Unter- 
richt den Lehrern der Mathematik und Physik anvertraut ist. Doch soll diesem 
Mangel durch ein besonderes Heftchen abgeholfen werden, wenn sich ein Bedürfnis 
hierfür herausstellt. Mit vollem Bewufstsein ist der naturwissenschaftlichen Seite der 
Geographie nicht so viel Platz eingeräumt worden als in anderen, vielverbreiteten 
Leitfäden der neueren Zeit. Tektonische Erörterungen sind grundsätzlich ausge- 
schlossen, andere geologische Hinweise nur insoweit aufgenommen, als sie nach 
Ansicht des Verfassers auf Verständnis der Schüler rechnen können. Auch die 
Klimatologie wurde auf das Notwendigste beschränkt. Als Hauptaufgabe betrachtete 
es der Verfasser, möglichst plastische Bilder der Länder und ihrer Bewohner zu 
entwerfen und damit das Verständnis der geschichtlichen Entwickelung, soweit sie 
geographisch bedingt ist, und der gegenwärtigen poHtischen und wirtschaft- 
lichen Verhältnisse der Völker anzubahnen. Überall wurden die Wechsel- 
beziehungen der geographischen Elemente in den Vordergrund gestellt, die 
physische und die politische Geographie, die in den meisten Lehrbüchern 
scharf getrennt sind, wurden ineinander verarbeitet, und als höchstes, freilich 
noch kaum erreichtes Ziel wurde angestrebt, dafs kein Objekt isoliert im 
Gedächtnisse des Schülers haften bleibe. 

Erläuterungen oder Ergänzungen naturwissenschaftlichen oder geschicht- 
lichen Lihaltes sind durch den Druck ausgezeichnet, und bleibt es dem Lehrer 
überlassen, auf welche Weise er dieselben benutzen will. 

Der behandelte Lehrstoff umfafst zuerst die Länderkunde von Europa, 
dann folgen Afrika, Asien, Australien und Polynesien, Amerika und die 
deutschen Schutzgebiete; ein kurzer Abschnitt über Verkehrsgeographie, zwei 
Seiten statistische Übersichten und ein alphabetischesv Verzeichnis der geogra- 
phischen und ethnographischen Namen mit Beifügung der Aussprache weniger 
bekannter Namen bilden den Schlufs. Wie in der bekannten Kirchhoff^schen 



— 146 — 

Schalgeographie ist auch hier aller leere Gedächtniskram und überflüssige 
Zahlenballast streng ausgeschlossen. Abbildungen enthält das Buch au£ser 
einigen Höhendurchschnitten und einem Kärtchen nicht. Am Fulse der 
Seiten sind die meisten geographischen Eigennamen erklärt. Die geographische 
Lage der europäischen Länder und fremden Erdteile ist überall durch wichtige 
Anhaltspunkte gekennzeichnet. — In der gewifs bald nötigen zweiten Auflage 
möchten wir den Ausdruck (S. 62) „das Grofsherzogtum Oldenburg bildet einen 
langen Landstreifen an der Hunte'' geändert sehen; auch dafs die Weser- 
mündung für die Grofsschiffahrt untauglich ist (S. 63), ist doch nach der jetzt 
vollendeten Weserkorrektion durchaus nicht richtig. Übrigens lassen die Bewohner 
der ünterweser die „ Wesermündung " (S. 61 und 63) auch erst bei Bremerhaven 
beginnen. Seite 199 und 200 würden wir die einfachere Wortform „brasilisch* 
statt „brasilianisch" vorziehen. Das Buch bildet ein vorzügliches und anregendes 
Lehrmittel für den Geographieunterricht und sei allen Lehrern, die einmal 
sehen wollen, welche Forderungen ein hervorragender Fachmann stellt, be- 
sonders dringend empfohlen. (W. W.) 

Terschiedenes. 

Brockhaus Konversationslexikon. 14. vollständig neu be- 
arbeitete Auflage. Von diesem wiederholt hier besprochenen Sammelwerk 
ist kürzlich der 12. Band erschienen. Derselbe enthält gegen 9000 Artikel, 
83 Tafeln, 26 Karten und Pläne, femer 211 Textabbildungen. Hervorzuheben 
ist besonders der Artikel: „Österreichisch-Ungarische Monarchie" mit 7 Karten 
und einer farbenprächtigen Tafel der Kronlandswappen. Von den vielen mit 
Karten und Plänen ausgestatteten Städteartikeln sei nur Paris erwähnt. Die 
Festung Paris hat eine besonders eingehende Darstellung im Text und auf der 
Karte erfahren. Was wir im Artikel Newyork über die Wohnungsverhältnisse 
in einigen Städten Amerikas gegenüber denen in Europa erfahren, ist für unsern 
Kontinent nicht erfreulich. Auf dem Gebiet der Technik, der Volks- und Land- 
wirtschaft wird das Beste und Neueste geboten. 

Prof. A. L. Hickmann, Karte der Verbreitungs-Gebiete 
der Religionen in Europa. Mit 2 Kartons und 2 Diagrammen. Verlag 
von G. Freytag & Bemdt, Wien. Die Karte giebt eine, durch Farben genau 
dargestellte Übersicht sämtlicher reinen und gemischten Religionsgebiete nebst 
dfn entsprechend bezeichneten Sitzen der verschiedenen konfessionellen Ober- 
behörden. In zwei Kartons finden sich: Die Verbreitung der Religionen auf 
der ganzen Erde und: Die Verbreitung der Israeliten in Europa — die auf der 
Hauptkarte nicht klar bezeichnet werden konnte — im prozentuellen Ver- 
hältnisse zur Bevölkerung auf dem Lande und in den grofsen Städten. Zwei 
farbige Diagramme veranschaulichen femer den Vergleich über die Gröfsen- 
verhältnisse der einzelnen Religionen nach der Anzahl ihrer Bekenner, sowohl 
in Europa, als auch auf der ganzen Erde. 



1 



Eine Reihe an uns weiter zur Rezension zugegangene Kai*ten und 
Schriften werden in einem der folgenden Hefte näher besprochen werden. 

D. Red. 
; i C 

Druck von Carl Schunemann, Bremen. 



Heft 3. r\ 4. u »and XTIH. 

Deutsche 

Geographische Blätter. 

Herausgegeben von der 

Geographischen Gesellschaft in Bremen. 

Der Abdruck der Original-Aufsätze, sowie die Nachbildung von Karten 
und Illustrationen dieser Zeitschrift ist nur nach Verständigung mit 

der Redaktion gestattet. 



Das unbekannte Südland. 

Von Professor Dr. S. Rüge. 



1, Die ältesten Yorstellimgen Tom Sfidlande. 

Das unbekannte Südland, die terra australis incognita, spielt 
durch drei Jahrhunderte, durch das 16., 17. und 18. Jahrhundert 
eine ebenso grofse Rolle in den Karten als in den nautischen Unter- 
nehmungen jenes bewegten Zeitalters; und in engere Grenzen ver- 
wiesen, bildet die Gestalt oder das Gespenst eines antarktischen 
Kontinents noch jetzt das einzige grosse Fragezeichen auf dem 
Antlitze der Erde. 

Wie infolge der Ausbreitung der Wohnsitze sämtlicher see- 
fahrenden Völker auf der nördlichen Erdhalbe das nordpolare Gebiet 
zuerst in Angriff genommen ist, so ist auch die Erforschung hier 
bereits wesentlich weiter gediehen als innerhalb des südpolaren 
Kreises. Für die Erforschung der Antarktis sind viel deutlichere 
Ruhepausen zu verzeichnen als für den Norden. Und wenn hier nun, 
nach einer Pause von 50 Jahren, die Bewegung wieder lebhafter 
geworden ist und zahlreiche gewichtige Stimmen sich über die hohe 
Bedeutung der wissenschaftlichen Erforschung des südpolaren Ge- 
bietes vernehmen lassen und die Anzeichen aich erfreulicherweise 
mehren, dafs in den mafsgebenden Kreisen das Interesse für ent- 
sprechende IJnternehmungen reger geworden ist: dann scheint auch 
der geeignete Zeitpunkt gekommen, an dem ein kurzer geschicht- 
licher Rückblick auf den Verlauf der bisherigen Theorien von einem 
unbekannten Südlande und auf die zahlreichen Unternehmungen, die 
eine Erforschung des rätselhaften Gebietes erstrebten, auf Beachtung 
rechnen darf. 

Geogr. Blätter. Bremen, 1895. 10 



~ 148 — 

Die Quelle und den frühesten Ursprung einer Lehre vom Süd- 
lande haben wir im Altertum zu suchen. So weit uns noch in den 
Schriften der Griechen ein klarer Einblick in die Entstehung dieser 
Lehre gestattet ist, mufs der Chaldäer Seleukos als der Vater dieser 
durch zwei Jahrtausende währenden Theorie bezeichnet werden, wie 
ich es schon vor 30 Jahren nachgewiesen habe. ^) Seleukos, ein 
berühmter Astronom und Geograph des zweiten Jahrhunderts vor 
Christo, hatte die falsche Behauptung aufgestellt, dafs der indische 
Ozean keine Ebbe und Flut habe. Ob dieser Vorstellung ungenü- 
gende Beobachtungen am persischen Meerbusen oder unsichere Mit- 
teilungen von Seefahrern zu Grunde lagen, läfst sich bei der Dürf- 
tigkeit der überlieferten Citate nicht mehr erkennen. Jedenfalls 
hatte aber Seleukos seiner Zeit sich eines solchen Ansehens unter 
seinen Zeitgenossen zu erfreuen, dafs der gröfste Astronom des 
Altertums Hipparch und femer die beiden Geographen Marinus von 
Tyrus und Ftolemäus der Ansicht des Ghaldäers beipflichteten. In- 
folge dessen schlofs Ptolemäns den indischen Ozean durch Land ab 
und setzte so das Südende Afrikas mit dem änfsersten Ende de^ 
goldenen Halbinsel (Hinterindien) in Verbindung. So wurde das 
indische Meer ein grofser Binnensee und seine südliche Begrenzung 
war das unbekannte Südland. 

Mit dem Untergange der griechischen Kultur ging im Mittel- 
alter auch die Kenntnis der Sprache fast völlig verloren. Die 
griechischen Geographen wurden vergessen. 

Erst im Zeitalter der Renaissance, im 15. Jahrhundert, erstand 
auch die Geographie des Fiolemäus wieder und der alexandrinische 
Gelehrte wurde für anderthalb Jahrhunderte der Lehrmeister des 
Abendlandes. Und damit erstand auch wieder ein grofses Südland, 
wenn auch auf einer andern Stelle unseres Planeten. Portugiesische 
und spanische Seefahrer mufsten erst weit über den Äquator in die 
südliche Erdhalbe eindringen, ehe man die Idee eines Südlandes neu 
beleben konnte. Und wenn man auch mehrfach Gelegenheit fand, 
an der Autorität des Ptolemäus zu zweifeln, wie es ja vor allem 
durch die Entdeckung einer neuen Welt geschehen mufste, von der 
auch der griechische Kosmograph nichts gewufst hatte, so blieb 
doch seine Methode und ein grofser Teil seiner Lehren, nur etwas 
verändert, bestehen. Gab es doch auch über die Mitte des 16. Jahr- 
hunderts hinaus Geographen und Kosmographen, die Amerika mit 



*) S. Etige, Der Chaldäer Selenkös. Eine kritische Untersuchung aus der 
Geschichte der Geographie. Dresden 1865. S. 22. 



^ 149 — 

Asien vollständig verquickten, um nur nicht den Glauben aufkommen 
zu lassen, dafs es mehr Erdteile gäbe, als Ptolemäus gelehrt hatte. 
So stand also auch das Südland noch unangefochten da, wenn 
auch Vasco da Gama vom atlantischen in den indischen Ozean hin- 
eingesegelt und bis nach Indien gelangt war. Das Südland schlofs 
also nicht, wie Ptolemäus gelehrt hatte, den indischen Ozean voll- 
ständig ab; es war auf der Fahrt 1498 überhaupt nicht gesehen. 

Inzwischen rückten aber Portugiesen und Spanier im ersten 
Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts immer weiter an der Ostküste Süd- 
amerikas nach Süden. Von dort mufste man mit Spannung die 
Nachricht erwarten, dafs das Südland wirklich erreicht sei. Eine 
solche Nachricht schien nun in der That 1514 eingelaufen zu sein, 
als zwei portugiesische Schiffe, die von dem grofsen Handelshause 
Haro nach Brasilien ausgesandt waren, nach Lissabon zurückkehrten 
und die Meldung von einer angeblich grofsen Entdeckung mit- 
brachten, wonach man auf die wirkliche Erreichung des Südlandes 
schliefsen konnte. Ein Agent der weltberühmten Firma Fugger in 
Augsburg beeilte sich die Nachricht an sein Haus gelangen zu lassen, 
und dieser verworrene und hausbackene Bericht wurde durch den 
Augsburger Buchdrucker Erhart Oglin alsbald in mehreren Ausgaben 
als „Copia der Newen Zeytung aufs Presillg Landt" gedruckt und 
vielerorten gelesen, so dafs sich davon noch 6 Exemplare in Deutsch- 
land und 4 aufserhalb Deutschlands erhalten haben. Zwar ist es noch 
nicht gelungen, die Namen der Schiffskapitäne festzustellen, von 
denen diese Expedition geführt worden ist; allein die andre ebenso 
wichtige Frage, wann diese Entdeckungsfahrt gemacht und wann 
die neue Zeitung aus Brasilien gedruckt ist (denn der Drucker Öglin 
hat versäumt, die Jahreszahl beizusetzen) ist dadurch glücklich gelöst, 
dafs Dr. Konrad Häbler im Fuggerschen Archiv den handschriftlichen 
Bericht gefunden hat, wonach das Jahr 1514 als sicher anzunehmen 
ist. Es hat sich dadurch meine Annahme,^) dafs die „Copia" 
zwischen 1511 und 1515 erschienen sei, bestätigt. Der Bericht 
selbst aber ist bereits 1515 von dem Kosmographen und Globus- 
verfertiger Johann Schöner für die Darstellung der neuen Welt auf 
seinem Globus von 1515, von dem sich noch Exemplare in 
Frankfurt und Weimar finden, verwertet worden. Eine besonders 
gehaltreiche Monographie über dieses Thema verdanken wir Professor 



*) Vergl. IV. und V. Jahresbericht des Vereins für Erdkunde zu Dresden. 
Dresden 1868. S. 23. Der buchstäblich genaue Abdruck des sehr merkwürdigeji 
^Flugblattes ist ebendaselbst S. 16—19 gegeben. 

10* 



^ 150 — 

Wieser in Innsbruck. ') Das Südland erscheint als eine mächtig 
grofse Insel an der Südspitze Südamerikas, die aber etwa anter 40 ^ S. 
verlegt ist, gewissermafsen ein riesig aufgebauschtes Feuerland. 

Wenn es nun, merkwürdigerweise, auch etwa aus dem Jahre 
1515 noch einen Globus Schöners in der berühmten Kartensammlang 
des Fürsten von Liechtenstein in Wien giebt, auf dem die übrigen 
Länderumrisse vollkommen der Zeichnung auf den Globen zu Frankfurt 
und Weimar gleichen, auf dem aber das Südland fehlt, das Schöner 
auch in späteren Darstellungen beibehielt; dann darf man die 
Wiener Darstellung für die älteste Auffassung halten und wohl gar 
weiter schliefsen, dafs unserm Kosmographen anfanglich die Zeitung 
aus Fresillg noch nicht bekannt gewesen ist. Um so gewisser darf 
man dann die Behauptung aussprechen, dafs erst um die Mitte des 
Jahres 1515 das unbekannte Südland, und zwar zuerst unter dem 
Namen Brasilia inferior, „das untere Presillgland'^, seine Auferstehung 
feierte und dafs im Frankenlande (erst Bamberg, dann Nürnberg) 
die Wiege des Südlandes steht. — Der erste fremde Kosmograph, 
der Schöners Ansicht folgte, war der Franzose Oronce Fine, der 
1531 auf seiner Weltkarte das Südland mit der Inschrift erläuterte : 
Terra australis recenter inventa sed nondum plene cognita, d. i., ^) 
das Australland, neuerdings entdeckt, aber noch nicht vollständig 
erforscht. Hier hat aber das Südland bereits alles Land um den 
Südpol eingenommen und füllt auch den südlichen Teil des Indischen 
Ozeans, wie im Altertum, aus. Und merkwürdigerweise ist die^ Be- 
zeichnung des Brasillandes, die bei Schöner südlich von Amerika 
steht, hier gerade südlich von Vorderindien angebracht : ein lehrreiches 
Beispiel, wie unter der Hand der Kartenzeichner geographische 
Namen wandern und weithin verschlagen werden. Auch auf späteren 
Karten hat 0. Fine das Südland beibehalten und weiter ausgebildet. 
Neue Nahrung gewann aber der Glaube an das unbekannte Land da- 
durch, dafs die französischen Weltkarten und Seekarten von Desliens, 
Desceliers, Rotz (Roze) und G. de Testu*) in den Jahren 1541 — 70 ein 



^ Fr. Wieser, Magalhäes-Strafse und Anstral-Continent auf den Globen 
des Johannes Schöner. Innsbruck 1881. 

*) Xr. GaUois, De Orontio Finaeo. Paris 1890. Planche V. 

') Doch hat 6. de Testu auf seiner Weltkarte, südlich von Afrika, eine 
Legende, aus der hervorgeht, dafs er nicht mehr recht an das Sädland glaubt : 
„Aulcuns Portugays Allans aux Indes Furent par Contrariet^ de Temps trans- 
poiies Fort Su, du Cap de Bonne esperance, Lesquelz Firent Raport que Ilz 
auoient eu quelque cognoisance de Geste Terre toutefoys po£ Nauoir este 
descouverte Aultjremete ie lay seuUemet ycy Notee Ny vouUant adiouter Foy«*^ 



i 



— 151 — 

mächtiges Südland im Anschlufs an Java (Grofsjava) zeichneten und 
ihm einen Küstenverlauf gaben, der eine gewisse entfernte Ähnlichkeit 
mit dem Umrifs des Erdteils Australien haben mochte. Französische 
Gelehrte haben darauf hin geglaubt, französische Seefahrer als die ersten 
Entdecker des fünften Erdteils erklären zu können, obwohl urkundliche 
Beweise dafür bis jetzt noch nicht haben vorgelegt werden können. 
Es mufs auch schon auffällig erscheinen, dafs im 16. Jahrhundert kein 
Kartograph aufserhalb Frankreichs dieses Grofsjavaland nachgebildet 
hat, trotzdem dafs der allgemeine Glaube diese Vorstellung begünstigte. 
Indefs war auch unter den Gelehrten die Meinung geteilt. Apian, 
Grynäus, Münster und am Ende des Jahrhunderts Hakluyt haben 
das Südland nicht in ihre Karten eingetragen, dagegen Mercator 
und in seinem Gefolge Ortelius. Und da ihre Schule und ihre Karten 
weit ins folgende Jahrhundert die geographische Darstellung be~ 
herrschten, so wurde auch an dem Vorhandensein des Südlandes 
nicht weiter gezweifelt. 

Vier Völker haben sich nun im Laufe des 16., 17. und 18. Jahr- 
hunderts um die Auffindung des Südlandes bemüht: Spanier, Holländer, 
Franzosen und Engländer. Aber der letzte grofse Seemann, James 
Cook, der das Südland nicht fand, dies Phantom vielmehr zerstörte, 
erhielt den Preis. 

2. Die Spanier. 

Die Spanier waren zuerst auf dem Plan; denn das gesuchte 
Land lag gewifs in ihrer Interessensphäre, auf der ihnen vom Papste 
überwiesenen westlichen Halbkugel, die sich von Westindien west- 
wärts bis zu den Molukken ausdehnte. Also lag auch der ganze 
grofse Ozean in ihrem Gebiet und hier mufste man das Südland 
am ehesten treffen, nachdem Magalhaens im Feuerlande 1520 den 
Anfang und Ortiz de Retes 1545 an der Nordküste von Neu-Guinea 
vermutlich das nordwestliche Ende berührt hatte. Die Kartographen 
verbanden denn auch beide Punkte zu einer zusammenhängenden 
Küstenlinie. Von Neu-Guinea verlief der Nordsaum des unbekannten 
Südlandes dann nach Südwesten gegen das Kapland, liefs hier aber 
eine bedeutend breite Meeresgasse für die Schiffahrt der Portugiesen 
nach Indien frei, und endlich bekam auch der atlantische Ozean 
seine südliche Landgrenze wieder bis zum Feuerlande. Über den 
grofsen Ozean entwickelte sich eine Schiffahrtslinie zwischen den 
spanischen Besitzungen in Mexiko und den Philippinen, infolgedessen 
diese asiatische Inselgruppe sogar der Verwaltung Mexikos unter- 
stellt wurde; aber dieser Verkehr hielt sich naturgemäfs auf der 



— 152 — 

Nordseite des Äquators und führte zu keinerlei Landentdeckungen 
im Ozean. 

Die Aufgabe, das Südland aufzusuchen, von dem man ebenso 
reiche Schätze an Edelmetallen und Gewürzen, wie von Peru und 
Indien erwartete, fiel natürlich dem Vizekönig von Peru zu, und so 
sandte denn der Marquis von Mendoza 1567 ein Geschwader aus, 
das unter der Führung Mendana's das Südland aufsuchen sollte- 
Leider war Mendana nicht Seemann und folgte mehr dem Rate des 
ängstlichen Oberpiloten Hernan Gallego, als dem des erfahrenen und 
kühnen Kapitäns Pedro de Sarmiento. Daher drang man nicht so 
weit gegen Süden vor, als Sarmiento wünschte, und das einzige be- 
merkenswerte Ereignis war die Entdeckung der Salomons-Inseln, 
die damals schon diesen Namen erhielten, weil man, lediglich auf die 
Anzeichen von Gold, die Inseln vorschnell für das alttestamentliche 
Ophir erklärte, woher Salomo und König Hiram von Tyrus das Gold 
zum Schmucke des Tempels in Jerusalem geholt hatten. Wäre man 
von hiet, von den Salomons-Inseln, wie Sarmiento dringend empfahl, 
gQg&ii SW. weiter gesegelt, dann hätte Mendana die Ehre gehabt, 
die Ostküste Australiens zu entdecken. Aber zufrieden mit seinem 
bescheidenen Funde kehrte Mendana nach Peru zurück. Die Salomons- 
Inseln aber gehörten nach allgemeinem Glauben entschieden zum 
Südlande. 

Im Jahre 1595 machte Mendana eine zweite Entdeckungsreise 
und war hierbei auf den Rat eines Portugiesen Pedro Fernandez de 
Quiros angewiesen, der ihn als Oberpilot begleitete und dabei eine 
eigentümliche Rolle spielte. Armand Baifiaud,^) dem wir eine be- 
achtenswerte Studie über das Südland verdanken, stellt meines Er- 
achtens den Quiros viel zu hoch, wenn er ihn den Heros des un- 
bekannten Südlandes nennt, ich würde ihn eher mit — Münchhausen 
vergleichen, denn der versteht sich aufs Lügen ebenso gut wie dieser, 
wie aus dem folgenden ersichtlich wird. Leider hielt man sich auch 
auf dieser Fahrt viel zu nahe dem Äquator : die erste und die letzte 
Entdeckung, die Marquesas-Inseln und der Santa Cruz-Archipel, liegen 
beide etwa unter 10° S. Hier in Sa. Cruz starb Mendana und 
Quiros, der nun die Leitung übernahm, bemühte sich vergebens, die 
Salomons-Inseln wiederzufinden. Er brauchte den westlichen Kurs 
nur noch durch 5 Meridiangrade zu verfolgen, und er hätte sein 
Ziel erreicht. Statt dessen steuerte er nach NW. und dann wieder 



®) Ai*m. Eainaad, Le continent aastral, Hypotheses et d6convertes. 
Paris 1893. 



— 153 — 

nach Amerika zu. Wir haben hier ein schlagendes Beispiel von 
der unsicheren Berechnung der astronomischen Lage ; in der Längen- 
bestimmung irrte man häufig noch um 10 Grade, und selbst in der 
Breite griÜF man um mehrere Grade fehl. 

Man darf also im 16. und auch im 17. Jahrhundert nicht 
ohne weiteres die von den Schiffern angegebenen Breiten als richtig 
ansehen. Das gilt nicht blos von den Spaniern, sondern auch von 
den Holländern und Engländern jener Zeit. So ist es denn auch 
verständlich, dafs man die Salomonsinseln erst 1768 wieder gefunden 
und dann auch noch nicht gemerkt hat, dafs man die Entdeckung 
Mendanas vor sich habe. 

Entzückt von seinen unbedeutenden Entdeckungen begann nun 
Quiros eine rastlose Propaganda für die weitere (!) Erforschung des 
Südlandes durch neue Seereisen. Da der Vizekönig von Peru ohne 
Genehmigung des spanischen Königs sich scheute, die notwendigen 
bedeutenden Kosten aufzuwenden, so ging Quiros selbst nach Spanien, 
und wandte sich hier, ähnlich wie Columbus, dem er auch in der 
Schreibseligkeit glich, an die einflufsreiche Geistlichkeit; ja, er ging 
sogar nach Rom zum Papst Clemens VIII., von dem er auch die 
besten Empfehlungen an den König von Spanien erhielt. Überall 
legte er einen auffalligen Glaubenseifer an den Tag, als ob es ihm 
nur daran läge, die ungezählten Millionen der Bewohner des Süd- 
landes in den Schofs der Kirche zu führen. Nun bezeichnete es auch 
König Philipp IIL als ein Gott wohlgefälliges Werk, das Australland 
vom Feuerlande her bis nach Neuguinea und dem (fabelhaften) Java 
major zu entdecken. So konnte denn Quiros endlich am 21. Dezember 
1605 mit drei Schiffen von Callao aus in See stechen. Man war 
des Erfolges so sicher, dafs 6 Franziskaner zu Missionszwecken und 
4 Johannisbrüder zur Krankenpflege die EIxpedition begleiteten. 
Das zweite Schiff befehligte der kühne Luis Yaz de Torres, der von 
Anfang an darauf drang, von Callao aus bis zum 30 ^ S. vorzugehen 
und dann westwärts zu steuern. Aber da man alsbald aufserhalb 
der Tropen mit stürmischem Wetter und ungünstigen Winden zu 
kämpfen hatte, so kehrte Quiros schleunigst innerhalb der Wende- 
kreise zurück, entdeckte hier verschiedene kleine Eilande, berührte 
wohl auch Tahiti in der Ferne und erreichte am 1. Mai 1606 die 
von Cook später so benannten Hebriden, die Insel Merena, die, etwa 
^/s so grofs wie das Königreich Sachsen (48 Vs qmyr.), von ihm 
Anstralia del Espiritu santo getauft wurde. Ohne Bedenken wurde 
die Gebirgsinsel, an der man 7 Wochen weilte, für das Südland er- 
klärt und eine pompöse Besitzergreifung in Szene gesetzt, wie sie 



— 164 — 

mit weit mehr Recht früher von Golombos and Baiboa ausgeführt 
war. In feierlichster Weise wurde mit Priestern und Soldaten, mit 
Fahnen und Standarten gelandet. Dann sprach Qairos, wie er selbst 
berichtet, folgende Worte: »Gott allein die Ehre und der Rohm! 
— Land, so lange gesucht, von so vielen behauptet und von mir 
so sehr ersehnt!« — Darauf wurde das Kreuz aufgepflanzt, die 
Spanier schlössen einen Kreis herum, der Notar trat vor und las 
folgende Urkunde vor: Himmel und Erde und die Gewässer mit 
allen ihren Geschöpfen sind Zeugen, dafs ich, der Capitain Pedro 
Femandez de Quiros, in diesen bisher noch unbekannten Erdteilen 
im Namen Jesu Christi, Sohn des ewigen Vaters und der Jungfrau 
Maria, Gott und wahrer Mensch, dieses Zeichen des heiligen 
Kreuzes, an dem sein heiligster Leib gekreuzigt ist, errichtet habe.« 
Nunmehr wurden die sechs Besitzergreifungen in so rührender 
Weise vorgetragen, dafs manches Äuge sich mit Thränen füllte. 
1) Die Besitzergreifung im Namen der heiligen Trinität mit diesen 
Worten: »In diesen südUchen Erdteilen, die bisher nicht bekannt 
waren, wohin ich gekommen bin mit Erlaubnis des Papstes 
Clemens YDI. und auf Befehl des Königs Philipp III. von Spanien, 
ausgesandt von seinem Staatsrate — nehme ich, der Kapitän Pedro 
Femandez de Quiros im Namen der heiligen Trinität Besitz von 
allen Inseln und Ländern, die ich kürzUch entdeckt habe und noch 
bis zum Pole entdecken will.^ 

2) Ich nehme Besitz von allen den genannten Ländern im 
Namen Jesu Christi, des Heils aller Völker, mögen sie auch noch nicht 
entdeckt sein, und im Namen seiner Mutter, der allerheiligsten 
Jungfrau Maria von Loreto und im Namen des heiligen Petrus und 
Paulus und aller heiligen Apostel und Jünger, und im Namen des 
Stellvertreters Christi auf Erden, des römischen Papstes und im 
Namen der ganzen katholischen Kirche u. s. w'*. 

3) erfolgte die Besitzergreifung im Namen des heiligen Franciscus 
und seines Ordens, 4) im Namen des Juan de Dios und seines Ordens, 
der Johannisbrüder, 5) im Namen des Ordens vom heiligen Geiste 
und endlich 6) auch im Namen Se. Maj. des Königs, mit dem 
Schlufsrufe: Viva el Rey de Espana Don Felipe tercero, Senor 
nuestro!« Weiterhin wurden drei Messen gelesen und die vierte ge- 
sungen, darauf dem ganzen Volke das Abendmahl gereicht, die 
Fahnen und Standarten geweiht und der Tag zu einem Feiertage 
gemacht. Denn es galt weiter, den Grundstein für die erste Stadt 
im Südlande zu legen, die Neu-Jerusalem genannt wurde und nach 
der Behauptung des Quiros an der Mündung eines n Jordan« getauften 



— 155 — 

Baches liegen sollte, der so breit war wie der Guadalqaibir bei 
Sevilla. (!) 

Als man sich im Juni zut Weiterfahrt anschickte, trennte ein 
Sturm die Schiffe für immer. Quiros ging aber nicht, wie er hatte 
verkündigen lassen, gegen Süden zur weiteren Erforschung des Süd- 
landes, sondern er wandte sich nach N. W. und kehrte über die 
Philippinen nach Amerika zurück, während Torres, nachdem er, so- 
bald der Sturm sich gelegt hatte, auf seinen Kapitän 14 Tage ver- 
gebens gewartet hatte, gegen Westen weiter vordrang, die nach ihm 
benannte Torresstrafse zwischen Neuguinea und Australien entdeckte 
und trotz der aufserordentlich schwierigen Fahrt durch das Ge- 
wirre von Korallenriffen glücklich durchsegelte. Er kam später als 
Quiros nach Manila und sandte von hier einen Bericht über seine 
wichtige Entdeckung nach Spanien. Eine Abschrift kam ins Archiv 
von Manila. Hier lag sie begraben, unbeachtet, bis die Engländer 
im siebenjährigen Kriege Manila besetzten und den Bericht fanden. 
Die nach Europa abgefertigte Meldung von der Entdeckung der 
Strafse wurde erst 1878 wieder ans Licht gezogen. '') Quiros aber 
agitirte nach seiner Rückkehr weiter für neue Expeditionen nach 
seinem reichen Südlande. Er entblödete sich nicht, in seinen Denk- 
schriften zu behaupten, es gebe (auf den neuen Hebriden) Gold und 
Silber. »Die Eingeborenen züchten viel Vieh, Schweine, Ziegen, viel 
Geflügel. Auch haben sie den Spaniern gesagt, sie besäfsen Kühe. 
Kurz, das Land ist reicher als Mexiko und Peru und ist so grofs 
wie ganz Europa und Vorderasien bis nach Persien und bis an den 
kaspischen See.^ Und wenn Quiros das Klima für gesund erklärte, 
so lautet das Urteil jetzt: Die neuen Hebriden gehören zu den un- 
gesundesten Gebieten des grofsen Ozeans. *) Schon 1613 brand- 
markte Diego de Prado den Quiros mit Recht als einen Lügner und 
schrieb in einem Bericht an die Regierung: Alles was Quiros sagt, 
ist falsch und erlogen. ^) Und über den Wert seiner Entdeckungen 
wirft nichts ein grelleres SchlagUcht als der Umstand, dafs sich bis 
auf den heutigen Tag unter den um Kolonialbesitz wetteifernden 
Mächten Europas noch kein Liebhaber der neuen Hebriden gefunden 
hat und dafs diese Gruppe von gröfseren Gebirgsi^iseln allein noch 
herrenlos ist. 



^ Boletin soc. geogr. Tom. IV. p. 12—27. Madrid 1878. 

^ Meinicke. Die Inseln des stillen Ozeans. I, 185. 

•) Colec. de doc. ined. V. p. 517. Todo lo qne dice Pero Fernandez de 
Quiros, es mentiva y falsedad. 



— 156 — 

Mit Qairos schliefst die Reihe der spanischen Unternehmungen 
zur Auffindung des Südlandes ruhmlos ab. 

Merkwürdig! Die das Südland nicht fanden, aber gefunden zu 
haben vorgaben, rühmten es bis in den Himmel, und die es wirklich 
sahen, fanden nicht Worte genug, den trostlosen Anblick zu schildern. 
Das waren die Englander und Holländer. Wir müssen dabei, um 
gleichartige Unternehmungen zusammenzufassen, noch einmal zu 
den letzten Dezennien des 16. Jahrhunderts zurückkehren. 

3. EngUnder und Holunder. 

a. Francis Drake. 

Am Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Bann, der durch 
die Teilung der Erde unter die Spanier und Portugiesen auf der 
Erforschung unbekannter Länder und Meere von Seiten anderer 
Nationen lastete, zuerst von den protestantischen Engländern und 
Holländern gebrochen, die sich um die Bullen des Papstes nicht 
kümmerten. Es handelte sich dabei um das Vordringen in den indischen 
oder in den stillen Ozean, also um eine Fahrt ums Kap oder durch 
die Magalhaensstrafse. Im indischen Ozean fürchtete man die starke 
portugiesische Macht, den Weg zur unbewachten Westküste Süd- 
merikas versperrte die gefürchtete Magalhaensstrafse. Man wählte 
aber doch lieber den Kampf gegen die Natur als gegen die Menschen, 
und so brach der nArchipirata« Francis DraJce in die Südsee ein. 
Am Feuerlande mufste man notwendiger Weise das Südland be- 
rühren, hier bot sich die einzige Gelegenheit, es in Augenschein 
zu nehmen. Nachdem Drake in einer sehr glücklichen Fahrt von 
nur 18 Tagen, vom 20. August bis 6. September 1578, die gefahrvolle 
Magalhaenssche Meerenge passirt hatte, wurde er durch Sturm bis 56 ^ S. 
verschlagen ^®) und erreichte damit die höchste bis dahin von einem 
Schiffe gewonnene südUche Breite. Dort ging er an einer der Inseln vor 
Anker, die er nach der Königin Elisabethinseln nannte, kehrte da- 
rauf weiter nach dem Norden zurück und traf wieder unter 55 ^ S. 
auf Inseln. Man fand an beiden Orten Pescherähs; also müssen 
sich die Inseln im Feuerlandsarchipel befinden. Auch heifst es in 
Fletchers Reiseberichte ausdrücklich, dafs man im äufsersten Süden 
nur Inseln, nicht Festland gesehen. „Dieser ganee südliche Teü, 
den man für Festland hielt, ist nur ein Haufen von Inseln und eine 
tiefe Meerenge; weiterhin ist das Meer, also das Gegenteil von dem 



'®) Die Breitenangabe weicht in den verschiedenen Berichten von ein- 
ander ab und schwankt zwischen 55 V* ^ und 57 ® S. 



— 157 — 

was mcm früher glaubte/' Hier ist mit grofser Klarheit die wahre 
Natur des Feaerlandes gezeichnet. Dagegen können die unklaren 
Bemerkungen, die John Hawkins nach Drakes mündlichen Mitteilungen 
uns überliefert hat, ^^) nicht ins Gewicht fallen. Eine annähernd 
richtige kartographische Darstellung findet sich, wohl aus den letzten 
Jahren des 16. Jahrhunderts, auf einer Karte des Jod. Hondius, 
von der Kohl *^) den betrefiEenden Abschnitt mitgeteilt hat. Dieselbe 
Auffassung findet sich auch noch auf der Weltkarte von Joan 
Janssonius von 1618 (Orbis terrarum descriptio duobus planis hemi- 
sphaeriis comprehesa), beide Karten haben die Elisabethinseln ver- 
zeichnet und in mäfsiger Entfernung davon die Küsten des unbe- 
kannten Südlandes* 

Eine neue Darstellung von Drakes Entdeckung führte G. de 
risle (1675 — 1726) ein, indem er Drakes südlichsten Punkt unter 
den südlichen Polarkreis verlegte, verführt durch eine Stelle in den 
Reiseberichten, wonach Drake von den Pescherährs dort die 
Mitteilung erhalten haben sollte, dafs es bei ihnen im südlichen 
Sommer nicht Nacht würde. Aber auf de l'Isles Karte findet sich 
nur die vorsichtige Äufserung: »Isle vue dit-on par F. Drak.« 
Aufserdem zeichnete de Tlsle vom Südlande nur die nach glaub- 
würdigen Nachrichten wirklich gesehenen Küsten. Ihm folgte Tob. 
Conr. Lotter (Mappa totius mundi), doch hat er aufser der »ins. 
detecta per Draconem^ am südlichen Polarkreise, noch eine etwa 
unter 57 ^ S. gelegene Insel (?) mit der Bezeichnung »Portus detectus 
per Fr. Draconem. Die von Lowitz entworfenen Planigloben (Plani- 
globii terrestris mappa universalis, Nürnberg 1746) geben sehr vor- 
sichtig südlich vom Feuerlande und zwar südUch von 60^ S. nur 
die Legende: Port, per Franc. Drakum detectus 1578«, aber ohne 
irgend eine feste Zeichnung von der Lage des Hafens. 

Eine zweifache Entdeckung Drakes markirt auch die inter- 
essante Karte des Grafen Redem 1762 (Hemisphere meridional, 
dress^ en 1754 par M. le comte de Redem, curateur de l'Academie 
royale des sciences et de helles lettres, pour eclaircissement de ses 
considerations sur le globe, execute par ordre de l'Academie en 
1762), auf die ich weiterhin noch zurückkomme. Doch ist dem 
Kartographen der Irrtum entschlüpft, die Insel am Polarkreise mit 



") The Hawkins voyages, edited by Clements E. Markham. London 
1878 p. 224 (Hakluyt Soc. vol. LVH.) 

'^ J. G. K o h 1. Gesch. d. Entdeckungsreisen u. Schiffahrten znr Magellans- 
strafse. Karte 3 zn S. 102. Berlin 1877. 



— 158 — 

der Inschrift zu versehen : »I» vue par Drack en 1680.« Die Mappe- 
monde ou Carte gönörale de l'ünivers von G F. Lotter 1787 ver- 
legte beide Inseln Drakes als Js de Drake und Port de Drake west- 
lich von Kap Hoorn, verzeichnet dagegen in der nördlichen Nähe des 
südlichen Polarkreises eine kurze Küste mit dem Namen „Terre de 
Gerard^, das erste Mal, dafs uns Gerritsz' Name, von dessen Fahrt 
wir sogleich hören werden, auf der Karte begegnet. Drakes Name 
bleibt bis ans Ende des 18. Jahrhunderts am Südende Amerikas ver- 
ewigt. Ich habe hier nur einzelne Karten, wie sie gerade meine 
Sammlung bot, herausgehoben, um zu zeigen, dafs die Entdeckung 
Drake's nicht angezweifelt wurde, dafs man aber nur über die genaue 
Bestimmung der Lage auf der Karte verschiedener Meinung war. ^^) 

b. Dirk Gerritsz. 

Anders steht es mit der angeblichen Entdeckung, die der Zeit 
nach auf Drake folgte, aber nur einmal in späterer Zeit auf der 
Karte Lotter's 1789 zu finden ist, mit der Entdeckung von Dirk 
Gerritsz. Weil dieser Name neuerdings^*) zu unverdienten Ehren 
hervorgezogen ist, so mufs ich näher auf die Sache eingehen. Da 
gilt es zunächst den Namen dieses Holländers festzustellen, damit 
wir nicht neben einer schwach begründeten Taufe eines antarktischen 
Archipels auch noch einen falsch geschriebenen Namen in Kauf 
nehmen müssen. Die Genesis der verschiedenen Schreibweisen geht 
auf de Brosses (Histoire des navigations. Paris 1756. 1. p. 275 und 
290) zurück, wo wir Dirik Gueritk u. Theodoric de Gueritk lesen. 
Sein Übersetzer Adelung (VoUständ. Gesch. d. Schiffahrten. Halle 
1767. S. 173 u. 181) hat merkwürdiger Weise an der Form nichts 
auszusetzen. 

Dumont d'ürville (voyage au pol sud. Paris 1841) schreibt 
Tom. I. S. 72 Dirk Gheritk, u. tom H. p. 1. »Theodoric de Gheritk, 
plus connu sous le nom vulgaire de Dirik Gueritk.« Man sieht es 
schon an den Namensformen, dafs d'Urville aus de Brosses schöpft, 
und dies wird unumstöfslich erhärtet, wenn man die die antarktische 
Entdeckung betreffenden Stellen mit einander vergleicht: 



^^ Dafs die anfserhalb des Feaerlandes gelegenen Inseln Drakes, wie die 
Karten sie darstellten, nicht existierten, hat erst Laperouse 1786 bewiesen. 

'^) L, Friederichsen, Reisen des Jason (Mittig. geogr. Ges. in Hamburg 
1891—1892. Heft 2). Begleitwort zur Karte des Dirck-Gherritz-Archipels. 
Wichmann, Die Erforschung des Dirck-Gherritz-Archipels in Peterm. Mittei- 
lungen. 189Ö. S. 140. 



159 



De Brosses I. 290. 

II y decouvrit une cöte d'un 
aspect semblable ä celle de Nor- 
wege, monstrueuse (!), couverte 
de neige, s'etendant, ä ce qu'il 
paroissoit, du cöte des isles 
Salomon. 



d'ürville n. 2. 

La, dit la narration^ ce capi- 
taine decouvrit une cöte d'un 
aspect semblable ä celle de Nor- 
wege, montueuse, couverte de 
neige et s'etendant, a ce quil 
paraissait, du cöte des iles 
Salomon. 

Abgesehen von der Verbesserung montueuse statt monstrueuse 
lauten beide Stellen gleich ; nur verrät d'ürville durch seinen Zusatz 
»dit la narration<<, dafs er die Quelle dieser Mitteilung nicht kennt. 
Einen Reisebericht — denn so mufs man die Narration deuten — 
giebt es gar nicht. Kohl ^*), der sonst den Quellen fleifsig nachgeht, 
vermehrt hier die Schreibweise des Namens noch und nennt unsern 
Holländer »Dirk Gherritz oder Gueritke.« In der Anmerkung fugt 
er hinzu: »Der holländische Verfasser bei Herrera S. 80 nennt ihn 
Theodorus Gerardus (Dietrich Gerhard)." Der hier zitierte Holländer, 
der 1622 eine lateinische Übersetzung von Herrera's Beschreibung 
Amerikas mit Zusätzen versah und in diesen Zusätzen die oben in 
französischer Übersetzung gegebene Mitteilung von Gerritsz angeb- 
licher Entdeckung machte, schreibt aber nicht Theodorus Gerardus 
sondern Theodorus Geraräi, was doch nichts anderes heifst als 
Theodor Gerards Sohn. Und diese korrekte Angabe hätte Kohl 
darauf führen müssen, dafs die Form Gueritk oder Gheritk nur auf 
einen Druckfehler im letzten Buchstaben beruht, nämlich k statt z. 
Der Seemann heifst also Dietrich Gerhards Sohn, oder holländisch 
Dirk (früher Dirck) Gerrüsis, Die Schreibweisen Gherrit oder Guerrit 
sind falsch. 

Es mag nun zunächst kurz zusammengestellt werden, was wir 
von der Fahrt Gerritsz und seinen späteren Schicksalen wissen. 
Es wurde von der Handelsgesellschaft Pieter Verhagen 1598 ein 
Geschwader von 5 Schiffen zu Handels- und Freibeuterzwecken nach 
der Südsee und Indien entsendet zuerst unter dem Oberbefehl 
Mahus und nach dessen Tode unter dem des Cordes. 

Dirk Geritsz rückte erst zum Range eines Kapitäns beim 
Wechsel des Oberbefehls auf und erhielt nun das Schiff Bockolts. 
Es war das kleinste im Geschwader, eine Jacht, und hiefs „Blijde 
Bootschap'' (Frohe Botschaft), während die andern „Glaube", 
„Hoffnung", „Treue" und „Liebe" hiefsen. Es verdient das bemerkt 



") Gesch. der Eiitdeckangsreiaen zur MagellansBirafse. Berlin 1877. S. 115. 



— 160 — 

zu werden, weil später das Schiff Gerritsz' einen andern Namen trug. 
Eine kurze Übersicht über die Schicksale der Flotte ist nothwendig, 
um dadurch ein Urteil über die Befähigung der Führer zu gewinnen. 
Vom 6. April 1599 an bis zum 3. September arbeiteten sich die 
Schiffe in der südlichen Winterzeit durch die Magalhaensche Enge, 
nachdem sie bis dahin über dreiviertel Jahr bereits unterwegs gewesen 
waren. Bald nach der Ausfahrt aus der Strafse wurden die Schiffe 
durch Sturm für immer auseinander gejagt. Sie waren (nach der 
historischen Relation S. 35) »am 3. September, anfangs der Nacht, 
ans Ende der Magalhaensstrafse gelangt und. mit feinem Wetter in 
die Südsee gekommen." Am 5. und 6. September „fuhren sie mit 
Nordostwind nach Nordwest" und waren bis zum 7. September noch 
beisammen. Dann erst wurden sie durch Sturm und Nebel getrennt. 
Die Trennung erfolgte also nicht am Kap Hoorn, wie Friederichsen 
schreibt,^^) sondern nordwestlich von der Strafse, etwa unter 50® S., 
denn man war drei Tage mit günstigem Winde nach Nordwesten 
gesegelt. Simon de Cordes, der Admiral, ging nach dem Sturm 
nach dem verabredeten Sammelplatz, der Insel Sa. Maria (Chile, 
Concepcion), wo er am 10. November mit Kapitän Beuningen zu- 
sammentraf. Was von hier an geschah, darüber gehen die Nach- 
richten auseinander. Nach einer Mittheilung sollen beide, nachdem 
sie 17 Tage vergebens auf die andern Schiffe gewartet hatten, nach 
Japan unter Segel gegangen sein, bis sie am 21. Februar 1600 
wieder durch Sturm getrennt wurden, in dem das Admiralsschiff 
unterging; van Beuningen erreichte Japan am 19. April, wurde 
aber von den Japanern gefangen genommen und der Kapitän erst 
1605 wieder in Freiheit gesetzt. Die Nachrichten über diese Schiffe 
stammen von dem Steuermann Beuningens, dem Engländer William 
Adams (Purchas, Pilgrims vol. I), enthalten aber solche Flüchtigkeiten, 
dafs er den Kapitän Hudcope nennt, während er Hudecooper heifst 
und mit der Flotte Oliviers de Noort ging, und in der Magalhaen- 
strafse starb. 

Nach einer andern glaubwürdigeren Kunde, — denn sie stammt 
von dem Admiral Olivier von Noort, — wurde Simon de Cordes auf 
der Insel Sa. Maria mit 23 andern Holländern von den Indianern 
erschlagen. (Olivier van Noort, Beschryvinghe van de voyagie om 
den geheelen Werelt Cloot. Amsterdam 1602. S. 35.) 

Zwei Schiffe und zwar die Fahrzeuge des Balthasar Cordes 
und Sebald de Weert wurden durch den Sturm vom 7. September 



") A. a. 0. S. 56. 



^ 161 — 

erst an die amerikanische Küste und später wieder in die Meerenge 
zurückgetrieben. Hier wurden auch sie von einander getrennt. 
Balthasar Cordes kam glücklich wieder in die Südsee zurück, ging 
an der Küste Chiles nordwärts und dann über den grofsen Ozean 
zu den Molukken, wo die Portugiesen sein Schifi mit Beschlag be- 
legten und ihn samt seiner Mannschaft nach Malaka gefangen 
abführten. Sebald de Weert konnte mit seinem gebrechlichen Fahr- 
zeuge gegen die Weststürme nicht aufkommen, mühte sich noch 
monatelang in der südamerikanischen Meerenge ab, wo er glücklicher- 
weise mit einer andern holländischen Expedition unter Olivier de Noort 
zusammentraf, ^^) die nur fünf Tage später von Rotterdam abgesegelt 
war, und von wo er dann in den atlantischen Ozean zurückzukehren 
genötigt war, aus Mangel an Lebensmitteln. Er kam, allein von 
fünf Schiffen, am 14. Juli 1600 nach Rotterdam zurück. 

Über die Schicksale von de Weerts Schiff sind wir allein aus- 
führlicher unterrichtet und zwar durch die Aufzeichnungen des Chirurgen 
Barend Jansz (Potgieter), aus dessen Papieren Zacharias Heyns, 
»poete et litterateur de merite«, wie Tiele (Mem. bibl. S. 23) ihn 
nennt, seinen Wijdtloopigh verhael van tgene de vijf Schepen etc. 
(Amsterdam 1600) zusammengestellt hat. Dieser Bericht ist dann in 
abgekürzter und ungenauer Fassung in die de Brijsche Sammlung 
übergegangen unter dem Titel: Historische Relation oder Eygendtliche 
vnd warhafftige Beschreibung, alles defsjenigen so den 5 Schiffen, 
welche im Junio defs 1598 Jars, zu Roterdam abgefertigt worden, 
mit dem Vorhaben, durch das Fretum Magelanum nach den Molu- 
kischen Inseln zu fahren, auff der Reyse, hifs auff den 7. September 
defs 1599 Jars begegnet, da sie alsdann durch Sturmwindt vund 
Ungewitter von einander kommen u. s. w. Gedruckt zu Frankfurt 
am Mayn, durch Mattheum Becker. MDCI. Fol. Schon ans diesem 
Titel geht hervor, dafs der Verlauf der Expedition nur bis zum 
7. September 1599 erzählt ist, wo die Flotte zerstreut wurde, und 
dafs von da ab nur die Erlebnisse auf dem Schiffe Weerts mitgeteilt 
werden. Von dem, was den anderen Schiffen widerfahren war, konnte 
der Verfasser der Relation nichts wissen. Es ist mir daher völlig 
unverständlich, wie Friederichsen (a. a. 0. S. 55) schreiben kann, 
es gehe aus dieser Relation klar hervor, dafs Dirk Gerritsz den 
Archipel südlich vom Feuerlande entdeckt habe. Davon enthält die 
Relation kein Wort. Nimmt man dazu, dafe Friederichsen (S. 61) 

'^) Die im einzelnen nngenauen Berichte geben das Znsammentreffen am 
16. Dezember (Historische Relation) and am 25. Dezember (Beschrijvinghe van 
de Yoyagie . . . deor Olivier van Noort) an. 



— 162 — 

den Titel dieses Reiseberichts ungenau wiedergiebt, auch statt 
Prankfurt als Druckort Oppenheim nennt, wo allerdings andere Teile 
der de Brijschen Sanunlung, aber nicht dieser, gedruckt sind, so 
liegt doch die Vermutung nahe, unser Hamburger Kartograph habe 
sich die Relation nur flüchtig angesehen. 

Was nun das Schicksal des letzten Schiffes, das uns am meisten 
interessiert, angeht, so erfahren wir von Dirk Gerritsz gewisse Nach- 
richten durch Olivier de Noort, der, wie bereits mitgeteilt ist, in 
der Magalhaensstrasse mit Sebald de Weert um Weihnachten 1599 
zusammengetroffen war, am letzten Februar 1600 die Meerenge ver- 
lassen hatte und an der Küste nordwärts nach Valparaiso gesteuert 
war. Weil er einen englischen Piloten »Capiteyn Melis,« der schon 
mit Cavendish an der Westküste Südamerikas gewesen war, an Bord 
hatte, gelang es ihm, die wichtigsten Plätze, wie Mocha, Sa. Maria 
und Valparaiso leicht aufzufinden; denn die Engländer besafsen 
darüber genauere Breitenbestimmungen als die Holländer. Aus- 
drücklich bemerkt van Noort, dafs die Holländischen Schiffisfahrer 
sich auf die Autorität von Petrus Plantius verliefsen, der in seinen 
Karten und Schriften die Insel Sa. Maria auf 36 ^ S. verlegte, während 
die Engländer schon die richtige Breite von 37^ 15' S. kannten. 
„Auch war ein gewisser Dirk Gerritsz (so schreibt van Noort S. 35 
den Familiennamen richtig) von der Kompanie von Verhagen dadurch 
mit irregeführt, wie aus seinem Schreiben an den General hervor- 
geht", dafs er nämlich in Folge falscher Breitenangabe die Insel Sa. 
Maria nicht gefunden habe. 

Auf S. 37 kommt van Noort noch einmal auf denselben Gegen- 
stand zurück und schreibt: Der General (van Noort) habe einige 
Briefe von einem gewissen Dirck Gerritsz, Kapitän auf den fliegenden 
Herren bekommen, die an seine Freunde deutsch geschrieben waren, 
dafs er in einem sehr trostlosen Zustande nach Valparaiso gekommen 
sei und nur noch 9 gesunde Mann an Bord gehabt habe. Er sei 
selbst mit einer Friedensflagge, ohne irgend eine Waffe, an Land 
gegangen, habe nur Friede und Freundschaft begehrt, um mit ihnen 
Handel zu treiben. Aber am Lande sei er von den Spaniern durch 
das Bein geschossen und mit seinem Volke gefangen nach St. Jago 
gebracht; und da kein gesundes Volk mehr darin gewesen, hätten 
die Spanier das Schiff samt der Ladung genommen und nach Lima 
geschickt. . . Dieser Dirck Gerritsz habe die Insel Sa. Maria ver- 
fehlt und schreibe in seinem Briefe, dafs er viel Elend ausgestanden 
habe, da er kein Brod oder Viktualien mehr gehabt und entweder 
vor Hunger sterben oder sich hätte ergeben müssen. Von einer 



^ 163 -^ 

Entdeckung im antarktischen Meere wird kein Wort erwähnt. Auch 
darf nicht unerwähnt bleiben, dafs das Schiff des unglücklichen 
Gerritsz einen Namen trägt, den keins von den Schiffen bei der 
Ausfahrt von Rotterdam führte. Dafs aber hier kein Versehen van 
Noorts vorliegt, geht aus einer Mitteilung de Jonges (De opkomst 
van het nederl. gezag 11. 219) hervor, wonach sich noch im Reichs- 
archiv zu Amsterdam ein Manuskript befindet mit der Aufschrift : 
jjVer ciaring van Jacob Dirckz, eerst constapel, darnaa overstuur man 
op het Vliegend Hart onder den Kapitein Dirk Gerritsz." 

Merkwürdigereise wurde bald nach der Abfahrt von St. Jago 
auf dem Schiffe des Generals van Noort ein n Bootsgesell« Jacob 
Dircksz. von Leijden wegen Diebstahl erschossen. Ob beide 
Personen identisch sind, vermag ich nicht nachzuweisen. Übrigens 
bemühte sich van Noort durch Freilassung eines gefangenen spanischen 
Kapitäns das Loos D. Gerritsz' zu erleichtern. Doch erfahren wir 
von seinem Schicksale weiter nichts. Natürlich giebt es auch 
keinen gedruckten Bericht über seine Erlebnisse während dieser ver- 
hängnisvollen Reise. Es war die erste Expedition, die von Holland 
aus in jene Gewässer unternommen wurde, und das erklärt und ent- 
schuldigt manche Mifsgriffe ; aber trotzdem läfst sich gegen das strenge 
urteil, das Camus gefällt hat^®), nichts einwenden, wenn er schreibt : 
La flotille .... eut, peu de temps apres son d^part, beaucoup ä 
souffirir des vents, de la disette des vivres, de Vignorance et du peu 
W attention des püotes .... Ces details (über die traurigen Schick- 
sale) ne peuvent interesser qu'en masse, s'il est permis de s'ex- 
primer ainsi, par la comparaison que l'on est porte ä faire entre 
Vignora/nce ou le defaut de moyens qui laissaient les navigateurs 
expos^s ä des dangers de toute esp^ce.<< 

Und dieser Ignoranz ist doch wohl auch zuzuschreiben, dafs 
Gerritsz den Sammelplatz an der Insel Sa. Maria verfehlt und statt 
dessen nach Valparaiso gerät: beide Orte liegen 4 Breitengrade aus- 
einander. Kann man danach noch annehmen, dafs er im Stande 
war, eine gute astronomische Bestimmung zu machen? 

Diese Frage ist wichtig, denn sie hängt unmittelbar mit der 
Entscheidung über die Hauptfrage zusammen, ob Dirk Gerritsz den 
neusüdshetländischen Archipel entdeckt hat. In den bisher er- 
wähnten Berichten über die Verhagensche Expedition ist von der 
Entdeckung von Land südlich vom Feuerlande nirgends auch nur 



^^) Memoire aar la coUection des grands et petita voyages. p. 119. 
Paris 1802. 

Geogr. Blfttter. Bremen, 1895. *'*• 



— 164 — 

eine Andeutung gemacht. Das läfst die Quelle dieser Nachricht 
schon in zweifelhaftem Licht erscheinen. Sie ist in der That merk- 
würdig genug. Der Sachverhalt ist dieser. Im Jahre 1601 erschien der 
erste Band von Herrera Geschichte der Thaten der Spanier in 
Amerika und darin, gewissermafsen zur Einleitung, eine Beschreibung 
der neu entdeckten Länder unter dem Titel Descripcion de las Indias. 
Dieser besondere Abschnitt des umfänglichen Geschichtswerkes wurde 
1622 zu Amsterdam in lateinischer Übersetzung von dem thätigen 
Buchhändler Michel Colijn in Druck gegeben. Der Übersetzer war 
Kaspar Barlaeus (van Bärle), der 1584 in Antwerpen geboren, schon 
im nächsten Jahre nach Eroberung der Stadt, mit dem Vater nach 
Holland flüchtete. Er studierte in Leiden, mischte sich in die 
religiösen Streitigkeiten, führte ein wechselvolles Leben bald als 
Prädikant, dann als Professor, dann als Mediziner, Privatlehrer, 
Übersetzer und endlich als Professor eloquentiae in Amsterdam, wo 
er 1648 starb. Seine litterarische Thätigkeit begann er 1615, unter- 
brach sie aber, was selbständige Werke betrifit, von 1619 bis 
1631 und setzte sie dann wieder fort. Er war Dichter und Gelehrter, 
hat aber keine rein geographische Arbeit erscheinen lassen. Grade 
in der längeren Pause von 1619 — 31, wo er ohne feste Anstellung 
ums Brot arbeitete, erschien seine Übersetzung Herreras. Aber er 
begnügte sich nicht mit einer blofsen Übersetzung des Spanischen, 
sondern fügte eine selbstentworfene Übersicht aller nach der Magal- 
haensstrafse unternommenen Fahrten hinzu, und in dieser Beigabe 
findet sich die viel genannte Stelle von Gerritsz Entdeckung und 
zwar in einer (nicht ganz vollständigen) Übersicht aller nach der 
Magalhaensstrafse unternommenen Fahrten. Da heifst es fol 80: 
Libumica, quae Theodorum Gerardi vehebat, tempestatum vi versus 
austrum propulsa fuit ad gradus usque 64, in qua altitudine posita 
ad Australem plagam solum montosum et nivibus opertum eminus 
conspexit, qualis Novegiae esse solet facies. Versus insulas Salomonis 
exporrigi videbatur. Hinc Ghilam petiit et ab insula S. Mariae, quo 
loci socios se reperturum putabat, aberrans, in portum S. Jacobi 
de val Parayso se recepit et cum humanitatis ac benevolentiae 
officia omnia negarent indigenae, itinere longo confectis vectoribus 
et commeatus indiga, in hostium manus se dedit. ^^) 

Da die französische und die deutsche Übersetzung dem Inhalt 
nach Abweichungen zeigen, die anderweit bekannten Thatsachen 



^') Novas orbis sive descriptio Indiae occidentalis metaphraste 

C. Barlaeo. Amsterdam 1622. Fol 75 b. Brevis narratio omniam qnae per 
fretum Magellanicum institutae sunt navigationum. 



^ 165 — 

zum Teil widersprechen, so will ich beide hier zur Vergleichung einrücken. 
Man wird unwillkürlich zu der Wahrnehmung gedrängt, dafs die 
Verfasser auf Einzelheiten, die sie zur Ausschmückung einfügen, 
weniger Gewicht zu legen scheinen, als wir glauben ihnen beimessen 
zu müssen. 

Der französische Text lautet: La fuste de Diric Gherrits, qui 
s'estoit esgaree le 15. Septembre des autres s9avoir de Weert & 
Cordes, fut portee par la tempeste jusques ä 64 degres au sud de 
l'Estroit, ou ils descouvrirent un haut pays avec des montagnes 
pleines de neige ä la fa9on du pays de Norveghen: d'i9y ils firent 
voile vers Chile en intention d'aller trouver leurs compagnons en 
l'isle de S. Marie, mais ils furent portes par fortune au port de 
S. Jago de Valparayso, ou ils furent accables des ennemis. ^®) 

Der Übersetzer ist nicht genannt, Barlaeus ist es wohl nicht 
gewesen. Die erste Abweichung vom lateinischen Texte liegt in der 
Angabe des Tages 15. September, an dem das Geschwader durch 
Sturm getrennt sein soll — und dieses Datum ist falsch, wie wir 
aus dem Tagebuche des Chirurgen auf Sebald de Weerts Schiffe 
wissen, der in dem französischen Texte ausdrücklich genannt ist. 
Ferner ist die Lage des entdeckten Landes genauer angegeben „au 
sud de l'Estroit", was allerdings mit den jetzt dort bekannten Ver- 
hältnissen von Land und Wasser nicht stimmt, wenn wir uns an 
den 64^ S. halten. Bemerkenswert ist endlich der Grund, weshalb 
Gerritsz die Insel Sa. Maria verfehlt hat : im lateinischen Texte genügt 
das Wort aberrans (er kam vom Wege ab), im französischen heifst 
es, das Schiff sei par fortune (durch Zufall) nach Valparaiso ge- 
kommen. Beides läfst nicht auf genügende Befähigung, eine Breiten- 
bestimmung zu machen, schliefsen. 

Anfser den beiden besprochenen Texten finde ich noch einen 
dritten, holländischen, citirt,^^) der mir leider nicht zugänglich ist. 
Er führt den Titel Nieuwe Werelt, anders ghenaempt West-Indien 
und ist wie die beiden andern 1622 bei Mich. GoUjn in Amsterdam 
erschienen. Alle anderen Texte sind auf diese drei zurückzuführen, 
auch der in Hulsius (Ost- und Westindische Schiffahrt, 18. Teil, 
Frankfurt. 1623. S. 245) in deutscher Übersetzung gegebene, der 
offenbar aus dem französischen übertragen ist, aber sich kleine Ab- 
weichungen, wie z. B., dafs Gerritsz' Schiff „t?ow dem Ungewitter in 
den Meerhafen^' von Valparaiso getrieben worden sei, erlaubt. 



^) Description des Indes Occidentales, qu'on appelle aujourdhny le Nou- 
veau monde . . . Translatee d^Espagnol en FranQois. Amsterdam 1622. p. 193. 

'*) P. A. Tiele, Nederlandsche Bibliographie. Amsterdam 1884. S. 109, 



^ 166 ^ 

Alle Schriftsteller, die von de Brosses an die Entdeckung von 
Gerritsz erwähnen, kennen einzig und allein die Quelle, die den ver- 
schiedenen von Colijn 1622 verlegten Ausgaben von Herreras Werk 
beigegeben ist. Woher stammt nun die Nachricht? Es würde doch 
einen Mafsstab für die Glaubwürdigkeit abgeben. Es fehlt dafür 
jeder Anhalt. Von Dirk Gerritsz kann sie nicht stammen ; ob einer 
seiner Leidensgefährten die Heimat wiedergesehen, wissen wir nicht. 
Der einzige Seefahrer, der uns von dem Anlanden Gerritsz in Val- 
paraiso Kunde gegeben hat, ist Olivter van Noort, aber dieser 
erwähnt die Entdeckung nicht. Hat einer seiner Leute vielleicht 
etwas davon nach seiner Heimkehr erzählt und war das Gerede 
unter den holländischen Seeleuten verbreitet? Dafs die Tradition 
noch nicht fixirt war, geht aus den nachgewiesenen Abweichungen 
hervor, die dazu mit dem wahren Sachverhalt im Widerstreit liegen. 
Ist denn unter solchen Verhältnissen das, was allen Texten gemeinsam 
ist, glaubwürdig, thatsächlich? Man könnte die Frage unbedenklich 
bejahen, wenn sich in anderen zeitgenössischen Werken eine Be- 
stätigung fände. Das ist aber nicht der Fall. Holland war seit dem 
Ende des 16. Jahrhunderts der Mittelpunkt für Geographie und 
Kartographie geworden. Hier wurden die Ergebnisse der neuen 
Entdeckungsreisen durch zahlreiche Schriften verbreitet und auf den 
Landkarten verwertet. Man verschmähte selbst etwas unsichere 
Nachrichten über entdeckte Küsten und Inseln nicht zu berücksichtigen, 
wenn sich die geographische Lage nur annähernd auf den Karten 
eintragen liefs. Davon giebt die Litteratur und Kartographie der 
nordpolaren Gebiete genug Belege an die Hand. Und Gerritsz? 
„Sein Name ist vergessen, in leere Luft gehauchtt^ Nicht ein 
holländischer Geograph erwähnt seine Entdeckung, nicht eine 
holländische Karte trägt sein Südland ein. Ein vernichtenderes 
Urteil kann es litterarisch gar nicht geben. Die holländischen Gelehrten 
und Kartographen glaubten nicht an das völlig in der Luft hängende 
Gerücht, dessen Ursprung man nicht kannte, das mit dem Jahre 
1622 auftauchte und wieder verschwand. 

Und wenn man den Kern jener alten Tradition über die Auf- 
findung eines Südlandes (von Inseln ist nicht die Bede) genau beim 
Worte nimmt, so trifift keine der drei Angaben zu: weder liegt das 
Land unter 64 ® S., noch sieht dasselbe {im September!) wie Norwegen 
aus, noch erstreckt sich die Küstenlinie (in nordwestlicher Richtung) 
nach den Salomonsinseln. 

Auch mufs daran erinnert werden, dafs um 1622, wo die 
Übersetzungen von Herreras Werk erschienen, das Feuerland von 



« ^ b w 

W k 



— 167 — 

Le Maire bereits vollends umsegelt war, also der Glaube an eine 
weiter südlich gelegene Küste des von aller Welt angenommenen 
Südlandes leichter Verbreitung finden konnte, als etwa Jahre früher. 
Und auf so hohlem Fundament baut man den Beweis auf, dafs 
Gerritsz den südshetländischen Archipel entdeckt hat und dafs er 
nach ihm benannt werden müsse? Den Vorschlag, jenen Archipel 
nach Dirk Gerritsz zu nennen, hat zuerst Schuck ^^) gemacht und 
Friederichsen ist ihm darin vertrauensselig gefolgt, dafs er seine 
„ Begleitworte ^ mit dem sehr stark anfechtbaren Satze beginnt: „Es 
kann keinem Zweifel unterliegen, dafs der . . . Archipel von Dirck 
Gherritz entdeckt worden ist." Weiterhin heilst es: In der Nähe 
des Kap Hörn (sie) von den übrigen Schiffen getrennt, entdeckte 
Gherritz von 61 — 64® s. Br. ... ein hohes gebirgiges Land.« 
Dafs das Geschwader nicht am Kap Hoorn auseinander gejagt 
wurde, habe ich aber aus dem Tagebuch Potgieters nachgewiesen. 
Die Angabe, dafs Gerritsz in 61—64^ s. Br. Land entdeckt habe, 
entspricht ebenfalls nicht dem Wortlaut der Quelle von 1622, son- 
dern ist von Friederichsen der uns im 19. Jahrhundert bekannt 
gewordenen Lage der Länder südlich von Kap Hoorn anbequemt. 

Man sollte doch vorsichtiger in seinen Behauptungen sein, 

wenn man sich die Quellenschriften nicht gehörig angesehen hat. 

Leider hat auch H. Wichmann (Petermanns Mitteil. 1895, S. 140) 

den Namen Dirk-Gerritsz-Archipel unbedenklich angenommen und 
trägt dadurch zur Verbreitung eines Irrtums nicht unwesentlich bei. 

Hoffentlich werden andere geographische Fachblätter diesem Bei- 
spiele nicht folgen. 

c. Le Maire. 

Drake hatte bekanntlich die Ansicht ausgesprochen, dafs das 
Feuerland nicht einen Teil des Südlandes bilde, sondern sich im 
Süden in Inseln auflöse und dafs weiterhin das Meer folge. Ihm 
pflichtete Richard Hawkins bei und schrieb über die Möglichkeit, 
das Feuerland zu umsegeln : ^*) If a man be furnished with wood 
and water, and the winde good, he may keepe the mayne sea, and 
goe round about the straites to the southwards, and it is the shorter 
way; for besides the experience which we made, that all the south 
part of the straites is but ilands, many times having the sea open, 
I remember that Sir Francis Drake told me, that having shott the 
straites, a storme first tooke him at north-west, and after vered 



*') Zeitschr. für wissensch. Geogr. VI. 248. 
") Observations, p. 224. (Hakl. Soc. No. LVII.) 



— 168 — 

about to the south-west) which continued with him many dayes, 
with that extremitie, that he could not open any sayle, and that 
at the end of the storme, he found himselfe in fiftie degrees^*) 
which was sufGcient testimony and proofe, that he was beaten round 
about the straites. 

Diese Stelle ist sehr merkwürdig, auch wenn wir zugestehen 
müssen, dafs Hawkins die Angaben Drakes nicht völlig richtig auf- 
gefafst hat, namentlich dafs dieser durch den Sturm, der ihn am 
westlichen Ausgange der Meerenge traf, rund ums Feuerland herum 
bis wieder auf die Ostseite getrieben sein soll. Man vergleiche nur 
die von Kohl reproduzierte Karte von Jod. Hondius. 

Noch merkwürdiger erscheint es aber auf den ersten Blick, 
dafs Herrera, dessen Beschreibung Amerikas bereits 1601 erschien, 
diese Stelle aus Hawkins gekannt haben mufs, obwohl dessen 
„Observations" erst nach dem Tode des Verfassers 1622 veröffentlicht 
worden sind. Die Erklärung suche ich in dem Umstände, dafs 
Hawkins, der 1593 seinen Piratenzug in die Südsee begann, von 
den Spaniern nach tapferer Gegenwehr samt seiner Mannschaft in 
seinem Seegefecht gefangen genommen, erst nach Peru und 1597 
nach Spanien geschaffl^ wurde, wo man ihn Jahre lang zurückhielt. 
Hier mufs Herrera das Manuskript (Siehe Anmerkung 24) Haw- 
kins benutzt haben, wie ich gleich beweisen werde. 

Herrera giebt seinem Gewährsmann die befremdliche Namens- 
form Don Bicardo Aquines, was die Übersetzer in Holland und 
Deutschland offenbar nicht verstanden haben, denn in der lateinischen 
Übersetzung heifst er Aquinas und in der deutschen gar Beichard 
von Aquin. 

So schreibt Herrera*^) D. Bicardo Aquines. . . dice que ä esta 
boca del estrecho, a la banda del Sur, no hallo mas de quatro 
isletas. . . . Und in Hawkins p. 223 lesen wir : From Cape Desire 
some foure legues northwest lye foure islands, which are very small. 

Ferner schreibt Herrera über die oben vollständig mitgeteilte 
Stelle aus Hawkins: El referido D. Bicardo Aquines dice, que 
anduvo muchas dias por el estrecho; i afirma, que toda la tierra 
de la vanda del Sur no es Tierrafirme, sino muchas islas, que Uegan 



**) This mast be a misprint ; it should be perhaps 56 °, schreibt der Her- 
ausgeber für die Hakl.-Soc. Seine Vermiitang lafst sich aus Herrera (siehe weiter 
unten) bestätigen. Es geht daraus hervor, dafs Hawkins nicht mit Buchstaben 
„fiftie«, sondern in Ziffern 56 geschrieben hat, was der englische Herausgeber 
1622 für 50, Herrera aber im Msc-Hawkins richtig gelesen hat. 

*^ Descripcion de las Indias. 1720. pt. i. p. 51. col. a. 



— 169 — 

k 56 grados, lo quäl pudo saber; porque corriö hasta los dichos 
56 grados por enmedio de aquellas islas; i visto que no descobrio 
sino mar, bolviö a seguir el derrotero, que Uevaba por el estrecho 
i que esto no puede dejar de ser, por las diferencias de mares que 
causan la multitud de entradas, que hai por entre las islas . . . lo mismo 
dijo Francisco Draque. 

Die deutsche Übersetzung dieser Stelle lautet: nBeichard von 
Aquin bejahet es, dafs er eine lange Zeit in solcher Enge gewesen 
und dafs alles Land gegen Süden, kein festes Land, sondern nur 
viel Insulen seynd, bifs sehr nahe an den 56. ^, welches er selbsten 
erfahren, als er in diesen obg. Insulen bifs an den gedachten 56 ^ 
herumgetrieben worden und gefahren; dieweil er aber kein Land 
entdecket, wandte er sich widerumb vmb vnd kam durch eben den- 
selben Wege widerumb zurück, den er gefahren war. . . . Eben difs 
bezeugte auch Frantz Drak.« ^®) 

Die Berufung auf Drake ist besonders auffällig, auch mag 
erwähnt werden, dafs Herrera aus Mifsverständnis den Hawkins statt 
Drake bis zum 56. Grade gelangen läfst. 

Diese Ansichten von der Beschaffenheit des Feuerlandes waren 
im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts sicher in Holland bekannt, 
als der grofse Kaufmann Isaak le Maire den Plan fafste, das Monopol 
der holländisch-ostindischen Kompanie zu brechen, der allein das 
Becht zustand, zu ihren Fahrten nach Indien den Weg ums Kap 
oder durch die Magalhaensstrafse zu benutzen. Le Maire war, wie Olden- 
barnevelt, ein Gegner aller Monopole und hoffte einen andern neuen 
Weg zu finden, um in die Südsee und über das Goldland des Quiros 
nach Indien zu gelangen. Er opferte für dieses Unternehmen seinen 
Sohn, den Entdecker des Kaps Hoorn, Jakob Le Maire, begründete 
die australische Kompanie und sandte seinen Sohn Jakob mit zwei 
Schiffen nEendracht<< und »Hoorn« 1615 ab, einen neuen Weg, der also 
monopolfrei war, in die Südsee zu suchen. Kapitän des zweiten 
Schiffes war Schonten. Dafs über diese Expedition eine bittere 
Fehde zwischen den beiden Handelsgesellschaften entstehen mufste, 
liegt auf der Hand. Sie war auch Schuld, dafs Schonten, der nur 
an zweiter Stelle befehligte, später von der Gegenpartei gewonnen 
wurde, falsche Berichte über die Beise zu veröffentlichen und sich 
überhaupt als den Leiter hinzustellen, um das Verdienst Jakob le 
Maires zu schmälern. Das ist auch der Grund, warum heute noch 
häufig falsch diese Expedition Schonten und Le Maire genannt wird. 



^•) Hulsius, Ost- und Westind. Schiffahrt. 18. Teil. S. 143. Frankfurt 1623 



— 170 — 

Der Beweis dafür, dafs Le Maire der eigentliche Leiter, oder wie 
er in Reiseberichten genannt wird, »der Präsident« der Expedition 
war, ist auch darin zu erkennen, dafs die wichtigsten Entdeckungen, 
die Auffindung einer neuen Strafse, nach Le Maire und die Er- 
reichung des südlichsten Vorsprungs des Feuerlandes nach dem 
zweiten Schiffe Hoorn ^^) aber nicht nach Schonten benannt wurden. 

Wenn es nun galt, einen neuen Weg zu finden, um nach 
Indien zu segeln, so konnte das Südende Afrikas nicht in Frage 
kommen, denn hier war das Monopol so allgemein gefafst, wenn der 
Weg ums Kap verboten war, dafs es gar nicht umgangen werden 
konnte. Anders stand es mit dem Südende Amerikas. Aufser der 
gefürchteten Magalhaenstrafse schien es doch nach der Ansicht von 
Drake und Hawkins noch einen südlicheren Weg zu geben. Diesen 
schlug Jacob le Maire mit Glück ein, fand, wie er schreibt, „eine 
royale Passagie'' und gelangte ums Feuerland glücklich in die Südsee. 
Die weiteren Erlebnisse der Expedition müssen wir hier übergehen. 
Das Ergebnis war, dafs das Südland wiederum bedeutend nach Süden 
zurückgedrängt war, dafs das Feuerland nicht dazu gehörte, und 
dafs man von seinen Küsten auf der Fahrt ums Kap Hoorn nichts 
gesehen hatte. 

Die Berichte beider Bivalen, Le Maire und Schonten, sind in 
zahlreichen Auflagen bei verschiedenen Verlegern erschienen. Das 
Schiffstagebuch liegt beiden zu Grunde; aber es ist bei Schonten 
durch Zusätze derart verändert, dafs Le Maires Verdienst absichtlich 
geschmälert wird. Zu diesen Entstellungen hat Schonten seinen 
Namen hergegeben, aber er ist nicht der Verfasser. „Le veritable 
auteur du Journal de Schonten est reste inconnu." (Tiele, Mem. 
bibl. p. 60). Le Maires Bericht „Spieghel der australische navigatie^' 
kam, da er selbst auf der Reise starb, später als Schoutens Dar- 
stellung auf Betrieb des alten Isaak Le Maire heraus. Nun ist be- 
merkenswert, dafs sowohl auf den Planigloben, die in Schoutens Tage- 
buch den Titel zieren, als auch auf den Weltkarten in den verschiedenen 
Ausgaben von Le Maires Bericht keinerlei Andeutung von Gerritsz' 
Entdeckung sich findet, während im arktischen Meere bereits Spitz- 
bergen, Nowaya-Sembla, Hudsons- und Baffinsbai angegeben sind. 
Das Verschweigen von Gerritsz' Südland ist aber bei Le Maire um 
so auffälliger, weil sein Werk bei Michiel Colijn in demselben Jahre, 



1 



^ Trotzdem wir es hier in dem Schiffsnamen mit dem Namen einer 
allbekannten holländischen Stadt zu thun haben, wird doch selbst von Geo- 
graphen noch die falsche Form Hörn gebraucht. 



— 171 — 

1622, erschien, in dem dieser Verleger die Geschichte der Reisen 
nach der Magalhaenstrafse veröffentlichte, die wir allein als die 
Quelle von der Entdeckung des Südlandes durch Gerritsz kennen 
gelernt haben. Ja noch mehr! Schon in der Vorrede S. 4 wird 
in einer kurzen Übersicht der Beisen nach der Magalhaenstrafse 
Mahieu (sie) und Sybold de Weert, aber nicht Gerritsz genannt. 
Und am Schlufs des Buches stofsen wir von Fol. 75 b an auf eine 
„Belatie en Abrege van alle de voyagien ghedaen nae de State (sie) 
van Magellanes,'' also die oben ausführlich behandelte Zusammen- 
stellung von Barläus, in der es Fol. 82 b heifst: door alle dese 
contrarie Winden is apparent dat Dirck Gerritsz, die ghebreck aen 
sijn Boech-Spriet en Fockemast hadde, soo verre suytwaerts is ge- 
dreven, nameliek op vier en tsestich Graden be — suyden de Straet 
op die hoochte wesende, sach uit suyden leggen heel hooch 
berchachtich Landt, vol Sneeus, als het landt van Noorweghen, 
heel vnt bedeckt, en strecktede hem als of het nae de Eylanden van 
Salomon wilde loopen." Ich vermute, hier liegt derselbe holländische 
Text, wie in der mir unbekannten (vergl. S. 165 Anm. 21) Über- 
setzung von Herrera vor, der in demselben Jahre, bei demselben 
Verleger ans Licht kam. Wäre diese Vermutung richtig, dann hätten 
die kleinen Abweichungen und Zusätze, gegenüber dem lateinischen 
und französischen Text, ihre Bedeutung. 



Der XI. Deutsche Geographentag in Bremen, 

in der Osterwoche 1895. 



1. Yorträge. Yerhandlungen und Beschlüsse. Festlichkeiten. 

Ausflüge. 

Von Dr. M. Lindeman. 

Es ist eine löbliche Gepflogenheit, bei der Wahl der Versamm- 
lungsorte unsres Deutschen Geographentages abwechselnd Nord-, 
Mittel- und Süd-Deutschland zu berücksichtigen. Bekanntlich finden 
die Tagungen alle 2 Jahre statt. Die letzte war in Stuttgart; sie 
hatte, wie wir seinerzeit berichtet haben, einen in jeder Beziehung 
befriedigenden Verlauf. Als nun in Stuttgart Bremen als Ort der 
nächsten Tagung gewählt wurde, war man hier in der That ein 
wenig besorgt darüber, ob der Verlauf der Tagung nicht nach ver- 
schiedenen Bichtungen im Vergleich zu früheren zurückstehen werde. 
Indessen fand auch die Bremer Tagung wie die Stuttgarter unter 
einem günstigen Sterne statt und nach übereinstimmendem Zeugnis 



— 172 — 

sind die Mitglieder und Teilnehmer von auswärts, — es kamen 
ihrer 170 aus allen Teilen Deutschlands, — vollauf befriedigt von 
dannen gezogen. Die lebhafte Teilnahme, welche die Versammlung 
in Bremen bis zu ihrem Schlüsse fand, bewies, wie sehr man jetzt 
auch in Bremen den Wert und die Bedeutung der geographischen 
Bestrebungen zu schätzen weifs. Obwohl für manche Auswärtige die 
Beise nach Bremen eine weite, wurde doch die Durchschnittszahl 
der Besucher der früheren Tagungen erreicht: die Zahl der als 
MitgUeder oder Teilnehmer Angemeldeten betrug 482, von diesen 
waren 214 Mitglieder und 268 Teilnehmer. 

Die Tagesordnung war teils mit Bücksicht auf den Charakter 
des Tagungsorts als einer bedeutenden deutschen See- und Handels- 
stadt, teils in Erwägung der bisherigen Bestrebungen der Bremer 
geographischen Gesellschaft, teils endlich, was die Landeskunde 
betrifft, mit Bevorzugung des Gebiets von Nordwestdeutschland 
zusammengestellt worden. Sämtliche auf der Tagesordnung stehende 
Vorträge wurden gehalten mit Ausnahme eines einzigen, die Ge- 
schichte der Handelswege in Afrika betreffend. Derselbe wurde von 
dem Vortragenden selbst lediglich deshalb zurückgezogen, weil es 
bei der vorgerückten Zeit vielleicht nicht an der nötigen Aufmerk- 
samkeit dafür gefehlt haben würde. An manche der Vorträge 
knüpften sich anregende Verhandlungen und wichtige Beschlüsse. 
Ein frischer jugendlicher Zug ging durch die ganze Versammlung, 
vom ersten bis zum letzten Tage war das herrlichste Wetter: 
während der Verhandlungen, die in dem stattlichen Kaisersaal des 
Eünstlervereins stattfanden, sandte die Frühlingssonne ihre glänzenden 
Strahlen durch die hohen Fenster herein. Ein jeder schien mit dem 
frohen Gefühl erfüllt, von dem langen schweren Winter erlöst zu 
sein und diese glückliche Stimmung war und blieb die herrschende 
auch bei den Festlichkeiten, den geselligen Zusammenkünften und 
den Ausflügen nah und fern. 

Am 16. abends fand in der Halle des Künstlervereins die erste 
Begrüfsung der Mitglieder statt. 

Gleichzeitig mit dem Geographentage fand in Bremen die 
Jahresversammlung der deutschen Meteorologen statt, die sich auch 
dem Geographentag anschlössen, über die Verhandlungen dieser 
Versammlung wird weiter unten berichtet. 

Am 17., 9 Uhr vormittags, wurde der 11. deutsche Geographen- 
tag durch Herrn George Älbrecht, den Präsidenten der Bremer 
geographischen Gesellschaft und Vorsitzer des Ortsausschusses, mit 
einer Ansprache eröfifaet. Ein ansehnliches Auditorium, auch viele 



— 173 — 

Damen, hatten sich eingefunden. Auch Österreich-Ungarn und Eng* 
land waren durch Delegierte vertreten. Mit Bücksicht auf den ersten 
Beratungsgegenstand : „die Polarforschung, insbesondere der 
Stand der Südpolarfrage^, war im Saale eine vortreffliche, eigens 
von Herrn Yincenz Haardt von Hartenthurn angefertigte Karte der 
Südpolarregionen ausgestellt, welche u. a. die Kurse der Entdeckungs- 
reisen bis zur „Challenger^-Expedition und die ermittelten Meeres- 
strömungen darstellt; zu selten der Bednerbübne erblickto man die 
Porträts von Ferdinand Magelhaens, Sir James Clark Bofs, des rus- 
sischen Admirals Bellinghausen und von James Cook. 

Die Ansprache des Herrn George Älbrecht ging dahin: 
„Sehr geehrte Anwesende! Es ist mir als Vorsitzer der Bremer geo- 
graphischen Gesellschaft die hohe Ehre zu teil geworden, die ersten Worte an 
Sie richten zu dürfen. Ich erlaube mir, Sie alle zu der 11. Tagung des 
deutschen Geographentages hierdurch willkommen zu heilsen und Ihnen vor 
allen Dingen für die Ehre zu danken, dafs Sie vor zwei Jahren unsre Stadt 
ausersehen haben, diese Tagung hier abzuhalten. Als wir die Nachricht be- 
kamen, waren wir recht ängstlich und zweifelhaft, ob diese Wahl richtig war. 
Wir haben uns aber mit gutem Mut an die Vorbereitungen herangemacht. 
Ich mufs Sie freilich um Nachsicht bitten, wenn Sie hier nicht alles finden, 
wie Sie es auf früheren Tagungen gewohnt sind; ich kann aber versichern, 
dafs wir den besten Willen gehabt haben, alles recht zu machen. Besonderen 
Dank spreche ich aus für die sehr rege Beteiligung: sie ist ein Beweis des 
Interesses für den Geographentag. Ganz besonders danke ich noch denjenigen 
Herren, die aus fremden Ländern, aus Österreich-Ungarn und England hierher- 
gekommen sind, um der Tagung beizuwohnen. Lassen Sie mich mit dem 
Wunsche schliefsen, dafs die hiesige Tagung beitragen möge, den so wie so 
hohen und ehrenvollen Stand des Geographentages noch weiter zu heben und 
zu festigen und dals dieselbe gute Früchte für die geographische Wissenschaft 
tragen möge!" (Beifall.) 

Sodann richtete Herr Bürgermeister Älb. Gröning folgende 

Worte an die Versammlung: 

„Meine hochgeehrten Herren von der geographischen und meteorologischen 
Wissenschaft! Im Namen des Senats und unsrer Mitbürger erlaube ich mir, 
auch unserseits Sie herzUch in unsrer Bfitte, in unsrer Stadt zu begrüfsen. 
Es ist uns eine besondere Freude und Genugthuung, die Vertreter zweier 
Wissenschaften hier vereinigt zu sehen, die zu unserm bürgerlichen Leben, zu 
unserm Handel und unsrer Schiffahrt in so naher Beziehung stehen, wie die 
Erdkunde und Ihre jüngere Schwester, die Meteorologie. Sie können versichert 
sein, dafs ihre Bestrebungen hier allgemein den wärmsten Sympathien begegnen 
werden. Und ich gestatte mir, die Hoffnung daran anzuschliefsen, dafs es 
Ihnen in unsrer Mitte gefallen möge und dafs Sie vielleicht auch hier in 
Bremen und in unsrer Umgegend diese und jene Anregung finden mögen, die 
für Ihre wissenschaftlichen Bestrebungen von Wert sein kann. Ich schliefse 
mit dem herzlichen Wunsche, dafs Ihre Beratungen einen gedeihlichen Fortgang 
nehmen und zur Erreichung der hohen Zwecke, die Sie verfolgen, beitragen 
mögen!" 



— 174 — 

Auf diese mit grofsem Beifall aufgenommenen Worte ant- 
wortete Herr Professor Dr. Neumayer, Wirkl. Geh. Adm.-Rat, 
Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg: „Hochansehnliche 
Versammlung ! Als der zehnte deutsche Geographentag in Stuttgart 
vor zwei Jahren für die nächste Tagung Bremen wählte, da war 
man von der Überzeugung geleitet, dafs man sich hier einer wohl- 
wollenden Aufnahme, eines Verständnisses für geographische Fragen 
versichert halten konnte, namentlich, wenn man den Verhandlungen 
einen Charakter zu geben vermöchte, welcher dem Geiste der Be- 
wohner Bremens entspräche. Die hervorragende Stellung, welche 
Bremen vor nun 25 Jahren in der arktischen Forschung einge- 
nommen hat, die Unterstützung, welche der maritim-meteorologischen 
und hydrographischen Arbeit seitens Bremer Eheder und Kapitänen 
zu teil wurde, deuten mit Notwendigkeit auf die Behandlung solcher 
Thematen in den Verhandlungen unsres Geographentages hin, 
welche sich die Pflege und Förderung der ihren Interessen dienenden 
Wissenschaften zur Aufgabe stellen. So ist denn auch in dem Pro- 
gramm den Polarfragen nnd der Pflege der maritimen Meteorologie 
für die heute ihren Anfang nehmende Tagung eine hervorragende 
Stellung eingeräumt. Allerdings ist diesmal die Südpolarforschung, 
welche uns beschäftigen wird, von besonderer Bedeutung, weil in 
einigen Monaten derselbe Gegenstand in London auf dem sechsten 
internationalen Kongrefs der Geographen zur eingehenden, hoffent- 
lich zu einem Erfolge führenden Verhandlung gelangen wird und es 
wichtig erscheint, dafs die Ansichten deutscher Geographen zuerst 
und zwar hier zu einem Ausdrucke gelangen. Ich werde über die 
Beweggründe gleich nachher zu sprechen haben, welche dazu an- 
leiten, diese Fragen hier zur Besprechung gelangen zu lassen, 
ich kann mich daher für jetzt auf die Hinweisung beschränken, 
dafs wir durch die Bedeutung der antarktischen Forschung in der 
Gegenwart veranlafst worden sind, von deutschen Fachgenossen 
aller Forschungszweige gerade hier eine Diskussion derselben hervor- 
zurufen. Der andre Gegenstand, dßn wir eingehender behandeln 
werden, ist von besonderem Interesse gerade hier, da die maritime 
Meteorologie in hervorragender Weise durch die Mitarbeiterschaft 
der Bremer Seeleute unterstützt und gefördert wird. Sie werden in 
dem Vortrage meines Freundes Herrn Professor Krümmel in Kiel 
erfahren, welche grofse Arbeitsleistung deutscher Seeleute im all- 
gemeinen, und die Seeleute an der Weser im besonderen seit etwa 
20 Jahren aufzuweisen haben, welche Arbeitsleistung dem Forschungs- 
gebiete der deutschen Seewarte in hervorragender Weise zu gute 



^ 175 ~ 

kommt. In der That erstaunt man, wenn man statistisch das 
wissenschaftliche Material, welches durch deutsche Seeleute zusammen- 
getragen wird, zählt und erkennt, dafs es sich hier um eine grofse 
wissenschaftliche That unsrer deutschen Seeleute handelt, die wir 
Ihnen anzuführen uns erlauben. Das Gefühl der Dankbarkeit treibt 
uns an, dies an dieser Stelle zu konstatieren und näher zu beleuchten, 
wie dies Herr Professor Krümmel morgen thun wird. Das sind in 
Kürze die Motive, die uns veranlassen konnten, hier in dem Sinne, 
welcher im Programm zum Ausdruck kommt, zu tagen. Aufrichtig 
hofiFe ich, dafs es gelingen wird, nach den verschiedenen, in Er- 
wägung zu ziehenden Gesichtspunkten, der gestellten Aufgabe 
gerecht zu werden. 

Der geographische Geist ist in den alten Hansestädten unsres 
Vaterlandes von je her, teils durch den Handel und die erd- 
umfassenden Beziehungen desselben gepflegt worden. Doch nicht 
nur auf dem praktischen Gebiete hat sich der geographische Sinn 
in Ihrer Vaterstadt bethätigt, die edelsten und von Eigennutz fern- 
abliegenden Ziele wurden hier gepflegt, wie dies aus der Geschichte 
der deutschen Polarforschung und den Annalen der Geographischen 
Gesellschaft zur Genüge beleuchtet wird und wie sie in segensreicher 
Weise neben den Interessen des Kaufmanns gedeihen. Wir erkennen 
diesen Geist der idealen Ziele in der geographischen Forschung, in 
den Institutionen zur Pflege der Wissenschaft Ihrer Vaterstadt und 
darunter zeichnete sich unter der Leitung jenes hervorragenden 
Mannes, der erst vor wenigen Jahren von uns schied, und stets seither 
die Seefahrtsschule des Bremer Staates aus; wir erkennen ihn in 
einzelnen Männern, die in Bremen geboren und ihre grundlegende 
Erziehung genossen und allen voran in Adolph Bastian, den un- 
ermüdlichen Kämpfer für alles Edle und Grofse in der geographischen 
Wissenschaft, dem weitausblickenden Denker auf dem Gebiete der 
Völkerkunde, den wir so gern heute unter uns und als ersten in der 
Reihe der Geographen und Ethnographen der Gegenwart hier be- 
grüfst hätten. 

So kommen uns von allen Seiten beim Eintritt in unsre 
Tagung in Bremen ermunternde und anfeuernde Grüfse entgegen 
und somit eröffne ich guten Muts und voll Zuversicht für günstigen 
Erfolg die Tagung des XI. Deutschen Geographentages. 

Auf Vorschlag des Herrn Direktor Neumayer wurden sodann 
Herr G, Alhrecht als Vorsitzer, Dr. M, Linrleman als Vizepräsident 
und die Herren Dr. Schutijg-Bremen und Dr. Ule-EaMe als Schrift- 
führer der ersten Sitzung bestimmt. 



—. 176 — 

Der erste Bedner über die wissenschaftliche Erforschung des 
Südpolargebiets war der allverehrte Professor Dr. Neumayer, Director 
der Seewarte des Deutschen Reichs, seit vielen Jahren der uner- 
müdliche Vorkämpfer für diese Forschung. Er habe, sagt er, eine 
gewisse innere Abneigung gegen die Übernahme des Referats em- 
pfunden. 

»Wenn man so, wie ich es gethan habe«, — dies sind seine Worte, — 
»unermüdlich und bei jeder Gelegenheit auf die Bedeutung des Gegenstandes 
hingewiesen hat, ohne dafs ein wesentlicher £i*folg zu verzeichnen wäre, so 
kann man sich begreiflicherweise nur schwer dazu entschlief sen aufs neue 
eine Lanze zu brechen für die im allgemeinen in ihrer Bedeutung nur wenig 
verstandene Sache.« Selbst bei Fachleuten sei das Verständnis für die Wich- 
tigkeit der Sache noch nicht in dem Mafse in eine wissenschaftliche Ober- 
zeugung übergegangen, dafs man mit Sicherheit einen Erfolg erwarten könne 
und hoffen dürfe, dafs gröfsere wissenschaftliche Expeditionen zum Zwecke der 
Erforschung der antarktischen Region entsendet werden würden. Dazu gesellt 
sich die Thatsache, dafs vom Standpunkte des materiellen Erfolges Unterneh- 
mungen nach jenen Gegenden wohl nicht ins Werk gesetzt werden und dafs 
lediglich, wenn wir aufrichtig sein wollen, es sich darum handelt, die idealen 
Interessen menschlicher Erkenntnis zu fördern. Damit soll keineswegs gesagt 
sein, dafs nicht grofse und bedeutsame Vorteile für die Entwicklung der 
menschlichen Existenz auf dieser Erde daraus entspringen können, vielmehr 
sind wir der Ansicht, dafs einzelne Gebiete durch die tiefere Einsicht in das 
Wesen der Naturkräfte zu dem Beherrschen derselben in einem Mafse mit- 
wirken werden, dafs schliefslich die Grundbedingung für die volle Ausbeute 
dessen, was die Natur uns bietet, gewährt erscheint. Wir haben es stets auf- 
richtig bedauert, dafs man es bei der Agitation für verwandte Probleme, wie 
das, von welchem wir heute zu handeln haben, für notwendig erachtete, die 
sogenannten praktischen Ziele in erster Linie zur Unterstützung derselben anzu- 
führen, und haben es uns zur Aufgabe gestellt, die grofsen wissenschaftlichen 
Gesichtspunkte hervorzuheben und als die unentbehrlichen Stützen für die 
Förderung der antarktischen Forschung zu bezeichnen. Es ist für uns undenk- 
bar gewesen, von der Gewinnung eines Gesamtbildes der Erscheinungen auf 
unsrer Erdoberfläche zu sprechen, so lange noch eine Zone, wie die südpolare, 
vollkommen unerforscht ist. Zweifellos ist der grofse Gegensatz, welcher 
zwischen der nord- und der südpolaren Zone besteht, nach allem, was wir 
davon wissen, derarüg, dafs es uns unmöglich wird, in unsem, die ganze 
Erde umfassenden Betrachtungen die südpolare Zone als analog mit der nord- 
polaren Zone in die Darstellung einzubeziehen. Alles, was wir über die Natur 
der subantarktischen Zone ermittelt haben, beleuchtet den Gegensatz gegen 
den Norden, ohne uns die Möglichkeit' zu gewähren, endgültige Schlüsse 
zu ziehen. 

Seit den Tagen der Expeditionen von James C. Rofs, Dumont d^rviUe 
und Wilkes sei nichts von Bedeutung zur Förderung unsrer Kenntnis der 
antarktischen Zone geschehen. Jene denkwürdigen Expeditionen liegen nun 
über ein halbes Jahrhundert hinter uns, waren erfolgreich und haben den 
Horizont geographischer Erkenntnis wesentlich erweitert; man kann daher mit 
Recht fragen, wie es kommt, dafs während dieser langen Zeit alle Ermahnungen 



— 177 — 

und Darlegungen wissenschaftlicher Leute zum Zwecke der Wiederaufnahme 
der antarktischen Forschung fruchtlos verhallten. Wissenschaft und Technik 
hahen in diesem Zeiträume einen ungeahnten Aufschwung genommen und die 
Dampfschiffahrt hat eine Vollkommenheit erreicht, die uns in gerechtes Staunen 
-versetzt. Die geographische Erforschung der Länder und Meere der Erde ist 
stetig erweitert worden und kaum ist noch ein Gebiet übrig, das — wenigstens 
in allgemeiner Hinsicht — ein Feld für den Entdecker-Ehrgeiz bieten könnte. 
Gewifs haben sich seit den fünf letzten Dezennien politische Umgestaltungen 
vollzogen, welche ihren tiefgreifenden Einfiufs hemmend auf Unternehmungen, 
wie die Forschung in den Südpolargegenden, äuTsern mufsten, allein alles das 
erklärt nicht den Indifferentismus, welcher fast bei allen Nationen der Erde, 
die zu den Kulturvölkern gehören, hervortrat. Eine gründliche Kenntnis der- 
jenigen wissenschaftlichen Vorgänge, welche dem Eifer der verschiedenen 
Nationen für die Erforschung höchster südlicher Breiten vorangingen, läfst uns 
erkennen, dafs es namentlich ideale, streng wissenschafthche Ziele waren, welche 
den Anstofs zu den denkwürdigen Forschungsreisen in den Jahren 1838 bis 
1843 gegeben haben. Wir erinnern daran, dafs in jener Zeit die unsterblichen 
Arbeiten des grofsen Gaufs über den Magnetismus der Erde der wissenschaftlichen 
Welt zuerst allgemeiner zugänglich geworden sind. Die Entwickelung ^er 
'Theorie des Erdmagnetismus,/ vorbereitet wie sie war durch die Forschungen 
Alexander von Humboldts, Hansteens, Sabines u. a. , erweckte weitgehende 
wissenschaftliche Hoffnungen und führte — wie bekannt — zur Gründung einer 
Anzahl erdmagnetischer Observatorien in verschiedenen Teilen der Erde, deren 
Ergebnisse wieder in dem Göttinger magnetischen Verein in der ersten Instanz 
einen Kristallisationspunkt fanden, wenn auch im weiteren Verlaufe dieser mehr 
und mehr zurücktrat aus Gründen, deren nähere Darlegung hier einen Zweck 
nicht haben könnte. Uns genügt es zu erkennen, dafs zweiffellos jene epoche- 
machenden geographischen Unternehmungen aus einem wissenschaftUchen Ge- 
danken entsprungen sind, damit wir die Lehre daraus ziehen mögen, dafs es 
nur denkbar sein wird, auch für unsre Zeit einen Erfolg nach dieser Richtung 
hin zu erhoffen, wenn wir durch einen wissenschaftlichen Gedanken von all- 
gemeinstem Umfange angeleitet werden, wenn dieser Gedanke in solcher Weise 
entwickelt wird, dafs er Gemeingut werden kann, wodurch wieder der allein 
wirksame Druck auf diejenigen Kreise menschlicher Gesellschaft geübt wird, 
welche den Beruf haben, für die Pflege und Förderung der hohen und idealen 
Ziele der Wissenschaft Sorge zu tragen. 

Der Redner legt nun Exemplare eines kürzlich von ihm veröffentlichten 
Aufsatzes in den Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie vor, in 
welchem bezüglich der Südpolarforschung die Bedeutung der Interessen der 
Meteorologie, Geodäsie und des Magnetismus betont sind, die neueren Er- 
weiterungen unsrer geographischen Kenntnisse von jener Region beleuchtet 
werden. Es sei Sache der Vertreter der übrigen Zweige der Naturforschung, 
in gleicher Weise ihre Interessen klarzulegen, damit aus dem wissenschaftlichen 
Gedanken heraus das tiefere Verständnis der wichtigsten aller geographisch- 
physikalischen Probleme geweckt werde. Dann könne man hoffen, die Lösung 
derselben thatkräftig in die Hände genommen zu sehen. 

Der Vortragende schildert nun, wie er vor 40 Jahren auszog, um auf dem 
australischen Kontinent ein Observatorium für die Pflege der Physik der Erde 
zu gründen; das geschah in der Hoffnung, dafs die Südpolarforschung durch 



^ 178 — 

das Observatorium in Melbourne eine wissenschaftliche Basis erhalten könnte. 
Die Inangriffnahme der Erforschung des australischen Binnenlandes im Jahre 
1859, die unzweifelhaft für die Entwickelung jener aufblühenden Staaten 
wichtiger war, als die Erforschung der antarktischen Region, was zur Folge 
haben mufste, dafs die antarktische Forschung von der Tagesordnung abge- 
setzt werden mufste, machte es auf Jahre hinaus unmöglich, auch nur den 
geringsten Fortgang hierin zu erzielen. Dann folgten aber rasch aufeinander 
die politischen Ereignisse in der Mitte der sechziger Jahre, die alle wissen- 
schaftUch-geographischen Ereignisse in den Hintergrund drängten. Zwar hat 
der Geographentag in Frankfurt a. M., die Tagung ohne Nummer, im Juli 1865 
sich mit der Polarfrage und speziell mit der Südpolarfrage in Verhandlungen 
und Beschlüssen beschäftigt, aus denen später die Unternehmungen deutscher- 
seits nach dem hohen Norden hervorgingen: für. den Südpol war auch dann 
nichts zu erreichen. In rascher Folge kamen nun die grofsen ozeanischen Er- 
forschungen auf die Tagesordnung. Der Vortragende erinnert an die ersten 
Arbeiten Maurys, Brookes, Carpenters auf diesem Gebiete, die sodann den be- 
redtesten Ausdruck durch die wissenschaftUch-ozeanischen Expeditionen des 
„Challenger^ und der »Gazelle'' fanden und die maritime Kräfte in Anspruch 
nalynen, so dafs an eine Expedition nach dem hohen Süden nicht gedacht 
werden konnte. Mit einem astronomischen Ereignisse schien der Südpolar- 
forschung ein günstiger Stern aufzugehen. Die folgenden Erörterungen legten 
dar, wie auch diese Hoffnung nicht realisiert wurde. Endlich schien nach der 
Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Berlin (1886) eine bessere 
Zeit für die ReaUsirung eines Forschungsplanes nach dem Muster jenes von 
Sir James Rofs heraufzudämmern. Man sprach von der Bereitstellung von 
Mitteln zu diesen Zwecken. Es regte sich namentlich der antarktische 
Forschungssinn in den austraHschen Kolonien und es hatte den Anschein, als 
ob es nun Ernst werde mit der Durchführung des ersehnten Zieles. Die grolse 
finanzielle Krisis, welche jenes jugendliche Streben zu bestehen hatte, drängten 
für eine Zeit diese Durchführung zurück. Welche Ketten einer widrigen, dem 
Plane ungünstigen Konstellation hemmten in den letzten fünfzig Jahren die von 
allen wissenschaftlichen Geographen ersehnte Erweiterung unsrer Kenntnisse 
in den Südpolarregionen! Es ist nur diesem Umstände und nicht etwa der 
Unterschätzung der Bedeutung der Sache zuzuschreiben, dass der Fortgang der 
Wissenschaft nach dieser Richtung gehemmt wurde. 

Wie einst zu Weddells, Biscoes und Kemps Zeiten begannen die Robben- 
schläger und Waler wieder den Reigen, wie wir aus den Berichten der letzten 
Jahre es ersehen haben. Der Vortragende berührt nun die neuesten Unter- 
suchungen von Dallmann, Larsen u. A. und zeigt auf der Karte die Errungenschaften 
dieser gelegentlichen Erweiterungen geographischer Kenntnisse. Nun regt es 
sich auch wieder in England, dank den Bemühungen des berühmten „Challenger"- 
gelehrten Dr. John Murray und die Südpolarforschung steht auf der Tages- 
ordnung des VI. Internationalen Geographenkongresses in London. Dr. Neu- 
mayer erwähnt, wie er aufgefordert worden sei, das Hauptreferat zu übernehmen 
und wie er in der Hoffnung, dass man ihn nun in deutschen Gelehrtenkreisen 
unterstützen werde, auf den ehrenvollen Antrag eingegangen sei. Er schliefst 
mit einem Appell an die Geographen und Geophysiker Deutschlands, ihn zu 
unterstützen, damit er die deutsche Wissenschaft bei dieser wichtigen Gelegen- 
heit in würdiger Wfiise vertreten könne. 



— 179 — 

Lebhafter Beifall wurde diesem Vortrage zu teil. Der zweite 
Redner war Dr. Erich von Drygalski aus Berlin. 

Als Leiter der beiden Grönlandexpeditionen der Berliner Gesellschaft für 
Erdkunde in den Jahi'en 1891 — 1893 spricht er auf Grund seiner dabei ge- 
wonnenen Erfahrungen über die Probleme, die sich für die Polarforschung im 
allgemeinen ergeben haben. Das meiste Interesse an der Erforschung des 
Südpolargel3ietes hat die wissenschaftliche Geographie; denn noch ist dort ihr 
fundamentales Problem, die Frage nach der Land- und Wasserverteilung un- 
gelöst und wir dürfen von eineiii ursächlichen Verständnis jener Erdräume nicht 
im mindesten sprechen. Zwar werden die Resultate, die eine Expedition in der 
antarktischen Zone erreichen kann, des Eises wegen räumlich beschi'änkt sein, 
trotzdem aber einen hohen Wert besitzen, weil dem Polarlande gewisse gemein- 
same Züge im grofsen eigen sind und weil man aus einem Studium des ant- 
arktischen Eises auch auf den Charakter der Gegend schhefsen kann, aus 
welcher es herkommt. Das Eis ist nicht allein ein starkes Hindernis jeder 
Polarexpedition, sondern es ist aueh das Mittel zum Zweck, um über das Gebiet, 
dem es enstammt, Erkenntnis zu gewinnen. 

Dieser Punkt wird näher erläutert. Schon die äufsersten treibenden Eis- 
massen bedürfen einer Untersuchung ihrer Struktur. Redner unterscheidet aus 
seinen grönländischen Forschungen drei Hauptgruppen für die Struktur des 
Eises: erstens das Eis des Meeres, zweitens das Eis der Binnenseen und Flüsse, 
diittens das Eis der Gletscher. Die Unterschiede liegen darin, wie sich die 
einzelnen Eiskrystalle zu den grofs^ Eismassen aneinandergliedern. Das geschieht 
bei dem Meereis derart, dafs die kristallographischen Hauptaxen sich parallel 
zur Gefrierfläche einstellen, bei dem Eise- der Binnenseen senkrecht dazu, bei 
dem Eise der Gletscher im allgemeinen ohne bestimmte Anordnung. Es existieren 
noch verschiedene andre charakteristische Unterschiede und so kann schon die 
Strakturuntersuchung darüber AufschluXs geben, ob wir es bei dem antarktischen 
Treibeis mit zusammengestautem Meereis oder mit auf dem Lande gebildeten 
Gletschereis zu thun haben. Hat man Gletschereis erkannt, so zeigen andre 
Struktureigentümlichkeiten, unter welchen Bedingungen dasselbe auf dem Lande 
lag, man erhält also auch Aufschlufs über den Charakter des Landes. 

Ein zweites wichtiges Problem, das sich schon im treibenden Eise lösen 
läfst, ist die Feststellung exakter Eisberghöhen. Solche sind aus dem Südpolar- 
gebiete noch nicht bekannt. Aus sicheren Eisberghöhen kann man aber Schlüsse 
ziehen über die Meerestiefe und über die Mächtigkeit des Inlandeises, von 
dem die Eisberge sich losgelöst haben. Die bisher berührten Probleme lagen 
schon in dem treibenden Eise; für eine antarktische Expedition mufs es aber 
das vornehmste Ziel sein, ein Land zu erreichen, um dort eine wissenschaftliche 
Station zu errichten. Aus meteorologischen Beobachtungen auf einer solchen 
Station kann man Schlüsse über das Klima des ganzen Eisrandes ziehen, sie 
haben also Bedeutung über den Rahmen der Station hinaus. So sind in Grön- 
land die Föhnwinde für das Klima des ganzen Eisrandes charakteristisch, sie 
bestimmen das Klima desselben. Sie werden unzweifelhaft durch die Verhält- 
nisse des Inlandeises bedingt und sind in dieser Beziehung auch ein Problem 
des Eises, dessen Lösung wertvolle Resultate sichern würde, wenn es auch am 
antarktischen Eisrande verfolgt werden könnte. 

Wo ein Inlandeis gegen Land stöfst, kommt man auch sicher hinauf; so 
bietet sich von der wissenschaftlichen Station aus auch dio Möglichkeit, das 

Geogr. BJätter. Bremeu, 1895. 12 



— 180 — 

Eis zn begehen. Das würde aber nicht allein die antarktische Frage nach allen 
Richtungen fördern, sondern auch manch dunklen Punkt aus den Problemen 
unsrer heimischen Eiszeit erhellen. Besonders wichtig ist dabei das Studium 
der Moränen des Eises. So kann die Eisforschung die Lösung der antarktischen 
Frage schon in dem treibenden Eise beginnen, weitere Resultate sind zu erhoffeUi 
wo die Eismassen sich verdichten, die besten mit der Erreichung eines Landes 
an dem antarktischen Eisrande selbst. 

BezügUch der Ausführung einer Südpolarexpedition weist Redner darauf 
hin, dafs zwei Schiffe von vornherein auch zwei Expeditionen bedeuten, denn 
die Schiffe werden im Eise getrennt. Auch w^nn man nur mit einem Schiffe 
vorgeht, ist man schöner Resultate gewils. Wie schon das Interesse an der 
Polarforschung überall lebhaft erwacht, so ist eine Förderung der Südpolar- 
forschung jetzt für die Wissenschaft das lohnendste Ziel, und es wäre die 
schönste Feier des 25jährigen Bestehens der Bremer geographischen Gesellschaft^ 
wenn auf dem Bremer Geographentage der Entschlufs entstünde, die Südpolar- 
forschung jetzt auch durch Thaten zu fördern. Durch ihre Vergangenheit und 
durch ihren heutigen Verkehr erscheint die Stadt Bremen so recht berufen, 
diesen Entschlufs zur Reife zu bringen. 

Auch diese interessanten Ausführungen wurden mit lebhaftem 

Beifall ausgezeichnet. Sodann hielt Herr Dr. JB. Vanfiöffen-Kiel 

einen Vortrag über das Thema: Welches Interesse haben Zoologie 

und Botanik an der Erforschung des Südpolargebietes? 

Die Untersuchung des Südpolargebietes ist geeignet, zur Lösung der 
Frage nach der Herkunft des organischen Lebens in den Polarländere beizu- 
tragen. Während im Norden Pflanzen gefunden wurden, so weit es dem 
Menschen vorzudringen gelang, soll im Süden nach den bisherigen Beobach- 
tungen jede Vegetation innerhalb des Polarkreises fehlen. Doch sind diese 
Beobachtungen nicht beweisend. Man darf ein gröfseres Land- oder Inselgebiet 
nicht nach den Befunden an den äufseren Küsten oder auf vorgelagerten kleinen 
Jnseln beurteilen. Im Innern tiefer Fjorde oder schmaler Sunde, die die Süd- 
polarländer jedenfalls darbieten, herrschen nach Beobachtuegen in Spitzbergen 
und Grönland viel günstigere kUmatische Verhältnisse als an der Aufsenküste 
oder gar auf kleinen freihegenden Inseln. Das Land ist dort geschützt gegen 
die rasenden Stürme, die fast ununterbrochen die exponierten Küsten heimsuchen 
und femer weniger vereist, da die Niederschläge geringer sind. Die äufserste 
Spitze des Gebietes der antarktischen Länder ist nur 30 Meilen von den süd- 
lichsten Inseln entfernt, auf denen noch eine Blütenpflanze, Moose, Algen und 
Flechten gedeihen. Es ist auch nicht einzusehen, warum den unbekannten 
Ländern Vegetation fehlen sollte. Oberall wurden zwischen Gletschern eisfreie 
Partien des Landes gesehen. Steile Felswände mit den Nistplätzen von Möven, 
über die das Eis herabstürzt, statt sie zu umhüllen, bieten anspruchslosen 
Pflänzchen genügenden Raum. Die Nähe des Eises aber stört die Pflanzen 
nicht, die dicht neben, ja selbst auf und unter dem Eise sich lebenskräftig er- 
halten können. Die Kälte schadet ihnen nicht, eher werden ihnen Sonne und 
Trockenheit gefährlich. Gegen beide aber bietet ein gröfseres Ländergebiet 
günstigere Schlupfwinkel als kleine Inseln. So ist es demnach nicht ausge- 
schlossen, dafs es beim Betreten der Südpolarländer gehngt, Pflanzen zu finden. 
Das Fehlen der Pflanzen unter klimatisch nicht ganz ungünstigen Bedingungen 



— 181 — 

könnte nur als Wirkung der Eiszeit aufzufassen sein, da Tei*tiärpflanzen aus 
jenen Breiten bekannt sind. Sind dagegen Pflanzen vorhanden, so fragt es sich, 
ob sie Beziehungen zu den Pflanzen der südlichen gemäfsigten Zone oder zu 
den arktischen Pflanzen zeigen. Sie würden dann vielleicht gestatten, jene 
Streitfrage zu entscheiden, ob in den nördlichen Polarländem die Vegetation 
die Eiszeit überdauerte oder ob diese erst nach dem Zurückweichen der 
Gletscher sich dort wieder einfand. Ferner könnten dieselben Aufklärung geben 
über die merkwürdige Übereinstimmung der arktischen und antarktischen Flora 
und die zirkumpolare Verbreitung der nördlichen und südlichen Arten. 

Auch unter den Tieren des Nordens und Südens zeigen sich auffallende 
Beziehungen. Die spärlichen Landtiere kommen dabei nicht in betracht. Von 
Meerestieren wiesen dagegen besonders die Expeditionen des „Erebus und Terror", 
des „Challenger'^ und der „Gazelle'' im antarktischen Gebiet eine reiche Zahl 
nördlicher Arten nach, die zwischen den Wendekreisen fehlen oder dort nur in 
den grofsen Tiefen der Ozeane erscheinen, ganz analog dem vereinzelten Auf- 
treten der Polarpflanzen auf den Hochgebirgen. Dennoch ist die Fauna des 
Südpolarmeeres lange nicht genügend erforscht. Die reichen Sammlungen des 
„Challenger'' geben kein genügendes Bild von der Zusammensetzung der süd- 
lichen Meeresfauna und können nur Anregung zu neuen Untersuchunger bieten. 
Es kam jener Expedition bei dem kurzen Vorstofs nach dem antarktischen 
Meer hauptsächlich darauf an, Tiefseeformen zu erbeuten. Die pelagische Tier- 
welt aber, der Plankton, die im Meere willenlos treibenden Organismen wurden 
verhältnismäfsig wenig berücksichtigt. Planktonfänge jedoch werden erst einen 
Einblick in den Haushalt und die Produktivität der südlichen Meere gestatten. 
Es sind demnach wichtige Resultate für Zoologie und Botanik durch eine Süd- 
polarexpedition zu erreichen und daher liegt es auch im Interesse dieser Wissen- 
schaften, dafs bald eine solche ausgesandt werde, um mit Abschlufs unsres 
Jahrhunderts einen befriedigenden Überblick über die Gesamtöberfläche des 
Erdballs zu erhalten. 

An diese Vorträge knüpfte sich eine Diskussion. Dieselbe wird 
in den demnächst erscheinenden „Verhandlungen" der XI. deutschen 
Geographentages ausführlich mitgeteilt werden ; hier sei nur hervor- 
gehoben, dafs Herr L, FriederichseUj Generalsekretär der geographischen 
Gesellschaft in Hamburg mit bezug auf die in England und Belgien 
gefafsten Pläne es für rätlich hält, auch in Deutschland möglichst 
bald praktisch vorzugehen. Dadurch, dafs von Hamburg aus kürzlich 
Fahrten auf den Robbenfang im Südpolarmeer veranstaltet wurden, 
stehen Schiffe, die sich in dieser Fahrt bewährt haben, zu mäfsigen 
Preisen zur Verfügung. Professor Baumgarten aus Graz stiftet mit 
20 Mark den ersten Beitrag für den Fond der zu veranstaltenden 
deutschen Südpolarfahrt. Professor Neumayer betont, dafs erfahrungs- 
mäfsig wissenschaftliche Aufgaben und Zwecke der Fischerei nicht 
mit einander verbunden werden dürften, wenn nicht der eine oder 
andre Zweck geschädigt werden solle. Bei einer Südpolarfahrt sei 
lediglich das Interesse der Wissenschaft in die Wagschale zu legen. 
Herr Älbrecht pflichtet diesen Ausführungen bei und ist überzeugt, 

12* 



— 182 — 

dafs, wie es vor 35 Jahren gelungen sei die Mittel zu einer deut- 
schen Nordpolarfahrt zusammenzubringen, so auch jetzt der nötige 
Fond für die Veranstaltung einer deutschen Südpolarexpedition durch 
freiwillige Beiträge beschafft werden würde. Herr Friederichsen 
kündigte einen Antrag an, über welchen, — wie weiter unten berichtet, 
— in der Schlufssitzung verhandelt und Beschlufs gefafst wurde. 

Die Nachmittagssitzung war schulgeographischen Fragen ge- 
widmet. Es präsidierten Geheimer Rat Professor Wagner aus 
Göttingen und Schulrat Sander aus Bremen. 

Vorab begrüfste Professor Buchenau, Präsident des natur- 
wissenschaftlichen Vereins in Bremen, die Versammlung im Auftrage 
dieses Vereines, zugleich brachte er die Glückwünsche dieses Vereins 
der geographischen Gesellschaft in Bremen dar, welche ihr 25jähriges 
Be.stehen mit dem Geographentage feiert. 

Herr Professor Richard Lehmann^ Professor in Münster, sprach 
über den „Bildufigswert der Erdhtnde*^ : 

Schon die ersten Geographentage haben sich mit dem Gegenstande 
beschäftigt, nnd eine Reihe der von ihnen geäniserten Wünsche sind in Er- 
füllung gegangen. Für die sachliche Vorbildung der Geographielehrer ist durch 
eine Reihe von Professuren Sorge getragen, aber noch immer sind verschiedene 
Universitäten ohne einen geographischen Lehrstuhl. Die Prüfungsordnung hat 
sich in Preufsen so gestaltet , dafs man, von einzelnen Dingen abgerechnet, 
wohl zufrieden sein kann. In andern Staaten ist noch viel zu wünschen 
übrig. An den höheren Schulen ist die Zahl der akademisch vorgebildeten 
Lehrer beträchtlich gewachsen, aber nicht überall werden die vorhandenen 
geschulten Kräfte so ausgenutzt, als es sein könnte. Fs ist in den Oberklassen 
dem Ermessen der Vertreter andrer Fächer anheimgegeben, einzelne Zweige 
der Geographie zu berücksichtigen. Da . nun mit dem Ende des neuen Jahr- 
hunderts wohl wieder neue Lehrpläne zu erwarten sind, so ist es wohl ange- 
bracht, die alten Forderungen heute zu wiederholen. Dafs die Erdkunde stief- 
mütterlich behandelt wird, liegt darin, dafs ihr allgemeiner Bildungswert noch 
nicht anerkannt wird. In zwei Momenten liegt der Wert: in dem Wert des 
erd- und landeskundlichen thatsächlichen Wissens, und in dem speziellen Wert 
des innern Kausalzusammenhangs des Erkannten. Schon die mehr äufserliche 
Kenntnis der Erde ist für die jetzige Zeit bei unsern Beziehungen zu andern 
Ländern und besonders auch bei unserm Kolonialbesitz von Bedeutung. Wenn diese 
Kenntnis aber nicht in der Schule eiTungen wird, so ist sie schwer nachzu- 
holen. Auch unser heutiges konstitutionelles Leben macht ein solches Wissen 
unentbehrlich. Der Schüler soll für die heutige Zeit und für die Zeit, da er 
ein Erwachsener sein wird, vorgebildet werden und mufs daher auch von der 
jetzigen Welt eine klare Vorstellung haben. Die Leistungskraft eines Volkes 
richtet sich nach den wirtschaftlichen Verhältnissen, und diese werden be- 
einflufst von der Weltwiiischaft. Noch liegt das Schwergewicht in Europa, die 
Zukunft aber weist uns in der Beziehung schon auf Nordamerika und Ostasien 
hin. Der geographische Unterricht ist aber auch in hohem Mafse geistbildend, 
wenn er in richtiger Weise betrieben wird. Von den untersten Stufen an soll 



— 183 — 

der Schüler unterwiesen werden, den kausalen Zusammenhang der einzelnen 
Erscheinungen zu erkennen. Redner zeigt an einer Anzahl von Beispielen, wie 
dies zu ermöglichen ist. Er zieht sodann aus dem Vorgetragenen die Konse- 
quenzen: es mufs auf allen Universitäten für geographische Lehrstühle gesorgt 
werden ; es mttls auf allen Universitäten, auch auf den technischen Hochschulen 
für die Bedürfnisse der späteren Lehrer Sorge getragen werden; in künftigen 
Lehrplänen ist dem Geographieunterricht mehr Raum zu gewähren als bisher. 

Herr Professor Schneider aus Dresden hält die Verbindung der 
Geographie mit der Geschichte für eine unselige Verquickung und 
sucht nachzuweisen, dafs infolge preufsischen Einflusses die Verhält- 
nisse Sachsens in dieser Beziehung schlechter geworden seien. Herr 
Professor Kirchhoff aus Halle konstatiert, dafs in Preufsen wesent- 
liche Fortschritte zu verzeichnen seien. Auch kann er eine Ver- 
bindung mit der Geschichte nicht unbedingt verwerfen. Die 
Geographie ist nicht eine ausschliefslich naturwissenschaftliche 
Disziplin, sondern ein wesentlich naturwissenschaftliches Fach mit 
integrierenden geschichtlichen Momenten. An der weiteren Dis- 
kussion beteiligten sich noch die Herren Professor Lehmann, Ober- 
hummer aus München, Plat aus Prag, Dr. Langenheck aus Strafs- 
burg, Professor Schneider, Dr. Hagens aus Ruhrort. Einer 
Kommission, bestehend aus den Herren Professor Lehmann, Kirch- 
hoff und Langenbeck, werden die von Herrn Professor Lehmann und 
Herrn Professor Kirchhoff geäufserten Wünsche zur Formulierung 
von Anträgen überwiesen. 

Es folgte der zweite Vortrag des Herrn Dr. A, Oppel in 
Bremen: „lieber den Wert und die Anwendung von Anschauungs- 
bildem im geographischen Unterricht^: 

Sditdem man begonnen hat, die Erdkunde zu den Naturwissenschaften 
zu rechnen, ist ein hoher Wert auf die naturtreue sinnliche Anschauung gelegt 
worden. Gegenüber dem Lehrer der Naturbeschreibung, namentlich aber der 
Botanik, ist der Geograph insofern im Nachteil, als er, abgesehen von der 
Heimatkunde, nicht im stände ist, die Gegenstände seines Unterrichts in natura 
vorzuführen. Er ist demnach in der Hauptsache auf Nachbilder angewiesen. 
Diese können entweder körperlicher Art — Reliefs — oder in eine Ebene 
projektiert sein — Karten und Bilder. Die Anwendung der Reliefs ist insofern 
eine beschränkte, als die Anschaffungskosten einer gröfseren Anzahl derselben 
zu hoch sind, auch insofern als solche — bei der vorgeschriebenen starken 
Verkleinerung — nur für Gebirgsgegenden die genügende Ausdrucksfäkigkeit 
haben; für Ebene und Hügelland kommen sie kaum in Betracht. 

Das wichtigste Hilfsmittel zur Erzeugung von naturtreuer sinnlicher 
Anschauung bleibt also das Bild, denn die Karte ist kein naturtreues Nachbild, 
sondern vielmehr etwas künstliches, da sie mit sogenannten konventionellen 
Zeichen arbeitet. 

In neuerer Zeit ist eine grofse Zahl solcher Hilfsmittel geschaffen worden, 
deren, wie aus dem Katalog der Ausstellung hervorgeht, die Ausstellung mehr 



— 184 — 

als 200 nnv von gröfseren sogenannten Wandbildern aufweist. Aufserdem 
bestehen noch mehrere Sammlangen für den Handgebrauch, unter denen die 
Sammlungen von Schneider und von Hirt allgemein bekannt sind. Diese Hand- 
und Wandbilder sind ausschliefslich in germanischen Ländern: Deutschland, 
Österreich, Schweiz und Holland entstanden. Die übrigen Länder Europas 
besitzen keine bedeutenderen Unternehmungen dieser Art in gröfserem Stile. 

Der pädagogische Wert der Anschauungsbilder ist nun ein mehrfacher. 
Zunächst dienen sie dazu, die im geographischen Unterrichte vorkommenden 
Gegenstände in naturtreuer Form vorzuführen. Das kann, wie oben angedeutet, 
die Karte nicht leisten, auch wenn sie noch so vollkommen ist. Aber auch 
das gesprochene oder gedruckte Wort vermag das nicht, da Rede und Schrift 
nach dem Gesichtspunkte der Aufeinanderfolge vorgehen, während die meisten 
in der Erdkunde vorkommenden Begriffe, seien es Landschaften, Völkertypen, 
Städte, Wohnungen, Kulturformen u. s. w. körperlicher Art sind, demnach im 
Räume nebeneinander bestehen und auf einmal gesehen werden müssen. 

Dieses Yerhältnifs richtig auszudrücken, ist, wenn der Gegenstand selbst 
nicht vorgeführt werden kann, nur das Bild im stände, denn es zeigt, wenn 
es richtig ausgewählt und dargestellt ist, die Erscheinungen der Natur und des 
menschlichen Lebens so wie wir sie sehen. Für den geographischen Unterricht, 
namentlich auf der unteren und mittleren Stufe, bildet also das Bild ein 
unbedingtes Erfordernis und eine notwendige Ergänzung der Karte, die aller- 
dings unter allen Umständen die Gnmdlage des geographischen Unterrichts 
ausmachen mufs. 

Aber der Wert der Anwendung von Bildern hat eine noch gröfsere Be- 
deutung. Denn das Bild ist ein Darstellungsmittel, das für die verschiedensten 
Beziehungen von Wichtigkeit ist und daher wird es in neuerer Zeit in so um- 
fangreichem Mafse verwendet. Das richtige Verständnis von Bildern ist ein 
Requisit der allgemeinen Bildung, das sich namentlich an die Phantasie 
wendet, als an diejenige Geisteskraft, welche bei unsrer jetzigen Unterrichts- 
methode vielfach zu kurz kommt. Jedenfalls giebt das Bild Gelegenheit zu 
eigener Beobachtung, einer Thätigkeit, welche bei der vorwaltenden Übung 
des Gedächtnisses und des Verstandes von grofser Bedeutung ist; das Bild 
übt das Auge, dasjenige Sinnesorgan, welches das eigentliche Lebenselement 
des Menschen bildet. 

Endlich führt das Bild in die Vorhallen der Kunst, zunächst der Malerei, 
um so mehr, als zwischen dieser und der Geographie vielfältige Beziehungen 
bestehen. Die Vorbildung für die Kunst darf natürlich nur als ein Nebenprodukt 
angesehen werden und die Resultate dieser Art dürfen nicht absichtlich ge- 
wonnen werden sollen; aber solche Nebenprodukte sind durchaus nicht zu 
verachten. Um diese zu zeigen sind auch zahlreiche Kunstbilder — Aquarelle, 
Ölbilder und Kupferstiche — in die Ausstellung aufgenonmien. Sie geben 
Gelegenheit, zu beobachten, wie sich ein und derselbe Gegenstand in den ver- 
schiedenen Darstellungsweisen ausnimmt. 

Der pädagogische Wert des Bildes ist aber von mehreren Voraussetzungen 
abhängig, einmal von der richtigen Auswahl und Darstellung. Bei der unge- 
heuren Menge namentlich von landschaftlichen und Städteansichten und bei 
der durch den Kostenpunkt und durch die im Unterrichte verfügbare Zeit 
gebotenen Beschränkung auf eine gewisse Zahl ist diese Forderung keineswegs 
leicht zu erfüllen. Es gilt eben das Charakteristische und das Typische heraus- 



— 185 — 

zafinden. Um eine richtige Auswahl zu treffen, müssen sich ein Geograph und 
ein Künstler zusammenthun ; der erstere, um den Stoff nach pädagogischen 
Gesichtspunkten auszuwählen, der andre, um ihn in naturgetreuer und wirk- 
samer Darstellung zum Ausdruck zu bringen. 

Die zweite Voraussetzung für den Wert der Ausstellungsbilder bildet 
die Frage des entsprechenden Vervielfältigungsverfahrens. Zur Beantwortung 
derselben giebt die Ausstellung ebenfalls ein ausreichendes Material an die 
Hand. Holzschnitt und Zinkdruck eignen sich nur zur Herstellung von Bildern 
für den Handgebrauch; letzterer, vielfach und wegen seiner Billigkeit gern 
angewendet, ist jedoch für Schulzwecke nicht scharf genug, wird es aber 
vielleicht noch werden. Für die Wandbilder, welche auf gröfsere Entfernungen 
wirken sollen, eignet sich einzig die Lithographie, entweder als Schwarzdruck 
oder als Farbendruck, sei es in Aquarell- oder Ölmanier. Im allgemeinen wird 
man sich leicht für farbige Darstellungen entscheiden, aber solche sind für 
Schnlzwecke doch nur dann zu empfehlen, wenn sie gut ausgeführt sind; 
sonst erscheinen Schwarzdrucke als geeigneter. Ob den farbigen Darstellungen 
der Öl- oder der Aquarelldruck vorzuziehen sei, das ist nicht ganz Geschmack- 
sache. Öldrucke haben zwar eine kräftigere Wirkung, blenden aber leicht und 
bedürfen eines bestimmten Standpunktes, der in der Klasse nur für eine 
beschränkte Zahl von Schülern zu gewinnen ist. Sehr gut dagegen ist die 
Sepiamanier. 

Was endlich die Verwendung der Bilder im Unterrichte anbelangt, so 
läfst sich ein doppelter Weg einschlagen. Entweder führt man sie vor, indem 
ein Land oder Landesteil nach der Karte behandelt wird oder man beginnt mit 
dem Bilde und geht erst dann zur Karte über. Das letztere Verfahren empfiehlt 
sich für die Unterstufe, wo es gilt, das natürliche Bedürfnis des Kindes nach 
leicht auffafsbaren Dingen zu befriedigen und sein Literesse anzuregen. Die 
Karte aber ist eine sehr starke Abstraktion. Bei vorgerückten Schülern dagegen 
muTs die Karte im Vordergrunde stehen und das Bild zur Ergänzung hinzu- 
treten, als eine notwendige Ergänzung. Hierbei konmit sowohl das Wand- als 
das Handbild in Betracht, das erstere für den Klassengebrauch, das letztere 
für häusliche Wiederholung. Denn darauf mufs ein starker Nachdruck gelegt 
werden, dafs der Schüler den Lihalt des Bildes nicht nur auffafst, sondern auch 
festhält; auch mufs er zu selbständiger Beobachtung an den Bildern angeleitet 
werden. Diese müssen möglichst häufig vorgeführt werden, zunächst für 
einzelne bestimmte Gebiete nach dem Gesichtspunkte der Länderkunde, dann 
aber auch in gröfserem Zusammenhange und nach vergleichenden Gesichts- 
punkten geordnet, um die Forderungen der allgemeinen Erdkunde zu erfüllen. 
Dann wird im Schüler nach und nach ein Formenschatz entstehen, der die 
wichtigsten Gestaltungen der Landschafts- und Völkerkunde nach verschiedenen 
Richtungen und Zweigen umfafst und der allmählich das Bild der Gesamterde 
und des menschlichen Lebens in seinen mannigfachen Erscheinungsformen 
erstehen läfst und wachhält. 

Um aber in dieser Weise vorzugehen, ist es nötig, nach dem Vorbilde 
der Lehrzimmer für Naturgeschichte, Chemie, Physik, Zeichnen, Turnen 
besondere geographische Lehrsäle zu schaffen, in denen alle Lehrmittel, in 
zweckmäfsiger Weise aufgestellt, beständig zur Hand sind. Erst dadurch 
können die Bilder, wie überhaupt alle Lehrmittel, wo sich der Schüler in einer 
rein geographischen Atmosphäre befindet, in richtiger und wirksamer Weise 



— 186 — 

angewendet werden, was bei dem Verweilen in den sogenannten Klassenzimmern 
ans verschiedenen Gründen nicht in gleichem Mafse geschehen kann. Der 
Schaffnng von geographischen Lehrsälen stehen aber weder pädagogische noch 
finanzielle Bedenken im Wege. Denn an die Bewegong von einem Zimmer in 
das andre sind die Schaler durch die vorgenannten Fächer bereits gewöhnt; 
auch ist diese eine MaTsregel, welche das lange Sitzen unterbricht imd für die 
nächste Stunde auffrischt. Denkt man sich aber die Kosten für die Einrichtung 
eines besonderen geographischen Lehrsaales auf einen längeren Zeitraum ver- 
teilt, so werden sie nicht höher sein als der Aufwand, der unter den jetzigen 
Verhältnissen zur Instandhaltung und Ergänzung der Lehrmittel nötig ist. 
Denn der häufige Transport derselben aus der Sammlung in die Klasse und 
umgekehrt ruiniert die Sachen, seien es nun Karten oder Bilder oder Reliefs 
oder was sonst, verhältnismäfsig schnell oder macht sie unansehnlich. Ersteres 
macht Neuanschaffungen notwendig, letzteres nimmt den Schülern die Freude 
und damit das Interesse an der Sache. Denn bei allen Dingen, die zunächst 
auf das Auge wirken sollen, spielt das gefällige äuTsere Aussehen eine 
wichtige Eolle. 

Das Vorhandensein eines geographischen Lehrsaales als einer permanenten 
Ausstellung aller veifügbaren Lehrmittel, die beim Unterrichte jeden Augenblick 
ohne Zeitverlust und ohne Schädigung der Disziplin eingeführt werden können, 
ist also eine der wichtigsten Voraussetzungen nicht nur für die richtige Ver- 
wendung der Bilder, von denen ausgegangen wurde, sondern des geographischen 
UnteiTichts überhaupt. Eine solche Einrichtung zu schaffen, das bilde für die 
nächste Zukunft das Sti'eben aller beteiligten Kreise der Lehrer, der Eltern 
und der Schulbehörden. 

Die Versammlnng nahm auch diesen Vortrag mit grofsem 
Interesse entgegen. 

Eine längere Besprechung veranlafste der durch Dr. Rohrbach 
aus Gotha gestellte Antrag: „Der Deutsche Geographentag erklärt 
es für dringend wünschenswert, dafs allen für den Unterricht 
bestimmten Karten in Merkators Projektion nach Süden die gleiche 
Ausdehnung gegeben werde, wie nach Norden, so dafs der Äquator 
die Höhe der Karte halbiert." 

Es sprachen die Herren Dr. Bohrbachj Wolkenhatier, DeheSy 
Scobel^ Langenbech, Kirchhoff, Schulrat Sander. In der Debatte 
wurde besonders vor dem zu frühen Gebrauch der Karten nach 
Merkators Projektion gewarnt. 

Am Abend des ersten Sitzungstages fand im grofsen Saale des 
Künstlervereins unter zahlreicher Beteiligung das gemeinsame Fest- 
essen statt, mit welchem zugleich die Feier des 25jahrigen Bestehens 
der Bremer geographischen Gesellschaft verbunden war. Die in einer 
gröfseren Anzahl von Exemplaren verteilte Festnummer der Zeit- 
schrift der Gesellschaft, der „deutschen geographischen Blätter", bot 
einen kurzen Überblick über die Thätigkeit der Gesellschaft in den 
25 Jahren. Nach einer BegrüTsung der Anwesenden durch den 



— 187 — 

Präsidenten des Ortsausschusses Herrn George Albrecht brachte 
zunächst der Reichstagsabgeordnete Frese in schwungvollen Worten 
das Hoch auf Sr. M. den Kaiser Wilhelm aus, dem begeistert zu- 
gestimmt wurde. Geheimrat Prof. Neumayer weihte sein Glas dem 
Senate der freien Hansestadt Bremen, Bürgermeister Gröning brachte 
sein Hoch dem Wohl des Geographentages und seines Vorsitzenden ; 
dabei wurde ein vom Senat gestifteter Ehren wein kredenzt. Auf 
Anregung des Grafen von Linden wurde dem Fürsten von Bismarck, 
als dem gröfsten praktischen Geographen unsrer Tage, ein Huldigungs- 
telegramm nach Friedrichsruh gesandt. Geheimrat Prof. Wagner 
aus Göttingen feierte im Namen der vertretenen geographischen 
Gesellschaften und der anwesenden Geographen das 2öjährige 
Jubiläum der Bremer geographischen Gesellschaft. Er gedachte 
dabei besonders auch der Verdienste der Herren August Petermann, 
Koldewey, J. G. Kohl, Dr. Breusing, G. Albrecht, Dr. Lindeman, 
Adolph Bastian, G. Rohlfs, Eduard Mohr, Dr. Finsch. Herr H, Melchers 
hob noch besonders die langjährige Thätigkeit des Vizepräsidenten 
der Gesellschaft hervor und Professor Kirchhoff aus Halle erinnerte an 
das erfolgreiche Wirken des Ortsausschusses; diesem, wie überhaupt 
der Stadt Bremen widmete er sein Glas. Dr. Lindeman forderte 
zu einem Hoch auf alle Mitarbeiter der Gesellschaft, besonders die 
Mitglieder der von letzterer veranstalteten wissenschaftlichen 
Expeditionen auf. (Mehrere dieser Herren, namentlich die Herren 
Kapitän Koldewey und Hegemann aus Hamburg, Prof. Borgen aus 
Wilhelmshaven und Dr. Finsch-Bremen nahmen an dem Festmahl teil.) 
Auch von auswärts waren eine Reihe telegraphischer Glück- 
wünsche für die Gesellschaft eingelaufen, namentlich: 

1. Vom Verein der Erdkunde in Dresden dahingehend: 

^Zur Feier ihres 2Bjährigen Bestehens senden wir der 
Bremer geographischen Gesellschaft die herzlichsten 
Glückwünsche. Möge der ehrenvollen Vergangenheit sich 
eine an Erfolgen reiche Zukunft anschliefsen, mögen 
namentlich die »Blätter« gedeihlich weiter grünen, möge 
die Gesellschaft Forschungsreisenden auch fernerhin 
Stütze und Förderin sein und sie überhaupt in der alten 
Hansestadt wie bisher beweisen, dafs der Handel und 
die Pflege der Erdkunde zusammengehören! 

Der Verein für Erdkunde zu Dresden." 

2. Von der geographischen Gesellschaft in Köln: 

„Der um den Fortschritt der Wissenschaft so hoch ver- 
dienten geographischen Gesellschaft in Bremen sendet 



— 188 — 

zu deren heutigem Jubeltage herzlichste Glückwünsche 
die Gesellschaft für Erdkunde zu Köln. 

Dr. Hermann J. Klein, Vorsitzender.« 

3. Von der geographischen Gesellschaft in Hannover: 

„Zur heutigen Jubelfeier sendet herzlichste Glückwünsche 
die geographische Gesellschaft Hannover. 

Der Vorsitzende: Bojunga." 

4. Von der Königsberger geographischen Gesellschaft: 

»Zum 25jährigen Bestehen gratuliert herzlich und wünscht 
ferneres ruhmvolles und erfolgreiches Blühen und Gedeihen 
die Königsberger geographische Gesellschaft." 

5. Von der geographischen Gesellschaft zu Greifswald: 

„Die geographische Gesellschaft zu Greifswald sendet 
ihrer Schwestergesellschaft an der Nordsee die herz- 
lichsten Glückwünsche zum heutigen Jubiläum. Sie 
dankt derselben für die durch ihre Publikationen und 
von ihr ausgesandten Forschungs - Expeditionen der 
geographischen Wissenschaft geleisteten erspriefslichen 
Dienste und wünscht ihr eine gleich segensreiche weitere 
Wirksamkeit unter der Leitung ihres hochverdienten 
Präsidenten. Credner, Vorsitzender." 

6. Von der K. K. geographischen Gesellschaft in Wien: 

„Die K. K. geographische Gesellschaft in Wien sendet 
zum heutigen Jubelfeste herzliche kollegialische Grüfse 
und die besten Glückwünsche. Hauer.« 

Mündlich gratulierten als Delegierte die anwesenden Vor- 
sitzenden der geographischen Gesellschaft zu München, Professor 
Oberhummer, und des Württembergischen Vereins für Handels- 
geographie in Stuttgart, Graf Linden. Von dem württembergischen 
Verein für Handelsgeographie war zugleich ein Schreiben eingelaufen, 
welches, von dem Schriftführer des Vereins, Herrn Professor 
Dr. K. Lampert unterzeichnet, wie folgt lautete: 

jjim Namen und Auftrag des Württembergischen Vereins 
für Handelsgeographie beehre ich mich zu der Feier des 
25 jährigen Bestehens der geographischen Gesellschaft in 
Bremen die herzlichsten und verbindlichsten Glückwünsche 
zu übersenden. Mit berechtigtem Stolz kann die Gesell- 
schaft am Ende des ersten Vierteljahrhunderts ihres 
Bestehens auf reiche Erfolge im Dienste wissenschaft- 
licher Geographie zurückblicken und darf voll froher 



— 189 — 

Zuversicht auf die Zukunft in da» zweite Viertel- 
jahrhundert eintreten. Auf diesem Wege die geogra- 
phische Gesellschaft in Bremen mit den besten Wünschen 
für ihr stetes Blühen und Gedeihen zu begleiten, möge 
auch dem jungen Schwestervereine in Schwaben ge- 
stattet sein." 
Weitere Glückwunschschreiben unter besonderer Anerkennung 
der bisherigen Wirksamkeit der Gesellschaft liefen noch ein: von 
den geographischen Vereinen resp. Gesellschaften in Halle, Leipzig 
und Lübeck. Die beiden letztgenannten, auf Pergamentpapier kalli- 
graphisch kunstvoll geschrieben, teilen wir ihrem Wortlaute nach 
hier mit. Der Verein für Erdkunde in Leipzig schreibt wie folgt: 
„Der Geographischen Gesellschaft zu Bremen, welche, die ruhmvolle 
Thätigkeit des Vereins für die deutsche Nordpolfahrt fortsetzend, vor 
allen andern durch selbständige Forschungsexpeditionen, besonders 
in die arktischen Gebiete, unterstützt vom Gemeinsinn opferwilliger 
Bürger, der Wissenschaft und den nationalen Interessen ausge- 
zeichnete Dienste geleistet, sendet zum 25. Jahrestage Tausend gute 
Wünsche für weiteres Gedeihen. Der Verein für Erdkunde in 
Leipzig : Hans Meyer, Friedrich Ratzel, Otto Keil, Dr. August Fitzau, 
Dr. B. Peter, F. C. Afsmann, Dr. W. Rüge, Dr. G. Berger." 

Das Schreiben der Geographischen Gesellschaft in Lübeck 
lautet : „Der Geographischen Gesellschaft in Bremen, welche durch 
ihre von warmen Eifer für die Wissenschaft getragene kraftvolle und 
erfolgreiche Thätigkeit sich in die erste Beihe der Schwestervereine 
gestellt hat, sendet zu ihrem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum mit 
dem Wunsche, dafs ihre fernere Wirksamkeit dieselben schönen Er- 
folge erzielen möge, wie die bisherige es gethan hat, den herzlichsten 
Grufs die Geographische Gesellschaft in Lübeck. Aug. Sartori, 
Professor, Vorsitzender. Dr. W. Schaper, stellvertretender Vorsitzer. 
Dr. K. Freund, Schriftführer." 

Das Schreiben des Vereins für Erdkunde in Halle hebt neben 
den von der Gesellschaft veranstalteten Reisen noch besonders die 
Leistungen der von der Gesellschaft herausgegebenen Zeitschrift als 
für die Wissenschaft förderlich hervor. Ferner gingen ähnlich 
lautende Glückwunschschreiben von den Herren Professor Ratzel in 
Leipzig, Gebrüder Dr. Krause in Berlin, Kapitän W. Bade in Wifsmar, 
Professor Kükenthal in Jena, Dr. Copeland in Edinburg ein. Endlich 
sendeten telegraphische Glückwünsche ein : die geographische Anstalt 
von Wagner und Debes in Leipzig, Professor Günther in München, 
Graf Zeppelin in Stuttgart, Professor Freiherr v. Nordenskjöld in 



— 190 — 

München. Letzterer hochangesehene Gelehrte und arktische Forscher 
gratuliert »der kräftigen, für unsre Wissenschaft so glücklich 
thätigen Gesellschaft«. 

Mit lebhaftem Beifall wurden diese Sympathiebezeugungen von 
den Festteilnehmern begrüfst; diese blieben noch lange in froher 
Geselligkeit vereint. 

Die dritte Sitzung, am 18. April vormittags fand unter dem 
Vorsitz der Herren Geheimrat Professor Dr. Neumayer, aus Hamburg 
und Senator Dr. EhmcJc, aus Bremen, statt. Vor Eintritt in die 
Tagesordnung überreichte Professor Oberhummer aus München der 
Bremer geographischen Gesellschaft unter warmen Wünschen für ihr 
ferneres Gedeihen ein Exemplar der vor einigen Tagen erfolgten 
Publikation der Festschrift dieses Vereins „als ein Symbol, dafs die 
geographischen Gesellschaften stets innige Beziehungen zu einander 
pflegen sollen, da darin allein die Möglichkeit liegt, insbesondere auch 
in solchen Städten, wo die Erdkunde keinen tiefen Boden gefunden 
hat, die geographischen Gesellschaften aufrechtzuerhalten." Den 
mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Worten folgte der Ausdruck 
herzlichen Dankes seitens der Herren G. Alhrecht und Professor 
Neumayer. 

Über den ersten Vortrag der 3. Sitzung, des Herrn Leutnant 
Graf von Götzen aus Berlin, über seine Reise quer durch Zentral- 
Afrika und deren vorläufige Ergebnisse referieren wir in nachstehen- 
dem nach der Weserzeitung, deren Sitzungsberichte überhaupt den 
meisten unsrer Vortragsreferate zum Grunde gelegt sind. 

Redner bemerkt einleitend, dafs es ihm als Laien wohl nur deshalb ge- 
stattet sei, hier das Wort zu ergreifen, weil er auf seiner privatim unternommenen 
Reise insofern an der Erschliefsung des Innern Afrikas mitgearbeitet habe, als 
er einen thätigen Vulkan im Innern des Kontinents und ein neues Glied in der 
Seenkette aufgefunden und neue Kunde von den Congourwäldern gebracht habe. 
Seine Reise hat 11 Monate 8 Tage gedauert. Er hat sie unternommen in Be- 
gleitung des Assessors v. Prittwitz und des Dr. med. Kersting. 40 schwarze 
Soldaten und mehrere hundert Neger bildeten seine Karawane, die am 
21. Dezember 1893 von Pangani an der Ostküste Afrikas aufbrach. Einen 
festen Plan für eine so grofse Reise hat er anfangs nicht gehabt; er beab- 
sichtigte nur, das noch wenig bekannte nordwestliche Deutschafrika zu erreichen. 
Drei Wochen lang hat er sich in üshirombo aufgehalten. Von da aus ist er 
in das Gebiet der üranda vorgedrungen, wo er sich durch sein sicheres Auf- 
treten bei dem „Kigiri", einem echten Nomadenfürsten, in den notigen Respekt 
zu setzen gewuTst hat. Durch hellen Feuerschein in der Nacht angelockt, hat 
er dann einen thätigen Vulkan, Earunga tsha Gongo (Opferstätte) aufgesucht. 
Die Ränder seiner Arena fallen 300 m fast senkrecht ab. In der Arena befinden 
sich zwei Schächte; aus dem einen strömen fortwährend Wasserdämpfe. Der 
Durchmesser dieser Arena beträgt 2 km. Herr v. Götzen ist sodann am Süd- 



— 191 — 

rande des Vulkans weiter marschiert, als er sich plötzlich am Ufer eines 
mächtigen Sees mit einer Brandnng wie am Meere befand. Er hatte den Kivnsee 
gefunden, der zwischen dem Albert Edward- und dem Tanganyikasee liegt. Den 
nördlichen Teil dieses Sees hat er genau bestimmt und gezeichnet. Von hier 
ist die Reise westwärts fortgesetzt in das Congobecken hinein. Es hat sich 
dabei herausgestellt, dafs die Behauptung Stanleys, dafs das Innere des Congo- 
beckens grofse Wälder berge, richtig ist. Nach einer langen Reise voll Ent- 
behrungen und Mühsalen hat Redner dann am 23. September 1894 bei Kirundu 
den Kongo selbst erreicht und ist darauf mit Unterstützung der belgischen Be- 
hörden den Congo hinab gefahren. Am Atlantischen Meere angelangt, hat er 
seine Mannschaft unter der Leitung des Dr. Kersting auf einem englischen 
Kohlendampfer um die Südspitze Afrikas herum nach ihrer Heimat geschickt, 
er selbst ist am 28. Januar d. J. in Lissabon gelandet. Das gewonnene karto- 
graphische Material ist vom auswärtigen Amte übernommen und wird zur Be- 
richtigung und Bereicherung der Kiepertschen Karten verwendet. 

Dem Vortrage folgte ein minutenlanger Beifallssturm; auf An- 
regung des Herrn Professor Neumayer erhob sich die Versammlung 
zu Ehren des Vortragenden von ihren Sitzen, 

Die folgenden drei Vorträge befafsten sich mit den Haupt- 
aufgaben der Oseanographie und marühnen Meteorologie^ ferner mit 
den Kompa/S' hesw. Seeharten, 

Geheimrat Dr. Wagner aus Göttingen erörterte eine wissen- 
schaftliche Spezialfrage aus der Geschichte der Kartographie, mit 
der sich unser Dr. Arthur Breusing viel beschäftigt hat. 

Der Redner widmete dem Andenken dieses scharfsinnigen Forschers Worte 
wärmster Anerkennung. Die historische Ausstellung der Geschichte der See- 
karten gelte ebenso wie das Vortragsthema in erster Linie dem Gedächtnis 
dieses ausgezeichneten Nautikers. Während das Mittelalter nur rohe Welt- und 
Länderkarten hervorgebracht hat, treten — nach der hergebrachten Ansicht 
fast plötzlich — ums Jahr 1300 italienische Seekarten auf, welche die Mittel- 
meerküsten und die atlantischen Gestade von Flandern bis zu den Kanarien in 
überraschender Treue darstellen. Das Kartenbild ist bereits mit demselben 
engen Maschennetz von Linien, die von einer Zentralrose und einen Kranz von 
sechzehn Nebenrosen ausgehen, bedeckt, welches sich auf den Seekarten bis 
Ende des vorigen Jahrhunderts erhalten hat. Dasselbe hat absolut keine Be- 
ziehungen zum Gradnetz der Erde. Die Achse des Mittelmeeres erscheint um 
etwa einen Strich nach Nordost gedreht. Man hat nun die verschiedensten 
Ansichten über die Entstehung dieser Karten und die ihnen zu Grunde liegende 
mathematische Projektion aufgestellt. Keine scliien zu befriedigen, bis Breusing 
erklärte, jene Italiener hätten den sogenannten loxodromischen Kurs, mit 
welchem sie die einzelnen Meridiane unter gleichem Winkel schnitten, in gerade 
Linien ausgezogen und damit die Küstenpunkte niedergelegt. Sie wufsten indes 
nichts von der im Mittelmeer herrschenden magnetischen Mifsweisung. Somit 
schnitten ihre Kurse nicht die astronomischen, sondern die magnetischen 
Meridiane unter gleichem Winkel, sie entwarfen also „loxodromische Karten". 
Erst durch die Portugiesen, welche dem Seemann lehrten, Breitenbestimmungen 
zur See zu machen, sei man zu der für Jahrhunderte mafsgebenden Platt- 



— 192 — 

karte gekommen. In Italien hat diese Ansicht keinen Anklang gefanden. Dort hat 
man jenen Karten ein anderweites mathematisches Kleid aufzulegen gesacht. — 
Die nächsten Aasfühningen gipfeln in dem Gedanken, dafs das schwierige 
Problem durch alle bisherigen Versuche noch nicht gelost sei. Es sei das 
Nächstliegende, die Karten selbst reden zu lassen, statt sich auf theoretische 
Erörterungen zu beschränken. Die einzige Methode, die dabei zum Ziele führe, 
ist die der wirklichen Ausmessung der Karten. Die Kartometrie werde von 
den wenigsten Geographen angewandt, weil es eine höchst mühsame Methode 
sei. Wie wenig sich die Wissenschaft mit dieser beschäftigt hat, zeigt, dafs die 
MeilenmaTsstäbe jener alten Karten bisher überhaupt gar keine Berücksichtigung 
gefunden haben, dafs die bekanntesten Forscher über den Begiiff der Seemeile 
in den verschiedenen Zeitaltem sich im Unklaren befanden, ja von ganz falschen 
Voraussetzangen ausgehen. — Wenn man nun das reiche, uns heute zur Ver- 
fügung stehende Material einer gründlichen Durchsicht unterziehe, so zeige sich 
das überraschende Resultat, dafs die beim Entwurf jener Karten zur Anwendung 
kommenden Seemeilen im Büttelmeer einen wesentlich kleineren Wert als an 
den atlantischen Küsten ergeben. Den letztern entspreche die Seemeile zu 
1480 m (römische Landmeile), den ersteren eine Seemeile von etwa 1250 m 
oder VI* km. Dies Ergebnis kann keine andre Deutung finden, als dafs die 
Mittelmeerkarten in ihrer Grundlage weit älteren Datums sind, als die der 
Aulsengestade. Letztere sind gewifs damals entstanden, als die Italiener anfingen, 
aus dem Mittelmeer herauszudringen und ihren Handel bis Flandern auszudehnen 
(12. und 13. Jahrhundert). Ober die kleinere Seemeile des Mittelmeeres wufste 
man bisher nichts. Thatsächlich taucht sie aber in der nautischen Litteratur 
(Bücher und Seekarten) des 17. und 18. Jahrhunderts auf, wo sie stets einen 
Wert von etwa IV« km hat und als griechische Seemeile gilt. Dies mufs dieselbe 
Seemeile gewesen sein, welche schon im frühen Mittelalter und wahrscheinlich 
schon im Altertum üblich war. — Für das Studium dieser Fragen ist also stets 
der Verfolg derselben durch alle Zeitalter notwendig, dann kann man ältere 
Perioden besser verstehen. Aber auch die eigentümliche Drehung der Mittel- 
meerachse läfst sich auf viele ältere Ursachen zurückführen, als auf die An- 
wendung des Kompasses bei Feststellung der Kurse. Man mufs dabei von 
typischen Fehlern der Karte ausgehen. Redner weist nach, dafs einer der 
auffallendsten Orientierungsfehler in den griechischen Gewässern, wie er sich auf 
den italienischen Karten des Mittelmeeres findet, genau in gleicher Weise sich 
schon bei Ptolemäus findet, und dals die älteste uns erhaltene Seekarte einzelne 
Meeresbecken noch ohne jene falsche Orientierung darstellt. Der Schlufs ist 
geboten, defs die Alten und das frühe Büttelalter bereits Plankarten der einzelnen 
Becken des Mittelmeeres kannten, die allmählich berichtigt wurden. Die Kunst 
der Italiener bestand in der Zusammenfügung derselben zu einem Obersichts- 
bild. Hierbei haben sie Karten verschiedenen Mafsstabes zusammengeschweifst, 
niemals aber einheitliche loxodromische Karten entworfen. Redner wies an der 
Hand von zaMreichen Karten nach, dafs sich das Netz loxodromischer Karten, 
wie es die Breusingsche Hypothese erfordert, jenen Karten nicht aufzwängen 
läfst, wogegen die Plattkarte jedem einzelnen Zacken trefflich engepafst werden 
kann. Damit ist denn eine organische Entwickelnng auf diesem Felde der 
Geschichte der Nautik hergestellt, während nach Breusings Ansicht das 16. und 
17. Jahrhundert eine Zeit des Rückschrittes nach den hohen Errungenschaften 
des 13.— 16. bedeuten würde. Derai*tiges ist denkbar, wennn eine ganze Kultur 



— 193 — 

durch welthistorische Ereignisse vernichtet wird, niemals aber, wenn, wie es 
thatsächlich bei der Geschichte der seefahrenden Völker der Fall ist, die 
kulturelle Entwickelung in so ruhiger Weise von einer Nation auf die andre 
übergeht. 

Dem sehr beifällig aufgenommenen Vortrage folgte ein kleiner 

Meinungsaustausch zwischen den Herren Professor Oberhummer, 

Baumgarten, Neumayer und Wagner besonders über arabische, 

türkische und italienische Seekarten. 

Es sprach sodann Herr Dr. Krümmel, Professor an der Universiät 
in Kiel, über die Nutzbarmachung der nautischen Institute für die 
Geographie, 

Der Redner gab zunächst einen umfassenden geschichtlichen 
Überblick über die Entwickelung der Meereskunde seit Maury ; er 
besprach sodann die Thätigkeit der Seewarten verschiedener Staaten, 
namentlich Nordamerikas, der Niederlande, Dänemarks und Grofs- 
britanniens und wandte sich darauf zu einer Darstellung der Wirk- 
samkeit der Seewarte des deutschen Reiches in Hamburg. 

Unser deutsches Institut, die Seewarte in Hamburg, hat schon in ihren 
kleinen Anfangen als „Norddeutsche Seewarte" unter v. Freedens Leitung von 
1867 — 1874 nicht weniger als 680 vollständige Schiffsjournale aus allen Ozeanen 
gesammelt. Seit ihrer Umbildung zur jetzigen „Deutschen Seewarte", also seit 
1875, oder nunmehr gerade 20 Jahren, ist die Zahl der Journale so gewaltig 
angewachsen, dafs von der Handelsflotte allein 6951, von der Kriegsmarine 1039, 
also zusammen 7990 vollständige Journale vorliegen, wozu dann noch 4247 
sogenannte abgekürzte Journale kommen, wie sie an Bord der meisten Post- 
dampfer auf allen überseeischen Linien geführt werden (mit Eintragungen nur 
um 8 Uhr morgens und abends): das sind also in Summa für Ende 1894 über 
12 000 deutsche Journale ! Nehmen wir nur die vollständigen heraus, also 7990, 
so ist darin, wie man sieht, unsre Seewarte dem Archiv in London mit seinen 
6000 Journalen um 2000 oder ein Drittel voraus, und dieser Vorsprung wird 
mit jedem Jahre gröfser, da die Seewarte jetzt jährlich 425 (ohne Marine- 
journale), das Meteorological Council dagegen nur 175 (einschlielslich der 
Marinejournale) empfängt. "Wieviel höher aber müssen wir diese Überlegenheit 
einschätzen, wenn wir bedenken, dafs jährlich rund 20000 britische Schiffe in 
See sind, deutsche dagegen nur 3500. Hätten die Engländer das Gleiche geleistet, 
so müfsten nicht 6000, sondern 45 000 Journale im Archiv des Meteorological 
Council liegen. Da übrigens die britischen Schiffe in den letzten 25 Jahren 
nur 3780 Journale eingeliefert haben, ist, relativ genommen, die Leistung der 
Deutschen reichlich zwölfmal gröfser. Was Qualität und räumliche Verteilung 
der Beobachtungen betrifft, so halten unsre deutschen jeden Vergleich mit den 
englischen aus. Das ist ein glänzendes Zeugnis für das Interesse, die Gewissen- 
haftigkeit und Ausdauer unsrer braven deutschen Seeleute, die inmitten ihres 
schweren Berufs auch für die Meereskunde so imponierende Erfolge errungen 
haben; ihnen dafür einmal öffentlich den Dank der Nächstbeteiligten, wie sie 
ein deutscher Geographentag hier vereinigt, ausgesprochen zu sehen, dürfte nicht 
nur mir ein Herzensbedürfnis sein. Insbesondere sind es die die transatlantische 



— 194 — 

Fahrt beherrschenden Redereien der Nordsee, deren Schiffe fast ausschliefslich 
(94 ®/o) die Beobachtungen gestellt haben, und unter diesen wieder hervorragend 
die Redereien der Weser mit 52 **/o aller Beobachtungen, gegen 41 °/o von 
der Elbe. Mir ist kein andrer Berufszweig bekannt, der in durchaus frei- 
williger Leistung ein so gewaltiges Material, das auch für die Wissenschaft un- 
schätzbar ist, beigebracht hätte: eine Parallele mit der Landwirtschaft läge da 
vielleicht nahe, soll aber nicht weiter ausgeführt werden. Auch der Seewarte 
selbst, die dieses Interesse bei unsern Seeleuten geweckt und rege zu halten 
verstanden hat, mufs hier mit aller Anerkennung gedacht werden. Die Seewarte 
hat auf Grund dieses reichen Materials Instruktionen für die Wahl der Segel- 
routen ausgearbeitet, deren Befolgung überall die mittlere Reisedauer erheblich 
vermindert hat; in den Jahren 1876 bis 1880 haben unsre deutschen Segel- 
schiffe für die Fahrt vom Kanal nach Valparaiso um Kap Hörn durchschnittlich 
noch 102 Tage gebraucht, dagegen 1892 nur noch 83 Tage, also um ^/s der 
Zeit weniger, und Fahrten von nur 65 bis 70 Tagen kommen jetzt gar nicht 
selten vor. Ähnlich sind die Erfolge auf der Fahrt nach Australien und den 
Reishäfen ; und wenn unsre neuen grofsen 2 — 3000 Tons messenden Viermaster 
jetzt die Konkurrenz mit den Dampfern auf den genannten Linien halten können, 
so verdankt dies die deutsche Rederei sehr wesentlich auch der Thätigkeit 
der Seewarte." 

Der Redner führte dann noch des näheren aus, dafs die ver- 
fügbaren Kräfte der Seewarte zur völligen Verwertung des bei dem 
Institut vorhandenen aufserordentlich reichhaltigen Materials nicht 
genügten. 

Man ist gegenwärtig den nautischen Archiven gegenüber in ähnlicher 
Lage wie die Historiker gegenüber den Staatsarchiven. Aus diesen kann nur 
ein Bruchteil regelmäfsig von den Archivbeamten bearbeitet und veröffentlicht 
werden; der Geschichtsforscher aber mufs möglichst alle für seine Frage vor- 
handenen Acten im Archiv selbst einsehen. Und so hat sich bei uns in Deutsch- 
land in ganz natürlicher Entwickelung die Praxis herausgebildet, dafs sich jün- 
gere Gelehrte, Doktoranden von verschiedenen Universitäten, nach Hamburg 
begeben und dort im Archiv der Seewarte arbeiten. Eine ganze Reihe schöner 
ozeanogi'aphischer Spezialarbeiten ist so entstanden und die Wissenschaft ist 
merklich dadurch gefördert worden (u. a. durch die Arbeiten von Schott und 
Meinardus). Das mufs auch in Zukunft weiter so geschehen. 

Redner besprach ferner den bereits in grofsem Umfange unter den ver- 
schiedenen hydrographischen Instituten stattfindenden Austausch von Beobach- 
tungsmaterial behufs Veröffentlichung. So hat das Meteorological Council in 
London für seinen grofsen Atlas der Meeresströmungen noch im vorigen Jahre 
von der Seewarte 2000 Strombeobachtungen für den Pazifischen Ozean allein 
erhalten. Wieweit die ausländischen nautischen Institute den Privatgelehrten 
geöffnet sind, ist mir nicht bekannt: jedenfalls sollten auch ihre Archive mög- 
lichst zugänglich gemacht werden, nachdem sich unsre deutsche Praxis so 
ausgezeichnet bewährt hat. Daneben werden die Institute natürlich auch 
ihrerseits mit zusammenfassenden Publikationen nicht nachlassen. Alles das 
wird dann nicht nur einen weiteren Ausbau der Wissenschaft vom Meere er- 
möglichen, sondern auch der allgemeinen Physik der Erde zu gute kommen. 
Das Antlitz der Erde ist nun einmal überwiegend ozeanisch, die Eirforschung 



— 195 — 

des Ozeans als des räumlich bedeutendsten Teils der Erdoberfläche wird immer 
eine der vornehmsten Pflichten der wissenschaftlichen Geographie bleiben. 

Auch dieser Vortrag wurde durch grofsen Beifall ausgezeichnet. 

Unmittelbar darauf sprach Herr Professor Borgen aus Wilhelms- 
haven über Gezeiten. Der Vortrag kam der vorgerückten Zeit wegen 
nur auszugsweise zur Verlesung. 

Nachdem der Vortragende einleitend bemerkt hat, dafs die von Newton 
und Laplace aufgestellten astronomischen Theorien der Gezeiten zwar die in 
denselben enthaltene kosmische Wirkung darzustellen vermöchten, zur Erklärung 
der überaus mannigfaltigen wirklichen Vorgänge jedoch nicht geeignet seien, 
geht derselbe über zu einer näheren Würdigung der ihm allein beachtenswert 
erscheinenden Wellentheorie von Airy. Er sagte dafs dieselbe die Gezeiten^ 
erscheinungen in Flüssen, Buchten und engen Gewässern vollständig beherrsche 
und erläutert dies durch Anführung mehrerer Beispiele, nach denen die 
Airysche Theorie sehr merkwürdige und sonst unerklärliche Erscheinungen als 
Wirkung des Umstandes, dafs die Tide im Verhältnis zu der Wassertiefe grofs 
sei und andre lokale Umstände nachweist. So werden die doppelten Hochwasser 
im Solent und im Helder, die Strömungserscheinungen des englischen, irischen 
Kanals und der Nordsee auf solche Verhältnisse zurückgeführt. 

Hierauf erörtert der Vortragende die durch die Anziehung von Sonne 
und Mond hervorgebrachten Wellen, welche als halbtägige und eintägige 
charakterisiert werden, weil dieselben in einem halben bezw. einem ganzen Tage 
alle ihre Phasen durchlaufen. Es wurde sodann ein Vergleich gezogen zwischen 
den Forderungen der astronomischen Theorien und den wirklich beobachteten 
Thatsachen und angeführt, dafs an einigen Orten der Erde die Sonne als das 
die Gezeiten beherrschende Gestirn erscheint, an den meisten aber der Mond 
diese Rolle, aber überall in verschiedenem Grade übernehme. Ferner wurde 
gezeigt, dafs in einigen Meeresleilen die eintägigen Wellen, in andern die halb- 
tägigen überwiegend seien nnd den Charakter des Verlaufes der Gezeiten 
bestimmten. 

Der Vortragende legte nun die von Airy aufgestellte Gezeitentheorie näher 
dar, zeigte die Methode, welche Airy zur Erklärung der Gezeiten in engeren 
Gewässern befolgt habe und gab eine Übersicht darüber, in welcher Weise 
er sich das System von Wellen denke, welches zur Erklärung sämtlicher Phä- 
nomene angenommen werden müsse. Er zeigte, dafs zwei sich unter einem 
Winkel kreuzende Wellen ausreichend seien, um die Verschiedenheit des Flut- 
wechsels an verschiedenen Punkten der Erde zu erklären. Da in beiden Rich- 
tungen eintägige und halbtägige Wellen vorhanden seien, so werde dadurch 
zugleich das Vorherrschen der einen oder der andern Art dieser Wellen voll- 
ständig erklärt. 

Weiter legte der Vortragende dar, dafs auch der verschiedene Einflufs 
der Sonnen- und Mondgezeit sich in ähnlicher Weise ableiten lasse, weil in 
jeder Richtung sich eine Sonnen- und eine Mondwelle fortpflanze, welche ver- 
schiedene Länge besäfsen und daher an verschiedenen Erdorten verschiedene 
Phasenunterschiede besitzen müfsten. Er schliefst mit der Bemerkung, dafs 
der Erfolg der Airyschen Theorie mit Bezug auf die Erklärung der Gezeiten 
in begrenzten Gewässern mit Sicherheit auf einen Erfolg derselben im grofsen 
schUefsen lasse, wenn sie erst einmal nach jeder Richtung vollständig ausge« 

Geogr. BlAtter. Bremen, 189ö. 18 



— 196 — 

arbeitet sei und spricht den Wunsch aus, dafs die jetzt in den geographischen 
Lehrbüchern übliche Darstellungsweise der Gezeiten allmählich einer rationelleren 
weichen möge. 

Am Nachmittag des 18. April wurden die Sehenswürdigkeiten 
der Stadt sowie die Handels- und Verkehrseinrichtungen besichtigt. 
Man besuchte das ehrwürdige Rathaus, besonders seine an hi- 
storischen Erinnerungen wie an künstlerischem Schmuck reiche 
Halle, ferner die stattliche Börse, die Schöpfung Heinrich Müllers. 
In letzterem Gebäude gab der Besuch des BaumwoUprobenzimmers 
den begleitenden Bremer Herren den Anlafs, den Zweck dieser Ein- 
richtung, sowie die Bedeutung Bremens im Baumwollhandel hervor- 
zuheben. Einen Einblick in die Bedeutung Bremens als Weltmarkt 
für Tabak boten die Packhäuser und Geschäftsräume einer unsrer 
grofsen Tabak-Importfirmen, der Herren Hoffmann und Leisewitz 
am Martinikirchhof. Weiter wurden die Dampfwäscherei und das 
Proviantamt des Norddeutschen Lloyd in der grofsen Hundestrafse, 
sodann die grofsartigen Anlagen der Reismühlen- und Reisstärke- 
fabrik von Gebr. Nielsen besichtigt. Vom Freihafen aus unternahm 
sodann die Gesellschaft bei schönstem Wetter mit dem Lloyddampfer 
„Libelle" eine Fahrt auf der Weser abwärts bis zur »Langen Bucht«, 
deren Durchstechung bekanntlich den ersten Abschnitt des grofsen, 
jetzt glücklich vollendeten Werks der Korrektion der ünterweser 
bildete. Auf der Rückfahrt bot sich der malerische Blick auf die 
Stadt von der Stromseite; alle Teilnehmer dieser ersten Exkursion 
waren vollauf befriedigt. 

Das wichtigste und anziehendste Thema: Die ünterweser und 
ihre Korrektion war Gegenstand des ersten Vortrags der Vormittags- 
sitzung am 19. April, welche der „Landeskunde der deutschen 
Nordseegestade^^ gewidmet war. Es präsidierten die Herren Pro- 
fessor Th. Fischer-Mskrhnrg und Professor Lehmann-Münst&v, Vor 
Eintritt in die Tagesordnung gedachte Geheime Rat Professor 
Neumayer des auf den 19. April fallenden 100jährigen Geburtstages 
des grofsen deutschen Naturforschers Chr. G. Ehrenberg und weihte 
dem Gedächtnis dieses Mannes, dessen Wirken in gleicher Weise 
für die Naturwissenschaft wie insbesondere für die Geographie von 
Bedeutung gewesen, ehrende Worte der Erinnerung. Die Ver- 
sammlung erhob sich zum Zeichen der Zustimmung von ihren Sitzen. 

Der General-Sekretär des Geographentags, Hauptmann Kollm^ 
verlas die Abrechnung des Schatzmeisters^ für 1893/94; dieselbe 
ergiebt einen Kassenbestand von 36 Mk. 91 Pfg. Zum Revisor 
wurde Herr Wuppesahl-Bremen erwählt. Den bezeichneten Vortrag 



— 197 — 

hielt Herr Baurat Bücking, der treue Mitarbeiter des genialen 
Schöpfers der Weserkorrektion, des Oberbaurats Franzius, welchen 
eine Badekur von Bremen fern hielt. 

Nachdem der Vortragende einen kurzen Oberblick über die Gesamt- 
verhältnisse der Weser gegeben, deren Einteilung in die Unter- und Aufsen- 
weser erwähnt hatte, ging derselbe näher auf die Art ein, wie bei Flüssen im 
Oberlaufe und Unterlaufe die erforderlichen Querschnittsgröfsen bestimmt werden 
müssen. Während bei Flüssen im Oberlaufe bei bestimmten Wasserstanden eine 
sich gleichbleibende Wassermenge in der Sekunde abströmt, ändert sieh im 
Ebbe- und Flutgebiet die Wasserraenge fortwährend. 

Die Grundlagen für die im Stromschlauche der Unterweser sich be- 
wegende Wassermenge lieferten selbstschreibende Pegel, die den jeweiligen 
Wasserstand auf einen durch ein Uhrwerk getriebenen Papierbogen kontinuierlich 
aufzeichnen. An der Weser von Bremen bis Bremerhaven sind 12 selbst- 
schreibende Pegel aufgestellt. 

Die Korrektion hatte sich darauf zu erstrecken, die Flufssohle besonders 
auf der oberen Strecke zu senken und alle dem Aufdrängen der Flut ent- 
gegenstehende Hindemisse zu beseitigen; dahin gehörten in erster Linie die 
ungünstig wirkenden Stroraspaltungen. Die Querschnittsgröfsen für das Niedrig- 
wasserbett, — und auf diese sollte die Korrektion sich beschränken, — waren aufser- 
dem so zu wählen, dafs die mittlere Geschwindigkeit sowohl bei Ebbe als bei 
Flut eine thunlichst gleiche würde. 

Buhnen sind bei der Unterweser nicht angewendet, weil diese lokalen 
Aufstau verursachen und zerstörend auf die lebendige Kraft des Flutwassers 
einwirken, dagegen sind die Ufer, wo solches erforderlich, durch Leitdämme 
eingefafst, an denen das Wasser ohne besonderen lokalen Aufstau geleitet wird. 
Die Leitdämme haben auf die Ausbildung des Stromes, wie die Erfahrung ge- 
lehrt hat, einen äufserst günstigen Einflufs ausgeübt. 

Die vorhandenen Stromspaltungen sind, soweit dies sich ermöglichen liefs, 
beseitigt, wobei darauf Rücksicht genommen wurde, dafs die Abschliefsung der 
zu beseitigenden Arme am oberen Ende erfolgte, um die Arme selbst zur Auf- 
speicherung des Flutwassers zu benutzen, das beim Abströmen spülend auf den 
unteren Teil des Hauptarmes einwirken mufste. 

Eine klare Obersicht über die Wirkung der Arbeiten von Be- 
ginn der Korrektion bis zum Jahre 1893 gaben die ausgehängten 
Übersichtskarten der Unterweser aus den Jahren 1887, 1890 und 
1893. In diesen Übersichtskarten, die auf Grund genauer Peilungen 
hergestellt sind, waren die gleichen Tiefen unter Bremer Null durch 
kontinuierliche Kurven mit einander verbunden und die durch diese 
begrenzten Flächen ihrer Tiefe entsprechend abgetönt. Je dunkler 
die Farbe, um so gröfser die Wassertiefe : es trat dadurch die Flufs- 
sohle in den drei verschiedenen Jahren plastisch hervor. Die Strom- 
bauwerke waren durch rote Farbe hervorgehoben. Die gröfste 
Schwierigkeit haben die beiden Durchschläge im Strohauser und in 
dem Dedesdorfer Arme gemacht, die bei 10 bezw. 13 m Wassertiefe 
unter dem gewöhnlichen Niedrigwasser angelegt werden mufsten. 

13* 



— 198 — 

Fast sämtliche Baggerarbeiten sind durch die Bauverwaltung selbst zur 
Ausführnng gebracht, während die Buschwerksbauten unter Zuziehung von 
Unternehmern fertiggestellt worden sind. Der Gerätepark hatte einen An- 
schaffungswert von etwa 6 000000 JL Gebaggert sind von 1887 bis ein- 
schlielslich 1894 28000000 cbm. Zu den Strombauwerken sind 2,4 Millionen 
cbm Busch verwendet und sind damit aufser den Durchschlägen 44 km Leit- 
dänmie hergestellt worden. 

Bei den Baggerungen ist wohl zuerst in Deutschland das Aufschwemmen 
von gebaggertem Boden auf Landflächen in grofsem Umfange in Anwendung 
gekommen. Mittels der verwendeten Apparate konnte das aus Baggerboden 
und Wasser bestehende Gemisch durch Rohrleitungen bis zu 800 m Länge 
hindurchgeprefst werden. 

Da, wo die Sohle aus Sand bestand, ist die Selbstthätigkeit des Stromes 
eine sehr grofse gewesen, Kleischichten, die sich auf der oberen Strecke überall 
finden, wurden von der Strömung nicht angegriffen. Die zahlreichen in der Sohle 
gefundenen Findlinge machten die Baggerungen von Fähr bis Farge sehr schwierig. 
Der Erfolg ist ein bedeutender und hat die Erwartungen nicht nur erfüUt, sondern 
übertroffen. Die nutzbare Fahrwassertiefe, die 1887 bei Hochwasser etwa 2,5 
betrug, war Ende 1894 auf über 5,4 m vergröfsert. Wenn auch das Werk nicht 
ganz vollendet ist, so ist dasselbe doch zu einem gewissen Abschlüsse gekommen. 
Die Schiffahrt hat die durch die Verbesserung der Fahrwassertiefe gebotenen 
Vorteile stets ausgenutzt, wie aus der Betrachtung der Obersichten über den 
Schiffahrtsverkehr zu ersehen ist. Während 1891 von 1530 nach der Stadt 
aufgekommenen Seeschiffen nur eins einen Tiefgang von 4,5 — 5,0 m hatte, 
hatten 1892 von 1610 Seeschiffen 22, 1893 von 1808 Seeschiffen 51, 1894 von 
1709 Seeschiffen 115 diesen Tiefgang. 1894 hatten 47 Schiffe einen Tiefgang 
von über 5 m. 

Als besonders erfreulich ist der Umstand hervorzuheben, dafs die Erfolge, 
die über die im Projekte gemachten Zusagen hinausgehen, haben erzielt werden 
können innerhalb *des Kostenanschlages. Möge die weitere Entwickelung der 
Schiffahrt einen gleich erfreulichen Fortgang nehmen zur Ehre des Urhebers 
des Korrektionsprojektes, Herrn Oberbaudirektor Franzius, und zum Nutzen 
Bremens ! 

Mit grofser Aufmerksamkeit war die zahlreiche Versammlung 
den interessanten Ausführungen gefolgt. Der Vorsitzende gab dem 
Dank der Versammlung Ausdruck, indem er die Weserkorrektion 
als das letzte Glied eines tausendjährigen Kampfes Bremens mit den 
widrigen Verhältnissen der Weser bezeichnete. 

Dr. B. Tacke sprach dann über ^^Die nordwestdeutsehm 
Moore^ ihre Nutjsfbarmachung und ihre volkswirtschaftliche Bedeutung," 

An der Oberflächengestaltung des deutschen Nordwestens nehmen die 
Moore einen hervorragenden Anteil Die Ausdehnung derselben beträgt in der 
Provinz Hannover und dem Grofsherzogtum Oldenburg mindestens 120 Quadrat- 
meilen. Weiten Landstrecken des Nordwestens verleihen sie ein eigentümliches 
Gepräge, und sie dürften wegen ihrer Eigenart in naturwissenschaftlicher 
Hinsicht und wegen ihrer Bedeutung für die Landeskultur und Volkswirtschaft 
das Interesse einer Gesellschaft von Geographen mit Recht in Anspruch nehmen. 



— 199 — 

Im Anschlnfs an die hydrographischen und orographischen Verhältnisse 
sind folgende Hauptmoorgebiete zu unterscheiden: 1) Die Moore im Flufsgebiet 
der Elbe auf dem linken Ufer; 2) die Moore im Gebiet der Weser auf dem 
rechten Ufer; 3) die Moore im Tiefland zwischen Weser und Ems; 4) die 
Moore auf dem linken Emsufer im mittleren Ems- und Vechtegebiet, an die 
sich die grofsen hollandischen Moore anschliefsen. Die Art der Moore ist je 
nach dem Ort ihrer Entstehung, dem Nährstoffgehalt des Untergrundes, auf dem 
sie lagern oder der aus dem Untergund und seitlich zuströmmenden Wasser 
verschieden. In chemischer wie botanischer Hinsicht unterscheidet man folgende 
Hauptformen: 1) Die vorwiegend aus den Resten von Gräsern, Rauhgräsern 
und Sumpfwiesenpftanzen entstandenen, namentlich an kalk- und stickstofiEreichen 
Grünlands-, Wiesen-, Niederungsmoore; 2) die hauptsächlich aus Torfmoosen 
(Sphagneen), Wollgräsern, Simsen und Haidekräutern gebildeten kalk- und 
stickstofParmen Hochmoore oder Moostorfheidemoore; 3) die zwischen beiden 
ausgesprochenen Moorbodenarten stehenden mehr hoch- oder niederungsmoor- 
artigen Übergangsmoore. 

Die erstgenannte Gruppe liefert bei ihrem natürlichen Reichtum an 
wertvollen PflanzennährstofPen nach genügender Entwässerung bei entsprechender 
Düngung einen Kulturboden von hervorragendem Wert; an dem landwirt- 
schaftlich wichtigsten Nährstoff, dem Stickstoff, für dessen Beschaffung an 
Chilisalpeter die deutsche Landwirtschaft alljährlich Millionen an das Ausland 
zahlt, sind diese Moore so reich, dafs sie keiner Düngung mit Stickstoff be- 
dürfen ; für die Verwendung künstlicher Düngemittel (Kalisalze, Phosphate) sind 
sie aufserordentlich dankbar. Der Ackerbau auf derartij^en Mooren ist jedoch 
namentlich wegen der Frostgefahr aufserordentlich unsicher. Dem Ritterguts- 
besitzer Rimpau in Cunrau ist es nun gelungen, ein Verfahren, die sog. Moor- 
dammkuHur oder Sanddeckkultur ausfindig zu machen, durchweiche die Vegetations- 
bedingungen der Ackergewächse auf derartigen Moorböden wesentlich verbessert, 
die Gefahr des Erfrierens derselben gemildert wird. Die Moordammkultur 
besteht in der Bedeckung des Moores mit einer Decke numtiralischen Bodens 
(meistens Sand) von bestimmter Stärke; in dieser Decke wurzeln die Pflanzen 
und senken durch dieselbe ihre Wurzeln in das Moor, um dort Feuchtigkeit und 
Nahrung zu schöpfen. Diese im Laufe der letzten drei Jahrzehnte namentlich 
in Deutschland weit verbreitete Kulturmethode, durch die bis dahin ertraglose 
Moorfiächen in Ackergefilde von gröfster Fruchtbarkeit umgewandelt werden, 
gewinnt bei uns hier im Nordwesten allmählich immer gröfsere Verbreitung. 

Weniger günstig von Natur ausgestattet sind die Hochmoore oder Heide- 
Moostorfmoore, die der Ausdehnung nach im nordwestlichen Deutschland bei 
weitem überwiegen. Die landwirtschaftliche Nutzung derselben wird einmal 
durch ihre grofse Ausdehnung und die damit verbundene Schwierigkeit der 
Zuwegungen und Entwässerung erschwert, dann auch durch das gröfsere Be- 
dürfnis der Hochmooräcker nach in der Düngung zuzuführenden Pflanzennähr- 
stoffen. Trotzdem ist es gelungen, diesen Boden in nutzbringende Kultur zu 
nehmen und demselben Erträge abzugewinnen, die den Vergleich mit besseren 
Bodenarten nicht zu scheuen brauchen. In unberührtem „jungfräulichem^ Zu- 
stand trägt die Oberfläche der Hochmoore ein dichtiges üppiges Torfmoorpolster, 
in der bestimmte grasartige Pflanzen (Scirpus, Eriophorum) eingestreut er- 
scheinen und spärlicher oder reichlicher je nach dem Grade der Abwässerung 
Haidekraut in erhöhten Horsten. Generationen dieser Pflanzen nach Generationen 



— 200 — 

wachsen empor, so lange die Feuchtigkeit vorhält, der zentrale Teil erhebt sich 
nicht selten über die Umgebung, da das ganze einen ungeheuren wasserreichen 
Schwanun darstellt, was zu dem Namen Hochmoor Veranlassung gegeben haben 
mag. Am Bande der Moore oder dort, wo menschliche Eingriffe elfte stärkere 
Entwässerung geschaffen haben, bedeckt sich das Moor mit einem dichten Heide- 
wuchs, unter dem sich eine besser zersetzte nährstoffreichere sog. Heidehumus- 
schicht bildet. Dieses ursprüngliche Aussehen der nordwestdeutschen Moore ist 
wesentlich geändert worden durch die sog. Moorbrandkultur, die von Holland 
aus zu uns herüber gekommen ist und die Ursache des verhafsten Moorrauches 
(Heerrauch, Höhenrauch) bildet. Sie besteht darin, dafs die Humusschicht an 
der Oberfläche der Hochmoore nach notdürftiger Entwässerung durch Brennen 
in Asche verwandelt, dadurch die Nährstoffe des Moores in aufnehmbarere Form 
übergeführt, zum Teil allerdings vernichtet werden. Das Moorbrennen ist ein 
Raubbau schlimmster Art, da die Ackerkrume durch dasselbe vernichtet wird; 
die unter derselben lagernden untersetzten Schichten können nur schwer und 
mit geringem Erfolg gebrannt werden. Der Anbau der Hauptfrucht der Brand- 
äcker, des Buchweizens, ist zudem aufserordentlich unsicher und das ganze 
Verfahren ein wahres Lotteriespiel, das alle die Nachteile eines solchen, namentlich 
für wirtschaftlich ungeschulte Menschen mit sich bringt. Es ganz zu verbieten, 
ist anderseits nicht möglich, da gerade die wirtschaftlich schwächsten Moor- 
siedelungen, die vorläufig von dieser wohlfeilen Kulturform noch gröfseren 
Gebrauch machen, dadurch dem unfehlbaren Untergänge anheimfallen würden. 
Eine ungleich segensreichere Kulturart, ebenfalls holländischer Herkunft, hat in 
unserm Nordwesten eine grofse Anwendung gefunden» wenn auch nicht entfernt 
die Blüte erlangt, wie in ihrem Mutterlande, die sog. Veenkultur oder Sand- 
mischkultur. Grundbedingung derselben ist die Möglichkeit, das Moor zur 
Gewinnung von Brenntorf abtorfen und den Sand aus dem Untergrund gewinnen 
zu können, der dann in ziemlich mächtiger Schicht mit der Oberfläche des 
Moores gemischt wird, die durch Abräumen der lockeren, nicht zur Brenntorf- 
gewinnung geeigneten obisren Moostorflagen unsrer Hochmoore, wie Oberführen 
derselben auf den Boden des abgetorften Moores gewonnen wird. Durch das 
Verfahren werden die Vegetationsbedingungen auf dem Hochmoore in ähnlicher 
Weise verbessert wie bei der Moordammkultur nach Rimpauscher Art auf 
Niederungsmoore. Bei genügender Düngung bringen so behandelte Hochmoor- 
böden recht befriedigende Erträge. In Holland hat diese Kulturart deshalb 
vornehmlich eine solche Entwickelung erreicht, weil dort seit Jahrhunderten die 
städtischen Abfallstoffe in mustergültiger Weise zu einem wertvollen Kompost 
verarbeitet werden, der auf - dem weit verzweigten Kanalnetz den dünger- 
bedürftigen Hochmooräckern leicht und billig zugeführt werden kann. 

Unter günstigen Bedingungen sind auch bei uns blühende Veenkolonien 
entstanden, so namentlich in unsrer nächsten Nähe im Teufelsmoor (Wörpe- 
dorf). Vor allem hat die Kenntnis der Prinzipien, die bei der Moorkultivierung 
in Holland beobachtet wurden, einen grofsen Segen auf die Entwickelung der 
Hochmoorkultur ausgeübt; das Moor mufs vor Beginn jeglicher Kolonisation 
erst durch Kanäle und Wege aufgeschlossen werden, ehe die Ansiedlung beginnt 
und die einzurichtenden Wirtschaftsbetriebe, meist Kleinbetrieb von 10 — 12 ha 
Gröfse, müssen auf vernünftige landwirtschaftliche Grundlagen, nicht auf Moor- 
brandkultur gestützt werden. Nach diesen Gesichtspunkten ist in der zweiten 
Hälfte des vorigen und dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts im Gebiet der 



— 201 — 

ehemaligen Bistümer Bremen und Verden staatsseitig ein grofsartiges Be- 
siedelungswerk ausgeführt worden, dessen Generalkulturplan von dem um die 
Hochmoorkolonisation in Nordwesten hochverdienten Königl. Moorkommissar 
Findorf herrührte, und durch das etwa 80 Moorkolonien entstanden sind. Man 
hat unterdessen auch gelernt, das Hochmoor auch ohne vorheriges Abtorfen 
und ohne Sand unter Zuhilfenahme animalischer Düngemittel mit Erfolg zu be- 
bauen. Aber selbst unter günstigen Verhältnissen erreichte die Entwickelung 
dieser Kolonien bald eine Grenze, da über das Quantum des in der eigenen 
Wirtschaft produzierten Düngers hinaus kein Ackerbau lohnte, Futterbau bis 
dahin nicht bekannt, eine Zufuhr von Dünger von aufserhalb unmöglich war 
oder doch nicht die nötige Rente brachte. Eine der ersten Aufgaben der von 
dem preufsischen Landwirtschaftsministerium gegründeten und ressortierenden 
Moorversuchsstation, die hier in Bremen unter verständnisvollster Betheiligung 
und allzeit bereiter Mitwirkung der bremischen Behörden ein Heim gefunden 
hat, war es, durch wissenschaftliche Forschung und praktische Versuche in den 
Mooren selbst neue Hilfsmittel für die Hochmoorkultur zu schaffen. Namentlich 
durch die Anwendung von Kunstdüngemitteln, Kalk, Mergel und Seeschlick, die 
Einführung des Klee- und Leguminosenbaus mit rationellen landwirtschaftlichen 
Betriebsweisen ist es gelungen, der Hochmoorkultur neue Bahnen zu eröffnen. 
Von den neuen Hlfsmitteln machen die bestehenden Moorkolonien immer 
gröfseren Gebrauch, mit Hilfe derselben ist es jedoch auch möglich, neue 
lebensfähige Hochmoorsiedlungen anzulegen, wenn nur die Vorbedingungen, 
Zuwegung und Entwässerung erfüllt sind. Die praktische Probe auf die rentable 
Durchführbarkeit der Methode wird seit Jahren in verschiedenen Versuchswirt- 
schaften der Moorversuchsstation gemacht, endgültig kann die Frage nur durch 
Versuche im Grofsen nach Art der im vorigen Jahrhundert ausgeführten Hoch- 
moorkolonisation entschieden werden, die der Natur der Sache nach nur der 
Staat oder kapitalkräftige Verwaltungen übernehmen können. Die übrigen Um- 
stände sind hierfür günstig; mit einem Kostenaufwand von etwa 15 Millionen 
Mark hat die preufsische Staatsregierung weite Moorflächen im Emsland und 
in Ostfriesland (Südnordkanal, Ems-Jadekanal) erschlossen, die Markenteilung 
und Servitutsabteilungen haben die häufig sehr verwickelten Rechtsverhältnisse, 
durch die die Kolonisation der Hochmoore sehr erschwert wurde, geklärt und 
das neue Rentengutsgesetz bietet eine gesetzliche Form, die die Erwerbung 
eines Siedlungsplatzes, Kolonat genannt, auch weniger kapitalkräftigen Anbauern 
ermöglicht, wenn sie es nur nicht an Fleifs, Sparsamkeit und Nüchternheit 
fehlen lassen. Die hannoversche Provinzialverwaltung ist in weitschauender 
Erkenntnis der Wichtigkeit der Hochmoorkolonisation zuerst an dieselbe im 
Grofsen herangetreten durch Ankauf einer etwa 450 ha grofsen Moorfläche am 
Sndnordkanal im grofsen Bourtanger Moor, die mit Hilfe der wissenschaftlichen 
und technischen Erfahrungen der Neuzeit in 10 ha grofsen Siedlungen kolonisiert 
wird. Wohn- und Wirtschaftsgebäude werden durch die Verwaltung hergestellt 
und die Colonate unter entsprechenden Bedingungen in Zeitpacht ausgegeben, 
dem Ansiedler ist es möglich, später das Kolonat käuflich oder als Rentengut 
zu erwerben. Im Jahre 1890 ist die preufsische Staatsverwaltung dem Beispiel 
der Provinz Hannover gefolgt und hat im grofsen Wiseder Moor in Ostfriesland 
am Ems-Jadekanal nach ähnlichen Gesichtspunkten ein Ansiedlungswerk ein- 
geleitet, dem zu Ehren des um die Hochmoorkolonisation hochverdienten ünter- 
staatssekretärs v. Marcard der Name Marcardsmoor beigelegt worden ist, und 



— 202 ~ 

HUgenblicklich wird ein drittes grofses Kolonisationsprojekt in einem grofsen 
lfo(thmoor im Lande Kehdingen anf dem linken Elbnfer unter Leitung der 
Köiiigl. Generalkonmiission in Hannover vorbereitet. Wenn die in den beiden 
ernt^cnannten Besiedlungswerken erreichten Ergebnisse wegen der Kürze der 
Ymi auch noch kein endgtdtiges Urteil gestatten, so berechtigen sie doch zu 
don allerbesten Hoffnungen. Sie sind kräftig gewachsen, haben sich freudig 
entwickelt, die wirtschaftlichen Verhältnisse der Ansiedler haben sich stetig ver- 
beHHcrt und in kurzer Zeit sind inmitten der durch Brandkultur ausgesogenen 
liochmoorflächen fruchtbare Äcker und freundliche Wohnstätten erstanden. Wir 
dürfen wohl, ohne eines zu grofsen Optimismus beschuldigt zu werden, uns der 
Hoffnung hingeben, dafs nicht nur diese neugegründeten Siedlungen in ihrer 
Kiitwickelung stetig fortschreiten, sondern dafs auf ähnlichem Wege noch viele 
andre grofse Hochmoorflächen im Westen und Osten einer segensreichen Zu- 
kunft zum Heile des Vaterlandes entgegengehen. 

Der durch Karten und sonstige Anschauungsmittel unterstützte 
Vortrag fand lebhaften Beifall. 

Es folgte hierauf der Vortrag des Herrn Professor Dr. Bttchenau- 
Bremen über die ostfriesischen Inseln und ihre Flora. 

Der Vortragende, wohl einer der besten jetzt lebenden Kenner dieser 
interessanten Inseln, hob einleitend hervor, dafs die Teilnahme für die Küsten 
und Inseln in weiten Kreisen der binnenländischen Bevölkerung erst infolge 
der Gründung des deutschen Reiches erwacht sei, dafs dagegen die Geographen 
und Naturforscher sich von jeher gerade durch die Inseln ganz besonders an- 
gezogen gefühlt hätten, und dafs das Studium der letzteren und ihres organischen 
Lebens — er erinnerte nur an die Namen Wallace, Darwin und Peschel — 
besonders reiche Früchte getragen habe. — Die deutschen Nordseeinseln zer- 
fallen in vier Gruppen: die nordfriesischen Inseln, Helgoland, Neuwerk und die 
ostfriesischen Inseln. Der Vortrag beschränkte sich auf die Betrachtung der 
letzteren mit gelegentlichen Blicken auf die andern Gruppen. Die ostfriesischen 
Inseln erstrecken sich in einer Länge von 90 km von der Jade bis zur Ems. 
Es sind ihrer bekanntlich sieben, die oldenburgische bisel Wangerooge und die 
preufsischon Inseln: Spiekerooge, Langeoog, Baltrum, Nordemey, Juist und 
Borkum. Während die fünf ersten auf eine Länge von 50 km fast rein ost- 
westlich »troichen, weichen Juist und Borkum südlich zurück. Ihre südwestliche 
Richtung setzt sich dann in den westfriesischen (holländischen) Inseln fort, 
deren erste Rottum ist, und geht zuletzt, in Texel, in rein südliche Richtung 
über. Für den geognostischen Aufbau der ostfriesischen Inseln ist charakteristisch, 
dafs auf ihnen nirgends mehr unveränderte Hohe Geest (Diluvialboden) vor- 
handen ist; ihr ganzer Körper ist vielmehr aus von den Fluten aufgespültem 
und dann vom Winde aufgewehtem Sand zusammengesetzt. Dieser Sand lagert 
(als flacher Strand oder zu Dünen aufgehäuft) entweder auf Sandbänken oder 
auf festem, thonig-sandigem Wiesenboden, wie er beim Abbruch der Inseln auf 
ihrer Nordseite öfters zu tage tritt. Weht einmal der Sand aus irgend einem 
Dünenthale völlig hinweg, so tritt dieser alte horizontale Boden (gegen den 
die Ränder des Thaies steil abstürzen) in sehr auffallender Weise zu Tage. 
Er ist dann entweder gleichsam gepflastert mit flach geschliffenen Steinen oder 
halbzerriebenen Muscheln — oder er ist thonig, zerreifst bei trockenem Wetter 
zu Erdschollen und versumpft bei gröfserer Feuchtigkeit sehr leicht. Die Dünen- 



— 203 -. 

büdting unsrer Inseln ist nur ein TeU des grofsen Dünenphänomens, welches 
sich an den Westküsten Europas von der Gascogne an bis zum Kap Skagen 
erstreckt. Sie erweist sich als eine Windbildnng. Am grofsartigsten aber 
entwickelt sie sich an langsam sinkenden Küsten, welche überwiegend 
Seewinden ausgesetzt sind. Diese Umstände treffen bei den ostfriesischen Inseln 
zusammen und machen sie zu einem klassischen Gebiete für das Studium der 
Dünenbildung, wofür der Vortragende einige besonders interessante Beispiele 
vortrug. — Der Sand der Inseln besitzt ein feines, sehr gleichmäfsiges Korn. 
Er enthält keinen Glimmer, dagegen viel Tibaneisen und viel Kalk, welcher aus 
den geriebenen Muschelschalen herstammt. Der Kalk bewirkt den reichen 
Pflanzenwuchs, welcher sich auf den einigermafsen ruhig gewordenen Dünen, 
sowie namentlich in den gröfseren Dünenthälern ansiedelt. 

Der unveränderte Diluvialboden (die hohe Geest) tritt nur an zwei Stellen, 
nämlich in dem Vorgebirge von Dangast und bei Duhnen unweit Cuxhaven (auf 
den nordfriesischen Inseln auf Amrum und im roten Kliff von Sylt) unmittelbar 
an die See heran. Überall sonst ist der hohen Geest von Ostfriesland und 
Oldenburg jetzt ein breiter Streifen von Mooren, Marschen und Watten vorge- 
lagert. Ob früher, d. h. nach der Beendigung der Eiszeit, die hohe Geest sich 
ununterbrochen bis zu den heutigen Inseln erstreckte, erscheint zweifelhaft« 
Gewifs ist aber, dafs der üferrand niemals weit nördlich von der heutigen Insel- 
kette gelegen haben kann, denn die Tiefenlinie von 10 m verläuft nur 5 km, 
diejenige von 20 m nur 10 — 11 km nördlich von den Inseln. Die Inseln stellen 
also im wesentlichen als die letzten Bruchstücke des alten, durch aufwehenden 
Dünensand erhöhten Uferrandes dar. Das Land südlich von demselben senkte 
sich und in dem so gebildeten ruhigen, anfangs süfsen, später durch häufige 
Einbrüche des Meeres immer mehr brakisch werdenden Gewässer lagerten sich 
die Moore, der Schilftorf und zuletzt die Marsch ab. Diese Ablagerungen waren 
aber nur in einem stilleren Gewässer möglich. Damals bildete die Nordsee noch 
einen ruhigeren Meerbusen, in welchen die Flutwelle aus dem offenen Ozean 
nur von Norden her, um Schottland herum, eintrat. Noch war der Kanal nur 
ein östlich gerichteter Meerbusen, ähnlich dem heutigen Busen von Bristol ; noch 
bestand der Rücken von Hügeln, welche ihn in der Richtung von Dover nach 
Boulogne abschlössen. Als aber diese aus weichen Gesteinen der Kreideformation 
bestehenden Hügel dem Anprall der Wogen zum Opfer gefallen waren, als somit 
Grofsbritannien eine Insel geworden war, da trat der Flut- und Ebbestrom mit 
voller Gewalt durch die Strafse von Dover und Calais in die Nordsee ein, 
welche nunmehr eins der unruhigsten Meere wurde. Manche Geologen datieren 
dies Ereignis in die Nähe des Jahres 1000 vor Christo ; jedenfalls liegt es jenseits 
der historischen Zeugnisse. Nach jenem Durchbruche begann nun für die Nie- 
derungen die Zeit des Leidens und des Abbruches. Wo sonst das ruhigste Ge- 
wässer gewesen war, wo die breitesten Marschen sich gebildet hatten, in den 
heutigen Niederlanden, da war nun das Meer am unruhigsten, und es fand der 
stärkste Abbruch statt. Der hohe Uferrand wurde mehr und mehr durchbrochen 
und auf die heutigen Inseln reduziert. Durch den starken Strom der Tiden 
wurde das heutige Wattenmeer in seiner Breite ausgespült. Die ganze Geschichte 
unsrer Niederungen ist die Geschichte einer ununterbrochenen Reijie von Kämpfen 
und Verlusten, bis endlich, durch die Not gezwungen, der Mensch den plan- 
mäfsigen Kampf gegen Sturm und Wellen aufnahm und ihnen einen Teil (bis 
jetzt aber noch kaum die Hälfte) des Entrissenen wieder abnahm. 



— 204 — 

Der Vortragende kommt hier auf die Frage der langsamen Senkung 
unsrer Küsten zu sprechen, über welche noch nichts Sicheres feststellt. Die oft 
genannte Zahl von '/* Fufs im Jahrhundert ist sicher zu hoch. Der veränderliche 
Stand unsrer Inseln bietet für derartige Beobachtungen einen ebensowenig zu- 
verlässigen Boden dar wie die Marsch, welche meist auf einem schwanmugen 
oder selbst schlammigen Untergründe ruht und daher bei fortschreitender Aus- 
trocknung zusammensinkt. Der Vortragende regt an, dafs an den wenigen 
genannten Punkten der Küste, an welchen der Diluvialboden unmittelbar an die 
Küste herantritt, feste, besonders einnivellierte Pegel angebracht werden möchten, 
welche späteren Geschlechtern gestatten würden, die Frage nach den säkularen 
Schwankungen der Küste zu lösen. — Er glaubt allerdings annehmen zu müssen, 
dafs etwa im elften Jahrhundert eine stärkere Senkung stattgefunden habe, weil in 
den folgenden Jahrhunderten die Landverluste ganz besonders grofs gewesen sind. 

Die Pflanzendecke der Inseln — etwa 400 Arten höhere Pflanzen — 
enthält zunächst eine gröfsere Gruppe von Gewächsen, welche .. dem ganzen 
Dünenstriche von der Gascogne bis zum Kap Skagen eigentümlich sind. Dahin 
gehören aufser weitverbreiteten Sandpflanzen und Gewächsen der Meeresküsten 
zahlreiche Arten der sogenannten atlantischen Assoziation, von denen einige in 
das nordwestdeutsche Binnenland vordringen. Diesem eigentümlichen Floren- 
element mischen sich zahlreiche Pflanzen unsrer hohen Geest bei. Man hat 
früher aus dem Vorkommen einiger Arten gefolgert, dafs die Wälder der Geest 
bis zu dem Küstenrand gereicht hätten. Dieser Schlufs kann aber, nachdem 
man die grofse Wanderföhigkeit der Pflanzen kennen gelernt hat, nicht wohl 
aufrecht erhalten werden. Der Habitus der Vegetation ist durchaus dem fast 
beständig herrschenden Winde angepafst. Bäume fehlen gänzlich und die ange- 
pflanzten gedeihen nur im unmittelbaren Schutze von Häusern oder Dünen. 
Alle Zweige, welche sie über die Höhe der Dächer oder der Dünen emporstrecken, 
werden bald durch die mechanische Gewalt der Stürme getötet. Die Vegetation 
der Weiden bleibt unter dem Einflufs des Windes sehr kurz. Nur in den 
Dünenthälem erheben sich die Pflanzen etwas freier, und hier wachsen auch 
die beiden einheimischen Sträucher: die Zwergweide und der Sanddorn. Die 
Dünenpflanzen sind dem lockeren Sandboden merkwürdig angepafst. Der Vor- 
tragende erörtert näher die Wuchsverhältnisse des Dünengrases (Helms), welche 
er zum Gegenstand eines eigenen Studiums gemacht hat, da dasselbe die 
wichtigste Pflanze für die Befestigung der Dünen und die Erhaltung der Inseln 
ist. Er fügte hieran noch einige Bemerkungen über die Tierwelt der Inseln 
und schlofs mit dem Wunsche, dafs im Interesse der Ernährung der Bewohner 
die Anzahl der jetzt gehegten Möven (Kobben) und der neuerdings eingeführten 
Hasen vermindert werden, dagegen den Bewohnern das Aufsuchen des ersten 
Geleges der Möven unter Aufsicht wieder gestattet werden möge. 

Auch dieser durch verschiedene Anschauungsmittel unterstützte 
Vortrag wurde durch lebhaften Beifall ausgezeichnet. Einen be- 
sonderen Dank erwarb sich der Redner durch die Freundlichkeit, 
mit der er 25 Exemplare seiner »Flora der ostfriesischen Inseln« 
den Anwesenden zur Verfügung stellte. 

Herr Professor Kirchhoff-Haüe erstattete nunmehr den Bericht 
über die ThMigkeit der Zentralkammission für wissenschaftliche 
Lamleskunde. Darnach ist auch in den Jahren 1893 und 1894 im 



— 205 — 

deutschen Reich und Österreich und nach dem deutschen Muster 
auch in der Schweiz und Ungarn fleifsig an landeskundlichen 
Bibliographien und Repertorien gearbeitet worden. Die von der 
Verlagsfirma J. Engelhorn in Stuttgart herausgegebenen „Forschungen 
zur deutschen Landeskunde" haben Arbeiten über Rügen, Sachsen, 
das Riesengebirge, die Eifel, Bayern, die deutsche und die französische 
Schweiz gebracht, die, wie die früher erschienenen Hefte allgemeine 
Anerkennung gefunden haben. Leider ist aber der Absatz der Hefte 
kein den von der Verlagsfirma aufgewandten bedeutenden Kosten 
entsprechender. Um in dieser Richtung Abhilfe zu schaffen, nahm 
der Geographentag folgende von Dr. Görcke-Dortmund beantragte 
Resolution mit einer vom Geheimen Rat Professor Wagner-Göttingen 
vorgeschlagenen Abänderung einstimmig an : „Der deutsche Geographen- 
tag beauftragt die Zentralkommission für deutsche Landeskunde, sich 
durch Zuwahl aus den Kreisen der Fachlehrer zu ergänzen, um für 
die „Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde" eine 
genügende Anzahl von Abnehmern zu gewinnen, damit die Herab- 
setzung des Preises auf 8 — 10 M. für das Heft ermöglicht wird. 

Herr Professor Lehmann-Münster begründete sehr ausführlich 
folgenden Antrag: „Der deutsche Geographentag beauftragt den 
Zentralausschufs, bei der Kgl. Preufsischen Landesaufnahme den 
Antrag zu stellen, dafs auf den Mefstischblättern der preufsischen 
Landesaufnahme in Zukunft, soweit thunlich, durch farbige Aus- 
führung der Niveaulinien für ein anschaulicheres Hervortreten und 
leichtere Lesbarkeit der Geländedarstellung Sorge getragen werde." 

Herr Major von Zieten-Beilin vom Königlich preufsischen 
Generalstah äufserte in betreff dieses Antrags seine persönliche 
Meinung dahin, dafs bei diesem Wunsch das Bedürfnis und die 
Ausführbarkeit genau gegen einander abgewogen werden müfsten, 
zumal anscheinend kleine Änderungen oftmals mit grofsen Kosten 
verbunden seien. Dies treffe auch hier zu. Wenn auch mit der 
gewünschten Änderung vielleicht einige Verbesserungen geschaffen 
werden könnten, so sei die Erreichung derselben seiner Ansicht 
nach keineswegs zwingender Natur. Die Kosten seien eben recht 
beträchtlich und würden, wenn sie auch nur auf neue Ausgaben 
angewendet werden, in die Hunderttausende gehen. Dem Zentral- 
direktorium der Vermessungen sei. 1880 schon einmal ein ähnlicher 
Antrag zugegangen, dieser aber des Kostenpunktes wegen damals 
abgelehnt worden. — Die Beschlufsfassung über den Antrag erfolgte 
in der Nachmittagssitzung und zwar wurde der Antrag mit einer 
geringen Mehrheit zum Beschlufs erhoben. 



— 196 — 

arbeitet sei and spricht den Wunsch ans, dafs die jetzt in den geographischen 
Lehrbüchern übliche Darstellangsweise der Gezeiten allmählich einer rationelleren 
weichen möge. 

Am Nachmittag des 18. April wurden die Sehenswürdigkeiten 
der Stadt sowie die Handels- und Verkehrseinrichtungen besichtigt. 
Man besuchte das ehrwürdige Rathaus, besonders seine an hi- 
storischen Erinnerungen wie an künstlerischem Schmuck reiche 
Halle, ferner die stattliche Börse, die Schöpfung Heinrich Müllers. 
In letzterem Gebäude gab der Besuch des BaumwoUprobenzimmers 
den begleitenden Bremer Herren den Anlafs, den Zweck dieser Ein- 
richtung, sowie die Bedeutung Bremens im Baumwollhandel hervor- 
zuheben. Einen Einblick in die Bedeutung Bremens als Weltmarkt 
für Tabak boten die Packhäuser und Geschäftsräume einer unsrer 
grofsen Tabak-Importfirmen, der Herren Hoffinann und Leisewitz 
am Martinikirchhof. Weiter wurden die Dampfwäscherei und das 
Proviantamt des Norddeutschen Lloyd in der grofsen Hundestrafse, 
sodann die grofsartigen Anlagen der Reismühlen- und Reisstärke- 
fabrik von Gebr. Nielsen besichtigt. Vom Freihafen aus unternahm 
sodann die Gesellschaft bei schönstem Wetter mit dem Lloyddampfer 
„Libelle ** eine Fahrt auf der Weser abwärts bis zur »Langen Bucht«, 
deren Durchstechung bekanntlich den ersten Abschnitt des grofsen, 
jetzt glücklich vollendeten Werks der Korrektion der ünterweser 
bildete. Auf der Rückfahrt bot sich der malerische Blick auf die 
Stadt von der Stromseite; alle Teilnehmer dieser ersten Exkursion 
waren vollauf befriedigt. 

Das wichtigste und anziehendste Thema: Die Ünterweser und 
ihre Korrektion war Gegenstand des ersten Vortjrags der Vormittags- 
sitzung am 19. April, welche der ^^Landeskunde der deutschen 
Nordseegestade^^ gewidmet war. Es präsidierten die Herren Pro- 
fessor Th, Fischer-MsLiburg und Professor Lehmann-Mimstoir. Vor 
Eintritt in die Tagesordnung gedachte Geheime Rat Professor 
Neumayer des auf den 19. April fallenden 100jährigen Geburtstages 
des grofsen deutschen Naturforschers Chr. G. Ehrenberg und weihte 
dem Gedächtnis dieses Mannes, dessen Wirken in gleicher Weise 
für die Naturwissenschaft wie insbesondere für die Geographie von 
Bedeutung gewesen, ehrende Worte der Erinnerung. Die Ver- 
sammlung erhob sich zum Zeichen der Zustimmung von ihren Sitzen. 

Der General-Sekretär des Geographentags, Hauptmann KoUm, 
verlas die Abrechnung des Schatzmeisters^ für 1893/94; dieselbe 
ergiebt einen Kassenbestand von 36 Mk. 91 Pfg. Zum Revisor 
wurde Herr Wuppesahl-Bremen erwählt. Den bezeichneten Vortrag 



— 197 — 

hielt Herr Baurat Bücking, der treue Mitarbeiter des genialen 
Schöpfers der Weserkorrektion, des Oberbaurats Franzius, welchen 
eine Badekur von Bremen fern hielt. 

Nachdem der Vortragende einen kurzen Oberblick über die Gesamt- 
verhältnisse der Weser gegeben, deren Einteilung in die Unter- und Aufsen- 
weser erwähnt hatte, ging derselbe näher auf die Art ein, wie bei Flüssen im 
Oberlaufe und Unterlaufe die erforderlichen Querschnittsgröfsen bestimmt werden 
müssen. Während bei Flüssen im Oberlaufe bei bestimmten Wasserständen eine 
sich gleichbleibende Wassermenge in der Sekunde abströmt, ändert sieh im 
Ebbe- und Flutgebiet die Wassermenge fortwährend. 

Die Grundlagen für die im Stromschlauche der Unterweser sich be- 
wegende Wassermenge lieferten selbstschreibende Pegel, die den jeweiligen 
Wasserstand auf einen durch ein Uhrwerk getriebenen Papierbogen kontinuierlich 
aufzeichnen. An der Weser von Bremen bis Bremerhaven sind 12 selbst- 
schreibende Pegel aufgestellt. 

Die Korrektion hatte sich darauf zu erstrecken, die Flufssohle besonders 
auf der oberen Strecke zu senken und alle dem Aufdrängen der Flut ent- 
gegenstehende Hindemisse zu beseitigen; dahin gehörten in erster Linie die 
ungünstig wirkenden Stromspaltungen. Die Querschnittsgröfsen für das Niedrig- 
wasserbett, — und auf diese sollte die Korrektion sich beschränken, — waren aufser- 
dem so zu wählen, dafs die mittlere Geschwindigkeit sowohl bei Ebbe als bei 
Flut eine thunlichst gleiche würde. 

Buhnen sind bei der Unterweser nicht angewendet, weil diese lokalen 
Aufstau verursachen und zerstörend auf die lebendige Kraft des Flutwassers 
einwirken, dagegen sind die Ufer, wo solches erforderlich, durch Leitdämme 
eingefafst, an denen das Wasser ohne besonderen lokalen Aufstau geleitet wird. 
Die Leitdämme haben auf die Ausbildung des Stromes, wie die Erfahrung ge- 
lehrt hat, einen äuTserst günstigen Einflufs ausgeübt. 

Die vorhandenen Stromspaltungen sind, soweit dies sich ermöglichen liefs, 
beseitigt, wobei darauf Rücksicht genonunen wurde, dafs die Abschliefsung der 
zu beseitigenden Arme am oberen Ende erfolgte, um die Arme selbst zur Auf- 
speicherung des Flutwassers zu benutzen, das beim Abströmen spülend auf dien 
unteren Teil des Hauptarmes einwirken mufste. 

Eine klare Obersicht über die Wirkung der Arbeiten von Be- 
ginn der Korrektion bis zum Jahre 1893 gaben die ausgehängten 
Übersichtskarten der Unterweser aus den Jahren 1887, 1890 und 
1893. In diesen Übersichtskarten, die auf Grund genauer Peilungen 
hergestellt sind, waren die gleichen Tiefen unter Bremer Null durch 
kontinuierliche Kurven mit einander verbunden und die durch diese 
begrenzten Flächen ihrer Tiefe entsprechend abgetönt. Je dunkler 
die Farbe, um so gröfser die Wassertiefe: es trat dadurch die Flufs- 
sohle in den drei verschiedenen Jahren plastisch hervor. Die Strom- 
bauwerke waren durch rote Farbe hervorgehoben. Die gröfste 
Schwierigkeit haben die beiden Durchschläge im Strohauser und in 
dem bedesdorfer Arme gemacht, die bei 10 bezw. 13 m Wassertiefe 
unter dem gewöhnlichen Niedrigwasser angelegt werden mufsten. 

13* 



— 208 — 

Jeder Besucher der Tagung wird wohl mit dem Bewufstsein von Bremen 
geschieden sein, dals dort nicht nur im allgemeinen Interessantes gehoten und 
fleifsig gearbeitet wurde, sondern auch im besondem verschiedene wissenschaftliche 
Fragen ihre eingehende Erörterung und Vertiefung gefunden haben — , vor 
allem dafs die deutsche Wissenschaft in der Frage der Südpolarforschung den 
ersten praktischen Schritt zu ihrer Verwirklichung gethan hat.*' 

Noch gedenken wir der beiden Ausflüge, welche sich unter 
zahlreicher Beteiligung an den Geographentag anschlössen, nämlich 
der Fahrt am 20. April nach Bremerhaven und von da mit dem 
Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Habsburg" in See und bis in 
Sicht von Helgoland und der Exkursion am 21. in das Bremen 
benachbarte Moorgebiet bis Wörpedorf unter Fuhrung des Direktors 
der Moorversuchsstation in Bremen, Herrn Dr. Tacke. Beide Fahrten 
wurden vom schönsten Frühjahrswetter begünstigt und verliefen zur 
vollsten Befriedigung aller Teilnehmer. Dem Norddeutschen Lloyd 
gebührt der wärmste Dank für die in Bremerhaven und an Bord 
der „Habsburg" gebotene Gastfreundschaft. 

In der einige Zeit nach Schlufs des Geographentages statt- 
gehabten letzten Sitzung des Ortsausschusses wurde die Abrechnung 
vorgelegt. Darnach betrugen die gesamten Einnahmen 5844 Mark 
75 Pf., die gesamten Ausgaben 6727 Mark 64 Pf., es verblieb sonach 
ein Defizit von 882 Mark 89 Pf.*) Im Vergleich zu der Rechnung 
des Stuttgarter Geographentages (1893) ist dieses Ergebnis ein 
günstiges zu nennen. Die Ausstellung insbesondere verursachte 
4112 Mark 74 Pf. Ausgaben und lieferte 2541 Mark 16 Pf. Ein- 
nahmen, ein bedeutend höherer Betrag als man erwarten dujrfte. 

2. DiiB Ansstellnng. 

Von A. Oppel in Bremen. 
Als vor zwei Jahren in Stuttgart Bremen als der Ort für die 
nächste Tagung ausersehen war und als diese Ehre von dem Vor- 
stande der Geographischen Gesellschaft angenommen wurde, da gab 
man zugleich die Erklärung ab, dafs man sich nicht verpflichten 
könne, eine Ausstellung inö Werk zu setzen, obwohl bisher solche fast 
stets mit dieser Versammlung verbunden gewesen waren. Man stand 
dabei unter dem Eindrucke hervorragender Leistungen, wie sie 
früher Hamburg, München, Wien, Stuttgart und andre Städte zu 
stände gebracht hatten; man erinnerte sich, dafs namentlich die 
letztgenannten Städte in ihren grofsen Bibliotheken über eine be- 
trächtliche Zahl historisch-geographischer Werke verfügten, und man 
bedachte, dafs eben dieselben nicht nur Residenzen seien, sondern 

*) Das Defizit dürfte sich nach Begleichung einiger in der Sitzung des 
Ortsausschusses noch nicht vorliegenden Rechnungen dem Vernehmen nach auf 
rund 1000 Mark erhöhen. 



— 209 — 

auch in der Nähe von Gebirgen liegen, deren Veranschaulichung 
durch Karten, Reliefs und Bilder dadurch an Reiz gewinnt, dafs 
man aus den Darstellungsmitteln gleich die Probe an der Wirklich- 
keit machen kann. Solche Vorzüge bietet unsre Stadt aber nicht. 

Daher das Bedenken und der Zweifel, ob Bremen im stände 
sei, mit den Orten früherer Tagung in einen lauteren Wettbewerb 
einzutreten. Diese Stimmung hielt sich längere Zeit, ja sie schien 
fuglich in die Gewifsheit übergehen zu wollen, dafs keine Ausstellung 
veranstaltet werde. Als man aber die Vorbereitungen zu dem 
Geographentage näher ins Auge fafste, trat doch der schüchterne 
Gedanke hervor, es wenigstens mit einer kleinen Ausstellung zu 
versuchen. Dieser aber fand kräftigende Nahrung dadurch, dafs 
Herr Geheimer Rat Professor H. Wagner in Göttingen, ein Freund 
unsres verstorbenen A. Breusing, teils im Andenken an diesen her- 
vorragenden Nautiker, teils im Hinblick auf die Eigenschaft Bremens 
als Seestadt einen Vortrag über die Entwickelung der Seekarten 
ankündigte und zugleich eine Anzahl darauf bezüglicher alter Karten, 
Atlanten, Segelbücher u. a. mitbringen wollte und auszustellen wünschte. 
Im Vorstande des Ortsausschusses aber war man sich klar, dafs, 
wenn die Sache einmal angefafst werde, mit allen Kräften darauf 
hingearbeitet werden müsse, ein Werk zu stände zu bringen, welches 
sich nach den vorausgegangenen Leistungen auf diesem Gebiete 
sehen lassen dürfe. 

So falste denn der Ortsausschufs in einer Sitzung im vorigen 
Herbste den Entschlufs, eine Ausstellung zu veranstalten und betraute 
den Verfasser dieses Aufsatzes mit den vorbereitenden Schritten 
dazu, sowie später mit der Leitung des Unternehmens. Zunächst 
galt es einen Plan dafür zu entwerfen, ferner das nötige Ausstellungs- 
material zu beschaffen, weiterhin ausreichende Räume ausfindig zu 
machen und eine genügende Anzahl wissenschaftlicher Mitarbeiter 
zu gewinnen. Alle diese Vorfragen erledigten sich schnell und in 
durchaus günstiger Weise. Was zunächst den der Ausstellung zu 
Grunde zu legenden Gedanken anbetrifft, so wurde dieser zu drei 
Hauptsätzen gegliedert. Der eine lief daraus hinaus, den Fremden 
zu zeigen, was eine alte Seestadt zu bedeuten hat, die ihren Schwer^ 
punkt auf dem transatlantischen Verkehr hat, aber doch nicht un- 
mittelbar am Meere, sondern landeinwärts an einem Flusse liegt, 
dessen Tiefe jedoch den Ansprüchen der modernen Schiffahrt nicht 
mehr genügt. Aus dieser Charakteristik unsrer Stadt ergaben sich 
die darauf bezüglichen Teile : Seewesen, Schiffahrt, Wasserbau u. a., 
welche zusammen die erste Hauptgruppe ausmachten. In diesen 
Zusammenhang pafste auch die Gruppe Wagner, denn ohne See- 



— 210 — 

karten ist die moderne Schiffahrt nicht denkbar. Der atveite Haupt- 
S(üz des Grundgedankens gipfelte darin, den Bremern zu zeigen, 
was die moderne Geographie, deren auswärtige Vertreter sich hier 
versammeln sollten, in ihren verschiedenen Teilen und Zweigen zu 
leisten vermöge. Daraus ging die zweite Hauptgruppe hervor, welche 
die litterarischen und artistischen Werke für Wissenschaft, Schule 
und öffentliches Leben auf dem Gebiete der Geographie und der 
verwandten Fächer vorführte. Der dritte Hauptsatz endlich ver- 
folgte den Zweck, sowohl den fremden Besuchern als unsern Mit- 
bürgern den Staat Bremen in historisch-geographischer Beziehung 
vorzuführen. Daraus resultierte die dritte Hauptgruppe^ welche sich 
auf die Landeskunde Bremens und des Dnterwesergebietes bezog. 

Das Material, welches diese Gesichtspunkte veranschaulichen 
sollte, mufste auf verschiedene Weise zusammengebracht werden. 
Zunächst wurden die hiesigen Behörden und öffentlichen Anstalten, 
die grofsen Firmen und viele Privatleute ersucht, alle diejenigen 
Gegenstände zur Verfügung zu stellen, welche in den bezeichneten 
Rahmen passen würden. Ferner wurden hiesige und auswärtige 
Verleger aufgefordert, die neueren Verlagswerke einzusenden und 
endlich wurden auch mehrere auswärtige Bibliotheken gebeten, eine 
Anzahl wichtiger und wertvoller Werke, welche namentlich für die 
geschichtliche Entwickelung der Seekarten von Bedeutung waren, 
für die Ausstellung herzuleihen. Mit dem gröfsten Danke mufs an- 
erkannt werden, dafs die Ausstellungskommissiou — von einigen 
wenigen Ausnahmen abgesehen — überall bereitwilliges Entgegen- 
hommen fand und dafs von manchen Seiten beträchtliche Opfer im 
Interesse unsers Unternehmens gebracht worden sind. 

Für alle die grofsen und kleineren Gegenstände von auswärts 
und hier, deren Zahl sich im einzelnen auf viele Tausende belief, 
konnten im hiesigen Künstlerverein die denkbar günstigsten Bäum- 
lichJceiten beschafft werden; diese bestanden in den Sälen des ersten 
Stockes, soweit sie nicht für die Vorträge und Festlichkeiten des 
Geographentages in Anspruch genommen waren und in einigen Sälen 
des zweiten Stockes, welche bis dahin einen Teil der städtischen 
Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie beherbergt hatten, 
von der Museumsverwaltung aber zu unsrer Dankverpflichtung so 
zeitig geräumt worden waren, dafs die für die Ausstellung selbst 
notwendigen Vorarbeiten, als das Aufschlagen von Gestellen, das 
Aufstellen von Tischen, die Dekoration der unbenutzt bleibenden 
Wände u. a. ohne Überstürzung ausgeführt werden konnten. 

So durfte denn an die Disposition und die Aufstellung der 
Ausstellungsgegenstände geschritten werden, zu welchem Zweck^ 



— 211 — 

eine besondere Ausstellungskommission gewählt worden war, welche 
aus den Herren Prof. Dr. Buchenau^ Dr. Cosack, Dr. 0. Finsch, 
Vermessungsinspektor Geisler, Geh. Rat Dr. P. Kollmann (Oldenburg), 
Buchhändler M. W. Schlenker, Dr. H. Schurtjs^ Fr. Tellmann, Dr. 
W. Wolkenhauer, H, WuppesM und Dr. Ä. Oppel als Vorsitzenden 
bestand. Die Arbeiten der Aufstellung und Ausschmückung kon- 
zentrierten sich auf die letzten zwei Wochen vor Ostern, und durch 
gewaltige Anstrengung gelang es, das Werk soweit zu fördern, dafs 
am Ostersonntag, morgens 9 Uhr, die Eröffnung vor einer zahlreichen, 
geladenen Versanmilung stattfinden konnte. Gleich hier mag be- 
merkt werden, dafs die Ausstellung vom 14. bis 29. April geöffnet 
war und sich namentlich während der Verhandlungstage eines sehr 
regen Besuches zu erfreuen hatte. Die Mitglieder und die Teilnehmer 
des Geographentages hatten freien Zutritt; dem Publikum war der- 
selbe gegen ein Eintrittsgeld von 50 Pfennigen gestattet, das in der 
zweiten Besuchswoche für Schüler auf 25 Pfennige herabgesetzt 
wurde. Die Zahl der zahlenden Besucher belief sich auf nahezu 5000. 

Wenden wir uns nun zur Beschreibung der Ausstellung selbst, 
so mufs, mit Rücksicht auf den beschränkten Raum, auf eine voll- 
ständige Darlegung des reichen und vielseitigen Inhalts verzichtet 
werden; wir können denselben nur kurz skizzieren. 

Den Anfang der ganzen Ausstellung bildete die Abteilung See- 
wesen, welche eine grofse Anzahl Schiffsmodelle, nautische Instru- 
mente aus älterer und neuerer Zeit, Schiffsgeräte, Wasserzeichen, 
sowie Gegenstände des Rettungs- und Signalwesens enthielt und 
durch das freundliche Entgegenkommen hiesiger und auswärtiger 
Firmen auf das reichste ausgestattet werden konnte. Hervorragend 
haben sich der Norddeutsche Lloyd, die Aktiengesellschaft „Weser", 
der Verein zur Rettung Schiffbrüchiger, das Museum für Natur-, 
Völker- und Handelskunde, die Seefahrtschule, Herr F. Tecklenborg 
und Herr W. Ludolph in Bremen, Herr J. Pintsch in Berlin und 
Herr J. C. Cordes in Bremerhaven beteiligt. Die Aufstellung dieser 
Abteilung erfolgte unter Aufsicht des Herrn Dr. Schilling^ welcher 
auch den betreffenden Teil des Katalogs verfafste und eine ausführ- 
liche Auseinandersetzung über die nautischen Instrumente beigab. 
Zur Erläuterung dieser Gruppe war aufserdem ein Offizier des Nord- 
deutschen Lloyd, ^eiY Nawraih, anwesend; diesem mag auch an dieser 
Stelle der Dank des Komitees für die liebenswürdige und sorgfältige 
Art ausgesprochen werden, mit der er seines Amtes waltete. 

An die Abteilung „Seewesen" schlofs sich diejenige des Herrn 
Geh. Rat Professor H, Wagner in Göttingen, die in systematischer 

Creogr. Blätter. Bremen, 1895. 14 



— 212 — 

Weise die Entwickelung der Seekarten vom 13. bis 18. Jahrhundert, 
Kompafskarten, Weltkarten, Seeatlanten u. a. vorführte; dieselbe 
bestand gröfstenteils aus den Sammlungen des Herrn Professor 
Wagner, auTserdem aber aus einer beträchtlichen Anzahl wertvoller 
älterer Werke, welche auf Ersuchen des Komitees von auswärtigen 
und hiesigen Bibliotheken zur Verfügung gestellt worden waren. 
Von den ersteren seien genannt die Königliche Bibliothek und die 
Bibliothek der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, die Universitäts- 
bibliotheken in Göttingen, Marburg und Heidelberg, die K. K. Hof- 
bibliothek in Wien, die Kommerzbibliothek in Hamburg, die Stadt- 
bibliotheken in Lübeck und Frankfurt. Zum näheren Verständnis 
dieser höchst wertvollen Abteilung diente der betreifende von Professor 
Wagner verfafste Abschnitt des Kataloges, der auch in einer Sonder- 
ausgabe erschienen ist. 

Die nächstliegende Abteilung der Ausstellung war von der 
Deutschen Seewarte durch Herrn Geheimen Anmiralitätsrat Professor 
Neumayer eingesendet worden und bestand aus einer stattlichen 
Reihe älterer und neuerer Werke und Karten über maritime 
Meteorologie, aus Segelhandbüchern, Segelanweisungen u. a. Auch 
gehörten dazu mehrere Aquarelle, welche landschaftliche Szenerien 
aus Südgeorgien darstellten. Die vierte Abteilung, ausgestellt von 
der Verlagsbuchhandlung von D. Reimer in Berlin, enthielt eine 
Anzahl deutscher Admiralitätskarten, namentlich solche, welche sich 
auf die Unterweser, die Nordseeküste und die deutschen Schutzgebiete 
beziehen, auTserdem waren die hier vom Reichsmarineamte heraus- 
gegebenen Segelhandbücher für die Ostsee und die Nordsee ausgelegt. 

Die zuletztgenannten Gegenstände führten zu dem Weserstrom^ 
dessen Unterlauf durch Stromkarten aus älterer und neuerer Zeit 
illustriert wurde. Diese, den Sammlungen des Staatsarchivs und der 
Stadtbibliothek entnommen, erregten ein doppeltes Interesse; einmal 
konnte man durch Vergleich der nebeneinander aufgehängten Blätter 
erkennen, in welcher Weise sich der Stromlauf unsres heimischen 
Flusses im Laufe der Zeit geändert hat; sodann konnte man er- 
kennen, welche Fortschritte die Technik in der Darstellung solcher 
Verhältnisse gemacht hat. Von den älteren Stromkarten seien 
namentlich diejenigen des Ingenieurkapitäns C L. Murtfeldt ge- 
nannt, der am Schlufs des vorigen und im Anfang dieses Jahr- 
hunderts viele derartige Arbeiten ausgeführt hat. Die vollkommensten 
Weserstromkarten sind natürlich diejenigen, welche bei Gelegenheit 
der Weserhorrektion hergestellt worden sind. In dankenswerter Weise 
hatte die Leitung der Unterweserkorrektion ein grofses Reliefmodell 



J 



— 213 ~ 

der Unterweser und mehrere ausgedehnte Pläne zur Verfügung gestellt, 
denen sieh fernerhin eine Reihe von Zeichnungen zum Hafenbau 
in Bremen und Bremerhaven, eine grofse Einseglungskarte der Weser 
und verschiedene Zeichnungen von Leuchttürmen und Leuchtschiffen 
anschlössen. Diese stammten aus den Ateliers der Hafeninspektionen 
in Bremen und Bremerhaven. 

Die vorbenannten Abteilungen, welche die erste Hauptgruppe 
ausmachten, waren in den Sälen des ersten Stocks aufgestellt. Von 
da aus führt eine Treppe, welche einen reichen Schmuck aus Fahnen 
und Wappen erhalten hatte, in das zweite Stock, in dessen aus- 
gedehnten Räumen die zweite und die dritte Hauptgruppe unter- 
gebracht waren. Den Anfang der zweiten Hauptgruppe, welche wie 
bereits mitgeteilt, litterarische und artistische Werke für Wissen- 
schaft, Schule und Haus teils in systematischer Zusammenstellung, 
teils in Beschränkung auf die Veröffentlichungen der letzten zwei 
Jahre enthielt, machte die Sonderausstellung der Geographiseheti 
Verlagsanstalt von D. Reimer (Höfer u. Vohsen) in Berlin. Diese 
Firma, welche seit langem auf dem Gebiete der Kartographie, der 
Globenherstellung und des geographischen Buchverlages in hervor- 
ragender Weise thätig ist, führte namentlich ihre Veröffentlichungen der 
letzten zwei Jahre vor, unter denen besonders die Kartenwerke der 
beiden berühmten Kiepert, Vater und Sohn, die ausgezeichneten Karten 
von Attika (Curtius und Kaupert), zahlreiche Globen vom mächtigen 
Riesenglobus bis zum Handglobus und eine stattliche Reihe von 
Büchern, die Aufmerksamkeit der Besucher in Anspruch nahmen. 

Auf Reimer folgte die Sonderausstellung des altberühmten 
Geographischen Instittdes von J. Perthes in Gotha, das die wichtigsten 
seiner einschlägigen Veröffentlichungen in einer vorzüglichen An- 
ordnung vorführte. Das besondere Interesse der Besucher erregten 
hier die auf Rahmen gespannten Kartenwerke wie C. Vogels Karte 
des deutschen Reiches, R. Lepsius geologische Karte des deutschen 
Reiches, H. Habenichts Karte von Afrika, der Sydow-Habenichtsche 
Wandatlas, R. Lüddekes deutscher Schulatlas u a. Ein besonderes 
Verdienst aber erwarben sich die beiden geographischen Spezialfirmen 
dadurch, dafs sie die Einrichtung der Räume und die Anordnung ihrer 
Ausstellungsstücke auf eigne Kosten herstellen liefsen, während diese 
bei den meisten übrigen Teilen der Ausstellung von dem Ortsaus- 
schusse des XL deutschen Geographentages bestritten wurden. 

In den folgenden Räumen setzte sich die Vorführung der 
litterarischen und artistischen Werke fort. Diese waren meist auf 

Verlangen der Kommission (durch die dankenswerte Bemühung der 

14* 



— 214 — 

Buchhandlung von BüfUe & Schlenker in Bremen) von den dazu 
aufgeforderten Verlegern 2ur Verfügung gestellt worden ; doch hatten 
auch einige Firmen ihre Erzeugnisse unaufgefordert eingesandt, welche 
dann bereitwillige Aufnahme fajfiden. Bei der Anordnung dieser 
Kollektivausstellung des deutschen und osterrei^^ischeti Buchhandels, 
dem sich die auf geographischem Gebiete mit rührigem Eifer thätige 
Firma J. B. Wolters in Groningen anschlofs, war soviel wie möglich 
in systematischer Weise vorgegangen worden^ d. h. die gleichartigen 
Gegenstände waren entweder unmittelbar nebeneinander oder doch 
in nächster Nähe bei einander aufgestellt. Namentlich war hierbei 
den Werken für die Schule eine besondere Sorgfalt und Aufmerksam- 
keit gewidmet worden, imd die Lehrer der Geographie wie die Lehrer 
überhaupt, welche, wie wir hervorheben^ in grofser Zahl und imt 
augenscheinlichem Interesse hier verweilten, fanden in dieser Abteiiang 
eine reichhaltige Sammlung von Karten und Büchern, darunter solche, 
welche ihnen bereits bekannt imd vertraut waren, aber wohl auch 
Vieles, was ihnen zum ersten Male entgegentrat. Denn das Komitee 
hatte sich es angelegen sein lassen, die auf die Schule bezüglichen 
Veröffentlichungen in möglichster Vollständigkeit, namentlich betreffend 
die neuesten Erscheinungen, herbeizuziehen. So umfafste z.. B. >die 
Abteilung „Karten und Atlanten" in systematischer Zusammenstellung 
mehr als 200 Nummern; die Abteilung „Bücher" wies gegen 250 
Nummern auf. Die erstgenannte Abteilung „Karten und Atlanten" 
gliederte sich in drei Unterabteilungen. 

Diese waren: A. Wandkarten für die Schule, a) Die gesamtei 
Erde, b) Auswärtige Erdteile, c) Europa, ganz und gröfsere Teile. 
d) Einzelne Länder Europas, e) das deutsche Bfeich. f) Teile des 
deutschen Reiches, g) Geschichtliche Karten. B. Wissenschaft- 
liche Kartenwerke und Karten gröfseren Mafsstabes. C. Karten für 
das praktische Leben. D. Atlansen für die Schule und andre 
Zwecke. Die Abteilung „Bücher" zerfiel ebenfalls in mehrere Unt»- 
abteilungen. Die nächste Abteilung bestand aus Instrumente^i^ Geb- 
raten, BdiefSj Globen, Handelsprodukten u. dgl., muCste aber aus 
räumlichen Gründen sehr eingeschränkt werden. Wir heben daraus 
W. Dies praktischen Kurvimeter und A. Wesches reichhaltige und 
gut geordnete Privatsanmilung von Handelsprodukten hervor« 

Um so umfangreicher war die darauffolgende Abteilung, welche 
Bilder enthielt, ausgefallen. Sie wies in etwa 260 Katalognummern 
mehrere Tausend Einzelbilder auf und gliederte sich In vier Unter- 
abteilungen (A. Bunt- und Schwarzdruck für die Schule; B. Photo- 
graphien ; C. Aquarelle ; D. Kupferstiche). Von Bunt- und Sphwarjg' 



— 215 — 

drucken für die Schale war wohl alles vorhanden, was auf diesem 
(xebiete in den letzten dreifsig Jahren erschienen ist, doch würde 
es zu weit führen, hier Einzelheiten aufzählen zu wollen. Da es nun 
ein grofses Interesse hat, zu erkennen, wie sich das „Schulbild" verhält 
zu der durch rein mechanisches Verfahren gewonnenen Photographie 
und zu dem von Künstlerhand geschaffenen Bilde, so waren auch 
Bilder dieser Art herbeigezogen worden. Photographien, sowohl von 
Fachphotographen als von Amateuren herrührend, waren beinahe 
2000 Stück vorhanden und durch die Mühewaltung des Herrn 
Fr, Tellmann in geeigneter Weise aufgestellt; davon bezogen sich 
mehr als 600 auf Grönland und entstammten den Expeditionen der 
Herten Dr. E. von Drygalsky und Dr. Vanhöffen. Aber nicht nur 
fremde Länder wie Grönland, die Vereinigten Staaten, Mittelamerika, 
Spitzbergen, Nowaja Semlja, West- und Ost-Afrika, Italien, Süd- 
frankreich, der Orient u. a. waren durch Photographien veranschaulicht, 
sondern auch unsre Heimat und zwar die niedersächsische Ebene 
durch eine Kollektion des Herrn E. WoUfram und die Wesergebirge 
durch eine Sammlung des Herrn F. Koch. 

Aquarelle hatten die Herren Dr. 0. Finsch in Delmenhorst 
und Kunstmaler Fr, Perlberg in München beigesteuert. Letzterer 
schildert in 50 gröfseren und kleineren Stücken eine Reise nach 
den Vereinigten Staaten, namentlich in die hochmalerischen Gebiete 
der Felsengebirge. Die Aquarelle von Dr. 0. Finsch, etwa 200 an 
Zahl, bezogen sich auf die Ethnographie der Südseeinsulaner, deren 
Körpertypen, Wohnstätten, Fahrzeuge und Hautverzierungen in 
eingehender und anschaulicher Weise dargestellt waren. Zur Er- 
gänzung dieser Südaeebilder diente eine kleine, aber feine Sammlung 
mehr oder minder bearbeiteter Materialien zum Schmuck, sowie 
Stein- und Muschelwerkzeuge. 

Die Kupferstiche, welche der hiesige Kunstverein hergeliehen 
und welche Herr Dr. Gosack aufgestellt hatte, bestanden in wert- 
vollen Städteansichten und Landschaftsbildern, erstere vorzugsweise 
aus Italien, letztere meist aus Deutschland. 

Die dritte Hauptgruppe befafste sich, wie früher mitgeteilt, 
mit der Landeskunde Bremens und des Unterwesergebietes in Gegen- 
wart und Vergangenheit und zeichnete sich durch grofse Mannig- 
faltigkeit aus, die namentlich der regen Beteiligung von hiesigen 
Behörden, staatlichen Anstalten, Vereinen und Privatpersonen zu 
danken ist. Im folgenden soll nur eine kurze Andeutung über die 
hier dargeboten gewesenen Schätze gemacht werden. 

Den Anfang machte eine Reihe von Plänen der Stadt Bremen, 



— 216 — 

deren ältester etwa 300 Jahre vor der Gegenwart zurückliegt. Das 
Eigentümliche der älteren Pläne besteht darin, dafs sie halb Grondrifs 
halb Bild sind, eine Darstellungsweise, die im 17. Jahrhundert 
seltener wird und dann vollständig verschwindet. In ihren Einzel- 
heiten richtete sich dieee Gruppe namentlich an die Bremer, welche 
somit Gelegenheit erhielten, das allmähliche Wachstum ihrer Stadt 
verfolgen zu können. Im Zusammenhang mit den Plänen stand 
eine Anzahl bildlicher Ansichten unsrer Stadt, die so gewählt 
waren, dafs sie sowohl die ganze Stadt als auch gröfsere und 
kleinere Teile derselben zu verschiedenen Zeiten darstellten. Von 
den einzelnen Teilen 'nahmen einige, wie der Markt und seine 
hervorragenden Bauwerke, das besondere Interesse in Anspruch; 
andre hatten im Laufe der Zeit so starke Veränderungen erfahren, 
dafs sie dem jetzt lebenden Geschlechte durchaus fremd erschienen, 
wie z. B. das Castellum sponsae und der frühere Dom. In die un- 
mittelbare Gegenwart führten wieder die Aquarelle, Pläne und Bilder, 
welche, von der Parkdirektion dargeboten, den so beliebten Bürger- 
park zum Gegenstand hatten. 

Darauf folgte der Naturwissenschaftliche Verein mit seinen 
Veröffentlichungen und einer Anzahl von Bildern, die Geographische 
Gesellschaß, die Meteorologische Station^ die Norddeutsche Mission 
und das Statistische Bureau vorwiegend mit ihren Publikationen. 
Es mag bemerkt werden, dafs auf Grund von Berechnungen des 
statistischen Amtes zwei Erdkarten von Dr. A. Oppel hergestellt 
worden waren, von denen die eine mit zwölf Farben den Anteil 
darstellt, den die einzelnen Länder der Erde an dem Warenverkehr 
Bremens (1894) nehmen. Die andre Karte veranschaulichte, eben- 
falls in zwölf Farben, den Aufschwung, den der Bremische Handel 
in den letzen 45 Jahren genommen hat. 

Eine Pflicht der Pietät war es, in der Ausstellung diejenigen 
Männer in Bild oder Skulptur vorzuführen, welche sich entweder 
um die Stadt oder um die Erdkunde im allgemeinen und verwandte 
Fächer oder um die spezielle Landeskunde unsrer engeren Heimat 
bemerkenswerte Verdienste erworben haben. Durch die Güte von 
Vereinen, Anstalten und Privaten war es möglich, Bilder oder Büsten 
oder beides zusammen auszustellen von Männern wie Bürgermeister 
Smidt, Bürgermeister Du^ckwitz^ Konsul H, H, Meier y Chr, Papendieck, 
W. Olbers, Ä, Breusing, J, G. Kohl, Senator Gildemeister u. a. 
Letzterer ist derjenige, welcher zusammen mit Senator Heineken die 
erste auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende Karte des Bremer 
Gebietes hergestellt hat. Die Heinekensche Karte vom Jahre 



— 217 — 

1805, ein ehrwürdiges Denkmal feiner Zeichnung, war im Original 
unter Glas und Rahmen ausgestellt. Besonders anziehend war dabei 
der Umstand, dafs es Herrn Vermessungsinspektor Geisler gelungen 
war, die wissenschaftlichen Elemente, auf denen die Gildemeister- 
Heinekensche Karte beruht, zu rekonstruieren und auf einem be* 
sondern Blatte darzustellen. 

Beide Werke gehörten in diejenige Abteilung, welche die 
Karten des Bremer Gebietes in geschichtlicher Beihenfolge vorführte. 
Die älteste derselben stammt aus der Chronik des Dilichius (1604) ; 
die jüngste war die ebep erschienene dritte Auflage der Schulwand- 
karte des Bremer Gebietes von Professor Dr. Fr. Buchenau, welcher 
Herr in Verbindung mit den Herren Vermessungsinspektor Geisler 
und Dr. TF. Wolkenhatier die dankenswerte Aufgabe übernommen 
hatte, die dritte Hauptgruppe der Ausstellung anzuordnen. 

An die Karten des Bremer Gebietes schlofs sich die Ausstellung 
des hiesigen Katasteramtes (Direktor Lindmeyer), welche, aus Büchern, 
Plänen, Karten und Instrumenten bestehend, einerseits zeigte, auf 
welche Weise und mit welchen Mitteln eine alle Ansprüche der 
Gegenwart befriedigende Detailaufnahme in trigonometrischer, geo- 
dätischer und topographischer Beziehung ausgeführt wird, anderseits 
aber darlegte, auf welche Weise die für die Immobiliarverhältnisse 
so wichtigen Katasterkarten hergestellt werden. Den Geographen 
zumal interessierten die Vorführungen des Katasteramtes nicht nur 
deshalb, weil sie die feste Grundlage aller Pläne und Karten von 
Bremen und seinem Gebiete ausmachen, sondern auch dadurch, dafs 
auf Grund solcher Arbeiten der Anschlufs an das hannoversche 
Dreiecksnetz bewirkt wird, aus dem dann die so nötigen Karten 
grofsen Mafsstabes für das nordwestliche Deutschland abgeleitet 
w den. 

Aus diesem Gebiete waren besonders die Karten und Pläne 
aus dem Herzogtum Oldenburg zu erwähnen, welche durch die 
Freundlichkeit der oldenburgischen Staatsbehörden unter besonderer 
Mühewaltung des Herrn Geh. Regierungsrat Dr. P. Kollmann zur 
Verfügung gestellt waren. Weiterhin waren noch mehrere Karten 
vorhanden, welche das Land westlich der Weser und die Seeküste 
zum Gegenstande hatten. 

Als letzte Gruppe — last, not least — erschien die Ausstellung 
der Moorversuchsstaiion (Direktor Dr. Tacke), welche die nordwest- 
deutschen Moore nach den verschiedensten Richtungen in höchst 
instruktiver Weise darstellte. Man fand da die wichtigsten Moor- 
pflanzen, Karten der nordwestdeutschen Moore, photographische Auf- 



— 218 — 

nahmen daraus, Geräte für die landwirtschaftliche Bearbeitung des 
Moores, Geräte für die Torfgewinnung, Bodenprofile, das Modell eines 
Siedlerhauses, typische Bodenformen von kultivierten und nicht 
kultivierten Mooren, sowie Produkte der technischen Verarbeitung 
des Moores. Wenn diese Abteilung, welche namentlich für die aus- 
wärtigen Besucher des Geographentages viel neues und anziehendes 
bot, den Beschlufs der ganzen Ausstellung machte, so ging dies aus 
dem Gedanken hervor, welcher der dritten Hauptgruppe zu Grunde 
gelegt worden war. Dieser aber bestand darin, dafs der Anfang 
mit der Heimatstadt gemacht und diese nach den verschiedensten 
Richtungen dargestellt werden sollte. Von da ging es zur nähern 
und weitern Umgebung, um füglich mit etwas allgemeinem zu enden. 
Die Moore aber sind nicht speziell bremisch, sondern gehören der 
ganzen Erde an. Somit klang das Ganze mit einem Gegenstande 
der allgemeinen Erdkunde aus. 

Wie bereits früher angedeutet, konnte auf den vorstehenden 
Seiten der reiche und vielseitige Inhalt der Ausstellung des XI. deutschen 
Geographentages nur skizziert werden. Eine genaue Darlegung findet 
man in dem Kataloge, der, herausgegeben im Auftrage des Orts- 
ausschusses von der Ausstellungskommission (Redaktion: Dr. A. 
Oppel, Dr. H. Schurtz, und Dr. W. Wolkenhauer) 110 Seiten stark 
ist und in 2400 Exemplaren gedruckt wurde. Auch über den regen 
Besuch der Ausstellung ist früher eine kurze Mitteilung gemacht 
worden. Dafs dies Werk als ein wohlgelungenes bezeichnet werden 
darf, darüber liegen, abgesehen von zahlreichen mündlichen ÄuTse- 
rungen und den Besprechungen der Tagesblätter, schon jetzt ver- 
schiedene schriftliche Gutachten von kompetenten fachmännischen 
Beurteilen! vor, so z. B. in Petermanns Mitteilungen (Juniheft), in 
der Geographischen Zeitschrift (erstes Heft), in den Verhandlungen 
der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, in der Zeitschrift für Schul- 
geographie u. a. 

Die Veranstalter und die Mitarbeiter an der Ausstellung dürfen 
also auf jene arbeitsreiche Zeit mit dem Bewufstsein zurückblicken, 
dafs die darauf verwendeten Mühen und Kosten nicht vergebens ge- 
wesen sind; alle diejenigen aber, welche die Ausstellung in irgend 
einer Weise unterstützt haben, mögen auch hier nochmals den ge- 
bührenden Dank empfangen. Wir schliefsen mit dem Wunsche und 
der Hoffnung, dafs die Ausstellung das ihre dazu beigetragen haben 
möge, den geographischen Bestrebungen in unsrer Stadt einen neuen 
und kräftigen Impuls zu geben! 



— 219 — 

Die siebente allgemeine Yersammlnng 
der Deutschen meteorologischen Gesellschaft zn Bremen 

am 16.— 19. April 1895. 

Die Versammlung erfolgte im Anschlufs an die XI. Tagung des deutschen 
Geographentages, in deren Programm die Ozeanographie und die maritime 
Meteorologie eine hervorragende Beachtung gefunden hatten. 

Im Hinblick auf diesen umstand wurde auch von Vorträgen von 
allgemeinem Interesse in einer besondern öffentlichen Versammlung Abstand 
genommen. 

Für die Versammlung der Gesellschaft hatten schon längere Zeit vorher 
die Herren Dr. Bergholz, Lloyddirektor Marquardt, Dr. Schilling und Konsul 
L. Strube ein Lokalkomitee gebildet, das für einen zweckmäfsigen Sitzungssaal 
gesorgt hatte, und zwar in den Räumen des Künstlervereins, in welchem auch 
die Geographen tagten. 

Nach der zwanglosen Vorversammlung am Abende des 16. April war der 
Vormittag des 17. der Beteiligung an der ersten Zusammenkunft des Geographen- 
tages gewidmet (Vorträge über die Südpolarfrage von Neumayer, Don Drygalski 
und Vanhöffen). 

Am Nachmittage des 17. April, um S^h Uhr, wurde die erste fach- 
wissenschaftliche Situng abgehalten, mit Vorträgen der Herren Berson, Möller 
und Hellmann, worüber weiter unten berichtet wird. (Den Vorsitz führte Herr 
Dr. Bergholz.) Daran schlols sich um 5^'2 Ühi* die erste Vorstandssitzung, bei 
welcher anwesend waren die Herren Behre (Berlin), v. Bezold (Berlin), HeBmann 
(Berlin), Koppen (Hanäburg), Möller (Braunschweig), Schreiber (Chenmitz), 
Scholtbeifs (Karlsruhe), Sprung (Potsdam). 

Aus den Berichten des ersten Schriftführers (Professor Börnstein) und 
des Kassierers (Rechnungsrat Behre) sei folgendes mitgeteilt: 

Seit dem letzten, auf der Versammlung in Braunschweig 1892 erstatteten 
Berichte ist die Gesellschaft in der Zahl ihrer Mitglieder um 34 zurückgegangen. 
Während dieses Sinken der Mitgliederzahl naturgemäfs mit einer entsprechenden 
Verminderung der Einnahmen Hand in Hand ging, traten anderseits erhöhte 
Ansprüche an die Gesellschaft heran, indem die Verlagsfirma Ed. Hölzel in Wien 
infolge der gesteigerten Druckkosten Bedenken trug, den bisherigen Verlags- 
vertrag zu verlängern. Die Schwierigkeit konnte indes behoben werden, einer- 
seits durch das sehr entgegenkommende Verhalten der österreichischen Gesell- 
schaft für Meteorologie, anderseits durch Obernahme eines Teils der Redak- 
tionskosten (in maximo 2(X) fi. jährlich) auf unsre Gesellschaftskasse, so dafs 
nach einigen Abänderungen eine Verlängerung des Verlagsvertrages bis Ende 
Dezember 1896 zu stände kam. Zugleich wurde auf Antrag des ersten Vor- 
sitzenden der Gesellschaft, von dem Herrn Minister für geistliche, Unterrichls- 
und Medizinalangelegenheiten in Berlin, im April 1894 eine aufserordentliche 
Beihilfe von 600 Mark bewilligt, um die weitere Herausgabe der Zeitschrift 
in einer würdigen und zweckentsprechenden Weise sicher zu stellen. 

Nacht erfolgter Einsichtnahme der aufliegenden Rechnungsablage des 
Schatzmeisters wurde der übrige Teil der ersten Vorstandssitzung auf die 
Erörterung der von der Berliner Vorstandschaft vorgeschlagenen Statuten- 
änderungen verwendet. 



— 220 — 

Am 18. April vormittags schlofs man sich wieder dem Geographentage 
an, welcher an diesem Tage „die Hauptaufgaben der Ozeanographie und mari- 
timen Meteorologie, sowie die Entwickelang der Kompafs- bezw. Seekarten" als 
Beratungsgegenstand aufgestellt hatle (mit Vorträgen der Herren Wagner, 
Krümmel und Borgen). 

Der Nachmittag des 18. April war der Besichtigung von Handels- nnd 
Yerkehrseinrichtungen und sonstigen Sehenswürdigkeiten Bremens gewidmet, 
wobei u. a. Herr Konsul Strube in liebenswürdigster Weise den Führer machte, 
zumal die Besichtigung des Platzes der von Herrn Dr. Bergholz geleiteten 
meteorologischen Station I. Ordnung dabei in erster Linie in Aussicht ge- 
nommen war. 

Am Freitag, den 19. April, wurde von 10 — 1 Khr die zweite und letzte 
fachwissenschaftliche Sitzung abgehalten, und zwar unter dem Vorsitze des 
Herrn Professors Arthur Schuster aus Manchester. Vorträge wurden gehalten 
von den Herren v. Bezold, Hellmann, Schuster, Sprung und Koppen; an der 
Diskussion beteiligten sich noch besonders die Herren A. Schmidt (Gotha), 
Wagner (Göttingen), Schreiber (Chemnitz) und Möller (Braunschweig). 

In der auf nachmittags 4 Uhr desselben Tages anberaumten Vorstands* 
Sitzung wurde die Beratung über die Statutenänderung fortgesetzt. 

Nach Schluls der Vorstandssitzung fand eine geschäftliche Sitzung der 
Mitglieder der Gesellschaft statt. Die Versammlung beriet und genehmigte 
zunächst die Statutenänderungen, unter denen die wichtigste derin besteht, dafs 
die allgemeinen Versammlungen der Deutschen meteorologischen Gesellschaft 
nicht mehr alljährlich, sondern alle drei Jahre stattfinden sollen. Näheres wird 
man aus der neuen Auflage der Statuten selbst ersehen, deren Druck beschlossen 
wurde, nachdem die Statuten in der ursprünglichen Form (vom Jahre 1883) 
mit einigen Zusätzen und Abänderungen aus den Jahren 1884 und 1885, nicht 
mehr zeitgemäfs erschienen. 

Hieran schlofs sich die Verlesung der Berichte des Schriftführers und 
des Kassierers, sowie die Wahl des Vorortes und des Vorstandes. Beide blieben 
im wesentlichen unverändert. Berlin wurde auf drei weitere Jahre zum Vorort 
und Herr von Bezold zum ersten Vorsitzenden gewählt. Die übrigen 15 Vor- 
sandsmitglieder sind die Herren: 

im engeren Vorstand: Neumayer (Hamburg) zweiter Vorsitzender, Kremser 
(Berlin) erster Schriftführer, Sprung (Potsdam) zweiter Schriftführer, Hellmann 
(Berlin) Redakteur, Behre (Berlin) Schatzmeister; 

als ergänzende Mitglieder: Börnstein (Wilmersdorf bei Berlin), Müttrich 
(Eberswalde), Schreiber (Chemnitz), Koppen (Hamburg), Erk (München), Her- 
gesell (Strassburg i. E.), L. Mayer (Stuttgart), Möller (Braunschweig), Schult- 
heiss (Karlsruhe). 

Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten hielt Herr Dr. Elster 
noch einen ganz kurzen Vortrag „über einen Nachweis der Existenz von mit 
Wasserdampf übersättigter Luft", welcher inzwischen im Maiheft der „Meteoro- 
logischen Zeitschrift" bereits zur Veröffentlichung gelangt ist, und sodann begab 
sich die Gesellschaft nach dem Hause des Herrn Dr. Bergholz, um die von ihm 
geleitete Station I. Ordnung der Stadt Bremen zu besichtigen. 

Es gereichte den Mitgliedern der Gesellschaft zu besonderer Freude, die 
vorzügliche instrumenteile Ausrüstung dieser Station kennen zu lernen, und 
es wurde nur allgemein der Wunsch laut, dafs die beabsichtigte Übertragung 



— 221 — 

derselben aus dem Privathause des Beobachters in ein am Freihafen gelegenes, 
vorzüglich zur Aufnahme derselben geeignetes Gebäude sich bald verwirk- 
lichen möge.*) 

Wissenschaftliche Yorträge. 

In der ersten Sitzung vom 17. April sprach zunächst Herr Berson über 
die wissenschaftlichen Ballonfahrten des Deutschen Vereins zur Förderung der 
Luftschiffahrt und die dabei gewonnenen Resultate. Bezüglich der Einzelheiten 
dieses Vortrages sei auf die von Herrn Professor AXsmann in der Zeitschrift 
für Luftschiffahrt, XTV, S. 83—94, gegebene Darstellung verwiesen. 

Hierauf machte Herr Möller ^^ine kurze Bemerkung zum Wettemach- 
richten-Dienst." 

Es ist für eine Förderung der meteorologischen Wissenschaft und der 
sie vertretenden Gesellschaft wünschenswert, fortlaufend grölsere Kreise für die 
Witterungskunde zu interessieren. Dieses ist am sichersten dadurch zu er- 
reichen, dafs der Witterungsnachrichten-Dienst thunlichst Förderung erfahre. 
In dieser Richtung dürfte es sich empfehlen, das Schema des kleinen tele- 
graphischen Wetterberichtes, soweit es sich um Mitteilungen für das Binnen- 
land handelt, etwas abzuändern. Es ist wünschenswert, bezw. notwendig, in 
dem Telegramm anzugeben, ob das Barometer in den letzten 12 Stunden seit 
dem Vorabend gefallen oder gestiegen ist. Verfügbar ist für diese Angabe eine 
Ziffer, welche jetzt die Stäi:ke des Seeganges aufführt, ein Beobachtungselement, 
welches den Binnenländer nicht interessiei*t, auch wohl nicht in den Tagesblättern 
zur Verwendung gelangt und daher unbeschadet durch die weit wichtigere 
Mitteilung „ob das Barometer fällt oder steigt*' ersetzt werden kann. 

Der hierauf gehaltene Vortrag von Herrn Hellmann „Ober die jährliche 
Periode der Stürme in Europa*' soll ausführlich in der Meteorologischen Zeit- 
schrift veröffentlicht werden. 

Am 19. April vormittags leitete dann Herr v. Bezold die Tagesordnung 
ein mit einem dreiviertelstündigen Vortrage „Ober die Isanomalen des erd- 
magnetischen Potentials'*. Eine entsprechende Abhandlung über dieses Thema 
hatte derselbe soeben in den Berliner Akademieberichten zur Veröffentlichung 
gebracht; überdies soll ein längeres Referat darüber in der Meteorologischen 
Zeitschrift erscheinen. 

Herr G. Hellmann sprach hierauf über „Magnetische Karten des 18. Jahr- 
hunderts". 

Nach einer kurzen Einleitung über das langsame Bekanntwerden der 
Milsweisung in gelehrten Kreisen (1527 zum ersten Male in einem gedruckten 
Buche erwähnt, 1532 erste bildliche Darstellung), wie über die vor Halley ge- 
machten Versuche kartographischer Darstellungen der Verteilung der magneti- 
schen Abweichungen, erläutert der Redner die von ihm ausgestellten Original- 
karten aus dem 18. Jahrhundert. Es sind dies in chronologischer Reihenfolge : 
1700 Halleys Isogonenkarte (Nord- und Südamerikanischer Ozean; Atlantischer 

und Indischer Ozean in verschiedenen Ausgaben). 
1713 Tr^ziers Karte der Isogonen um Südamerika. 
1744 Isogonenkarte von Mountaine und Dodson. 



*) Die Verlegung der meteorologischen Station in das Hafenhaas des Freibezirks 
ist inzwischen (Anfang Juli) von Senat und Bürgerschaft beschlossen, so dal's die Station 
schon in diesem Herbste in die schönen neuen Bäume übersiedeln wird. 



— 222 — 

17Ö0 Isogonenkarte für die Nord- und ftir die Südhemisphäre von Nikolaus 

V. Ewyk. 
1757 L. Eolers Isogonenkarte für West- und Osthemisphäre. 
1770 J. H. Lamberts kleine Deklinattonskarte für die ganze Erde. 
1776 Damms Mifsweisungs-Atlas. 

1776 C. G. Kratzensteins grofse Isogonenkarte der Erde. 
1794 J. Churchmans magnetischer Atlas. 

Auch die beiden Isoklinenkarten des 18. Jahrhunderts Yon W. Whiston 
(1721) und J. C. Wilde (1768) werden vorgelegt und erläutert. 

Vortragender hebt hervor, wie fast alle diese Karten Schiffahrtszwecken 
gedient haben, wie sie meist verbraucht und sehr selten geworden sind, xmd 
bespricht im einzelnen die besonderen Eigentümlichkeiten der einzelnen Karten, 
deren Konstruktion zum Teil auf blolser Beobachtung beruht, welcher zum 
Teil aber auch irgend welche vorgefalste Theorie in Verbindung mit der Be- 
obachtung zu Grunde liegt. Die Idee, das sogenannte Längenproblem auf 
magnetischem Wege lösen zu können, die nicht vor Anfang dieses Jahrhunderts 
endgiltig aufgegeben wurde, hatte zur Herstellung fast aller magnetischen 
Karten des vorigen Jahrhunderts die unmittelbare Veranlassung gegeben, wie 
es ja auch durch volle drei Jahrhunderte das Interesse an erdmagnetischen 
Untersuchungen überhaupt wach gehalten hat. Erst unserm Jahrhundert 
(Humboldt, GauTs) blieb das Studium des Erdmagnetismus um seiner selbst 
willen, als eines geophysikalischen Problems, vorbehalten. 

Hieran sehlols sich ein Vortrag des Herrn Arthur Schuster „Über die 
26tägige Periode metecHrologiseher Erscheinungen«. 

Man hat schon öfter in magnetischen und meteorologischen Unterstichungen 
eine 26tägige Periode zu erkennen geglaubt und dieselbe der Sbnnenrotaiion 
zugeschrieben. Bei der grofsen Wichtigkeit eines solchen Einflusses ist es 
nötig, mit grofoer Vorsicht die versekied^en Fehlerquellen zu untersuchen, 
dureh die man bei dem Suchen nach Perioden in einer unregelmäfsig verlaufen- 
den Kurve leicht verleitet werden könnte. Eine genauere Kritik der bisher ver- 
öffentlichten Untersuchungen ergiebt das Resultat, dafs die 26tagige Periode 
vor der Hand nicht als erwiesen betrachtet werden kann. 

Redner legte aufserdem der Gesellschaft einen von Herrn Julius Tritt 
konstruierten Thermographen vor. 

Der Thermograph besteht der Hauptsache nach aus einem Alkohol-Thermo- 
meter, dessen Kapillarröhre mit Quecksilber gefüllt ist. Das Thermometer ist 
nach der Art eines Wagebalkens um eine horizontale Achse drehbar. Das mit 
Alkohol gefüllte Gefafs bildet die eine Seite der Wage, die Kapillare den Balken 
und durch ein Gegengewicht wird das Ganze bei mittlerer Temperatur in horizon- 
taler Lage gehalten. Tritt aber eine Temperaturänderung ein, so wiid ein 
Teil des Quecksilberfadens von der einen Seite der Wage auf die andre ge- 
trieben und derselbe nimmt dann eine andre Gleichgewichtsstellung ein. Die 
Registrierung geschieht durch Oberspringung eines kleinen elektrischen Funkens 
auf eine Trommel, die wie beim Richardschen Thermographen durch ein Uhr- 
werk getrieben wird. Ein kleines Induktorium ist dem Instrument beigegeben 
und es ist auch Vorkehrung getroffen, dafs dasselbe gegen Staub und Wind 
geschützt ist. Der Thermograph läfst sich leicht regulieren, und seine Empfind- 
lichkeit kann so grofs gemacht werden, dafs 1 ^ C. ^etwa 3 mm einnimmt. 



— 223 — 

Der folgende Vortrag von Herrn Sprung: ^Znr Photogrammetrie der 
Wolken^ gelangt in der Meteorologtschen Zeitschrift zur Veröffentlichung. 

Des Weiteren berichtete nuti Herr Sprung über die von der Natur- 
forschenden Geselischaft zu Danzig betriebenen Messungen van Wolkenhöhen. 

Vom Direktor dieser Gesellschaft, Herrn Professor Momber, waren ge- 
druckte Berichte über zwei Vorträge gesandt, welche der Astronom der Gesell- 
schaft, Herr Dr. Kayser, im November 1893 und im Februar 1895 gehalten 
hatte; dazu einige PhotogiTiphien von Apparaten. Vermifst wurde selir ein 
verbindender Text, welcher am Orte vorhanden war, aber leider dem Referenten 
erst nach seiner Rückkehr von Bremen zugegangen ist. Aus allem ergiebt sich 
nun folgendes: 

Die Versuche der Wolkenhöhenmessung reichen bis zum Jahre 1877 
zurück. Die erste Methode gehörte zu denjenigen, welche Referent als Gelegen- 
heitsmethoden bezeichnete. Sie läfst sich anwenden, wo zufällig genügend 
grofse vertikale Terrainunterschiede vorhanden sind, und beruht darauf, dafs 
man die von zwei horizontalen Spiegeln reflektierten Wolkenbilder dadurch 
zur Deckung bringt, dafs man den einen Spiegel um einen kleinen, genau zu 
bestimmenden Betrag aus der Horizontalen herausdreht. 

Die zweite Methode beruht auf dem Prinzip des Distanzmessers und 
bezieht sich auf Wolken, welche im Zenith stehen. Zwei Spiegel werden weit 
auseinander, unter einem Winkel von 90^ zu einander, unter ungefährer Nei- 
gung von 45 ° zum Zenith aufgestellt ; ihr Abstand bildet die Basis. Die beiden 
Bilder fallen auf den in der Mitte zwischen beiden gestellten Mef sapparat, 
welcher aus einem Femrohr und zwei vor dem Objektiv befindlichen, unter 
45® zur Achse geneigten Spiegeln besteht, von denen jedoch der eine wieder 
in mefsbarer Weise ein wenig gedreht werden kann, bis die Bilder zusammen- 
fallen. 

Zu der dritten Methode gehören zwei Beobachter, welche in einer gegen- 
seitigen Entfernung von ungefähr 600 m gleichzeitig die Wolkenantritte notieren, 
die sich in demselben durch beide Stationen gelegten Kreise vollziehen. Die 
hierzu benutzten zwei kongruenten Apparate bestehen aus einen grofsen, nur 
37 — 38 • zum Horizont geneigten Spiegel, von dem reflektiert die Wolken durch 
eine Visieröffnung beobachtet werden. Dicht vor dem Spiegel befindet sich 
eine vertikale und senkrechte zur horizontalen Visierachse gestellte kreisför- 
mige Fassung, in welcher ein rundes, durchsichtiges, und im Durchmesser mit 
feiner Teilung versehenes Glas sich herumdrehen läfst. Das Glas mit dem 
geteilten Durchmesser wird in eine Lage gebracht, wie sie aus der Stationen- 
und Apparatenrichtung berechnet ist. 

Mit diesen Apparaten sind im Oktober 1894 verschiedene Wolkenhöhen- 
bestimmungen ausgeführt worden, z. B. Alto-Cumulus in Höhen von 4060 
bis 5000 m. 

Während nun bei dieser Methode eine ganz bestimmte, durch die beiden 
Apparate gehende £bene vorhanden ist, in welche der zu beobachtende Wolken- 
punkt eintreten mufs, hat Herr Kayser neuerdings die Apparate derartig neu 
modifiziert, dafs der Beobachtuugsebene eine beliebige Lage gegeben werden 
kann, SchliefsUch wurde dann aber auch noch das Altazimuth-Instrument in 
ein Äquatoreal umgewandelt, dessen Stundenachse in die Richtung der 
Basis fällt. 



r 



_ 224 — 

Die mittelst Dosenniveaas horizontal zu stellenden Instrumente kommen 
in die Lage, dafs die Verbindungslinie zweier Fufsschraaben nahezn eine Senk- 
rechte der Basisrichtnng wird. Dann stellt man auf denjenigen Zahlen der 
Kreisteilnngen fest, welche nach der Vorausberechnung einer bestimmten 
terrestxischen Marke entsprechen. Sodann wird durch Herumführung der 
Horizontalachse die Absehenslinie auf diese Marke gerichtet und durch die 
Schraube am vertikalen Ständer festgeklemmt. 

Auch wenn die beiden Stationen nicht in derselben horizontalen Ebene 
liegen, gestatten die Instrumente eine Einstellung, dafs die beiden Stundenachsen 
mit der Verbindungslinie der beiden Stationen zusammenfallen. Hierzu wird 
durch Drehen an der dritten Fufsschraube die Horizontalachse auf den 
betreffenden Winkelbetrag eingestellt. Da an den ausgeführten Apparaten fünf 
Schraubengänge (bei einer Höhe von 1,21 mm für jeden Gang) auf 3** oder bei 
einer Basis von 678 m auf 35 m Elevation kommen und die Genauigkeit von 
1 m ausreichend ist, so ist eine Einteilung des Schraubeukopfes überflüssig. 
Ebenso kann von einer senkrecht zur Stundenachse auf dieser angebrachten 
Röhrenlibelle Abstand genommen weiden, wie das eine genauere Prüfung 
ergeben hat. 

Der Unterschied zwischen der Kayserschen Methode und den sonst 
üblichen Methoden dürfte darin bestehen, dafs bei diesen die Identität der 
beobachteten Objekte angezweifelt werden kann, während bei der ersteren ein 
sicheres Kriterium durch die Beobachtungsweise geboten wird, nach welcher 
die Beobachter auf dieselben ganzen oder halben Grade die Kreiseinstellung 
vollziehen und nun im telephonisch vermittelten Momente an der transparenten 
Glasteilung die Antritte der Wolkenspitzen ebenso wie bei astronomischen 
Passagen und Zonenbeobachtungen notieren. Nur in dieser Teilpunktsrichtung 
und nicht aufserhalb derselben dürfen identische Objekte vorkommen. Nach 
wenigen Beobachtungen ist die Entscheidung über die herrschende Wolken- 
gattung erreicht, und der Beobachter kann sogar in überraschender Weise seinem 
Gehilfen durch das Telephon die Zahl auf der Teilung angeben, wo er den 
Antritt finden mufs. 

Übrigens ist aufserdem der Kaysersche Apparat auch noch mit einer 
photographischen Kammer versehen, deren optische Achse in die Richtung der 
Hauptvisierlinie gebracht wird. Die Mehrzahl der Beobachtungen soll ohne 
Benutzung der Kamera ausgeführt werden ; doch sollen für jede Beobachtungs- 
reihe besondere Typen von Wolken auch photogrammetrisch bestimmt werden. 

Es sprach schliefslich Herr Koppen: „Ober eine Methode zur Ver- 
anschaulichung der Cyklonen- und Anticyklonenbewegung für ein gröfseres 
Publikum". 

Die Hauptzüge der Luftbewegung in Cyklonen und Anticyklonen lassen 
sich einem gröfseren Zuhörerkreise am leichtesten mittelst einiger Diagramme 
auf durchsichtigem Papier von etwa Ö0X60 cm Fläche veranschaulichen, die 
man nach Bedarf verschiebt und umwendet. Am besten ist es dabei, sie am 
oberen oder unteren Rande mit einer dünnen Holzleiste zu versehen. Hängt 
man ein solches Diagramm an einer passenden Schnur vor einer Wandkarte 
von Europa auf, so kann man. indem man es vor dieser vorüberführt, die 
Änderung des Windes am Beobachtungsorte leicht begründen. Zwei solche 
Diagramme, deren eines einlaufende, das andre auslaufende Spiralen zeigt, 
genügen, wenn man durchsichtiges Papier benutzt, um den Sinn der Luft- 



_ 225 — 

bewegnngen in acht verschiedenen Fällen anschaulich zu machen, nämlich für 
Cyklone und Anticyklone auf Nord- und Südbreite, und zwar für jede dieser vier 
Lagen sowohl die Bewegung am Erdboden, als jene in der Region der Cirruswolken. 
Der Vortragende hob sodann die Üngleichseitigkeit hervor, die in beiden 
Diagrammen eingeführt ist, weil sie ein charakteristischer Zug jedes in Fort- 
bewegung begriffenen Luftdrucksystems ist. Durch eine weitere Figur illu- 
strierte er die Zusammensetzung der wirklichen Druckverteilung aus der Ober- 
einanderlagerung je eines mehr oder weniger kreisförmigen oder gradlinigen 
Isobarensystems. Ganz entsprechend setze sich auch das Windsystem aus zwei 
Elementen, dem Wirbel und der „vorherrschenden" oder „allgemeinen'' Luft- 
strömung zusammen, und der scheinbare Gegensatz zwischen seiner eigenen 
1880 gegebenen Darlegung der Fortpflanzung der Cyklonen und der Ferrelschen 
entstände nur, wenn man den der .allgemeinen Strömung' entsprechenden 
Anteil im Gradienten vernachlässige. Dieser aber sei in dem Wirbel als 
Ganzem stets vorhanden, wenn er auch in einzelnen Schichten infolge der 
Temperaturunterschiede ausgeglichen, ja selbst auf unsern Karten für das 
Meeresniveau in sein Gegenteil verwandelt sein könne. Sprung. 



Die Reiskultur in Italien. 

Von Emil Uusmanii* 



n. 

Hierzu Tafel 2: Übersichtskarte zur Verbreitung der Reiskultur in Italien 
1879/83 von E. Husmann. Mafsstab 1 : 1 350 000. 

V. 

Anbaufläche^^)^ Erträge und Kulturkosten. 

Betrachten wir im allgemeinen die Ausdehnung der Anbaufläche 
des Reises, so fällt auf der Karte, welche die Ausdehnung des Reis- 
baues in den Jahren 1879 bis 1883 zur Darstellung bringt, sogleich 
in die Augen, dafs dieselbe an natürliche Grenzen gebunden ist. 
Die wasserreiche Ebene ist die eigentliche Stätte der Reiskultur. 
Im Norden Ober-Italiens geht die Grenze nicht über den Rand der 
Voralpen hinaus; es läuft die Grenzkurve der Alpen fast parallel 
mit der nördlichen Grenze des Reisgebiets. Im südlichen Pogebiet 
tritt der Ausbreitung der Reiskultur der Apenninenwall entgegen. Im 
Westen bei Turin, wo die Ausläufer des Apennin mit den Alpen fast 
zusammenstofsen, ist daher die Zone des Reisgebiets am schmälsten und 
geht hier auf seiner Südseite nicht über den Po hinaus. Sie verbreitet 
sich aber nach Osten in dem Mafse wie Alpen und Apennin zurück- 
treten. In der Gegend von Parma konnte die Reiskultur daher den 
Po überschreiten und sich südostwärts über Ravenna hinaus aus- 
breiten und nördlich vom Po fast bis zum Lago Maggiore und L. di 
Garna, und weiter nordöstlich in den Niederungen am Adriatischen 
Meer festen Fufs fassen, das sie bis zur österreichischen Grenze hin 



3»' 



) Siehe Karte. 



— 226 — 

umgürtet. Ein immerhin noch grofser Teil des von Natur für den 
Reisbau wohlgeeigneten Gebiets innerhalb dieser natürlichen Grenzen 
ist demselben allerdings nicht gewidmet. Wohl giebt es noch Striche, 
wo früher Reisbau betrieben, jetzt aber aufgegeben worden ist. So 
beteiligten sich noch in den Jahren 1870/74 die Provinzen Torino, 
Piacenza, Treviso, Forli, im Süden Campobasso und auf Sizilien 
Girgenti an demselben, während umgekehrt erst in den Jahren 
1879/83 in der Provinz Gosenza derselbe begonnen wurde. Auch 
nach diesen letzten Jahrgängen blieben natürlich die Grenzen des 
Reisgebiets und sein Umfang nicht konstant. Seit 1888 ist z. B. 
auch der hoch im Norden gelegene, inselartige Reisdistrikt von 
Gallarate verschwunden, dagegen zählen seitdem Asola und Bozzoio 
zu den reisbauenden Gemeinden. Es ändert sich der Umfang der 
Reiskultur fast in jedem Jahre, sei es zu seinen Gunsten oder, wie 
es meist der Fall ist im letzten Jahrzehnt, zu seinen Ungunsten. 

Naturgemäfs mufste sich die Reiskultur dort am kräftigsten 
entwickeln, wo die Bedingung des gröfsten Wasserreichtums gegeben 
war, nämlich auf beiden Seiten der Sesia und des Tessin, wo überdies 
zahlreiche Kanäle der natürlichen Wasserverteilung zur Seite stehen. 

Die mir zugänglichen statistischen Angaben über Anbaufläche 
und Produktionsmenge des italienischen Reises reichen bis zum Jahre 
1870 zurück. Bis dahin soll das dem Reisbau gewidmete Areal 
150 000 ha*®) nicht überstiegen haben. Nach jenem Jahre, nachdem 
also, wie schon oben erwähnt, das Kanalsystem bedeutend vergröfsert 
worden war, nahm er zunächst einen mächtigen Aufschwung, ging 
dann aber wieder zurück infolge der verschiedensten Ursachen, die 
zusammen zu einer Reiskrisis führten. In diese Zeit fallen zwei 
gröfere statistische Erhebungen; die eine erstreckt sich über 
den Zeitraum von 1870—74, die andre über die Jahre 1879—83. 
Eine Vergleichung der Ergebnisse dieser beiden Erhebungen zeigt 
schon deutlich einen Rückgang der italienischen Reiskultur, der auch 
in den folgenden Jahren mit gleicher Tendenz fortschreitet. 

Während des Zeitraumes von 1870 — 74 wurde der Reisbau in 
30 Provinzen Italiens betrieben. Das dem Reis gewidmete Areal 
war in den Landschaften Piemont und Lombardei am gröfsten. 
Die Gesamtausdehnung der Reiskultur betrug nach der Durch- 
schnittsberechnung dieser Jahre 232 669 ha, der mittlere Ertrag pro 
ha 42.20 hl risone und die jährliche Produktion 9818151 hl risone. 

Gemäfs der folgenden Erhebung über die Jahre 1879—83 wurde 
der Reis nur noch in 25 Provinzen oder 76 Distrikten kultiviert. 



80' 



) Bordiga, a. a. 0. S. 5. 



227 



Die Zahl der Reis bauenden Gemeinden betrug 704 gegenüber einer 
Gesamtzahl von 7553 Gemeinden in Italien. Die Beteiligung der 
Landschaften am Reisbau war wie folgt: 



Landschaften 


Reii 
Prov. 


3ban ha 

Dlstr. 


,ben 
Gem. 


Keinen Reisbao haben 
Prov. Distr. Gem. 


Landareal 
zDin Reis- 
areal wie 
1000 m 


Piemonte 


2 

6 
6 
6 
1 
2 
2 


4 

23 

28 

14 

1 

2 

3 


99 

430 

113 

52 

2 

2 

6 


2 
2 
2 
2 
6 
7 
5 


17 
12 
48 
8 
12 
32 
21 


1387 
1465 
679 
270 
239 
1144 
351 


31.424 


Lombardia 


28 . 666 


Veneto 

Emilia 


9.502 
9.094 


Toscana 


0.238 


Meridionale mediterranea . 
Sizilia 


0.021 
0.210 


Italien 


25 


75 


704 


44 


209 


7553 


6.810 







Wiederum stehen PJemont und die Lombardei obenan, sowohl 
in Bezug auf Anbaufläche, als auf den relativen und absoluten Ertrag 
des Produkts. Allein in den Distrikten Vercelli, Novara und Mortara 
wurden 4 464 890 hl risone geemtet, d. h. nicht viel weniger als 
^/a der Gesamtproduktion Italiens. Zieht man noch den Distrikt 
Pavia hinzu, in welchem die Reiskultur ebenfalls grofse Ausdehnung 
hat, so würden die Flüsse Dora Baltea, Po und Tessin das Gebiet 
mit intensivster Reiskultur umschliefsen, als dessen Zentrum die von 
Vercelli anzusehen ist. 

Die Distrikte, deren Reisareal über 30 ha pro 1000 ha des 
Gesamtareals hinausgeht, stufen sich in jenen Jahren nach der Be- 
deutung ihres Reisbaues in folgender Weise ab: 



M 


Distrikt 


Provinz 


Landschaft 


Veriiältnis der 

Anbaufläclie 

des Reises zu 

1000 des 
Qesamtareals 


Jährl. 

Produktions- 
menge 

in lil risone 


1 
2 
3 
4 

5 
6 

7 


Vercelli 

Ostiglia 

Novara 

Mortara 

(Lomellina) . 
Abbiategrasso 
Ariano nel 

Polesine . . . 
Pavia 


Novara 

Mantova .... 
Novara 

Pavia 

Milano 

Rovigo 

Pavia 


Piemonte. . . . 
Lombardia . . 
Piemonte. . . . 

Lombardia . . 
Lombardia . . 

Veneto 

Lombardia . . 


451 . 828 
246.239 
228.846 

220.726 
130 . 964 

130.031 
119.332 


2 219 876 

83 576 

1 204 356 

1 040 658 
282 305 

70 237 
369 309 



Qeogr. Blatter. Bremen, 1895. 



Ä 



228 



M 


Distrikt 


Provinz 

• 


Landschaft 


Verhältnis der 

Anbaufläehe 

des Reises zu 

1000 des 

Gesamtareals 


Jährl. 
Produl[tions- 

menge 
in hl risone 


8 


Isola della 












Scala 


Verona 


Veneto 


103.805 


132 590 


9 


Crema 


Cremona .... 


Lombardia . . 


87.035 


115 669 


10 


Milano 


Milano 


Lombardia . . 


77.701 


246 313 


11 


Lodi 


Milano 


Lombardia .. 


67.820 


208 118 


12 


Adria 


Rovigo 


Veneto 


61 . 899 


49 560 


13 


Mantova .... 


Mantova .... 


Lombardia . . 


60.361 


101 635 


14 


Ravenna .... 


Ravenna .... 


Emilia 


47.658 


97 674 


15 


Gonzaga .... 


Mantova .... 


Lombardia . . 


44.158 


36 053 


16 


Gologna 












Veneta .... 


Verona 


Veneto 


40.769 


19 586 


17 


Citadella .... 


Padova 


Veneto 


39.667 


15 398 


18 


Gnastalla . . . 


Reggio Emilia 


Emilia 


34.862 


28 474 


19 


Legnago 


Verona 


Veneto 


34.852 


31952 


20 


Bologna 


Bologna 


Emilia 


32.449 


232 243 



In diesem Zeitraum (1879 — 83) betrug die Gesamtausdehnung 
201807 ha, der mittlere Ertrag pro ha 36.25 hl risone und die 
jährliche Gesamtproduktion 7 316 485 hl risone. Vergleicht man 
diese Zahlen mit obigen aus den Jahren 1870 — 74, so fällt der 
Vergleich in jeder Beziehung zu Ungunsten des ersteren Zeitraumes aus. 

In den Jahren 1879—83 hatten die Provinzen Turin, Treviso, 
Piacenza, Forli, Campobasso und Girgenti den Reisbau aufgegeben, 
sei es aus hygienischen Gründen oder infolge der Erschöpfung des 
Bodens. Dagegen fand der Reisbau eine neue Stätte in der Provinz 
Cosenza. Eine weitere Ausdehnung seit 1874 erfuhr die Reiskultur 
in den folgenden Jahren in den Provinzen Alessandria, Novara, 
Brescia, Udine, Bologna, Lucca, Napoli, Catania und Siracus. In 
Alessandria stieg die Anbaufläche sogar von 1353 ha auf 2260, in 
Novara von 72 300 auf 89 967. In allen übrigen Provinzen ist da- 
gegen ein Rückgang der Reiskultur nach dem Jahre 1874 zu ver- 
zeichnen, die besonders bei Pavia ziemlich beträchtlich ist, wo sie 
von 56 355 ha auf 33 716 zurückging. Diese beklagenswerte Er- 
scheinung ist hauptsächlich in den durch die asiatische Konkurrenz 
hervorgerufenen niedrigen Preisen, in der fortschreitenden Verminderung 
des Bodenertrags, besonders auf den permanenten Reisfeldern, und in 
der anhaltenden Ungunst der Witterung in jenen Jahren begründet. 

Im einzelnen ergiebt sich für den Stand der italienischen Reis- 



— 229 — 

kultur in den Jahren 1870 'l)is 74 und 1879 bis 83 folgendes Bild, 
das wir einer Zasammenstellung in der ministeriellen Veröffentlichung 
über den Reisbau*^) entnehmen: 



Agrftr-Land- 


Provinzen 


Zeitraum 


Anbanfläche 
in ba 


Mittlere jährliche Erote 
in U risone 


schaften*^) 


pro ha 


Saim^tWilrtira 




Torino 


1870—74 
1879—83 


80 

• • 


38.00 

• • 


3040 

• • 




Alessandria 


1870 74 
1879—83 


1353 
2 260 


48.00 
49.48 


58179 
111 820 




Novara 


1870—74 
1879-83 


72 300 
89 967 


44.50 
38.74 


3 217 350 
3 484 932 


Piemonte 




1870—74 
1879-83 


73 733 
92 227 


44.46 
39.00 


3 278 569 






3 596 752 




Pavia 


1870 74 
1879-83 


56 355 
33 716 


44.50 
41.82 


2 507 797 
1 409 967 




Milano 


1870 74 
1879 83 


21880 
18172 


43.00 
40.59 


940 840 
737 620 




Bergamo 


1870—74 
1879—83 


530 
579 


40.00 
30.50 


21200 
17 659 




Brescia 


1870 74 
1879—83 


820 
851 


40.00 
38.55 


32 800 
32 810 




Cremona 


1870 74 
1879—83 


6 900 
5 550 


43.00 
30.06 


296 700 
166 806 




Mantova 


1870 74 
1879-83 


14 350 
8 518 


41.00 
27.67 


588 350 
235 678 


Lombardia 




1870 74 
1879 83 


100 835 
67 386 


43.51 
38.59 


4 387 687 
2 600 540 




Verona 


1870 74 
1879-83 


13 790 
8 750 


41.00 
31.74 


565 390 
277 738 




Vicenza 


1870 74 
1879- 83 


1155 
765 


38.00 
31.05 


43 890 
23 757 




Udine 


1870 74 
1879-83 


565 
883 


35.00 
28.71 


19 775 
25 350 




Treviso 


1870 74 
1879-83 


200 

• • 


35.00 

« • 


7 000 

• • 




Venezia 


1870-74 
1879 83 


3840 
3125 


38.00 
20.14 


145 920 
62 950 



'*) Monografia statistica ed agraria suUa Coltivazione del Riso in Italia. 
S. 178. Roma 1889. 

*') Man unterscheidet unter Anlehnungen an die alten Provinzen folgende 
12 Agrarlandschaften (regione agrarie) : 1. Piemonte; 2. Lombardia; 3. Veneto; 
4. Liguria; 6. Emilia; 6. Marcho ed ünibria; 7. Toscana; 8. Roma; 9. Mori- 
dionale adi'iatica; 10. Meridionale mediterranea ; 11. Sicilia; 12. Sardegna. 

16* 



230 



Ägrar- 


Provinzen 


Zeitranm 


Anbaufläche 
in ha 


Mittlere jährliche Ernte 
in hl risone 


Landschafien 


pre In 


Oeaantprtdnkttoii 




Padova 


1870 74 
1879—83 


2 790 
1845 


38.00 
27.44 


106 020 
50 639 




Rovigo 


1870 74 
1879—83 


10120 
6 929 


37.00 
17.67 


374 440 
122 459 


Veneto 




1870 74 
1879—83 


32 460 
22 297 


38.89 
25.25 


1 262 435 
562 893 




Piacenza 


1870 74 
1879—83 


190 

• • 


36.00 

• • 


6 840 

• • 




Parma 


1870 74 
1879—83 


3 055 
1071 


35.00 
29.01 


106 925 
31074 




Reggio Emilia 


1870 74 
1879 83 


2 770 
2104 


34.90 
19.93 


96 673 
41942 




Modena 


1870 74 
1879—83 


736 
1105 


34.00 
20.60 


24 990 
22 760 




Ferrara 


1870—74 
1879—83 


2 222 
538 


38.00 
23.42 


84 436 
12 600 




Bologna 


1870 74 
1879—83 


8 575 

9 068 


34.00 
31.48 


291 550 
285 443 




Ravenna 


1870 74 
1879 83 


6 900 
4 770 


35.00 
25.68 


241500 
122 474 




Forh 


1870 74 
1879-83 


15 

• • 


36.00 

• • 


540 

• • 


Emilia 




1870 74 
1879 83 


24 462 
18 656 


34.89 
27.67 


853 454 
516 293 




Tmcca 


1870 74 
1879—83 


480 
530 


31.00 
35.03 


14 880 
18 567 


Toscana 




1870 74 
1879—83 


480 
530 


31.00 
35.03 


14 880 
18 567 




Campobasso 


1870 74 
1879 83 


70 

• • 


28.00 

• • 


1960 

• • 


Meridionale \ 
adriatia 




1870—74 
1879-83 


70 

• • 


28.00 

• • 


1960 

• • 




Napoli 


1870 74 
1879 83 


30 
70 


25.00 
44.00 


750 
3 080 




Cosenza 


1870 74 
1879—83 


• • 

27 


2o!6o 


540 


Meridionale ] 
mediterranea 




1870 74 
1879-83 


30 
97 


25.00 
37.32 


750 
3 620 




Catania 


1870—74 
1879—83 


340 
415 


30.00 
30.00 


10 200 
12 450 



231 — 



Agrar- 


Provinzen 


Zeitraum 


Anbaufläche 
in ha 


Mittlere jährliche Erote 
in hl risone 


Landschanen 


pro ha 


6«8aattprodtktioi 


Sicilia 


Siracasa 
Girgenti 


1870- 74 
1879 83 

1870—74 
1879 83 

1870—74 
1879—83 


134 
199 

125 

• • 

599 
614 


31.00 
26.98 

32.50 

« • 

30.74 
29.02 


4154 
5 370 

4 062 

• • 

18 416 






17 820 


Regno d' Italia 




1870 74 
1879-83 


232 669 
201 807 


42.20 
36.25 


9 818151 
7 316 485 





Die rückgängige Bewegung der Reiskultur hielt, wie aus der 
folgenden Tabelle^^) ersichtlich ist, auch in den folgenden Jahren an. 
Die jährliche Produktionsmenge ging im Jahre 1888 sogar auf 
4 254 747 hl risone zurück, gegenüber 7 316 485 hl in den Jahren 
1879—83 und 9 818 151 hl in den Jahren 1870—74, erreichte also 
nicht einmal die Hälfte derjenigen des letzteren Zeitraums. Vom 
Jahre 1889 ab begann die Lage der ßeiskultur sich wieder zu bessern, 
wie aus der folgenden Tabelle ersichtlich, teils infolge des seitdem 
eingeführten Schutzzolles, der eine teilweise Vermehrung des Reis- 
areals zur Folge hatte — im Jahre 1891 von 1596 ha gegenüber 
den Vorjahren — , teils infolge besserer Erträge des Feldes, — in 
Monza stieg z. B. im Jahre 1891 der Ertrag auf 83 hl pro ha. 



'') Entnommen ans dem Bolletino di Notizie agrarie. — (Die Veröfient- 
lichnngen sind seit dem Jahre 1893 eingestellt worden.) 



232 



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~ 233 — 

Der beim Beisbau erzielte Nutzen wird darch den Ertrag des 
Feldes auf der einen und die Kultarkosten auf der andern Seite 
bedingt. 

Was den Ertrag eines Reisfeldes pro ha betrifft, so richtet sich 
derselbe im wesentlichen nach der Güte des Bodens und des zuge- 
führten Wassers, nach der Art des Reisfeldes, je nachdem der Reis 
auf demselben alterniert oder perenniert, ferner nach der Varietät 
desselben und dem Alter des Reisfeldes, ist also demgemäfs grofsen 
Schwankungen ausgesetzt: kein Wunder daher, dafs die Schätzungen 
verschieden ausfallen. 

Nach der auf amtlichen Erhebungen beruhenden, oben mitge- 
teilten Tabelle ist der Ertrag z. B. in den Provinzen Novara und 
Pavia im Mittel 44,40, der Mailands 43,00. Die Landwirte geben 
bei der Versicherung ihrer Reisfelder 2 Quintale bei guten Feldern, 
1,50 bei weniger guten pro Pertica milanese an, d. h. 60 hl im 
einen, 38 — 40 hl im andern Falle pro ha. 

Malinverni **) macht folgende Angaben über Erträge der Reis- 
felder: 

1. Jahr, Riso bertone, nach Weizen 70 hl = 42,oo Qnintal (1 Qu. = 100 kg) 

oder » Ostigliese 70 » = 35,oo » 

2. Jahr, n Ostiglione (Novarese). 65 » = 32,so » 

3. * ff » Ostigliese 50 » = 25,oo » 

4. » » 9 40 » = 20,00 » 

Diese Mittelwerte können nach dem Urteile Bordigas allgemeine 
Gültigkeit, wenigstens für die Lombardei und Piemont für sich in 
Anspruch nehmen und entsprechen einem Ertrag von 20 hl geschälten 
Reises (riso bianco). Sehr häufig wird dieser Betrag weit über- 
schritten; so wurde z. B. in einzelnen Fällen in Novara eine Ernte 
von 125 hl = 72—75 Quintal und gar von 140 hl = 62,40 Quintal 
erzielt. 

Von den fremden Sorten sind die von Java und Japan die 
einträglichsten; von ersteren erntete man auf einer Besitzung in 
Novara 42 Quintal; von letzteren 35 — 40 Quintal pro ha. Natur- 
gemäfs hängt in allen diesen Fällen der Ertrag auch wesentlich von 
der Sorgfalt ab, mit der die Kultur betrieben wird. Abgesehen von 
der mehr oder weniger guten Beschaffenheit des Bodens fällt ganz 
besonders das Alter desselben in betracht. Auf neuen Reisfeldern 
kann man im ersten Jahre nach einer Wiesenkultur 30 — 50 Qu., 
im zweiten Jahre noch 25 — 40 oder 45 Qu. ernten. 



Mittel 
56 hl = 30 Qu. 



'•) Malinverni. II riso vercellese all Esposizione Universale di Vienna 
del 1873. S. 39. 



— 234 



Die permanenten Reisfelder von guter Beschaffenheit liefern 
bei sorgfältiger Pflege 25 — 35 Qu., solche mittlerer Güte unter 
denselben Bedingungen immerhin noch 20 — 25 Qu. Auf unfrucht- 
baren Sumpfstrecken ist der geringste Ertrag 15 Qu., der höchste 
30 Qu., der mittlere 22 — 33 Qu., Ausnahmen sind auf der einen 
Seite 10 Qu., auf der andern 60 — 70 Qu. 

Als allgemeine Mittelwerte giebt Bordiga^^) für die Provinz 
Novara folgende an: 

auf guten Reisfeldern 55 — 70 hl 

7) mittelmäfsigen Reisfeldern 4^ — 50 v 

V mageren Reisfeldern 30—40 „ 

Bei einem Preise von 11 Lire pro hl risone berechnet er den 
Gesamtwert einer Ernte wie folgt: 

auf guten Reisfeldern Lire 605 — 770 

» mittelmäfsigen Reisfeldern .... » 440 — 550 

» mageren Reisfeldern » 330 — 440. 

Das Reisstroh, mit 2 Lire pro Quintal berechnet, liefert folgende 
Werte : 

auf guten Reisfeldern Lire 90 — 120 

» mittelmäfsigen Reisfeldern v 66 — 84 

» mageren Reisfeldern » 48 — 66. 

Demnach würde sich der Wert eines Reisfeldes mittlerer Güte 
pro ha im ganzen auf etwa 500—650 Lire belaufen. 

Die Kulturkosten, die ebenso sehr wie die Erträge des Bodens 
in ihrem Betrage schwanken, erstrecken sich auf folgende Punkte: 
Berieselungswasser, Steuer, Bearbeitung des Bodens, Dünger, Düngung, 
Saat und Besamung, Reinigung des Reisfeldes, Beaufsichtigung und 
Betrieb der Berieselung, Ernte, Drusch und Trocknen, Versicherung 
gegen Hagel und Reiskrankheiten. 

Bordiga^®) berechnet anter Berücksichtigung des seit den 80er 
Jahren von L. 11 auf L. 8 — 9 pro hl. risone (oder von L. 20 auf 
16,50 pro Quintal) den Gewinn eines alternierenden Reisfeldes pro 
ha je nach Güte in der folgenden Weise : 





Reisfelder der Güte 




I. 


n. 


m. I 


IV. 


V. 


Ertrag in L 

Kaltnrkosten (ohne Pacht) . . 
Bodenpacht 


936 
490 
153 


837.50 
459 
136 


741 
426 
119 


644.50 
396 
102 


546 

363 

85 


Gewinn 


293 


242.50 


196 


146.50 


98 



I 



8^ Bordiga, a. a. 0. S. 174. 

^^) Mitgeteilt in Monografia statistica snlla coltivatione del riso. S. 123 



235 



Übrigens mufs berücksichtigt werden, dafs hierbei nur die 
beiden ersten, also einträglichsten Jahre einer auf Wiesenkultur 
folgenden Reiskultur zu Grunde liegen, die ohne Düngung die höch- 
sten Erträge geben, während in den folgenden Jahren bedeutende 
Mengen Dünger zugeführt werden müssen, um noch ein Produkt von 
25 — 40 Qu. zu ergeben, und dafs nachher auf dem durch die Reis- 
kultur erschöpften Boden nur noch 16 — 20 hl Weizen trotz stärkster 
Düngung geerntet werden können. 

Der Gewinn aus permanenten Reisfeldern wurde entsprechend 
dem obigen wie folgt geschätzt: 





Wert des Ertrags pro 


ha, der Güte 


1 

1 


I. 


n. 


m. 


IV. 


V. 


Wert der Prod. (17 Lire pro Qu.) L. . . 
Kulturkosten ohne Pacht 


615 
442 
130 


533 
402 
104 


451 

361 

78 


369 

321 

52 


287 
281 


Bodenoacht 


24 






Gewinn he«w. Verlust 


43 


27 


12 


4 


18 



Schon bei der ersten Zusammenstellung ergab sich für solche 
permanente Reisfelder, die nur einen jährlichen Ertrag von 1 4 Quintal 
liefern, ein Verlust von 17 Lire und auch für Ländereien 4. Güte 
kein lohnender Ertrag mehr. Nach letzterer ist dagegen der Reis- 
bau schon auf Feldern 3. Güte kaum noch lohnend. Es ist unter 
diesen Umständen dem Landmann kaum möglich, auf magerem Boden 
die hohe Pacht für Wasser, die in Novara Vercelli und der Lombardei 
24 — 26 Lire beträgt, zu erschwingen. 

Im übrigen ist die Reiskultur eine der einträglichsten Kulturen 
Italiens. Nur die in Italien so hoch entwickelte Wiesenkultur wirft 
gleichen oder noch höheren Gewinn ab. Der Wert einer Gesamt- 
ernte beträgt immer noch 50 — 70 Millionen Lire, betrug aber im 
Anfang der 70 er Jahre bei höheren Preisen und gröfserer Produk- 
tion sogar gegen 100 Millionen Lire. 

Der Nutzen des Reisbauem wird noch um einen bedeutenden Be- 
trag erhöht, wenn er, wie es früher immer geschah, selbst die weitere 
Bearbeitung des Reises übernimmt. Durch das Enthülsen und Schälen 
erhält man von 1 hl risone, das 10.50 Lire kostet, die folgenden Produkte : 
Riso bianco 0,38 hl ä L. 28.00 = 8.40 Lire 

^ - . [ Mezza granaerisetto 0,10 „ » n 17.00= 1.70 » 
öruchreis | j^.^.^^ ^^^^ ^ ^ ^ ^^^^ ^ ^^g ^ 

Verschiedene Abfälle = 1.20 » 



Sunouna L. 11.83 
Wert eines hl risone » 10.50 



Gewinn pro hl L. 1.33 



— 236 — 

Die zur gewöhnlichen Bearbeitung des Reises nötigen Maschinen 
und hydraulischen Motoren, die sich auf fast allen Besitzungen vor- 
finden, sind schon mit in die Pacht einbegriffen. Kosten werden 
also nur durch die wenigen zur Bedienung derselben nötigen Arbeits- 
kräfte verursacht, so dafs die Auslagen pro hl auf höchstens 0.40 
bis 0.50 Lire zu stehen kommen. Es bleibt also ein Gewinn von 
nicht ganz 1 Lire pro hl risone. 

Seit einigen Jahrzehnten ist aber die Bearbeitung des Reises 
Gegenstand einer besonderen, hoch entwickelten Industrie geworden, 
welche die Bearbeitung des Reises nach neueren Methoden und mit 
vervollkommneteren, kostspieligen Maschinen bewerkstelligt. Der Reis- 
bauer steht sich daher jetzt besser, das von ihm eingeerntete Produkt 
solchen Fabriken zur weiteren Bearbeitung zu übergeben, die uns 
eingehender im nächsten Abschnitt beschäftigen soll. 



VI. 
Yerarbeitnng^ Yerbranch and Handel. 

Um den nach dem Drusch noch mit der Spelze und der inneren 
dünnen Fruchtdecke umkleideten Reis für den Handel geeignet zu 
machen, geht er aus der Hand des Landmanns in die des Fabrikanten ; 
wenigstens ist diese Trennung der Arbeiten, wie schon oben ange- 
deutet wurde, in den letzten Jahrzehnten üblich geworden. Maschinen 
der verschiedensten Art bewerkstelligen jetzt das Schälen (pilatura) 
und Polieren (brillatura) des Reises. Bis zum Jahre 1863 bediente 
man sich dazu ausschliefslich eines sogenannten Stampfwerkes. Das- 
selbe besteht aus einer Reihe schwerer Balken (pistelli), die durch 
den Daumen einer durch Wasserkraft bewegten Welle wechselseitig 
gehoben werden. Beim Herabfallen zerstampfen sie den in Mörsern 
befindlichen Reis und befreien ihn auf diese Weise von den Frucht- 
schalen. Ein solcher Balken, deren oft Dutzende in doppelter oder 
mehrfacher Reihe nebeneinander stehen, macht gewöhnlich 45 Stösse 
in der Minute und schält täglich gegen 6 hl. Wie die Tasten 
einer Klaviatur bewegen sich die Stösser auf und ab. Diese Stampf- 
werke sind auch jetzt noch in Gebrauch; doch benutzt man neben 
denselben noch die von Berti-Picllat im Jahre 1863 eingeführten 
Graupenmühlen (bramini). In diesen wird der Reis durch einen 
Läufer geschält, der sich über einem Sandsteinboden bewegt und 
250 Umgänge in der Minute macht. Er bearbeitet 8 — 20 Zentner 
in der Stunde, vom begrannten Reis mehr, vom unbegrannten 
weniger. Für letzteren hat man auch besondere Grannenbrecher. 



— 237 — 

Sie bestehen aus einem mit Stahlspitzen versehenen, massiven Cylinder, 
der sich in einem 2 m langen Hohlcylinder dreht, dessen Innenseite 
ebenfalls mit Spitzen versehen ist. Mit diesen Maschinen wird der 
für den Verbrauch im eigenen Lande bestimmte Reis hergestellt, für 
den die Namen Riso bianco oder Riso mercantile üblich sind. 

Um den Reis für den Grofshandel geeignet zu machen, geht 
er aufserdem mit Spreu vermischt noch durch Reibmühlen (grolle). 
Ihren wesentlichen Bestandteil bildet ein von eisernen oder hölzernen 
Wänden eingefafster Sandsteinboden, über dem sish zwei aufrecht- 
stehende Steinringe bewegen. Diese stehen 5 cm über dem Boden 
und werden durch Kreuze aus Holz oder Eisen, ähnlich wie in den 
Ölmühlen, an einer wagerechten Drehaxe gehalten. Durch ein Gegen- 
gewicht werden sie in demselben Mafse gehoben, als sich der Reis 
anhäuft, so dafs ein gleichmäfsiger, nicht allzu starker Druck aus- 
geübt wird. Endlich geht der geriebene Reis, abgesehen von ver- 
schiedenen Siebvorrichtungen, noch durch einen BürstencyUnder aus 
durchlöchertem Eisenblech oder feinem Drahtgeflecht. 

Neben dem geschälten und polierten Reis liefert die Bearbeitung 
in diesen Maschinen noch mehr oder minder wertvolle Nebenprodukte, 
wie Bruchreis (mezzo riso und risino), Spreu und Reisfuttermehl. 
Ein weiter Weg führt also das Reiskorn durch alle diese Maschinen 
bis zu seiner vollkommenen Form. Sein Wert wird dadurch be- 
deutend erhöht, so dafs die Unkosten reichlich gedeckt werden. 

Italien tritt mit dieser an Bedeutung mehr und mehr zu- 
nehmenden Industrie in Wettbewerb mit andern Ländern Europas, 
die zwar selbst keinen Reis produzieren, aber in steigendem Mafse 
den entweder rohen oder nur der ersten Hülse entkleideten Reis 
einführen und seine weitere Bearbeitung selbst übernehmen. Unter 
diesen hatte lange Zeit England mit seinen bedeutenden Reismühlen 
in Liverpool und London die Führung behauptet, bis es dieselbe 
infolge des gewaltigen Aufschwungs, den die Reisindustrie in Bremen 
genommen hatte, in den letzten Jahren an Deutschland abtreten 
mufste. Was Rangoon, der bedeutendste Reisausfuhrhafen, für Ost- 
Asien bedeutet, das ist jetzt Bremen für die europäische Reiseinfuhr. 

Der Verbrauch an Reis^^) ist in Italien bekanntlich sehr be- 
deutend. Es stellte im Jahre 1Ö83 den höchsten durchschnittlichen 
Betrag pro Jahr und Kopf mit 22,8 kg. Danach folgten England 
mit 6 kg, Deutschland mit 1,90 kg und die vereinigten Staaten 
Nordamerikas mit 1,75 kg. Dabei wächst der Verbrauch an Reis 
in diesen Ländern, nicht am wenigsten in Italien selbst, von Jahr 

••) Dr. A. Oppel, der Reis. (Einzelbilder aus der Weltwirtschaft.) S. 55. 
Scherzer, das wirtschaftliche Leben der Völker. 1885. 



238 



za Jahr. In Deutschland betrug er nach dem statistischen Jahrbuch 
im Jahre 1891/92 2,69 kg pro Kopf der Bevölkerung. 

Der gröfste Teil des im Lande zurückbleibenden Reises wird 
in Ober-Italien selbst verbraucht. In Mittel- und Unter-Italien ist 
der Reisverbrauch wesentlich geringer. 

Der chemischen Analyse der verschiedenen Reissorten, die ja 
einerseits für die Wahl der Düngerstoffe, anderseits zur Bestimmung 
des Nährwertes des im italienischen Haushalt so bedeutungsvollen 
Nahrungsmittels von hohem Nutzen ist, hat man in jüngster Zeit 
ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Aus den Untersuchungen 
geht hervor, dafs der Nährwert des Reises, also sein Gehalt an 
stickstoffhaltigen Substanzen, dem Albumin, verhältnismäfsig gering 
ist, und zwar bei den verschiedenen Sorten um so geringer, als der 
Hauptbestandteil, das Stärkemehl, vorherrscht. Der Gehalt an 
Albumin nimmt von den oberen Schichten des Korns nach der Mitte 
zu ab, so dafs also der Reis um so weniger nahrhaft ist, je mehr 
von seiner äufseren Schicht bei der Bearbeitung verloren geht. Der 
Italiener glaubt auch, dafs mit der starken Bearbeitung der Reis 
an Geschmack verliert, weshalb er, wie schon erwähnt, wenigstens 
was das Produktionsgebiet betrifft, den sogenannten Merkantilreis, 
oder „weifsen Reis" im engeren Sinne, dem vollkommen bearbeiteten 
(riso brillato) vorzieht. Anderseits geht auch aus obigem hervor, 
dafs die Abfälle bei der Bearbeitung, wie Spreu und Reismehl, sehr 
nahrhafte Futtermittel sind. 

Ungeschälter Reis enthält nach der Analyse Kellers*®) 



Rohprotein 
7.00 



Rohfette 
2.29 



Rohfaser 
4.58 



Stärke, Dextrin, Zucker 
84.76 



Asche 
1.37 



Von Interesse ist ein Vergleich der Analyse des Reises mit der 
andrer Nahrungsmittel, Körner- und Hülsenfrüchte, Kartoffeln und 
Kastanien, wie wir sie nach Johnson**) im folgenden geben. 



Zusammensetzung 


og 
CA 


g 

N 


1 


1 




pa 




Frische 
KastanieB 




Wasser 

Organische Stoffe 

Asche 


14.6 

89.9 

0.5 


14.4 

83.6 

2.0 


14.3 

83.4 

2.3 


14.4 

83 5 

2.1 


14.3 

83.2 

2.5 


14.5 

82.0 

3.5 


14.5 

8.20 

3.5 


49.2 

49.0 

1.8 


75.0 

24.1 

1 1 








Albumin 


7.5 

76.5 

0.9 


13.0 

67.6 

3.0 


9.0 

65.9 

8.5 


10.0 

68.0 

5.5 


22.4 

52.3 

9.2 


25.5 
45.5 
11.5 


23.8 

52.0 

6.9 


3.0 

45.2 

0.8 


2.0 


Organische 
Stoffe 


Kohlenhydrate 
Rohfaser 


Fett 
Starke 
Zuck. 


21.0 
11 











*®) Nobbes, landwirtschaftliche Versuchsstationen, Band XXX. 1884. 

*^) Mitgeteilt in Monografia statistica sulla coltivazione del riso. S. 136. 



— 239 — 

Der Reis übertrifft also alle übrigen hier aufgeführten Nahrungs- 
mittel im Gehalt an Kohlenhydrat. Er wird daher, wenn die Preise 
es zulassen, zur Bereitung von Alkohol und Stärke vorgezogen. Er 
übertrifft auch Kastanien und Kartoffeln in der Menge des Albumin, 
steht aber in dieser Beziehung nicht nur den Hülsenfrüchten, sondern 
auch den angeführten Getreidearten nach. 

Ist nun auch, wie aus vorstehendem hervorgeht, der eigentliche 
Nährwert des Reises nur gering, weshalb es auch erklärlich wird, 
dafs die Ostasiaten solche Unmassen von Reis zu ihrer Ernährung 
gebrauchen,*^) so wird dieser Umstand doch seiner Bedeutung in der 
Weltwirtschaft keinen Abbruch thun. Denn einerseits giebt es 
kaum ein Nahrungsmittel, das so leicht verdaulich ist und so wenig 
Zubereitungskosten verursacht, wie die aus dem Reis zubereiteten 
Speisen, anderseits ist der Reis in den Ländern, wo er nicht 
produziert wird, meist Luxusspeise und kann, wie es z. B. in Italien 
geschieht, durch nahrhafte Zuthaten im Nährwert nach Belieben 
erhöht werden. 

In Italien dient der Reis, wenn auch in verschiedenem Grade 
bearbeitet und verschieden zubereitet, allen Bevölkerungsklassen zur 
Nahrung. Die häufigste Verwendung findet er in der Suppe, der 
sogenannten Minestra a brodo, der meist noch andre Zuthaten wie 
Bohnen, Erbsen, Linsen. Fleisch, Käse oder Eier zugesetzt werden, 
und dadurch ebenso sehr Schmackhaftigkeit als Nährkraft gegeben 
wird. Einer gleichen Beliebtheit erfreut sich in Italien eine unter 
dem Namen risotto alla milanese bekannte, dem Pillaw der Vorder- 
asiaten ähnliche Speise, in der ebenfalls der Reis mit mannigfach 
wechselnden Substanzen, wie Fleischbrühe, Butter, Käse, Safran ver- 
einigt ist. 

Von den Nebenprodukten der Bearbeitung dient auch noch der 
Bruchreis (mezzo riso) den Italienern, besonders unter der Land- 
bevölkerung als Nahrung, teils vermischt mit ganzen Körnern, tisils 
allein, in Form eines Brodes, risetto genannt. 

Die übrigen geringwertigeren Nebenprodukte, wie risino, der 
nur noch aus Körnerfragmenten besteht, die Hülse (pula oder 
pulone), die Kleie und das Reismehl werden je nachdem für Pferde, 
Schweine, Rindvieh, Gänse und Hühner verwandt. Auch in Deutschland 
wird diese Verwendung von Reisabfällen zu Futtermitteln mehr und 



**) Ein malaischer Arbeiter Hinterindiens gebraucht nach Wemer-Koernicke 
(a. a. 0. S. 981) monatlich 28 kg Reis, ein Siamese sogar 32 kg und nicht 
viel weniger als 1 kg pro Tag nimmt auch ein Japaner oder Chinese zu sich. 



— 240 — 

mehr üblich. Daneben finden diese Nebenprodukte Verwendung als 
Puder, femer in der Stärke- und Papierfabrikation. Erwähnt wurde 
schon, dafs in Italien auch alkoholische Getränke aus dem Reiskorn 
gewonnen werden. Gleichem Zwecke dient er auch den Asiaten. 
Auf den Sundainseln und in Indien wird daraus Arrak hergestellt 
und in Japan bereitet mau daraus eine Art Wein, den „Sake". Wir 
fügen endlich noch hinzu, dafs der Bruchreis in England, Nord- 
amerika und einigen Teilen Deutschlands zu sogenanntem Gries 
verarbeitet wird, der an Stelle von Malz zum Brauen der helleren 
Biersorten, in Deutschland namentlich der Pilsener Biere, dient. 

Die gröfsten Reismärkte liegen naturgemäfs in den Haupt- 
distrikten der italienischen Reiskultur. Die wichtigsten von den 23 
gröfseren Reismärkten Italiens sind neben Mailand: Vercelli, Novara 
und Mortara. Hier wird der Reis entweder direkt verkauft oder in 
Proben ausgestellt. Letztere Art des Verkaufs ist besonders dort 
üblich, wo, wie in Lomellina und Vercelli, Grofsgrundbesitz vertreten 
ist, während z. B. die kleineren Besitzer in Novara die erstere Art 
vorziehen. Der Verkauf wird meist von Maklern übernommen, die 
vom Käufer und Verkäufer einen gewissen Prozentsatz erhalten. 

Der Ausfuhrhandel Italiens in Reis ist in den letzten Jahren 
stark zurückgegangen. Die Ursache dieser Erscheinung und der 
Rückgang der Reiskultur in Italien überhaupt, ist schon mehrfach 
angedeutet worden. Er ist in der immer mehr zu Tage tretenden 
Erschöpfung und daher verringerten Ertragfähigkeit des Bodens, vor 
allem aber in der Überschwemmung der europäischen Märkte mit 
asiatischem Reis begründet. Das der Reiskultur so überaus günstige 
Klima Südostasiens, das in den meisten Fällen eine künsthche Be- 
wässerung entbehrlich macht, die weiten Flächen des vorzüglichsten 
Reisbodens, verbunden mit geringerem Lohn für Arbeitskräfte und 
der Masse des Produkts, alles das hat bewirkt, dafs der Preis des 
aus Asien nach Europa eingeführten Reises bedeutend geringer ist, 
als der des italienischen. Die Folge davon ist, dafs der Preis des 
italienischen dadurch gedrückt wurde, ähnlich wie es der italienischen 
Seide nach Eröffnung des Suezkanals erging. 

Auch die bessere Qualität des italienischen Reises gegenüber 
dem asiatischen vermag kaum bei einer solchen Konkurrenz einen 
Ausgleich herbeizuführen. 

Auf dem Pariser Markt*^) im Jahre 1874 waren die Preise des 
Reises pro Quintal (= 100 kg) je nach seinem Ursprung wie folgt: 



43 



) Bordiga, a. a. 0. S. 188. 



— 241 



Monate 
des Jahres 1874 


Reis 
aus Bangoon 


Reis 
ans Calcutta 


Reis 
aus Italien 


Janaar (in Pres.) 

Februar » 

März » 

April » 

Mai » 

Juni » 

Juli » 

Angust » 

September » 

Oktober » 

November » 

Dezember » 


39-48 
39—48 
39-48 
40 48 
40 48 
47 

45 47 
37 47 
37 -47 
45 47 
35 47 
35-47 


44-58 
44 58 
44 58 
44—58 
44 58 
47 57 
47 57 
46 56 
46-56 
46 56 
46 56 
46 56 


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52 60 
52 60 
52 60 
52 60 
52 60 
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50 60 
50 60 
50 57 
50 57 
50-57 


Im Jahre 1878 


37—46 


45 57 


48— 60 



Der Preisniedergang war seit den 70 er Jahren auf den italieni- 
sehen Märkten recht beträchtlich, wie folgende Tabelle^^) zeigt: 



Märkte 



Reissorte 



Jahr 



Preis pro 
Quint. risone 



Preisruckgang in ^/o 

gegenüber dem ersten 

Preis 



Novare 



Vercelli 



Mortana 



Milano 



Nostrale 
Bertone 

Risino 

Francone und 
Ostiglia 

Bertone 

Nostrale 

Bertone 

Nostrano 

Bertone 



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1876 
1883 

1876 
1883 



( 1876 
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1874 
1883 

1874 
1883 

1877 
1883 

1877 
1883 

1874 
1883 

1877 
1883 



24.30 
20.24 

20.48 
17.82 

16.89 
13.42 

24.00 
22.00 

22.50 
20.50 

23.68 
18.61 

19.75 
16.91 

24.81 
20.75 

23.22 
20.75 



16.71 



12.99 



20.59 



8.33 



8.88 



21.41 



14.33 



16.36 



10.64 



44 



) Monografia statistica ed agraria. S. 150. 



— 242 — 

Der Gang des Preises von bearbeitetem Reis in L. pro Quintal 
war in Vercelli und Mailand von 1862 bis 1886 wie folgt: 



Jahr 


■ 

Vercelli 


Mailand 


Jahr 


Vercelli 


Mailand 


1862 


31.97 


32.55 


1875 


35.82 


41.45 


1863 


30.40 


30.92 


1876 


41.16 


42.44 


1864 


32.06 


33.26 


1877 


40.52 


42.45 


1865 


31.90 


32.84 


1878 


37.80 


39.64 


1866 


34.55 


36.12 


1879 


38.15 


38.96 


1867 


36.62 


38.04 


1880 


38.92 


38.59 


1868 


35.29 


37.38 


1881 


30.63 


33.94 


1869 


32.22 


33.33 


1882 


30.68 


34.06 


1870 


28.26 


28.01 


1883 


30.21 


38.45 


1871 


31.82 


33.77 


1884 


31.07 


35.41 


1872 


37.65 


39.60 


1885 


28.23 


31.25 


1873 


39.52 


43.15 


1886 


29.76 


31.48 


1874 


40.01 


42.26 









Wie aus der nachfolgenden Tabelle ersichtlich ist, wird der 
Reis hauptsächlich nach Prankreich, Osterreich, der Türkei, Amerika, 
Griechenland, Rufsland, Grofsbritannien, der Schweiz und Spanien 
ausgeführt. Novara schickt ihn fast ausschliefslich nach Österreich- 
Ungarn und von dort in die Donaastaaten. Der Ausfuhrhandel mit 
Frankreich vollzieht sich auf dem Seewege über Marseille oder durch 
den Col de Frejus. Ebenfalls auf dem letzten Wege oder über den 
Simplon geht der Reis nach Genf und in die Südkantone der 
Schweiz. Von Genua aus wird er nach Griechenland, der Türkei 
und Amerika verschifft, doch ist Genua heute als Ausfuhrplatz für 
Reis nicht mehr so bedeutend wie ehedem. 

Die Menge des ausgeführten Reises ging von 878 913 Quintal 
im Jahre 1870 immer mehr abwärts und betrug 1888 nur noch 
98 090 Quintal. Die Ausfuhr von Reis*^) mit und ohne Schale war 
von 1870 — 88 in Quintal wie folgt: 



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) Monografia statistica S. 146 und 148. 



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Qeogr. Bl&tter. Bremen, 1896. 



16 



— 244 — 

Der geringen Ausfuhr im Jahre 1888 entspricht die äufserst 
geringe Produktion in demselben Jahre. 

Während die Ausfuhr seit 1870 mit jedem Jahre zurückging, 
nahm seitdem die Menge des eingeführten Reises wenigstens bis zum 
Jahre 1884 stetig zu. Die starke Einfuhr von Reis in Italien erklärt 
sich einerseits durch das Emporkommen der für die Wiederausfuhr 
arbeitenden italienischen Reisindustrie, anderseits dadurch, dafs man 
in den letzten Jahrzehnten ausländischen Reis als Saatgut verwendet. 
Der eingeführte Reis stammt fast ausschliefslich aus Indien, von wo 
er entweder direkt oder durch Vermittelung Englands bezogen wird. 
Von den 3 379 187 Quintal in den 14 Jahren von 1870—83 ein- 
geführten Reises kamen 2 787 172 aus Indien. Die Einfuhr von Reis 
mit und ohne Schale betrug in Quintal von 1870 — 88 wie folgt: 



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— 246 — 

Die starke Verminderung der Einfuhr im Jahre 1888 ist gröfsten- 
teils auf den damals eingeführten Schutzzoll auf Reis zurückzuführen. 

Vom Jahre 1888 ab war die Einfuhr von Reis immer nur 
gering, in den Jahren 1892 und 1893 war sie kaum noch von 
Belang, die Ausfuhr dagegen stieg wiederum zu nennenswerter Höhe 
und entsprach im Jahre 1893 mit 339 949 Quintal einem Werte 
von L. 11235920. 

Ein- und Ausfuhr von geschältem und ungeschältem Reis betrug 
in Quinta! in den Jahren 1889 — 93 wie folgt: 



Jahr 


Einfuhr 


AusAihr 


1889 *«) 


199 930 


16320 


1890*«) 


111890 


84870 


1891 *») 


153390 


286 260 


1892") 


5130 


282204 


1893") 


640 


339 948 



Mit der Ein- und Ausfuhr sind unverkennbar die R,egierungs- 
mafsnahmen verknüpft, die man zum Schutze der Landwirtschaft 
wie der Reisindustrie getroffen hat, indem man durch Einführung 
eines Zolles auf eingeführten Reis der gefährlichen asiatischen 
Konkurrenz zu begegnen suchte. Durch Gesetz vom 21. April 1887 
wurde zum ersten Mal Zoll auf ausländischen Reis gelegt. Er betrug 
zunächst L. 30 pro Tonne für ungeschälten Reis (riso con loUa) und 
L. 60 für geschälten Reis (riso senza loUa). Im Jahre 1888 wurde 
der Zoll auf L. 50 beziehmigsweise L. 110 erhöht. Endlich trat 
1890 eine abermalige Änderung ein, wonach der Zoll auf ungeschälten 
Reis L. 50, auf halb bearbeiteten (riso semi-greggio), meist aus 
Barma und Japan stammenden Reis L. 75 und auf vollständig 
bearbeiteten (riso lavorato) L. 110 betrug. — So suchte man der 
Landwirtschaft zu helfen, ohne dafs die Reisindustrie geschädigt 
wurde, da der Nutzen der Bearbeitung der italienischen Reisindustrie 
zu gute kam. 

Die Zölle übten, wie wir gesehen haben, seit dem Jahre 1888 
eine deutliche Wirkung auf Ein- und Ausfuhr aus. Ajaffallend und 
wohl auf die Schutzzölle zurückzuführen ist auch die Vergröfserung 
des Reisareals im Jahre 1891 um 1596 ha gegenüber dem Vorjahr* 

*•) Annaario statistico von 1888 — 90. 

'^ Bolletino di notizie agrarie, 1893, nach ünirechnnng der in demselben 
auf hl von risone reduzierten Angaben. 

*^ Movimento commerciale del Regno dltalia 1891. 
*") Gazzetta ufficialo 1893. 



— 247 — 

Nach diesen Anzeichen darf man wohl annehmen, dafs die 
Zölle dazu beitragen werden, der Landwirtschaft über die Krisis 
hinwegzuhelfen, die eben gröftenteils durch die unbeschränkte Über- 
schwemmung mit billigem asiatischen Reis hervorgerufen wurde, 
wenn auch dabei die langjährige Aussaugung und scUiefsliche 
Erschöpfung des Bodens, besonders der permanenten Reisfelder, und 
nicht zum wenigsten auch der Ansturm gegen die angeblich gesund- 
heitschädlichen Wirkungen der Reiskultur mit in Betracht kommen. 



Angabe der benatzten Litteratnr. 

Annali di statistica. Verschiedene Jahrgänge. 

Annuario statistica italiano. Verschiedene Jahrgänge. 

Bolletino di notizie agrarie. Verschiedene Jahrgänge. 

Bolletino delF agricoltura, Organo della Societa agraria di Lom- 

bardia. Verschiedene Jahrgänge. 
Bordiga e Silvestrini, Del riso e della sua coltivazione. Novara 1880. 
Dünkelberg, Landwirtsch. Jährbücher 1881, S. 893—940. („Kultur- 
technische Reiseskizzen aus Ober-Italien.") 
Eheberg, Agrarische Zustände in Italien. 1886 (in den „Schriften 

des Vereins für Sozialpolitik". XXVIII.) 
Th. Fischer, Die südeuropäischen Halbinseln. (»Unser Wissen von 

der Erde", herausgegeben von Eirchhofi, III 2b.) 
Gieseler, Landwirtsch. Jahrbücher. 1881. 
Grisebach, Vegetation der Erde. 
V. Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere. 1885. 

Jacini, LaProprieta fondiaria e le popolazioni agricole in Lombardia. 1857. 
Monografia statistica ed agraria sulla coltivazione del riso in Italia. 

Ministero di agricoltura, industria e commercio. Roma 1889. 
Movimento commerciale del Regno d'Italia, von 1889 — 1891. 
Nifsen, Italische Landeskunde. I. 1883. 
Notizie di statistica agraria. 1891. 

Notizie intomo alle condizioni economiche della provincia di Pavia. 
A. Oppel, Der Reis. (Einzelbilder aus der Weltwirtschaft. Bremen 1891.) 
J. J. Rein, Japan H. 7. 1886. S. 43—57. 

J. J. Rein, Gesammelte Abhandlungen, S. 220 — 230. (Reisbau in Spanien.) 
K. Scherzer, Das wirtschaftliche Leben der Völker. Handbuch über 

Produktion und Konsum. 1885. 
Werner-Koernicke, Handbuch des Getreidebaues. I. u. II. Teil. 1885. 
Werner, Landwirtschaftliche Reiseskizzen aus Ober-Italien. (Landw. 

Jahrb. 1882. S. 264.) 



— 248 — 

Deutsche Kolonisation in Südamerika. 

Vortrag des Herrn Direktors des Norddeutschen Lloyd Dr. Wiegan d 

in der Sitzung des XI. Deutschen Geographentages am 19. April 1895. 

(Abdruck ans der Weser-Zeitang Tom 86. nnd 27. April d. J.) 

Gefehrte Herren! Sie werden den angekündigten Vortrag 
„Deutsche Kolonisation in Südamerika" nicht mit Unrecht als ein 
etwas gewagtes Unterfangen ansehen, einmal schon deshalb, weil 
ein Laie es wagt, in einer so gelehrten Versammlung wie die des 
Deutschen Geographentages ein derartiges Thema zur Erörterung zu 
bringen, vor allem aber, weil sich in dem letzten Jahrzehnt das 
Interesse Deutschlands, soweit es sich um deutsche Kolonisation 
handelt, in so hervorragendem Grade dem in voller Aufschliefsung 
befindlichen Afrika zugewandt hat, dafs Südamerika als Land für 
deutsche Kolonisation in Deutschland nahezu in Vergessenheit geraten 
ist. Die Thatsache, dafs Deutschland seit Mitte des vorigen Jahr- 
zehntes begonnen hat, auf Grund von Landbesitzergreifung praktische 
Kolonialpolitik zu treiben, und dafs diese sich fast ausschliefslich auf 
Gebietsteile Afrikas beschränken mufste, hat diesem Erdteile nicht 
nur das thatkräftige Eingreifen unserer Reichsregierung, eine sub- 
ventionierte Postdampferlinie und damit verbunden die Mitwirkung 
des deutschen Kapitals zugeführt, das sich neuerdings wiederum 
thätig zeigt in den Vorbereitungen zur Aufnahme des Baues afrika- 
nischer Eisenbahnen^ sondern ihm auch das Interesse deutscher 
Forschungsreisender fast ausschliefslich zugewandt. Für Südamerika 
zeigt sich dagegen ein so geringes Interesse, dafs meines Wissens 
aus den letzten zwei Jahrzehnten lediglich die beiden von den 
Steinen'schen Reisen und Güssfeld's Andendurchforschung als Beitrag 
deutscher Wissenschaft für die Erforschung Südamerikas genannt 
werden können. Diesem offenbar vorhandenen geringen Interesse 
der deutschen Wissenschaft entspricht die kühle Haltung, welche, 
von wenigen Ausnahmen abgesehen, im grofsen und ganzen die 
kolonialpolitischen und volkswirtschaftlichen Kreise Deutschlands 
Südamerika gegenüber einnehmen. Und doch ist, was Verbreitung 
des Deutschtums anbetrifft, Afrika noch für lange Jahrzehnte hinaus 
Land der Zukunft, Südamerika aber Land der Gegenwart. Diese 
letztere Thatsache, welche sich immer wieder dem deutschen Auge 
verhüllt, wenngleich bald von dieser bald von jener Seite der Versuch 
gemacht wird, die Kenntnis der thatsächlichen Verhältnisse in 
Deutschland zu verbreiten, bei einer Versammlung des Geographen- 
tages in einer Stadt, welche mit tausend Fäden durch ihre Handels- 
beziehungen an der Entwickelung des Deutschtums im Auslande und 



— 249 — 

an der richtigen Würdigung desselben im Inlande interessiert ist, 
klarzustellen, ist die Aufgabe, deren ich mich hier innerhalb der 
kurzen mir für diesen Vortrag zur Verfügung stehenden Zeit unter- 
ziehen möchte. 

Lassen Sie mich zunächst die Aufgabe dieses Vortrages räumlich 
und begrifflich etwas beschränken. Räumlich zunächst auf diejenigen 
Gebiete Südamerikas, deren klimatische Verhältnisse unbedenklich 
die wirtschaftliche Bebauung des Landes durch deutsche Arbeitskraft 
gestatten. Damit scheiden für unsere Betrachtung im grofsen und 
ganzen aus die gesamten tropischen Gebiete Südamerikas, ins- 
besondere auch die in Centralbrasilien in den 40er und öOer Jahren 
gegründeten deutschen Kolonien, gleichzeitig aber auch die Handels- 
kolonien der Hafenplätze, welche, so wichtig sie für die Verbreitung 
deutscher Kultur sind, ein besonderes Interesse um deswillen nicht 
erwecken, weil sie sich in ihrer Art kaum unterscheiden von den 
Handelsniederlassungen deutscher Kaufleute in den Hafenplätzen des 
fernen Ostens, Australiens oder wo sonst immer. 

Das Deutschtum in Brasilien, ein so viel besprochenes und 
erörtertes Thema, und doch wie fremd in der Anschauung unsres 
Volkes ! Ünsre Geographiebücher führen die deutsche Jugend ein in 
die detaillierteste Kenntnis des deutschen Vaterlandes, sie bringen ihm 
alles wesentliche der europäischen und der fremden Erdteile; die 
Pflanzstätten deutscher Kultur aber in Brasilien: ihr Klang schlägt 
selbst noch dem erwachsenen Deutschen fremd ans Ohr. Vielleicht 
entsinnt sich der eine oder andre einer Schilderung deutscher 
Kolonisation bei dem Namen „Blumenau^^ aber Namen wie San 
Leopoldo, Sao Loren90, Santa Cruz, Taquary oder gar Joinville und 
San Bento, sie bringen ihm schwerlich die Vorstellung nahe, dafs es 
sich hier um deutsche Plätze mit vollständig deutscher Bevölkerung 
handelt, in denen viele Tausende von Deutschen die gesunde Grund- 
lage wirtschaftlicher Existenz gefunden und in denen heute noch 
Tausende von Herzen in warmer Liebe für die deutsche Heimat 
schlagen. Und was Wunder auch, können wir doch kaum den 
Namen Brasilien nennen, ohne dafs unsre Phantasie damit die Vor- 
stellung von einem tropisch schönen aber fieberverseuchten Lande 
verbinde, von einem Lande, bei dem gelbes Fieber stetig die Ge- 
sundheit, blutige Revolution ununterbrochen die wirtschaftliche 
Existenz bedrohe. Und wie ganz anders die Wirklichkeit. Wohl 
leiden die Hafenplätze des nördlichen und zentralen Brasiliens zeit- 
weilig unter den Schrecknissen des gelben Fiebers. Aber wenn Sie 
die Küstenserra hinaufwandern und den Fufs in das Innere setzen, 



— 250 ~ 

finden Sie ein zwar noch zum grofsen Teil von tropischem Urwald 
bestandenes, aber durchaus gesundes Land. Die deutschen Bewohner 
der Kolonie Pedro Secundo bei Juiz de Fora, noch etwas nördlicher 
als Rio de Janeiro, klagten mir wohl über die wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse der inmitten der Kaffeeprovinz Minas Geraes auf ungünstigem 
Boden gelegenen Kolonie, aber die klimatischen Verhältnisse mit 
denen der deutschen Heimat vergleichend, hatte jeder nur das eine 
Wort, dafs das Klima doch unendlich viel besser sei als das der 
deutschen Heimat, da es des harten Winters entbehre. 

Ganz anders aber noch, wenn Sie mich begleiten wollen aus 
der zauberhaften Schönheit der weiten Bucht von Rio de Janeiro, 
vorbei an der schroffen Höhe des Corcovado und der pittoresken 
Form des Zuckerhutes, die gebirgige Küste entlang nach dem Süden, 
nach der schönen Bai von San Francisco und aus dem malerischen 
Rundgemälde dieses Hafenplatzes den schmalen Flufsauslauf des 
Cachoeira hinauf nach Joinville in der Kolonie Dona Francisca. 
Noch voll von den Eindrücken der übermächtigen Tropennatur Rios, 
treten Sie hier, kaum einen Tag nachdem Sie Rio verlassen, plötzlich 
ohne jeden Übergang in ein Gebiet so deutsch, dafs Sie, wenn nicht 
hier und da die reiche Tropennatur mit ihren Palmen, mit Bambus 
und Orangen sich hervordrängte, vergessen würden, dafs viele 
tausend Meilen Sie von der deutschen Heimat trennen. Vergegen- 
wärtigen Sie sich für einen Augenblick an der Hand der Karte 
die Bodengestaltung des Landes, das wir betreten. Parallel mit der 
im allgemeinen von Nordosten nach Südwesten laufenden Küste zieht 
sich als Ausläufer des zentralbrasilianischen Küstengebirges die Serra 
Geral in einer Höhe von 1000 bis 1400 m nach Osten zu, ziemlich 
steil abfallend und zwischen dem Fufs des Gebirges und der Küste 
einen wenige Meilen breiten, hier und da von niedrigen Hügelketten 
durchzogenen Saum lassend, während nach Westen das Gebirge in 
eine hügelige, hier und da von Gebirgszügen durchzogene Hochebene 
übergeht, welche sich allmählich nach dem Uruguay und Parana 
zu abflacht. Kurze Flufsläufe bringen die reichen Wassermassen 
der tropischen Waldvegetation des Küstengebirges nach Osten zu, 
während von der Höhe der Küstenserra aus zahlreiche, zum teil 
mächtige Flüsse, wie der Uruguay und der Iguassu, ihren Weg nach 
Westen nehmen, um ihre Wassermassen schliefslich den La Plata- 
Ländern zuzuführen. In der Höhe des 30. Breitengrades etwa biegt 
sich das Küstengebirge nach Westen ein und giebt Raum für 
gröfsere nach dem Osten zu ausmündende Flufsgebiete, während 
südlich davon das Land in den wellenförmigen Kamp übergeht. 



— 251 — 

Während der Eüstensaam noch einen subtropischen Charakter hat, 
in welchem die Pflanzenwelt ihr charakteristisches Gepräge durch 
die Palme erhält, ist das Klima des Hochlandes bereits ein 
gemäfsigtes. In der äufseren Erscheinung des Urwaldes überragt 
die pinienartige Krone der Araucarie, hin und wieder macht der Wald 
weiten Kampflächen Platz, an den zahlreichen mehr oder weniger 
tief eingeschnittenen Flufsläufen aber entwickelt sich wiederum die 
reiche Pracht des brasilianischen Urwaldes. 

Der so geschilderte Boden bildet den Bestandteil der drei 
Südprovinzen Parana, Santa Catharina und Rio Grande do Sul, 
deren Gesamtfläche von 532 000 Quadratkilometer ungefähr der des 
deutschen Reiches entspricht. In die kleinste dieser Provinzen, in 
Santa Catharina, hat uns unser Weg geführt, dort, wo die Insel 
San Francisco dem Festlande vorlagert, eine Bucht bildend, welche 
den Flufs gleichen Namens aufnimmt. 

Hugo Zöller hat einst bei der Schilderung der hier gelegenen 
Kolonie Dona Francisca, deren hauptsächlichste städtische Nieder- 
lassung Joinville ist, diese ein modernes Phäakenland genannt. Dicht 
an der Meeresküste gelegen, bei einem Hafen, der, so klippenreich sein 
Eingang ist, den gröfsten Seeschiffen sicheren Ankergrund gewährt, 
liegt die Kolonie noch in stiller Weltabgeschiedenheit. Viele Meilen 
durch das Land ziehen sich die Niederlassungen der deutschen 
Bauern. Kein deutscher Volksstamm, der hier nicht vertreten wäre. 
Der einzelne hat nach jahrelanger harter Arbeit sich seine Existenz 
auf eigener Scholle erworben; kein Reichtum, aber auch keine 
Armut. An unser Ohr schlägt der Klang einer reinen dialektfreien 
Sprache, wie sie merkwürdig genug aus der Mischimg dieser 
deutschen Stämme der Pommern, Schlesier, Rheinländer, Schwaben, 
Bayern • und Altmärker hervorgegangen ; unser Auge aber erfreut 
sich an einer kräftigen flachshaarigen Jugend, und wir meinen, dafs 
wir ein so blondes Germanentum kaum irgendwo in Deutschland 
gesehen. Verweilen wir einen Augenblick bei der Frage : wie erringt 
sich der deutsche Kolonist hier seine Existenz? Joinville verdankt 
seine Gründung der Thätigkeit des Hamburger Kolonisationsvereins 
von 1849. Die Kolonisationsgesellschaft, welche leider zur Zeit 
ihre Thätigkeit fast gänzlich eingestellt hat, weist dem einwandernden 
Kolonisten von dem ihr gehörigen, teils von der Regierung, teils 
von dem Prinzen von Joinville erworbenen Lande einen Landanteil 
in Gestalt von Urwald zu, in der Regel 15 ha. Von dem Urwalde 
macht er zunächst soviel urbar, um den notwendigen Lebensbedarf 
für sich und die Seinen zu bauen, während er sich von dem leicht 



— 252 — 

zu bearbeitenden Holz der Palmite, welche er im Urwald fällt, sein 
Haus baut und mit den Blättern der Palmite deckt. Erst im Laufe 
der Jahre weicht dieses Palmitenhaus dem Steinhause. Noch heute 
sieht man vielfach in Niederlassungen, welche 10 bis 15 Jahre alt 
sind, trotz der augenscheinlichen Wohlhabenheit der Bewohner, diese 
Palmitenhäuser als Wohnhäuser benutzt, die dann mit schmucken, 
weifsen Gardinen vor den Fenstern einen höchst fremdartigen und 
doch freundlichen Eindruck machen. Der deutsche Bauer ist eben 
auch hier konservativ und hält fest an dem, was er gewohnt 
geworden. Während so der neue Anbauer kulturbares Land herstellt, 
findet er in der Zeit, wo ihn seine eigene Arbeit nicht in Anspruch 
nimmt, lohnende Beschäftigung an dem Bau der Strafsen, welche 
die Gesellschaft nach und nach durch die neuen Niederlassungen 
herstellt. Ln zweiten Jahre pflegt der neue Anbauer soviel auf- 
gerodet zu haben, dafs er sich ein Stück Vieh anschaffen kann. 
Ist der Mann fleifsig, benutzt er die Zeit, die ihm sein eigener 
Anbau läfst, um sich durch anderweitige Arbeit baar Geld zu 
verdienen, so kann er, wenn er daneben nur einen Teil seiner 
Produkte verkauft, erfahrungsmäfsig im vierten oder fünften Jahre 
darauf rechnen, dafs er, während inzwischen sein übriger Viehstand 
sich vermehrt hat, sich Pferd und Wagen anschaffen kann. Diese 
ersten Jahre des Kolonistenlebens sind zweifellos harte Arbeitsjahre. 
Mancher, der harte körperliche Arbeit nicht gewohnt ist oder der 
hier auf schnelles Reichwerden gerechnet hatte, verliert dabei den 
Mut oder mag auch körperlich dabei zu Grunde gehen. Die ganz 
überwiegende Mehrzahl aber arbeitet sich, namentlich wo eine 
tüchtige Hausfrau mit eingreift, oder halbwüchsige Kinder die 
Arbeitsleistung vermehren, durch und gewinnt in wenigen Jahren 
eine Existenz, bei der infolge der enormen Fruchtbarkeit des Bodens, 
bei verhältnismäfsig geringer körperlicher Arbeitsleistung, das Resultat 
der Arbeit jährlich einen mehr oder minder grofsen Spargewinn läfst. 
Die Erweiterung des Grundbesitzes geschieht vorwiegend aus 
Spekulationszwecken oder um den heranwachsenden Kindern das 
zukünftige Heim zu sichern. Eine Ausdehnung des eigenen land- 
wirtschaftlichen Betriebes ist, abgesehen von einer gewissen Aus- 
dehnung der Viehzucht, ausgeschlossen, da es an den erforderlichen 
Arbeitskräften fehlt. Wem das langsame, wenn auch sichere Ge- 
deihen nicht genügt, der mufs sich andere Quellen schnelleren Wohl- 
standes suchen. Dazu bietet vor allem der Besitz einer Venda Ge- 
legenheit, eines Kram- und Schenkladens, oder der Bauer benutzt 
zur Vermehrung seiner Arbeitskraft die Kraft des Wassers eines der 



— 253 — 

zahlreichen Flüsse, Flüfschen oder Bäche, welche mit ihren Wasser- 
zügen das ganze Land durchziehen, um eine Schneidemühle, Mais- 
mühle oder Arrowrootmühle anzulegen. Der Anbau umfafst Kafiee, 
der vor allem auf hügeligem Terrain gedeiht, Mais, Zuckerrohr, vor 
allem in den Flufsniederungen, Südfrüchte, namentlich die Apfelsine, 
die hier in vorzüglicher Qualität wächst, daneben Knollengewächse der 
verschiedensten Art und alle europäischen Gemüse. Für alle diese 
Produkte bieten die grofsen Hafenplätze von Rio und Santos guten 
Absatz, doch fehlt es leider an genügenden Verbindungen. Die 
Hauptausfuhr der Kolonie aber bildet der Mate, das gedörrte Blatt 
einer Ilexart des Herva Mate, welcher von hier in kleinen Segel- 
schifiladungen seinen Weg nach dem La Plata und der Küste des 
Stillen Oceans nimmt, um im argentinischen Kamp wie in den 
Gebirgsthälern Chiles zur Bereitung des Mategetränkes zu dienen. 

Ein Grofsbetrieb hat sich noch nirgends entwickelt, auch nicht 
auf dem Gebiete der Gewerbethätigkeit, in den Gerbereien und in 
der Möbelfabrikation, und zwar namentlich deshalb, weil es an 
Arbeitskräften fehlt. Als solche bieten sich nur die jungen Burschen 
der Kolonie und neue Ankömmlinge, erstere, bis sie sich verheiraten 
und dann sich eine selbständige Existenz auf eigner Scholle schaffen, 
letztere, bis ihnen die Einsicht kommt, dafs es hier auch dem Un- 
bemittelten, wenn er rüstige Arbeitskraft besitzt, leicht ist, sein 
eigener Herr zu werden. 

Das Bild der Stadt Joinville vergegenwärtigt Ihnen einen 
gewissen ländlichen Charakter der Stadt, aber die Bewohnerschaft 
zeigt bereits ein urbanes Gepräge in weit höherem Mafse, als es 
bei einer deutschen Stadt gleicher Gröfse der Fall sein wird, über- 
wiegend besteht die Einwohnerschaft dieser im Jahre 1849 ge- 
gründeten Kolonie bereits aus dem Nachwuchs der ersten Ein- 
wanderer, und wenn ich oben erwähnt habe, welch ein blondes, kräftiges 
Geschlecht in diesem Nachwuchs heranwächst, so gilt dies ganz be- 
sonders von der Frauen- und Mädchenwelt Joinvilles. Über dem 
ganzen waltet ein froher, harmloser Geist, der sich ergeht in den 
zahllosen geselligen Vereinigungen, ein Geist, der weder sorgt um 
grofse Fragen der Politik, noch um die Lösung schwerer sozialer 
Probleme, denn für das erstere ist kein rechter Raum, da weder 
die grofse Politik in Rio de Janeiro, noch die kleinere der Pro- 
vinzialhauptstadt Desterro merkbar in den Organismus der be- 
scheidenen Selbstverwaltung dieses Gebietes eingreift, für die Lösung 
sozialer Probleme aber fehlt der Boden, da hier jedem noch die 
Möglichkeit gegeben ist, mit der eigenen Hände Arbeit sich die 



, _ 254 — 

unabhängige Existenz auf eigener Scholle zu erwerben. Vielleicht 
ist dieses Joinville, trotz seines fremdartigen Namens, heute das 
schönste Idyll, das deutsche Volkskraft irgendwo auf dem Erdenrund 
geschaffen hat. 

Ich habe Sie, meine geehrten Herren, mit diesem kurzen Aus- 
flug mitten hinein versetzt in die deutsche Kolonisation Südbrasiliens. 
Was Sie in Joinville sehen, ist vielleicht ihre schönste, aber nicht 
ihre fruchtbarste Blüte, weit bedeutender ist die etwa hundert 
Kilometer südlich gelegene Colonie Blumenau, von Joinville noch ge- 
trennt durch dichten Urwald, durch welchen nur ein schmaler Reit- 
weg die Verbindung herstellt, weit aussichtsreicher als die Acker- 
baukolonie San Bento, die Zweigkolonie von Joinville, auf der Höhe 
der Serra, wo die klimatischen Verhältnisse bereits den Anbau von 
Roggen gestatten, weit entwickelter aber ist der reiche Kranz von 
deutschen Kolonien, der in der Provinz Rio Grande do Sul westlich 
und nördlich von Porto Alegre, dem fast ausschliefslich auf deutschem 
Handel beruhenden Hafenplatze, sich hinzieht. Der Charakter ist 
bei allen mehr oder weniger derselbe, Kolonien, hineingepflanzt in 
den brasilianischen Urwald, ^gegründet mit Beil und Hacke, Kolonien, 
ausschliefslich beruhend auf kleinbäuerlichem Besitz, bei denen die 
einzelne Scholle selten über den Umfang von 60 — 100 Morgen 
hinausgeht. Nirgends ein Körnerbau in grofsem Umfange, sondern 
vielseitiger landwirtschaftlicher Anbau, Taback und Wein, Erbsen 
und Bohnen neben Bananen, Citronen und Apfelsinen, Mais und 
Zucker neben Knollengewächsen der verschiedensten Art, der euro- 
päischen Kartoffel wie des Mandiok, der Caja und der Batate auf 
der Höhe der Serra, Roggen, Gerste, Hafer und Weizen neben dem 
europäischen Obstbaum, neben Pfirsich, Aprikose, Kirsche, Äpfel und 
Birnen, ein seltener Reichtum der verschiedensten landwirtschaft- 
lichen Produkte. Daneben Viehzucht, welche dort einen gröfseren 
Umfang einnimmt, wo ausgedehnte Kampflächen Raum für Viehweiden 
bieten. Hier und da die Anfsuige kleiner industrieller Betriebe, 
Zuckerr^brbrennerei, . Mühlen zur Herstellung des Mandiokamehles 
wie der Mat6. Die Kolonisten, nicht in geschlossenen Dörfern, 
sondern inmitten ihres Grundstückes lebend, die Kolonistennieder- 
lassung lediglich bestehend aus dem kleinen mit den Blättern der 
Palmite oder auch mit Ziegeln bedeckten Wohnhause und der 
Wagenremise, aber weder Stallung, noch Speicher und Scheunen, 
denn das Vieh bleibt bei der Milde der Witterung stets im Freien, 
und die reiche, ununterbrochen produzierende Natur enthebt den 
Bauer der Sorge des Winterbedarfs. Reiche Vegetation aber bedeckt 



— 255 — 

jeden Pufsbreit Erde, der nicht momentan .für Anbauzwecke dient 
oder dafür freigehalten wird. Palmenarten aller Art, Ilex und 
Myrthe, Bambus und die unzähligen Baumarten des brasilianischen 
Urwaldes umziehen mit ihrem Grün jede Niederlassung. So reich 
die Natur ist, so gering ist noch, was Menschenhand hier geschaffen. 
Das Gebiet der drei brasilianischen Südstaaten Parana, Santa 
Catharina und Rio Grande do Sul umfafst heute vielleicht noch nicht 
einmal eine Million Menschen, die sich ganz überwiegend in der 
Nähe der Meeresküste angesiedelt haben. Der Eisenbahnbau ist 
erst in den Anfängen vorhanden, in Parana eine Bahn von Para- 
nagua aus über Gurityba in das Innere, eine kurze Bahn im Süden 
von Santa Catharina und zwei gröfsere zum teil noch in der Aus- 
führung begriffene Bahnstrecken in Rio Grande do Sul. Innerhalb 
der Kolonien, namentlich in der Provinz Santa Catharina, sind 
leidlich gute Strafsen, von gröfseren Heerstrafsen aber ist wohl nur 
die eine von Joinville nach San Bento, die schön angelegte Serra- 
strafse, zu nennen. Der schwachen Kommunikationsmöglichkeit 
entspricht der lockere Zusammenhang der Kolonien unter einander, 
wie der Mangel einer straffen Verwaltung. Die Lebenskraft deutscher 
Kolonien, deren Gesamteinwohnerzahl etwa 200 000 beträgt, aber, 
wenn auch zurückgehalten durch den Mangel der Verbindungs- und 
Absatzwege, ist doch schon weit genug entwickelt, um den Deutschen 
weithin Achtung im Lande zu verschaffen. Diesem Umstand haben 
es die deutschen Kolonien zu verdanken, dafs die Schrecken der 
letzten Revolution, welche annähernd einundeinhalb Jahre im Süden 
gewüthet hat, an den deutschen Kolonien nahezu spurlos vorüber- 
gegangen sind. 

Sie werden die Frage aufwerfen, wie sind diese deutschen 
Kolonien entstanden und wie kommt es, dafs Deutschland ihnen 
so fremd geworden, denn hier auf dieser Seite des Ozeans liegt die 
Entfremdung, nicht drüben im brasilianischen Urwald, wo heute die 
zweite und dritte Generation noch deutsch fühlt und denkt wie einst 
die einwandernden Voreltern. Der Anfang der deutschen Kolonisation 
geht zurück auf den Anfang des selbständigen brasilianischen Staats- 
lebens. Als der junge Staat Brasilien seine Unabhängigkeit von der 
Krone Portugal erklärte, war sein erster Gedanke die Entfaltung der 
reichen Naturkräfte des Landes durch europäische Kolonisation, und 
richtig erkannte man, dafs von allen europäischen Völkerstämmen 
der Deutsche seiner Art nach am besten berufen sei, dieses reiche 
Land zu erschliessen. Das nämliche Jahr 1825, in welchem Portugal 
jdie Unabhängigkeit Brasiliens anerkannte, sah bereits die Gründung 



^ 256 — 

der ersten deutschen Kolonie in Rio Grande do Sul, San Leopoldo. 
Von jenem Jahre ab bis zum Jahre 18&8 ist dann eine Kolonie 
nach der anderen gegründet worden, teils von der Zentralregierung 
auf Regierungsland und jnit Unterstützung der Regierung, teils von 
den Provinzialregierungen, die besten aber, wie Sao Lorengo, Blumenau 
und Joinville, von deutschen Unternehmern, jene von Rheingantz 
bezw. Dr. Blumenau, diese von dem Hamburger Kolonisationsverein 
von 1849. So viele Mifsgrifie bei diesen Koloniegründungen vor- 
gekommen sein mögen, so giebt es doch unter all den deutschen 
Kolonien der drei Südstaaten keine einzige, die sich nicht lebens- 
kräftig entwickelt hat. Nur die in den zentralen Provinzen Brasiliens 
gegründeten, wie die oben erwähnten bei Juiz de Fora, haben bei 
den besonderen landwirtschaftlichen Verhältnissen zu keiner rechten 
Entwickelung kommen können, mit Ausnahme von Petropolis, das 
als kaiserliche Sonmierresidenz und als Sommerwohnsitz der wohl- 
habenden Kreise Rios aus diesem Aufenthalt des Kaisers und seiner 
Umgebung sich reiche Einnahmequellen erschlossen hat. Im Jahre 
1859 unterbrach das von der Heydt' sehe. Reskript den Weiterfortschritt 
der deutschen Kolonisation Südbrasiliens und hat solche bis zum 
heutigen Tage hintangehalten. Die Wirkung dieses von der Heydt'schen 
Reskriptes, das eine Berechtigung nur hatte, soweit es sich um die 
Erschwerung deutscher Auswanderung nach Zentralbrasilien handelte, 
ist verstärkt worden durch die stetig sich wiederholenden Schreckens- 
nachrichten des gelben Fiebers, das im Jahr 1850 nach Rio ein- 
geschleppt wurde und sich seitdem dort fast alljährlich wiederholt. 
Der Mangel geographischer Kenntnisse der südamerikanischen Ver- 
hältnisse in fast allen Kreisen Deutschlands, der einen Unterschied 
nicht kennt zwischen Zentral- und Südbrasilien, hat bis zum heutigen 
Tage in verhängnisvoller Weise auch Südbrasilien regelmäfsig hinter 
dem Schreckbild dieses Fiebers verschwinden lassen. Andererseits 
hat das Heranwachsen des Deutschtums in Südbrasilien, das man 
heute, wie bereits gesagt, bei einer Gesamtbevölkerung von einer 
Million auf reichlich 200 000 Köpfe veranschlagen darf, die 
brasilianische Regierung nach der Richtung hin besorgt gemacht, 
als könne dieses heranwachsende Deutschtum zu einer Los- 
reifsung der Südprovinzen von den übrigen Provinzen führen. 
Allerdings sehr mit Unrecht, denn für die weitere politische 
Gestaltung wird in erster Linie mafsgebend bleiben das wirtschaft- 
liche Interesse. So lange aber, was in Zukunft noch in zunehmendem 
Mafse der Fall sein wird, die Südprovinzen in den Absatzverhältnissen 
für ihre Produkte fast ausschliesslich angewiesen sind auf den 



— 257 — 

Gonsom der zentralen und nördlichen Provinzen Brasiliens, ist dieses 
wirtschaftliehe Interesse stark genug, um das politische Band stets 
neu zu knüpfen. 

Die südliche Grenze der Provinz Rio Grande do Sul über- 
schreitend, gelangen wir in die Fortsetzung jenes wellenförmigen 
Kampterrains, welches bereits einen Teil der südlichen Distrikte 
der Provinz Rio Grande do Sul ausmacht. Vielfach von kleinen 
Flufsläufen durchzogen, welche an ihren Rändern dichten Baum- 
wuchs zeigen, dehnt sich dieses Terrain über die gesamte Fläche 
der Banda Oriental del Uruguay aus, in den nördlichen Teilen 
dieses Staates ausschliefslich für Viehzucht benutzt, während, wenn 
wir uns der Stadt Montevideo nähern, uns unser Weg bereits durch 
wogende Weizenfelder und junge Weinanpflanzungen führt. An der 
Südseite des La Plata ändert sich dieses wellenförmige Eampterrain 
insofern, als es den Charakter der vollständig flachen, bäum- und 
strauchlosen Ebene annimmt, welche nur an den tief eingeschnittenen 
Flufsläufen landschaftliche Abwechslung erhält. Wir befinden uns 
auf dem Kamp Argentiniens, welcher nahezu von der Südgrenze 
Paraguays und Brasiliens bis in die Nähe des Rio Negro im Süden 
reicht, im Norden begrenzt von den Waldgebieten des Chaco und 
der Provinz Corrientes, welche Ausläufer hinabsenden bis in die 
Provinzen Entre Rios, Santa Fe und Cordoba, im Westen begrenzt 
von den Cordilleren von Cordoba und San Luis, im Süden von dem 
niedrigen Küstengebirge, das sich, von Nordost nach Südwest 
streichend, an der südlichen Küste von Buenos Ayres entlang zieht. 
Diese weite Ebene, welche nur in der Provinz Cordoba zum teil 
in ein welliges, in der Provinz Entre Rios in ein hügeliges Terrain 
übergeht, besteht überwiegend aus schwerem Lehmboden, auf welchem 
eine etwas leichtere Humusschicht von einem halben bis einem Meter 
Stärke liegt. Es ist das uralte Ueberschwemmungsgebiet der Wasser- 
massen, welche aus den tropischen regenreichen Teilen Zentral- 
Brasiliens ihren Ausweg suchten nach dem Meere und ihn noch 
heute finden in den mächtigen Strömen des Parana, des Paraguay 
und des Uruguay. Die reichen Feuchtigkeitsentwickelungen des 
tropischen Brasiliens sind es aber auch gleichzeitig, welche, in Ver- 
bindung mit der Wasserverdunsturig der genannten Ströme, die 
, Feuchtigkeitsniederschläge erzeugen, denen, in Verbindung mit den 
Jahrtausend alten Ueberschwemmungsablagerungen seines Bodens, 
Argentinien seine Fruchtbarkeit verdankt. Während noch vor einem 
Jahrzehnt der argentinische Kamp fast ausschliefslich der Viehzucht 
diente, die hier auf den Estancias der Grofsgrundbesitzer in ge- 



— 258 — 

waltigstem Mafsstabe betrieben wurde, hat sich seitdem, vom Centrum 
der Provinz Santa Fe ausgehend, der Anbau von Körnerfrüchten, 
insbesondere von Weizen and Mais, in schnell steigendem Mafse 
über den Kamp verbreitet, über die Provinzen Santa Fe, Entre 
Rios, Cordoba und Buenos Ayres, d. h. über dasjenige Gebiet, 
welches neben der geschilderten Bodenbeschaffenheit genügende 
Feuchtigkeitsniederschläge für den Anbau von Getreide besitzt. 
Gleichzeitig hat sich, nach allen Richtungen den Kamp durch- 
schneidend und ihn in Verbindung mit den Hafenplätzen bringend, 
ein lebhafter Eisenbahnbau entwickelt, dessen Linien nach Norden 
bis in die äufsersten Grenzen des Weizenbaues, ja darüber hinaus 
bis in das Zentrum der Zuckerprovinz Tucuman reichen, während 
nach Westen der eiserne Schienenstrang bereits in das Herz der 
Cordilleren eingedrungen ist. Aufserordentlich günstige Boden-, 
Klima- und Yerkehrsverhältnisse sind dem europäischen Getreidebau 
im argentinischen Kamp zu statten gekommen: ein überaus frucht- 
barer Boden, der jahrelange Raubwirtschaft verträgt und dessen Ge- 
staltung die Verwendung landwirtschaftlicher Maschinen im weitesten 
Umfange zuläfst, ein Klima, das dem Bauer die höchstmöglichste 
Ausnutzung seiner individuellen Arbeitskraft ermöglicht, da ihm der 
südliche Winter während seiner ganzen Dauer das Pflügen und die 
Aussaat von Getreide gestattet und ein Ansammeln, von Winter- 
vorräten hier so wenig wie in Brasilien in Frag3 kommt, endlich 
die Leichtigkeit der Verschiffung mittelst der tief in das Land 
hinein für Seeschiffe fahrbaren Stromflächen des Parana und des 
Uruguay. Unter dem EinfluTs dieser günstigen Umstände vollzieht 
sich hier auf dem argentinischen Kamp zur Zeit die Bildung eines 
bäuerlichen Grofsgrundbesitzes im grofsartigsten Mafsstabe,. der 
allmählich den Viehbetrieb der Estancien verdrängt, und wenn er 
auch selbst auf dem dafür so günstigen Boden einen Teil seines 
landwirtschaftlichen Betriebes der Viehzucht widmet, doch den 
überwiegenden Teil seines Besitzes unter den Pflug bringt zum 
Anbau von Mais, Weizen und Leinsaat. Man schätzt, dafs der 
einzelne Anbauer mit seiner eigenen Arbeitskraft ohne fremde Hülfe 
ein Areal von 100 Hektaren, also 400 Morgen, und zwar vorwiegend 
Ackerland zu bewirtschaften vermag, wobei er nur in der Erntezeit 
der Hülfe fremder Arbeitskräfte zur Bedienung der landwirtschaft- 
lichen Maschinen, welche hier in Argentinien in dem weitesten 
Umfange Verwendung finden, bedarf. Während in Südbrasilien die 
Landwirtschaft sich auf kleinbäuerlichen Besitz von 15 — 25 Hektaren, 
selten von 40 — 60 Hektaren aufbaut, ist hier der Bauernhof von 



— 259 — 

100 — 200 Hektaren und darüber hinaus die Regel, sind bäuerliche 
Besitzungen von 300 — 400 Hektaren häufig und solche von 600, 
800, ja 1000 Hektaren keine Seltenheit. Da ist es denn nicht 
überraschend, wenn man bei der Reise durch die Weizenfelder 
des argentinischen Kamps unter dem Eindruck steht, als sei 
das Land überhaupt noch nicht bevölkert, selbst da, wo sich 
eine Kolonie an die andere reiht. Meilenweit schweift das Auge 
über die grünen Getreidefelder der bäum- und strauchlosen 
Ebene, nur selten Ruhepunkte findend an den weit zerstreut 
liegenden, nur aus dem kahlen Wohnhaus und einigen Schuppen 
bestehenden Niederlassungen der Kolonisten. In welcher Weise sich 
die Bebauung des Kamps vollzieht, wird am besten ein Vergleich 
zeigen mit einer uns naheliegenden Anbaufläche Deutschlands, der 
des Bremer Gebietes. Wir zählen auf dem etwa 4^2 Quadrat- 
meilen grofsen Gebiet Bremens 35 Dörfer, darunter 11 Kirch- 
dörfer, mit einer Bevölkerungsziffer von 26000 Köpfen. In der 
Getreideregion des argentinischen Kamps wird eine gleiche Fläche 
im Durchschnitt mit 80 — 100 Kolonistenfamilien vollständig besetzt 
sein. Da darf es denn nicht überraschen, dafs diese etwa 250 000 
bis 300000 ha umfassenden, für den Getreidebau im allgemeinen 
geeigneten Landstriche Argentiniens in einer verhältnismäfsig kurzen 
Zeit von Getreidebauern besetzt sein werden. 

Dieser argentinische Getreidebau verdankt seine erste Entstehung 
deutschem Arbeitsfleifs ; deutsch-schweizerische Kolonisten waren es, 
welche in Verbindung mit deutschen Auswanderern, namentlich 
Hessen und Rheinländern, zuerst in den Kolonien Esperanza, Don 
Carlos und Humboldt in der Nähe von Santa Fe in den sechziger 
Jahren das Samenkorn in die Erde legten, das jetzt millionenfache 
Frucht trägt. Heute freilich hat die italienische Einwanderung 
sich über die weiten Flächen des Kamps verbreitet, wenn auch 
stark durchsetzt mit Belgiern, Südfranzosen und Deutschen. Schätzt 
man doch heute die Zahl der in Argentinien lebenden Italiener auf 
6 — 700000, von denen vielleicht die Hälfte auf die Kampkolonien 
entfallen mag, während die Gesamtziffer der Deutschen Argentiniens 
einschliefslich der Deutsch-Schweizer und Deutsch-Österreicher 
60 — 70 000 nicht übersteigen dürfte. Aber auch hier inmitten der 
spanischen und italienischen Bevölkerung bewahrt der Deutsche im 
grofsen und ganzen bis in die zweite, und wo er, wie in den ge- 
nannten schweizerischen Kolonien in gröfserer Zahl zusammenlebt, 
auch durch die weiteren Generationen hindurch seine Eigenart, 
nirgends der schnelle Übergang zu der fremden Nationalität, den 

Geogr. Blätter. Bremen, 1895. 17 



— 260 — 

wir Monsd überall beobachten, wo der Deutsche mit anglikanischer 
Bevßikening zosammenstöfst. Auch hier bleibt der deutsche Kolonist 
ein Pionier deutscher Kultur inmitten seiner romanischen Umgebung, 
fmd tief zu beklagen ist es, dafs nicht an dem Aufschlüsse des 
argentinischen Kamps national deutsche Kolonien die Thätigkeit 
fortgesetzt haben, welche schweizerischer Unternehmungsgeist so 
gjQcklich begonnen hatte. Einen schwachen Ersatz bieten in dieser 
Richtung die deutsch-russischen Kolonien, welche in ihren dicht 
gedrängten Dorfgemeinden treu die Eigenart bewahren, welche sie 
einst aus der schwäbischen Heimat an die Wolga verpflanzt und 
von dort wiederum in den argentinischen Kamp hinübergetragen haben. 
Es sind Nachkommen der deutschen Kolonisten, welche von der 
Kaiserin Katharina in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
in den Gouvernements Samara und Saratoff angesiedelt wurden, und die 
infolge Aufhebung ihrer Privilegien seit der zweiten Hälfte der siebziger 
Jahre ihre Kolonienniederlassung an der Wolga zum teil verlassen haben, 
um sich eine neue Heimat in Argentinien zu suchen. Solche haben sie 
gefunden in den südlichen Teilen der Provinz Buenos Ayres, wo sie 
drei blühende, zur Zeit allerdings im Rückgange befindliche Ge- 
meinden errichtet haben, sowie in Diamante in der Provinz 
Corrientes. Neue Deutsch-Russen-Kolonien entstehen zur Zeit im 
südlichen Cordoba. Noch heute deutsch in ihrer Erscheinung, ihrer 
Sprache und ihren Lebensgewohnheiten, können sie doch kaum 
noch als Vertreter des Deutschtums bezeichnet werden, da ihnen 
jede geistige Gemeinschaft mit dem deutschen Vaterlande verloren 
gegangen ist. Aber die Deutsch-Russen nehmen doch thätigen Anteil 
an der Bildung und Entwickelung des argentinischen Bauernstandes, 
welcher an Stelle der Estancienbesitzer nach und nach Besitz ergreift 
von den fruchtbarsten Gebieten Argentiniens. 

Eine Wegestrecke von 110 km trennt den Endpunkt der 
argentinischen Eisenbahn von Salto del Soldado, der ersten Eisen- 
bahnstation auf chilenischer Seite. Unwirtliche Hochgebirgsthäler, 
ein steiler Gebirgspafs, bieten heute noch dem Schienenstrange 
schwer besiegbare Hindernisse, welche bei dem langsamen, durch 
stetige Pinanzschwierigkeiten unterbrochenen Fortgang der Arbeiten 
erst im Laufe einer Reihe von Jahren überwunden werden dürften. 
Bis vor wenigen Wochen noch war das Maultier der einzige Ver- 
kehrsvermittler zwischen Argentinien und der mit mächtiger Energie 
vorwärts arbeitenden Schwesterrepublik Chile, seit Mitte des ver- 
flossenen Monats aber ist eine bequeme Strafse fertig gestellt, welche, 
wenigstens für die Sommermonate von November bis Mitte März, 



— 261 — 

den Verkehr von Fuhrwerk zwischen den beiden Eisenbahnstationen 
gestattet und den Handelsbeziehungen zwischen Argentinien und 
Chile einen neuen Impuls geben wird. Auf der westlichen Seite der 
Cordilleren betreten wir das schmale Küstengebiet am Strande des 
Stillen Ozeans, das im Norden bis in das Gebiet der Tropen reichend, 
im Süden die Gletscher in das Meer hinabsteigen sieht. Schon 
wenn wir von der Pafshöhe hinuntersteigen, erfreuen wir uns an 
der reichen Kultur des Landes, die hier fast ausschliefslich auf 
künstlicher Bewässerung beruhend, Zeugnis ablegt von der rührigen 
Thätigkeit der Bewohner, wie von dem umsichtigen Schaffen einer 
vernünftigen Verwaltung. Unsere Freude steigert sich, wenn ~. wir 
sehen, welch lebhaften Anteil an dieser Entwickelung des chilenischen 
Landes das Deutschtum genommen, und wenn wir aus chilenischem 
Munde hören, mit welchem Stolze man hier von den Deutschen in 
Valdivia spricht. Und in der That, was die deutschen Kolonien 
in Santa Catharina an der Ostküste Südamerikas, das sind die 
deutschen Kolonien in Valdivia und Llanquihue an der Ostküste. 
Blühende Pflanzstätten deutscher Kultur, fast ebenso wenig bekannt 
und gewürdigt im Vaterlande daheim wie ihre Existenz und Ent- 
wickelung bedeutungsvoll ist für die Gebiete der romanischen 
Länder Südamerikas. In den Waldgebieten der gemäfsigten Teile 
des südlichen Chile in der Mitte der vierziger Jahre als Acker- 
baukolonien von deutschen Kolonisatoren auf Landstrecken ge- 
gründet, welche diese von der araucanischen Urbevölkerung des 
Landes erworben, haben diese Kolonien in Valdivia, Puerto 
Montt und Osorno sich in einer von den übrigen deutschen 
Kolonien in Südamerika vollständig abweichenden Weise entwickelt. 
Verhältnismäfsig klein an Zahl ihrer Bewohner, haben sie ihre 
Thätigkeit in zunehmendem Mafse industrieller Arbeit zugewandt 
und insbesondere Valdivia zu einem rührigen Sitze deutschen Ge- 
werbefleifses verwandelt ; Bierbrauereien, Leder- und Schuhfabrikation, 
Holzindustrie und Spiritusbrennereien, das sind die Zweige ge- 
werblicher Thätigkeit, deren Produkte ihren Absatz durch ganz 
Chile und darüber hinaus an der Westküste finden und den 
Ruf der Valdivienser Deutschen begründet haben. Was die 
lebenskräftige Entwickelung Valdivias verursacht hat, ist nicht Be- 
günstigung der Regierung, weder auf dieser Seite des Ozeans noch 
drüben in Chile selbst, sondern die rührige Thätigkeit seiner Be- 
wohner, denen weitblickende Männer, wie Carl Anwandter und Kinder- 
mann, die Wege bahnten, und die guten Verbindungen, welche die 
Hamburger nach der Westküste fahrenden Dampfergesellschaften 

17* 



— 262 — 

sowie eigene Rhedereibetriebe den Valdiviensem geschaffen haboi. 
Hier zeigt sich so recht, was die Herstellung guter Verkehrs- 
beziehnngen, und zwar nicht nur mit der deutschen Heimat, sondern 
mit den Absatzgebieten des betreffenden überseeischen Landes fär 
die Entwickelnng deutscher überseeischer Kolonien bedeutet. Gleich-* 
zeitig aber zeigt sich hier bei den Valdivienser Deutschen, wie die 
Liebe zu der angestammten Heimat, die treue Pflege deutscher 
Sprache und Sitte durchaus vereinbar ist mit einem engen AnsdiluCs 
an die neue Heimat, denn die Valdivienser I>euts<^en haben sich 
den Ruf erworben, dafs sie, obgleich deutsch im besten Sinne des 
Wortes, dennoch dem chilenischen Staate jeder Zeit in Kri^ und 
Frieden treue Dienste geleistet haben. Auch hier stehen wir vor 
der Frage, weshalb es Deutschland nicht mögUch gewesen ist, diese 
deutschen Kolonien in den fünfzig Jahren ihres Bestehens mit neuem 
starken Zufluis deutschen Blutes zu versehen, der dem Deutschtum 
an der Westküste nicht nur eine einflufsreiche, sondern eine au»* 
schlaggebende Stellung gesichert hatte, und auch hier die Antwort, 
daCs Deutschland es nicht verstanden hat, die Keuntnis der Ver- 
hältnisse dieser deutschen Kolonie» genügend im deutschen Volke 
zu verbreiten. 

Lassen Sie mich diesen Oberblick über die deuts^e Kolonisation 
Südamerikas, der bei der Kürze der mir zur Verfügung: gestellten 
Zeit ja nur ein sehr summarischer sein konnte, mit einigen Be- 
merkungen allgemeiner Natur schliefsen. 

Die deutsche Kolonisation Südamerikas zeigt, in welch h€)hem 
Mafse dem germanischen Volksstamme die Kraffc und^ die Gabe zur 
Kolonisation fremder Gebiete gegeben ist. Überall aber in Süd*- 
amerika bleibt der eingewanderte Deutsche nicht nur für die eigene 
Person, sondern auch in der Nachkommenschaft, abgesehen von 
denjenigen Fällen, wo er vereinzelt inmitten romanischer Umgebung 
wohnt, bis in die jetzt heranwachsende dritte Generation deutsch 
in der Sprache und in den Lebensgewohnheiten, deutseh auch in 
der Befriedigung seiner Kulturbedürfnisse, deren Kenntnis er gleich- 
zeitig der romanischen Umgebung vermittelt. Nichts ist hierfür 
bezeichnender, als der Umfang, in welchem der Absatz deutscher 
Artikel sich nach den hier in Frage kommenden Gebieten Südame- 
rikas vollzieht. Man wird nicht allzuweit fehl gehen, wenn man 
die Gesamtzahl der in Brasilien, Argentinien und Chile lebenden 
Deutschen auf höchstens 300000 Köpfe veranschlagt; der jährliche 
Export von Deutschland nach diesen Ländern wird unter Mitberück- 
siohtigung der indirekten Ausfuhr einen Wert von 150 bis 200 



i 



— 263 — 

Millionen Mark repräsentieren. Vergleichen wir damit die Thatsache, 
dafs in den «Vereinigten Staaten von Nordamerika an deutsch redender 
Bevölkemng die zehnfache Zahl, vielleicht drei Millionen, leben, 
ganz abgesehen von der vielleicht die doppelte Zahl betragenden, 
jetzt englisch sprechenden deutschen Nachkommenschaft, und ver- 
gleichen wir damit die Ausfuhrziffer von noch nicht 400 Millionen 
Matk, welche Deutschlands Verkehr mit den Vereinigten Staaten 
von Nordamerika zeigt., so springt mit überraschender Schärfe in 
die Augen, was die zur Zeit noch verhältnismäfsig so geringe 
deutsche Kolonisation in Südamerika für Deutschlands Handel und 
Industrie bedeutet. 

Aber auch abgesehen davon. Wenn in unserem Volke bei 
seinem heifsen wirtschaftlichen Bingen, bei seinen Bestrebungen, 
grofse soziale Aufgaben in seiner inneren Entwickelung zu lösen, 
immer wiederum der Gedanke sich Bahn bricht, dafs damit sich 
seine Kulturaufgaben nicht erschöpfen, dafs es sein Recht und seine 
Pflicht ist, auch in den übrigen Weltteilen an der Entwickelung 
der Menschheit mitzuarbeiten, dann ist es an dieser Stätte vielleicht 
gestattet, darauf hinzuweisen, dafs von all den Gebieten gemäfsigter 
Zonen der verschiedenen Erdteile nur diejenigen Südamerikas es 
sind, wo es seine eigene Volkskraft eingesetzt hat ohne diese selbst 
einznbüfsen, und dafs auch nur die Gebiete Südamerikas, wo eng- 
lisches Volkstum sich nicht in verhängnifsvoUer Weise mit dem 
unseren zu vermischen vermag, in absehbarer Zeit, so lange noch 
nicht anbaufähige Gebiete Afrikas dem Deutschtum geöffnet sind, 
deutsche Kolonisation den Einflufs deutscher Kultur in einer für 
die W^terentwickelung der betreffenden Staaten entscheidenden 
Weise zu fördern vermag, und die Aufgaben, welche Deutschland 
hier zu lösen berufen ist, hat dieses nach Abbruch seiner so erfolg- 
reich begonnenen Kolonisationsthätigkeit seit nahezu vier Dezennien 
zu erfüllen versäumt. 



Aus Niederländiseh Neu-Oninea. 

Von H« Zondervan. 

VII.*) Die Nordkfiste östlich von Kap d'Urville. 

Dieses Gebiet, ungefähr zwischen 137 ® 30' und 141 ® östl. L. 
gelegen, bildet insofern eine Landschaft für sich, als seine Bewohner 
fast gar keine Berührung mit ihren westlichen Nachbarn haben. Unsere 
Kenntnisse dieses Teiles der Insel sind noch immer sehr beschränkt, 

*) Die Beiträge V und VI folgen in Heft 4. 



— 264 — 

denn ebensowenig wie die hier ansässigen Papuas sich in den mehr 
westlich liegenden Landschaften zeigen, besteht für die Bewohner 
der Geelvinkbai ein Grund, Reisen nach dem Osten hin zu unter- 
nehmen. Und auch von den eingeborenen Kaufleuten Inselindiens 
werden diese Gegenden, schon der grofsen Entfernung wegen, nur 
selten besucht. Die kargen Notizen, welche wir dennoch besitzen, 
sind daher fast ausschliefslich den Regierungsbeamten zu verdanken, 
welche auf Kriegs- oder Göuvernementsdampfern einige Male dieser 
Küste entlang fuhren und da und dort ans Land stiegen. Aber 
auch bei ihnen bildeten ünbekanntschaft mit der Sprache, sowie 
Mangel an tüchtigen Dolmetschern eine grofse Beschwerde, sodafs 
die erlangten Nachrichten oft erst aus dritter oder vierter Hand 
herrühren. So wird es denn auch wohl Niemanden wundem, dafs 
unser Wissen von dieser Küstenstrecke noch geringer und weniger 
sicher ist, als von den schon besprochenen Teilen. 

Die niedrige Ostküste der Geelvinkbai zeigt in östlicher und 
nordöstlicher Richtung Stunden weit auch nicht eine einzige Boden- 
anschwellung und bildet dadurch tiefer im Innern das Stromgebiet 
eines bedeutenden Flusses, welcher bei den Eingeborenen Mamberamö 
heifst und bei den niederländischen Schriftstellern vielfach Rochussen- 
flufs genannt wird. Erst 1884 wurde derselbe von dem Regierungs- 
dampfer „Havik^' über ungefähr eine Gradlänge befahren und genau 
untersucht. ^) Die Mündung liegt auf 1 ® 25' 30" südl. Br. und 
137 ® 55' 53" östl. L. Die Ufer sind sumpfig und tragen vier kleine 
Dörfer, während der Plufs, welcher viele Krümmungen macht und 
zahlreiche Inseln einschliefst, für grofse Schiffe ungefähr 60 engl. 
Meilen schiffbar ist, etwa bis zu der Stelle, wo eine Hügelreihe den 
Übergang zu dem ausgedehnten Festlande bildet. 

Zwischen etwa 138 ® 40 ' und 139 ® 40 ' liegen mehrere Inseln 
und Inselgruppen der Küste entlang, wie die Kumambainseln, Moar, 
Jamna u. a. Die Kumamba- oder Kimambagruppe umfafst drei 
Inseln, von denen nur Liki bewohnt ist. Das bedeutendste Dorf ist 
hier Bearikwar, sehr regelmäfsig angelegt mit zwei Reihen Häusern 
und einem Tempel. Die Wohnungen stehen auf drei Pufs hohen 
Pfählen. Moar ist eine niedrige und ebene Insel voll Kokospalmen 
und Obstbäumen. Es liegen auf derselben 16 Dörfer, deren gröfstes, 
Daruwa, nur 8 Häuser zählt. Jamna ist eine reine Korallenbildung 
und hat an der Südseite eine gute, gegen alle Winde geschützte 
Ankerstelle, es liegen 5 Dörfer auf ihr. 

*) Bijdragen v. h. Kon. Institnut v. d. T., L. en Volkenkunde v. Ned. 
Ind., Ser. 4, Bd. X, S. 99. 



— 265 — 

Auf dem Festlande begegnet man zwischen dem Mamberamo 
und dem Bierflusse nur eine Niederlassung, Ajarawar, der Insel Moar 
gegenüber und von hier aus gegründet. Die Gegend zwischen den 
Flüssen Bier und Biri heifst Takar. Die Küstenebene ist niedrig, 
wird aber allmählich nach Süden hin hügelig bis im Hintergrund eine 
Gebirgskette emporragt, deren westlicher, mittlerer und östlicher 
Gipfel resp. Eduarbor, Ref und Siduasi heifsen sollen. Von den 
Dörfern Takars verdient das ebenso genannte besondere Erwähnung 
wegen der grofsen daselbst herrschenden Reinlichkeit und Nettigkeit, 
wodurch es einzig dasteht unter den von Clercq besuchten Kampongs. 
Es sollen hier in dem Gebirge drei Stämme wohnen: die Saar oder 
Sobe, die Baneraf und die Lengke. Weiter ostwärts strömt die 
Witriwai, welche in der Mündung eine Sandbarre hat, bald aber 
durch die vielen Zuflüsse eine bedeutende Breite erhält. Nahe der 
Mündung liegen vier Kampongs, welche stark bevölkert sind und 
von denen einer einen hübsch bemalten Tempel besitzt. Im Innern 
des Landes leben auch hier verschiedene Stämme. Noch weiter 
ostwärts münden die Wirwai oder Wiriwai, welche an der Mündung 
80 m breit und 2 jn tief ist und einige kleine Dörfer trägt, und 
die Borowai, an deren Mündung das Dorf Mawes mit 50 Häusern 
liegt, sowie der grössere Flufs Sikiau. 

Die nächste Küstenstrecke heifst bei den Eingeborenen Tarfia 
und wird im Osten von der Landschaft Tanah-Merah begrenzt, welche 
bis an die Humboldtbai reicht. Die zwei bedeutendsten Dörfer in 
Tarfia oder Turfia sind Warmasui mit 20 und Pigajab mit 40 Häusern. 
Die Küste ist hier überall niedrig und nur in gröfserer Entfernung 
sieht man im Süden eine hohe Gebirgskette. 

Weiter ostwärts fängt der Boden bald an zu steigen und sind 
überall rote Stellen sichtbar, wo man nämlich den Thon für die 
Töpferei ausgegraben hat. Diesen Character behält das Land bis 
an die Tanah-Merahbai, welche von 50—100 m hohen Hügeln ein- 
geschlossen wird, mit dem Berge Dafonto im Hintergrunde. In dieser 
Bai liegen drei Kampongs, von denen Wandisiau 50 Häuser zählt, 
welche teilweise auf dem festen Boden, teilweise im Wasser stehen. 
Die Küste bleibt steil und ohne sandigen Strand bis an die Humboldt- 
bai. Diese letztere wird durch eine schmale, mit Gestrüpp und 
Kokospalmen bewachsene Landzunge in eine Aufsen- und eine 
Innenbai getrennt. Letztere ist von etwa 150 m hohen Hügeln 
umgeben, zwischen welchen da und dort kleine Bäche ihr Wasser 
abführen. An der Aussenbai giebt es zwei Dörfer: Jembei mit 
15 Häusern und Kajo Gabo oder Kajo Gabau mit 19 Häusern. Von 



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266 



den 4 Kampangs der Innenbai zählt Taubadi 60, Waba 60 Wohnungen.*) 
Mit Ausnahme von einigen Häusern in Kaja stehen sie alle im 
Wasser. Jedes dieser Dörfer hat zwei Tempel, was im Westen niemals 
vorkömmt. Die Gebirgspapuas kommen höchst selten mit den 
Strandbewohnern in Berührung, weil die Entfernung zu grofs ist. 
Der im Süden gelegene Binnensee Santani wurde 1893 zuerst be- 
sucht und zwar von dem Missionar Bink.') 

Die Produkte dieses Teils Neu-Guineas unterscheiden sich nicht 
wesentlich von denen der westlichen Gegenden. In der Mamberamo- 
ebene wachsen zahlreiche Sagupalmen. Da wo der Boden sandig 
wird, treten Nipahpalmen und Casuarinen in grofser Menge auf. 
Auf den Inseln werden überall, und zwar von den Frauen, Bataten, 
Ubi, spanischer Pfeffer, Alocasia und Colocasia, Zuckerrohr und 
Kurkuma angepflanzt, zwischen Pandanen, Pisang, Artocarpus, Ter- 
minalia, Calappa und einzelnen Obstbäumen. Die Früchte der 
Chavica Siriboa werden überall gezogen, an einigen Stellen wird 
Tabak gebaut und, in trockne Pisangblätter gewickelt, geraucht. 
Bei den Wohnungen wächst Serehgras, sowie Croton und Codiaeum, 
mit deren Blättern die Bewohner sich bei Festli^chkeiten schmücken. 

Von Kumamba bis an die Humboldtbai wird nirgendwo Palm- 
wein getrunken, sondern nur gewöhnliches Wasser oder dasjenige 
der Kokosnüsse, deren Fruchtfleisch auch beliebt ist. Viele Gegen- 
stände, wie Sagu, junge Schweine, Töpfe, Saguöfen, hölzerne Kämme, 
Bauchbänder u«d Schmucksachen beziehen die Insulaner von der 
gegenüber liegenden Festlandküste. Hauptsächlich beschäftigen sie 
sich mit dem Einsammeln von Muscheln und dem Fange von Haien 
und Schildkröten. Fischnetze giebt es hier nicht. Der Fisch wird 
an untiefen Stellen von den Frauen mit kleinen Eimerchen geschöpft, 
und diejenigen Arten, welche an die Oberfläche des Wassers kommen, 
werden mit Pfeilen geschossen. In Tanah-Merah dient der rote Thon 
nicht nur zur Töpferei, sondern einige Leute schmieren sich damit den 
Körper ein oder färben ihre Schmucksachen damit. Hier leben viele 
Paradiesvögel, Krontauben und Kasuarissen ; in der Nähe der in 
Wandiasu am festen Ufer stehenden Häuser wird viel Mais gebaut. 
Von der Humboldtbai erwähnt Clercq aufser den gewöhnlichen Ge- 



^) In dem Etnarapport, S. 169, wird die Bevölkerungszahl der Hnmboldt- 
bai auf etwas mehr als 5000 veranschlagt, bei Beccari (Cosmos, Bd. IQ, S. 355) 
nnr anf etwa 3000 angegeben. Solchen Schätzungen ist kein grofser Wert 
beizulegen, daher auch von de Clercq keine Zahl erwähnt wird. 

') Man vergleiche unsere Mitteilung über diese Reise in der Zeitschrift 
«Globus«, Bd. LXV, Nr. 21, S. 347. 



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— 267 — 

wachsen und einer Unzahl Kokosnüsse noch Dendrobium, Areca 
calapparia, Ptychosperma angu^itifolia, Ptychosperma paradoxa und 
Licuala, sowie eine Pandanusart, aus deren Luftwurzeln Zwirn und 
Seile hergestellt werden. *) Tabak und Sirih fehlen auch hier nicht. 
Von Bedeutung sind die steinernen Äxte, welche aus einer im Innern 
unweit Eabo vorkommenden Gesteinsart angefertigt werden. Beccari 
hebt die grofse Zahl Schweine unter den Haustieren, sowie das 
Vorkommen einzelner Hunde hervor; dagegen solJ es nach ihm hier 
keine Hühner geben. Die Praue sind wenig oder gar nicht von d^nen 
der Insulaner verschieden. Zur Ausfuhr kömmt an diesem Teile 
der Nordküste Neu-Guineas hauptsächlich nur Kopra. 

Die Bewohner der Mamberamomündung scheinen in vielen 
Stücken mit derjenigen der Geelvinkbai übereinzustimmen. Sie 
hausen in verfallenen Hütten. Einige Papuas tragen vor der Stirne 
einen Schmuck, der aus Schweinezähnen und Glasperlen hergestellt 
ist oder sie haben das Haar in sehr absonderlicher Art zusammen- 
gehalten und mit einem Kranze von Kasuarisfedern geschmückt. 
Statt des Schamläppchens tragen sie eine Fischleine, die wohl 
zwanzigmal um den Körper gewunden wird. 

Viel besser sind die Häuser auf den Kumambainseln gebaut. 
Das Innere ist nicht eingeteilt und die einzigen Öffnungen bilden 
zwei Fallthüren, eine an der Vorder- und eine an der Hinterseite 
der Wohnung. Die Bevölkerung scheint sehr anstellig und heiter 
gestimmt zu sein. Die Männer sind von kräftigem Körperbau, dunkler 
Hautfarbe, stark behaart, sodafs einige einen schönen Ringbart so- 
wie Schnurbart tragen, aber nicht tätowirt und ohne Brandnarben. 
Das Haar wird auf besondere Art frisirt und bei einigen durch eine 
Perrücke gegen Nafswerden geschützt. Hautkrankheiten scheint es 
nicht zu geben. Ihre Waffen sind Pfeil und Bogen. Die Frauen 
sind von gedrungener Gestalt und häfslich. Die Gewohnheit 
bringt es mit sich, dafs der Mann seine Frau entführen mufs. 
In dem Tempel sollen während des Westmonsuns, damit die Seelen 
der Verstorbenen günstig gesinnt bleiben und damit Unglücks- 
fälle vorgebeugt werden, täglich und auch während der Nacht Fest- 
lichkeiten stattfinden. Auch die abgeschlagenen Köpfe der Feinde 
werden nach Ablauf eines Kriegszuges hier aufbewahrt. 

Auf Jamna enthält das Zimmer vier Feuerheerde, von denen 
zwei zum Fischräuchern dienen. Die kräftig gebauten Männer sind 
über den ganzen Körper stark behaart; sie zeigen keine Brand- 

^) Nach von der Aa, 1. c, S. 122 , aach Segel und aas einer andern 
Faserpflanze werden hübsche Reisetaschen angefertigt. 



— 268 — 

uarbon und nur einzelne sind tätowirt. Dagegen haben sie wiederum 
don Nasenknorpel und das Ohrläppchen durchbohrt. Das Haar wird 
von beiden Geschlechtern meistens kurz getragen. Als Zeichen der 
Trauer werden während eines Monats keine Schmucksachen angelegt 
und der Körper für diese Zeit mit Holzkohle geschwärzt. Als 
Waffen führen sie nur Pfeil und Bogen. Es giebt hier zwei Tempel, 
welche gröfser und stärker gebaut sind, als die gewöhnlichen 
Wohnungen und wo die Feste abgehalten werden. In diesen Tem- 
peln nur wird Hai- und Schildkrötenfleisch gegessen und daselbst 
müssen die Jünglinge ein paar Monate zubringen, bevor sie unter 
die Männer aufgenommen werden. Die Frauen mögen sich sogar 
nicht in der Nähe des Tempels zeigen. Die Toten werden beerdigt, 
die Schädel später aufgegraben und unter der Wohnung bewahrt. 

Die Papuas der übrigen Inseln, sowie auch des Festlandes 
haben vieles mit den vorher erwähnten gemein. Dafs Takar be- 
sonders reinlich ist, wurde bereits hervorgehoben. In Pingajab 
werden auf Brust und Bauch schnörkelartige Figuren mit nassem 
Sirihkalk als Schmuck angebracht. Auch hier wird nur eines der 
Ohrläppchen, meistens das linke, durchbohrt.*) Die Männer tragen 
eine Art kleine Schürze als Schambedeckung, wodurch aber nur 
wenig bedeckt wird, die Frauen eine Art Sarong aus Baumrinde. 
Der Kopf wird bei manchen Frauen kahl rasiert und mit zwei oder 
drei aus Haar geflochtenen Kränzen bedeckt. Die Frau steuert das 
Schiff beim Fischfang. Als Getränke giebt es nur Wasser. Der 
Charakter dieser Leute ist gutmütig. 

In Tanah-Merah sind die Dörfer stark bevölkert mit einem 
gutmütigen und anstelligen Menschenschlag. Diese Papuas legen grofsen 
Wert darauf, die Ohrläppchen soviel als möglich auszuziehen, wes- 
halb stets ein dickeres Stück Bambus in das Loch gesteckt wird. 
Die Männer tragen einen starken Bart und leiden viel an der 
Schuppenkrankheit; sie tragen entweder ein Schamläppchen oder 
laufen ganz nackt herum. Die Frauen sind hässlich und haben 
ebenso wie die Männer kurzes Haar, lassen es oft auch abrasieren 
und schmieren den Schädel mit rotem Thon ein. Viele tragen eine 
Perrücke von Menschenhaar oder eine Kappe von Rotan als Schutz 
gegen die Sonne. Die Schmucksachen zeigen nichts besonderes, 
aufser dem Stirn- und Brustschmuck, welcher letztere aber mit 
demjenigen der Humboldtbai übereinstimmt, ebenso wie die steinernen 



**) In dem Etnarapport, S. 160, wird behauptet, dafs darin die Cigarette 
bewahrt wird. Clercq sagt aber, dals sie dieselbe überall hinstecken, am meisten 
noch in das Oberarmband, oft auch in das Septnmnariom. Clercq-Schmeltz, S. 25. 



— 269 — 

Äxte. Als Wafien führen sie PfeU und Bogen und aus Kasaaris- 
knochen geschliffene Dolche. 

In der Humboldtbai haben die Häuser acht Seiten, stehen auf 
hohen Pfählen, sind gut bearbeitet, besitzen einen Fufsboden von 
breiten, stark befestigten Nibonglatten und Wände von Sagublatt- 
narben, während das hohe Dach, an den vier Ecken ein wenig ab- 
gerundet, verhältnismäfsig weit über die Wand herunterhängt. Rund 
um das Haus läuft eine Art Gallerie, auf welcher das Brennholz, 
die Böte u. a. liegen und welche auch zum Sitzen dient. Die 
Spitze des Daches wird mit dem unteren Teile der Wurzeln einer 
Areca- oder Ptychospermaart geschlossen, an der sich noch ein Teil des 
Stammes befindet, dem man eine menschliche Gestalt unter teilweiser 
Bemalung mit rotem Thon gegeben hat, während oben darauf die 
Scherbe eines irdenen Topfes ruht. Im Innern der Wohnimg dienen 
ein paar Zimmer als Schlafstellen, bis hoch in die Spitze laufen 
dickere und dünnere Latten und Balken, an welchen, ebenso wie 
an der Wand, allerlei Geräte und andere Gegenstände hängen, und 
an ein paar Stellen im Fufsboden sind aus Asche und Steinen Feuer- 
heerde hergestellt, über welchen der Fisch geräuchert wird. In Kajo 
haben die am Lande stehenden Häuser Luftlöcher im Dache, wo- 
durch es hier weniger dunkel ist, als sonst in den Wohnungen. 
An der Vorderwand hängen die Schilde grosser Schildkröten, sowie 
Hundsköpfe und Fischskelette zum Schmuck. 

Am besten bearbeitet und zu gleicher Zeit am geräumigsten 
sind die Tempel, in welchen vor oder nach einem glücklichen Fisch-, 
vor allem Haifang, sowie bei Kriegszügen die Festlichkeiten statt- 
finden. 

Die Männer zeigen einen kräftigen Körperbau, starke Muskeln, 
sind ziemlich stark behaart, und wenn man die Hautfarbe ausser 
Betracht läfst, könnten viele bei passender Kleidung als Europäer 
gelten. Fast alle verheirateten Männer tragen einen Bart, aber 
keinen Schnurrbart, das Haar ist auf der Mitte des Kopfes helm- 
artig zusammengewachsen. Nur einzelne sind tätowirt, Brand- 
narben fehlen ganz, die Hautkrankheit ist hingegen allgemein. Sie 
laufen ganz nackt herum, oder bedecken die Geschlechtsteile mittels 
einer Kürbisart. Als Schutz gegen die Sonnestrahlen tragen sie 
oft auf dem Kopfe ein Rotangeflecht oder eine Perrücke, im Haar 
sitzen meistens drei Kämme, die Brust wird oft durch einen herz- 
förmigen Harnisch aus Schweinerippen geschätzt. Manchmal wird 
das Gesicht zum Teil geschwärzt und das Haar mit rotem Thon 
beschmiert, um dadurch ein drohenderes Äufsere zu erhalten. Als 



— 270 — 

Haarschmuck werden Blumen, Kasuarisfedern, sowie ganze Paradies- 
vögel angewendet. Die Frauen sind nicht so häfslich, als im west- 
lichen Teile der Insel, und das kurz geschnittene gekräuselte Haar 
verleiht dem Gesichte etwas heiteres und jugendliches. In jedem 
Ohrläppchen hängen bis zehn Schildkröten-Ohrringe, und die ver- 
heirateten Frauen tragen eine Art Sarong aus Baumrinde. 

Im Gegensatze zu dem Urteile anderer Reisenden über die 
Bewohner der Humboldtbai®) stellt Clercq sie als ziemlich ruhig 
and gelassen dar, während sie sich ihm gegenüber sehr anstellig 
zeigten. Auch von ihrer, u. a. von van der Aa so stark betonten 
Neigung zur Dieberei spürte er nichts. Nur in dem Dorfe Waba 
waren die Einwohner unruhig und sehr begierig nach allem was 
sie sahen. Es ist diesen Papuas unmöglich sich einen Begriff davon 
zu machen, dafs man Jemandem etwas schenkt ohne ein Gegengeschenk 
zu erwarten. Als eine besondere Veranlassung zu einer Festlichkeit 
gilt bei ihnen noch die Niederkunft einer Frau. Vier bis fünf Tage 
darauf werden die Verwandten zu einem Essen eingeladen und er- 
halten dabei steinerne Äxte. Die Geophagie oder das Essen von 
bestimmten Thonarten ist nach Clercq hier nicht bekannt, wenigstens 
konnte ihm an Ort und Stelle niemand darüber etwas mitteilen.^) 



•) So z. B. van der Grab und Langeveldt bei van der Aa, 1. c, S. 115 ff. 
u. S. 268 ff., so auch Beccari, Cosmos, Bd. III, S. 366 ff. Letzterer berichtet 
sogar, dafs die Papuas ihm das Gesicht mit Speichel und Russ schwarz färbten, 
ihm Halsketten von Muscheln umhingen und in ihren rohen Freuudschafts- 
bezeugungen ihm sogar die Ohren durchlöchern wollten, um dieselben schmücken 
zu können. Auch fast alle anderen Urteile über die Bewohner der Humboldt- 
bai lauten ungünstig, wie z. B. Moresby, Discoveries in New-Guinea, S. 288, 
Spry, Cruise of the Challenger, S. 261 ff., Suhm, Challenger-Briefe, S. 160 ff., etc. 
— Bei van der Grab (van der Aa, S. 118) findet man die Behauptung, dals in 
allen von ihm besuchten Teilen Neu-Guineas die Papuas grofse Furcht vor dem 
Regen zeigten, mit Ausnahme der Bewohner der Humboldtbai. 

^ Hingegen behauptet Langeveldt, dafs ihm solcher efsbarer Thon zu 
Kauf geboten wurde. Siehe van der Aa, S. 269, sowie die Natuurkundig Tijd- 
schrift voor Nederlandsch Indie, Bd. XHI, S. 83 u. Bd. XXXIV, S. 185. 

yni. Die Sadkflste. 

Wie schon früher ^) von uns bemerkt wurde, sollen sich diese 
Mitteilungen nur mit der Nord- und Westküste Neu-Guineas befassen, 
indem unser Wissen der Südküste heutzutage noch zu lückenhaft ist, 
zumal aber weil die an Zahl nicht eben geringen zur Verfügung 
stehenden Quellenschriften zu wenig Übereinstimmung zeigen. Bei 



*) Geogr. Blätter, Band XVII, Heft 4, S. 306. 



— 271 — 

einer kritischen Prüfung des Materials hätte man sich fortwährend 
die Frage zu stellen, was ist nun eigentlich wahr? hat es z. B. 
an diesem oder jenem Ort wohl jemals wirklich eine Niederlassung 
gegeben, und wenn ja, existiert dieselbe heute noch und welchen 
Namen führt sie? oder: besteht der betreffende Flufs in der Wirk- 
lichkeit, oder nur in der Phantasie des Berichterstatters? handelt 
es sich an einer gewissen Stelle um eine Morast-, Sand- oder Felsen- 
käste ? zeigen die Bewohner mehrerer Dörfer Übereinstimmung oder 
nicht? welcher von den Reisenden und Schriftstellern hat bei der 
Darstellung ihres Charakters das Richtige getroffen, welcher hat ihre 
physischen und intellectuellen Merkmale wahrheitsgetreu besehrieben? 
n. a. Da sich nur in den wenigsten Fällen diese und ähnliche Fragen 
aas den Quellen selbst mit Bestimmtheit entscheiden lassen, würde 
eine übersichtliche Darstellung der Verhältnisse von Land und Leuten 
331 der Südküste eine unerquickliche Reihe von mehr oder weniger 
wahrscheinlichen Hypothesen bringen und wohl kaum die darauf ver- 
wendete Zeit und Mühe lohnen. So wollen wir denn anstatt dessen 
hier nur eine Übersicht der wichtigsten bei der jüngsten Reise an 
Neu-Guineas Südküste gemachten Erfahrungen ^) bringen, und mit 
dem: Wunsche schliefsen, dafs die augenblicklich von dem Vorstand 
des niederländischen geographischen Vereins behufs einer wissen- 
schaftlichen Forschungsreise an dieser Küste mit der niederländischen 
Regierung gepflogenen Beratungen zu einem, günstigen Resultate 
führen mögen. 

Die soeben angedeutete Reise geschah mit dem Dampfer 
„Borneo" und währte vom 20. März bis zum 11. Mai 1894. Der 
Hauptzweck dabei war zu untersuchen, ob es an dieser Küstenstrecke 
eine Flufsmündung von genügender Tiefe gebe, um einem kleinen 
Dampfer zu allen Zeiten die Einfahrt zu gewähren. Während der 
ganzen Reise wurden die Gezeiten, Wind, Strömungen und Luft- 
druck ermittelt und die Küstengewässer ausgelotet. Es erhellte 
daraus, dafs beim Nahen zur Küste, sowie bei der Fahrt derselben 
entlang, grofse Aufmerksamkeit erforderlich ist. Erst kam die 
»Borneo" bei der Insel Vleermuis vor Anker, welche zu wiederholten 
Malen besucht wurde und während des Aufenthaltes des Dampfers 
eine zeitweilige Bevölkerung hatte, welche sich^ der Schiffsmannschaft 
gegenüber stets sehr freundschaftlich betrug, während auch alle 
spätren Berührungen mit den Eingeborenen ganz friedsam waren. 



*) Jaarboek van de Koninklijke Nederlandsche Zeemacht, 1893 — 1894, 
S: 428 ff. und Tijdschrift v. h. Kon. Ned. Aardr. Gen., 1895, »De reis der 
Bomeo'y door H. Zondervan, S. 258 ff. 



— 272 — 

Diese Berührungen fanden nur einzelne Male beim Besuche einer 
Niederlassung an der Küste statt, fortwährend aber dadurch, dafs 
die Eingeborenen das Schiff besuchten. Sie trieben dabei Tausch- 
handel, und „die Frauen gaben öfter auf die deutlichste Art zu 
verstehen, dafs ein näherer Umgang von ihnen sehr gewünscht 
werde". Der bewachsene Teil der Insel Vleermuis liegt wenigstens 
10 — 12 Fufs über dem höchsten Wasserstande; die Insel hat viele 
Kokosnufsbäume, sowie Erdfrüchtepflanzungen und wird in ver- 
schiedenen Richtungen von Fufspfaden durchschnitten, während es 
in relativ geringer Entfernung vom Strande eine Süfswasserquelle 
giebt. Eine weifse Thonart, welche in Ternate als Farbstoff ver- 
wendet wird, kommt in grofser Menge vor. „Das Ganze machte 
den Eindruck, als ob die Insel, welche meistens nicht bewohnt wird, 
ein gemeinschaftliches Eigentum der Bewohner der benachbarten 
Küste sei, und dafs jedes Dorf daselbst einen gewissen Teil besitzt 
und die Insel als pied ä terre auf grofsen Reisen benutzt." Die 
gegenüberliegende Küste Neu-Guineas zeigte sich von der Anker- 
stelle aus, von Kap Kaja-kaja an bis „soweit das Auge reicht", als 
eine ununterbrochene Reihe von Kokusnusswäldern mit nur einzelnen 
offenen Stellen dazwischen ; der Strand ist steil bis etwa zur Hoch- 
wasserlinie, während ein breiter Streifen bei Ebbe trocken fallt und 
meistens aus Schlamm besteht. Da und dort waren Wohnungen 
sichtbar. Vor der Küste dehnt sich in bedeutender Entfernung ein 
Riff aus, wovon nur ein Punkt, als „Steen bij den hoek van Kaja- 
kaja", auf der Karte angegeben ist. Von den Küstendörfern werden 
erwähnt Jouke oder Joke (Joke Dominica) und Jaribka. 

Im Westen Selerikas wurde kein befahrbarer Flufs angetroffen. 
Dann dampfte die „Borneo" von Seierika aus ostwärts bis zum 
141. Breitengrade und verweilte zwei Tage in Port Kennedy auf der 
Thursday Insel (Britisch Neu-Guinea). Sowohl auf der Hin- wie auf 
der Rückreise wurde die Mündung des Dewinkaflusses erforscht. 
Die Farbe des Wassers zeigte, dafs dieser Flufs sein Süfswasser bis 
Meilen weit ins Meer führt. Die Breite der Mündung wurde auf 
1500 m geschätzt, ihre Tiefe beträgt dort, wo der Flufs aus dem 
Lande tritt, 5,6 m, die Ufer sind ziemlich steil und bewachsen. 
Die Dewinka hat zwei Ebberinnen, geschieden von einer Sandbarre, 
welche bei Ebbe trocken fällt. Die ungünstige Witterung machte 
ihre weitere Aufnahme unmöglich. Dennoch glaubt der Kommandant, 
des Schiffes, der Marinelieutenant H. Velthuyzen, aus demjenigen, 
das kartographisch festgelegt wurde, mit genügender Sicherheit 
folgern zu dürfen, „dafs die Dewinka ein grofser, tiefer Flufs ist, zu 



— 273 — 

jeder Zeit für Dampfer und kleine Schiffe zugänglich, während es 
selbst wahrscheinlich ist, dafs auch gröfsere Schiffe täglich in die 
Mündung einlaufen können, wenn dieselbe genauer erforscht sein 
wird. Die Flufsufer sind ziemlich steil und bieten an mehreren, 
nicht weit vom Meere entfernten Stellen die Gelegenheit zu Nieder- 
lassungen, wozu die Lage des Flusses inmitten des am dichtesten 
bevölkerten Teiles der Küste auch sehr günstig ist." Eine andere 
geeignete Stelle zur Gründung einer Niederlassung wäre nach Velt- 
huyzen die Insel Vleermuis. 

Dafs die Bevölkerungsdichte wenigstens an einzelnen Stellen 
keine geringe ist, erhellt daraus, dafs, als die „Borneo« am 5. April 
auf 8 Ml' 16,5" s. Er. und 139« 41' 22,5" ö. L. ankerte, 
sie von etwa 43 Böten besucht wurde, jedes hatte 10—15 Per- 
sonen an Bord. In betreff der Bevölkerung enthält der Reise- 
bericht hauptsächlich folgendes. Im allgemeinen sind die Ein- 
geborenen grofs und kräftig, mit dunkler Hautfarbe und krausem 
Haar. Die Frauen scheinen eine grofse Selbständigkeit zu besitzen. 
Die Hauptnahrung sind Sago mit Erdfrüchten, Pisang und Kokos- 
nüssen; die animalische Nahrung besteht aus Schweinen, Kängurus 
und Beutelratten. Als Genufsmittel giebt es Zuckerrohr, Sirih, 
Pinang, Tabak, eine Art Baumrinde, welche geraucht und eine 
Wurzel, welche von den Frauen gekaut und alsdann in eine Kokos- 
nufsschale ausgespuckt wird, »aus welcher die Männer trinken". 
Auch sah man, wie die Frauen beim Besuche auf dem Schiff 
einige Sirihblätter kauten und dabei einen dünnen blauen Schlamm 
in den Mund nahmen, welchen sie dazu in einem Pisangblatte 
mitbrachten. Die Männer kauten Sirih und schmierten danach 
Zahnfleisch und Lippe mit Kreide oder Kalk ein. Als Geschenke 
erhielten sie am liebsten eiserne Geräte. Beim Besuche des Dorfes 
Joke deuteten die Bewohner, welche nur bis vier zählen, die Zahl 
der Beile und Hackmesser, welche sie zu erhalten wünschten, dadurch 
an, dafs sie kleine Stäbchen in ein Stück weiches Holz stachen. 

Die Männer sowie die Frauen beschmieren sich Gesicht und 
Hände mit roten, schwarzen und weissen Farbstoffen; die Frauen 
sind fast ohne Ausnahme auf den Brüsten tätowirt, was mit einer 
scharf geschliffenen Muschel geschieht. Die aus Bambus hergestellten 
Wohnungen sind klein und schlecht eingerichtet; in den meisten 
sieht man eine Art von Bale-Bale (Ruhebank) ; Waffen und Geräte 
hängen an der Wand. Die Waffen sind Pfeil und Bogen, Lanzen, 
Keulen und Beile, letztere gewöhnlich aus einem Stücke hartes Holz 
hergestellt, worin ein Meifsel von Feuerstein oder Stahl befestigt ist. 



— 274 — 

Messer wurden nicht gesehen; anstatt dessen bediente man sich 
scharf geschliffener Muschebi. Das Geräte besteht aus KokosnuTs- 
schalen, ausgehöhlten Kürbissen zum Bewahren von Wasser und Kalk 
und Bambuskochern. Der Sago wird gewöhnlich auf platten Steinen 
über einem Feuer geröstet. Die Männer führen ein müssiges Dasein, 
denn während des ganzen Tages sah man dieselben langgestreckt 
am Strande in der Sonne liegen. Als Musikinstrumente dienen 
Trommeln und eine Art Occarinos. Keine Spur von Handel mit 
den Stämmen des Innern oder der Nordküste wurde angetroffen. 
Starke oder gegohrene Getränke scheint es nicht zu geben. Die 
Sittlichkeit steht nicht hoch, denn fortwährend wurden beim Be- 
suche des Dampfers Frauen angeboten. Da diese meistens aber 
ziemlich alt und häfslich in ihrer Art waren, ist es möglich, „dafs 
sie Witwen oder unverheiratet waren''. 



Wasser-Verkehrswege in Sibirien. 

Einem Freunde unserer Zeitschrift verdanken wir die nach- 
stehende Besprechung einer beachtenswerten Schrift des Herrn 
Alexander Sibirjakow: „Zur Frage über die auswärtigen Märkte 
Sibiriens. Tobolsk, 1894." 

Der Verfasser sucht nachzuweisen, dafs die gegenwärtigen 
Transportverhältnisse Sibiriens in keiner Weise geeignet sind, die 
wirtschaftliche Lage des Landes zu heben, und dafs auch die grofse 
transsibirische Eisenbahn nach ihrer Vollendung allein nicht im 
Stande sein wird, die wirtschaftlichen Kräfte des Landes so zu ent- 
wickeln, als es wünschenswert ist. Bei der gegenwärtigen Art der 
Güterbeförderung geht aufserordentlich viel Zeit verloren. Jetzt gehen 
die aus dem europäischen Rufsland nach Irkutsk bestimmten Waren 
aus Tjumen nach Tomsk mit Dampfschiff und bleiben hier zum gröfsten 
Teil liegen bis zum Beginn der Schlittenbahn, worauf vor November 
nicht zu rechnen ist. Genau so liegen die Dinge natürlich für die 
Orte an der Lena, so dafs beispielsweise Waren, die auf der Messe 
in Nishnij gekauft worden sind, erst im nächsten Jahre ihren Be- 
stimmungsort erreichen. Auch die Ausfuhr sibirischer Erzeugnisse 
und Handelsartikel nach Westsibirien und dem europäischen Rufsland 
leidet unter diesem Mangel an Verkehrswegen. Unter den Artikeln, 
die hier in Frage kommen, nimmt der Thee den ersten Bang ein. 
Seitdem die zollfreie Einfuhr von Thee nach dem europäischen Rufs- 
land auf dem direkten Seeweg gestattet worden, war die Beförderung 
des Thees durch Sibirien in tiefen Verfall geraten und hat sich erat 



— 275 — 

wieder etwas gehoben, als der zur See eingeführte Thee mit einem 
höheren Zoll belegt wurde, wie der auf dem Landwege beförderte. 
Einige Theehändler halben auch seit Einrichtung der Dampfschiffahrt 
von Jenisseisk nach Krassnojarsk den Theetransport durch Sibirien 
wieder aufgenommen. Welche Bedeutung die Ausfuhr von Getreide 
gewinnen kann, ist daraus zu ersehen, dafs im Hungerjahr 1891 in 
Westsibirien, meistens am Ob, gegen 15 Millionen Pud Getreide 
aufgekauft worden sind, zu dessen Beförderung nach Tjumen gegen 
20 neue Dampfschiffe in Dienst gestellt werden mufsten. In Minus- 
sinsk, wo gute Ernten nicht selten sind, sinkt der Preis für Getreide 
oft auf 16 — 20 Kop. für das Pud, und es giebt dafür aufser der 
Befriedigung des lokalen Bedürfnisses keinen andern Absatz, als nach 
den Goldwäschen am Jenissej. Im Jahre 1891 sollen die Bauern 
jenseits des Baikal die Ernte gar nicht eingebracht haben, weil es 
sich nicht lohnte; das Pud Mehl galt 10 Kopeken. Aber es giebt 
noch viele andre Dinge, welche lohnende Ausfuhrartikel werden 
könnten, z. B. Produkte des Bergbaus und der Viehzucht, wenn 
bessere Kommunikationen vorhanden wären. 

Solche sollen durch Ausnutzung der Flufsnetze der grofsen 
sibirischen Ströme geschaffen werden, als deren Endziel nicht nur 
der Verkehr Sibiriens im Innern und mit dem europäischen Rufsland, 
sondern auch, und besonders, die Verbindung mit der See gedacht 
ist, und zwar nach Westen durch die Mündungen der Petschora 
und der Dwina (Archangelsk) und nach dem Osten über Ajan und 
durch die Amurmündung. Als wichtigstes Glied dieser Wasser- 
verbindung ist die Schiffahrt zwischen Ob und Jenissej, also von 
Tjumen und Tobolsk nach Jenisseisk, durch die Mündungen beider 
Ströme anzusehen. Die Navigationsperiode zwischen diesen beiden 
Flüssen dauert freilich wahrscheinlich nicht länger als einen Monat, 
aber der Weg ist verhältnismäfsig kurz; und wenn zwischen den 
beiden äufsersten für tiefergehende Schiffe zugänglichen Punkten 
eine besondere Dampfschiffahrt eingerichtet wird, so dürfte doch 
jährlich mehr als eine Hin- und Rückreise möglich sein. Die Ver- 
bindung zwischen Jenisseisk und Irkutsk auf der Angara galt bisher 
als durch Stromschnellen verhindert.^) Nachdem aber die Schamansky- 
Stromschnelle, eine der am schwersten passierbaren, mittelst Kette 
überwunden worden ist, so ist die ununterbrochene Fahrt bis zum 
Dorfe Padun als gesichert anzusehen. Von hier bis Bratsky-Ostrog, 
bis wohin die Dampfer von Irkutsk gehen, sind nur 25 Werst. 

*) Vergleiche: Eine Expedition zur Angara (1883) von R. Rnneberg, mit 
zwei Karten, in Band VII dieser Zeitschrift. S. 252—274. D. Red. 
Geogr Blätter. Bremen, 1896. lg 



— 276 — 

Auf dieser Strecke liegen allerdings noch die Stromschnellen Padun, 
Pjannyj und Pochmjelnyj, von denen aber nur die erste wirklich 
ernstliche Schwierigkeiten biete und besondere Einrichtungen, etwa 
Schleusirung oder selbst einen Umgehungskanal nötig machen dürfte. 
Da aber diese Strecke sehr kurz — 300 Sashen*) — ist, so würde 
schon eine gute Strafse oder eine Pferdebahn genügen, um die 
Verbindung mit Irkutsk, also mit dem Baikal-See herzustellen. 

Um das Becken der Petschora zu erreichen, mufs der nördliche 
Ural mittels Wolok (Schlepp- oder Tragplatz) überschritten werden. 
Aufser dem schon seit langer Zeit benutzten Wolok zwischen dem 
Dorfe Schtschekuro an der Petschora und dem Ljapin, einem Zu- 
flüsse der Sosswa (in den Ob), giebt es noch einige andre weiter 
südlich gelegene, die sämtlich von der Mündung der Ljaga in der 
Ilytsch (zur Petschora) ausgehen, und zwar entweder zur Sosswa 
(in den Ob) oder zur Loswa (in den Irtysch). In neuester Zeit ist 
noch ein Wolok untersucht worden, der abermals von der Ljaga- 
mündung ausgeht, aber zum Flusse Neiss, 12 Werst oberhalb seiner 
Mündung in die Sosswa führt und den Vorteil gröfserer Kürze 
(etwas mehr als 100 Werst) und weniger sumpfigen, also zur An- 
lage eines guten Sommerweges günstigeren Bodens hat. 

Da aber die Petschoramündung erst Mitte Juli, manchmal auch 
früher, vom Eise frei wird, so wäre eine Verbindung mit diesem 
Hafen, dem Zentrum des Nordens, der schon anfangs Mai, manchmal 
schon im April offen wird, noch wünschenswerter. Und diese ist 
durch einen sehr kurzen und leicht zu erbauenden Kanal zwischen 
den beiden Flüssen Mylwa, von denen der eine zur Petschora, der 
andre zur Wytschegda geht, ohne Schwierigkeit herzustellen. 

Der Ausfuhr sibirischer und der Einfuhr ausländischer Pro- 
dukte soll aber auch der Weg nach dem Pacific geöffnet werden. 
In Ostsibirien spielt der Bim, Zuflufs der Angara, dieselbe Rolle wie 
die Sosswa im Westen. Die Stadt Ilimsk am Ilim ist hier Mittel- 
punkt einer dreifachen Verbindung : 1) stromabwärts auf dem Flusse 
in die Obere Tunguska (1700 Werst) nach Jenisseisk, 2) mittelst 
eines Wolok (mit einer vom Grafen Ignatjew angelegten Strafse) 
nach Namyr an der Angara (gegen 100 Werst), welcher Ort schon 
mit Irkutsk in Dampfschiffverbindung steht, und 3) ebenfalls mittelst 
Wolok nach der Mündung der Kuta in die Lena (gegen 160 Werst), 
auf welcher Strecke auch die Erbauung einer Eisenbahn nicht auf 
Schwierigkeiten stofsen würde. Diese Verbindung mit der Lena 

>) 1 Sashen=2,iss m, 300 Sasheu also = 639 oder rund 650 m. (1 Werst 
oder 500 Sasben» 1066,78 m). 



— 277 — 

würde besondere Bedeutung für das Jakutsksche Gebiet haben, 
welches nach vielen Richtungen hin entwickelungsfähig ist. Als 
Ausfuhrhafen für dieses Gebiet wird in Zukunft Ajan eine Rolle 
spielen, wenn der Platz nur mit dem Dorfe Nelkan (200 Werst) an 
der Maja (zum Aldan) durch eine gute Strafse verbunden würde. 
Noch wichtiger ist aber Ajan für Kamtschatka, nicht nur um die 
Erzeugnisse Kamtschatka's — Pelzwerk und Erze — auszuführen, 
sondern auch, und zwar vor allen Dingen, um Kamtschatka mit 
Lebensmitteln zu versorgen. 

Nun fehlt noch die Verknüpfung des Beckens der Selenga mit 
dem Amur, also die Überschreitung des Jablonowoj-Gebirges. Statt 
des jetzt hierzu benutzten 440 Werst langen Woloks zwischen 
Werchne-Üdinsk und Tschita, macht Herr Sibirjakow auf den soge- 
nannten Tschikoj-Wolok aufmerksam, der von Schambelik am Tschikoj 
nach Doroninskoje an der Ingoda führt, nur 180 Werst lang ist und 
entwicklungsfähigere Gegenden durchschneidet. Hier haben sich 
auch Teile einer alten Strafse vorgefunden, und es kann nicht 
schwierig sein, den ganzen Trakt wieder in den guten Stand zu 
setzen, in dem er sich zu Graf Murawjew-Amurskij's Zeiten befunden 
hat. Diese Verbindung würde in erster Linie Transbaikalien zu 
nützen berufen sein, in zweiter Linie aber auch dem Jakutskschen 
Gebiet, sobald dieses durch irgend welche Wege mit dem Amur 
verbunden würde. Gegenwärtig fehlen solche Wege gänzlich. 

Die Mündung des Amur wird leider erst Anfang Juni vom 
Eise frei, und es ist deshalb als Ausgangshafen entweder Wladiwostok 
(Eisenbahn) oder die De Castries-Bai zu wählen, die beide zu un- 
gefähr gleicher Zeit und weit früher zugänglich werden. Die De 
Gastries-Bai müfste dann mit Ghabarowka durch einen für grofso 
Seeschiffe zugänglichen Kanal verbunden werden, was bei den herr- 
schenden örtlichen Verhältnissen und mit Benutzung des Kisi-Sees 
nicht schwierig sein kann, obwohl dieser Kanal ein bedeutendes 
Kapital, dessen Verzinsung nicht gar zu schnell zu erwarten ist, 
erfordern dürfte. Zu bemerken ist noch, dafs die meisten der 
kleineren zur Verknüpfung der Stromsysteme benutzten Flüsse, wohl 
nur im Frühjahr bei Hochwasser, ihre Dienste leisten können. Der 
Herr Verfasser ist voll überzeugt, dafs dieser Gedanke einer Ver- 
bindung von Archangelsk mit dem stillen Ocean realisierbar ist, und 
sie würde gewifs von gröfstem Einflufs auf die Entwickelnng aus- 
gedehnter Gebiete sein. 

Bemerkungen des Referenten : 1) Dafs die russische Regierung 
entschlossen ist, dem Norden des Reiches durch Benutzung der 

18* 



— 278 — 

natürlichen Wasserwege aufzuhelfen, beweisen die zur hydro- 
graphischen Erforschung des Jenissej, des Mündungsgebietes von 
Jenissej und Ob und eines Teils des Karischen Meeres ausgerüsteten 
Expeditionen 1893 unter Lentenant Salejew und 1894 unter Oberst- 
leutenant Wilkitzki, die für die Schiffahrt sehr günstige Resultate 
ergeben haben. Im laufenden Jahre sollen diese Forschungen fort- 
gesetzt und beendet werden. Ein weiterer Beweis ist die Einrichtung 
regelmäfsiger Dampfschiffahrten mit Staaissubvention auf der 
Petschora und von der Mündung dieses Flusses (Dorf Kuja) nach 
Archangelsk, was schon in den 80er Jahren vom Fürsten Golizyn, 
dem Gouverneur von Archangelsk, einmal angeregt worden war. Die 
sorgfaltig ausgeführte Untersuchung dieser Küstenstrecke hat ergeben, 
dafs man die Dauer der Navigationsperiode auf dieser Strecke zu 
50—60 Tagen rechnen kann, ungefähr vom 10. Juli bis 10. September, 
so dafs 2 — 3 Reisen (je Hin- und Rückreise) möglich sind Zur 
Unterhaltung dieser Fahrten ist die Archangelsk-Murman-Dampfer- 
gesellschaft ausersehen. Da diese aber gegenwärtig nicht über die 
nötigen Fahrzeuge verfügt, so ist sie für das Jahr 1895 (auch 1896) 
dem Herrn A. M. Sibirjakow übertragen worden, der sich verbindlich 
gemacht hat, jährlich 2 — 3 Reisen zwischen Kuja und Archangelsk 
zu machen. Die Fahrten auf dem Flusse bewegen sich zwischen Kuja 
und Schtschugora. Zur Belebung dieser Fahrten und des ganzen Nordens 
wird die geplante Eisenbahnlinie Perm — Kotljass wesentlich beitragen. — 
2) Auch Herr Podrusfskij empfiehlt in einem sehr interessanten 
Artikel ^) die De Castries-Bai als Aufsenhafen für den Amur, während 
er überzeugend nachweist, dafs die Wahl Wladiwostoks zum 
Endpunkt der grofsen Sibirischen Bahn sowohl in strategischer 
Hinsicht, als auch in Beziehung auf Gütertransport, entschieden als 
ein Mifsgriff anzusehen ist. 



Die Ansstellniig des sechsten internationalen 
Geographischen Kongresses in London. 

Von Dr. A. OppeL 

Wenn ich es unternehme, über die Ausstellung des sechsten 
internationalen Geographischen Kongresses einen, auf Wunsch der 
Redaktion, kurz zu fassenden Bericht zu erstatten, so stehe ich 

') Podrasfzkij, A. W. : Über das östliche Ende der Sibirischen Eisenbahn 
nnd über den Handelshafen des Amnr. (Semlewjedjenije. Periodische Pablikation 
der Geograplüschen Sektion der Kais Gesellschaft von Freunden der Natar- 
wissenschaft, Antliropologie und Ethnographie in Moskau. Bd. I, Heft 1, Moskau, 
1894. Russisch.) 



._ 279 — 

zunächst noch unmittelbar unter dem gewaltigen Eindrucke, den die 
Riesenstadt London und ihr einzig dastehendes Verkehrsleben auf 
mich wie auf alle Besucher des Kongresses gemacht hat. Ferner 
fühle ich mich veranlafst, den Veranstaltern und den leitenden und 
arbeitenden Kräften des Kongresses den lebhaftesten und wärmsten 
Dank auszusprechen für die grofse Mühe und den unverkennbaren 
Eifer, mit dem sie ihres Amtes gewaltet haben ; sie waren beflissen, 
den Kongrefs nicht nur nach der wissenschaftlichen Seite auf das 
mannigfaltigste zu gestalten, sondern auch für die gesellige Unter- 
haltung der fremden Gäste durch Einladungen, Empfänge, Garten- 
partien, Ausflüge u. s. w. auf das beste zu sorgen. Alles, was wir 
da gesehen und erlebt haben, war geeignet, unsere volle Anerkennung 
zu erregen, ja teilweise unsere Bewunderung hervorzurufen. Ist 
demnach der Gesamteindruck der Versammlung in London ohne 
Frage ein günstiger, so fehlte es, wie in allen menschlichen Dingen, 
auch hier nicht an kleineren und gröfseren Mängeln, die im Interesse 
der Sache nicht verschwiegen werden dürfen. 

Die Ausstellung, zu der ich nun übergehe, befand sich in den 
Räumen des Imperial Institutes und zwar in dem ersten und zweiten 
Stocke des östlichen Flügels sowie in einem eigens für diesen Zweck 
errichteten zeltartigen Gebäude. Diese Räumlichkeiten zeichneten 
sich durch gutes Licht aus, lagen aber nicht nebeneinander, sondern 
teilweise weit von einander getrennt, und man mufste in den ersten 
Tagen tüchtig suchen, um sie zu finden. 

Dem Inhalte nach gliederte sie sich in fünf verschiedene Ab- 
teilungen. Die erste derselben bestand aus Bildern (Photographien, 
Aquarellen, Stahl- und Holzstichen u. a.), welche meist Landschaften 
und Völkertypen darstellten und sehr reichhaltig waren. Mit Rücksicht 
auf den geringen Raum, der diesem Berichte zugemessen ist, mufs 
ich darauf verzichten, in Einzelheiten einzutreten. 

Die zweite Abteilung bot die Sonderausstellungen der einzelnen 
Länder. Vertreten waren da mit gröfseren und kleineren Gruppen alle 
Länder Europas mit Ausnahme der Staaten der Balkanhalbinsel. Von 
auswärtigen Ländern hatten die Vereinigten Staaten von Nordamerika, 
Mexiko, Costarica, Peru, Argentinien, Japan, Egypten und der Oranje- 
freistaat ausgestellt. Zu meiner grofsen Freude kann ich berichten, 
dafs unter allen diesen Sonderausstellungen diejenige des deutschen 
Reiches sowohl dem Inhalte als der äufsern Anordnung nach weit- 
aus den günstigsten Eindruck machte und ohne alle Voreingenommen- 
heit als die gelungenste Gruppe bezeichnet werden mufs. Den be- 
teiligten Herren, Professor von den Steinen, Hauptmann KoUm und 



— 280 ~ 

Konsul Yohsen sei speziell Dank gesagt. Von den andern Ländern waren 
das Britische Reich, Frankreich und Finnland recht gut vertreten, 
weiterhin wären Mexiko, die Schweiz und Schweden zu nennen, 
während andere nur mit einigen Karten, zum Teil älteren Datums, 
sich beteiligt hatten, deren Aufstellung in manchen Fällen zu 
wünschen übrig liefs. 

Zwei von diesen Spezialgruppen, die deutsche und die englische, 
mögen etwas näher besprochen werden. 

Die deutsche Gruppe, 235 Nummern zählend, setzte sich aus 
den Beiträgen von Staatsbehörden, geographischen Gesellschaften, 
Buchhändlern und Privaten zusammen. Die Staatsbehörden waren 
vertreten durch das Reichsmarineamt, das k. Statistische Amt, das 
Preufsische Ministerium der öffentlichen Arbeiten, die Preufsische 
Geologische Landesanstalt und Bergakademie, die Preufsische 
Landesaufnahme, das topographische Bureau des Bayrischen General- 
stabes, das badische statistische Bureau und das Grofsherzoglich 
Hessische Katasteramt. Unter den geographischen Gesellschaften 
hatte sich die Berliner am meisten beteiligt, aufserdem noch die 
Hamburger, die Leipziger und die Münchener. Von Buchhändlern 
und sonstigen Firmen seien F. A. Brockhaus, C. Flemming, 
Gieseke & Devrient, M. Hildebrandt, J. C. Hinrichs, F. Hirt & Sohn, 
E. S. Mittler & Sohn, J. Perthes, D. Reimer und Wagner & Debes 
genannt. 

Auf die englische Gruppe war ich am meisten gespannt, 
weil ich bisher noch nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Leistungen 
der Engländer auf dem Gebiete der darstellenden Geographie in ihrer 
Gesamtheit erscheinen und neben diejenigen der anderen Ländern 
gestellt zu sehen, denn auf den beiden früheren geographischen 
Kongressen, die ich besucht habe, Paris (1889) und Bern (1891), 
war England nicht vertreten. Zu meinem Bedauern, mufs ich ge- 
stehen, dafs die Erwartungen, mit denen ich der englischen Ausstellung 
entgegensah, nicht ganz erfüllt worden sind. Zunächst hatte man 
den Fehler begangen, die einzelnen Teile, aus denen sie bestand, 
räumlich zu trennen. Ein Teil befand sich nämlich im ersten Stock 
des Imperial Institutes, ein andrer im zweiten Stocke, ein dritter in 
einem besonderen Gebäude, ein vierter im Britischen Museum. 
Durch diese Trennung wurde der Gesamteindruck ganz entschieden 
geschädigt. Zudem liegt auch ein Organisationsfehler vor, denn wenn 
man einmal die Ausstellung nach Ländern gruppieren wollte, so 
mufste man unbedingt die zusammengehörigen Gegenstände in 
räumlichem Zusammenhange anordnen. Dieser Mangel, der mir nicht 



— 281 — 

unbedingt darch die Beschaffenheit der Räamlichkeiten veranlafst 
worden zu sein scheint, trat übrigens auch bezüglich anderer 
Länder hervor. 

Was nun den offiziellen Teil der englischen Gruppe anbelangt, 
so bestand dieser vorzugsweise aus Karten, welche von staatlichen 
Anstalten, von Gesellschaften und Privaten dargeboten worden 
waren und ihrem Inhalte nach auch die Kolonien mit umfafsten. 

So war z. B. die Intelligence Division of the War Office mit 
einer Anzahl von Aufnahmen und Karten vertreten, welche haupt- 
sächlich aus Manuskriptskizzen bestanden, welche im Felde von 
englischen Offizieren gemacht worden waren. Diese Kollektion, 
welche 51 Nummern zählte, verfolgte den Zweck, die verschiedenen 
Methoden der Terraindarstellung zu zeigen. Die Survey of India 
hatte einige Karten ausgelegt, ebenso die geological survey of India, 
das India office, ferner die topographical und geological survey of 
Canada u. a. m. Bei diesen und andern Darbietungen mufste es 
auffallen^ dafs sie nur aus Proben bestanden, aber nichts vollständiges 
bildeten. Insbesondere mufste man eine entsprechende Kollektion 
der Seekarten vermissen, als desjenigen Gebietes, auf dem die Eng- 
länder mehr als alle anderen Nationen geleistet haben und auf dem 
sie allen andern Völkern vorangegangen sind. 

Die dritte Hauptabteilung der Ausstellung zeigte „commercial 
exhibits^, das heifst die Veröffentlichungen einer Anzahl meist eng- 
lischer Verleger. Vom Kontinente waren hier nur einige wenige 
vertreten, wie z. B. C. Flemming in Glogau, J. B. Wolters in 
Groningen, Freitag & Berndt und £. Hölzel in Wien, alle mit meist 
bekannten Sachen. Das Hauptinteresse mufste sich daher den eng- 
lischen Firmen zuwenden, von denen einige wie Edward Stanford, 
W. & K. Johnston und G. Philip and Son stattliche Kollektionen 
zusammengestellt hatten. Die längst bekannte Thatsache, dafs die 
englische Kartographie ihre Achillesferse in der Terraindarstellung 
hat, bestätigte sich auch hier. Im übrigen ist es erfreulich zu 
bemerken, dafs man neuerdings in England sich bemüht, bessere 
Lehrmittel für den geographischen Unterricht zu schaffen, als bisher 
zu Gebote standen. In dieser Bichtung ist besonders die Firma 
G. Philip and Son thätig, deren Gruppe überhaupt auch sonst viel 
Interessantes bot, und deren Vertreter in freundlicher Weise jede 
gewünschte Auskunft gaben. 

Kommen wir endlich zur vierten Hauptabteilung, so interessierte 
zunächst die „historical exhibition", welche von den vorigen Abtei- 
lungen ziemlich entfernt aufgestellt und in den ersten Tagen des 



— 282 — 

Kongresses schwer aufzufinden war. Sie verfolgte den Zweck, die 
Entwicklung der Kartographie von den Zeiten des Ptolemaeus bis 
zum Anfange des 19. Jahrhunderts durch eine stattliche Anzahl 
geeignet ausgewählter Proben (teils Originale, teils Nachbildungen) 
vorzuführen. Diese Kollektion war ohne Zweifel sehr instruktiv, 
namentlich für solche, welche derartige Zusammenstellungen noch 
nicht gesehen hatten, leider aber war man mit der Numerierung 
nicht ganz fertig, und es wurde dadurch das Studium dieser Gruppe 
recht erschwert. Immerhin aber darf diese als eine der besten und 
reichhaltigsten Leistungen der ganzen Ausstellung bezeichnet werden. 
So waren z. B. von den 53 bekannten Ausgaben des Ptolemaeus 
hier 30 zusammengestellt. 

Sehr wertvoll war auch eine Gruppe von älteren und neueren 
Instrumenten für Terrainaufnahme und andere Zwecke, namentlich 
in Hinsicht darauf, dafs die Konstruktion der englischen Instrumente 
von den gleichartigen Apparaten des Kontinentes vielfach abweicht. 
Auch die bekannte Firma Casella hatte ausgestellt. Endlich waren 
noch verschiedene Gruppen zu sehen, welche sich auf Ausrüstung 
und Verproviantierung für wissenschaftliche Reisen bezogen. 

Nachdem kurz der Umfang und der Inhalt der Ausstellung 
bezcjichnet ist, über die ein gut gedruckter Katalog nähere Auskunft 
giübt, liegt es nahe, die London geographical exhibition mit der 
Berner Ausstellung vom Jahre 1891 zu vergleichen. Das daraus 
gewonnene Urteil fällt dahin aus, dafs die letztere nicht nur in Bezug 
auf Reichhaltigkeit, sondern in Bezug auf Planmäfsigkeit im Ganzen 
wie im Einzelnen den Vorzug verdient. Es mag sein, dafs die 
Schwierigkeiten der Raumverteilung manche Mängel der Londoner 
Ausstellung veranlafsten, während man in Bern über den in der 
Vollendung begriffenen neuen Bundespalast vollständig freie Verfügung 
hatte. Immerhin aber gab es auch in London genug zu sehen, und 
ohne Zweifel hat die Ausstellungskommission, an deren Spitze unser 
Landsmann, Herr E. G. Ravenstein stand, begründeten Anspruch auf 
die dankbare Anerkennung der Besucher des Kongresses. 



Die Sieben Steinhäuser bei Fallingbostel. 

Von Dr« H« Schnrtz« 

Mitten in einem der einsamsten Striche der Lüneburger Heide, 
ostwärts von Fallingbostel und südlich von Soltau, liegt eine Gruppe 
uralter Steinkammern, die man als die »Sieben Steinhäuser« zu 
bezeichnen pflegt, obwohl ihre Zahl gegenwärtig nur noch fünf 



— 283 — 

beträgt. Sie gelten trotz dieser Verminderung auch jetzt noch für 
die gewaltigsten Überreste der geschichtslosen Vorzeit, die Nordwest- 
deutschland aufzuweisen hat ; in gewissem Sinne kann man sie auch 
die rätselhaftesten nennen, denn auf keine Frage des Forschers 
haben sie bis jetzt Antwort gegeben, keine Spur der Erbauer ist 
zurückgeblieben, und nur die aufeinander getürmten Steinblöcke 
bezeugen, dafs die Kräfte zahlreicher Menschen hier im Dienste 
einer bestimmten Absicht thätig gewesen sind. 

Die Sieben Steinhäuser sind häufig beschrieben worden,^) u. a. 
neuerdings in einem so verbreiteten Buche wie A. Freudenthals 
»Heidefahrten". Immerhin mögen auch an dieser Stelle einige Be- 
merkungen folgen, die freilich nur ein flüchtiges Bild der ganzen 
Anlage gewähren können ; hoffentlich werden genauere kartographische 
und photographische Aufnahmen, die vor einiger Zeit erfolgt sind, 
der Öffentlichkeit nicht mehr lange vorenthalten. 

Die Lüneburger Heide ist in der Gegend von Fallingbostel 
nicht das öde Flachland, wie weiter im Nordosten, sondern ein 
hügeliges, teilweise bewaldetes Gebiet, das an einigen Stellen, 
namentlich an den Thalrändern der Böhme, selbst bemerkenswerte 
malerische Schönheiten entfaltet. Fallingbostels Umgebung ist häufig 
das Thüringen der Heide genannt worden und in der That erinnert 
das den Abhang des Böhmethaies bedeckende Gehölz der „Lieth** 
an die zarten Reize der mitteldeutschen Gebirgslandschaften. Der 
Weg nach den Steinhäusern, die 11 km südöstlich von Fallingbostel 
in der Nähe des Dörfchens Südbostel liegen, führt bald in ein- 
förmiges, aber noch immer welliges Gelände, das hier und da kleine 
Waldbestände aufweist, zum grofsen Teil aber schon den Charakter 
der echten Heide zeigt, — mit Heidekraut bewachsene Flächen, 
Büsche von Wachholder, hier und da einige Kiefern. Die den 
Steinhäusern am nächsten liegende menschliche Siedelung ist einer 
jener einsamen Heidehöfe, deren Bewohner wie abgeschnitten von 
der übrigen Menschheit ein Dasein führen, das in seiner Unbewegtheit 
an längstvergangene Zeiten gemahnt; das nahe Fallingbostel liegt 
schon am Horizont des Gesichtskreises und nur die älteren Be- 
wohner des Hofes haben dann und wann die unerhörte Reise nach 
dem 15 km entfernten Städtchen Walsrode gewagt. Von dem Hofe 
führt uns eine fast halbstündige Wanderung zu den Steinhäusern, 



^) Eine ausführliche Schilderang nebst Litteraturangaben findet sich bei 
F. H. Müller: „Vor- und frühgeschichtliche Altertümer der Provinz Hannover." 
(1893), S. 69. 



— 284 — 

die erst in nächster Nähe sichtbar and also für den Unkundigen 
schwer zu finden sind In der That, wer einen imponierenden 
Anblick erwartet, fühlt sich zunächst enttäuscht, — die Gruppe 
der Hünengräber liegt am Abhänge eines niedrigen bewaldeten 
Hügels, so völlig versteckt in der wohlgepflegten Schonung, dafs es 
nicht möglich ist, sie sämtlich mit einem Blick zu umfassen. Die 
Anpflanzung ist gut gemeint und ebenso die Holzbänke, die in der 
Nähe des grofsen Steinhauses angebracht sind, aber diese Be- 
mühungen wirken unendlich kleinlich, und man wünscht die Zeit 
zurück, als die gewaltigen Gräber noch frei in der endlosen Heide 
lagen und nur das Polster des Heidekrautes oder einer der mächtigen 
Steintrümmer dem Wanderer einen Ruheplatz boten. 

Die fünf noch vorhandenen Steingräber sind sich in ihrer Anlage 
nicht völlig gleich ; die vier kleineren zeigen allerdings die gewöhn- 
liche Form der Hünenbetten, sie bestehen aus einer Doppelreihe von 
Steinblöcken, über die als Dach noch gewichtigere Blöcke gelegt 
sind, aber das gröfste Grab gehört einem andern Typus an, der 
vielleicht nur deshalb gewählt worden ist, weil ein ungewöhnlich 
grofser abgeflachter Stein zur Verfügung stand. Dieses grofse 
); Steinhaus«, wie man es mit Recht nennen darf, trägt auf sieben 
im Viereck aufgestellten, innen geglätteten Steinen (sechs kleineren 
und einem gröfseren, der für sich allein eine Seitenwand bildet) eine 
mächtige Felsplatte von 4,82 m Länge, 4,38 m Breite und 0,72 m 
Dicke, deren Oberfläche nur wenig über die Umgebung hervorragt; 
der Eingang in die darunter befindliche etwa 1,60 m hohe Kammer 
wird von zwei aufgerichteten Felsplatten begrenzt, die mit ihren 
Längsachsen senkrecht zur Kammerwandung stehen. Es unterliegt 
keinem Zweifel, dafs dieses Grab in einer künstlichen Aushöhlung 
des Bodens errichtet und dann gröfstenteils mit Erde verschüttet 
worden ist, während die übrigen Steinhäuser nicht unbeträchtlich ihre 
Umgebung überragen, wenn sie auch vielleicht früher von aufgehäufter 
Erde überwölbt gewesen sind. Aber nicht nur durch seine Bauart 
unterscheidet sich das grofse Steinhaus von den vier andern, sondern 
auch durch die Reste eines Kranzes von Felsblöcken, der es um- 
giebt, eines Cromlech (nicht Menhir, wie Freudenthal angiebt; als 
Menhir bezeichnet man einzelne aufgerichtete Steine, aber nicht 
den Steinkreis). 

Die übrigen Steinhäuser sind in einer bogenförmigen Linie, 
aber mit ungleichen Entfernungen angeordnet, während das eben 
beschriebene gröfste abgesondert dem östlichen Ende der Linie vor- 



— 285 — 

gelagert ist.^) Die vier kleineren Gräber sind einander sehr ähn- 
lich, der Raum, den sie mit ihren Trägern and Decksteinen um- 
schliefsen, ist bei jedem von ihnen kleiner als bei dem grofsen Stein- 
hause. Mehrere Decksteine sind herabgestürzt, einer, der zu den 
abgelegensten der Gräber gehört, nach F. H. Müllers Ansicht 
absichtlich gespalten, was aber wohl noch genauer zu untersuchen wäre. 
Eines der Denkmäler hat vier Decksteine, die übrigen haben nur je 
drei. Ganz in der Nähe des grofsen Steinhauses scheint übrigens 
eine Vertiefung im Boden mit mehreren hineingestürzten Felsblöcken 
darauf hinzudeuten, dafs sich hier ein sechstes, kleineres Grab befunden 
hat. Es sind ausschliefslich erratische Blöcke, die beim Bau der 
Gräber verwendet worden sind, Blöcke, wie sie der Boden Nordwest- 
deutschlands in Fülle bietet oder doch geboten hat, ehe das Stein- 
bedürfnis der neueren Zeit ihre Zahl verminderte. 

Die Sieben Steinhäuser sind, wie gesagt, die gröfsten, aber auch 
die stummsten Überreste aus der Vorzeit Nordwestdeutschlands. Sie 
imponieren durch ihre Masse und doch ist weniger über sie zu sagen 
als über manches unbedeutende Denkmal ; kaum dafs ein geschliffener 
Feuersteinkeil und wenige Umenscherben, die man in ihrer Nähe 
gefunden, der Forschung schwache Anhaltspunkte gewähren. Aber 
wenn wir über diese Steinhäuser selbst keine unmittelbare Aufklärung 
erlangen können, so regen sie doch zu mancherlei Betrachtungen an 
und zu Fragen, auf die wir aus andern Quellen wenigstens eine 
halbbefriedigende Antwort zu gewinnen vermögen. 

Wer in der einsamen, totenstillen Heidelandschaft vor diesen 
mächtigen Bauwerken steht, dem drängt sich vor allem die Frage 
auf, wie zahlreich das Volk gewesen sein und unter welchen Be- 
dingungen es gelebt haben mag, das so Gewaltiges schaffen konnte. 
Das Gewaltige liegt nicht nur in der Masse des aufgehäuften Gesteins, 
sondern auch in der Zahl der Denkmäler des ganzen Gebietes, denn 
noch jetzt sind sie in der Heide und im gröfsten Teile Nordwest- 
deutschlands überaus häufig, so viele von ihnen auch zu Schlofs- und 
Eirchenbauten verwendet oder sonst zerstört sein mögen. Solche 
Leistungen scheinen eine sehr zahlreiche und kräftige Bevölkerung 



') F. H. Maller sagt darüber: „Sie liegen an der südöstlichen Abdachnng 
der Höhe, und zwar vier in einer Linie von Nordwesten nach Südosten, das 
fünfte und gröfste springt vor, so dafs es mit den beiden zunächst folgenden 
fast ein gleichschenkliges Dreieck bildet. Die Entfernung derselben, vom Thale 
aus, wo ein kleiner Bach fliefst, angefangen und vom untersten bis zu dem 
gröfsten fortgeschritten, beträgt von einander 102, 44, 32 und 25 m/ (a. a. 0. 
S. 69.) 



— 286 ~ 

vorauszusetzen, — aber wie konnte gerade die armselige Heide ein 
solches Volk ernähren ? Seltsamerweise finden wir in den Niederlanden 
die gleiche Erscheinung: der gegenwärtig am dünnsten besiedelte 
Strich des Landes ist am reichsten an alten Gräbern. 

Die Frage ist vorläufig wohl überhaupt nicht mit Sicherheit zu 
beantworten, aber es mag an einige Thatsachen erinnert sein, die 
das unbegreifliche dem Verständnis wenigstens etwas näher bringen. 
Zunächst wird eine menschenarme Gegend auch die Reste der Vorzeit 
am besten bewahren, während in einem starkbevölkerten Gebiete 
jede neue Generation das ihrige zur Abtragung und Verwüstung der 
Steingräber beiträgt. Vielleicht waren viele Teile Nordwestdeutsch- 
lands einst reicher an Gräbern als die Heide (manche siiid es noch 
jetzt), und dann wäre wenigstens die Annahme, dafs gerade die Heide 
einst eine besonders zahlreiche Bewohnerschaft gehabt haben müfste, 
stark erschüttert. Die Zahl ihrer Einwohner war wohl nicht 
gröfser als in der Gegenwart, vielmehr hat eher die geringe 
Menge des Volkes der Zerstörung vorzeitlicher Steindenkmäler 
Schranken gesetzt. 

Ferner ist zu erwägen, dafs nicht überall so vortreffliches 
Material zum Bau von Steinkammern zu finden war, als in den von 
erratischen Blöcken überschütteten Ebenen Nordwestdeutschlands. 
Man brauchte diese von der Natur gebotenen Bausteine nur auf- 
einanderzuhäufen, und dafs man die Mühe nicht scheute, dafür sorgten 
die sittlichen und religiösen Anschauungen des Volkes. Nicht aus 
Ruhmsucht oder Spielerei hat man ja die Steine gesammelt und auf- 
geschichtet, sondern um Grabkammern für jene Häupter des Volkes 
zu erbauen, denen ein Grab in schlichter Erde nicht würdig genug 
schien. Denken wir uns nun viele aufeinander folgende Geschlechter 
bei der Errichtung der zahlreichen Grabkammern thätig, so ist 
abermals ein Teil der rätselhaften Erscheinung erklärt. 

Die alte Ansicht, dafs ein einziges Wandervolk in den ver- 
schiedensten Teilen der Erde die merkwürdigen Grabkammern oder 
Dolmen errichtet und demnach auch vorübergehend Nordwest- 
deutschland besiedelt habe, ist so gut wie aufgegeben; die Sitte, 
die Toten in Dolmen zu bestatten, war vielen Völkern der Erde 
gemeinsam und ist keine Eigentümlichkeit einer bestimmten Rasse 
oder gar eines einzelnen Stammes. Wenn aber die Dolmenbauten 
nur mit Vorsicht als Beweise alter Völkerwanderungen zu deuten 
sind, so bleiben sie um so merkwürdiger als Zeugnisse eines gewissen 
Kulturstandpunktes, den viele Völker zeitweilig eingenommen haben 



^ 287 — 

und von dem aus sie zu weiteren Kulturfortschritten gelangt sind: 
Das Steinicammergrdb ist der Vorläufer der aus Stein erbauten 
menschlichen Wohnungen. 

Es ist gewifs seltsam, dafs man zuerst die Toten in steinernen 
Kammern barg, ehe man darauf verfiel, auch für Lebende ein Obdach 
oder einen festen Turm aus Felsblöcken zu errichten. Die Menschen 
der Urzeit erscheinen dadurch in einer romantischen Beleuchtung 
als liebevolle Nachkommen, die ihren Vorfahren mit unendlicher 
Mühe gewaltige Buhestätten errichteten, während sie selbst vielleicht 
in elenden Hütten den Unbilden des Wetters trotzten. Dürfen wir 
aber den Thatsachen Glauben schenken, die uns die Völkerkunde 
von kulturarmen Stämmen der Gegenwart berichtet, dann erscheint 
dieser Eifer für die Toten in weniger glänzendem Lichte. Erinnern 
wir uns z. B. an jenen Indianerstamm, der nach einem siegreichen 
Gefechte die Leichen der Feinde sorgfältig begrub und mit An- 
strengung eine Menge schwerer Steine auf die Gruffc wälzte, damit 
die Seelen der Toten nicht hervorkämen und Bache nähmen! Das 
ist eine ganz allgemeine Anschauung und auch den Toten des 
eigenen Stammes traute man ursprünglich nicht viel Gutes zu. Der 
Verstorbene ist den Erben seiner Güter und seines Einflusses nicht 
freundlich gesinnt, und wenn man ihm seine Lieblingsgeräte und 
Waffen, vielleicht auch Weiber, Sklaven und Bosse mitgab, Speise 
ans Grab legte und endlich seinen Buheplatz mit mächtigen Steinen 
überwölbte, so gaben zu alledem zunächst sehr selbstsüchtige Beweg- 
gründe den ersten Anlafs. „Hier hast du alles, was du wünschen 
kannst, aber nun bleib' auch in deinem Grabe und belästige uns 
nicht!" ruft ganz im Sinne dieser Anschauung der Burjate seinen 
verstorbenen Verwandten zu. Dafs aber in den Erbauern der 
Sieben Steinhäuser dieser Gedanke ebenfalls noch lebendig war, das 
lehren uns die Beste des Steinkreises, der das gröfste der Gräber 
umgab. Es mag ein starker und reicher Häuptling gewesen sein, 
der hier bestattet wurde, und seinen Nachkommen mochte es ge- 
fährlich scheinen, die Erbschaft seiner Macht und seiner Güter an- 
zutreten ; so umgaben sie denn die Buhestätte des Gefürchteten mit 
einem Bannkreise aus aufgerichteten Steinen, die der unruhige Geist 
nicht überschreiten sollte, — die mühselig herbeigebrachten und 
emporgestellten Steine boten in ihrer Unzerstörbarkeit jedenfalls 
besseren Schutz, als eine vergängliche Holzschranke oder irgend ein 
andres Mittel der Abwehr. Ganz ähnlich sind auf der Burg von 
Mykenä die Gräber der älteren Bewohner durch einen Steinkreis 
von den Behausungen der späteren Herrscher getrennt. 



— 288 — 

Natürlich waren die Steinhäuser, die den Toten das Hinans- 
schlüpfen verwehrten, ebenso geeignet, den Leichnam und seine 
Schätze vor Raubtieren oder Dieben zu schützen, und wenn man 
auch zunächst nur jenen ersten Zweck verfolgt haben mag, so ist 
doch sicher auch bald der zweite wirksam geworden, ja er mag 
zuletzt der einzig entscheidende gewesen sein. Solche Umwandlungen 
der Zwecke bei gleichbleibenden Mitteln sind nichts seltenes') und 
überhaupt ist es eines der wichtigsten Gesetze der Völkerentwickelung, 
dafs die verschiedenen Beweggründe, die irgend eine Sitte begründen 
und stützen, sich nicht gegenseitig ausschliefsen, sondern einander 
ergänzen und ersetzen. 

Wenn nun die weitverbreiteten Steinkammern in der That 
nur feste Behausungen für die Toten, nicht aber zugleich eigentliche 
Denkmäler waren, dann erklärt es sich auch, warum uns diese in 
ihrer Art gewaltigen Bauwerke oft in so wenig imponierender Gestalt 
entgegentreten. Das gröfste der sieben Steinhäuser ragt kaum über 
die Erde empor und war vielleicht früher bis auf einen kleinen Ein- 
gang ganz verschüttet, und viele andre n Hünengräber ^ liegen unter 
künstlichen Hügeln verborgen. Indessen hat diese eigentümliche 
Thatsache noch einen andern Grund : das Vorbild des Steinkammer- 
grabes, auf das schliefslich alle die prunkvollen Steinbauten der 
Gegenwart zurückgehen, ist nichts andres als die Hohle. Im alten 
Ägypten begann man die Toten in dolmenartigen Basten, den 
Mastabas, beizusetzen, nachdem die natürlichen Höhlen des Nilthaies 
mit Mumien überfüllt waren, und auch die Steinmassen der Pyramiden 
mit ihren winzigen Grabkammem sind in der That nichts andres 
als künstliche Berge mit Höhlen. Wie aber aus derartigen Bauwerken 
für die Toten endlich Zufluchtsstätten für Lebende werden konnten, 
das lehren uns die turmartigen Bauten, die an den Küsten des Mittel- 
meeres häufig sind und in Sardinien als nNurraghi«' bezeichnet werden. 
Es sind plumpe Gebäude mit kleinen, fensterlosen Hohlräumen, die 
hier und da, wie in Algerien, als Grabkammern gedient haben, 
anderwärts aber auch von Lebenden benutzt worden sind, die sich 
höchst wahrscheinlich vor den Anfällen von Seeräubern in diese 
Räume zurückzuziehen pflegten, deren enger Eingang eben so leicht 
zu verteidigen war, wie der einer Höhle. Nordwestdeutschland' kennt 
derartige Türme nicht, obwohl sich ähnliche auch an den Küsten 



') Genaueres darüber findet sich in meiner kleinen Abhandlung „Die 
Speiseverboie'^ in der Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vor- 
träge von Virchow und Wattenbach, Neue Folge, 8. Serie, Heft 184. 



^ 289 — 

Schottlands und der benachbarten Inselgruppen finden. In der That 
hat sich ja auch in Deutschland kein Steinbaustil selbständig 
entwickelt, sondern die Kunst des Steinbaues ist von Süden herge- 
kommen; das grofe Steinhaus bei Südbostel ist der grofsartigste Rest 
einer Entwickelung, die nicht über die damit erreichte Stufe hinaus 
gediehen ist. 

Wer aber sind die Erbauer der hordwestdeutschen Dqlmen 
gewesen und wie alt mögen diese Steindenkmäler sein? Die Sieben 
Steinhäuser bleiben auch dieser Frage gegenüber stumm; aber wir 
können wenigstens feststellen, dafs in benachbarten Gebieten die 
Dolmen durchaus nicht die ältesten Reste der Vorzeit sind, sondern 
dafs z. B. die Kjökkenmöddinger Dänemarks einer viel entlegeneren 
Peri< de angehören müssen. Im allgemeinen sind die Steinkammern 
dem Ausgang der neolithischen Zeit zuzurechnen, wenigstens soweit 
es sich um die europäischen Vorkommnisse handelt ; von den ähnlichen 
Steinbauten in Indien oder Peru ist ja hier nicht die Rede. Das 
Dasein eines » Dolmenvolkes << zu behaupten ist, wie gesagt, den 
Ergebnissen der neueren Forschungen gegenüber ganz unmöglich, und 
ebensowenig dürfen wir uns durch die volkstümliche Bezeichnung 
der Steinkammern als »Hünengräber« oder »Hünenbetten« auf eine 
falsche Spur leiten lassen. Das mongolische Wander volk der Hunnen 
hat schwerlich jemals die Sitte gekannt, schwerfällige Felsblöcke zu 
Grabkammern aufeinander zu türmen, sein Name aber ist dort, wo ihn 
das Volk noch anwendet, längst jedes historischen Kernes beraubt. 
Schon im Nibelungenliede erscheinen die Hunnen mit ihrem Heer- 
könig Etzel in seltsamer Art umgewandelt und idealisiert; diese 
Umbildung hat in ihrem weiteren Fortschreiten aus den Hunnen ein 
fabelhaftes Riesenvolk gemacht, in derselben Weise, wie bei den West- 
slaven der Name der hunnenähnlichen Avaren zuletzt ein Geschlecht 
von Riesen bezeichnet. So bedeutet der Name Hünengrab auch nichts 
andres als Riesengrab. 

Die Wissenschaft ist mit der Zeit vorsichtig geworden, und 
man greift ungern zu kühnen Hypothesen über die Verhältnisse der 
Vorzeit, solange sich für die verschiedenen Rätsel noch eine leidliche 
einfachere Lösung finden lassen will; diese Vorsicht ist auch der 
Frage gegenüber am Platze, wer die Dolmen der Lüneburger Heide 
und überhaupt des nordwestlichen Deutschlands erbaut haben mag. 
Stehen wir doch hier auf dem Boden, den seit ältester Zeit die 
Geschichte den Germanen zuspricht, der die in ihrem Äufsern und 
ihrem Wesen germanischste Bevölkerung Deutschlands noch heute 
beherbergt. Es ist freilich möglich, dafs auch diese Gebiete erst 



— . 290 — 

kurz vor der Zeit, die uns die ersten geschichtlichen Nachrichten 
über sie gewährt, von Stämmen deutscher Zunge besiedelt worden 
sind, aber es zwingt uns nichts zu dieser Annahme, die aus ver- 
schiedenen Gründen eher unwahrscheinlich ist. Neben den Nieder- 
sachsen sehen wir an den Küsten und auf den Inseln der Nordsee 
einen andern Germanenstamm sitzen, dessen ganzes Wesen, das schon 
römißchen Beobachtern auffiel, uns beweist, dafs er seit uralter Zeit 
an den zugleich gefahrlichen und fruchtbaren Boden seiner Heimat 
gekettet gewesen sein mufs, — das merkwürdige Volk der Friesen. 
Aber auch der Niedersachse ist eng mit seinem Lande verwachsen, 
seine Vorzüge und seine Fehler wurzeln in der heimatlichen Erde; er ist 
schwerlich anderswo zu seiner Eigenart herangebildet wie auf der 
Scholle, die er noch heute bewohnt. Was endlich die Leute der 
Lüneburger Heide betrifft, so will ,es dem prüfenden Blick nicht 
selten scheinen, als ob hier ein eigentümlicher, dem steppenartigen 
Boden der Heide gewissermaafsen angepafster Menschenschlag vor- 
herrsche, der sich durch feinere Züge und schlankeren Bau von dem 
plumpen Niedersachsen, der die fruchtbaren Striche bewohnt, merklich 
unterscheidet. Der Zug der Wissenschaft geht ja überhaupt dahin, 
die Urheimat der Rassen und Völker zunächst dort zu suchen, wo 
sie noch heute am massenhaftesten und unvermischtesten sitzen. 
So mögen es denn auch Häuptlinge germanischen Blutes gewesen 
sein, die unter der mächtigen Decke der Steinhäuser bei Falling- 
bostel geschlummert haben, bis die Habsucht oder der fromme Eifer 
der Nachkommen ihre Gebeine zerstreute. 



Hermann Post -f. 

Alle Freunde und Bekannte wird die plötzliche, selbst für die Angehörigen 
überraschende Nachricht vom Ableben des hochverdienten vergleichenden Rechts- 
forschers, A^ H. Post in Bremen schmerzlich berührt haben. Eine reiche, un- 
erschöpfliche Schaffenskraft ist vernichtet, ein Denker und Forscher ersten 
Ranges ist dahin gerafft, der bei einer mühevollen und eintönigen Arbeit Zeit 
fand und Elastizität besafs, ein ganz neues Gebiet der wissenschaftlichen Unter- 
suchung zugängig zu machen, ein edler, vornehmer Charakter, der nur den 
Idealen seines Herzens lebte, im reichstem Mafse zur Hülfe bereit, wo man 
seiner bedurfte. Doch an dieser Stelle sollen nur die weittragenden wissen- 
schaftlichen Verdienste dieses seltenen Mannes gewürdigt werden, soweit das 
in flüchtigen Umrissen möglich ist. Die ethnologische Jurisprudenz, wie sie 
der Verstorbene mit Kohler in Berlin, Bemhöft in Rostock, Dargun in Krakau 
und einigen anderen Gelehrten geschaffen, ist noch so neuen Datums, dafs sie 
öfter sehr schwer um ihre Anerkenung anderen älteren Disziplinen gegenüber 
zu kämpfen gehabt hat. Es hat längere Zeit gedauert, bis man eingesehen hat 
dafs das Recht ein organisches Gebilde sei, sozialen Ursprungs und deshalb 



— 291 - 

einer bestimmten gesetzlichen Entwickelang unterworfen, die es völlig über den 
Bereich individueller Willkür erhebt. Es galt somit vor allem, die Methode 
der Forschung klar darzulegen und ihren naturwissenschaftlich - empirischen 
Charakter gegenüber dem bisherigen spekulativen Verfahren der herschenden 
Rechtsphilosophie zu begründen. Man kann es daher als einen höchst glück- 
lichen Griff bezeichnen, wenn Post diese induktive Bearbeitung des zuständigen 
Materials an einem besondei's instruktiven Beispiel ad oculos gleichsam demon- 
strierte, indem er in seiner epochemachenden Schrift: Die Geschlechtsgenossen- 
schaft der Urzeit und die Entstehung der Ehe (1875) die Struktur und Ent- 
wicklung dieser ältesten Organisation der Menschheit behandelte. Anderseits 
ist es begreiflich, wenn sich erst allmählich, je mehr das Material anwuchs und 
kritisch gesichtet wurde, das Gesammtbild der Menschheit für die zusammen- 
fassende Forschung herausstellen konnte, wie es sich uns auf den verschiedenen 
Stufen der sozialen Assoziation ergiebt. Auf diesen systematischen Abschlufs 
zielen aber alle zahlreichen monographischen Untersuchungen des Verfassers 
(Ueber das Familienrecht, Zaubereiprozesse, Gottesurteile in Afrika, Gottesurteile 
und Eid, Hausgenossenschaften und Gruppenehen, Hochzeitsgebräuche, Vatertum 
u. s. w.) ab, und wir können es als eine günstige Fügung preisen, wenn Post noch in 
den beiden letzten Jahren die Feder zu einem abschliessenden Werke angesetzt hat, 
dem bekannten Buche: Grundrifs der ethnologischen Jurisprudenz (2 Bände). 
Dafs wir es hier mit einer exakten, auf streng empirischer Grundlage fufsenden 
Wissenschaft zu thun haben, bedarf in diesen Blättern wohl keiner ausführlichen 
Begründung. Die unerschöpflichen Akten der Völkerkunde bieten das konkrete 
Material, mit dem die Forschung zu arbeiten hat, und es kann geradezu als 
ein Verdienst von Post hervorgehoben werden, dafs er überall mit kritischer 
Umsicht und Genauigkeit die Grenzen angab, wo die Kunde verläfslicher That- 
sachen aufhört und wo anderseits das mehr oder minder trügerische Gebiet der 
Hypothesen beginnt. Die Aufgabe der allgemeinen Rechtswissenschaft auf eth- 
nologischer Basis bedarf noch einiger Worte zur näheren Erläuterung. Ist das 
Recht eine streng soziale Erscheinung, so gilt es in erster Linie, die ver- 
schiedenen Formen desselben bei allen Völkern der Erde, soweit dieselben in 
den Kreis wissenschaftlicher Beobachtung gezogen sind, festzustellen. Ist das 
geschehen und das schliefst begreiflicher Weise eine ungeheure Sammelarbeit 
in sich, so erfolgt die psychologische Analyse der Ursachen und die Rück- 
führung auf einzelne, überall wirksame Gesetze der sozialen Entwicklung. 
Durch diese vergleichend-ethnologische Perspektive hat sich nun herausgestellt, 
dafs gewisse allgemeine Rechtsinstitute und Rechtsanschauungen existieren, welche 
über alle sonstigen ethnographischen und topogi'aphischen Schranken hinaus- 
greifen und somit als ein Gemeingut der Menschheit angesehen werden können. 
Sie sind, wie Post sich ausdrückt, das Naturnotwendige im Rechtsleben, das- 
jenige, was in organischen Individuen das Skelett ist. Dieser Standpunkt be- 
dingt aber sehr weitgreifende Konsequenzen, die hier nur flüchtig angedeutet 
werden können; erstlich erhellt auf den ersten Blick, dafs wir das Recht nur 
als ein organisches Gebilde auffassen können, das in seiner Bildung bestimmten 
Gesetzen unterworfen ist. Sodann ergiebt sich aus dieser sozialpsychologischen 
Anschauung der auch durch die moderne Experimentalpsychologie bestätigte 
Satz, dafs nicht wir denken, sondern dafs es in uns denkt. Ist dieser Satz 
richtig (bemerkt Post), so sind wir nicht mehr im Stande, die Welt aus 
unserem Ich zu erklären, sondern dann müfsten wir in der Welt nach den 
Geogr. Blätter. Bremoni 1895. 19 



— 292 — 

Ursachen für unser Ich Sachen. Unsere Welt ist dann unsere ins Sinnliche 
hinausgespiegelte Seele. Übertragen auf die Rechtswissenschaft erscheinen 
dann die Rechte aller Völker der Erde als der vom Volksgeist erzeugte Nieder- 
schlag des allgemeinen menschlichen Rechtsbewufstseins , und es ist dies 
Rechtsbewufstsein nur aus diesen Erscheinungsformen seinem ganzen Inhalte 
nach erkennbar. Wie ersichtlich, berühren sich hier schon philosophische 
Fragen von eminenter Bedeutung mit der ethnologischen Forschung, und Post 
hat es sich jederzeit angelegen sein lassen, diesen organischen Zusammenhang 
festzuhalten, wie er denn überhaupt immer von der verwirrenden Masse des 
Details zu allgemeinen Gedanken sich emporzuheben hebte. Aber auch hier, 
auf diesem trügerischen und glatten Boden, auf dem schon so mancher zu Fall 
gekommen, vermied er mit kritischer Besonnenheit die gefährlichen Extreme 
einer einseitig mechanischen, wie spiritualistischen, um nicht zu sagen mystischen 
Weltanschauung. So viel ist aber gewifs, die vergleichende Rechtswissenschaft 
verliert in ihm einen der emsigsten und fähigsten Forscher. 

Zum Schlufs lassen wir noch ein Verzeichnis seiner hauptsächlichsten 
Schriften folgen, soweit sie für diesen Zweck in Betracht kommen (ausgelassen 
sind die specifisch juristischen, nationalökonomischen und religionsphilosophischen 
Untersuchungen), die sich nach den Jahren so ordnen: 1872 Einleitung in eine 
Naturwissenschaft des Rechts. 1875 Die Geschlechtsgenossenschaft der Urzeit 
und die Entstehung der Ehe. 1876. Der Ursprung des Rechts. 1878. Die 
Anfänge des Staats- und Rechtslebens. 1880/81. Bausteine für eine allgemeine 
Rechtswissenschaft auf vergleichend-ethnologischer Basis. 2 Bände. 1884. Die 
Grundlagen des Rechts und die Grundzüge seiner Entwicklungsgeschichte. 
1886. Einleitung in das Studium der ethnologischen Jurisprudenz. 1887. 
Afrikanische Jurisprudenz (2 Bände). 1889. Studien zur Entwicklungsgeschichte 
des Familienrechts. 1891. Über die Aufgaben einer allgemeinen Rechts- 
wissenschaft. 1894/95. GrundriTs der ethnologischen Jurisprudenz (2 Bände). 

T. A. 



Kleinere Mitteilnngen. 



Ans der peogrraphischen Gesellschaft in Bremen, Wenn, wie an 
anderer Stelle berichtet, der in der Osterwoche hier stattgehabte deutsche 
Geographentag ein vielseitiges und thätiges Interesse bei der Bevölkerung unserer 
Stadt gefunden hat, so darf sich unsre Gesellschaft, die in den nunmehr 
20 Jahren ihres Bestehens auf mancherlei Weise das Interesse für die Pflege 
der Länder- und Völkerkunde hier wach und rege zu erhalten bemüht war, einen 
Anteil an dem guten Erfolge der Tagung zumessen. Es ist dies wohl ihr 
schönster Lohn und eine Ermutigung für ferneres kräftiges Wirken und Schaffen, 
zu welchem die oben mitgeteilten, für die Jubelfeier eingelaufenen Telegramme 
und Zuschriften der Deutschen Schwestergesellschaften in sympathischer Weise 
uns eingeladen haben. Auch in anderm Sinne noch wird unsre Gesellschaft 
demnächst einen neuen Lebensabschnitt beginnen: in dem neuen städtischen 
Museum für Naturgeschichte und Völkerkunde, welches im Laufe des bevor- 
stehenden Winters eröffnet werden wird, sind ihT und dem naturwissenschaft- 
lichen Verein je ein gröfseres Zimmer zu dauernder Benutzung überwiesen 
worden. Zwar hat unsere Gesellschaft s. Z. durch die Güte ihres verstorbenen 



— 293 — 

Mitgliedes Herrn L. Rntenberg schon seit einer Reihe von Jahren ein besonderes 
Lokal im Rutenhof überwiesen erhalten und zur Dankverpilichtung unsers Vor- 
standes haben auch die Erben des genannten Herrn diese kostenlose Überlassung 
bisher aufrechterhalten. Aber die Aufnahme unsrer Gesellschaft in das der Stadt 
gehörende neue Museum, die Aufstellung unsrer kleinen Bücher- und Karten- 
sammlung in dem Lokal, die Benutzung des in dem neuen Museum hergestellten 
Hörsaals für die Vorträge haben so viele Vorzüge, dafs die im künftigen Winter 
bevorstehende Übersiedlung unsrer Gesellschaft in das neue Museum, wie be- 
merkt, wohl als ein neuer Lebensabschnitt bezeichnet werden darf, in dem sie 
hoffentlich eine erweiterte Wirksamkeit wird entfalten können. Ein bleibendes 
Andenken an das in Gemeinschaft mit dem Geographentag begangene 2Öjährige 
Jubiläum unsrer Gesellschaft ist durch die Bildung eines Jubiläumsfonds 
geschaffen worden, der um so freudiger begrüfst worden ist, als leider bisher das 
Kapitalvermögen der Gesellschaft, ungleich den Schwestergesellschaften, z. B. 
dem naturwissenschaftlichen Verein, wie die in Heft 1/2 mitgeteilte Rechnung 
ergiebt, äufserst gering war. Die für den Jubiläumsfonds zusammengebrachte 
Summe, 7000 Mark, ist freilich auch nur ein Anfang, es steht aber zu hoffen, 
dafs, nachdem die Geographie in Bremen, wie sich beim Geographentag ergab, 
so zahlreiche Freunde und Verehrer gefunden hat, der Fond im Laufe der Zeit 
durch Schenkungen und Vermächtnisse anwachsen und dafs dann aus den Zinsen 
desselben — denn nur diese dürfen nach dem Willen der Stifter verbraucht 
werden — der Pflege der Länder- und Völkerkunde nach dieser oder jener 
Richtung hin eine dauernde Förderung zu Teil werden wird. Für die Ver- 
wendung der Zinsen in diesem Sinne dürften demnächst eigene Bestimmungen 
zu treffen und die Verwaltung des Fonds einer von der Generalversammlung 
der Gesellschaft zu wählenden Kommission zu übergeben sein. Verfasser dieses 
teilt hier zum Schlufs die einzelnen für den Jubiläumsfonds gezeichneten Beträge 
mit den Anfangsbuchstaben der Geber mit und spricht diesen, wie er es 
privatim schon mündlich gethan hat, hiermit auch öffentlich, namens des Vor- 
standes, den herzlichsten Dank für diese ermuthigende Bethätigung ihres 
Interesses an unsrer Gesellschaft aus. Es wurden gezeichnet: ein Beitrag zu 
500 Mark von W. R. ; ein Beitrag zu 475 von G. A.; 13 Beiträge zu 300 Mark 
von G. W. G., H. M., F. L. B., F. S., C. S., J. F. L., E. P., G. W., Senator 
G., Th. A., M. H. H., Senator M., Carl Th. M.; drei Beiträge zu 200 Mark von 
Frau H., P. J., F. M. sen. ; ein Beitrag zu 150 Mark von F. A.; elf Beiträge 
zu 100 Mark von F. v. d. H., C. K., H. F., H. F. G., J. C. P., Bürgermeister L., 
H. A. G., Senator A., A. F. C. M., F. M. jun., Konsul J. S. ; ein Beitrag zu 
75 Mark von H. C. ; vier Beiträge zu 50 Mark von L. K., Direktor F., Pastor S. 
und Konsul P., zusammen 7000 Mark. Möge denn dieser einer edelmütigen 
Gesinnimg entsprossenen Gründung ein kräftiges Wachsen und fröhliches Ge- 
deihen beschieden sein! M. L. 

Polarregionen« Auf dem Ende Juli und Anfang August in London 
stattgehabten sechsten internationalen geographischen KongreÜB trug der 
schwedische Ingenieur S. A. Andr^e seinen Plan, im Jahre 1896 von Nord- 
spitzbergen aus eine Ballonfahrt zur Entdeckung des Nordpoles zu 
unternehmen, vor. Auch in dieser Versammlung, wie in der Tagespresse und 
in den Kreisen der Luftschiffer fand der Plan Anfechter wie Verteidiger. Wir 
müssen» es uns für jetzt versagen, auf die in den Zeitungen wiederholt mehr 
oder weniger ausfühi'lich besprochenen Einzelheiten des grofsen und wie es 

19* 



— 294 — 

scheinen will, nach allen Richtungen hin sorgfältig erwogenen Unternehmens 
einzugehen und möchten für heute nur erwähnen, dafs, nach dem Monats- 
berichte im Augustheft von Petermanns Mitteilungen, dasselbe finanziell gesichert 
ist, da die erforderliche Summe von dem König von Schweden, von Dr. Alfred 
Nobel und Oskar Dickson gezeichnet wurde. Im Heft 3/4 der unter Redaktion 
des Professors Hettner in Leipzig erscheinenden „geographischen Zeitschrift" nimmt 
ein deutscher PolaiTeisender und Luftschiffer, 0. Baschin, zu Gunsten des Vor- 
habens das Wort. Nachdem er letzteres nach verschiedenen Seiten hin beleuchtet 
hat, schliefst er seine Betrachtung mit folgenden Worten: „Selbstverständlich 
bleiben noch Gefahren genug bestehen, es können manche Hindernisse, wie hohes 
Gebirgsland, regnerisches und nebeliges Wetter oder andere unvorhergesehene 
Umstände der Expedition gi'ofse Schwierigkeiten bereiten. Es mufs natürlich 
auch mit der Nimmerwiederkehr gerechnet werden, aber es sind schon so viele 
Nordpolexpeditionen mit viel gröfserer Mannschaft und viel gröfserem Kosten- 
aufwand ins Werk gesetzt worden und zu Grunde gegangen, dafs wir es nur 
dankbar begrüssen können, wenn drei mutige Männer hier einen neuen Weg 
zum Pole einschlagen, einen Weg der zu viele Vorzüge hat, als dafs er nicht 
doch früher oder später einmal eingeschlagen werden würde." 

Aus Newyork vom 22. Juni wurde berichtet, dafs die Hülfsexpedition 
für Peary unter Oberbefehl des Schwagers Pearys, des Herrn Diebitsch, in 
See ging. Das Schiff, der Dampfwaler „Kite", verliefs am 2. Juli St. Johns, 
den Hafen von Neufundland. Wie Petermanns Mitteilungen berichten, nehmen 
an der Fahrt Teil: Der Geologe Professor Salisbury von Chicago, Professor 
Dyche von Kansas und als Vertreter der geographischen Gesellschaft von 
Philadelphia Herr Boutillier. 

Aus Kopenhagen, 17. Juni, berichtet die Berliner Vossische Zeitung wie 
folgt: „Wie aus Seidisfjörd (Island) vom 5. d. M. gemeldet wird, hat der kalte 
Frühling einem warmen, angenehmen Sommer Platz gemacht. Die Walfisch- 
jag d ist in diesem Jahre beim Nordlande ungemein ergiebig gewesen ; so hat 
eine kleine Walfischfängerstation schon gegen 70 Wale, jeder ein Kapital von 
3 — 4000 Kronen darstellend, gefangen. Bisher sind es auch hier nur Norweger, 
die mit grofsem Erfolg den Reichtum abschöpfen. Man legt daher den Dänen 
nahe, an der Ostküste von Island, wo sich noch keine Walfischfängerstation 
befindet und wo die Wale zahlreicher wie an den übrigen Küsten des Landes 
sind, eine solche Station anzulegen." 

Die von dem deutschen Geographentage in Bremen ernannte „Kommission 
für die Deutsche Südpolarforschung" war in Berlin am 8. Juni unter 
zahh'eicher Beteiligung ihrer Mitglieder versammelt. Zunächst wurden die in 
der vorläufigen Sitzung in Bremen am 19. April bezüglich der Organisation der 
Kommission gefafsten Beschlüsse bestätigt. Darnach sind Geheimer Rat Professor 
Neumayer Hamburg Vorsitzer, G. Albrecht, Bremen und Dr. v. d. Steinen 
Berlin stellvertretende Vorsitzer und Dr. M. Lindeman, Dresden, geschäfts- 
führender Sekretär. In einer ausführlichen Diskussion wurde das ganze Vorhaben 
nach seinen verschiedenen Seiten hin beleuchtet und sodann, behufs Ausarbeitung 
eines Programms, eine Subkommission ernannt. Diese, aus den Herren Neumayer, 
Hellmann, Steinen, v. Drygalski und Lindeman bestehend, einigte sich über ein von 
Herrn Neumayer ausgearbeitetes Programm, dessen Durchführung vorbereitet 
und auf einer im Oktober stattfindenden zweiten Versammlung weiter gefördert 
werden soll. 



— 295 — 

In der am 8. Aagust stattgehabten Sitzung des internationalen geo- 
graphischen Kongresses hielt der norwegische Naturforscher C. E. Borchgrevink, 
welcher als Matrose die Fahrt des norwegischen Dampfwalers Antarctic (Sep- 
tember 1894 bis März 1895) von Melbourne aus mitmachte, einen Vortrag, 
in welchem er einen Teil seiner Wahrnehmungen und Beobachtungen mitteilte. 
Die englische Zeitschrift „Nature" vom 15. August und die deutsche Zeitschrift 
„Globus" No. 9 teilten einen Auszug aus diesem Vortrage mit; vermutlich 
wird Herr Borchgrevink ausführliche Mitteilungen demnächst veröffentlichen. 

Aus Christiania, den 21. August, w^ird berichtet, dass Dr. Yngvar Nielsen, 
Professor der Geographie an der dortigen Universität, mit Bezug auf Borch- 
grevinks Reise zur Veranstaltung einer norwegischen Südpolexpedition 
auffordert. 

Der amerikanische Walflschfang« Einer aus Neu-Bedford, dem bekannten 
an der Ostküste der Vereinigten Staaten, im Staate Massachusetts, belegenen 
Fischerhafen uns gütigst zugesandten Übersicht entnehmen wir, dafs in diesem 
bekanntlich schon lange im Rückgang begriffenen Betriebe am 1. Januar d. J. 
noch immer 51 Schiffe und Barks, 7 Brigs und 27 Schuner mit zusammen 
18152 Tons beschäftigt waren. Auf Neu-Bedford kommen davon 25 Schiffe 
und Barks, 1 Brig und 13 Schuner, San Francisco beschäftigt 23 Dampfer, 3 Brigs 
und 4 Schuner, der Rest der Fahrzeuge ist in Edgartown, Provincetown und 
Boston beheimatet. Im Jahre 1860 waren dagegen in Amerika 508 Schiffe 
und Barks, 19 Brigs und 42 Schuner mit zusammen 176 848 Tonnen Trag- 
fähigkeit in diesem Betriebe beschäftigt. Im Jahre 1854 lieferte der Betrieb 
76 696 Barrel Pottwalthran, 319 837 Barrel Walfischthran und 3 445 200 Pfund 
Barten. Im Jahre 1894 waren die bezüglichen Ziffern 16 333 Barrel Pottwal- 
ihran, 8720 Barrel Walfischthran und 278800 Pfund Barten, Im Jahre 1851 
wurden für das Pfund Barten 347« Cents bezahlt, im Jahre 1894 zahlte man 
dafür 2 Dollar 95 Cents. 

Die Perlmnschelflscherei an der Küste von Nieder-Kalifornien. Auf 
Seite 73 des Bandes 14 (1891) der „Deutschen Geographischen Blätter" schilderten 
wir an der Hand eines Vortrages des Herrn Adolf Schwabe die Perlmuschel- 
fischereien an der Westküste von Mexiko und an der Ostküste der Halbinsel 
von Nieder-Kalifornien. Nun veröffentlicht die reichhaltige, ausgezeichnet 
illustrierte Zeitschrift Le tour du monde, Verlag von Hachette & Cie. in Paris 
den Bericht des französischen Reisenden Leon Diguet über dasselbe Thema. 
Darnach bestehen in dem niederkalifornischen Hafenplatz La Paz gegenwärtig 
vier konzessionierte Kompagnien für die Perlmuschelfischerei; einer jeden ist 
ein besonderes Gebiet zugewiesen. Jede Kompagnie besitzt eine Flottille von 
15 bis 20 Fischerböten, deren jedes mit 6 Leuten bemannt ist, und aufserdem 
ein Segelschiff von 50 Tonnen. In neuester Zeit hat man sich auf die Züchtung 
von Perlmuscheln gelegt und die Versuche, welche in einer Lagune der vor der 
Ostküste von Nieder-Kalifornien gelegenen Insel San Jose von einem Herrn 
Gaston Vive angestellt wurden, sollen einen sehr guten Erfolg aufweisen. 

Wissenschaftliche Arbeiten Bremischer Gelehrter. Die Königliche 
Akademie der Wissenschaften in Berlin hat in ihrer im Juni d. J. stattgehabten 
Sitzung über die diesjährigen Arbeiten zur Förderung wissenschaftlicher Unter- 
nehmungen Beschlufs gefafst. Im ganzen wurden 38150 M. verteilt. Davon 
kommen 21550 M auf naturwissenschaftliche und mathematische Arbeiten, 
16600 M auf das Thätigkeitsgebiet der philosophisch - historischen Klasse. 



— 296 — 

Von Bremischen Gelehrten erhielten der Direktor der Realschule in Bremen, 
Professor Franz Bnchenaa 1000 JH. für die zweite Auflage seiner Flora 
der ostfriesischen Inseln. Zur Förderung zoologischer Arbeiten erfolgten 
acht Bewilligungen, darunter an den Yolksschullehrer F. Könicke in Bremen 400 jMl 
für weitere Untersuchungen über Hydrachniden und an den Direktor des städtischen 
Museums für Naturkunde in Bremen Dr. Schauinsland 2000 JUL als Beihilfe zu 
einer faunistischen Erforschung der Insel Laysan und anderer Inseln des Pazifischen 
Ozeans und zu anschliefsenden entwickelungsgeschichtlichen Studien. 

Reisen eines Bremer Naturforschers. Wie vor etwa Jahresfrist be- 
richtet wurde, hat Herr Dr. Ludwig Plate aus Bremen seit März 1893 eine 
Reise nach der Westküste Südamerikas unternommen, um die wenig bekannten 
Gestade Chiles in zoologischer Hinsicht zu untersuchen. Die Mittel zur wissen- 
schaftlichen Erforschung der eigentümlichen Tierwelt am Saume des grofsen 
Ozeans wurden seitens der preufsischen Akademie der Wissenschaften bewilligt 
und aus der Humboldt-Stiftung bestritten. In den verflossenen zwei Jahren hat 
Dr. Plate ausgedehnte Gebiete der auf mehr als 500 geographische Meilen sich er- 
streckenden Küste Chiles bereist und die gesammelten und präparierten Naturalien 
in verschiedenen Sendungen von fünfzig und einigen Kisten dem Berliner Museum 
übersandt. Für die mannichfache Unterstützung der chilenischen Regierung 
und deren Behörden sind die Doubletten der zahlreich aufgefundenen neuen 
Tierspezies dem Museum in Santiago überwiesen worden. Zur Durchführung 
diese» Unternehmens war unser Reisender besonders befähigt, da er aufser der 
englischen Sprache auch der spanischen in Wort und Schrift mächtig ist. Ein 
älterer Bruder von ihm wohnt seit langen Jahren als Kaufmann in Concepcion. 
Nach einem längeren Aufenthalt in den nördUchen Provinzen Chiles, be- 
sonders in Cabancha-Iquique besuchte Plate das als Robinsons-Insel berühmt 
gewordene Eiland Juan Fernandez, dessen merkwürdiges Tier- und Pflanzen- 
leben ihn einige Monate beschäftigte. Die Winterzeit der südhchen Halbkugel 
verlebte er in Valparaiso und Concepcion und wandte sich dann dem inselreichen 
Süden des Landes zu; trotz der schlechten Verbindung gelang es ihm, der 
Insel Chiloe einen Besuch abzustatten. In der günstigen Jahreszeit der letzten 
Monate wurde PuntaArenas und die Magelhaenstrafse besucht, in deren Engen 
Meeresströmungen vorkommen, die in der Stunde 7 bis 8 Seemeilen zurücklegen. 
Durch Benutzung der Kreuzerfahrten eines chilenischen Kriegsschiffes war es 
möglich, einen längeren Aufenthalt auf der Desolation-Insel am westlichen Ein- 
gang der Magelhaenstrafse zu nehmen und ferner die unwirtlichen, mit Moor und 
Wald bedeckten Gestade des Feuerlandes während eines viermonatlichen Besuchs 
genauer kennen zu lernen. Dort mufste manchmal ein mit Seehundsfellen 
überzogener Wigwam zum Übernachten dienen, da die armseligen Eingeborenen 
fast ohne alle Habe sind. Die jüngsten Nachrichten von unserem Reisenden 
stammen von den Falklandsinseln, dem östlich von Patagonien liegenden 
Archipel, der von Gauchos spärlich bewohnt ist. Verschiedene europäische Haus- 
tiere, wie Pferde, Schafe, Rinder und Kaninchen, sind auf diesen Inseln eingeführt 
und zum Teil verwildert, während eine grofse Fuchsart, Canis antarcticus, das 
einzige eingeborene Säugetier ist. Sehr grofs ist dagegen die Menge der 
niederen Seetiere, Korallenstämme etc., die von den in den Meeren der alten 
Welt vorkommenden gänzlich verschieden sind und bislang kaum Beachtung 
gefunden haben. Manche dieser winzigen Organismen phosphoreszieren mit 
wunderbar farbigem Lichte. L. H. 



— 297 



Geographische Litteratur. 



Es ist der Redaktion eine grofse Zahl von Publikationen zugegangen, die 
wir hier unten jede einzeln aufführen. In Rücksicht auf den bedeutenden Um- 
fang dieses Heftes müssen wir die Besprechung verschiedener Bücher und 
Karten auf ein späteres Heft verschieben. 

Gern zeigen wir zunächst im Nachfolgenden das Erscheinen einer Zeit- 
schrift an, die zwar nicht streng geographisch ist, aber doch die Landes- und 
Volkskunde von Nordwestdeutschland dauernd nach allen Richtungen zu be- 
reichern verspricht. Vom 1. Oktober an wird im Verlage von Carl Schünemann 
in Bremen und unter Redaktion von August Freudenthal die Zeitschrift 
„Niedersachsen'' als Halbmonatsschrift erscheinen. Das Nähere ergibt ein uns 
zugesandtes Zirkular der Herausgeber, der Herren August und Friedrich 
Freudentha], dem wir folgendes entnehmen: 

„Unsere Zeitschrift möchte in erster Linie dazu beitragen, bei den Be- 
wohnern unseres nordwestdeutschen Landes die Pflege heimischer Sitte, Art und 
Sprache zu fördern, die Liebe zu der engeren Heimath zu kräftigen, die Freude 
am eigenen Heerd und der eigenen Scholle, an der vaterländischen Geschichte, 
an dem reichen Schatz der Sagen und Märchen der Heimat, an unserer prächtigen 
niedersächsischen Sprache lebendig zu erhalten, und diese Regungen eines ge- 
sunden Volksthums namentlich auch in unserer heranwachsenden Jugend zu 
wecken und fortzubilden. Darin liegt nach unserer Ueberzeugung ein nicht zu 
unterschätzendes Gegengewicht gegen die verflachenden Strömungen, die in 
unseren Tagen von oben und unten auf den gesunden Kern unseres Volkes 
eindringen und charakteristische Eigenart und berechtigtes StammesbewuTstsein, 
das sehr wohl mit der Liebe zum grofsen deutschen Vaterlande vereinbar ist, 
zu überfluthen und zu ersticken drohen. Nebenbei ist es die Absicht der 
Herausgeber, die Zeitschrift volksthümlich und für die weitesten Kreise lesens- 
wert zu gestalten, einen möglichst reichhaltigen und vielseitigen Lesestoff in 
angenehmer Abwechslung zu bieten, auch die Ergebnisse der Wissenschaft in 
allverständlicher Form zum Gemeingut der Leser zu machen. „Niedersachsen« 
soll bringen: geschichtliche, namentlich lokal-, kunst- und kulturgeschichtliche 
Aufsätze unter Berücksichtigung der Vorgeschichte und Alterthumskunde, land- 
schaftliche Schilderungen, ausgewählte Dichtungen, namentlich auch Erzählungen, 
Schwanke und Gedichte in den Mundarten unserer alten Muttersprache, Aufsätze 
über unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt und deren Beziehung zum Volks- 
leben, endlich gröfseie wertvolle Erzählungen niedersächsischer Autoren. Wie 
weit andere Gebiete noch in den Rahmen unserer Zeitschrift einbezogen 
werden können, wird die Erfahrung lehren. Als Niedersachsen ist das Gebiet 
der Lande Hannover, Oldenburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Lauenburg, 
Braunschweig, des nördlichen Westfalen, der lippischen Lande und der Hansestädte 
Hamburg, Bremen und Lübeck gedacht; eine strenge Abgrenzung ist indefs 
nicht beabsichtigt. Mit einem Worte: „ Niedersachsen " hofft, den Bewohnern 
niedersächsischen Landes in Bezug auf Geschichte, Sage, Volkssprache und 
Volksleben einen geistigen Mittelpunkt bieten zu können. Auch Besprechungen 
einschlägiger wertvoller Werke wird die Zeitschrift bringen. Dem Parteitreiben 
auf politischem, wirtschaftlichem und religiösem Gebiete wird dieselbe sich nach 
Möglichkeit fern halten; sie soll kein Tuumielplatz des Tageskampfes sein, 



^ 298 — 

sondern geistiger und gemütlicher Anregung, Erholung und Unterhaltung dienen. 
Der Bezugspreis * ist so niedrig wie möglich gestellt worden, um Nieder- 
sachsen einem möglichst grofsen Leserkreise zugänglich zu machen, der Jahres- 
preis wird 6 Mark betragen; Illustrationen sind vorgesehen. Eine grofse Zahl 
namhafter Schriftsteller haben ihre Mitwirkung bereits zugesagt." 

Für eine solche Zeitschrift ist Nordwestdeutschland der rechte Boden, 
sie wird ein empfängliches dankbares Publikum finden; auch die richtigen 
Persönlichkeiten, die Gebrüder Freudenthal, haben die Leitung und so darf 
man ja wohl in der neuen Zeitschrift einen zeitgemäfsen und dauernden Ersatz 
für manche ähnliche, lange schon untergegangene Unternehmungen älterer und 
neuerer Zeit, wie das „Hannoversche Magazin '^j das „Bremer Sonntagsblatt'' und 
andere begrüfsen. 

Enropa« 
Griechenland. 

Dr. Paul Brandt, von Athen zum Tempethal. Reiseerinnerungen aus 
Griechenland. Mit 24 Abbildungen. Gütersloh 1894. C. Bertheismann. 

Afrika. 

Die Regentschaft Tunis. Streifzüge und Studien von Rudolf 
Pfitzner. Mit Illustrationen und einer Karte. 8®, 360 Seiten. Berlin. 
Allgemeiner Verein für deutsche Litteratur, 1895. Preis broschirt 6 Mark. Dem 
Verfasser ist es während eines fast vierjährigen Aufenthaltes in der Regent- 
schaft Tunis vergönnt gewesen, Land und Leute aus eigener Anschauung ein- 
gehend kennen zu lernen und sich mit den Sitten und Gebräuchen eines der 
abendländischen Kultur fernstehenden Volkes, das erst seit kaum drei Lustren 
von einem tausendjährigen auf ihm schwer lastenden Drucke aufzuatmen be- 
ginnt, vertraut zu machen. Es ist daher mit Freude zu begrüfsen, wenn einer 
der besten Kenner der Atlasländer das bisher nur von vereinzelten Fach- 
gelehrten besuchte und doch in so hohem Mafse interessante Land zu schildern 
unternimmt. Nach kurzer Seefahrt setzen wir nahe der Ruinenstätte des einst 
weltbezwingenden Karthagos den Fufs an den afrikanischen Strand. Einen 
eigenartigen packenden Gegensatz bietet die Hauptstadt Tunis in seinem Franken- 
viertel mit breiten sauberen Strafsen, durch welche die Pferdebahn fähii, mit 
glänzenden Spiegelscheiben, eleganten Kaffeehäusern, Gasleitung, sowie Telephon- 
netz und dem stillen träumerischen Maurenviertel, das sich von der Unterstadt 
an einer Berglehne emporzieht und eine ganze Welt dunkler Mysterien in seinem 
Innern zu bergen scheint. An der Hand des kundigen Führers besuchen wir 
den im Bau begriffenen, politisch hoch bedeutsamen Kriegshafen von Bizerte, 
durchstreifen dann in kleinen zweirädrigen Wagen oder im Sattel das alte 
Kulturland nach allen Richtungen, und eine Reihe der wechselvollsten Bilder 
zieht an unserm Auge vorüber. An das olivem^eiche Küstengebiet lehnt sich 
die weite mit traurigen Salzsümpfen erfüllte Steppe und diese wird in weitem 
Bogen von den östlichen Ausläufern des Atlas umschlossen. Tief haben die 
zur Winterzeit rauschenden Giefsbäche ihr Bett in den Fels gegraben und in 
bizarren Formen ragt das nackte, sonnendurchglühte Kalkgestein zu dem 
prächtig blauen afrikanischen Himmel empor. Die weiten Thalgründe zwischen 
den Bergzügen deckt dichter Buschwald; hier und dort blinkt aus dem tiefen 
Grün das helle Gemäuer römischer Ruinen, stark zerbröckelter Profanbauten 
oder eines aus wuchtigen Quadern errichteten Tempels. Gewaltige Aquädukte 
ziehen meilenweit durch das Land, alles deutlich sprechende Zeugen einstiger 



— 299 — 

hoher Kaltnr in der heute fast menschenleeren Einöde. Im Verlauf seiner 
Reisen und Jagdstreif züge durch Bergland und Steppe, durch Fürstenpaläste 
und Nomadenzelte führt uns der Verfasser in die berühmte Heiligenstadt Kairuan, 
die einstige Hochburg des Islams in den Atlasländern, deren Besuch dem 
Ungläubigen bis in die jüngste Zeit hinein streng verboten war. Wir treten 
in die dämmernde Halle der ehrwürdigen Moschee Sidi Okbas, besuchen das 
Heiligengrab eines Waffengefährten des Propheten und schauen staunenden 
Auges das Leben und Treiben der Moslemin, ihre Sitten und Gebräuche, die 
sich hier in unverfälschter Natürlichkeit bieten. In diesen fesselnd geschriebenen 
Reiseschilderungen, die von gesundem Humor durchweht sind, zeigt sich ein 
feiner Beobachter von Land und Leuten, und der Leser wird in die Geheimnisse 
orientalischen Lebens eingeweiht, wie sie nicht leicht ein Fremder erblickt, sondern 
die nur jemand, welcher der Landessprache mächtig ist und in jahrelangem 
Zusammenleben mit den Eingeborenen deren Vertrauen zu erwerben gewufst 
hat, kennen zu lernen vermag. W. W. 

Nord-Kamerun. Schilderung der im Auftrage des Auswärtigen Amts 
zur Erschliefsung des nördlichsten Hinterlandes von Kamerun während der Jahre 
1886 — 1892 unternommenen Reisen. Von Eugen Zintgraff. Berlin 1895. 
Gebrüder Paetel. 

Nordamerika. 

E. Schmidt, Vorgeschichte Nordamerikas im Gebiet der Vereinigten 
Staaten mit 15 Abbildungen, 4 Tafeln und einer Karte. Braunschweig 1894. 
F. Vieweg & Sohn. 

Südamerika« 

Potosi, Bilder xmd Geschichten aus der Vergangenheit einer süd- 
amerikanischen Minenstadt. Von L. Contzen, Gymnasialdirektor in Essen. 
(Sammlung gemeinverständlich - wissenschaftlicher Vorträge von Virchow und 
V. Holzendorff, Heft 180/185. Hamburg, Verlagsanstalt und Druckerei A. G.) 

Polarre^onen« 

The great frozen Land. Narrative of a winter journey across the Tundras 
and a sojoum among the Samoyeds, by F. G. Jackson. Edited from his 
Journals by Arthur Montefiore. London. Macmillan and Co. Der Verfasser, 
Chef der Jackson-Harmsworth Expedition, welche bekanntHch im Sommer 1894 
mit dem Dampfer „Windward" eine Entdeckungsreise nach Franz Josefsland 
antrat, verbrachte über ein halbes Jahr, Sommer 1893 bis Februar 1894, in den 
nördlichen Küstengegenden von europäisch Rufsland, und unternahm hier aus- 
gedehnte Schlittenreisen, die ihn von Pustosersk bis zur Waigatschinsel führten 
und den Zweck der Vorbereitimg für seine Polarfahrten, sowie ein näheres 
Studium der Sprache, Sitten und Gebräuche der Samojeden hatten. Das mit 
Illustrationen und Karten gut ausgestattete, anziehend geschriebene Werk liest 
sich sehr gut und verdiente ins Deutsche übersetzt zu werden. 

Hydrographie. 

Weltkarte zur Übersicht der Meerestiefen und Höhenschichten mit 
Angabe der unterseeischen Telegraphenkabel und Oberlandtelegraphen, sowie der 
Kohlenstationen und Docks. Herausgegeben von dem Reichsmarineamt, Nautische 
Abteilung. I. Ausgabe mit Meerestiefen, 3 Bl. Berlin 1893. Geographische Ver- 
lagshandlung von Dietrich Reimer (Hoefer & Vohsen.) 



— 300 — 

Physikalische Geographie. 

Die Dünen, Bildiing, Entwickelnng and innerer Bau. Von H. A. Sokolow, 
Landesgeologe an dem geologischen Komite zu St. Petersburg. Deutsche vom 
Verfasser ergänzte Ausgabe von Andreas Arzruni. Mit 15 Textfiguren und 
einer lithographischen Tafel. Berlin, Verlag von Julius Springer 1894. Dieses 
vortreffliche Werk des russischen Landesgeologen Sokolow, von Professor Arzruni 
ins Deutsche übertragen, behandelt auf Grund eigener Anschauungen und 
unter Benutzung der neueren einschlägigen Litteratur, die Gesamtheit der 
Dünenbildungen (Entstehung, Form etc.), namentlich der Strand-, der 
Flulsthal- und der Festlandsdünen; ein näheres Eingehen auf den Inhalt bleibt 
vorbehalten. 

Ihne, E., in Friedberg (Hessen), über den Einilufs der geographischen 
Länge auf die Aufblühzeit von Holzpflanzen in Mitteleuropa. Sonder- 
abdruck aus den Verhandlungen deutscher Naturforscher und Ärzte, 1893 in 
Nürnberg, geographische Sektion. 

Quellenkunde. Lehre von der Bildung und vom Vorkommen der 
Quellen xmd des Grundwassers. Von H. J. Haas, Dr. phil. und Professor an 
der Universität Kiel. Mit 45 Abbildungen. Leipzig 1895. J. J. Weber. 

Höhlenkunde. Wege und Zweck der Erforschung unterirdischer 
Räume. Mit Berücksichtigung der geographischen, geologischen, physikalischen, 
anthropologischen und technischen Verhältnifse. Von Franz Kraus. Mit 155 
Textillustrationen, drei Karten und zwei Plänen. Wien 1894. Carl Gerolds Sohn. 

Kolonien. 

Kolonialgeschichtliche Studien. Von Dr. A. Zimmermann. Verlag 
der Schulze'schen Hof - Buchhandlung (A, Schwarz) in Oldenburg und Leipzig. 
Der Autor gehört als Mitglied der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes 
an und hat in dieser Stellung wie als Dozent am orientalischen Seminar der 
Berliner Universität seit Jahren der Entwickelnng nicht nur der deutschen 
Schutzgebiete, sondern auch der fremden seine Aufmerksamkeit zugewendet. 

Die deutschen Schutzgebiete nebst den Samoa-Inseln. Für Schule und 
Haus bearbeitet von Dr. E. Oehlmann. Ausgestattet mit 4 Karten. Sonder- 
abdruck aus der E. v. Seydlitzschen Geographie. Ausgabe D, Heft 4. F. Hirt, 
Universitäts- und Verlagsbuchhandlung, Breslau 1894. 

Deutscher Kolonial-Atlas. 30 Karten mit vielen hundert Neben- 
karten. Entworfen, bearbeitet und herausgegeben von Paul Langhans, 
Gotha 1895. Justus Perthes. 6., 7. und 8. Lieferung. Inhalt: Deutscher Handel 
und Verkehr in Mittel-Europa. Südwestafrikanisches Schutzgebiet, Blatt No. 1, 
2 und 3. Verbreitung des Deutschthums in Europa. Verbreitung des Deutsch- 
thums in Australien und Polynesien. Die in diesen drei Lieferungen ver- 
öffentlichten sechs Karten, wiederum ein Muster von Fleifs und gründlicher 
Arbeit, schliefsen sich durch Inhalt und Ausstattung würdig den früher aus- 
gegebenen Lieferungen an. 

Prowse, D. W., a history of New Foundland from the English, 
Colonial and foreign records. Ein umfassendes Werk von über 700 Seiten, 
welches unter Beigabe älterer und neuerer Karten und zahlreicher Ulustrationen 
die Geschichte dieser ältesten Kolonie des britischen Reichs erzählt. Fischerei, 
Statistik und Bibliographie erfahren besondere Berücksichtigung. 



— 301 — 

Landeskunde yon Nordwestdeutschland. 

Beiträge zur Geographie nnd Statistik von J. J. Kettler. 1. Heft: 
Niedersächsische Städte (Hildesheim, Hannover and Brannschweig). Weimar, 
Verlagsanstalt, 1894. 

Topographischer Führer durch das nordwestliche Deutschland. 
Ein Wanderbuch für Freunde der Heimats- und der Landeskunde. Von Dr. 
F. G. Hahn, ordentlicher Professor der Erdkunde zu Königsberg in Pr. Mit 
Routenkarten. Leipzig, 1895. Veit & Cie. 

Wirtschalts^eogprapliie und Statistik. 

Die Kanalisirung der Fulda von Münden bis Cassel. Denkschrift 
zur Eröffnung der Fuldaschiffahrt. Im Auftrage des Stadtrates und der 
Handelskammer zu Cassel verfafst von Dr. Thilo Hampke, Schriftführer der 
freien Vereinigung der Weserschififahrts-Interessenten. Mit 4 Karten und Plänen. 
Cassel, 1895. Verlag von Th. G. Fischer & Cie. 

Der Weltverkehr. Karte der Eisenbahn-, Dampfer-, Post- und Tele- 
graphen-Linien. Bearbeitet von G. Frey tag. Verlag von Freytag & Berndt. Wien. 

Eisenbahn- und Postkommunikationskarte von Österreich- 
Ungarn und den Balkanländem. Mafsstab 1:1700000. Verlag von Artaria 
in Wien. Die klare anschauliche, auch als Wandkarte zu benutzende, in sieben 
Farben gedruckte Karte giebt über viele die Verkehrsstrafsen betreffende Punkte, 
z. B. ob Staats- oder Privatbahn, ob ein- oder zweigleisig, über Entfernungen etc. 
genaue Auskunft. 

Afrika in seiner Bedeutung für die Goldproduktion in Ver- 
gangenheit, Gegenwart und Zukunft. Von Dr. Karl Futterer, Privatdozenten 
für Geologie und Paläontologie an der Universität und Assistenten am König- 
lichen Museum für Naturkunde in Berlin. Mit 2 Illustrationen im Text, 
9 Tafeln und einer grofsen Übersichtskarte der Goldvorkonmien in Afrika. 
Berlin 1895, geographische Verlagshandlung Dietrich Reimer (Hoefer & Vohsen). 
Das sehr gut ausgestattete 200 Seiten Quart starke Werk gliedert sich in 
folgende Abschnitte : I. Einleitung : Vorkommen des Goldes und Methoden seiner 
Gewinnung. II. Die Goldvorkommen Afrikas: Das östUche Nordafrika. Das 
zentrale und westliche Nordafrika. Das äquatoriale und südliche Afrika, 
in. Schlufs. IV. Verzeichnis der Litteratur. V. Ortsverzeichnis. 

Geschichte des Nord-Ostseekanals, Festschrift zu seiner Eröffnung 
am 20. /21. Juni 1895. Im amtlichen Auftrage und unter Benutzung amtlicher 
Quellen herausgegeben von Carl Loewe, Geheimen Regierungsrat und Vor- 
sitzenden der Kaiserlichen Kanal-Konmiission. Mit 24 Tafeln und einer Karte. 
Berlin 1895. Verlag von Wilhelm Ernst & Sohn. — Die zu vorstehendem Werk 
gehörende offizielle Karte des Nord-Ostsee-Kanals, bearbeitet von der Kaiser- 
lichen Kanalkommission in Kiel. Mafsstab 1 : 100 000. BerUn 1895. Verlag 
von Max Pasch. 

A. Hartleben's Statistische Tabelle über alle Staaten 
der Erde. HI. Jahrgang 1895. Ein grofses Tableau (70/100 Ct.). Gefalzt 
50 Pf. A. Hartleben's Verlag in Wien. Diese neue mit der bekannten 
0. Hübner^schen in Wettstreit tretende Statistische Tabelle vereinigt in einem 
grofsen Tableau eine reiche Fülle von geographisch-statistischen Angaben über 
alle Staaten der Erde. Sie enthält in ihren einzelnen Rubriken : Regierungsform, 
Staatsoberhaupt, Thronfolger, Flächeninhalt, absolute und relative Bevölkerung, 



— 302 — 

Staatsfinanzen, Handelsflotte, Handel, Eisenbahnen, Telegraphen, Zahl der Post- 
ämter, Wert der Landesmünzen in deutschen Reichsmark und österreichischen 
Kronen, Gewichte verglichen mit Kilogrammen, Längen-, Flächen- und Hohl- 
mause verglichen mit dem metrischen Mafse, Armee, Kriegsflotte, Landes- 
farben, Hauptstädte und wichtigste Orte mit Eünwohnerzahl. Diese Angaben ent- 
sprechen alle den letzten Volkszählungen und jüngsten Erhebungen. Die 
Anordung ist praktisch und übersichtlich, die typographische Ausführung klar 
und deutlich, so dafs man trotz des auTserordentlich reichen Inhaltes jeden 
gesuchten Namens- oder Zahlennachweis ohne Mühe sofort aufzufinden vermag. 
So empfiehlt sich A. Hartleben^ s Statistische Tabelle jedem, der infolge seines 
Berufes, bei der Lektüre, beim Studium oder beim Gespräche sich rasch über 
irgend welche statistische Verhältnisse orientieren will. — W. W. 

A. Hartleben^s Kleines Statistisches Taschenbuch über 
alle Länder der Erde. Zweiter Jahrgang 1895. Nach den neuesten 
Angaben bearbeitet von Professor Dr. Friedrich Umlauft. 8 Bogen, 
Duodez. Elegant gebunden 1,50 M. Dieses kleine statistische Taschenbuch 
enthält dieselben Angaben wie die vorhergenannte Tabelle. Der Anhang bringt 
noch vergleichende Zusanmienstellungen über die Erdteile, die Eisenbahnen 
der Erde, die Eisenbahnen, Telegraphenlinien, Handelsflotten, Staatsschulden, 
Armeen und Kriegsflotten Europas, sowie eine Aufzählung der gröfsten Städte 
der Erde. W. W. 

Reisehandbücher. 

Meyers Reisehandbücher: Die Schweiz. 14. Auflage. 403 Seiten. 
Mit 21 Karten, 10 Plänen und 27 Panoramen. Leipzig und Wien 1895. 
Bibliographisches Institut. — Deutsche Alpen. 2. Teil. Salzburg, Berch- 
tesgaden, Giselabahn, Hohe Tauern, Inn- und Zillerthal, Dolomiten etc. 4. Aufl. 
Mit 26 Karten, 5 Plänen und 7 Panoramen. Leipzig und Wien 1895. Biblio- 
graphisches Institut. — Dasselbe. 3. Teil. Wien, Ober- und Niederösterreich, 
Salzburg und Salzkammergut, Steiermark, Kärnten, Ki*ain, Kroatien und Istrien. 
3. Auflage. Mit 13 Karten, 7 Plänen und 6 Panoramen. Leipzig und Wien 
1895. Bibliographisches Institut. — Ägypten, unter- und Ober-Ägypten bis 
zum zweiten Katarakt. 3. Auflage. Mit 10 Karten, 19 Plänen und Grundrissen, 
43 Textbildern. Leipzig und Wien 1895. Bibliographisches Institut. 

Meyers Reisebücher: Der Harz. Dreizehnte Auflage. Mit 17 Karten 
und Plänen und einem Brocken-Panorama. Leipzig, Bibliographisches Institut, 
1895. Kl. 8®, 260 Seiten. Kart. 2 M. Von diesem wohlbekannten „Harz-Wegweiser" 
liegt hier bereits die dreizehnte Auflage vor. Wieder hat derselbe gegen die 
letzte Auflage zahlreiche Veränderungen, Erweiterungen und Berichtigungen, die 
derselbe meist seinen alten ständigen Mitarbeitern im Harz selbst verdankt, 
erfahren und ist der Text dadurch wesentlich bereichert und vertieft. Auch die 
kartographischen Beigaben des Buches haben durch die Aufnahme weiterer 
Spezialkartcn eine abermalige Vermehrung erfahren. Da bei weiteren Auflagen 
des Buches die trefflichen Spezialkärtchen auch noch auf weitere Gegenden des 
Harzes ausgedehnt werden sollen, so möchte ich hier für ein Kärtchen von Osterode 
und Umgebung plädieren. Im übrigen kann ich aus eigener Erfahrung dieses 
Buch als einen vorzüglichen und zuverlässigen »Wegweiser durch den Harz** 
warm empfehlen; ich kenne keinen bessern. W. Wolkenhaaer. 



— 303 — 

Der Turist in der Schweiz und den Grenzrayons. Reisehandbuch von 
Iwan von T s c h u d i. 38. neu bearbeitete Auflage. Mit Karten, Gebirgsprofilen 
und Stadtplänen. Zürich 1895. Artistisches Institut von Orell Füfsli. 

Europäische Wanderbilder. Zürich 1895. Verlag des artistischen 
Instituts von Orell Füfsli. No. 227 und 228: Die Donauthalbahn. Von 
P. Siebler-de Ferry. Mit 17 Illustrationen nach photographischen Aufnahmen 
vom Verfasser und 1 Karte. — No. 233: Der Hohenstaufen und sein Gebiet. 
Von Dr. Th. Engel. Mit 12 Bildern und einer Karte. — No. 234: Heilbronn. 
Von L. Hönes. Mit 18 Bildei'n und einer Karte. Der Inhalt dieser drei, wie 
die früheren, typographisch und illustrativ sehr gut ausgestatteten, ist wiederum 
sehr anmutend. 

Europäische Wanderbilder. No. 238. Tuttlingen , Sigma- 
ringen, Hohentwiel. Verlag : Art. Institut Orell Füfsli, Zürich. Preis 
50 Pf. Das 7. Bändchen des in die Sammlung der „Europäischen Wanderbilder" 
aufgenommenen Cyklus, »durch Schwaben«, behandelt die obere Donaugegend, 
mit Tuttlingen und Sigmaringen und dem zum Gebiet der erstem dieser Ort- 
schaften gehörenden Hohentwiel. Die 12 Bilder, die das Bändchen enthält, sind 
trefflich ausgeführt und geben die malerischen Punkte, an denen die Gegend so 
reich ist, mit Naturtreue wieder. Den Bildern entsprechend ist der Text, der 
jedem, welcher diesen schönen Teil des Schwabenlandes besucht, ein zuverläfsiger 
Führer sein wird. 

No. 236—237: Moritz-Bad. Von Pfarrer Camill Hoffmann. 
Mit 15 Illustrationen von J. Weber und einer Karte. Preis 1 Mark. Dieses 
Heft beschreibt den weltberühmten Kurort in Form von Briefen und Plau- 
dereien und bietet in diesem leichten Gewände dem Leser eine angenehme 
Abwechslung. Lebhaft und anschaulich findet dieser in dem Büchlein das 
herrliche rätische Hochthal und das Leben und Treiben seiner Kursaison 
dargestellt, so dafs es ihm ein guter Führer während seiner Sommerfrische sein 
und ihm durch die tiefflichen Illustrationen, wenn er wieder zu Hause ist, zur 
freundlichen Erinnerung an den Ort dienen wird, der ihm einzig schöne Genüsse 
bereitet hat. 

No. 240. Die ,,Sch weizerische Seethalbahn** von J. Hard- 
m e y e r. Mit 11 Illustrationen und einem Kärtchen. Preis 50 Pf. Der Ver- 
fasser schildert uns in dem vorliegenden Büchlein die Bahn, welche sich 
vom Aarethal aus über Lenzburg, der Aa und den beiden lieblichen Seen von 
Hallwil und Baldegg entlang ans Ufer der ReuTs und nach Luzern hinzieht. 
Er begleitet uns nach Reinach-Menziken — Pfäffikon im Thal der Wynen und 
greift nach links und nach rechts hin, um uns auch solche Örtlichkeiten zu 
beschreiben, welche nicht unmittelbar an der Linie liegen, aber von derselben 
aus leicht zu erreichen sind, wie z. B. Hallwil, Seengen, den Homberg, Hohen- 
rain etc., so dafs uns die Lektüre des Büchleins ein treues, von wohlgelungenen 
Illustrationen unterstütztes Bild einer der lieblichsten Gegenden des schweizeri- 
schen Mittellandes giebt. 

Die Ost- und Nordseebäder. Ein Führer und Ratgeber, bearbeitet 
von Ottomar von Balten. Mit 2 Karten -Beilagen. Wien und Leipzig 1894. 
Wilhelm Braiumüller, k. und k. Hof- und Universitätsbuchhändler. 



— 304 — 

Ethnologie. 

Grundrifs der ethnologischen Jurisprudenz von Dr. Albert Hermann 
Post, Richter am Landgericht in Bremen. Zwei Bände. Oldenburg und Leipzig. 
1895. Schulzesche Hofbuchhandlung (A. Schwartz). 

Human faculty as determined by race. Address by Dr. Franz B o a s 
before the section of Anthropology, American Association for the advancement 
of science at the Brooklyn meeting August 1894. Salem 1894. 

Eskimo tales and songs, by Dr. F. Boas. 

The Anthropology of the North American Indians by Dr. 
F. Boas. 

Classification of the languages of the North Pacific Coast, 
by Dr. F. Boas. 

Internationales Archiv für Ethnographie. Herausgegeben unter 
Redaktion von J. D. F. Schmeltz, Konservator am ethnographischen Reichs- 
museum in Leiden. Leiden, E. J. Brill. 1895. Band VIII, Heft III. Enthält 
an gröfseren Aufsätzen: J. G. F. Riedel, alte Gebräuche bei Heiraten, Geburten 
und Sterbefällen bei dem Toumbuluhstamm (mit Tafel) ; Dr. B. Langkavel, Hunde 
und Naturvölker. 

Afrikanische Bautypen. Eine ethnographisch - architektonische 
Studie von Hermann Frobenius, Oberstleutnant a. D. Dachau und München. 

1894. F. Mondrion. Der Verfasser behandelt das interessante Thema in recht 
anschaulicher Weise unter Beigabe von zahlreichen Holzschnittsdrucken in 
folgenden Abschnitten: A. die Hüttenformen der Bantu; B. die Verbreitung der 
Bantubaustile in Zentralafrika : 1. die Kugelhütte, 2. Hütten auf quadratischem Grund- 
rifs, 3. Zylinderhütten mit Kegeldach; C. Gebäude mit rechteckigem Grundrifs: 
a. Massai- und Tembebauten, b. die Satteldachhäuser; D. die Sudanbauten. 

Atlanten. 

KiepertsgrofserHandatlas. Neue Lieferungsausgabe in 45 Karten. 
Berlin 1895. Geographische Verlagshandlung von Dietrich Reimer (Hoefer u. 
Vohsen). Lieferung 8, Nr. 3: Westlicher Planiglob, Nr. 13: Galizien, Ungarn 
und Nebenländer, 1:2000000, Nr. 28: Südost-Europa, 1:3000000, Nr. 30: 
Asien, 1 : 24000000, Nr. 31: Asiatische Türkei, 1 : 4000000. 

Kartogrraphie. 

Dr. W. Wolkenhauer, Leitfaden zur Geschichte der Kartographie in 
tabellarischer Darstellung. Mit Hinweis auf die Quellenlitteratur unter be- 
sonderer Berücksichtigung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Breslau, 

1895. F. Hirt. Die in Heft 1/2 des Bandes XVHI dieser Zeitschrift vom Ver- 
fasser veröffentlichte „Zeittafel wurde vielseitig begrüfst und es wurde der 
Wunsch nach der Veranstaltung einer Sonderausgabe in erweiterter Gestalt laut. 
Diesem Wunsch entspricht der Verfasser durch den vorliegenden „Leitfaden". In 
der Vorrede begründet der Verfasser näher die Auswahl des Stoffs. Er bezeichnet 
seine fleifsige Arbeit bei dem Mangel einer zusammenhängenden Darstellung der 
Geschichte der Kartographie, besonders auch einer kartographischen Biblio- 
graphie als „einen schlichten Wegweiser auf dem langen Pfade vom ersten rohen 
Kartenbilde bis zur heutigen Kartographie". Die gut ausgestattete gegen 
100 Seiten starke Schrift wird sicher bei den Fachleuten die freundlichste 
Aufnahme finden. 



— 305 — 
Nachtrag. 



Weiter eingegangene Schriften, welche in einem der nächsten Hefte 
besprochen werden sollen: 

1. A. Penck, Morphologie der Erdoberfläche. 2 Teile. Stuttgart. Verlag von 
J. Engelhom 1894. 

2. Hermann Meyer, Bogen und Pfeil in Central-Brasilien. Ethnographische 
Studie. Leipzig, Bibliographisches Institut. 

3. Reimer Hansen, Beiträge zur Geschichte und Geographie Nordfrieslands im 
Mittelalter. 1894. 

4. R. Fofs, Das deutsche Gebirgsland. Eine geographische Skizze. Berlin 1895. 
Verlag von Mittler & Sohn. 

5. J. Bleibtreu, Persien. Das Land der Sonne und des Löwen. Freiburg i. B. 
Herder ^sche Verlagshandlung 1894. 

6. A. V« Schweiger-Lerchenfeld, Die Donau als Völkerweg, Schiffahrtsstrafse 
und Reiseroute. Mit 300 Abbildungen und Karten. Wien, A. Hartlebens 
Verlag, 1895. Lief. 1 bis 10. 

7. Adolf E. Forster, Die Temperatur fliefsender Gewässer Mitteleuropas. Heft 4 
des V. Bandes von Pencks Geogr. Abhandlungen. Wien, Ed. Hölzel 1894. 

8. Franz von Schwarz, Sintfluth und Völkerwandei-ungen. Stuttgart, Verlag 
von Ferdinand Enke. 1894. 

9. Hefte 1 und 2 des IX. Bandes der Forschungen zur deutschen Landes- und 
und Volkskunde. Stuttgart, Verlag von J. Engelhom 1895. 

10. F. Handtke — A. Herrichs Generalkarte der Schweiz. Maisst. 1 : 600 000. 
Glogau, Verlag von Carl Flemming. 



Druck von Carl Schünemann, firemen. 



Heft 4. D t h **"* XVni. 

Geographische Blätter. 

Herausgegeben von der 

Geographischen Gesellschaft in Bremen. 

Beiträgre nnd sonstige Seudnngeu an die Redaktion werden Ton jetzt an 
unter der Adresse: Geograpliisclie Gesell schalt in Bremen erbeten« 



Der Abdruck der Original- Aufsätze, sowie die Nachbildung von Karten 
und Illustrationen dieser Zeitschrift ist nur nach Verständigung mit 

der Redaktion gestattet. 



AbscMedswort der bisherigen Redaktion. 



Im Jahre 1877 erschien das erste Heft dieser Vierteljahrsschrift 
„herausgegeben von der geographischen Gesellschaft in Bremen durch 
Dr. M. Lindeman". Wenn die „Deutschen Geographischen Blätter" 
in der seitdem verflossenen, für die Entwickelung der geographischen 
Wissenschaft wichtigen Zeit sich in Umfang wie Inhalt an wertvollen 
Aufsätzen und Karten erfreulich entwickelt haben, so ist dies in 
erster Linie den zahbeichen Freunden und Mitarbeitern, welche sie 
sich gewannen, aber auch unserer Gesellschaft zu danken, welche 
getreu ihrer Aufgabe, die mit solchem Wachstum verbundenen 
Mehrkosten nicht scheute und namentlich auch durch die von ihr, 
Dank dem Eintreten unseres Herrn Präsidenten veranstalteten 
Forschungsreisen ein reiches Material darbot. Der Unterzeichnete 
hat das Bewustsein, in der langen Zeit, manchen schwierigen Jahren, 
Mühe und Arbeit niemals gescheut zu haben, wenn es galt, die Ziele 
der Gesellschaft und der mit ihr verbundenen Zeitschrift zu fördern. 

In Rücksicht auf die dauernde Verlegung meines Wohnsitzes 
nach meiner Vaterstadt Dresden trete ich, im Einverständniss mit 
dem Vorstande, am 1. Januar 1896 von der Leitung der Zeitschrift 
zurück. Wenn ich nun auch ungern von dieser mir lieb gewordenen 
Thätigkeit scheide, so darf ich doch die Überzeugung hegen, dafs 

Oeogr. Blätter. Bremen, 1895. 20 



— 308 — 

die »Geographischen Blätter« auch unter der neuen Leitung, welche 
in die Hände meiner verehrten Kollegen vom Vorstande, der Herren 
Dr. Wolkenhauer und Dr. Oppel gelegt werden wird, immer mehr 
sich als ein wertvolles Organ zur Förderung der Länder- und 
Völkerkunde bewähren werden. Zudem sind die Verhältnisse in 
Bremen jetzt unvergleichlich viel günstiger als vor 25 Jahren, wo 
einige wenige Männer in Bremen den »Verein für die Deutsche 
Nordpolarfahrt«, unsre spätere geographische Gesellschaft, gründeten, 
aus welcher dann diese Zeitschrift hervorging. Die Eröffnung des 
neuen städtischen Museums für Naturgeschichte und Völkerkunde 
steht in allernächster Zeit bevor. Die Fülle von Anregung und 
Belehrung, welche die reichen Sammlungen desselben Jedermann 
bieten, dürfte befruchtend auch auf unsre Gesellschaft, welche neben 
dem naturwissenschaftlichen Verein in dem neuen Gebäude das lang 
entbehrte Heim dauernd finden soll, einwirken und dazu beitragen, 
dafs das schon beim Geographentag rege gewordene Interesse für 
unsere, einer Seehandelsstadt so nahe liegende Wissenschaft in weitere 
Kreise dringt. 

Mit der Ausdehnung des Mitgliederkreises wird auch, so dürfen 
wir hoffen, ein regeres inneres Leben unserer Gesellschaft eintreten 
und dadurch der Zeitschrift manche neue wertvolle Mitarbeiterschaft 
gewonnen werden. Dafs dieses Ziel erreicht werde, dafs nun, nach 
fünfundzwanzigjährigem Ringen und Streben, ein neuer, an inneren 
und äufseren Erfolgen reicherer Abschnitt für unsere Gesellschaft 
beginne, das ist der innigste Wunsch des Unterzeichneten, welcher 
auch in der Ferne stets ein thätiges Interesse für ihr Gedeihen be- 
wahren wird. 

Dresden, Weihnachten 1895. I 

Dr. phil. Moritz Lindeman^ 

Vizepräsident der geographischen Gesellschaft , 

in Bremen. < i 



— 309 — 

Die Waldungen des Königreichs Sachsen/) 

Von Heinrich Gebaner. 



I. 

Hierzu Tafel 3: Karte der Waldungen des Königreichs Sachsen. Auf Grund 
amtlicher Unterlagen gezeichnet. Mafsstab 1 : 500 000. 

1. Oröfse der sächsischen Waldfläche. 

Bei der letzten Erhebung über die Bodenbenutzung, die im 
Königreich Sachsen, wie im ganzen deutschen Reiche, im Jahre 
1893 ausgeführt wurde, ist die Fläche, welche die sächsischen 
»Porsten und Hokungen", wie die Statistiker sich ausdrücken, be- 
decken, zu 387 728,53 ha ermittelt worden. So genau diese Zahl 
zu sein scheint, so ist es doch sicher, dafs sie hinter der Wirklichkeit 
zurückbleibt, ebenso wie die bei der erwähnten Gelegenheit ermittelte 
Gesamtfläche des Landes. Letztere betrüge danach 1 489 366,6 ha 
oder rund 10000 ha (100 qkm) weniger, als bisher amtlich als 
Flächeninhalt des Landes (1499 294,3 ha) angegeben worden ist. 
Dafs jedoch letztere Zahl als die richtige für die Gesamtgröfse 
Sachsens auch fernerhin beibehalten und erstere als die minder genaue 
angesehen werden mufs, ergiebt sich daraus, dafs 1893 von den 
Behörden einer gröfseren Anzahl Gemeinden, auf deren Angaben die 
Erhebung über den Flächeninhalt der nichtstaatlichen Forsten be- 
ruht, manche Waldflächen (z. B. Stiftungsforsten) irrtümlicherweise für 
Staatswald gehalten und daher nicht mit angegeben worden sind, in 
der Voraussetzung, dafs die betreffenden Angaben von den zuständigen 
Staatsforstbehörden gemacht werden würden. Von nachträglichen 
Erhebungen hat wegen ihrer voraussichtlichen Erfolglosigkeit abge- 
sehen werden müssen. Jene 10000 ha, um welche die 1893 er- 
mittelte Gröfse der Landesfläche hinter deren wirklicher Gröfse 
wahrscheinlich zurückbleibt, können jedoch nur zu einem — freilich 
unbestimmbaren — Teile der Waldfläche zugerechnet werden; denn 
man kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dafs auch die 
unproduktiven Flächen, die Flächen der Wege, Gewässer, namentlich 



^) Diese Abhandlung schliefst sich den in dieser Zeitschrift seit 1881 er- 
schienenen Aufsätzen über deutsche Waldgebiete an. Dieselben betrafen: 1. den 
Bayerischen Spessart in Band IV, 1881; 2. den Bayerischen Wald in Band VI, 
1883, und Band VÜI, 1885; 3. den Schwarzwald in Band X, 1887, und Band 
XI, 1888; 4. den Odenwald in Band XII, 1889; 5. die Waldungen des Fürsten- 
tums Lippe in Band XIV, 1891 ; 6. den Thüringer Wald in Band XV, 1892 ; 
7. die Waldungen des Herzogtums Oldenburg in Band XVII, 1894, und 8. die 
Wälder Deutsch-Lothringens in diesem Bande. D. Eed. 

20* 



— 300 — 

Physikalische Geogrraphie. 

Die Dünen, Bildung, Entwickelang und innerer Bau. Von H. A. Sokolow, 
Landesgeologe an dem geologischen Komit^ zu St. Petersburg. Deutsche vom 
Verfasser ergänzte Ausgabe von Andreas Arzruni. Mit 15 Textfiguren und 
einer lithographischen Tafel. Berlin, Verlag von Julius Springer 1894. Dieses 
vortreffliche Werk des russischen Landesgeologen Sokolow, von Professor Arzruni 
ins Deutsche übertragen, behandelt auf Grund eigener Anschauungen und 
unter Benutzung der neueren einschlägigen Litteratur, die Gesamtheit der 
Dünenbildungen (Entstehung, Form etc.), namentlich der Strand-, der 
FluTsthal- und der Festlandsdünen; ein näheres Eingehen auf den Inhalt bleibt 
vorbehalten. 

Ihne, E., in Friedberg (Hessen), über den Einflufs der geographischen 
Länge auf die Aufblühzeit von Holzpflanzen in Mitteleuropa. Sonder- 
abdruck aus den Verhandlungen deutscher Naturforscher und Ärzte, 1893 in 
Nürnberg, geographische Sektion. 

Quellenkunde. Lehre von der Bildung und vom Vorkommen der 
Quellen und des Grundwassers. Von H. J. Haas, Dr. phil. und Professor an 
der Universität Kiel. Mit 45 Abbildungen. Leipzig 1895. J. J. Weber. 

Höhlenkunde. Wege und Zweck der Erforschung unterirdischer 
Räume. Mit Berücksichtigung der geographischen, geologischen, physikalischen, 
anthropologischen und technischen Verhältnifse. Von Franz Kraus. Mit 155 
Textillustrationen, drei Karten und zwei Plänen. Wien 1894. Carl Gerolds Sohn. 

Kolonien« 

Kolonialgeschichtliche Studien. Von Dr. A. Zimmermann. Verlag 
der Schulze^schen Hof - Buchhandlung (A. Schwarz) in Oldenburg und Leipzig. 
Der Autor gehört als Mitglied der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes 
an und hat in dieser Stellung wie als Dozent am orientalischen Seminar der 
Berliner Universität seit Jahren der Entwickelung nicht nur der deutschen 
Schutzgebiete, sondern auch der fremden seine Aufmerksamkeit zugewendet. 

Die deutschen Schutzgebiete nebst den Samoa-Inseln. Für Schule und 
Haus bearbeitet von Dr. E. Oehlmann. Ausgestattet mit 4 Karten. Sonder- 
abdruck aus der E. v. Seydlitzschen Geographie. Ausgabe D, Heft 4. F. Hirt, 
Universitäts- und Verlagsbuchhandlung, Breslau 1894. 

Deutscher Kolonial-Atlas. 30 Karten mit vielen hundert Neben- 
karten. Entworfen, bearbeitet und herausgegeben von Paul Langhans, 
Gotha 1895. Justus Perthes. 6., 7. und 8. Lieferung. Inhalt: Deutscher Handel 
und Verkehr in Mittel-Europa. Südwestafrikanisches Schutzgebiet, Blatt No. 1, 
2 und 3. Verbreitung des Deutschthums in Europa. Verbreitung des Deutsch- 
thums in Australien und Polynesien. Die in diesen drei Lieferungen ver- 
öffentlichten sechs Karten, wiederum ein Muster von Fleifs und gründlicher 
Arbeit, schliefsen sich durch Inhalt und Ausstattung würdig den früher aus- 
gegebenen Lieferungen an. 

Prowse, D. W., a history of New Foundland from the English, 
Colonial and foreign records. Ein umfassendes Werk von über 700 Seiten, 
welches unter Beigabe älterer und neuerer Karten und zahlreicher Illustrationen 
die Geschichte dieser ältesten Kolonie des britischen Reichs erzählt. Fischerei, 
Statistik und Bibliographie erfahren besondere Berücksichtigung. 



mi 



— 301 — 

Landeskunde yon Nordwestdeutsohland. 

Beiträge zur Geographie und Statistik von J. J. Kettler. 1. Heft: 
Niedersächsische Städte (Hildesheim, Hannover und Braunschweig). Weimar, 
Verlagsanstalt, 1894. 

Topographischer Führer durch das nordwestliche Deutschland. 
Ein Wanderbuch für Freunde der Heimats- und der Landeskunde. Von Dr. 
F. G. Hahn, ordentlicher Professor der Erdkunde zu Königsberg in Pr. Mit 
Routenkarten. Leipzig, 1895. Veit & Cie. 

Wirtschaftsgreogrraphie und Statistik. 

Die Kanalisirung der Fulda von Münden bis Cassel. Denkschrift 
zur Eröffnung der Fuldaschiffahrt. Im Auftrage des Stadtrates und der 
Handelskammer zu Cassel verfafst von Dr. Thilo Hampke, Schriftführer der 
freien Vereinigung der Weserschiffahrts-Interessenten. Mit 4 Karten und Plänen. 
Cassel, 1895. Verlag von Th. G. Fischer & Cie. 

Der Weltverkehr. Karte der Eisenbahn-, Dampfer-, Post- und Tele- 
graphen-Linien. Bearbeitet von G. Frey tag. Verlag von Freytag & Berndt. Wien. 

Eisenbahn- und Postkommunikationskarte von Österreich- 
Ungarn und den Balkanländem. Mafsstab 1:1700000. Verlag von Artaria 
in Wien. Die klare anschauliche, auch als Wandkarte zu benutzende, in sieben 
Farben gedruckte Karte giebt über viele die Verkehrsstrafsen betreffende Punkte, 
z. B. ob Staats- oder Privatbahn, ob ein- oder zweigleisig, über Entfernungen etc. 
genaue Auskunft. 

Afrika in seiner Bedeutung für die Goldproduktion in Ver- 
gangenheit, Gegenwart und Zukunft. Von Dr. Kiirl Futterer, Privatdozenten 
für Geologie und Paläontologie an der Universität und Assistenten am König- 
lichen Museum für Naturkunde in Berlin. Mit 2 Illustrationen im Text, 
9 Tafeln und einer grofsen Übersichtskarte der Goldvorkommen in Afrika. 
Berlin 1895, geographische Verlagshandlung Dietrich Reimer (Hoefer & Vohsen). 
Das sehr gut ausgestattete 200 Seiten Quart starke Werk gHedert sich in 
folgende Abschnitte : I. Einleitung : Vorkommen des Goldes und Methoden seiner 
Gewinnung. II. Die Goldvorkommen Afrikas: Das östliche Nordafrika. Das 
zentrale und westliche Nordafrika. Das äquatoriale und südUche Afrika. 
III. Schlufs. IV. Verzeichnis der Litteratur. V. Ortsverzeichnis. 

Geschichte des Nord-Ostseekanals, Festschrift zu seiner Eröffnung 
am 20. /21. Juni 1895. Im amtlichen Auftrage und unter Benutzung amtlicher 
Quellen herausgegeben von Carl Loewe, Geheimen Regierungsrat und Vor- 
sitzenden der Kaiserlichen Kanal-Konmaission. Mit 24 Tafeln und einer Karte. 
Berlin 1895. Verlag von Wilhelm Ernst & Sohn. — Die zu vorstehendem Werk 
gehörende offizielle Karte des Nord-Ostsee-Kanals, bearbeitet von der Kaiser- 
lichen Kanalkommission in Kiel. Mafsstab 1 : 100 000. Berlin 1895. Verlag 
von Max Pasch. 

A. Hartleben^s Statistische Tabelle über alle Staaten 
der Erde. HI. Jahrgang 1895. Ein grofses Tableau (70/100 Ct.). Gefalzt 
50 Pf. A. Hartleben's Verlag in Wien. Diese neue mit der bekannten 
0. Hübner'schen in Wettstreit tretende Statistische Tabelle vereinigt in einem 
grofsen Tableau eine reiche Fülle von geographisch-statistischen Angaben über 
aUe Staaten der Erde. Sie enthält in ihren einzelnen Rubriken : Regierungsform, 
Staatsoberhaupt, Thronfolger, Flächeninhalt, absolute und relative Bevölkerung, 



— 302 — 

Staatsfinanzen, Handelsflotte, Handel, Eisenbahnen, Telegraphen, Zahl der Post- 
ämter, Wert der Landesmünzen in deutschen Reichsmark und österreichischen 
Kronen, Gewichte verglichen mit Kilogrammen, Längen-, Flächen- und Hohl- 
mafise verglichen mit dem metrischen Mafse, Armee, Kriegsflotte, Landes- 
farben, Hauptstädte and wichtigste Orte mit Eünwohnerzahl. Diese Angaben ent- 
sprechen alle den letzten Volkszählungen und jüngsten Erhebungen. Die 
Anordung ist praktisch und übersichtlich, die typographische Ausführung klar 
und deutlich, so dals man trotz des auTserordentlich reichen Inhaltes jeden 
gesuchten Namens- oder Zahlennachweis ohne Mühe sofort aufzufinden vermag. 
So empfiehlt sich A. Hartleben^ s Statistische Tabelle jedem, der infolge seines 
Berufes, bei der Lektüre, beim Studium oder beim Gespräche sich rasch über 
irgend welche statistische Verhältnisse orientieren will. — W. W. 

A. Hartleben^s Kleines Statistisches Taschenbuch über 
alle Länder der Erde. Zweiter Jahrgang 1895. Nach den neuesten 
Angaben bearbeitet von Professor Dr. Friedrich Umlauft. 8 Bogen, 
Duodez. Elegant gebunden 1,50 M. Dieses kleine statistische Taschenbuch 
enthält dieselben Angaben wie die vorhergenannte Tabelle. Der Anhang bringt 
noch vergleichende Zusammenstellungen über die Erdteile, die Eisenbahnen 
der Erde, die Eisenbahnen, Telegraphenlinien, Handelsflotten, Staatsschulden, 
Armeen und Kriegsflotten Europas, sowie eine Aufzählung der gröfsten Städte 
der Erde. W. W. 

Reisehandbücher. 

Meyers Reisehandbücher: Die Schweiz. 14. Auflage. 403 Seiten. 
Mit 21 Karten, 10 Plänen und 27 Panoramen. Leipzig und Wien 1895. 
Bibliographisches Institut. — Deutsche Alpen. 2. Teil. Salzburg, Berch- 
tesgaden, Giselabahn, Hohe Tauem, Inn- und Zillerthal, Dolomiten etc. 4. Aufl. 
Mit 26 Karten, 5 Plänen und 7 Panoramen. Leipzig und Wien 1895. Biblio- 
graphisches Institut. — Dasselbe. 3. Teil. Wien, Ober- und Niederösterreich, 
Salzburg und Salzkammergut, Steiermark, Kärnten, Ki*ain, Kroatien und Istrien. 
3. Auflage. Mit 13 Karten, 7 Plänen und 6 Panoramen. Leipzig und Wien 
1895. Bibliographisches Institut. — Ägypten, unter- und Ober-Ägypten bis 
zum zweiten Katarakt. 3. Auflage. Mit 10 Karten, 19 Plänen und Grundrissen, 
43 Textbildem. Leipzig und Wien 1895. Bibliographisches Institut. 

Meyers Reisebücher: Der Harz. Dreizehnte Auflage. Mit 17 Karten 
und Plänen und einem Brocken-Panorama. Leipzig, Bibliographisches Institut, 
1895. Kl. 8®, 260 Seiten. Kart. 2 M. Von diesem wohlbekannten „Harz-Wegweiser" 
liegt hier bereits die dreizehnte Auflage vor. Wieder hat derselbe gegen die 
letzte Auflage zahlreiche Veränderungen, Erweiterungen und Berichtigungen, die 
derselbe meist seinen alten ständigen Mitarbeitern im Harz selbst verdankt, 
erfahren und ist der Text dadurch w^esentlich bereichert und vertieft. Auch die 
kartographischen Beigaben des Buches haben durch die Aufnahme weiterer 
Spezialkartcn eine abermalige Vermehrung erfahren. Da bei weiteren Auflagen 
des Buches die trefflichen Spezialkärtchen auch noch auf weitere Gegenden des 
Harzes ausgedehnt werden sollen, so möchte ich hier für ein Kärtchen von Osterode 
und Umgebung plädieren. Im übrigen kann ich aus eigener Erfahrung dieses 
Buch als einen vorzüglichen und zuverlässigen »Wegweiser durch den Harz*' 
warm empfehlen; ich kenne keinen bessern. W. Wolkenhaaer. 



— 303 — 

Der Turist in der Schweiz und den Grenzrayons. Reisehandbuch von 
Iwan von Tschudi. 33. neu bearbeitete Auflage. Mit Karten, Gebirgsprofilen 
und Stadtplänen. Zürich 1895. Artistisches Institut von Orell Füfsli. 

Europäische Wanderbilder. Zürich 1895. Verlag des artistischen 
Instituts von Orell Füfsli. No. 227 und 228: Die Donauthalbahn. Von 
P. Siebler-de Ferry. Mit 17 Illustrationen nach photographischen Aufnahmen 
vom Verfasser und 1 Karte. — No. 233: Der Hohenstaufen und sein Gebiet. 
Von Dr. Th. Engel. Mit 12 Bildern und einer Karte. — No. 234: Heilbronn. 
Von L. Hönes. Mit 13 Bildern und einer Karte. Der Inhalt dieser drei, wie 
die früheren, typographisch und illustrativ sehr gut ausgestatteten, ist wiederum 
sehr anmutend. 

Europäische Wanderbilder. No. 233. Tuttlingen , Sigma- 
ringen, Hohentwiel. Verlag : Art. Institut Orell Füfsli, Zürich. Preis 
50 Pf. Das 7. Bändchen des in die Sammlung der „Europäischen Wanderbilder'' 
aufgenommenen Cyklus, »durch Schwaben«, behandelt die obere Donaugegend, 
mit Tuttlingen und Sigmaringen und dem zum Gebiet der erstem dieser Ort- 
schaften gehörenden Hohentwiel. Die 12 Bilder, die das Bändchen enthält, sind 
trefinich ausgeführt und geben die malerischen Punkte, an denen die Gegend so 
reich ist, mit Naturtreue wieder. Den Bildern entsprechend ist der Text, der 
jedem, welcher diesen schönen Teil des Schwabenlandes besucht, ein zuverläfsiger 
Führer sein wird. 

No. 236—237: Moritz-Bad. Von Pfarrer Camill Hoffmann. 
Mit 15 Illustrationen von J. Weber und einer Karte. Preis 1 Mark. Dieses 
Heft beschreibt den weltberühmten Kurort in Form von Briefen und Plau- 
dereien und bietet in diesem leichten Gewände dem Leser eine angenehme 
Abwechslung. Lebhaft und anschaulich findet dieser in dem Büchlein das 
herrliche rätische Hochthal und das Leben und Treiben seiner Kursaison 
dargestellt, so dafs es ihm ein guter Führer während seiner Sommerfrische sein 
und ihm durch die tiefflichen Illustrationen, wenn er wieder zu Hause ist, zur 
freundlichen Erinnerung an den Ort dienen wird, der ihm einzig schöne Genüsse 
bereitet hat. 

No. 240. Die ,, Schweizerische Seethalbahn'* von J. Hard- 
meyer. Mit 11 Illustrationen und einem Kärtchen. Preis 50 Pf. Der Ver- 
fasser schildert uns in dem vorliegenden Büchlein die Bahn, welche sich 
vom Aarethal aus über Lenzburg, der Aa und den beiden lieblichen Seen von 
Hallwil und Baldegg entlang ans Ufer der Reufs und nach Luzern hinzieht. 
Er begleitet uns nach Reinach-Menziken — Pfäffikon im Thal der Wynen und 
greift nach links und nach rechts hin, um uns auch solche Örtlichkeiten zu 
beschreiben, welche nicht unmittelbar an der Linie liegen, aber von derselben 
aus leicht zu erreichen sind, wie z. B. Hallwil, Seengen, den Homberg, Hohen- 
rain etc., so dafs uns die Lektüre des Büchleins ein treues, von wohlgelungenen 
Illustrationen unterstütztes Bild einer der lieblichsten Gegenden des schweizeri- 
schen Mittellandes giebt. 

Die Ost- und Nordseebäder. Ein Führer und Ratgeber, bearbeitet 
von Ottomar von Balten. Mit 2 Karten -Beilagen. Wien und Leipzig 1894. 
Wilhelm Brt^umüller, k. und k. Hof- und Universitätsbuchhändler. 



— 304 -^ 

Ethnologie. 

Grundrifs der ethnologischen Jnrispmdenz von Dr. Albert Hermann 
Post, Richter am Landgericht in Bremen. Zwei Bände. Oldenburg und Leipzig. 
1895. Schulzesche Hofbuchhandlung (A. Schwartz). 

Human faculty as determined by race. Address by Dr. Franz Boas 
before the section of Anthropology, American Association for the advancement 
of science at the Brooklyn meeting August 1894. Salem 1894. 

Eskimo tales and songs^ by Dr. F. Boas. 

The Anthropology of the North American Indians by Dr. 
F. Boas. 

Classification of the languages of the North Pacific Coast, 
by Dr. F. Boas. 

Internationales Archiv für Ethnographie. Herausgegeben unter 
Redaktion von J. D. F. Schmeltz, Konservator am ethnographischen Reichs- 
museum in Leiden. Leiden, E. J. Brill. 1895. Band VIII, Heft IIL Enthält 
an gröfseren Aufsätzen: J. G. F. Riedel, alte Gebräuche bei Heiraten, Geburten 
und Sterbefällen bei dem Toumbuluhstamm (mit Tafel) ; Dr. B. Langkavel, Hunde 
und Naturvölker. 

Afrikanische Bautypen. Eine ethnographisch - architektonische 
Studie von Hermann Frobenius, Oberstleutnant a. D. Dachau und München. 

1894. F. Mondrion. Der Verfasser behandelt das interessante Thema in recht 
anschaulicher Weise unter Beigabe von zahlreichen Holzschnittsdrucken in 
folgenden Abschnitten: A. die Hüttenformen der Bantu; B. die Verbreitung der 
Bantubaustile in Zentralafrika : 1. die Kugelhütte, 2. Hütten auf quadratischem Grund- 
rifs, 3. Zyhnderhütten mit Kegeldach; C. Gebäude mit rechteckigem Grundrifs: 
a. Massai- und Tembebauten, b. die Satteldachhäuser; D. die Sudanbauten. 

Atlanten. 

KiepertsgrofserHandatlas. Neue Lieferungsausgabe in 45 Karten. 
Berlin 1895. Geographische Verlagshandlung von Dietrich Reimer (Hoefer u. 
Vohsen). Lieferung 8, Nr. 3: Westlicher Planiglob, Nr. 13: Gahzien, Ungarn 
und Nebenländer, 1:2000000, Nr. 28: Südost-Europa, 1 : 3000000, Nr. 30: 
Asien, 1 : 24000000, Nr. 31: Asiatische Türkei, 1 : 4000000. 

Kartogrraphie. 

Dr. W. Wolkenhauer, Leitfaden zur Geschichte der Kartographie in 
tabellarischer Darstellung. Mit Hinweis auf die Quellenlitteratur unter be- 
sonderer Berücksichtigung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Breslau, 

1895. F. Hirt. Die in Heft 1/2 des Bandes XVUI dieser Zeitschrift vom Ver- 
fasser veröffentlichte „Zeittafel" wurde vielseitig begrüfst und es wurde der 
Wunsch nach der Veranstaltung einer Sonderausgabe in erweiterter Gestalt laut. 
Diesem Wunsch entspricht der Verfasser durch den vorliegenden „Leitfaden". In 
der Vorrede begründet der Verfasser näher die Auswahl des Stoffs. Er bezeichnet 
seine fleifsige Arbeit bei dem Mangel einer zusammenhängenden Darstellung der 
Geschichte der Kartographie, besonders auch einer kartographischen Biblio- 
graphie als „einen schlichten Wegweiser auf dem langen Pfade vom ersten rohen 
Kartenbilde bis zur heutigen Kartographie". Die gut ausgestattete gegen 
100 Seiten starke Schrift wird sicher bei den Fachleuten die freundlichste 
Aufnahme finden. 



— 305 — 
Nachtrag. 



Weiter eingegangene Schriften, welche in einem der nächsten Hefte 
besprochen werden sollen: 

1. A. Penck, Morphologie der Erdoberfläche. 2 Teile. Stuttgart. Verlag von 
J. Engelhom 1894. 

2. Hermann Meyer, Bogen nnd Pfeil in Central-Brasilien. Ethnographische 
Studie. Leipzig, Bibliographisches Institut. 

3. Reimer Hansen, Beiträge zur Geschichte und Geographie Nordfrieslands im 
Mittelalter. 1894. 

4. R. Fofs, Das deutsche Gebirgsland. Eine geographische Skizze. Berlin 1895. 
Verlag von Mittler & Sohn. 

5. J. Bleibtreu, Persien. Das Land der Sonne und des Löwen. Freiburg i. B. 
Herder^sche Verlagshandlung 1894. 

6. A. Y, Schweiger-Lerchenfeld, Die Donau als Völkerweg, Schiffahrtsstrafse 
und Reiseroute. Mit 300 Abbildungen und Karten. Wien, A. Hartlebens 
Verlag, 1895. Lief. 1 bis 10. 

7. Adolf E. Forster, Die Temperatur flielsender Gewässer Mitteleuropas. Heft 4 
des V. Bandes von Pencks Geogr. Abhandlungen. Wien, Ed. Hölzel 1894. 

8. Franz von Schwarz, Sintfluth und Völkerwanderungen. Stuttgart, Verlag 
von Ferdinand Enke. 1894. 

9. Hefte 1 und 2 des IX. Bandes der Forschungen zur deutschen Landes- und 
und Volkskunde. Stuttgart, Verlag von J. Engelhorn 1895. 

10. F. Handtke — A. Herrichs Generalkarte der Schweiz. Maisst. 1 : 600 000. 
Glogau, Verlag von Carl Flemming. 



Druck von Carl Schünemann, firemen. 



Heft 4. D t h ^*"* XVm. 

GeograpLiscLe Blätter. 

Herausgegeben von der 

Geographischen Gesellschaft in Bremen. 

Beiträge und sonstige Sendungen an die Redaktion werden yon jetzt an 
unter der Adresse: Geographische Gesellschaft in Bremen erbeten« 



Der Abdruck der Original- Aufsätze, sowie die Nachbildung von Karten 
und Illustrationen dieser Zeitschrift ist nur nach Verständigung mit 

der Redaktion gestattet. 



AbscMedswort der bisherigen Redaktion. 



Im Jahre 1877 erschien das erste Heft dieser Vierteljahrsschrift 
„herausgegeben von der geographischen Gesellschaft in Bremen durch 
Dr. M. Lindeman". Wenn die „Deutschen Geographischen Blätter" 
in der seitdem verflossenen, für die Entwickelung der geographischen 
Wissenschaft wichtigen Zeit sich in Umfang vrie Inhalt an wertvollen 
Aufsätzen und Karten erfreulich entwickelt haben, so ist dies in 
erster Linie den zahlreichen Freunden und Mitarbeitern, welche sie 
sich gewannen, aber auch unserer Gesellschaft zu danken, welche 
getreu ihrer Aufgabe, die mit solchem Wachstum verbundenen 
Mehrkosten nicht scheute und namentlich auch durch die von ihr. 
Dank dem Eintreten unseres Herrn Präsidenten veranstalteten 
Forschungsreisen ein reiches Material darbot. Der Unterzeichnete 
hat das Bevnistsein, in der langen Zeit, manchen schwierigen Jahren, 
Mühe und Arbeit niemals gescheut zu haben, wenn es galt, die Ziele 
der Gesellschaft und der mit ihr verbundenen Zeitschrift zu fördern. 

In Rücksicht auf die dauernde Verlegung meines Wohnsitzes 
nach meiner Vaterstadt Dresden trete ich, im Einverständniss mit 
dem Vorstande, am 1. Januar 1896 von der Leitung der Zeitschrift 
zurück. Wenn ich nun auch ungern von dieser mir lieb gewordenen 
Thätigkeit scheide, so darf ich doch die Überzeugung hegen, dafs 

Gdogr. Blätter. Bremen, 1896. 20 



— 318 — 

der einzelnen Verwaltungsbeavrke zu ersehen ist. Das Zahlenmaterial, 
welches ihr und den übrigen Tabellen zu Grunde liegt, verdanke ich 
dem freundlichen Entgegenkommen der Direktion des statistischen 
Bureaus des Königlich Sächsischen Ministeriums des Innern, welche 
mir die Tabellen, die im Bureau auf Grund der 1893 vorgenommenen 
Erhebungen über die Bodenbenutzung in Sachsen über den Wald 
zusammengestellt worden sind, freundlichst zur Verfügung gestellt 
hat, wofür ich ihr an dieser Stelle verbindlichst danke. Die Ver- 
hältniszahlen sind von mir auf Grund dieser Tabellen berechnet worden- 
Ich benutze diese Gelegenheit zugleich, Herrn Forstassessor Otto Müller 
in der Forsteinrichtungsanstalt des Königlichen Finanzministeriums 
herzlich zu danken für seine zahlreichen und wertvollen, in den 
folgenden Abschnitten verwendeten Mitteilungen über städtische, 
Stifts- und Rittergutswaldungen, die Holzarten, die Bewirtschaftung 
der Staatsforsten, die Waldbeschädigungen, die Nebennutzungen der 
Forstwirtschaft und anderes. 



Tab. 1. Yerteilnng der Forsten und Holzungen nach den 

Terwaltungsbezirken 1893. 



Verwaltungsbezirke 

(Amtshanptmannschaften nnd 

selbständige Stadtbezirke) 


Gesamt- 
fläche^) 

ha 


Waldfläche 


ha 


in Pro- 
zenten der 
Gesamt- 
fläche 


Amtshanptmannschaft Bautzen 

T> Kamenz 

i> Löban 

• Zittau 

Stadt Dresden 

Amtshanptmannschaft Dresden- Altstadt . 

ii Dresden-Neustadt 

» Djppoldiswalde . . 

» Freiberg 


82 420,18 
68 230,88 
52 921,46 
42 615,68 
3 561,80 
24 221,37 
36 557,96 

63 538,85 

64 694,64 


21 122,38 

28 446,88 

9 990,64 

8 729,05 

54,59 

7 207,17 
13 060,88 
21 157,16 
13 985,86 


25,68 

41,69 
18,88 
20,48 
1,58 
29,75 
35,78 

33,80 

21,68 



') Ohne die nicht forstwirtschaftlich benutzten Teile der forstfiskalischen 
Flächen, üder deren Gröfse mir für die kleineren Verwaltungsbezirke, die 
Amtshauptmannscbaften, keine Angaben vorlagen. Sie sind nur klein and 
betragen in den Kreishanptmannschaften Dresden, Leipzig und Zwickau bezw- 
0,68 ^/o, 0,19% und 0,77^0; in den Amtshauptmannschaften Bautzen und Kamenz, 
die in der Kreishauptmannschaft Bautzen allein Staats wald haben, nehmen die 
nicht forstwirtschaftlich benutzten Teile der forstfiskalischen Flächen zusammen 
nur 0,89 ®/o der Gesamtfläche dieser beiden Amtshauptmannschaften ein. Diese 
Anteile sind zu gering, um auf die Yerhältniszahlen einen auch nur einiger- 
mafsen bedeutenden Einfluls ausüben zu können. 



319 



Verwaltungsbezirke 

(Amtshanptmannschaften and 

selbständige Stadtbezirke) 



Gesamt- 
fläche 

ha 



Waldfläche 




in Pro- 
zenten der 
Gesamt- 
fläche 



Amtshanptmannschaft Grofsenhain 
y> Meifsen .... 
1, Pirna 

Stadt Leipzig 

Amtshaaptmannschaft Leipzig .... 
» Borna 



Döbeln . 
Grimma 
Oschatz 
Rochlitz 



Stadt Chemnitz 

Amtshanptmannschaft Chemnitz 

n Annaberg 

n Auerbach 

« Flöha 

» Glauchau 

71 Marienberg 

» Olsnitz 

» Flauen 

» Schwarzenberg . . 

» Zwickau 



76 676,86 

67 992,87 

89 574,61 

5 545,70 

43 832,22 
54 335,01 

58 547,06 
82 388,80 
56 218,47 
50 522,08 

1 641,8» 
49 677,69 

41 481,46 

42 674,70 
40 158,16 
32 985,48 
39 226,18 

44 317,64 
54 257,64 
49 674,80 

59 421,86 



14 609,74 
7 097,80 

36 221,55 

694,86 

3 016,54 

3 665,08 
7 046,77 

13 994,11 

10 170,47 

7 136,79 

331,17 

10 742,67 

17 184,86 
24 098,76 
10 513,84 

4 933,73 

15 294,73 

18 456,66 

14 008,96 
30 513,62 
14 244,84 



19,05 
10,44 
40,44 
12,62 
6,88 
6,76 
12,04 
16,99 
18,09 
14,13 

20,17 

21,62 
41,48 
56,47 

26,18 

14,96 

38,09 

41,65 
25,88 
61,48 
23,97 



Den gröfsten Anteil an der Gesamtfläche hat der Wald in den 
Amtshauptmannschaften Schwarzenberg (61, 43^/0 Waldfläche) und 
Auerbach (56,47®/o), von denen die erstere die ausgedehnteste und 
eine bedeutende Höhe erreichende Massenerhebung des westlichen 
Erzgebirges, letztere den gröfsten Teil des oberen Vogtlandes umfafst. 
Zu der Amtshauptmannschaffc Annaberg (41, 43^/0) gehört die be- 
deutendste Massenerhebung des mittleren Erzgebirges, der höchste 
Teil des Erzgebirges überhaupt mit dem Fichtelberge (1213 m), und 
die nordöstlich davon gelegenen Gegenden, während die Amts- 
hauptmannschaft Olsnitz (41,65^/o) wiederum zu einem ansehnlichen 
Teile dem oberen Voigtlande angehört. Diesen beiden Amts- 
hauptmannschaften steht nach der relativen Gröfse der Waldfläche 
die Amtshauptmannschaft Marienberg nahe, in deren Bezirk die 
oberen Gegenden des östlichen Teiles des mittleren Erzgebirges fallen, 
ferner Pirna, in dessen Bezirk die Sächsische Schweiz liegt, und 
Kamenz. dessen Bezirk sich über den nordwestlichen Teil der Lausitzer 
Terrasse und einen Teil des sandigen Bodens des Lausitzer Tieflandes 
erstreckt. Die Bezirke von Dresden-Altstadt und Dresden-Neustadt 



— 320 -* 

verdanken ihre relativ grofse Waldfläche einzelnen grofsen Waldangen, 
die in ersterem den nördlichen Aasläufern des Erzgebirges, in letzterem 
dem westlichen Abschnitte der Laasitzer Platte angehören. Der 
Bezirk der Amtshauptmannschaft Dippoldiswalde reicht bis zum 
Kamme des östlichen Erzgebirges hinauf, derjenige der Amtshaupt- 
mannschaft Flöha fällt ungefähr mit dem östlichen Teile des mittleren 
Erzgebirges (Zschopauthal und unteres Flöhathal) zusammen. 

In den bisher genannten Amtshauptmannschaften beträgt der 
Anteil der Waldfläche an der Gesamtfläche 26 ^/o und darüber, also mehr 
als der Durchschnitt des Landes. Ihnen schliefsen sich mit 25 bis 
herab zu 20 ^/o Waldfläche, also immer noch mit mittlerem Wald- 
reichtum, die Amtshauptmannschaften Plauen, Bautzen, Zwickau, 
Chemnitz, Freiberg und Zittau an. Sie nehmen die unteren Teile des 
Vogtlandes und Erzgebirges ein oder umfassen als gröfsere oder geringere 
Teile ihres Bezirks das Lausitzer Gebirge und die keine bedeutende 
Höhe (Falkenberg 687 m) erreichende Lausitzer Platte. Stärker 
sinkt die relative Gröfse der Waldfläche in den Amtshauptmann- 
schaften Grofsenhain, Löbau, Oschatz, Grimma, Glauchau und Rochlitz 
herab, in denen teils die untersten Stufen der Ausläufer des Erz- 
gebirges und Lausitzer Gebirges endigen, welche einzelne bedeutende 
Erhebungen und zahlreiche Thaleinschnitte aufweisen, teils Abschnitte 
des Tieflandes mit Strecken sandigen Bodens vorkommen. Die im 
Verhältnis zur Gesamtfläche geringste Waldfläche (12 — 6 ®/o) zeigen 
die Amtshauptmannschaften Döbeln, MeiTsen, Leipzig und Borna. 
Sie enthalten die fruchtbarsten Gegenden Sachsens, insbesondere das 
Löfsgebiet von Meifsen bis Mügeln (Lommatzscher Pflege) und das 
südUch davon gelegene Lehmgebiet, sowie die Gegenden um Leipzig 
und südlich von Leipzig. 

Die Ursachen der geographischen Verteilung des Waldes in Sachsen 
sind zum Teil schon in dem Vorhergehenden angedeutet worden. Die 
Meereshöhe, die Oberflächengestalt und die Bodenbeschaffenheit sind 
die Hauptarsache, und ihr Einflufs tritt um so klarer hervor, als in 
Sachsen Wald und Holzungen, soweit sie sich nicht in den Händen 
des Staates befinden, infolge der hohen Bevölkerungsdichte in der 
Hauptsache auf den absoluten Waldboden zurückgedrängt worden 
sind, d. h. auf denjenigen Boden, bei dem eine andre Nutzongsweise 
unmöglich ist, oder einen geringeren Ertrag geben würde, als der 
Wald« In früheren Zeiten mufste dieselbe Ursache selbst auf die 
Verhreitimg des Staatswaldes einwirken, denn damals wurde der 
Boden zu neuen Ansiedelungen viel bereitwilliger hergegeben als jetzt, 
wo die hohe volks- und staatswirtschaftliche Bedeutung des Waldes 



_ 321 — 

nicht blofs erkannt wird, sondern auch die Wirtschaftspolitik beein- 
fluTst. Daher finden wir im Vogtlande und Erzgebirge in einer Höhe 
von mehr als 600 m fast überall ein geschlossenes Waldgebiet, denn 
die Abnahme der Temperatur macht dort den Ackerbau immer 
schwieriger. In einer Höhe von 600 m herrscht eine mittlere Jahres- 
temperatur von 6® C, von 700 m an sinkt sie unter 5® herab, in 
Oberwiesenthal und Beitzenhain beträgt sie ziemlich genau 4,5^. 
Diese Regionen haben auch die gröfste Niederschlagsmenge, so Beitzen- 
hain 835, Griesbach (bei Schneeberg) 882, Rehefeld 958, Georgen- 
grün (östlich von Falkenstein) 981, Oberwiesenthal 995 mm. Auch 
das erschwert den Ackerbau, während es den Waldwuchs begünstigt. 
Eine Ausnahme machen die Gegenden des Bergbaues, wo bis hoch 
hinauf Feldfluren an die Stelle des Waldes getreten sind, wenn sich 
nur die Oberflächenform dem nicht allzu feindlich bewies, so dafs 
dort der zusammenhängende Wald bis zu einer Höhe von 700, ja 
800 m zurückgedrängt wird. Beispiele dafür sind die Gegenden um 
Scheibenberg, südlich von Annaberg und nördlich von Jöhstadt, 
sowie um Sayda, Altenberg und Geising. 

In diesen höchsten Gegenden üben auch die geologischen Ver- 
hältnisse im grofsen keinen merkbaren Einflufs aus. Thonschiefer, Granit^ 
Glimmerschiefer und Gneis, aus denen nacheinander in der Richtung 
von Südwest nach Nordost Vogtland und Erzgebirge in der Hauptsache 
aufgebaut sind, werden in gleicher Weise vom Wald überzogen, bis 
auf die Gegenden, wo die Einwirkung der Kultur mächtiger gewesen 
ist, als die der Natur. Betrachtet man auf einzelnen Sektionen der 
grofsen »Geologischen Spezialkarte des Königreichs Sachsen^ (1 : 25000, 
herausgegeben vom Königl. Finanzministerium, bearbeitet unter der 
Leitung von Herm. Credner, Leipzig, seit 1877) die Verbreitung des 
Waldes in Gegenden des oberen Erzgebirges, wo durch die Besiede- 
lung gröfsere Lücken in der Waldbedeckung entstanden sind, so 
sieht man häufig, dafs die Grenzen zwischen den geologischen Gebieten 
mitten durch Waldflächen hindurch gehen, und dafs die Erhebung 
des Bodens und die Art der Abdachung von weit gröfserem Einflüsse 
sind, als die Gesteine, die den Boden zusammensetzen. Dagegen 
läfst sich allerdings, wie aus einzelnen Bemerkungen in den Begleit- 
heften zur Geologischen Spezialkarte zu erkennen ist. und wie es 
auch von vornherein erklärlich erscheint, ein Einflufs der Gesteine 
auf das Gedeihen des Waldes, also auch auf seine Bewirtschaftung und 
Ertragsfähigkeit nachweisen ; es könnte aber nur Aufgabe eines Forst- 
mannes sein, für das eine oder das andere beschränkte Gebiet in 
dieser Beziehung Studien zu machen, hier handelt es sich blofs um 



_ 322 — 

Festatellang der BediDgangen, vod welchen die Verbreitung des 
Waldes im aligemeinen abhängt. 

Herkttarer wird der Ein&ofs des geologischen Aufbaues in den 
Gegenden , wo infolge der geringeren Erhebung des Bodens das 
Klima kein Hindernis der Bebauung mehr ist. Die gröfsere oder 
geringere Steilheit der Thalgehänge, der öftere oder seltenere Wechsel 
der Höbe in den zwischen den Flössen gelegenen Bodenabschnitten 
hängen ja zom Teil von der geologischen Zasammensetzung ab, 
nicht minder die Nährkraft des Bodens. Steile Thalgehänge nnd 
schroff ans ihrer Umgebung aufragende Höhenzüge werden überall 
von Wald bedeckt sein, ebenso Gegenden, wo 4*s verwitternde Gestein 
za der sich bildenden Enltnrschicht de.s Bodens nur wenige die 
Pflanzen nährenden Bestandteile beizutragen vermag.- Einen Beweis 
dafür liefert die Sächsische Schweiz mit ihrer Zerrissenheit und 
ihrem Sandstein als Grandlage der Boden bild ung , welcher der 
Vegetation bei der Verwitterung nur eine magere, durch die Nieder- 
schlagswässer leicht wegschwemmbare Krume darbietet. Hier beginnt 
daher schon in 3O0 bis 400 m das geschlossene Waldgebiet. Den 
EinfloTs des Qaadersandsteins merkt man auch in der Gegend von 
Tharandt (Grillenbnrger Wald) und im Nordosten und Nordwesten 
von Dippoldswalde ; die gröfseren Waldflächen dieser Gegend finden 
sich hauptsächlich auf diesem Gestein. Unverkennbar ist auch, 
dafs der gröfsere Waldreichtum bei Colditz, Rochlitz, Habertusburg, 
Wermsdorf (Collraberg), Naunliof, Brandis, auf den Hohbnrger Bergen 
und rechts der Roten Weifseritz mit dem Auftreten des Porphyrs 
zosammenhängt, während im TieSande rechts von der Elbe die 
grö^ren Waldgebiete längs der Nordgrenze die diluvialen Sandan- 
häufongen andeuten. 

Das nabekaimte Südland. 

Vod Professor Dr. H. Rtgf. 

Zweiter Teü. 
4. Tasman. 

Inzwischen war das Südland von einer andern Seite wirklich 
berührt worden nnd zwar auch von Holländern. 

Cm den Verlauf die^i*!* Entdeckungen besser beurteilen zn können, 

( ich noch einmal in das 16. Jahrhundert zarückgreifen. Schon 

[ wurde fSr die karroj^phische Darstellung des unbekannten 

' "ISadhiide? di.> Zeichüiing Mereators mafsgebend. Während er sich' 

_ig »aiitei- ^Tj'ea Arlwit, Jt-r doppeltberzförmigen Karte von 1538, 




— 323 — 

noch an die bisher übliche Aufifassung hielt und sich mit der einen 
Inschrift begnügte : Terras hie esse certum est, sed quantas quibusque 
limitibus finitas incertum, trat bereits drei Jahre später auf seinem 
Globus 1541^) jene charakteristische Zeichnung des Südlandes hervor, 
die das ganze Jahrhundert beherrschte und erst im 17. Jahrhundert 
vor der wirklichen Entdeckung verschwand. Von 1541 an waren 
seine Gewährsmänner, deren mifsverstandene Angaben er für seine 
Abbildung verwertete, Marco Polo undLodovico Varthema (Vartomanus), 
der von 1602 — 7 Indien bis zu den Molukken bereiste und dessen 
Erzählungen, zuerst 1510 gedruckt, sehr fleifsig gelesen wurden, wie 
die zahlreichen Ausgaben in italienischer, lateinischer, spanischer, 
deutscher, holländischer, französischer und englischer Sprache beweisen. 
Auf Grundlage dieser Berichte trat das Südland von Jiun an mit 
einer mächtigen Halbinsel von Süden her gegen Java vor und endigte 
mit den Ländern Beach und Maletur, während östlich davon zwei 
Inseln, eine kleinere, Petan, und eine gröfsere, Java minor, lagen. 
Später trat auch noch ein Land Lucach hinzu. Beach, richtiger 
Boeach und Lucach sind entstellte Formen desselben Wortes, das 
nach Pauthier (Marco Polo p. 563) ursprünglich Soucat zu lesen ist 
und soviel wie Sukadana, an der Westseite Borneos, bedeutet. 
Maletur, richtiger Malaiur ist das Malaienreich auf der Halbinsel Malaka. 

Diese irrtümliche Auffassung Mercators, durch Druck- und Schreib- 
fehler der Texte und durch ungenügende Angabe der geographischen 
Lage veranlafst, fand später auf der berühmten Weltkarte von 1569 
noch eine weitere Begründung durch zahlreiche Legenden, für die 
die grofsen Kartenblätter Raum genug gewährten. 

Auch bekam das Meer südlich von den Sundainseln den Namen 
Lantchidol mare, richtiger Laut kidol, was im Malaiischen das Süd- 
meer bedeutet. 

Dieser Darstellung Mercators folgte Ortelius schon 1570 in der 
ersten Ausgabe seines Theatrum mundi sklavisch nach, selbst die 
Legenden wurden, wie Glaubenssätze, aus Mercators Karten herüber- 
genommen. Bemerkenswert ist nur die Inschrift in Neu-Guinea, 
wonach man noch nicht weifs, ob dieses Land eine Insel ist oder 
zum Südlande gehört;^) trotzdem ist es auf der Karte als eine grofse 
rundliche Insel gezeichnet, die durch eine Meerenge (die spätere 
Torresstrafse) vom südlichen Kontinent getrennt ist. 



^) Sphere terrestre et sphere Celeste de Gerard Mercator de Rupelmonde. 
Brüssel 1876. 

^) Nova Gainea naper inventa qaae an sit insala an pars continentis 
Anstiralis incertnm est. 

Geogr. Blätter. Bremen, 1895; 21 



— 324 — 

Auch die späteren Karten Mercators bleiben sich gleich, nur 
in Bezug auf die Lage von Java minor wurde man unsicher und 
liefs die Frage lieber unentschieden,^) als sich zu der von Peter Plank 
vertretenen richtigen Ansicht zu bekennen, dafs man darunter die Insel 
Sumatra zu verstehen habe. 

Peter Plank, der gelehrteste, selbständige Kosmograph und 
Kartograph nach Mercator, sprach im Todesjahre Mercators 1594 
zuerst seine abweichende Ansicht über die Zeichnung des Südlandes 
aus. Laut einer Urkunde*) war er zu jener Zeit Kirchendiener zu 
Amsterdam (Kerken-dienaar tot Amsterdam) und veröffentlichte in 
den lateinischen Ausgaben von Linschotens „Navigatio ac Itinerarium" 
(Hagae-Comitis 1599) einen 1594 gezeichneten orbis terrarum typus, 
worin er mit Berufung auf Marco Polo Java minor für Sumatra 
erklärte, somit dem Südlande wieder entrückte, sonst aber in den 
Landschaftsnamen Beach u. a. und in den Legenden sich an Mer- 
cator hielt. 

Bei Erwähnung des berühmten Werks von Linschoten, das den 
Anstofs zu den holländischen Fahrten nach Lfidien gab und dadurch 
mittelbar auch die Ursache von der zufälligen Entdeckung Australiens 
wurde, mufs ich noch auf einen Irrtum in Nordenskiölds Facsimile- 
Atlas aufmerksam machen. Es findet sich dort nämlich als No. 61 
die getreue Nachbildung einer Karte von Indien in Mercatorprojektion, 
die der berühmte Herausgeber des Facsimile- Atlas in einem Exemplar 
der „Navigation Linschotens (Haag 1599) gefunden hat, für einen 
integrierenden Teil des Werkes hielt und demgemäfs als eine Arbeit 
des 16. Jahrhunderts ansah. Deshalb bezeichnete er sie auch als 
die 2. Karte, die noch im 16. Jahrhundert nach Mercators Projektion 
entworfen ist. 

Allein jene Karte von Indien gehört nicht in die erste Ausgabe 
Linschotens und mufs später mit hineingebunden worden sein ; denn 
es läfst sich aus dem Inhalte der Karte sehr leicht nachweisen, dafs 
sie um mindestens 30 Jahre jünger ist, als Nordenskiöld anninmit. 
Es finden sich nämlich im südöstlichen Teil der Karten schon An- 
gaben über die ersten Entdeckungen der Holländer in Australien, die 
sämtlich ins 17. Jahrhundert fallen. Die Inschrift Terra dos Papous 
a Jacobe le Maire dicta Nova Guinea und die Willem-Schouten-Insel 
weisen auf das Jahr 1616. In demselben Jahre wurde auch das auf 
der Karte genannte 'Tlandt van d'Eendracht erst entdeckt. Die 

') „Nos etiamntun in re dubia certi nihil affirmamus'^ ; anf der Karte 
Insolae Indiae orientalis in Mercators Atlas von 1585. 

*) De Jonge, de Opkomst van het nederlandsch gezag in Oost- Indie, I. 184. 



_ 325 — 

Namen am Ostufer des Carpentariagolfes vom Rivier van Speult bis 
zum Staatenrivier sind von der Expedition unter Carstensz 1623 
gegeben, und das nördlich vom Eintrachtslande eingetragene G. F. 
de Wits Land weist auf eine Entdeckung vom Jahre 1628 hin. 

Vor 1620 konnte demnach die fragliche Karte gar nicht ver- 
öffentlicht sein. Nach Tiele^) erschien die Karte zuerst in dem Atlas 
von Mercator-Hondius bei Joan Janssonius in Amsterdam 1633, und 
dann habe ich sie in meinem Exemplar des Atlas von W« Blaeu 
von 1634 als Anhang gefunden. 

Wenn somit auch die Karte No. 61 im Pacsimile-Atlas nicht 
mehr als Beleg dafür dienen kann, dafs man schon im 16. Jahrhun- 
dert anfing nach dem Vorbilde und Vorgange Mercators 1569 Seekarten 
in modernem Sinne zu entwerfen, so kann ich doch andre Beweise 
datür beibringen, dafs Mercators Projektion bereits in Anwendung 
kam. Peter Plank entwarf eine Anleitung für den SchifFskurs der 
holländischen Fahrten nach Indien, 1598/9 und spricht darin von 
den »Seekarten mit wachsenden Graden«, die von den »gemeinen« 
Seekarten unterschieden würden, wie von einer bekannten Sache. 
Hatte er doch selbst schon am 12. September 1596 für solche 
neue Seekarten ein Monopol bekommen. So heifst es auch in einem 
Schiffsjournal vom 26. Juli 1598, also ein Jahr vor Ausgabe von 
Wrights Certain errors, ein Werk, das bisher als der erste Schritt 
zur Einführung der Mercatorkarten angesehen wurde: „die cabo de 
boa Esperanza leyt op 57^ der lengte, uitwysende de caerte met 
wassende graeden".^) 

Da dies nicht die einzige Erwähnung von Seekarten in Mer- 
cators Projektion aus jener Zeit ist, so kann man daraus ersehen, 
dafs die Holländer in nautischer Beziehung wohl ausgerüstet waren, 
als sie die ersten Schritte zur Enthüllung des Südlandes thaten. 

Kaum hatten sie nach Gründung der ostindischen Handels- 
gesellschaft, die Beckmann (Litteratur der älteren Beisebeschreibungen 
I. 70. Göttingen 1807) »das gröfste merkantilische Meisterstück des 
menschlichen Verstandes« nennt, in Indien festen Fufs gefalst und 
Bantam auf Java zum Hauptplatz ihrer Unternehmungen gemacht, 
als sie auch schon daran dachten^ die von Spaniern mehrfach berührten 
Küsten Neu-Guineas weiter zu erforschen und das Verhältnis jenes 
Gebiets zu dem Ausstrallande aufzuklären. 

Zuerst wurde Willem Jansz 1606 vom Präsidenten Jan Wiliemsz 

^ De Enropaeers m den Maleischen Archipel. VII. 1606 — 1610. (De 
Gids 1884 — p. 104). 

*) De Jonge^ le Opkomst, I. 76. 

21* 



— 326 — 

Verschoor zu Bantam ausgesandt, das grofse Land Nova-Guinea und 
andre Ost- und Südländer zu entdecken. Willem Jansz, der als der 
erste Entdecker Australiens jetzt noch angesehen werden mufs, so 
lange uns nicht glaubwürdige Belege über frühere Entdeckungen vor- 
liegen, war mit seiner Jacht, dem Schiffe Duifken') (Täubchen), unter 
Admiral Steven van der Hagen 1603 nach Indien gekommen und 
führte seine Entdeckungsreise in der ersten Hälfte des Jahres 1606 
aus, da aus den Nachrichten des englischen Kapitäns John Saris^ 
hervorgeht, dafs das Schiff schon am 15. Juni 1606 wieder nach 
Bantam zurückgekehrt war. Nach den offiziellen Mitteilungen, die 
Abel Tasman später zu seiner ersten grofsen Expedition vom indischen 
Rat erhielt^), besuchte Jansz die Inseln Key und Aru »en passant<<, 
ging dann an der „unbekannten Süd- und Westseite von Neu-Guinea** 
ungefähr 220 Meilen hin, erreichte endlich die südliche Breite von 
beinahe 14^ und kehrte an der heute noch so benannten Spitze Keer-weer 
(Umkehr) zurück. Es würde für die Fahrt eines von Java kommenden 
Schiffes falsch sein, zu sagen, sie sei erst an der Süd- und dann an 
der Westseite von Neu-Guinea hingegangen, wenn wir in dieser West- 
küste nicht die australische Küste an der Yorkhalbinsel erkennten ; 
aber wir sehen leider auch, dafs Jansz die Torresstrafse nicht als 
einen offenen Durchgang zur Südsee aufgefafst hat. j^Das grofse Land 
war meist wüste, an einigen Stellen von wilden, rohen, schwarzen 
barbarischen Menschen bewohnt, die mehrere Matrosen (neun) er- 
schlugen, so dafs die wahre Gelegenheit des Landes nicht erforscht 
werden konnte." Jansz hatte demnach mehrfach zu landen versucht, 
war aber von den Eingeborenen feindlich empfangen. Seine Entdeckung 
findet sich zuerst auf einer Karte von Joan Janssonius (Indiae orientalis 
nova descriptio) im Atlas Mercator Hondius von 1633 eingetragen. 
(Vgl. oben S. 325.) 

In der zweiten Hälfte desselben Jahres 1606 kam von Osten 
her, aus der Südsee der kühne Spanier Luis Vaz de Torres, durch- 
segelte unter langwierigen Gefahren die nach ihm benannte Strafse 
und erreichte glücklich Manila. Aus seinem vom 12. Juli 1607 aus 
Manila datierten und am 22. Juni 1608 in Spanien eingelaufenen 



^ Auf der Spezialkarte von Australien in 9 Blättern von A. Petermann 
1875, Sektion 3. ist der Name, an der Ostkü.ste des Carpentariagolfes in Daithen 
entstellt. Auch noch auf der neuesten Karte von Australien (Stielers Handatlas 
No. 72), Ausgabe 1890, ist unrichtig Duyfhen Pt. zu lesen. 

^ De Jonge, Opkomst III. 44. 

*) J. Swart, Journal van de reis naar het onbekende Zuidland. S. 23. 
Amsterdam 1860. 



— 327 — 

Berichte an den König Philipp III. ersieht man, dafs Torres im Juli 
oder Anfang August 1606 die Strafse passiert hat und dafs er, sich 
ängstlich an der Südküste Neu-Guineas weiter tastend und geschickt 
durch das Labyrinth der Korallenrifie steuernd, die Küste des austra- 
lischen Festlandes nicht gesehen hat. 

Wie leicht hätten sich die beiden Nebenbuhler Torres und 
Jansz an jener berühmten Erdstelle, die Cook erst aufhellte, treffen 
können und dann hätte möglicherweise die Entschleierung Australiens 
einen rascheren Verlauf genommen. So aber blieben die weiteren 
Entdeckungen vorläufig dem Zufall überlassen. Peter Plank hatte 
in seiner oben erwähnten Denkschrift über den Segelkurs nach 
Indien empfohlen, auf der Fahrt von der Südseite Madagaskars nach 
Java womöglich lange südlich vom Wendekreise zu bleiben und zwar 
der günstigen Winde wegen. «Denn, sagt er, kommt man bis auf 
6 oder 7 Grade dem Äquator zu nahe, so gerät man in die Zone 
der Kalmen. Die Ostindienfahrer von Amsterdam haben vom Nord- 
ostende von Madagaskar noch 4 Monate und 9 Tage bis nach 
Bantam gebraucht, weil man sich zu nahe am Äquator gehalten 
hatte.« In weiterer Ausbildung dieser Lehren steuerten die hollän- 
dischen Schiffe seit 1611 vom Kaplande aus nicht wordöstlich, 
sondern südöstlich bis zum 36 ® und selbst bis zum 40 ° s. Br. und 
richteten ihren Kurs erst wieder nördlich, wenn sie nach ihrer 
Schätzung den Meridian von Java erreicht hatten. Aus dieser Fahrt- 
richtung ergab sich zweierlei: 1) wurde im westlichen Teile des 
Indischen Ozeans mit den phantastischen Küstenzeichnungen des 
Südlandes aufgeräumt, denn man fand nur zwei unbedeutende Inseln, 
St. Paul und Amsterdam, 2) mufste man bei nicht genauer Längen- 
bestimmmung ^^) auf die Westküste Australiens stofsen. Und so 
geschah es bereits 1616, dafs Dirk Hartogsz. auf den westlichsten 
Vorsprung des Südlandes stiefs. Wenn man bedenkt, dafs Bantam 
auf Java unter 106 ^ 8 ' östlich v. Gr. und die Westspitze der Dirk 
Hartogsz-Insel etwa 112^ 50' östlich v. Gr. liegt, so war, wenn 
er sich vorschriftmäfsig möglichst lange südlich vom Wendekreise 



*^) Wie sehr sich selbst erfahrene Seeleute bei der Länge ihres zurück- 
gelegten Kurses verrechneten, dafür liegen mehrere Beispiele vor. „De zeer 
verstandige ende wel ervaren stuyrman Pieter Diricxz zaliger gedachtenisse 
verviel over eenige jaren in zyn reyse nae de baije van Brasilia ontrent 
(ungefähr) 300 milen oostdyker dan hy gegist hadde^, obwohl sie auf dem Schiffe 
einen geschickten portugiesischen Steuermann hatten, der viele Jahre nach 
Brasilien gefahren war. Verschiedene andre sind über 400 Meilen weiter nach 
Osten geraten, als sie geschäzt hatten. De Jonge, Opkomst I. 184. 



— 328 — 

hi^lt, bei einer Unterschätzung des zurückgelegten Kursus, um 6 bis 
7 Meridiane, die Berührung der Australküste unvermeidlich. Man 
weifs von der Fahrt Hartogsz im ganzen wenig. Es ist nur bekannt, 
dafs sein Schiff die „Eendracht" am 23. Januar 1616 von Amsterdam 
ausgelaufen, am 5. August auf die Reede der Tafelbai gekommen 
und von da am 27. August weitergefahren ist. Am 25. Oktober 
erfolgte die Entdeckung des Südlandes. Darüber ist uns eine inter- 
essante Mitteilung des Schiffers Willem de Vlaming erhalten, der 
auf dem Schiff »De Geelving« Ende 1696 und Anfang 1697 die West- 
küste Australiens befuhr. »Am 3. Februar, heifst es in der sehr 
selten gewordenen, vor mir liegenden Schrift ^^) kam der Obersteuer- 
mann van de Vlaming, der tags zuvor an Land gegangen war, 
wieder an Bord und berichtete, dafs er 18 Meilen weit gewesen 
sei und dafs man sich auf einer Insel befinde. Er brachte eine 
Zinnschüssel mit, die im Verlauf der Zeit von dem Pfahl, an dem 
sie befestigt gewesen wur, zur Erden gefallen war. Auf dieser 
Schüssel waren die Worte eingeschnitten: 1616 den 25. Oktober is 
hier angekomen het schip de „Eendragt" van Amsterdam, de Opper- 
koopmann Gilles Miebais van Luijck, Schipper Dirck Hartoog van 
Amsterdam, den 27 ditto te seyl gegaen na Bantam, de Onder- 
Coopman Jan Stins, de Opperstiermann Pieter Dockes van Bil.« 
Die Insel, auf der die Schüssel gefunden wurde, trägt jetzt mit 
Recht den Namen Dirk Hartogsz und die Nordspitze C. Inscription.* 

Man sieht übrigens aus den dürftigen Zeitangaben, dafs eine 
Reise von Amsterdam gewöhnlich über ein halbes Jahr in Anspruch 
nahm. Daher wurden, um die Fahrzeit abzukürzen und damit die 
Reise gewinnbringender zu machen, von Seiten der Kompanie 
Prämien ausgesetzt und zwar in folgender Staffel: Wer in 5^/2 
Monaten von Holland aus Indien erreichte, erhielt 1500 fl., wer in 
weniger als 6 Monaten nach Java kam, 1200 fl., 600 fl. betrug die 
Prämie für eine Fahrt innerhalb 7 Monate, 300 fl. binnen 8 Monaten 
und 150 fl. binnen 9 Monaten. Als Endziel galt Bantam. Diese 
Preise mufsten natürlich die Kaufleute, Kapitäne und Steuerleute, 
denn diese sollen die Summe unter sich teilen, veranlassen, von der 
gewöhnlichen Segelroute abzuweichen, und neue Bahnen einzuschlagen. 
Dann mufste aber um so eher das australische Festland an ver- 
schiedenen Stellen berührt werden. 

In der Instruktion für Tasman (J. Swart S. 23) heifst es, die 
zweite Reise nach dem Südlande habe 1617 der Fiskal d'Edel 



^^) Journaal wegens een Yoyage ... in de Jaaren 1696 en 1697 • • • 
na het onbekende Zuidland. Amsterdam 1701. 



— 329 — 

gemacht, aber man wisse nichts genaueres, da das Schiffsjournal 
abhanden gekommen sei. Höchst wahrscheinhch liegt hier eine 
Verwechselung mit Edels Reise von 1619 vor. Darum setzt auch 
Leupe^^) als nächstes Schiff, das die Küste Australiens berührte, den 
„Zeewolf" unter Kapitain Haevick Claesz. van Hillegom an. Am 
11. Mai 1618 wurde unter 21^ 20 S. Land gesehen, und es heifst 
davon, dasselbe scheine bisher noch nicht entdeckt worden zu sein, 
weil man nichts davon gehört habe und auf den Karten nichts 
darüber angegeben sei. Auch hier wird wieder empfohlen, vom Kap- 
lande aus „mindestens auf der südlichen Breite von 40 Graden« 
ostwärts zu steuern. 

Es ist nicht nötig, auf die einzelnen Fahrten genauer ein- 
zugehen, da die bekannten Werke von Major und Leupe alles 
Material enthalten; nur auf einige wichtige Momente soll noch 
aufmerksam gemacht werden. Im Jahre 1619 stiefsen das Schiff 
„Dordrecht" unter dem Kommandeur Prederik Houtmann und das Schiff 
„Amsterdam" mit dem Oberkaufmann Jacob Dedel oder d'Edel unter 
32V2° S. auf die Küste und hatten das Land in Sicht bis 26^0' S. 
Man zweifelte nun, da andre Schiffe unter 22, 23, 25 Graden Land 
gesehen hatten, nicht mehr daran, ein wirkliches Festland, das 
Australland, und nicht blofs Inseln vor sich zu haben. Das Land 
schien günstig gelegen, zeigte aber keine Spur von Bewohnern; 
trotzdem möchte es näher untersucht worden. 

Als dann das Schiff die »Leeuwin^ 1622 auch noch unter 
35° S. Land gesehen, wurde die schon 1620 vom indischen Rate 
beschlossene Expedition zur Erforschung des Südlandes zur Ausführung 
gebracht, aber die beiden dazu bestimmten Jachten „Pera" und „ Arnhem" 
unter dem Befehle des Oberkaufmanns Jan Carstensz beschränkten 
sich im wesentlichen auf die Erforschung der Küsten des Carpentaria- 
golfes. Von der zufälligen aber erfolgreichen Fahrt des Schiffes 
»het gulde Zeepart« unter dem Kapitän Fran5ois Thysz, an der 
Südküste Australiens 1627, die nach dem an Bord befindlichen 
indischen Rate, dem edlen Herrn Pieter Nuyts benannt wurde, wissen 
wir leider nichts als diese in der Instruktion für Tasman erwähnte 
Thatsache, und die Inschrift auf Tasman's grofser Karte, die von 
J. Swart veröffentlicht ist und augiebt, dafs das Nuytsland am 
26. Februar 1627 entdeckt sei. Obwohl keine Namen an der von 
Nuyts entdeckten Südküste Australiens eingetragen sind, so läfst 
sich einerseits durch die Zeichnung dieser Küsten und anderseits 

^') De Reizen der Neederlanders naar het Znidland. Amsterdam 1868. 
S. 19. 



— 330 — 

durch die Namengebung auf den älteren Karten die Aasdehnung 
der Entdeckungen in allgemeinen Zügen angeben. Die meisten Karten 
des 17. und 18. Jahrhunderts, auf denen Australien dargestellt ist, 
enthalten am östlichen Anfange der 1627 entdeckten Käste die 
beiden auch jetzt noch ihren Namen tragenden Inseln S. Peter und 
S. Franciscus im Nuyts-Archipel an der Küste Südaustraliens. Es 
ist gar nicht unwahrscheinlich, dafs in den beiden heiligen Namen die 
Vornamen der beiden wichtigsten Personen auf dem »goldenen Seepferd" 
Peter Nuyts und Franjs Thyfs stecken. Als Heiligennamen des 
katholischen Kalenders werden sie von den Holländern schwerlich 
verwendet worden sein und als profane Tage passen sie in die Zeit 
der Entdeckung nicht. Auf Tasmans Karte finden wir an vier Stellen 
der neuentdeckten Küste einen Anker gezeichnet zum Zeichen, dafs 
das Schiflf vor Anker gegangen ist; davon fällt das östliche Anker- 
zeichen auf den Nuyts-Archipel, das nächst westliche westlich von 
der durch die Zeichnung recht wohl erkennbaren Powler Bai 
(132^/2® 0. Gr.), wo auf Petermanns grofser Karte von Australien 
„Nuyts Hf.« angegeben ist, der dritte Ankerplatz in den Recherche- 
Archipel und der letzte in der Doubtful-Island-ßai an die Mündung 
des Fitz- Geraldflusses. Ich glaube, wir haben in der Karte Tasmans 
den einzigen Anhalt für den Verlauf dieser Reise. Tasman mufs 
für seine Zeichnung die Originalkarte vor sich gehabt haben, was 
schon aus der bestimmten Angabe des Tages der Entdeckung, 
26. Februar, hervorgeht. Es verdient auch bemerkt zu werden, dafs es 
das einzige Tagesdatum auf Tasmans Karte ist; während er sich 
sonst an den Küsten mit der Angabe des Jahres begnügt. Die 
Fahrt des Schiffes war sehr langwierig gewesen. Es war am 22. Mai 
1626 von Holland ausgegangen, hatte erst am 26. Februar 1627 
das Südland entdeckt und war am 10. April nach Batavia gekommen. 
Da weder Major noch Leupe auf den Verlauf der Entdeckung des 
Nuytslandes naher eingegangen sind, so habe ich versucht, einen 
kleinen Beitrag zu der noch ziemlich dunklen Frage zu geben. 

Aber es trat, da man 250 Meilen am Lande hingesegelt war, 
nun schon die Gestalt des Landes nach seiner Nord-, West- und 
Südseite deutlicher hervor. Fast alljährlich berührten holländische 
Schiffe irgend einen Küstenpunkt, namentlich das am weitesten nach 
Westen vortretende Eintrachtsland. Natürlich galt Neu-Guinea auch 
noch als ein Stück des Südlandes und die entdeckten Küsten des 
südlichen Erdteils wurden mit dem um den Pol gelagerten Lande in 
engste Verbindung gebracht. Diese Anschauung tritt deutlich in 
der an Tasman erteilten Instruktion hervor. Keine europäische 



— 331 — 

Kolonie, heifst es darin, liege so günstig, die Entdeckung des unbekannt 
gebliebenen Teils des Erdballs in Angriff zu nehmen, als Batavia. 
Das unbekannte Südgebiet sei vermutlich beinahe ebenso grofs als 
die alte oder neue Welt, es sei höchst wahrscheinlich, dafs darin 
viele und fruchtbare Länder in der kalten, gemäfsigten und heifsen 
Zone lägen und notwendigerweise auch eine dichte Bevölkerung 
zu erwarten sei. und da nördlich vom Äquator zwischen 15 u. 20 ® 
n. Br. in vielen Ländern reiche Metallminen und andre Schätze sich 
fänden, so müsse man ganz sicher derartige reiche Länder auch im 
Süden antreffen, wofür die schon bekannten Gebiete von Peru, Chile, 
Monomotapa oder Safala den besten Beleg gäben, so dafs die Kosten 
und Mühen der Entdeckung durch reichen Gewinn und unsterblichen 
Ruhm vergolten werden würden. Daher solle die längst geplante 
Erforschung nicht länger verschoben, sondern kräftig in Angriff 
genommen werden. 

Zu diesem Unternehmen wurden zwei Schiffe bestimmt und die 
Leitung dem tüchtigen Kapitän Abel Jansz. Tasman übergeben, unter 
dem der ausgezeichnete Obersteuermann Fran9ois Vischer gewonnen 
wurde. Dem Mute und der Ausdauer beider Männer konnte man 
die höchste Anforderung stellen und so ging auch der Plan selbst 
von anfang an auf weitere Ziele hinaus als nur an den schon be- 
kannt gewordenen Küstenlinien hinzutasten. Tasman erhielt dem- 
gemäfs den Auftrag, von Batavia aus zunächst nach der Insel 
Mauritius, die bereits 1598 von den Holländern besetzt worden war, 
zu segeln, dem Kommandanten im Fort Prederick Henrick Briefe 
und Güter zu übergeben und dann zwischen 36 und 38^ s. Br., 
jenseits der südlichen Passate in der Region der veränderlichen 
Winde zu steuern und dann gegen Süden zu segeln, bis er ans Südland 
komme. Treffe er es nicht so, so solle er bis zum Meridian von 
Neu-Guinea oder gar der Salomonsinseln segeln und zugleich bis 
zum 52 oder 54^ s. Br. vorzudringen suchen. Da die Salomons- 
inseln und das Heiligegeistland des Quiros auch zum Süd- 
lande gehörten, so mufste Tasman auf alle Fälle bis zum Meridian 
der Salomonsinseln vorgehen und sollte sich dann erst wieder zum 
Äquator wenden und nach Batavia zurückkehren. Auch solle er 
besonders darauf achten, ob sich zwischen Neu-Guinea und dem 
Eintrachtslande, namentlich in der Gegend des Kaps Keerweer oder 
am Willems rivier^^ eine Meeresstrafse finde, »woran sehr viel ge- 
legen ist, um schnell (von Batavia aus) in die Südsee zu kommen.« 



*') beim Nordwestkap. 



— 332 — 

Das ganze Gebiet des südlichen Indischen Ozeans mafste durch 
eine solche Rundfahrt in grotsem Stile aufgeklärt werden. Der Vor- 
schlag des Obersteuermanns Franz Jacobsz alias Vischer ging noch 
weiter und holte noch gründlicher aus, indem die Aufsuchung des 
Südlandes unter dem Meridian des Kaplandes oder noch besser 
Brasiliens beginnen sollte und bei östlicher Fahrt unter den südlichen 
Breitenparallelen von 36 — 38® bis zu den Salomonsinseln fortgesetzt 
werden sollte. Auf diese Weise solle man die ganze Südseite des 
Erdballes umsegeln und erforschen, ob dort Land, Wasser oder Eis- 
berge zu finden seien, kurz alles was Gott dort verordnet habe. ^*) 

Wenn dieser weiter gehende Plan auch nicht zur Ausführung 
kam, was um so mehr zu bedauern ist, als dadurch das Gespenst 
des Südlandes weit eher vom Antlitz der Erde verscheucht wäre, 
so sicherte doch auch die Ausführung des gemäfsigteren Entwurfes 
dem Leiter der Expedition eine Stelle in der Reihe der gröfsten 
Seefahrer. 

Tasman ging am 8. Oktober 1642 von Mauritius aus in See, 
überschritt am 23. Oktober den 40. Grad südlicher Breite, wandte 
sich nunmehr ostwärts, erreichte am 6. November seine höchste 
südliche Breite von 49® 4' und wich, durch Sturm, Hagel 
und Schnee veranlafst, langsam bis zum 42 ® südlicher Breite zurück, 
ohne bis zum 24. November Land zu sehen. Es war 4 Uhr nach- 
mittags, als man die gebirgige Westküste Vandiemenslands (jetzt 
Tasmanien) vor sich sah, dessen Südspitze man am 29. November 
erreichte. Am 2. Dezember wurde gelandet. Man hörte Musik auf 
einer Art Trompete, sah aber niemand. Zwei Bäume von mächtigem 
Umfange, deren Schaft 20 Meter bis zu den ersten Zweigen aufstieg, 
zeigten mit Steinbeilen eingehauene, etwa 5 Fufs von einander ent- 
fernte Stufen bis hoch hinauf, woraus die Holländer auf eine sehr 
grofse Menschenrasse hier im Lande schlössen. Es ist dies bemerkens- 
wert, weil man noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts etwas 
Absonderliches in dem Bau der Australmenschen zu finden hoffte. 
Galten doch auch die Patagonier seit Magalhaens' Entdeckung für 
Riesen. 

Nachdem von dem Lande im Namen der ostindischen Kompagnie 
Besitz ergriffen war, ging Tasman wieder in See und hat zufolge 
der Karte auch die Ostküste des Landes bis zur Freycinethalbinsel, 



^*) »Soo doende sal men het zuyder gedeelte van de werelt rontom den 
gantschen cloot connen ontdecken ende vinden, hettgeene datier is, hetzy dan 
landt, zee ofte ysbergen, alles wat Godt aldaer verordnet heeft.« J. Swart, 
Tasman p. 28 und 29. 



— 333 — 

damals Yanderlins Insel genannt, gesehen. Weil wegen der Brandung 
eine Landung schwierig war, wurde am 5. Dezember beschlossen, 
mehr nach Osten bis zum Meridian der Salomonsinseln zu steuern. 
Am 13. Dezember sah man, etwa unter 42^ südlicher Breite, wieder 
eine hochgebirgige Küste vor sich, es war Neuseeland, das man seiner 
ganzen Lage nach berechtigt war, für das gesuchte Südland zu halten. 
„Dies Land, heifst es in seinem Tagebuche, scheint ein sehr schönes 
Land zu sein und wir halten es für einen Teil des unbekannten Süd- 
landes." Tasman befuhr nur die Westküste, etwa von C. Foulwind 
auf der Südinsel bis zum Nordende der Nordinsel, dem Kap Maria 
van Diemen. Er drang auch in die Cookstrafse vor, aber ohne sie 
als eine Strafse zu erkennen. Und doch sieht man aus einer Be- 
merkung vom 20. Dezember, dafs Tasman nahe daran war, die Natur 
des Landes richtig zu beurteilen. Er schreibt: »Wir sahen uns auf 
allen Seiten von Land umgeben, da wir etwa 30 Meilen in eine Bucht 
hineingesegelt waren. Wir waren zuerst der Meinung gewesen, eine 
Insel vor uns zu haben und zweifelten nicht, hier eine Durchfahrt 
in die offene Südsee zu finden. Aber leider ist das nicht der Fall 
und wir mufsten gegen den Westwind aufkreuzen, um denselben 
Weg zurückzukehren, den wir in diese Bucht hineingesegelt waren." 
Auch Cook hat später, 1770, die Meeresstrafse nur dadurch bemerkt, 
dafs er einen Berg auf der Südinsel bestieg und von dort aus gegen 
Südosten das Meer wieder sah. Hätte Tasman bereits die Inselnatur 
Neuseelands nachgewiesen, dann wäre vielleicht der Glaube an das 
grofse Südjfind eher erschüttert und hätte sich nicht so lange an diese 
Küsten anklammern können. 

Gelandet ist übrigens Tasman auf Neuseeland nicht; denn 
nachdem bei einem Zusammenstofs der holländischen Böte mit den 
Fahrzeugen der Eingeborenen mehrere Matrosen erschlagen waren, 
mufste man sehr auf seiner Hut sein und durfte bei dem vorherrschend 
stürmischen Wetter an diesen Gebirgsküsten weder Böte noch Mann- 
schaft in Gefahr bringen. Die Berichte Tasmans von der Hinterlist 
und Blutgier der Neuseeländer und die Schilderung von der Schwierig- 
keit, zu landen, haben wohl auch alle ängstlichen Seeleute über 
hundert Jahre lang abgeschreckt, diese unwirtlichen Gestade wieder 
aufzusuchen oder weiter zu erforschen, bis Cook von Tahiti her 
gradenweges auf dieses vermeintliche Südland losging und in einem 
glänzenden Zuge die ganze Insel umfuhr und aufnahm. Auf seiner 
weiteren Fahrt an den Vitiinseln und nördlich von Neu-Guinea gegen 
Westen bis zurück nach Batavia hat Tasman nur kleinere Inseln 
berührt, doch konnte er auch den Auftrag des indischen Rates, einen 



— 334 — 

bequemen Seeweg von Batavia nach Chile anzubahnen, erledigen, 
indem er schon am 8. Januar, nachdem er seit mehreren Tagen 
Neuseeland verlassen hatte, in sein Schifftagebuch schrieb: „Das 
Fahrwasser von Batavia nach Chile ist ein glattes Fahrwasser, so 
dafs nichts im Wege liegt, dasselbe zu befahren." In Bezug auf 
die Südlandsfrage war das Hauptergebnis, dafs das bisher für den 
nördlichsten Ausläufer des Südlandes gehaltene, heute als fünfter 
Erdteil bezeichnete Australien als eine grofse Insel erschien, aber, 
rings von Meer umgeben, nicht mehr zu dem um den Südpol ver- 
muteten Lande gerechnet werden konnte. Um die Küsten dieses 
Landes, das schon an so vielen einzelnen Stellen von holländischen 
Schiffen berührt war, in ihrem Zusammenhange kennen zu lernen 
und aufzunehmen, wurde Tasman 1644 noch einmal ausgesandt. Leider 
fehlt uns sein Tagebuch, doch auf seiner schon mehrfach erwähnten 
grofsen Seekarte von 1644 tritt der Verlauf der Entdeckungsreisen vom 
Carpentariagolf bis zum Eintrachtslande deutlich hervor, Tasman 
selbst hegte auch darüber keinen Zweifel, dafs das auf seiner ersten 
Fahrt entdeckte Vandiemensland dazu gehöre, ja er trug sogar von 
diesem Lande aus auch die Ostküste Australiens bis zu ihrem An- 
schlufs an Neu-Guinea ziemlich richtig ein. Hier trat nun eine grofse 
Landmasse als abgeschlossenes Gebiet vor das erstaunte Auge des 
Forschers, und so kann man wohl diese zweite Fahrt als die 
Veranlassung für den neu auftauchenden, aber sofort allgemein 
angenommenen Namen NeuhoUand ansehen. Darauf zielen auch die 
Angaben Majors ^^) hin, wie diese Ansicht auch auf einer ,^arte von 
Australien oder Polynesien", Nürnberg 1796 in der Weigel- und 
Schneiderschen Handlung vertreten ist, wenn auf dieser, speziell der 
Geschichte der Erforschung der Südsee gewidmeten Karte, die Inschrift 
in dem fünften Erdteile lautet : „Neu Holland^ seit 1644 also benannt^'. 
Wer diesen Namen erteilt hat, vermag ich allerdings nicht anzugeben. 

5. Phantasien und Theorien aber das Südland. 

Nur kurze Zeit nach Tasmans kühnen Reisen wurde der Blick 
der litterarischen Welt aufs neue auf das unbekannte Südland gelenkt, 
als es zum Zielpunkt erdichteter Reisen gemacht wurde, um 
unglaubliche Berichte auch glaubwürdig erscheinen zu lassen, ist es 
das einfachste Mittel, die Brücke zwischen Wahrheit und Dichtung 
vollständig abzubrechen. Das geschieht bei Erzählungen von See- 
reisen am besten, indem man den Erzähler schiffbrüchig werden 
läfst, um ihn dann, nachdem ihm alle Mittel genommen sind, um 

^) Early voyages to Terra Anstralia. Introduction p. XCV. 



— 335 — 

sich zu orientieren, an eine unbekannte Küste zu verschlagen und 
zu versetzen, wo er seiner Phantasie die Zügel schiefsen lassen kann. 
Das klassische Vorbild dafür sind die Irrfahrten des Odysseus. 
Hier hat der Dichter zwischen der bekannten Welt der Griechen 
am östlichen Mittelmeer und den Erzählungen der Phönizier von den 
fernsten Ländern der Erde im Westen die Brücke vollständig abge- 
brochen. Als SchiflFsbrüchiger treibt Odysseus aus den bekannten 
Gewässern hinaus, schlafend wird er von den Enden der Erde wieder 
an den heimischen Strand gebracht. Das ist das Vorbild für 
Robinsonaden. Aber im Anfange des 16. Jahrhunderts ereignete sich 
bei der Seefahrt des Franzosen Gonneville ein Fall, der lebhaft an 
die Robinsonaden erinnert. Sein Reisebericht ist so dunkel, dafs 
man bis in unser Jahrhundert nicht erkannt hat, wohin er auf seiner 
Fahrt geraten war, bis d'Avezac überzeugend nachwies (Annales des 
vogages 1869 ü. 267), dafs er an die Küste Brasiliens verschlagen 
worden sei. Die französisch-indische Handelsgesellschaft liefs das 
Land Gonnevilles im vorigen Jahrhundert noch südlich von Afrika 
suchen, denn man war überzeugt, es gehöre zum unbekannten Süd- 
lande, und so hat der erste französische Schriftsteller, der für die 
Verbreitung seiner freigeistigen religiösen und sozialen Ideen die 
Einkleidung in eine abenteuerliche Reise für erforderlich hielt, sich 
das Muster Gonnevilles nicht entgehen lassen. Er konnte aber mit 
seinem Büchlein um so leichter Eingang finden, als die Aufmerk- 
samkeit der Franzosen seit 1664 lebhaft auf Madagaskar gerichtet 
war, wo man unter dem Protektorate Ludwig XIV. mit bedeutenden 
Mitteln Kolonisationsversuche machen wollte. Der Rahmen für 
einen romantischen Zug in unbekannte Länder fand sich damit 
leicht. Madagaskar lag damals unendlich weit hinaus, und wenn ein 
französisches Schiff auf dem weiten Wasserwege dahin von Stürmen 
verschlagen wurde, mufste es notwendigerweise ans Südland ge- 
raten, wie schon früher so viele holländische Schiffe, und dann 
konnte sich dort der soziale Roman weiterspinnen. 

Das sind die Gedanken Gabriel Foignys, eines aus dem Kloster 
entflohenen Franziskaners, der 1667 ein Asyl in Genf fand und dort 
zur reformierten Kirche übertrat. Um sein Leben zu fristen, erteilte 
er Unterricht in Grammatik und Geographie. Er war also mit Tages- 
fragen gewifs vertraut, er kannte aber auch die ältere Litteratur 
und darunter die Reise Gonnevilles, die erst im 17. Jahrhundert 
veröffentlicht wurde. Ich habe an einem andern Orte^^) nachgewiesen, 
dafs Foigny die Einleitung zu seiner abenteuerlichen Geschichte vom 

^^) Abhandlungen and Vorträge zur Geschichte der Erdkunde. Seite 78. 



— 336 — 

Sädland fast wörtlich aus Gonneville entlehnt hat. Sein Werk aber, 
worin er seine revolutionären Ideen über Staat und Kirche niederlegte, 
trug den Titel : La terre Australe connue c'est ä dire la description 
de ce pays inconnu jusquici, de ses moeurs et de ses coütumes par 
Mr. Sadeur. Obwohl das Buch in Genf gedruckt wurde, wurde doch, 
gewifs aus Furcht vor geistlichem und weltlichem Strafgericht, der 
Druckort »Vannes" 1676 angegeben. 

Auf den Inhalt gehe ich nicht weiter ein und verweise auf 
meine Abhandlung. Aber es verdient hervorgehoben zu werden, 
dafs wir damit den ersten Roman aus dem unbekannten Südlande 
vor uns haben, der aber wohl von den meisten Lesern nicht als 
solcher erkannt ist. Darum figuriert das Buch in den Katalogen 
meistens unter der geographischen Litteratur, wohin der Titel einer 
Genfer Ausgabe aus demselben Jahre 1676 ganz unzweifelhaft zu 
weisen schien : Les aventures de Jacqnes Sadeur dans la d^couverte 
et le voyage de la terre Australe. Auch die nach dem Tode des 
Verfassers (1692) in Dresden 1704 gedruckte Übersetzung fafst den 
Titel in die Worte: »Sehr curiöse Reise-beschreibung durch das neu 
entdeckte Südland", also rein geographisch. Man sollte nun allerdings 
von einem Geographielehrer um 1676 erwarten, dafs ihm die Ent- 
deckungen Tasmans schon bekannt geworden seien; allein davon 
findet sich keiue Spur. Wohl aber kann man aus der Beschreibung, 
die Foiguy von dem Verlaufe der Küsten des Südlandes macht, den 
Schlufs ziehen, dafs ihm bei seinen Studien der kleine Atlas Mercators 
noch als Vorlage gedient hat. Die geographische Einkleidung mufs 
aber für jene Zeit so gut gelungen sein, dafs auch eine so angesehene 
Zeitschrift wie das Journal des Savans (1692, S. 265) über den 
Inhalt wie über eine wirklich ausgeführte Reise berichtete. 

Sadeur erlebte mehrere Auflagen und Obersetzungen, ein Zeichen, 
dafs die Schrift nicht unbeachtet blieb. Daher fand sie auch bald 
Nachahmung, die unter verschiedenen Titeln, bald als Roberts Historie 
der neuaufgefundenen Völker Sevarambes, bald als Reise des 
holländischen Kapitäns Siden nach dem unbekannten Südlande englisch, 
holländisch, deutsch und französisch, in der Zeit zwischen 1676 (?) 
und 1738 erschien und in der ganzen Anlage dem Sadeur ähnelt. 
Nur ist der Unterschied hervorzuheben, dafs es sich in dieser 
erdichteten Reise, deren Verfasser verschieden ^ angegeben ist, um 
Australien im engeren Sinne handelte, wohin der Held von Batam 
aus verschlagen wurde. Möglicherweise bilden die folgenden beiden 
Schriften weitere Nachbildungen oder Übersetzungen desselben Romans, 
doch kenne ich von ihnen nichts weiter als die Titel: 



— 337 — 

1. Viaggi di Enrico Watton alle Terre Incognite Australe ed 
al paese delle scimie. Napoli 1756 — 75. 4 tom. 

2. Viages de Enr. Wanton a las tierras incognitas australes 
y al pais de la Monas : en donde se expresan las costumbres, caracter, 
ciencias y politica de estos extraord. habitantes. Traduc. p. D. S. 
de Guzman y Manrique. Madrid 1781 — 85. 4 vol. 

Jedenfalls erkennt man daraus, dafs die Phantasieen über das 
unbekannte Südland noch bis zum Ausgange des 18. Jahrhunderts, 
noch über die Reisen Cooks hinaus, durch die der Glaube an das 
Australland gründlich erschüttert wurde, ihre aufmerksamen Leser 
fanden. 

Man wurde übrigens auch mehrfach durch die Reisen Bouvets, 
der am 1. Januar 1739 in den Boavetinseln, südwestlich vom Kap- 
lande, das Südland glaubte gefunden zu haben und ebenso durch 
die Nachrichten Ducloz Guyot's von St. Malo, der 1766 auf der 
Fahrt von Valparaiso nach Europa zurück im südlichen Atlantischen 
Ozean aufserordentlich hohes Land gesehen haben wollte (vielleicht 
Süd-Georgien), immer von neuem in dem alten Glauben an die 
Existenz eines Südlandes bestärkt, und so zeichneten sich denn 
namentlich französische Gelehrte durch die Bereitwilligkeit aus, mit 
der sie der Gelehrtenwelt ihre Meinungen über diesen fünften noch 
ziemlich in Dunkel gehüllten Erdteil vorlegten. Und wenn man 
weifs, dafs die französischen Theorien auf physikalischem und geo- 
graphischem Gebiete damals unbestritten in hohem Ansehen standen, 
so kann man wohl annehmen, dafs diese Lehren auch in den Ge- 
lehrtenkreisen anderer Länder einen Widerhall fanden. 

Es sind hervorragende Namen, denen wir da begegnen, und 
es lohnt sich daher um so mehr, ihre — wenn auch verfehlten — 
Ansichten und Aussprüche kennen zu lernen. 

Chronologisch geordnet begegnen wir den Ansichten BufFons ^') 
zuerst, die dahin gehen, dafs wir zwar fast nichts von den antark- 
tischen Ländern wissen, dafs wir aber doch von ihrer Existenz 
wissen und dafs sie von allen andern Kontinenten durch den Ozean 
geschieden sind. Diesen letzten Gedanken hatte Varenius (Geogr. 
generalis. Amsterdam 1671, p. 69) schon hundert Jahre früher 
ausgesprochen. Buffon bedauert dann, dafs die Seefahrer, die zur 
Entdeckung des Südlandes bisher ausgezogen seien, sich durch Eis 
und Nebel hätten von einer genauen Untersuchung und vom Be- 
treten des Landes abhalten lassen. Er empfiehlt daher, vom Kap- 



*^ ffistoire nat. I. 212. Paris 1749. 



— 338 — 

lande aus zu verschiedenen Jahreszeiten einen Vorstofs gegen Süden 
zu machen, um diese bis jetzt noch für sich abgeschlossene Welt 
kennen zu lernen. Man würde vielleicht noch gröfseren Erfolg 
haben, wenn man von Chile aus bis zum 50® s. Br. vordränge 
und dann westwärts quer über den Grofsen Ozean führe. Diese 
Fahrt hat noch niemand gemacht, aber allem Anschein nach ist sie 
ungefährlich und würde wahrscheinlich zu neuen Landentdeckungen 
führen, denn dieser unbekannte Teil des Erdballes nimmt ungefähr 
den vierten Teil der ganzen Oberfläche ein und kann recht gut eine 
Landmasse bergen, die so grofs ist, wie die ganze alte Welt. (Qu'il 
peut y avoir dans ces climats un continent terrestre aussi grand 
que l'Europe, PAsie et l'Afrique prises tous trois ensemble.) 

und doch scheint in diesem antarktischen Gebiete das Meer 
noch das Übergewicht über das Land zu haben. Die Seefahrer be- 
haupten zwar, dafs das australische Festland bedeutend kälter sei 
als das antarktische Gebiet, allein diese Ansicht ist nicht erwiesen. 

Glaubwürdige Männer haben mir versichert, dafs ein englischer 
Kapitän Namens Monson sich dem Nordpol bis auf 2® genähert 
und dort ein eisfreies Meer gefunden habe, denn das Eis bildet sich 
am Lande, nicht im offenen Meere. Wenn nun Bounet 1729 schon 
unter 47 oder 48 ® s. Br. auf Eis gestofsen ist, so erklärt sich das 
aus der Nähe des Landes und dafs dort wahrscheinlich grofse Flüsse 
münden, ähnlich wie in Sibirien der Ob und Jenissei, deren Gewässer 
das nordsibirische Meer mit Eis anfüllen, daher Schiffe dort nicht 
eindringen können. Grofse Ströme können sich natürlich nur in 
grofsen Landmassen entwickeln, folglich müssen in antarktischen 
Regionen ausgedehnte Länder liegen. 

Etwa um dieselbe Zeit als Bufion schrieb, Uefs sich auch der 
Mathematiker Maupertuis über das Südland vernehmen. Im zweiten 
Bande seiner gesammelten Werke, die zuerst 1762 erschienen^®) jBnden 
sich als letzte Gruppe „Lettres sur le progres des sciences" und darin 
gleich zu anfang Briefe über die Australländer. Alle Welt weifs, 
schreibt Maupertuis, dafs der unbekannte Raum auf der südlichen 
Erdhalbe so grofs ist, dafs er Platz hätte für einen Erdteil, der 
gröfser als irgend einer der vier bekannten wäre, und kein Fürst 
hat bisher ein Interresse dafür gezeigt, diese Regionen erforschen zu 
lassen und das in einem Jahrhundert, wo die Seefahrtskunde so hoch 
entwickelt ist. Dafs die südliche Hemisphäre nicht vom Wasser allein 
bedeckt ist, scheint so ziemlich gewifs zu sein. Man hat ja bereits 



") Ich habe die Ausgabe, Lyon 1768 benutzt. II. 378—86. 



^ 339 -- 

mehrfach die äufsersten Vorgebirge berührt, so unter andern Bouvet. 
Östlich vom Meridian des Eaplandes scheinen sich diese Aastralländer 
am meisten dem Äquator zu nähern und demnach darf man dort 
auch noch kostbare Naturprodukte erwarten. 

Einigermafsen begründete Vermutungen über die Erzeugnisse 
und die Bewohner dieser Länder aufzustellen, ist natürlich schwer; 
aber dafs die Dinge dort wesentlich verschieden sein werden von 
denen der uns bekannten Welt, dafür giebt es einen gewissen Anhalt. 
Die alte und die neue Welt berühren sich so nahe, dafs eine Wanderung 
der organischen Wesen aus einem Gebiet in das andre ermöglicht 
ist. Anders verhält es sich mit dem Australlande, das von allen 
übrigen Ländern völlig geschieden ist, also auch seine ganz eigen- 
tümliche Entwickelung gehabt haben mufs. Aufserdem aber liegen 
zwischen Japan und Amerika wahrscheinlich zahlreiche Inseln, deren 
Entdeckung von Wichtigkeit sein würde. Könnten dort nicht auch 
die Europa unentbehrlich gewordenen Gewürze wachsen? Auf diesen 
Inseln sollen nun nach dem Berichte von Beisenden wilde Menschen, 
Schwanzmenschen leben, ein Mittelding zwischen uns und den AfPen. 
Mit solchen Menschen würde ich lieber als mit dem geistreichsten 
Menschen Etirqpas eine Stunde lang mich unterhalten. (Echt fran- 
zösischer Esprit!) 

Mehr auf dem Boden der Erdkunde bewegen sich die Theorien 
von Philipp Buache, die er in der Pariser Akademie am 12. November 
1757 vortrug,^®) aber diese Hypothesen stehen und fallen mit der 
schon 6 Jahre vorher vorgetragenen Ansicht von dem Gezimmer der 
Erde, den grofsen, die Erdteile von Nord nach Süd durchziehenden Berg- 
ketten und von den sie transversal durchschneidenden Zügen, die 
aber nicht blofs auf dem Festlande, sondern auch unterseeisch fort- 
laufen und sich mit einander in Verbindung setzen (la liaison des 
continens connus par la continuation des chäines de montagnes, tant 
terrestres que marines). Danach sucht nun Buache von den südlichen 
Enden der Bergketten in Südamerika, Afrika und Vandiemensland 
eine Anknüpfung im antarktischen Gebiete vermittels der wenigen 
Punkte, die man dort gesehen oder glaubte gesehen zu haben. So 
liegt am Ende der Cordilleren das Kap Hörn und diesem, nach dem 
Südpol zu, gegenüber der Hafen, bis zu dem Francis Drake gelangt 
sein soll (Port de Drack), der als Anfangspunkt der antarktischen 

Cordilleren zu gelten hat, die sich dann am Südpol vorbei weiter 

^^) Observations geogr. et phys., öa Ton doime une id6e de Texistence des 
terres antarctiques et de leur mer glaciale Interieure. (Hist. de PAcad. royale 
d. sc. annSe 1757. 191. Paris 1762, 

Geogr. Bl&tter. Bremen, 1695. 22 



— 340 — 

bis zu den hohen Bergen Neuseelands verlängern, die wir durch Tasman 
kennen. Von hier ist die weitere submarine Anknüpfung an Australien 
zu vermuten. Ahnlich liegt südlich vom Kaplande das von Bouvet 
gesehene Kap de la Circoncision, das der Entdecker nach dem Tage, 
wo es zuerst gesehen wurde, dem 1. Januar 1739, so benannte und 
für den nördlichsten Vorsprung des Südlandes hielt- Wie das Kap 
der guten Hoffnung hoch und felsig vorspringt, so ist das Kap der 
Beschneidung von hohen Schneebergen erfüllt. Zwischen beiden Vor- 
gebirgen liegt die unterseeische Verknüpfung der afrikanischen und 
antarktischen Bergketten. Nimmt man zu diesen festen bekannten 
Punkten des Südlandes noch die angeblichen Entdeckungen aus den 
ersten Jahren des 16. Jahrhunderts, nämlich die Entdeckungen von 
Amerigo Vespucci und Gonneville, so werden diese sehr glücklich 
am Australlande untergebracht und zwar Vespuccis mehr als fragliche 
Entdeckung etwa mitten zwischen dem Feuerlande und Süda&ika 
und Gonnevilles Land (wir wissen jetzt, dafs er in Brasilien landete) 
im südlichen Indischen Ozean zwischen Kapland und Vandiemensland. 
Dadurch ist, nach Buaches Ansicht, wenigstens in grofsen Zügen der 
Umrifs des Südlandes festgelegt. Nimmt man nun noch dazu, dafs 
da, wo Sharp 1687 im südlichen Grofsen Ozean und Bouvet 1738 
südlich von Afrika grofse Eismassen angetroffen haben, die Ausgänge 
eines Südpolmeeres angesetzt werden müssen, durch die sich die, 
nach Buffons Theorie von grofsen Flüssen in jenes Polarmeer hinaus- 
geschwemmten Eismassen entladen, so sind dadurch auch die zwei 
einander gegenüberliegenden Eismeerstrafsen gesichert, wodurch das 
antarktische Land in einfachster Weise in eine gröfsere und kleine 
Landmasse geteilt wird. Ein inneres Südpolarmeer zwischen diesen 
beiden Landmassen mufs aber vorhanden sein, weil die Flüsse (ähnlich 
wie in Sibirien) dahin fliefsen müssen. Über den Pol weg kann man 
sich aber den Lauf der Flüsse nicht denken, weil sie sonst ewig 
gefroren wären. Übrigens kann es trotzdem viel gutes Land in dem 
Kontinent geben, so z. B. östlich vom Kap de la Circoncision, wo 
schon die Portugiesen seit 1570 (?)^®) auf einer Küstenstrecke von 

^^) Die Jahreszahl enthalt einen Drackfehler, denn Buache wird wohl 
gewufst haben, dafs es statt 1570 1500 heilsen mufs. Es genagt, auf zwei be- 
rühmte Weltkarten Mercators von 1541 and 1569 hinzuweisen. Aaf der ersten 
steht die Legende : Psittacoram regio a Lasitanis anno 1500 ad milia passaam 
bis mille praetervectis sie appellata etc., aaf der zweiten noch deutlicher: 
Psittacoram regio sie a Lasitanis hac lebegio vento appulsis, cum Callicatiam 
peterent, appellata propter inauditam earam avium ibidem magnitudinem, porro 
cum haios terrae littus ad 2000 miliarium prosequuti essent, necdum tamen 
finem inuenerunt, unde australem continentem attigisse indubitatem est. 



^ 341 ™ 

200 Miles eine fabelhafte Menge Papageien gesehen haben. Papageien 
leben aber bekanntlich nur in warmen Ländern. 

So war also nicht blofs die Existenz des Südlandes ein allge- 
meiner Glaubenssatz, man wagte auch seine Umrisse zu zeichnen. 

Ganz den französischen Anregungen folgte der Graf Redem, 
der seine Ansichten in mehreren Memoiren von 1755 — 1765 der 
Königlichen Akademie zu Berlin vorlegte. Wenn man erwägt, dafs 
Maupertuis von 1740 — 1756 Präsident dieser Akademie war, so ist 
der Einflufs auf die Ansichten des Berliner Gelehrten erklärlich, doch 
folgt Redern auch den Lehren eines Buache nicht sklavisch, wenn 
sich die Abhängigkeit auch nicht leugnen läfst. 

Nach Redern giebt es in der südUchen Hemisphäre zwei Kon- 
tinente, nämlich Neu-Holland und das um den antarktischen Pol 
gelagerte Ätcstralie. Dieser Bezeichnung begegnen wir hier wohl zum 
ersten Male, wenn auch in ganz andrer Lage und Auffassung, als 
der Name heute gebraucht wird. Die einzelnen Abhandlungen, die 
in den Memoiren der Akademie (Ann6e 1755, 1757 und 1765) 
erschienen, bringen nichts wesentlich neues, so dafs es nicht verlohnt, 
weiter darauf einzugehen Dagegen verdient die von Redern ent- 
worfene Südpolarkarte, die später selbständig erschien und den Memoiren 
nicht beigegeben ist, unsre Beachtung, weil sie Rederns Ansichten 
viel klarer wiedergiebt als seine Schriften. Diese grofse Karte trägt 
den Titel Hemisphäre meridional, dresse en 1754 par M. le Comte 
de Redern, Gurateur de l'Acad^mie Royale des sciences et des belies 
Lettres pour ^clairrissement de ses considerations sur le globe, 
öxecute par ordre de l'Academie en 1762. Die Umrisse des Süd- 
landes (Australasie) sind, soweit sie nur vermutet werden, schraffiert 
eingetragen, und fast an allen Küsten liest man in längeren Inschriften 
die von den Seefahrern gemachten Beobachtungen über Anzeichen 
von Land. Die in eins geschlossene, nicht wie bei Buache geteilte 
antarktische Landmasse ist von Bergketten k la Buache durchzogen 
und reicht in dem von Quiros entdeckten Heiligen Geistlande sogar 
bis über den Wendekreis in die heifse Zone hinein. In der Südsee 
müfste man danach das Land am bequemsten erreichen können. 

6. James Cook. 

Es ist unnötig, auf alle einzelnen Fälle hinzuweisen, in denen 
Seefahrer in den südlichen Meeren wollten Land gesehen haben. 
Alle solche Mitteilungen wurden unbedenklich als wahr aufgenommen, 
nachdem sich die gewichtigsten Stimmen für das Vorhandensein eines 
grofsen Südlandes ausgesprochen. Leider liefs der von Maupertuis 

22* 



^- 342 _ 

ersehnte Fürst noch auf sich warten, der die Erforschung jener 
Erdräume gefördert hätte. Doch auch dieser fand sich, nachdem 
die Staaten Europas nach einem siebenjährigen Land- und Seekriege 
wieder zur Ruhe gekommen waren. Man begrüfst mit Freuden die 
Worte, mit denen John Hawkesworth die Geschichte der Seereisen 
und Entdeckungen im Südmeere^^) einleitet : „Seine Majestät der 
König von Grofsbritannien fafsten bald nach dem Antritt höchst dero 
Regierung, den Vorsatz, Schiffe auf die Entdeckung bisher unbekannter 
Länder auszusenden; und im Jahre 1764, da das Königreich einen 
vollkommenen Frieden genofs, schritten dieselben zur Ausführung 
dieses Entschlusses." Das klingt so, als ob für die Erforschung des 
Südlandes ein neuer Morgen anbrechen sollte. Auch die Verhaltungs- 
befehle für den Commodore Byron^ der diese Expedition leiten sollte, 
sind in demselben Sinne abgefafst, wenn es heifst: 

»Sintemalen dieser Nation, insofern solche eine Seemacht ist, nichts 
zu gröfserer Ehre gereichen, nichts der Würde der grofsbritanischen 
Krone angemefsner sein, nichts die Ausbreitung ihres Handels und 
ihrer Schiffahrt mehr befördern kann, als die Entdeckung bisher 
unbekannter Länder; und mit Grund zu vermuten steht, dafs im 
Atlantischen Ozean zwischen dem Vorgebirge der guten Hoffaung und 
der Magalhaensstrafse beträchtliche Länder und Inseln, die bisher noch 
von keiner europäischen Nation besucht worden, in solchen Breiten 
vorhanden sein mögen, die für die Schiffahrt bequem sind, diese 
Länder auch vielleicht unter solchen Himmelstrichen liegen, als zur 
Hervorbringung verschiedener für den Handel nützlicher Waren 
erfordert werden ; da endlich Sr. Maj. Inseln, genannt Pepys-Inseln, und 
Falklands-Inseln, die im obenerwähnten Striche liegen, ohnerachtet sie 
zuerst von britischen Seefahrern entdeckt und besucht worden sind, 
bisher doch noch nie so genau in Augenschein genommen worden, 
dafs man ein richtiges Urteil von ihren Küsten und Naturgütem 

fällen könnte: so haben Se. Maj für gut erachtet, gedachte 

Unternehmungen nunmehr zur wirklichen Ausführung kommen zn 
lassende. 

Die hier erwähnten Pepys-Inseln sollten nach Angabe des 
Kapitän Cowley, der sie allein gesehen haben wollte, unter 47^ 
s. Br. liegen. Eine Längenangabe der Lage fehlte. Man 
konnte diese Inseln schwerlich als bereits im englischsn Besitze 
befindlich bezeichnen; denn wenn man nicht annehmen will, dafs 
Cowley die Falklands-Inseln meinte, dann existieren sie überhaupt 



") Deutsch, Berlin 1774. 



— 343 — 

nicht. Commodore Byron ging am 21 Joni 1764 mit 2 Schiffen 
unter Segel, sachte vergebens nach den Pepys-Tnseln, umkreiste die 
Falklands-Inseln, mühte sich aber weiter mit der Erforschung des 
Atlantischen Ozeans nicht ab und ging nach längerem Aufenthalt 
von der Magalhaensstrafse gradenwegs in die Tropen des Grofsen 
Ozeans und nach den Ladronen und Philippinen. Es war der allbe- 
kannte Fahrweg durch die Südsee. Ein Yorstofs gegen die von 
Tasman entdeckten Länder Neuseeland und Vandiemensland wurde 
nicht unternommen. Der Ertrag der fast zweijährigen Erdumsege- 
lung bestand in einigen Inseln der Südsee. Unbefriedigt von dem 
geringen Erfolg sandte der König noch in demselben Jahre 1766 
den Kapitän Wallis wieder mit 2 Schiffen aus, in der südlichen 
Hemisphäre Entdeckungen zu machen. Leider wurden bei der Aus- 
fahrt aus der Magalhaensstrafse die Schiffe für immer von einander 
getrennt und vollendeten jedes die Fahrt für sich. Wallis folgte 
den Spuren Byrons, Carteret, der Kapitän des zweiten Schiffes, 
machte beachtenswerte Entdeckungen im heutigen Bismarckarchipel, 
aber die südliche Hemisphäre bheb, wie sie war, verschleiert. 

Mit Wallis zu gleicher Zeit, nur drei Monate später, begann 
(unter Boi^ainvilie^^) die erste französische Erdumsegelung (1766 -1769), 
sie folgte ihren Vorgängern, nur schenkte sie den Falklands-Inseln 
etwas mehr Aufmerksamkeit und machte, nachdem die Magalhaens- 
strafse glucklich durchschnitten war, im südlichen Grofsen Ozean 
vergeblich auf ein angeblich 1686 von Kapitän Davis gesehenes 
Land Jagd. Dann ging die Fahrt nach dem bereits entdeckten 
Tahiti, das auf den schönen, aber nicht dauerhaften Namen Neu- 
Gytherea umgetauft wurde. Bougainville hielt sich von da ab glück- 
licherweise etwas südlicher, erreichte die schon von Quiros ent- 
deckten Neuen Hebriden und konnte nachweisen, dafs das Heilige 
Geistland des Spaniers nicht ein Teil des Südlandes, sondern eine 
Inselgruppe sei Sein Reisebericht ist noch dadurch ausgezeichnet, 
dafs er von der knappen seemännisclien Art zu erzählen abweicht 
und zuerst für die einzelnen wichtigen Abschnitte seiner Reise Ein- 
leitungen giebt, in denen er z. B. uns eine kurze geschichtliche 
Übersicht über die bisherigen Erdumsegelungen, oder weiterhin 
einen historischen Abrifs über die Maluinen oder Falklands- 
Inseln mitteilt. Durch diese, ich möchte sagen, künstlerische Be- 
handlung des Stoffes wird das Interesse des Lesers lebhafter erregt. 



'*) Voyage antour du monde par la fr^gate du roi la Bondense. 
Paris 1771. 4« 



— 344 — 

and so ist ihm in dieser Methode der gröfste französische Entdecker 
unsres Jahrhunderts, Domont D' Urville gefolgt; aber in der südlichen 
Hemisphäre drang auch Bougainville nicht weiter südwärts als seine 
Vorgänger vor. Er ahnte die Existenz der Torresstrafse, durfte. aber 
bei der elenden Lage, in der sich seine Schiffe befanden, den Versuch, 
die Durchfahrt zu erzwingen, nicht wagen. Nichts, sagt er, war in 
der That wahrscheinUcher, als die Existenz einer solchen Durchfahrt ; 
aber wir waren genötigt, sobald als möglich aus dem Golfe (er 
meint das Meer zwischen Neu-Guinea und Australien) den Rückweg 
zu suchen. Er segelte dann noch an den Salomons-Inseln hin, fuhr 
zwischen Choiseul und Bougainville hindurch, erkannte aber die Ent- 
deckung Mendana's darin nicht Mrieder. 

Die Ergebnisse seiner Weltreise waren nicht so arm, als die 
seiner engüschen Vorgänger, aber die Verehrer und Schwärmer für 
das Südland blieben von solchen Fahrten unbefriedigt. Als der einzige 
kühne Seemann der Vorzeit erschien Tasman ; nachher hat sich keiner 
wieder in die dunkeln Bräume der südlichen Erdhälfte hineingewagt. 

Für dieses Gefühl der Enttäuschung und der Verstimmung über 
den, wie es schien, Mangel an Mut von seiten der mit der Leitung der 
Erforschungsfahrt beauftragten Kapitäne giebt es keinen drastischeren 
Ausdruck als die merkwürdige Widmung, die Alexander Dalrymple 
seiner „historischen Sammlung"^^) mit auf den Weg gab. 

„Nicht — dem — der — kaum etwas anderes entdeckte als 
Patagonien; Nicht — dem — der vom 20® südlicher Breite sich 
entschlofs — zum 50 ® nördlicher Breite heim — zu kehren, weil 
er es für unmöglich hielt, auf einer Beise um die Welt bis zum — 
30 ® südUcher Breite — vorzudringen. — Nicht — dem — der von 
weiblichen Schmeicheleien bethört, vergafs, um was er ausgesandt 
war — und — zurückeilte, um die europäische Welt mit Zauber« 
geschichten aus — Neu — Cytherea -^ zu unterhalten. — Sondern — 
dem — Manne — der im Wetteifer mit Magalhaens und den Heroen 
früherer Zeit, unbeirrt von Schwierigkeiten und unverführt durch 
Vergnügen bei allen Hindernissen ausharren und nicht durch Zufall, 
sondern durch Tüchtigkeit und Geschick eine Verbindung herstellen, 
wird mit einem SÜDLICHEN CONTINENTE, ist diese historische 
Sammlung früherer Beisen in den südlichen Ozean gewidmet von 
Alexander Dalrymple. 1. Jan. 1770. 

Man erkennt in den Seefahrern, denen er sein Werk nicht widmet, 
unschwer Byron, Wallis und Bougainville, aber auch den grofsen 

^) An historial colleciioiL of the several voyages and discoveries in the 
South Pacific Ocean. London 1770. 



— 345 — 

Seemann, dem er es zueignen möchte, wenn er nur bald erschiene. 
Und er war schon ersehienen, er hatte an dem Tage, als Dalrymple 
seine Widmung schrieb, am 1. Januar 1770, das Südland schon 
erreicht, aber nicht, wie Dalrymple wünschte, als Erdteil erkannt, 
sondern als Inselgruppe umkreist. Am 1. Januar 1770 befand sich 
James Cook an der Westküste Neuseelands. Das war der Heros, 
den der englische Gelehrte wie einen Messias ersehnte ; aber er war 
doch nicht nach dem Herzen Dalrymples, denn Cook entschleierte 
nicht den unbekannten Erdteil, sondern er zertrümmerte unbarmherzig 
das Gespenst eines mächtigen Südlandes. Darüber gerieten später 
beide in einen erbitterten litterarischen Streit. Dalrymple erscheint 
uns heutzutage fast in tragikomischer Gestalt und die Art, wie er 
seine Widmung fafste, oder gewiseermafsen eine Preisaufgabe stellte, 
erinnert lebhaft an den Fall Madoc, der erst in den letzten Jahren 
erledigt ist. Im Jahre 1858 setzte nämlich die nationale LlangoUan- 
Versammlung in Wales einen Preis für die beste Abhandlung über 
die Entdeckung Amerikas durch den Waliser Prinzen Madoc aus. 
Th. Stephens schrieb diese „beste« Abhandlung, bewies aber, zum 
Leidwesen aller Patrioten in Wales, dafs Madoc nichts entdeckt 
habe. Infolge dessen konnte auch Stephens den Preis nicht erhalten 
und seine gewichtige Arbeit wurde erst 1893, nach seinem Tode, 
veröffentlicht.^*) 

Es ist nicht nötig, Cooks grofse Verdienste ausführlicher zu 
behandeln. Es genügt darauf hinzuweisen, dafs er auf seiner ersten 
Reise den Stier mutig bei den Hörnern packte, und nachdem er 
seine erste Aufgabe gelöst hatte, den Vorübergang der Venus zu 
beobachten, von Tahiti gradewegs auf Tasmans Neuseeland lossegelte, 
die Insel umkreiste, auch noch, durch Entdeckung der Cookstrafse 
zerschnitt und dann auf die Ostküste Neuhollands losging. Er hat 
sich nicht durch den gefährlichen Zustand seines Schiffes abhalten 
lassen, die ganze, bisher unbekannte Seite des fünften Erdteils sorgfältig 
aufzunehmen und hat sich an die von Korallen umstarrte Kü^te an- 
geklammert, bis er auch die Torresstrafse wieder fand. In diesen 
nautischen Heldenthaten erscheint uns Cook als der Vollender der 
Arbeiten Tasmans. Wir können vollständig das urteil eines so er- 
fahrenen Fachmannes, wie Kapitän Moresby,^^) des Entdeckers vom 
Ostende Neu-Guineas, unterschreiben, wenn er sagt: »Niemand, als 
der verantwortUche Kapitän, der diese Fahrbahn (an der Korallenküste) 
einschlägt, kann die Geschicklichkeit und Entschlossenheit des ersten 

") Vgl. Peterm. Mitteil. 1895. Litteraturbericht No. 53. 

**) Discoveries and surveys in New Guinea. London 1876. p. 3. 



^ 346 -^ 

groben Entdeckers, Kapitän Cook, nach Gebühr bewundern. Wenn 
man seine Beise hier liest, an der Stelle, wo er sich den Weg zuerst 
bahnte, und wenn man die Schwierigkeiten und den Umfang seiner 
Hilfsmittel erwägt, erkennt man mehr als je seine 6röfse.<< Für 
England war der Grewinn der ersten Beise Cooks sehr erheblich, 
er brachte zwei gut blühende Kolonien, Neuseeland und Australien, 
ein. Geographisch hatte diese Fahrt noch eine, allerdings vergängliche 
Namengebung für den fünften Erdteil im Gefolge. 

Cook erzählt nämlich, er habe sich mit den Bewohnern der 
Nordinsel Neuseeland unterhalten und bewundert, dafs sie über die 
Natur ihres eignen Landes so wohl unterrichtet waren. »Wir er- 
kundigten uns ferner, schreibt er, ob sie noch von einem andern 
Lande etwas wüfsten. Sie antworteten, sie hätten niemals ein 
andres besucht; allein ihre Voreltern hätten ihnen gesagt, dafs es 
Nordwest gen nordwärts oder NNW. ein weitläuftiges Land, Namens 
Ulima/roa gäbe, nach welchem einige Leute in einem sehr grofsen 
Kahne gesegelt seien. ^^^) Diese Angaben werden unter dem Datum 
des 9. Dezembers 1769 mitgeteilt. Cook kommt später, am 
5. Februar 1770, noch einmal darauf zurück und berichtet: Da wir 
uns gern erkundigen wollten, ob denn gar keine Andenken von Tasman 
unter den Leuten übergeblieben seien, so liefsen wir einen alten Mann 
fragen, ob er jemals gehört habe, dafs ein Schiff wie das unsrige 
dieses Land vor uns besucht habe. Er verneinte dies, setzte aber 
hinzu, seine Voreltern hätten ihm gesagt, dafs einmal ein kleines 
Schiff von einem entlegenen Lande, Namens Llimaroa^ allhier ange- 
kommen, worin sich vier Männer befunden hätten, die aber, so bald 
sie ans Land gestiegen, insgesamt getötet worden seien. Und als 
man ihn fragte, in welcher Gegend dieses entfernte Land läge, wies 
er gegen Norden hin.^"^) Man hat nun, allerdings mit geringer Wahr- 
scheinlichkeit, das Land Ulimaroa auf den Kontinent Australien ge- 
deutet, für den fünften Erdteil auch den Namen in Vorschlag gebracht 
und sogar kartographisch verwendet, Dafs wir nun aber den Namen 
Ulimaroa zuerst auf einer schwedischen Karte finden, erklärt sich 
wohl am einfachsten dadurch, dafs der schwedische Naturforscher 
Dr. Solander an der ersten Beise Cooks in Begleitung Joseph Banks 
teilnahm. Der Verfasser dieser Karte, die 1780 erschien, ist Daniel 
Djurberg. Die Karte selbst trägt den Titel: Carte de la Polynesie 
ou la cinquiSme partie de la terre par D. Djurberg, membre de la 

^) J. Hawkesworth, Geschiclite der Seereisen nnd Entdeckungen im Süd- 
meer. Zweiter Band S. 368. Berlin 1774. 
*') ebda. S. 399. 



— 847 — 

Soc. Cosmographique d'üpsale. Im Kontinente selbst steht mit 
grofsen Buchstaben Ulimaroa. 

Erst durch die Reise Cooks hatte jenes Land seinen vollen Ab- 
schluTs gegen das Meer erhalten und konnte in seinem Flächenramne 
mit andern Erdteilen verglichen werden. Johann Reinhold Forster 
war der erste Gelehrte, der Australien als fünften Erdteil zur all- 
gemeinen Anerkennung brachte. In seinen »BemerkVmgen auf seiner 
Reise um die Welt« (Berlin 1783) schreibt er S. 2 darüber: »Sollte 
man mit mir wohl anstehen können, es (NeuhoUand) mit mir ein 
Kontinent zu nennen, da es unserm Europa, dem niemand diese 
Benennung^») streitig macht, an Gröfse wenig oder gar nichts nach- 
giebt?<< Den Namen Neuholland hatte das Land erhalten, als man 
es noch in seiner ganzen Ausdehnung nicht kannte ; nun es abge- 
schlossen vor Augen lag, glaubte man berechtigt zu sein, ihm einen 
besonderen Namen zu erteilen. Und diesen Namen verlieh Djurberg, 
er fand damit auch in Deutschland Beifall. Im Jahre 1796 erschien 
in dem bekannten Verlage der Homannischen Erben in Nürnberg eine 
»Karte vom fünften Erdteil oder Polynesien-Inselwelt oder Australien 
oder Südindien, entworfen von F. G. Ganzler, d. W. Dr. zu Göttingen. << 
Hi^ trägt der Erdteil den Namen: Ulimaroa oder Neuholland. In 
demselben Jahre erschien von H. J. F. von Reilly in Wien eine 
»Karte von der Inselwelt Polynesien oder dem fünften Weltteile. 
Nach Djarberg und Roberts neu verzeichnet herausg^eben.^ Auch 
die »Karte von der Erde östlicher und westlicher Halbkugel nach 
d'Anville« von demselben Kartographen und aus dem nämlichen Jahre 
nennt den fünften Erdteil Ulimaroa. 

Die Freude über diesen neuseeländischen Namen dauerte aber 
nur zwei Jahrzehnte ; denn von 1801 an heilst es bereits : Neuholland 
vormals Ulimaroa. So auf den in Weimar erschienenen Karten 
J. C. M. Reinecke aus 1801, 1803 und 1809, ferner auch Swoboda- 
Hartls Generalkarte von AustraUen, Wien 1805. 

Den heute allgemein üblichen Namen Australien hat seit 1801 
der für die Erforschung der Küsten hochverdiente Flinders empfohlen ; 
es hat aber doch fünfzig Jahre gedauert, bis der Name durchge- 
drungen ist und bis alle andern Benennungen aufgegeben sind. 

In Cook aber war endlich der Mann erschienen, der es ernst- 
lich wieder wagte, Entdeckungen zu machen. Ihn sandte die eng- 
lische Admiralität sofort zum zweiten Male aus, und es galt nun 
dem unbekannten Südlande selbst. Schon nach der glücklichen 



^) Forster unterscheidet hier nicht zwischen Kontinent und Erdteil. 



^ 



— 348 — 

umfahrt um Neuseeland hatte er geäofsert, es seheine ihm jetzt der 
günstigste Zeitpunkt gekommen zu sein, um der antarktischen Frage 
näher zu treten. Und da man auch nach seiner Zurückkunft immer 
noch behauptete, dafs sich das feste Land im Südmeere bis zum 
30 ^ s. Br. erstrecke, mithin unter einem günstigen Himmelsstrich 
belegen und darum ein gewichtiger Gegenstand der europäischen 
Pohtik sein müsse, ^^) so wurde an Cook der Auftrag erteilt, den 
Südpol so nahe als möglich zu umkreisen. Zwar hatte der Glaube 
an die weite Ausdehnung des Südlandes schon dadurch einen gefähr- 
lichen Stofs erhalten, dafs Cook auf seiner ersten Reise bis über 
den 40 ^ s. Br. gekommen war und Neuseeland als Insel erkannt 
hatte; allein man erklärte die Thatsache, dafs Cook gleichwohl das 
Südland gar nicht zu Gesicht bekommen hatte, damit, dafs er in 
einen grofsen Golf des unbekannten Erdstrichs geraten sei. 

Während Cook an die Ausrüstung seiner Schiffe ging, unter- 
nahmen schon die Franzosen zwei Yorstöfse gegen das Südland. 
Kapitän Marion Dofresne fand am 13. Januar 1772 die Marion- 
Insel, südöstlich vom Kaplande unter 49 ^ 45 ' s. Br., hielt sie aber 
für eines der Vorgebirge des gesuchten Ausstrallandes und nannte 
sie daher Terre d'Esperance, und dann die Crozet-Inseln. Einen 
Monat später entdeckte Kerguelen am 12. Februar 1772 die nach 
ihm benannte gröfsere Insel unter 49 ^ 40 ' s. Br. und nannte sie 
im festen Glauben an das Südland „La France Australe^. Wie er 
dann diese trostlose Insel für die nmasse centrale du Continent Ant- 
arctique<< ausgab, von dem aus man Indien, die Sundawelt und China 
beherrschen könne, das ist ausführlich in dem schon genannten 
Werke Rainauds, Cp. XIV. behandelt und kann hier übergangen 
werden. Es war der letzte freche Schwindel, der mit der Leicht- 
gläubigkeit der Australschwärmer getrieben wurde. Cook stach am 
13. Juli 1772 von Plymouth aus in See, Kerguelen lief am 16. Juli 
1772 wieder in den Hafen von Brest ein. So konnte Cook erst im 
Verlauf seiner zweiten Reise etwas von Kerguelens Entdeckung ver- 
nehmen. Wie der grofse Seemann dann zum ersten Male den Erd- 
ball von Westen nach Osten umkreist hat und bei der Jagd nach dem 
Südlande südlich von all den vermeintlichen Vorgebirgen des Austral- 
landes und selbst südlich von der Zentralmasse Kerguelens den nach 
allen Seiten offenen Ozean durchschweift hat, selbst bis über den 
70^ südL Breite vorgedrungen ist, ohne Land zu finden, soll, 
als bekannt, hier nicht noch einmal ausführlich erzählt werden. 



'*) Joh. Reinh. Forsters Reise um die Welt. Berlin 1778. Einleitung m. 2. 



— 349 — 

So konnte er denn getrost das Ergebnis dieser mühevollen Fahrt 
dahin zusammenfassen: Für uns ist es genug, erwiesen zu haben, 
dafs unter dem gemäfsigten Himmelsstrich in der Südsee kein grofses 
festes Land anzutrefien ist und wenn dergleichen überhaupt vor- 
handen sein sollte, dafs es innerhalb des antarktischen Zirkels liegen 
müsse« (a. a. 0. S. 407). und später (IT. 243) schreibt er: „Sollte 
jemand so kühn und beharrlich sein, weiter als ich nach Süden vorzu- 
dringen, ich würde ihn um die Ehre der Entdeckung nicht beneiden ; 
aber ich darf kühn behaupten, dafs die Welt keinen Nutzen davon 
haben wird." Diese Worte sind dem grofsen Manne sehr verdacht, 
als ob er einen Bann auf den Südpol gelegt und erklärt hätte, es 
werde niemand weiter vordringen als er. Allein Cook sprach nur 
von dem materiellen Werte solcher Länder für die Menschheit, und 
er hatte vollständig recht, wenn er die Brauchbarkeit etwa für 
Ansiedelungszwecke vollständig verneinte. Andre rein wissenschaft- 
liche Gesichtspunkte kommen dabei gar nicht in Frage. 

Man hätte nun meinen sollen, das Phantom des Südlandes sei 
nun endlich aus den Köpfen und Karten verschwunden, aber das war 
keineswegs der Fall. Der »antarktische Kontinent" spukte immer 
noch auf den Weltkarten und bei jeder Gelegenheit, wo eine etwas 
ausgedehntere Küste gefunden ist, war man gleich wieder mit dem 
Südlande bei der Hand. Am gefährlichsten dafür waren vor 50 Jahren 
die angeblichen Entdeckungen des Nordamerikaners Wilkes, der südlich 
von Australien ein mächtiges Land gesehen haben wollte. Er ist 
nirgends gelandet, hat nur Schneehöhen und Wolkenberge gesehen, 
von denen die östlichen und westlichen Ausläufer bereits von vor- 
sichtiger urteilenden Nachfolgern in den Grund gesegelt sind, so 
dafs wir berechtigt sind, an dem Vorhandensein eines zusammen- 
hängenden grofsen Landes so lange zu zweifeln, als es nicht von 
späteren Forschern in der Zukunft bestätigt wird. Und das von 
Rofs entdeckte Südvictorialand hat ebensowenig als etwa Grönland 
Anspruch auf den Rang eines Kontinents. — 

Jahrhunderte lang hatte das unbekannte Südland die Geister 
erregt, die Phantasie entflammt und manche kühne nautische That 
erzeugt, die das Antlitz der Erde weiter gegen Süden entschleiern 
half. Heutzutage fordert man nur wissenschaftliche Erforschung, 
und der menschliche Geist wird nicht eher ruhen, als bis er die 
grofsen Züge seiner Mutter Erde auch bis zu den beiden Polen klar 
vor sich sieht. Wir stehen wieder im Beginn einer solchen Bewegung, 
die unablässig vorwärts treibt. Möge sie mächtige Gönner und 
Förderer in den einflufsreichsten Kreisen finden, dafs die Wünsche 



— 350 — 

zu Thaten werden, die aus den letzten Jahren unsres Jahrhunderts 
noch in die folgenden hineinstrahlen werden. Denn solche Thaten, 
denen eine weitere Entschleierung des Erdantlitzes gelingt, werden 
unsterblich sein. 



Die oldenbnrgische Eartographie bis zum Ende des 

18. Jahrliimderts. 

Von Archivat Dr. O. Sello (Oldenburg). 

Inhalt. 

A. Grafschaft OldeBburgr* 

I. Laurentius Michaelis, Biographisches. Historische Arbeiten. 

Karten : 1) Pars Frisiae orientalis s. minorum Canchorum. 2) Frisiae 
Orientalis nova et exacta descriptio. 3 a. b.) Oldenburg comitatns. 
n. Gerhard Mercator. Emden et Oldenborch comitatns. 
in. David Fabricius. 1) Particular-Landtafel der Grafschaft Oldenbttrg- 
Delmenhorst, samt Jever- und Butjadingerland. 2) Orientalis Frisiae 
exacta descriptio. 
IV. Joh, Conr. Musculus. 
V. Jodocus Hondius und seine Nachfolger. 

1) Jod. Hondius. 2) Guilielm. Blaeuw. 3) Joh. Jansson. 4) Joh. 
van Avele. 5) Joh. van Avele, Peter Schenck, Gerhard Valk. 
VI. Johann van Loon, 
Vn. Nicolaus Vischer. 
Vm. Gerhard Muntinck. 
IX. Homannsche Karte der Weihnachtsftut 1717. 
X. J. A. Biezi Zannoni. 
XI. Joh. WiXh. Anton Hunrichs, 

B. Grafschaft Delmenhorst. 

I. Feier Becker. Ende 17. Jahrh. 
n. Anonyme Karte, 2. Hälfte 18. Jahrh. 

C. Baljadingen und Stadiand. 

I. Karte nach 1625. 
n. Karte von 1642. 
m. Karte von 1721/25. 
IV. Karte nach 1725. 

D. Land Wftrden. 

Karte von 1729. 
£• Herrlichkeit Varel. 

Karte von D. OÜTnanns, 1737. 
F. Herrschaft Jever 

s. oben A. I. bei Laurentius Michaelis No. 1. 
I. J. Chr. Siebeck. Karte des Jeverlands. 1777. 
n. J. D. Tannen. Insel Wangeroge. 1754. 
m. J. E. Vieth. Insel Wangeroge. 1788. 
IV. E. ö. Duncker jwn, Insel Wangeroge. 1799. 



j 



— 351 — 

G« Oldenbnrgisches Mftnsterland. 

I. Karte des Saterlandes. 1588, 

n. Ka^e der Ämter Kloppenburg und Vechta. Ende 18. Jahrh. 
in. C, Wilckens. Karte des Niederstifts Münster. 1796. 
H. Amt Wildeshausen. 

Karte von 1765. 
I. Ältere oldenburglsche Karten^ammlnngen. 

I. Älarich von Witken. Theatrum geographicum Oldenburgicum. 
II. Christian Friedr. v, Asseln. Geograph. Delineation der Grafschaften 
Oldenburg und Delmenhorst. 

Einleitang. 

Bei Übernahme des Grofsh. Haus- und Centralarchivs in Olden- 
burg lag für mich selbstverständlich die Notwendigkeit vor, wie die 
Quellen zur Geschichte des Landes überhaupt, so auch die karto- 
graphische Darstellung desselben, besonders in ihrer ältesten Gestalt, 
kennen zu lernen. Das im Winter 1874, also 15 Jahre vor meiner 
Berufung nach Oldenburg, von einem Unterbeamten gefertigte 
Repertorium über die an Umfang und Inhalt nicht unbedeutende 
Kartensammlung des Archivs ^) gewährte dazu eben so unzulängliche 
Anleitung, wie der noch weniger systematisch bearbeitete Karten- 
vorrat der Landesbibliothek ; und die in längst vergessenen Wochen- 
und Tageblättern verzettelte Lokallitteratur, deren Durcharbeitung 
auf ihren historischen Inhalt hin ich lange Wochen geopfert, bot 
so gut wie gar nichts. Die Arbeit mufste daher von Grund aus 
neu gemacht werden. Mit dem Anfange des 19. Jahrhunderts be- 
ginnt die auf exakten trigonometrischen Messungen beruhende moderne 
Kartographie des Herzogtums Oldenburg. Für die ältere, mit dem 
Ende des 18. Jahrhunderts schliefsende Periode bemühte ich mich, 
die gestochenen und handschriftlichen Karten, welche die Grafschaft 
Oldenburg allein (ganz oder wenigstens zum gröfsten Teile) dar- 
stellen, oder mit ihren Nachbarländern so zusammenfassen, dafs sie 
ein hinreichend deutliches geographisches Bild unsres Landes bieten, 

*) Ich erwähne hier die Karte der Weser und ihrer Sande nebst den an- 
grenzenden Gebietsteilen, welche aus Anlafs des Prozesses zwischen Oldenburg 
und Bremen über die Weserjurisdiktion am 3. März 1589 in Speyer produziert 
wurde. Von der am 10. September 1599 ebenfalls in Speyer produzierten Karte 
der Jade sind nur Kopien vorhanden. — Die Sammlung umfaCst jetzt etwa 
2000 Nummern, darunter allerdings auch eine Anzahl Homannscher und 
Sansonscher Karten fremder^ auch aulsereuropäischer Länder. Da bei den 
Akten noch vielfach Karten liegen, deren Anissonderung nur allmählich erfolgen 
kann, und da deswegen die Neuordnung der Kartensammlung nur ebenso 
allmählich fortzuschreiten vermag, kann die Zahl der hier eigentlich in Betracht 
kommenden Blätter noch nicht mit Sicherheit angegeben werden. 



^ 352 — 

zusammenzubringen,^) ferner die Karten, welche territorial geschlossene 
Teile der alten Grafschaft behandeln, wie die sogenannte Grafschaft 
Delmenhorst, Butjadinger- und Stadland, Land Würden; sodann die 
Karten derjenigen staatsrechtlich ehemals selbständigen Ländchen, welche 
schon früh mit Oldenburg vereinigt wurden, wie die Herrschaft Jever 
und die Herrlichkeit Kniphausen; schliefslich mufsten auch die der 
älteren Periode angehörigen Karten derjenigen Gebiete, welche erst 
1803 Oldenburg zufielen, des oldenburgischen Münsterlandes und 
des Amtes Wildeshausen, zur Betrachtung gezogen werden. 

Das so gewonnene Material wurde möglichst genau beschrieben, 
auf seine geographische Richtigkeit und auf das gegenseitige Ver- 
hältnis der einzelnen Blätter zu einander geprüft. Über die Personalien 
einiger der interessantesten Kartographen unsers Gebietes, insbesondere 
über Laurentius Michaelis, den Nestor unsrer heimischen Erd- 
beschreibung, und Musculus, dessen Arbeit, trotzdem sie bald durch 
die Muntincks übertroffen wurde, wohl 100 Jahre als Vorbild diente, 
gelang es mir, neue Aufschlüsse zu geben. 

Das bisherige Ergebnis meiner Untersuchungen lege ich auf 
den folgenden Blättern vor, in der Hoffnung und mit dem Wunsche, 
von besseren Kennern der kartographischen Litteratur dasselbe be- 
richtigt und vervollständigt zu sehen, und im Vertrauen, dafs den 
Forschern in den Umlanden eine solche Zusammenstellung ebenso 
erwünscht sei, wie ich sie bisher vermifst habe. 

Bei allen den im folgenden beschriebenen Karten, welche eine 
Gradeinteilung bieten, habe ich für je drei Orte: Wildeshausen im 
Süden, Langwarden im Norden, Bökel im Westen, die Längen- und 
Breitengrade, unter denen sie in die bezüglichen Blätter eingetragen sind, 
angemerkt. Bei der Verschiedenartigkeit der angewandten Grad- 
zählung giebt aber eine Vergleichung dieser Angaben mit den ent- 
sprechenden Längen- und Breitengraden der letzten v. Schrenck'schen 
Aufnahme noch keine Vorstellung von der gröfseren oder geringeren 
Genauigkeit des Kartenbildes. Ich habe defshalb (und dies liefs sich 
auch bei den nur orientierten, nicht graduierten Karten ausführen) 
den Meridian, welcher die alte Grafschaft ungefähr in ihrer gröfsten 
Längsausdehnung durchschneidet (den von Wildeshausen) und den 
Breitengrad, welcher sie in ihrer annähernd gröfsten Breite durchzieht 
(den von Berne) als Vergleichungsobjekte ausgewählt, und bei jedem 
Blatte angezeigt, welche Ortschaften es unter diesen Längen- resp. 
Breitengrad legt. Daraus ergeben sich interessante Resultate. 

') Die insbesondere im 18. Jahrhundert sich zahbeich findenden Qeneral- 
karten bleiben daher aasgeschlossen. 



— 353 — 

Während nach v. Schrenck') der Wildeshausener Meridian durch 
Abbehausen geht, schneidet er auf des Laurentius Michaelis Karte 
von Ostfriesland (unten I, 2) Sandel im Jeverlande, auf Mercators 
Karte (11) überschreitet er schon bei Warfleth die Weser, um auf 
deren rechtem Ufer entlang zu laufen, und noch bei Hunrichs (XI) 
geht er durch Stollhamm. 

Andererseits liegen nach v. Schrenck Berne und Ubbehausen 
auf demselben Breitengrad; auf der zweiten, oben genannten Karte 
des L. Michaelis geht aber der Parallelkreis von Berne nördlich an 
Alten-Oythe vorbei, während er auf dessen dritter Karte Burgforde 
schneidet, auf der von Mercator durch Westerstede, bei Hunrichs aber 
durch Lohe, südöstlich von Barssel, geht. 

Nicht minder überraschend sind die Ergebnisse, wenn man die 
Abstände der durch bestimmte Orte gezogenen Längen- und Breiten- 
grade von einander mifst. 

So beträgt der Abstand zwischen den Meridianen von Bökel 
und Wildeshausen: 

nach Michaelis (1,2) 49 ' 

» Mercator (II) 56 ' 

n Hondius (V,i) 38 ' 

» Zannoni (X) 43 - 

» Hunrichs (XI) 41 ' 

nach V. Schrenck 42' 

andererseits der Abstand zwischen den Parallelkreisen von Langwarden 
und Wildeshausen: 

nach Michaelis (1,2) 38 ' 

n Mercator (II) 54 ' 

» Hondius (V,i) 39 ' 

^ Zannoni (X) 44' 

» Hunrichs (XI) 42' 

nach V. Schrenck 42' 

Um eine eventuelle Benutzung der im folgenden beschriebenen 
Karten zu erleichtern, ist ihr Aufbewahrungsort durch ein beigesetztes 
A (Archiv — erforderlichen Falls unter Beifügung der jetzt noch 
gültigen Repertoriumsnummer oder B (Landesbibliothek) nachge- 
wiesen. 



') Ich habe überall die tou ihm bearbeitete, handliche »Karte von dem 
Herzogtume Oldenburg« im Mafsstabe 1 : 200000 zu Grande gelegt. 



— 354 — 
A. Die Grafschaft Oldenburg, 

I. 

Laurentius Michaelis. 

Den oldenbargischen Schriftstellern ist Laurentius Michaelis 
aus Hohenkirchen nur in seiner etwas rätselhaften und fragwürdigen 
Thätigkeit als Historiker bekannt geworden, von seinen karto- 
graphischen Arbeiten erwähnen sie nichts, obwohl unter diesen die 
ersten Karten von Oldenburg und Jeverland sich befinden, und die 
Geographen längst davon Kenntnis hatten. Im X. Bande der 
„Deutschen geographischen Blätter" Bremen 1887^), hat General- 
superintendent Bartels zu Aurich die lange vermifste, von Michaelis 
entworfene, 1579 veröfientlichte Karte von Ostfriesland beschrieben 
und im Faksimile mitgeteilt. Über die Persönlichkeit ihres Yerfertigers 
hat er so gut wie nichts zu ermitteln vermocht; die wenigen aber 
zuverlässigen Nachrichten, welche ich über ihn im Haus- und Central- 
archiv aufgefunden habe, werden daher nicht unwillkommen sein. 

Des Laurentius Vater, Magister und Licentiatus iuris Martin 
Michaelis war anscheinend aus Bremen gebürtig. Wenigstens nennen 
er und sein Sohn Laurentius sich gelegentlich „von Bremen^ und 
thatsächlich war er 1536 und später Bremer Stadtsekretär^). Als 
solcher wurde er zu diplomatischen Sendungen nach Jever verwendet 
und das wird die Veranlassung zu seinem Übertritt in den Dienst 
Fräulein Marias gewesen sein; am 17. Oktober 1547 erscheint er, 
soweit bis jetzt ersichtlich, zum ersten Mal als ihr Rat, nachdem 
er in das Jeverland übergesiedelt. Sein neues Amt hinderte ihn 
nicht, zugleich als Rat in den Sold Graf Antons L von Oldenburg 
zu treten ; in dieser Eigenschaft befand er sich 1548 auf dem Reichs- 
tage zu Augsburg. Maria von Jever belehnte ihn anscheinend 1548 
mit der Kirche zu Hohenkirchen. Diese eigentümliche Verwendung 
des Kirchengutes war etwas ganz gewöhnliches in Oldenburg und 
Jeverland während der ersten Jahrzehnte der Reformation, bis unter 
Graf Johann durch Hamelmanns Kirchenordnung dem ein Ende 
gemacht wurde. So besafs z. B. Marias berühmter Rentmeister 
Remmer Dietrichs aus Seediek die Pfarre zu Insmershave, Graf 
Antons ELanzler Nicolaus Vogt die Kirche zu Blexen in partem 

*) Herr Dr. M. Lindeman hat die grofse Freundlichkeit gehabt, mich auf 
diese Abhandlung aufmerksam zu machen, und mir das betr. Heft zur Verfügung 
zu stellen. Auf der oldenburger Landesbibliothek findet sich die gedachte Zeit- 
schrift nicht. 

'») Brem. Jahrb. XV. 36. 48. 51. 55. 64. 85. 



— 355 — 

salarii. Die Wahrnehmung des geistlichen Amtes wurde in solchen 
Fällen einem Vikar übertragen, in Hohenkirchen seit 1548®) dem in 
der Jeverschen Reformationsgeschichte rühmlich genannten Hermann 
Heronis aus Accum, einem Schüler Luthers. 

Wie schon aus seiner Entsendung nach Augsburg gefolgert 
werden mufs, nahm Martin Laurentius thätigen Anteil an den 
kirchlichen Reformen des Jeverlandes, ja, er wurde schliefslich zum 
„Präsidenten des Konsistoriums" ') ernannt. Etwa 1557 starb er.®) 

Von mehreren Kindern, die er hatte, Söhnen und Töchtern, 
wird uns nur Laurentius genannt. Da er sich, wie sein Vater, 
gelegentlich „von Bremen'' nannte, ist anzunehmen, dafs er dort 
geboren, doch steht bis jetzt das Jahr nicht fest. Er widmete sich 
der Jurisprudenz, und fand eine Anstellung in der kaiserlichen 
Kauzlei; von dort wurde er seiner eigenen Angabe nach 1549 „ab- 
gefordert'', um in den Dienst der Maria von Jever zu treten; am 
12. Juli d. J. ist er mir zum ersten Male als Notar in ihren An- 
gelegenheiten thätig begegnet. Am 10. September 1552 erhielt er 
seine Bestallung als „Schreiber" (Sekretär) mit einem Jahresgehalt 
yon 20 Elmder Gulden nebst Kleidung, und nach seines Vaters Tode 
empfing er das von diesem innegehabte Kirchenlehn zu Hohenkirchen, 
wonach er sich seitdem zu nennen pflegte, latinisiert Altedianus 
(altae aedes: Hohenkirchen).®) Der Jeversche Protonotar Conrad 
Ellebracht berichtete nachmals, die Eingesessenen des Kirchspiels 
Hohenkirchen hätten sich vielfach über die Vernachlässigung des 
geistlichen Amtes durch Michaelis beklagt, Graf Johann von Olden- 
burg habe daher, nachdem er 1575 die Regierung Jeverlands an- 
getreten, denselben angehalten, selber „den Kirchenstuhl zu bedienen, 
oder der Absetzung zu gewärtigen. << Michaelis sei dann auch „selbst 
zur Bedienung nicht qualifiziert befunden <<, Magister Jodocus Glanaeus 
sei zum Superintendenten Jeverlands und Prediger in Hohenkirchen 
ernannt, Michaelis aber mit einer Herdstätte nebst 60 Gras Groden- 
landes zu Horum im Kirchspiel Minsen, und freier Wohnung in der 
Münze zu Jeverland abgefunden worden. Hinsichtlich der Datierung 



•) Hamelmann, Opera geneal.-histor. S. 810. 

^) Schauenburg, Beiträge z. Kunde d. Reform.-Gesch. in Oldenburg und 
Jever, S. 22; ders., Die Täuferbewegung, S. 32, Anm. 56. 

®) Am 12. Januar 1556 war er noch am Leben, am 7. November 1558 
dagegen tot. 

®) Hauber, Versuch einer umständlichen Historie der Land-Charten, 1724, 
(im Register), hielt die Benennung „von Hohenkirchen'' für adelichen Familien- 
namen. 

Geogr. Blätter. Bremen, 1895) 23 



— 356 — 

dieser Vorgänge ist der Bericht ofFenbar ungenau. Bis 1Ö80 war 
Hermann von Accum Vikar in Hohenkirchen, am 17. April 1582 
wurde Glanaeus zum Pfarrer daselbst ernannt, und in die Zwischen- 
zeit werden die Klagen der Pfarrkinder fallen, welche die Abfindung 
des Michaelis herbeiführten. Infolge derselben liefs er sich nun in 
der Stadt Jever häuslich nieder, starb aber daselbst schon am 
30. Mai 1584 an der Pest. Seine Ehefrau und drei Kinder über- 
lebten ihn, zwei Söhne, Peter und Ludwig, deren ersterer im Anfang 
des 17. Jahrhunderts in Jever ein Haus besafs, später aber Kriegs- 
dienste nahm, und eine, mit dem Licent. iur. Ludolph Rover zu 
Aurich verheiratete Tochter Maria. 

Mit den angesehensten Familien Jeverlands war Michaelis ver- 
schwägert. Der Landrichter Statins Reinekink war sein Schwager ; 
seine Frau dürfte eine Blutsverwandte des Bürgermeisters Dudde Klemm 
gewesen sein, denn dessen Güter vererbten nachmals auf ihre und 
des Laurentius Kinder. 

Zahlreiche, von Laurentius Michaelis aufgenommene Notariats- 
akte sind erhalten, darunter solche von hoher staatsrechtlicher 
Bedeutung, wie die solenne Ausfertigung des von Maria verliehenen^ 
Stadtrechtsprivilegiums für Jever vom 22. März 1572, das Testament 
Marias vom 22. März 1573 und die Verhandlung über dessen Publikation 
am 22. April 1575. Seine amtliche Thätigkeit liefs ihm aber noch 
Mufse zu vielseitiger wissenschaftlicher Beschäftigung, zu welcher 
ihn eigene Neigung und der Verkehr mit den geistig bedeutenden 
Männern führte, die Maria um sich zu versammeln gewufst hatte. 
Sein Nachbar war der von den Zeitgenossen als Historiker geschätzte 
Anton Blome, päpstlicher Notar und Pastor zu Wiarden ^^) ; an der 
Stadtschule zu Jever lehrte sein Landsmann, Johannes Winkel aus 
Bremen, der aufser lateinischen Gedichten, in welchen er das Lob 
Marias und seiner gelehrten Freunde sang, interessante historische 
KoUektaneen hinterlassen hat, vor allem aber ist der bedeutendste 
dieser Männer zu nennen, der Rentmeister Remmer Dietrichs von 
Seediek, ^^) dessen wichtige Arbeiten zur Geschichte Jeverlands leider 
noch immer ungedruckt sind. 

So konnte es nicht fehlen, dafs auch Michaelis sich historischen 
Studien zuwandte, und er betrieb sie mit solchem Eifer, dafs 



") Vergl. Sello in Jahrb. f. d. Gesch. d. Herzogt. Oldenburg, II. S. 124 
Anm. 1. Es ist dort nicht bemerkt, dafs Anton Blome Sohn des Pastors Hermann 
Blome an der St. Lamberti-Kirche zu Oldenburg war, vergl. (Oldenburger) Kirchl. 
Anzeiger 1858 S. 203. 

'^) Vergl. Sello in Jahrb. f. d. Gesch. d. Herzogt. Oldenb. 1. c. S. 125 Anm. 1. 



_ 357 -r 

Hamelmann ihn wiederholt mit Emphase den historicus Jeverenaiä 
xax' ^S^X^v nennt. 

Erhalten ist von seinen historischen Arbeiten nur die 
Jeversche Beimchronik, deren Originalhandschrift sich jetzt^^) auf 
der Oldenburger Landesbibliothek befindet, ein Heft in klein Quart 
von 28 Blättern Papier. 

Blatt 1 enthält die noch zu beschreibende Karte. 

Blatt 2 bringt den vollständigen Titel: Ein Gedicht von Ost- 
friesland, wie es seine Freigheit von Karolo dem Grofsen und seinem 
Sohne Ludovico erlangt und bekommen, und sonderlich vom Lande 
Rustringia, darein ein edler Stamb Papinga genennet, darvon die 
wolgeporne und edle Froilin Maria, geporne Tochter und Froilin zu 
Jever, Rustringen, Ostringen und Wangerlant etc., mein gnedigs 
Froilin, ersprossen und hergekommen, zu derselben Lobe und Ehren 
geschrieben und samengedichtet. — Obsequium amicos, veritas 
odium parit.*') 

Blatt 2^ folgt „Prologus ader Anfang, darein vermeldet, was 

diss Büchlein innen hat'', dessen sehr charakteristische Schlufs- 

verse lauten: 

Und nim nit mein Gedicht allein 
Nach historischer Art ins gemein, 
Sondern etzlichermafsen darein gemengt 
Fabolen, dardurch nit werde vorlengt 
Knrtzweü zu lesen, wie oft geschieht, 
Darvon ein Anfang hat mein Gedicht. 

Blatt 3 beginnt der Text der Chronik mit der Vertreibung der 
Sachsen an die Meeresküste durch Kaiser Yalerian, ist auf Blatt 10^ 
bis zu Edo Wiemken d. Ä. gediehen und endet Blatt 26 mit dem 
Tode Junker Balthasars von Esens am 17. Oktober 1540. Blatt 27 



^^) Um die Mitte des Torigen Jahrhunderts scheint sie im Besitz des 
Assessors Schnedermann in Anrieh gewesen zu sein; von diesem entlehnte 
wenigstens Siebrand Meyer das Werk, nach welchem er die Abschrift in Collect, 
histor.-antiqu. VI. No. 9 (Landesbibliothek zu Oldenburg) fertigen liefs. 1804 
gehörte sie dem Magister Gottl. Siegm. Braunsdorff (gebürtig aus Zerbst, seit 
1785 Prediger in Waddewarden im Jeverland, f 1825 im Herbst ; vgl. Beiträge 
zur Spezialgeschichte Jeverlands, Jever 1853, S. XXII. — H. F. HoUmaml, Noch 
etwas über Jeverische Chroniken, Progr. d. Jever. Provinzialschule, 1804 S. 6 — 8.) 
Aus dessen Auktion kaufte sie der Oberamtmann C. F. Strackerjan in Jever, 
der sie noch 1838 besafs ; vgl. Strackerjan, Laurentius Michaelis Karte. Oldenb. 
Blatt. XXII. (1838) No. 46. — Sello in Jahrb. f. d. Gesch. d. Herzogt. Olden- 
burg IL S. 121. 

^^) Dieser für einen Historiker recht bedenkliche Wahlspruch findet sich 
auch in dem Notariatszeichen des Laurentius. 

23* 



— 358 — 

antliält die Tom Ter&sser eig^ihandig iinterBeichiieie lateinische 

Widmimg an Fräolein Maria: 

Haec tibi princeps graciK modnlamine scripsit 

Mancipinm semper, domna Maria, tanm: 

Aecipias placido, semper dignissima virgo, 

Qoae tibi conscripsi carmina nostra. Yaie! 

Yestrae gratiae paratissimos sabditas 

Lanrentiiis Michaelis. 

Blatt 27^ — 28^ schlielst sich dann noch an ,Ein korzer 

Berieht, darein klerHch angezeigt die Jarzeiten von dem alten Wimken 

bis nf itzige die wolgepome mid eddele Froilin Maria, gepome 

Tochter nnd Froilin zu Jever, meiner gnedigen Froilin, Zeiten.'' 

Die Beimchronik wie der ihr angehängte nKorze Bericht'' sind 

eine ganz wertlose Kompilation, in welcher nur die vielfach zur 

Schaa getragene partikcüaristisch-friesische, oldenbarg-feindliche Ge- 

sinnnng des Yerfassers bemerkenswert ist. 

Da sie bis Ende 1540 reicht, wurde man ihre Abfassung bald 

danach ansetzen können; diese Annahme wird aber einigermaüsen 

wankend gemacht durch folgende Stelle. Bl. 3^ am Ende, wo die 

Urgeschichte der Friesen abgebrochen wird: 

Es bleibt hiebei diÜBmal nun, 

Wan darvon nit weiter Meldung wol ton, 

Dan es in kurzen Tagen 

Ein warhaftich Cronick ans wirt gehn 

Darein genuchsam Meldung wirt geschehn, 

Wie dieselben haben getrag^i 

Die Krön und Würdigkeit der Ehren Zir 

über andere Nation nach ihrem Begir etc. 

Ganz ofienbar verweist Michaelis hier auf das »Oldenburgisch 
und Jeverisch Chronicon«, welches das Autorenverzeichnis vor der 
unter Hamelmanns Namen gedruckten oldenburgischen Chronik (1599) 
nennt. Zu einer solchen Chronik hat Laurentius Michaelis viel ge- 
sammelt, mit der Bearbeitung war er aber bei seinem Tode erst 
bis in das 11. Jahrhundert gelangt. Wir werden darüber ausführlich 
und glaubwürdig durch Hamelmann in der Vorrede zu seiner eigenen 
oldenburgischen Chronik berichtet, welche von ihm kurz vor seinem 
Tode 1695 abgeschlossen wurde, aber in dieser Form ungedruckt 
blieb. 1*) 

Hamelmann erzählt dort: 



>*) Vergl. Sello in Jahrbuch für die Geschichte des Herzogtums Oldenburg U, 
S. 116, Anm. 1; ausführlicher ders. »Hamelmanns Wohn- und Sterbehaus in 
Oldenburg <<, (Oldenburger) Nachrichten für Stadt und Land, 1895, No. 84. 86. 



— 359 — 

Vor mehr als 18 Jahren habe Graf Johann ihm befohlen, ein 

richtiges Chronicon der Grafen von Oldenburg zu bearbeiten ; 

er habe »sich wol darauf befleifsiget, jedoch eine Zeit lang damit still- 
gehalten, der Hoffnung, dafs der erfahrene, achtbar und jgelahrter 
E. Gn. auch Untertan und Diener Laurentius Michael Altedianus, 
Notarius und Historicus Jeverensis, wie er sich für etlichen Jahren 
vernehmen lassen, dafs er würde ein stattlich Chronicon von E. Gn. 

rühmlichen alten Stamm herfurbringen, gleich er denn 

nach seiner Gelegenheit und Kunst wol etwas fleifsig gewesen, auch 
domals viel Dinges gelesen, gesehen und erfahren, doch nicht alles 
gesehen oder gewufst, aber gleichwol etliche notabilia coUigeret zu 
Behuf der Oldenburgischen Chroniken. Aber es ist unterdefs der 
gute Laurentius mit Tode abgegangen, und sein Chronicon nicht 
zum halben Ende gebracht. Was aber die CoUectanea gedachten 
Laurentius Michaelis belangen tut, so hat er den mehren Teil aus 
der würdigen erbaren gelahrten und vielerfahren Männer Romeri 
Sedichii^ etwan Jeverschen Rentmeisters und Rat bei Zeiten der wol- 
gebornen Prewelin, Frewelin Marien, E. Gn. geliebten Muhmen und 
Modderen, und aus Herrn Äntonn Blohmen, im Jeverschen Lande 
etwan gewesen Pfarrherrn, coUectaneis, so sie sollen haben : Ronierus 
aus dem Missal des Klosters und Stiftes S. Viti bei der Burg Jade- 
lehe, die durch des Wassers Kraft volgens untergangen, und anders 
woher zusammengetragen, und auch : Antonius Blohme aus den actis, 
Briefen, Registeren, gestis und Handelung der Klöster Hude, Rastede, 
Lockum und Bücken bei eingebracht, wiewol etzliche meinen, dafs 
sie etzliche dieser Dinge sollen haben aus des D, Johannis Saxonis, 
anders Holstenei, Dechant zu Hamburg, coUectaneis genommen. Als 
aber derselbige Laurentius damit verweilet, hat E. Gn. sich endlich 
gnediglichen gefallen lassen, dafs ich mich gen Jever begeben sollte 
und desselbigen ermelten Lauren tii Michaelis Altediani coUectaneen be- 
sehen ; so hab ich gehorsamlich darin mich erzeiget und mit ge-^ 
nanntem Laurentio, da er noch im Lebende war, conferirt, auch 
sonst befunden, dafs er nur mit seinem Arbeide, das weitläufig 
gewesen, allein bis auf oder zu Graf Hünen Zeit erst er schritten, 
und dafs also lange währen mochte, wenn er bereit gelebet hätte, 
ehe solch Werk gänzlich von ihm verfertigt werde geworden, und 
denn er, wie furmeldet, darüber gestorben, so habe ich dennoch 
gleichwol von ihm, was er aus den ehergedachten seligen erfahren 
Männern Romeri und des Blohmen observationibus coUigert, mir mit- 
zuteilen aus E. Gn. gnädigem Befehl von ihm, do er noch im Lebende 
yrar, begehrt. Das er dann gerne E. Gn. zu Ehren und unterthänigen 



— 360 — 

Gefallen getan, dazu ihn auch der ehrbar and viel erfahrener sein 
lieber Schwager Statins Benekinky allda Landrichter auch seliger, 
farmahnete. Daraus ich auch meine Notturft verzeichnet und alles 
angemerket und also darnach seine Arbeit an ihn wiederum ab- 
gefertigt kurz für seinem Tode". 

War nun Laurentius 1584 mit seiner grofsen Chronik noch so 
weit im Rückstand, so mufs es verwunderlich erscheinen, dafs er 
schon vierzig Jahre früher deren baldige Veröffentlichung in Aussicht 
gestellt haben soll. Denkbar wäre es freilich auch, dafs er damals 
bereits eine Prosa-Chronik zusammengetragen gehabt, an ihrer 
Schlufsredaktion aber durch seine Abwesenheit von der Heimat ge- 
hindert worden, und nach seiner Rückkehr die Arbeit in erweitertem 
umfange wieder aufgenommen habe. 

Bedauerlich ist der Verlust, nicht der eignen Arbeit des 
Laurentius, über deren Charakter uns die Citate Hamelmanns ge- 
nügend orientieren, wohl aber seiner Sammlungen, insbesondere so- 
weit sie auf den Studien Renmiers von Seediek beruhen, den wir 
von andrer Seite als einen gewissenhaften Gewährsmann kennen. 

Wenden wir uns nun zu den kartographischen Arbeiten von 
Michaelis. 

1. (B.) Die früheste derselben scheint das leicht getuschte 
Blatt zu sein, welches, wie bemerkt, seiner Jeverschen Reimchronik 
beigegeben ist. Es reicht westlich bis Fulkum im Harlinger- 
land, östlich bis Uthlede, südlich bis zur Stadt Oldenburg, und 
schneidet nördlich mit Wangeroge ab. Das Blatt ist in Quadrate 
geteilt, deren Seiten, doch nicht mit mathematischer Genauigkeit, 
dem unten links angegebenen Mafsstabe von je 4 parva milliaria 
entsprechen, und von unten nach oben, resp. von rechts nach links 
mit den Zahlen 1 — 8 bezeichnet sind, das 8. Quadrat in der Höhe 
ist jedoch nicht vollständig, und dem entsprechenden in der Breite 
schliefst sich noch der Anfang des 9. an, so dafs die Mafse 
20 : 22,3 cm betragen. Auf einem Täfelchen mit Barockumrahmung 
steht oben in der Mitte der Titel: PARS FRISIE ORIE t NT ALIS 
SIVE MIN I ORÜM CAÜCHO | RVM; daneben die Legende : 
Lectori pio S. D. | Videri potest hac tabella, quam ampla olim regio 
domicellorum | et capitaneorum in Jever fuit. Nunc vero et ante 
temporibus nostris ubi | cunque dilacerata et detracta. Ac ubi 
ponitur „Dat brack" abrupte | sunt a mari septem ecclesie et duo 
cenobia, per quam terram olim inter { fluebat Jada fluvius torrentis 
vi, et inferiorem et superiorem { Rustringiam discemebat, que generöse 
ac nobilis domine Ma | rie nate filie et domine in Jever, Rustringie, 



— 361 — 

Ostringie et [ Wangrie, domine mee clementissime, proavis iure suc- 
cessionis semper parait ante et post abruptionem. Sed { alii 
comites saos (sie!) adiacentes regiones damno predictorum | domi 
cellorom ampliaverunt, dilataverunt ac arma { ta manu vi 
attraxerunt. His brevibus vive et vale. Laurentius Michaelis. 

Das Oldenburger Archiv besitzt eine schlechte, stark ver- 
gröfserte Kopie ^*) dieser Karte, wfelche F. B. Duncker im Oktober 1826 
gezeichnet hat; Mafsstab und Legende fehlen darauf, der Titel, mit 
dem Lesefehler Gaachorum statt Gauchorum steht links unten. 

1838 veranlafste der Oberamtmann C. P. Strackerjan ^®) den 
Holzschneider C. Eisner, die Karte in stark vergröfsertem Malsstabe 
in Holz zu schneiden. Das Blatt hat ungefähr dieselbe Gröfse wie 
die Dunckersche Kopie, ist aber von ihr unabhängig. Es hat oben 
die Legende mit veränderter Zeilenabteilung und verschiedenen Lese- 
fehlern; in dem sie umziehenden Rahmen steht unten: Jever — 
Holzschnitt von C. Eisner. — 1838. Der Titel, wiederum mit dem 
Lesefehler Gatichorum, steht links unten; der Mafsstab fehlt. Die 
Namen auf der Karte sind vielfach verlesen, auch die Terrain- 
darstellung und die Darstellung der Ortschaften ist abweic